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Reisen in den Philippinen

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Reading edition

INSEL LEYTE. — HEUSCHRECKEN. — SOLFATARA. — SCHWEFELGEWINNUNG. — BITOSEE. — KROKODILE.

Auch der hiesige Guvernör erwies mir viel liebenswürdige Aufmerksamkeit. Fast ausnahmlos sind mir von meinem Verkehr mit den spanischen Beamten die angenehmsten Erinnerungen geblieben. Um so unbefangener konnte ich, wo es mir am Platz schien, über die Missstände der Verwaltung sprechen.

Die Heuschrecken sind eine der grössten Plagen der Philippinen und vernichten zuweilen die Ernte ganzer Provinzen. Die Legislacion ultramarina IV. 604 enthält ein besonderes Gesetz über die Vertilgung dieser verheerenden Kerfe. Sobald sie erscheinen, soll die Bevölkerung der betroffenen Ortschaften in grösster Anzahl unter Leitung der Behörden zu ihrer Vernichtung ausziehn. Die erprobtesten Mittel zur Erreichung dieses Zwecks sind in einer amtlichen Vorschrift enthalten und in der Verordnung, betreffend ausserordentliche Leistungen bei öffentlichen Nothständen, stehn die Heuschrecken zwischen den Seeräubern und Feuersbrünsten in der Mitte. Von allen ersonnenen Mitteln, die sich aber gegen die zuweilen in unglaublicher Menge erscheinenden verderblichen Thiere in den Philippinen ebenso unzureichend wie anderwärts erweisen, sei nur eines hier erwähnt: Am 27. April 1824 beschloss die Sociedad economica den Vogel Martin (Gracula sp.) einzuführen, »der aus Instinkt Heuschrecken frisst«. Im Herbst des folgenden Jahres traf die erste Sendung derselben aus China ein, 1829 eine zweite, 1852 findet sich abermals ein Posten von 1311 Dollar für Martinvögel verausgabt.

Vom Tribunal von Buráuen:
Vom Tribunal von Buráuen:

Vom Tribunal von Buráuen:

a. Kaparasanan N. 175°5 S.; b, N. 179°2 S.; c, Manacagan S. 2°7 N.; d, Pass zur Solfatara S. 12° N.; e, Kasiboi S. 15°2 N.

Die Gegend bleibt flach; Kokoshaine und Reisfelder unterbrechen stellenweis den dichten Wald, das Land ist spärlich bewohnt, die Menschen scheinen aufgeweckter und sind schöner und reinlicher als in Samar. Südlich von Buráuen erhebt sich ein Gebirgszug Manacagan, an dessen jenseitigem Abhang eine grosse Solfatara liegt, die Schwefel für die Pulverfabrik in Manila und den Handel liefert. Ein spanischer Seemann begleitete mich. Wir ritten, wo der Weg durch Sumpf führte, auf Büffeln; der Schritt der Thiere ist nicht unangenehm, aber das Spreizen der Schenkel auf dem breiten Rücken der riesigen philippinischen Büffel ermüdend. Eine Viertelstunde hinter Buráuen überschritten wir den SW. NO. fliessenden 100′ breiten Dagúitan, dessen Bett voll grosser vulkanischer Blöcke liegt, bald darauf einen schmalen Fluss in einem breiten Bett, einige hundert Schritt weiter einen 150′ breiten, beide letztere, Arme des Buráuen; sie fliessen WO. und münden bei Dulag. Der zweite Arm war erst im vorigen Jahr bei einer Ueberfluthung entstanden.

Wir übernachteten in einer Hütte am nördlichen Abhang des Manacagan, welche die Besitzer, als sie uns ankommen sahen, mit Weib und Kind unaufgefordert geräumt hatten, um anderswo Unterkommen zu suchen. So erfordert es die Landessitte, wenn der Raum für beide Theile zu klein ist — dafür wird keine Entschädigung beansprucht und wohl nur selten gewährt.

Am folgenden Morgen um 6 Uhr brachen wir auf und überstiegen um 6 Uhr 30 Minuten auf angenehmem Waldpfade das Joch des aus hornblendereichem Trachyt bestehenden Manacagan, um 7 Uhr durchfurteten wir zwei kleine Flüsse, die NW. fliessen und dann in einem Bogen angeblich bei Dulag die Küste erreichen. Vom Joch aus sieht man im Süden die grosse weisse Schutthalde des Berges Dánan durch die Bäume schimmern. Um 9 Uhr kamen wir durch den dicht bewaldeten Krater des Kasiboi und weiter südlich an einige Schuppen, in denen Schwefel ausgeschmolzen wird.

Hütte im Krater des Kasiboi.
Hütte im Krater des Kasiboi.

Hütte im Krater des Kasiboi.

