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Reisen in den Philippinen

ACHTES KAPITEL

Reading edition

SEEREISE NACH ALBAY. — MARIVELES. — SCHIFFFAHRT ZWISCHEN DEN INSELN. — SAN BERNARDINO STRASSE. — VULKAN BULUSAN. — LEGASPI. — SORSOGON.

Gegen Ende August fuhr ich von Manila nach Albay in einem Schoner, der Abacá gebracht hatte und in Ballast zurückkehrte. Wir liefen bei gutem Wetter aus, aber am folgenden Tage mehrten sich die Anzeichen eines herannahenden Sturmes in sehr bedenklicher Weise, der Kapitän beschloss umzukehren und in dem kleinen sicheren Hafen von Marivéles, einer Lücke im Südrand der Halbinsel Bataán, welche die Bay von Manila westlich begrenzt, Schutz zu suchen. Wir erreichten ihn Nachts zwei Uhr, nachdem wir vierzehn Stunden vor der Einfahrt gekreuzt hatten. Hier mussten wir zwei Wochen vor Anker liegen, während es fast ununterbrochen regnete und draussen stürmte.

Negrito von Mariveles
Negrito von Mariveles

Negrito von Mariveles

der Hinterkopf ist geschoren. — Knieband von Wildschweinsborsten.

Ausflüge auf das Land mussten sich daher auf die unmittelbare Umgegend beschränken. Leider erfuhr ich erst in den letzten Tagen, dass in den Bergen eine Niederlassung von Negrito’s bestehe, und erst kurz vor der Abfahrt gelang es mir, einen Mann und eine Frau zu sehen und zu zeichnen. Die Bevölkerung von Mariveles hat keinen guten Ruf. Das Oertchen wird fast nur von Schiffern besucht, die dort bei schlechtem Wetter einlaufen; die müssigen Mannschaften bringen dann die Zeit am Lande mit Trinken und Spielen zu. Auffallend war die Schönheit und weisse Farbe vieler jungen Mädchen, offenbar Mischlingen; wenn sie auch offiziell als Tagalinnen gelten. Dieselbe Erscheinung nimmt man in vielen Häfen und in der Umgebung von Manila wahr; in Gegenden, die fast nicht von Spaniern besucht werden, ist die Bevölkerung dunkler und von reinerer Rasse.

Tagalin in einer Hängematte
Tagalin in einer Hängematte

Als sich der Sturm endlich gelegt, verlassen wir Abends den Hafen von Mariveles. Vor der Einfahrt liegt eine kleine vulkanische Felseninsel aus säulenförmig abgesondertem Gestein von ganz auffallender Aehnlichkeit mit der Cyclopen-Insel bei Trezza (Sizilien). Wie dort, so auch hier eine spitze Pyramide, daneben ein kleines flaches Eiland. Wir fahren die Küste von Cavite entlang bis zur Punta Santiago, der SW. Spitze Luzon’s, und wenden dann östlich, in die schöne Seestrasse ein, die im Norden durch Luzon, im Süden durch die Bisaya-Inseln begrenzt wird. Mit Sonnenaufgang enthüllt sich ein herrliches Bild vor unseren Augen. Im Norden erhebt sich der Vulkan Taal über das Flachland von Batangas, im Süden die dicht bewaldete Felsen-Küste von Mindoro (anscheinend Kalk) mit ihrem Hafen Porto Galera, dem eine kleine davor liegende Insel als Wellenbrecher dient. Dichte Züge von Schiffen, die den Sturm in den Bisaya-Häfen abgewartet, kommen uns, auf ihrem Wege nach Manila, entgegen.

Denn dies ist die grosse Verkehrsstrasse des Archipels, die sich von SO. nach NW. erstreckt, und das ganze Jahr fahrbar bleibt, da sie durch den nach SO. ausgestreckten Arm Luzon’s und die in gleicher Richtung streichende Insel Sámar gegen den Anprall der NO. Stürme und gegen die aus SW. durch die Bisayas geschützt ist. Die Inseln Mindóro, Panáy, Negros, Cebú und Bojól folgen auf einander, bilden den südlichen Saum der Strasse und bieten in ihren Zwischenräumen eben so viele nach S. geöffnete Queergassen zur Mindoro See, die im W. von Paláuan, im O. von Mindanao, im S. vom Sulu(Jólo)-Archipel begrenzt wird. Vor das Ost-Ende lagern sich die Inseln Sámar und Leyte die nur drei schmale Strassen zum grossen Ozean offen lassen: die Engen von S. Bernardino, S. Juaníco und Surigáo. Mehrere grössere und unzählige kleine Inseln liegen innerhalb dieser flüchtig angedeuteten Umrisse.

