SIEBENTES KAPITEL
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PROVINZ LAGUNA. — BANCAFAHRT. — BARREN DES PASIG. — SEE VON BAY. — MAARE BEI CALAUAN. — PALMENWEIN. — REISEN OHNE DIENER. — VULKAN MAJAIJAI. — BÜFFELFAHRT.
Jalajala, eine Hacienda, deren Gebiet die östliche der beiden von N. nach S. in den See ragenden Halbinseln einnimmt, pflegt eines der ersten Reiseziele des Fremden zu sein. Es verdankt diesen Vorzug seiner hübschen Lage in der Nähe Manila’s und den phantasiereichen Schilderungen des früheren Besitzers de la Gironnière. Die Halbinsel ist vulkanisch, das Gebirge sehr zersetzt, alljährlich führen die Wasserfluthen (Avenidas) viel Erde von den Bergen herab, und vergrössern die Anschwemmungen am Fuss derselben. Der mit Gras und stachligen bis 8′ hohen Sinnpflanzen (Mimosa pudica) bewachsene Strand dient als Büffelweide, dahinter breiten sich Reis- und Zuckerfelder bis an den Fuss des Berges aus. Im Norden wird die Besitzung durch den dicht bewaldeten Sembrano, den höchsten Berg der Halbinsel begrenzt, auf den übrigen Seiten ist sie von Wasser umgeben. Den flachen Seerand ausgenommen ist das ganze Gebiet hügelig mit Gras und Baumgruppen bewachsen, ein trefflicher Weideplatz für die ansehnlichen Heerden (1000 Büffel, 1500 bis 2000 Rinder, 600 bis 700 Pferde fast im Zustande der Wildheit). Beim Herabsteigen von einem Berge umzingelten uns sechs Bewaffnete, die uns für Viehdiebe gehalten und zu ihrem Verdruss auf die gehoffte Prämie verzichten mussten.

Vulkan Maquiling von ONO.
NW. von Los Baños liegt ein kleiner dicht bewaldeter Kratersee, Dagátan genannt (laguna encantada der Turisten), zum Unterschied von Dagát (Meer) wie die Tagalen den grossen See von Bay nennen. Von den Krokodilen, die in jenem hausen sollen, zeigte sich keines, aber Schaaren von Wasservögeln flogen auf, als ihre Einsamkeit gestört wurde.
Auf der Rückfahrt wurde die Insel Talim besucht, die, eine Lichtung mit wenigen ärmlichen Hütten ausgenommen, unbewohnt und dicht mit Wald und Gestrüpp bewachsen ist. In der Mitte erhebt sich der Soson dalaga (Mädchenbusen), ein Doleritberg mit schön geformter Kuppe. Am Strande fand ich auf dem nackten Felsen vier Eier mit völlig ausgebildeten Krokodilen, die bei dem Oeffnen der Schalen ausschlüpften.
Obwohl der SW. Monsun in Jalajala gewöhnlich später zur Geltung kommt als in Manila, so regnete es schon so sehr, dass ich mich entschloss nach dem südlich vom See gelegenen Orte Caláuan zu gehn, der durch den queer davor liegenden Maquiling geschützt den Einfluss des Regenmonsuns erst später empfindet. In Caláuan traf ich Herrn v. la Gironnière, den durch seine haarsträubend erzählten Abenteuer wohlbekannten »Gentilhomme breton«, seit kurzem aus Europa zurückgekehrt um eine grosse Zuckerfabrik zu gründen; sein Unternehmen misslang indessen. Das Haus des seitdem verstorbenen rüstigen alten Herrn, der aus Liebhaberei Tracht und Bedürfnisslosigkeit der Indier angenommen, liess sowohl Reinlichkeit als Ordnung vermissen, obgleich es ausser ihm zwei an dem Geschäft betheiligte Freunde, einen Schotten und einen jungen Franzosen beherbergte, die in der verfeinerten Pariser Gesellschaft gelebt hatten.
Auf der Besitzung liegen mehrere Maare und einige Kratere ohne Wasseransammlungen. SW., nicht fern vom Wohnhause, links von der Strasse die nach S. Pablo führt, befindet sich die Llanura de Imúc, ein von mehrere hundert Fuss hohen Wällen doleritischer Rapilli gebildetes Kesselthal. Auf grossen Basaltblöcken kann man den Rand erklimmen, alles übrige ist dicht bewachsen. Den Boden des Kessels nimmt eine verwilderte, vom früheren Besitzer angelegte Kaffeepflanzung ein. Eine genauere Uebersicht war wegen des Dickichts nicht zu gewinnen.