Das aus der Solfatara kommende Rohmaterial wird nach drei Klassen bezahlt: 1o bereits zu Krusten zusammengeschmolzener Schwefel, 2o sublimirter, der in seinen Zwischenräumen noch viel Kondensationswasser enthält, 3o im Thon mehr oder weniger reichlich vertheilter (aus dem die überwiegende Menge gewonnen wird). Man setzt zum Schwefelthon Kokosöl,

6 Quart auf 4 Arroben, wirft ihn in flache eiserne Pfannen von 6 Arroben Inhalt und schmilzt unter beständigem Umrühren. Nachdem der obenaufschwimmende entschwefelte Thon abgeschöpft, wird neuer Schwefelthon in den Kessel geworfen und so fort. In 2 bis 3 Stunden gewinnt man auf diese Weise aus 24 Arroben Schwefelthon durchschnittlich etwa 6 Arroben Schwefel, der in hölzerne Kasten gegossen, zu Blöcken von 3 bis 4 Arroben erstarrt. Die Hälfte des verwendeten Oeles wird wieder gewonnen, indem man den ölgetränkten Thon in ein Gestell aus zwei einen spitzen Winkel bildenden engen Bambusgittern wirft. Das Oel tröpfelt in eine darunter befindliche geneigte Bambusrinne, und fliesst von da in einen Topf. Der Preis des Schwefels in Manila schwankt zwischen 1½ und 4½ Dollar per Pico. Ich sah die mit Thon gefüllten Gestelle, aus denen das Oel abtropfte, das Verfahren selbst habe ich aber leider nicht mit angesehn, und weiss nicht zu erklären, weshalb das Oel zugesetzt wird. Nach einigen im Kleinen, also unter wesentlich andern Bedingungen und nicht einmal mit demselben Material angestellten Versuchen scheint es, dass das Oel die Abscheidung des Schwefels beschleunigt, den Zutritt der Luft zum Schwefel erschwert. Bei den Versuchen war der im Boden des Tiegels erhaltene Schwefel immer durch Ausscheidung von Kohle aus dem Oele schwarz gefärbt und würde erst durch Destillation gereinigt werden müssen. Von einer solchen erwähnten indessen die Leyter Schwefelschmelzer nichts, auch waren Apparate dazu nicht vorhanden, ihr Schwefel war von rein gelber Farbe.

Einige hundert Schritte weiter S. fliesst ein von O. kommender, 12′ breiter heisser Bach (50°R.), der an seinen Rändern Kieselsinter absetzt.

Man folgt einer NS. streichenden Schlucht mit 100 bis 200′ hohen Wänden; der Pflanzenwuchs hört allmälig auf, das Gestein ist blendendweiss, oder durch sublimirten Schwefel gelb gefärbt. An zahlreichen Stellen dringen dichte Dampfwolken mit starkem Schwefelwasserstoffgeruch aus dem Boden, einige tausend Schritt weiter biegt die Schlucht nach links (O.) um und erweitert sich zugleich an der Bucht. Hier brechen zahlreiche Kieselsprudel durch den lockeren von Schwefel durchdrungenen Thonboden. Diese Solfatara muss früher viel thätiger gewesen sein als gegenwärtig; die durch Zersetzung des Gesteins von ihr gebildete Schlucht, voll hoher Schutthaufen, mag gegen 1000′ breit und wohl fünfmal so lang sein; am östlichen Ende ist eine Anzahl kleiner kochender Schlammpfützen vorhanden, und rings um diese bricht, wenn man den Stock in den durchwühlten Boden stösst, Wasser und Dampf hervor. An einigen tiefen Stellen, weiter westlich, sind graue, weisse, rothe und gelbe Thone in schmalen Bändern über einander geschwemmt; sie sehn wie Keupermergel aus.

Im Süden, dem Joch, das nach Buráuen führt, gerade gegenüber sieht man in einer Höhle im weissen zersetzten Gestein ein 25′ breites Becken, aus welchem kieselsäurehaltiges inkrustirendes Wasser reichlich ausfliesst. Die Decke der Höhle ist mit Tropfsteinen behangen, die mit gediegenem Schwefel überzogen sind oder gänzlich daraus bestehn.

Am oberen Abhange des Berges Dánan, nahe am Gipfel setzt sich so viel Schwefel aus den Schwefelwasserstoffdämpfen ab, dass er mit Kokosschalen abgenommen werden kann. In einigen gegen die kühlende atmosphärische Luft geschützten Spalten schmilzt er zu dicken braunen Krusten zusammen. Die Solfatara des Dánan liegt genau S. von jener unten am Ende der Schlucht des Kasiboi. Die nach Auslaugung der Kieselsäure zurückbleibende Thonerde wird durch den Regen in das Thal geschwemmt, wo sie eine Ebene bildet, deren grösster Theil von einem kleinen schwach schwefelsauren See Malaksan (malaksan, sauer) eingenommen wird. Seinen Spiegel, der wegen der sehr flachen Ufer, je nach dem Wetter sich merklich verändert, fand ich etwa 500 Schritte lang, 100 breit. Von der Höhe der Solfatara erblickt man durch eine Kluft genau S. einen etwas grösseren Süsswasser-See von bewaldeten Bergen umgeben, er heisst Jaruánan. Die Nacht wurde in einem verfallenden Schuppen an der SO. Ecke des Sees Malaksan zugebracht. Am folgenden Morgen stiegen wir über das Bergjoch im Süden, dicht neben der Solfatara des Dánan vorbei, in ½ Stunde zum See Jaruánan hinab.

