SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Reading edition
DIE CHINESEN.
Bei dem Angriff des grossen Seeräubers Limahong 1574 entging sie nur wie durch ein Wunder der Vernichtung; neues Verderben drohte ihr bald darauf: 1603 kamen einige Mandarine nach Manila, unter dem Vorwande sehn zu wollen, ob der Boden bei Cavite wirklich von Gold sei? Man hielt sie für Spione und schloss aus ihrer sonderbaren Mission, dass die Chinesen einen Angriff auf die Kolonie beabsichtigten. Der Erzbischof und die Priester schürten das Misstrauen gegen die zahlreichen in Manila angesiedelten Chinesen; Hass und Verdacht wuchsen auf beiden Seiten, beide Theile fürchteten sich vor einander und rüsteten sich. Die Chinesen griffen zuerst an, unterlagen aber den vereinten Spaniern, Japanern und Indiern; 23,000, nach andern 25,000 Chinesen wurden erschlagen oder in die Wildniss getrieben. Wie diese Metzelei in China aufgenommen worden, geht aus dem Brief des kaiserlichen Kommissars an den Guvernör von Manila hervor. Das merkwürdige Dokument zeigt in so überraschender Weise, wie hohl das grosse Reich damals war, dass ich es am Schlusse des Kapitels in wörtlicher Uebersetzung mittheile.
Noch heut werden sie des Monopolisirens beschuldigt, besonders von den Kreolen, und in der That haben sie durch Fleiss und kaufmännisches Geschick den Kleinhandel fast ganz an sich gerissen. Der Verkauf der von Europa eingeführten Waaren ist ausschliesslich in ihren Händen, den Aufkauf der Kolonialprodukte in den Provinzen für die Ausfuhr theilen sie etwa zur Hälfte mit Indiern und Mestizen, da bis jetzt nur diesen letzteren gestattet ist, Schiffe zu halten, um die Produkte nach Manila zu führen.
Von jeher galt die Missgunst der Spanier und Kreolen besonders den chinesischen Handelsleuten, die sie in der bequemen Ausbeutung des Eingeborenen stören; daher waren die beschränkenden Gesetze besonders gegen diese Klasse gerichtet. Zum Landbau möchte man Chinesen wohl zulassen, die Feindseligkeit der Indier verhindert es aber gewöhnlich.
Ein Gesetz von 1804 befiehlt alle chinesischen Handelsleute aus Manila binnen 8 Tagen auszuweisen, nur Verheirathete dürfen in ihrem Parian einen Laden halten. Ausschliesslich um Ackerbau zu treiben, soll ihnen der Aufenthalt in den Provinzen gestattet werden; Alkalden die ihnen in ihrem Gebiet herum zu reisen gestatten, sollen 200 Dollar, Gobernadorcillos 25 Dollar Strafe zahlen, die betroffenen Chinesen aber 2, bezüglich 3 Jahre Kettenstrafe erleiden.
In der neuesten Zeit werden die Chinesen nicht mehr in Massen geschlachtet oder vertrieben; man begnügt sich damit, ihre Thätigkeit durch drückende Steuern zu hemmen. So wurde Ende 1867 den chinesischen Händlern in Pangasinán ausser der bisherigen Gewerbesteuer von 12 bis 100 Dollar eine Abgabe von 60 Dollar jährlich für Beschickung der Wochenmärkte aufgelegt, und ihnen zugleich befohlen, ihre Bücher fortan spanisch zu führen (engl. Kons. Ber. 1869).
Die Chinesen bleiben wie überall, so auch in den Philippinen, ihren Sitten treu, ihr Christenthum, falls sie übertreten, ist nur äusserlich angenommen, um zu heirathen oder aus andern weltlichen Rücksichten. Sie lassen es bei der Heimkehr nach China, zuweilen sammt ihrer Frau, in Manila zurück. Sehr viele aber gründen Familien, sind gute Hausväter und ihre Kinder bilden den unternehmendsten, fleissigsten, wohlhabendsten Theil der stehenden Bevölkerung.