Nördlich davon liegt ein andrer Krater mit niedrigen Wänden. Der Boden ist versumpft mit Rohr und grobem Gras bewachsen, aber selbst in der Regenzeit sammelt sich nicht hinreichend Wasser an, um einen See zu bilden. Er dürfte daher leicht zu entwässern und urbar zu machen sein.
Südwestlich von diesem Krater, rechts der Strasse von S. Pablo liegt der Tigui-See: Aus einer Ebene von weisslich grauem Tuff, worin viele konzentrisch schalige Kugeln von Nussgrösse, erhebt sich ein kreisrunder Wall mit sanftgeneigtem Abhang nur durch eine schmale Kluft (in N. b. W.) unterbrochen, die als Zugang dient und an Einstürzen die losen Rapilli zeigt, aus denen das Ringgebirge besteht. Die Wände ragen hundert Fuss über den ganz flachen Boden. Queer durch die Mitte läuft ein Weg OW. und theilt ihn in zwei Hälften, die nördliche ist mit Kokospalmen und Kulturpflanzen bewachsen, die südliche nimmt ein See ein, dessen Spiegel zum grössten Theil von Pistien bedeckt ist. Der Boden besteht aus schwarzen Rapilli.
SO. davon etwa ½ Legua entfernt liegen zwei kleine Maare; der Weg führt durch vulkanischen Schutt, der auf Tuff lagert; in dem Flussbett grosse vulkanische Blöcke.
Der erste See Maycap, völlig umwallt, hat nur an seiner NW. Seite eine künstliche Kluft mit Schleuse zur Speisung eines Kanals; vom Nordrand, der allein eine freie Aussicht gestattet, liegt die Südspitze des S. Cristoval N. 73° O. Die gegen 80′ hohen Wände erheben sich gen W. zu dem Hügel Maiba von etwa 500 Fuss. Sie sind, wie bei den andern Maaren aus Rapilli und Tuff gebildet, und dicht bewachsen.
Daneben liegt ein andres Maar: Palákpakan, von ziemlich gleichem Umfang und gleicher Struktur (schwarzer Sand und Rapilli), die Wände, 30 bis 100 Fuss hoch. Vom NW-Rand erscheint der S. Cristoval N. 70° O. Der Wasserspiegel ist leicht zu erreichen, eine grosse Anzahl Fischapparate ragen daraus hervor.
Der Verkauf des Palmenbranntweins war damals noch Monopol der Regierung, die ihn im Estanco zusammen mit Zigarren, Stempelpapier und Ablassscheinen im Einzelnen verkaufte. Die Bereitung geschah durch Privatleute, der Gesammt-Ertrag musste aber an die Hacienda abgeliefert werden, die indessen einen so hohen Preis dafür zahlte, dass den Kontrahenten ansehnlicher Nutzen blieb.
Später traf ich in Camarines einen Spanier, der in Folge eines solchen Lieferungsvertrages, nach seinen Angaben, bequemen und reichen Gewinn machen musste. Er hatte Kokospalmen den Stamm zum Mittelpreis von 5 r. gekauft, (gewöhnlich kosten sie wohl mehr, doch sind sie zuweilen für 2 r. zu haben). 35 Bäume geben im geringsten Falle täglich 36 Quart Tuba (zuckerhaltigen Saft), aus denen durch Gährung und Destillation 6 Quart Branntwein von vorgeschriebener Stärke erzielt werden. Zur Bearbeitung genügt ein Mann, der für seine Leistungen die Hälfte des Ertrages erhält: Die Hacienda bezahlt das Quart Branntwein mit 6 Cuartos. Der Kontrahent erhält also jährlich von 35 Bäumen, die im Ankauf 21⅞ Doll. kosten, 360 × 6⁄2 × 6 cuartos = 40½ Doll., nützt also sein Anlagekapital fast zu 200%.

Kirche und Convento, Majaijai.
