ACHTZEHNTES KAPITEL
Reading edition
ERSTEIGUNG DES YRIGA UND DES MAZARAGA. — SEE- UND STRASSENRÄUBER. — WASSERPFLANZEN VON BERLIN NACH DEN PHILIPPINEN. — MEIN DIENER PEPE.
Vom Ysaróg kehrte ich über Naga und Nábua zum Yriga zurück, den es mir endlich zu ersteigen gelang.
Ich fand die höchste Spitze des Yriga 1212 Meter, 1120 Meter über dem Spiegel des Buhi-See’s. Von Buhi ging ich nach Bátu.
Der Batu-See (111 Meter Meereshöhe) war seit meinem letzten Besuch im Februar noch tiefer gesunken, der Algenteppich hatte an Breite beträchtlich zugenommen, sein oberer Rand war an vielen Stellen zerfetzt, der untere ging allmälig in einen dicken Wulst faulender Wasserpflanzen über (Charen, Algen, Pontederien, Valisnerien, Pistien u. s. w.), der den Wasserspiegel ringsum einfasste und nur durch einzelne Lücken an das Ufer zu gelangen gestattete. Queer vor der Mündung des Quinali in den See lag eine Barre von schwarzem Moder, in welcher einige schmale Wasserrinnen die weichsten Stellen anzeigten. Da wir mit einem grösseren Boote nicht über die Barre gelangen konnten, so wurden zwei kleine schmale Nachen durch einen Bambusrost verbunden, und mit einem Sonnendach versehn. Vermittelst dieser Vorrichtung, die von 3 kräftigen Büffeln gezogen wurde, während die Mannschaft mit sichtlichem Behagen und lautem Jubel knietief im schwarzen Schlamm watend, schieben half, gelangten wir, wie auf einem Schlitten über das Hinderniss in den Fluss, der bei meinem ersten Besuch an vielen Stellen die Felder überfluthete, so dass die Hütten der Eingeborenen wie Schiffe aus dem Wasser ragten und jetzt (im Juni) nicht einmal sein Bett ausfüllte. Wir mussten daher die Schlittenfahrt bis dicht vor Quinali fortsetzen.

Mazaraga von NNO.
Fuss des Malinao.