Zwei grosse Buchten in der Südküste von Batángas bieten den Schiffen Ankergrund, doch nur geringen Schutz, so dass diese bei schlechtem Wetter nach Porto Galéra auf der gegenüber liegenden Insel Mindóro flüchten. Taal, der Haupthafen der Provinz ist mit dem grossen Binnensee von Taal oder Bombón durch einen nur 1½ Leguas langen Fluss verbunden, der früher schiffbar, jetzt so verschlämmt ist, dass nur bei Fluth kleine Schiffe in den See gelangen können. Durch Ausbaggern des Flüsschens liesse er sich in einen grossen Binnenhafen verwandeln. Die Provinz Batángas liefert das beste Vieh nach Manila, und führt Zucker und Kaffee (1865 16,000 Picul) aus.

Vulkan Bulusan von Osten
Vulkan Bulusan von Osten

Vulkan Bulusan von Osten

im Vorbeisegeln aufgenommen.

Auf Luzon steigen Reihen von Bergen auf, deren schöne Umrisse vulkanischen Ursprung vermuthen lassen. Die südlichen Inseln scheinen meist aus geschichtetem Gebirge zu bestehn. Sie endigen gewöhnlich in schroffen, bis an den Rand bewaldeten Klippen. Der weithin sichtbare, von allen Seiten gleiche, drehrunde Máyon oder Albáy bildet den Hauptpunkt der Landschaft. Abends erscheint uns auf der südöstlichen Spitze Luzon’s der Bulusán, und alsbald wenden wir nördlich in die enge San Bernardino Strasse, die Luzon von Samar trennt.

Vulkan Bulusan von SSW
Vulkan Bulusan von SSW

Vulkan Bulusan von SSW

vor Anker liegend aufgenommen.

Die Strömung ist in der San Bernardino Strasse so stark, dass wir zweimal ankern mussten, um nicht zurückzutreiben. Wir hatten fortwährend vor uns den schönen Vulkan, mit dem Dörfchen Bulusán, das auf seiner Ostseite in einem Kokoshain hart am Strande liegt. Mit schwachen unstäten Winden mühsam gegen die Strömung kämpfend, gelangten wir erst am folgenden Abend nach Legaspi, dem Hafen von Albay.

Der Schiffskapitän war ein Spanier, und hatte sich bemüht die Reise so schnell als möglich zu machen. Auf der Rückkehr von Leyte fuhr ich mit einem eingeborenen Kapitän. Da diese Fahrt manche Eigenthümlichkeiten darbot, so mögen des Vergleichs wegen einige bezeichnende Züge derselben aus meinem Tagebuch Erwähnung finden: ... Der Kapitän wollte Gemüse für mich mit nehmen, hat es aber »vergessen«. Er landet auf einer kleinen Insel und kommt nach einiger Zeit mit einem grossen Palmenkohl zurück, den er in Abwesenheit des Eigenthümers aus einer zu dem Zweck gefällten Kokospalme geschält hat.... Ein andrer Theil der Mannschaft war inzwischen nach einem Dörfchen, an der NW. Spitze von Leyte gefahren, um Lebensmittel zu kaufen. Anstatt sich im Hafen von Taclóban, vor der Abfahrt zu verproviantiren, ziehn die Schiffer meist vor, es in irgend einem Dorf der schmalen Strasse zu thun, wo es billiger als dort ist, und sie zugleich Gelegenheit haben sich ein wenig am Lande umher zu treiben. Diese, kaum eine Seemeile breite, durch dazwischen liegende Inseln stellenweis auf weniger als tausend Fuss eingeengte San Juanico Strasse ist zwanzig Seemeilen lang; die Schiffe brauchen aber zuweilen eine Woche um durchzufahren; denn bei widrigen Winden und Strömungen wird geankert und ebenso Nachts an schmalen Stellen. Gegen Abend meint unser Kapitän, der Himmel sähe recht bedenklich aus; er läuft daher in die Bucht von Návo auf Masbáte. Das Schiff geht vor Anker, er und ein Theil der Mannschaft gehn an’s Land.