In Sa. Cruz, einem lebhaften wohlhabenden Orte [1865: 11,385 E.] durchfurtheten wir den Fluss, der, zumal Sonntag war, von Badenden wimmelte, darunter viele Frauen in breiten Sonnenhüten mit auffallend üppigem Haar. Nach der Furth biegt die Strasse in einem spitzen Winkel um, und zieht erst O. dann SO. über Magdalena, wo die Landschaft bergig wird nach Majaijái, indem sie vor letzterem Ort (über 9000 E.) auf einer Brücke eine tiefe Schlucht überschreitet, in welcher stattliche Baumfarne die grössere Meereshöhe (über 600′) andeuten. Das von den Jesuiten erbaute geräumige Convento Majaijái, ist wegen seiner herrlichen Lage berühmt. Nach NW. dehnt sich der See von Bay aus, in der Ferne von der Halbinsel Jalajala und Insel Talim mit dem Vulcan Soson-dalága begrenzt. Vom Convento bis zum See hinab erstreckt sich nach O. und W. ein unabsehbarer Saum von Kokospalmen. Gen Süden wird der Abhang schnell steiler und hebt sich zu einem mächtigen, gerade abgestutzten, von tiefen Schluchten zerrissenen Kegelberge, dem Vulkan Banajáo oder Majaijái, neben welchem der S. Cristoval mit schöner glockenförmiger Kuppe hervorragt.

Insel Talim mit dem Pik Soson-dalága und Südspitze der Halbinsel Jalajala von Majaijai.
Nach drei Stunden erreicht man Lúcban, einen wohlhabenden Ort von 13,000 E. im NO. des Majaijái (ein Jahr darauf brannte es gänzlich ab). Zwar ist der Ackerbau wegen des bergigen Gebietes, nicht bedeutend, es herrscht aber viel Gewerbfleiss, die Einwohner flechten feine Hüte aus Blattstreifen der Buripalme (Corypha sp.) und Pandanusmatten und treiben über Mauban einträglichen Handel mit den Goldwäschern von Nord-Camarines. Durch die in ihrer ganzen Breite mit Cement belegten Strassen floss ein klarer Bach in offener Rinne.
Drei Leguas von Lucban drängt sich der Fluss an einem grossen, aus prismatischen Säulen bestehenden Felsen vorbei und fliesst dann durch ein Konglomerat von nussgrossen völlig abgerundeten Geröllen aus vulkanischem Gestein und weissem marmorartigen Kalk, in welchem Spuren von Zweischalern und Korallen zu erkennen sind. Weiter flussabwärts tritt das vulkanische Gerölle zurück, das Konglomerat besteht nur noch aus Marmorkugeln durch Kalkspath an einander gekittet, es wechsellagert mit Bänken von Thon und grobkörnigen Tuffen, in denen spärlich schlecht erhaltene Blatt- und Muschelabdrücke vorkommen; doch gelang es eine zwar plattgedrückte aber doch noch erkennbare fossile Melania zu finden. Diese Bänke mögen wohl 500′ über dem Meeresspiegel liegen.
Im Dunkeln setzten wir, eine Legua oberhalb Mauban, über den schon ziemlich breiten Fluss, auf einem elenden durchlöcherten Bambusfloss, das, mit den Pferden belastet, einen halben Fuss tief einsank und jenseits in einer Sumpfpfütze strandete.
Wegen des Kirchweihfestes am folgenden Tage war das Tribunal mit Menschen gefüllt. Die Cabezas trugen, als Zeichen ihrer Würde, ein kurzes Jäckchen über dem Hemd. An den Wänden standen bunt verzierte Tische voll Obst und Gebäck, in der Mitte des Saales eine gedeckte Tafel für 40 Personen.
Ein Europäer, der ohne Bedienten reist, (mein Diener hatte sich mit einigen Vorschüssen geflüchtet) gilt für einen Landstreicher; ich wurde daher mit zudringlichen Fragen belästigt, liess sie aber unbeantwortet, suchte mir, da ich das geforderte Abendbrot nicht erhielt, in der Küche einige gute Bissen aus den Fleischtöpfen, verzehrte sie von vielen Zuschauern umgeben, und streckte mich, da ich keinen bessern Platz fand, auf der Bank an der gedeckten Tafel, die sich zweimal mit Gästen füllte, zum Schlafen aus. Als ich am folgenden Morgen erwachte, waren schon wieder so viele Menschen anwesend, dass es mir nicht möglich war, mich umzukleiden. In schmutzigem Reiseanzuge begab ich mich zu einem in Pueblo ansässigen Spanier, der mich, sobald mein Pass das durch meinen Aufzug erschütterte Vertrauen hergestellt, auf das liebenswürdigste aufnahm. Mein freundlicher Hausherr trieb nicht unbedeutenden Handel; es lagen zwei englische Schiffe im Hafen, die er für China mit Moláve, einer dem Teak verwandten Holzart befrachtete.