Rundsicht von Mazaraga.
Lith. Institut v. Wilh. Greve, Berlin.
Auf dem Gipfel schwärmten viele Schmetterlinge umher. Wir konnten aber nur wenige fangen, da das Gehn zwischen den hohen Rohrstoppeln für nackte Füsse sehr beschwerlich war: von zwei Paar, aus Manila bezogenen neuen Schuhen hatten sich, noch ehe ich die Spitze erreichte, die nur leicht angehefteten Sohlen abgelöst, so dass ich den Weg nach Ligao barfuss zurücklegen musste.
Am folgenden Tage ging mein spanischer Gastfreund zweimal nach dem Tribunal, um mir die zur Beförderung meiner Sammlungen nöthigen Büffelkarren zu verschaffen. Seine höflichen Bitten blieben ohne Erfolg; dem Befehl des Cura, der den Gobernadorcillo zu sich in’s Haus beschied, wurde sogleich gehorcht. Für spanische Privatleute haben die einheimischen Behörden in der Regel wenig Rücksichten, sie begegnen ihnen nicht selten mit deutlicher Geringschätzung. Eine amtliche Empfehlung des Alkalden ist gewöhnlich wirksam, aber nicht in allen Provinzen, denn manche Alkalden schaden ihrem Ansehn, indem sie zur Förderung ihrer persönlichen Interessen die Mithülfe oder Verschwiegenheit der einheimischen Behörden in Anspruch nehmen.
Ich schoss hier einige Paníkes, grosse Fledermäuse, mit Flügeln von fast fünf Fuss Spannweite, die im Tagesschlaf an den Aesten eines Baumes hingen (s. Reisesk. S. 216), darunter zwei Mütter mit unversehrten säugenden Jungen. Es sah rührend aus, wie sich die Thierchen fester und fester an den Körper der sterbenden Alten klammerten und auch noch nach erfolgtem Tode sie zärtlich zu herzen schienen; der anscheinenden Innigkeit lag aber nur Selbstsucht zu Grunde, denn als ihr Milchvorrath erschöpft, wurden die Alten rücksichtslos, wie leere Schläuche behandelt. Sobald die Jungen abgenommen wurden, frassen sie Bananen und lebten mehrere Tage lang bis ich sie in Spiritus steckte.
In Legaspi fand ich mehrere Kisten mit Blechfuttern, die mit der Ueberlandpost nach 16 Monaten, statt nach 7 Wochen, für mich angekommen waren, da sie von Berlin über Triest versandt, wegen des italienischen Krieges dort liegen geblieben. Ihr fast ausschliesslich zum Gebrauch in den Philippinen bestimmter Inhalt war mir jetzt zum grössten Theil überflüssig. In einer Kiste befanden sich zwei mit Glasstöpseln verschlossene Fläschchen, die eine mit feuchtem Kohlenpulver, die andre mit feuchtem Lehm gefüllt, beide enthielten Samen von Victoria regia und Knollen rother und blauer Nymphäen. Die in der ersten Flasche waren verdorben — wie sich erwarten liess; aber in der mit feuchtem Lehm gefüllten hatten zwei Knollen ½ Zoll lange Keime getrieben und sahen ganz gesund aus. Ich pflanzte sie sogleich; in einigen Tagen entwickelten sie kräftige Blätter. Eine dieser schönen, ursprünglich für den Buitenzorger Garten in Java bestimmten Pflanzen blieb in Legaspi, die andre sandte ich nach Manila, wo ich sie später in voller Blüthe wieder sah. Im Kohlenpulver hatten zwei Victoriakerne über einen Zoll lange Wurzeln gemacht, die aber abgefault, vielleicht auch bei der Zollrevision abgerissen und dann gefault waren, denn der Hals des Fläschchens war zerbrochen; das Kohlenpulver sah aus als wäre darin gerührt worden. Ich theilte dem Inspektor des Berliner botanischen Gartens den glänzenden Erfolg seiner Verpackungsart mit; er machte eine zweite Sendung direkt nach Java, die im besten Zustande ankam, so dass nicht nur die Victoria, sondern auch die von einem afrikanischen Vater und einer asiatischen Mutter in Berlin erzeugten rothen Teichrosen jetzt die Wasserbecken Java’s (letztere Pflanzen vielleicht auch die der Philippinen) schmücken.
Wegen der anhaltenden Regen benutzte ich zwei Backöfen, um meine Sammlungen vor dem Einpacken zu trocknen. Mein Diener verbrannte den grössten Theil, so dass der Rest in einer geräumigen Kiste Platz fand, die ich für einen Dollar erstand. Leider fehlte der Deckel. Um diesen zu beschaffen, musste ich zuerst einen Zimmermann, der wegen einer kleinen Schuld gefangen sass, frei machen, dann Vorschuss geben, um ein Brett zu kaufen und Vorschuss um das versetzte Handwerkzeug auszulösen; die endlich begonnene Arbeit wurde mehrere Male unterbrochen, weil ältere Vorschüsse ungestümer Gläubiger durch Arbeit getilgt werden mussten. Nach fünf Tagen war der Deckel fertig; er kostete drei Dollar, hielt aber nicht lange, denn schon in Manila musste er durch einen neuen ersetzt werden.
In Legaspi fand ich Gelegenheit einen kleinen Schoner nach der Insel Samar zu benutzen, die SO. von Luzon, jenseits der 3 Leguas breiten S. Bernardino-Strasse liegt. Im Augenblick der Abreise verliess mich mein Diener »um ein wenig von den Strapazen auszuruhn« — zu meinem grossen Bedauern, — denn Pepe war gutmüthig, sehr anstellig und immer guter Laune. Er hatte in seinem Geburtsorte Cavite, wo viele spanische Soldaten und Seeleute leben, diesen manches abgesehn, und wurde scherzweis Español de Cavite genannt. Das Herumstreichen von einer Ortschaft zur andern gefiel ihm sehr, er machte schnell Bekanntschaft, und wusste sich bei den Frauen beliebt zu machen; denn er besass viele gesellige Talente, verstand auch Guitarre zu spielen und Büffelkühe zu melken. Kamen wir in ein Pueblo, wo eine Mestizin oder gar eine »Landestochter« (Kreolin) wohnte, so requirirte er, wenn es anging, sogleich eine milchende Büffelkuh, molk sie, brachte der Señora einen Theil der Milch und hielt, unter dem Vorgeben der Dolmetscher meiner Gesinnungen zu sein, eine so höfliche wohlgesetzte Rede, pries die Schönheit und Anmuth der Dame und liess sich mit demüthigster Miene so ungeheuerliche Reiseabenteuer abfragen, dass Ritter und Knappe in hellem Glanze strahlten. Das Geschenk war immer willkommen, (und brachte uns manch Körbchen Orangen ein); denn Büffelmilch ist zur Chocolade sehr beliebt, es kommt aber, wie es scheint, nur selten jemand auf den Einfall eine Kuh zu melken. Leider mochte Pepe nicht Berge steigen, und bekam Bauchweh, wenn er mich begleiten sollte, oder er verschenkte meine starken Schuhe oder liess sie stehlen; die einheimischen aber blieben unangetastet; denn er wusste wohl, dass sie fast nur zum Reiten taugen, woran auch er Freude hatte. In meiner Gesellschaft arbeitete er schnell und gern, aber allein langweilte es ihn, er fand überall Freunde, die ihn abhielten; dann liess er bei dem Abbalgen der Vögel das Fleisch in den Beinen sitzen, so dass sie verfaulten und fortgeworfen werden mussten. Noch unangenehmer war ihm das Packen, darum that er es so schnell als möglich, doch nicht immer mit genügender Sorgfalt, wie einmal, wo er Schuhe, Arsenikseife, Zeichnungen und Chocolade in ein Tuch zusammenband. Trotz solcher kleinen Mängel war er mir sehr nützlich und angenehm. Nach einer so unzivilisirten Insel, wie Samar, ging er aber nicht gern, und als er gar seinen Lohn für acht Monate auf einmal erhielt, und plötzlich ein kleiner Kapitalist war, konnte er der Versuchung nicht widerstehn, ein wenig von den Strapazen auszuruhn.

Spanisch-tagalische Mestizin.