Am folgenden Tag war Sonntag, »der Himmel schien schon Nachmittags recht bedenklich«, auch hatte der Kapitän Einkäufe zu machen. Das Schiff ankerte vor Magdalena auf Masbáte, wo die Nacht zugebracht wird. Am Montag fuhren wir mit günstigstem Winde in schneller Fahrt an Marindúque und der südlich davor liegenden kleinen Felseninsel Elefante vorbei. Elefante scheint der Rest eines Kraters, hat dieselbe Form wie der Yriga, ist aber nicht halb so hoch, mit Futtergras bedeckt, und hat Baumgruppen in den Schluchten. Es sollen tausend Stück halbwilde Rinder darauf weiden. Ihr Preis ist 4 Doll., Fracht nach Manila 4 Doll., dortiger Werth 16 Doll. Durch die Schiffer wird viel Vieh gestohlen, da es fast ohne Aufsicht ist. Mein indischer Kapitän bedauerte sehr, dass der günstige Wind ihm nicht zu landen gestatte — vielleicht war ich ihm im Wege? »Das schöne Vieh! wie gut liessen sich ein paar Köpfe für das Schiff einthun! Es hat kaum einen Herrn; die reichen Eigenthümer wissen gar nicht, wie viel sie besitzen, und der Bestand vermehrt sich fortwährend ohne ihr Zuthun.... Man steckt sich ein paar Dollar in die Tasche, kommt ein Hirt, so giebt man ihm einen Dollar, und der arme Mann ist glücklich; kommt Niemand, um so besser, man kann auch allein fertig werden, ein Schuss oder eine Wurfschlinge reichen hin«.... Ein Schiff »Luisa« kommt uns entgegen, es macht ein sonderbares Manöver, bald hören wir lauten Jubel, denn es ist ihm gelungen einen, von den Fischern von Marinduque auf den Boden des Meeres hinab gelassenen Fischkasten zu stehlen, indem es mittelst herabgelassener Haken, das Tau der Boye geschickt zu packen wusste. Unser Kapitän ist ausser sich vor Neid.

Legaspi ist der Haupthafen der Provinz Albay, weil er inmitten des Abacágebietes liegt. Seine Rhede ist aber sehr unsicher; in den Wintermonaten, weil sie den NO. Stürmen offen, nicht zu benutzen.

Der NNO. ist der herrschende Wind an dieser Küste; der SW. ist kaum zwei Monate, Juni und Juli, beständig. Die stärksten Stürme finden zwischen Oktober und Januar statt. Sie beginnen meist mit schwachem Westwind, von Regen begleitet, gehn nach N. oder S., und erreichen ihre grösste Heftigkeit in NO. oder SO. Nach dem Sturm tritt gewöhnlich Windstille ein, worauf der Wind des herrschenden Monsun wieder zur Geltung kommt. Die leicht gebauten, elastischen Häuser der Gegend widerstehen den Stürmen sehr gut, aber Dächer, auch schadhafte Häuser werden häufig fortgerissen. Die Schifffahrt zwischen Manila und Legáspi dauert höchstens von Januar bis Oktober, während der Herbstmonate hört alle Wasserverbindung auf. Nur die Briefpost kommt dann ziemlich regelmässig jede Woche an. Schweres Gepäck kann in dieser Jahreszeit nicht anders befördert werden, als auf grossem Umwege mit bedeutenden Kosten zur Südküste, von da zu Schiffe nach Manila. Viel günstiger für die Schifffahrt liegt der Hafen von Sorsogón, dessen nach Westen offene Bucht durch die quer davor liegende Insel Bagaláo geschützt ist. Ausser der Sicherheit hat er den Vortheil der schnelleren, nie unterbrochenen Verbindung mit der Hauptstadt des Archipels, während die Schiffe von Legáspi, in den Monaten, wo Schifffahrt überhaupt möglich bei jeder Reise das östliche Ende Luzon’s umkreisen müssen, bei der starken Strömung der S. Bernardino Strasse, oft ein sehr schwieriges Unternehmen. Kleinere Schiffe sind dann während sie ankern überdies in grosser Gefahr von Seeräubern genommen zu werden. Aber Sorsogón hat kein so fruchtbares Hinterland wie Legáspi.

Ich brachte Empfehlungen an die beiden angesehensten Spanier der Provinz mit. Sie nahmen mich auf das liebenswürdigste auf, und waren mir, während der ganzen Dauer meines Aufenthalts in dieser Gegend, von grösstem Nutzen. Auch hatte ich das Glück hier einen Alkalden zu treffen, der dem Beamtenstande jedes Landes zur Zierde gereicht haben würde. Von guter Familie, liebenswürdig im Umgang, ein ächter Caballero. Um seine Rechtlichkeit zu bezeichnen wurde in Sámar von ihm gesagt, mit einem Aktenbündel unter dem Arm sei er dort angekommen und ebenso wieder abgegangen.

Notes in this chapter

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