Durch den härtesten Lebenskampf in ihrer übervölkerten Heimat erstarkt, scheinen die Chinesen unter jedem Himmelsstrich ihre Arbeitsfähigkeit ungeschwächt zu bewahren. Kein Volk kommt ihnen gleich an Fleiss, Genügsamkeit, Ausdauer, Schlauheit, Geschick und Rücksichtslosigkeit in bürgerlichen Geschäften. Wo sie einmal Fuss fassen, reissen sie allmälig den Handel an sich. In allen Ländern Hinterindiens verdrängen sie auf diesem Felde nicht nur die einheimischen, sondern mehr und mehr auch ihre europäischen Mitbewerber. Nicht minder anstellig und erfolgreich sind sie im Betriebe des Ackerbaus und der Gewerbe.
Die Auswanderung aus dem mit Menschen überfüllten Riesenreich hat kaum begonnen, ist sie erst einmal in Fluss gekommen, so wird sie sich als ein gewaltiger Strom zunächst über die tropischen Länder des Ostens ergiessen, und alle kleinlichen Schranken fortschwemmen, die Neid oder ohnmächtige Vorsicht ihr entgegenstellen.
Auf dem hinterindischen Festlande, in der Südsee, im indischen Archipel, in den Südstaaten Amerika’s scheinen die Chinesen bestimmt, mit der Zeit jedes andere Element zu verdrängen, oder fruchtbare Mischrassen zu bilden, denen sie ihren Stempel aufdrücken.
In den westlichen Staaten der Union ist ihre Zahl in schnellem Zunehmen begriffen, die Fabriken in Californien werden nur mit chinesischen Arbeitern betrieben, da europäische unerfüllbare Ansprüche stellen.
Im Gebiete der höchsten geistigen Thätigkeit ist das Uebergewicht der Europäer wohl nicht zu bezweifeln; auf dem Felde der bürgerlichen Gewerbe aber, wo Geschick und ausdauernder Fleiss den Ausschlag geben, scheint der Preis den Chinesen zu gebühren. Auch bis zu uns dürfte sich der Einfluss der Chinesen in dem zwischen Kapital und Arbeit entbrannten Kampfe früher oder später fühlbar machen und maasslos wachsenden Ansprüchen Schranken setzen.
Dem amerikanischen Staatsmanne drängt die sich mehrende chinesische Einwanderung schon gegenwärtig Fragen von höchster sozialer und politischer Bedeutung auf. Welchen Einfluss wird dieses neue gänzlich fremde Element auf die Gestaltung der amerikanischen Verhältnisse üben? Werden die Chinesen einen Staat im Staate bilden oder, den andern Bürgern politisch gleichgestellt, in der Union aufgehn, sich mit dem kaukasischen Elemente zu einer neuen Rasse mischen? Welche Rückwirkung werden die chinesischen Kolonisten andererseits auf die Zustände in China üben?
Diese Probleme, die hier nur vorübergehend angedeutet werden können, hat Pumpelly mit Meisterschaft in seinem Werke Across America and Asia London 1870 behandelt.
Brief des General-Kommissars von Chincheo an Don Pedro de Acuñia, Guvernör der Philippinen.
»An den grossen General-Kapitän von Luzon. Da ich in Erfahrung gebracht, dass die Chinesen, die in das Königreich Luzon gingen, um zu kaufen und verkaufen, von den Spaniern umgebracht worden sind, so habe ich nach der Ursache dieser Tödtungen geforscht und den König gebeten, Gerechtigkeit zu üben gegen diejenigen, die so grosses Uebel veranlasst, damit künftig Abhülfe geschafft werde und die Kaufleute Ruhe und Frieden haben. In den vergangenen Jahren, bevor ich als königlicher Kommissar hierher gekommen, ist ein chinesischer Kaufmann Namens Tioneg sammt drei Mandarinen mit Erlaubniss des Königs von China nach Luzon, nach Cabit gegangen, um Gold und Silber zu suchen, was alles erlogen war, denn er fand weder Gold noch Silber, und deshalb bat ich ihn (den König) diesen Betrüger Tioneg zu bestrafen, damit kund werde die strenge Gerechtigkeit die in China geübt wird.