Auf der Rückkehr besuchte ich, wenig seitwärts vom Wege, zwischen Mauban und Lucban, einen schönen Wasserfall Butúcan. Auf einer Sohle von vulkanischem, durch Obsidianmasse verkittetem Tuff, ähnlich dem seltenen Piperno der Pianura bei Neapel, strömt zwischen dicht bewachsenen hohen Tuffwänden ein wasserreicher Fluss und stürzt plötzlich in eine angeblich 360′ tiefe Schlucht, in der er weiter fliesst; die Kluft ist aber so enge, die Vegetation so üppig, dass man ihm von oben nicht mit den Augen folgen kann. Dieser Wasserfall hat grosse Aehnlichkeit mit dem am Abhange des Semeru in Java (s. Reiseskizzen.) Hier, wie dort, bildet ein, über gewaltige Tuffmassen geflossener Lavastrom eine horizontale Fläche, die wiederum vom mächtigen Tuffablagerungen bedeckt ist. Der Fluss hat sich durch diese leicht sein Bett bis auf die harte Lavabank gegraben, bis an ihr Ende fliesst er zwischen hohen, engen, dicht bewachsenen Wänden und stürzt dann jäh in die, von ihm selbst ausgewaschene tiefe Schlucht. Strömender Regen verhinderte mich leider den schönen Wasserfall zu zeichnen. Im Regen erreichte ich das Convento von Majaijái und ebenso verliess ich es nach drei Tagen anhaltenden Regens, da auf Monate hinaus besseres Wetter nicht zu hoffen war. »In Majaijái dauert die Regenzeit 8 bis 9 Monat, während welcher kaum ein Tag vergeht, ohne dass es in Strömen giesst« (Estado geogr. S. 150).

Vulkan Majaijai und San Cristobal.
Vom Thurme des Conventos von Majaijai.
Auf ausgehungerten Frohnkleppern, unter anhaltendem Regen, durch tiefaufgeweichten Thonboden watend, wurde Caláuan erreicht; die Weiterreise nach Manila musste, da in Bay kein Boot zu haben, auf den folgenden Tag verschoben werden. Am nächsten Morgen waren keine Pferde zu bekommen, erst Nachmittags erhielt ich einen Karren und zwei Büffel zur Fahrt nach Sa. Cruz, von wo Abends das Marktschiff nach Manila abgehn sollte. Ein Büffel war vorgespannt, der andre zur Ablösung hinten angebunden. Da Büffel No. 1 nicht zieht, No. 2 auf ebener Strasse als Hemmschuh wirkt, so werden sie gewechselt. Kaum spürt No. 2 die Last hinter sich, als er sich niederlegt. Durch Schläge zum Aufstehn bewogen, geht er bedächtig, aber unaufhaltsam in eine nahe Pfütze, und legt sich darin nieder. Nur mit grosser Mühe gelingt es den Karren los zu machen und rückwärts wieder auf die Strasse zu schieben, während die beiden Thiere ein Schlammbad nehmen. Das Gepäck wird von Neuem aufgeladen, die Büffel wieder in die ursprünglichen Stellen eingesetzt, der Treiber legt sich mit dem Gewicht seines Körpers in das Nasenseil des vorgespannten Thieres und zieht. Der Büffel folgt langsam sammt dem Karren und dem Reservisten. In Pila erhielt ich ein besseres Gespann, mit dem ich spät Abends bei strömendem Regen eine Häusergruppe Sa. Cruz gegenüber erreichte. Das Marktschiff war abgegangen, alle Bemühungen ein Boot zur Ueberfahrt nach dem Dorf zu erlangen, führten nur zu unverschämten Prellversuchen; so ging ich denn in das geräumigste der Häuser, das ich von einer Wittwe und ihrer Tochter bewohnt fand. Nach einigem Zaudern wurde mein Gesuch um Nachtquartier gewährt, ich liess Oel zur Beleuchtung und Nahrungsmittel holen, die Frauen brachten einige Verwandte mit, die bei Zubereitung der Speisen halfen, und als Beschützer im Hause blieben. Am nächsten Morgen ging ich zwischen muntern Gruppen von Badenden durch den Fluss nach Sa. Cruz und erhielt dort ein Boot um über den See nach Pasig, von da nach Manila zu fahren. Gegenwind zwang uns aber auf der Spitze von Jalajala zu landen, und die vor Tagesanbruch eintretende Windstille abzuwarten. Zwischen der äussersten Südspitze und dem Wohnhause sieht man an mehreren Stellen, 15 Fuss hoch über dem Wasserspiegel, Bänke mariner Muscheln, (hauptsächlich Tapes virgineus Lin. Phil. und Cerithium moniliferum Kien.) dieselben, die noch heut an der Meeresküste sehr häufig sind; ein Zeichen dass auch an dieser Stelle Hebungen des Bodens stattgefunden haben.