Es war zur Zeit des Ex-Vizekönigs und Eunuchen, als Tioneg und sein Begleiter Namens Yanglion die erwähnte Unwahrheit sprachen, und ich bat später den König, dass er sich alle Papiere in der Angelegenheit Tioneg’s übersenden und besagten Tioneg sammt den Prozess-Akten kommen liesse und ich selbst sah die erwähnten Papiere ein und erkannte, dass alles, was besagter Tioneg gesprochen, erlogen war. Und ich schrieb an den König und sagte, dass wegen der Unwahrheit, die Tioneg gesprochen, die Castilier den Verdacht geschöpft, wir wollten sie bekriegen, und dass sie deswegen mehr als 30,000 Chinesen in Luzon umgebracht hätten; und der König that, wie ich gebeten und bestrafte den besagten Yanglion, indem er befahl ihn zu tödten; und dem Tioneg befahl er den Kopf abzuschlagen und in einen Käfig zu stecken, und die chinesischen Leute, die in Luzon umgekommen, hatten keine Schuld. Und ich und andre verhandelten dies mit dem König, damit er befinde was sein Wille sei, in dieser Angelegenheit und in einer andern; nämlich, dass zwei englische Schiffe an diese Küsten von Chincheo (Fukien) gekommen waren, eine sehr gefährliche Sache für China, und dass der König entscheide, was in diesen beiden so ernsten Angelegenheiten geschehen solle. Auch schrieben wir an den König, dass er Befehl geben möge, die beiden Chinesen zu bestrafen, und nachdem wir die beiden vorerwähnten Dinge dem König geschrieben, antwortete er uns, wegen der englischen Schiffe, die nach China gekommen, falls sie gekommen, um zu rauben, so solle man ihnen unverzüglich befehlen, von dort nach Luzon zu gehn, und denen von Luzon solle man sagen, sie möchten Schelmen und Lügnern aus China keinen Glauben schenken, und unverzüglich die beiden Chinesen umbringen, welche den Engländern den Hafen gezeigt hätten, und in allem übrigen, was wir ihm geschrieben, wolle er unsern Willen thun. Und nachdem wir diese Botschaft empfangen, der Vizekönig, der Eunuch und ich, senden wir jetzt diese unsere Botschaften an den Guvernör von Luzon, damit seiner Herrlichkeit kund werde die Grösse des Königs von China und des Königreichs; denn er ist so gross, dass er alles beherrscht, was Mond und Sonne bescheinen; und auch damit der Guvernör von Luzon wisse, mit wie viel Weisheit dieses grosse Reich regiert wird, welches grosse Reich seit langer Zeit Niemand zu beleidigen wagte; und obgleich die Japaner versucht haben, Coria zu beunruhigen, welches zur Regierung von China gehört, sind sie damit nicht zu Stande gekommen, im Gegentheil sind sie daraus vertrieben worden, und Coria ist in grosser Ruhe und Frieden verblieben, wie die von Luzon von Hörensagen wohl wissen.
Im vergangenen Jahre, nachdem wir erfahren, dass wegen der Lüge Tioneg’s so viele Chinesen in Luzon umgekommen, traten viele von uns Mandarinen zusammen, und beschlossen dem König anheim zu stellen Rache zu nehmen wegen so vieler Tödtungen; und wir sagten: das Land von Luzon ist ein elendes Land von geringer Bedeutung, und war vor Alters nur ein Wohnsitz für Teufel und Schlangen und weil (seit einigen Jahren bis jetzt) eine so grosse Anzahl Chinesen dorthin gegangen, um mit den Castillas zu handeln, hat es sich so sehr veredelt, wobei die besagten Sangleyes viel gearbeitet, indem sie Mauern aufgeführt, Häuser und Gärten angelegt, und andre Dinge von grossem Nutzen für die Castillas; und da dies also ist, warum haben die Castillas nicht Rücksicht auf diese Dinge genommen, und diese guten Werke mit Dank erkannt, ohne so viele Menschen grausam zu tödten? und obgleich wir zwei oder dreimal an den König über die besagten Angelegenheiten geschrieben, antwortete er uns, da er über die oben erwähnten Dinge zornig war, und sagte: aus drei Gründen sei es nicht angemessen Rache zu nehmen, noch Krieg zu fuhren gegen Luzon. Der erste Grund, weil die Castillas (seit langer Zeit bis jetzt) Freunde der Chinesen sind, und der zweite Grund war, weil man nicht wissen könne, ob die Castillas oder die Chinesen den Sieg erlangen würden, und der dritte und letzte Grund, weil die Leute, welche die Castillas getödtet hatten, schlechtes Volk wären und undankbar gegen China, ihre Heimat, ihre Aeltern und Verwandten, da sie schon seit so vielen Jahren nicht nach China zurückgekehrt, welche Leute, so sagte der König, er wenig achte, aus den oben erwähnten Gründen; und er befahl nur dem Vizekönig, dem Eunuchen und mir, diesen Brief durch diesen Gesandten zu schicken, damit die von Luzon wissen, dass der König von China ein grosses Herz hat, grosse Langmuth und viel Barmherzigkeit, denn er hat nicht befohlen die von Luzon zu bekriegen, und seine Gerechtigkeit tritt wohl zu Tage, da er auch die Lüge Tioneg’s bestraft hat. Und da die Spanier weise und verständig sind, wie kommt es, dass es ihnen nicht leid thut, so viele Menschen umgebracht zu haben, und dass sie nicht Reue darüber empfinden und milde sind gegen die Chinesen, die übrig geblieben? Denn wenn die Castillas Wohlwollen zeigen, und die Chinesen und Sangleyes die vom Kriege übrig geblieben, zurückkehren, und das schuldige Geld erstattet wird und das Eigenthum, was den Sangleyes fortgenommen worden, so wird Freundschaft bestehn zwischen diesem Königreich und jenem, und alle Jahre werden Handelsschiffe kommen und wenn nicht, so wird der König nicht erlauben, dass Handelsschiffe abgehn, im Gegentheil wird er Befehl geben tausend Kriegsschiffe zu bauen, mit Soldaten und Verwandten der Getödteten bemannt und mit den übrigen Leuten und Königreichen, welche Tribut an China zahlen, und sie werden Krieg führen ohne irgend Jemand zu schonen. Und darauf wird man das Königreich Luzon an die Leute geben, welche Tribut an China zahlen. Der Brief ist geschrieben vom General-Visitadór am zwölften des zweiten Monats.«
Einen denkwürdigen Gegensatz bildet ein etwa gleichzeitiger Brief des Herrschers von Japan:
Brief Daifusama’s, des Herrschers von Japan, an den Guvernör Don Pedro de Acuña im Jahre 1605. Ich habe von Eurer Herrlichkeit zwei (Briefe) erhalten und alle Gaben und Geschenke, entsprechend dem Verzeichniss. Unter dem was ich erhalten, war der Wein aus Trauben gemacht; ich habe mich daran sehr erfreut. In früheren Jahren bat Eure Herrlichkeit, dass sechs Schiffe kommen dürften, und im vergangenen Jahre bat sie um vier, welche Bitten ich immer gewährte. Das aber erregt mein grosses Missfallen, dass unter den vier Schiffen, um die E. H. bittet, eines von Antonio ist, welcher die Reise gemacht, ohne dass ich es befohlen; dies war eine Sache von grosser Keckheit, und eine Geringschätzung für mich. Will E. H. etwa das Schiff, das sie nach Japan senden möchte, ohne meine Erlaubniss senden? Abgesehen davon haben E. H. und Andre vielemal wegen der Sekten in Japan verhandelt und viele Dinge diese betreffend erbeten, welches ich eben so wenig gestatten kann; denn dieses Gebiet heisst Xincoco, welches bedeutet »den Götzen geweiht«, die seit unsern Vorfahren bis heut mit höchsten Lobpreisungen verehrt worden sind, deren Thaten ich allein nicht ungeschehn machen und vernichten kann. Weshalb es in keiner Weise statthaft ist, dass in Japan Euer Gesetz (Lehre) verbreitet und gepredigt werde; und wenn E. H. Freundschaft halten will mit diesen Reichen von Japan und mit mir, so thue sie das was ich will, und das was mir nicht gefällt, das thue sie niemals.
Endlich haben mir Viele gesagt, dass viele Japanesen, schlechte, verdorbene Menschen, die in jenes Königreich gehn und viele Jahre dort bleiben, darauf nach Japan zurückkehren, welches meinen grossen Unwillen erregt; und deshalb gestatte E. H. von jetzt fortan nicht, dass einer von den Japanesen in dem Schiffe mitkomme, welches hierher geht und in den übrigen Dingen wolle E. H. mit Ueberlegung und Vorsicht verfahren und solcher Art, dass sie fortan nicht mein Missfallen errege.