Hütte auf einem Baum.
Hütte auf einem Baum.

Dieser See, so wie der Malaksan flösst den Eingeborenen wegen der bedenklichen Nachbarschaft der Solfatara abergläubische Furcht ein; er war daher angeblich noch von keinem Schiffer, Fischer oder Schwimmer entweiht und sehr fischreich. Um seine Tiefe messen zu können, liess ich ein Floss aus Bambus bauen. Als mich aber meine Begleiter ungefährdet im See schwimmen sahen, sprangen sie alle ohne Ausnahme hinein und tummelten sich im Wasser mit besonderem Behagen und grossem Jubel, als wollten sie sich für die lange Zurückhaltung entschädigen. Das Floss wurde daher erst gegen 3 Uhr fertig. Die Sondirungen ergaben für den mittleren Theil des Beckens, das am Südrande etwas steiler als am Nordrande, 13 Brazas = 21,7 Meter Tiefe; die grösste Länge des Sees beträgt gegen 800 Varas (668 Meter), die Breite etwa halb so viel. Indem wir Abends bei Fackelschein über den Bergrücken nach unserm Nachtquartier am sauren See zurückkehrten, kamen wir an der sehr bescheidenen Wohnung eines Ehepaares vorüber: drei aus gemeinschaftlichem Stamm auseinander strebende, in gleicher Höhe abgestutzte Aeste trugen eine Hütte von Bambus und Palmenblättern, 8′ im Geviert. Ein Loch im Boden bildete den Eingang, sie war in Zimmer und Vorzimmer getheilt; vier Bambusstangen trugen oben und unten eine Bambuslage, erstere diente als Balkon, letztere als Laden, in dem Betel verkauft wurde.

Der folgende Tag wurde, da es stark regnete, benutzt, um Erkundigungen über den Weg zum Bitosee einzuziehn. Wir erhielten sehr abweichende Angaben über die Entfernung, Alle stimmten aber überein, den Weg dahin abschreckend zu schildern. Eine beschwerliche Reise von wenigstens zehn Stunden schien uns das Wahrscheinlichste.

Tags darauf gelangten wir in einer Stunde auf angenehmem Waldwege an den Bitofluss und fuhren in dort vorgefundenen Nachen flussaufwärts zwischen flachen, sandigen, mit hohem Rohr und Schilf bestandenen Ufern. Nach 10 Minuten zwangen uns queer über den Strom gestürzte Bäume einen Umweg zu Lande zu machen, der uns nach einer halben Stunde wieder an den Fluss oberhalb der Hindernisse führte. Hier bauten wir Bambusflösse, auf denen wir, da das Material sehr knapp bemessen, einen halben Fuss tief eintauchend, in 10 Minuten den See erreichten. Wir fanden ihn mit grünen Conferven bedeckt; ein Doppelsaum von Pistien und 6 bis 7′ hohen breitblättrigen Riedgräsern fasste ihn ein, in S. und W. erheben sich niedrige Hügel, von der Mitte erscheint er fast kreisrund, ringsum Wald. Coello giebt den See viel zu gross an (4 statt 1 Sm.), seine Entfernung von Abúyog kann nur wenig über 1 Legua betragen. Mit Hülfe einer aus Lianen zusammengeknüpften Schnur und alliniirter Stäbe fanden wir seine Breite = 585 Brazas = 977 Met. (die breiteste Stelle dürfte wenig über 1000 Met. betragen); die Länge berechnete sich nach einigen unvollkommenen Peilungen auf 1007 Brazas (1680 Met.), also weniger als 1 Sm. Sondirungen ergaben ein sanft geneigtes, in der Mitte 8 Braz. (13m.3) tiefes Becken. Gern hätte ich die Verhältnisse genauer bestimmt, aber Mangel an Zeit, Unzugänglichkeit des Uferrandes und die elende Beschaffenheit unseres Flosses erlaubten nur einige rohe Messungen.

Am Strande war keine Spur menschlicher Wohnungen wahrzunehmen, aber eine Viertelstunde Weges vom Nordrande fanden wir, von tiefem Schlamm und stacheligen Calamus umgeben, eine bequeme Hütte, deren Insassen zwar als Cimarronen jedoch in Fülle und mit grösserer Bequemlichkeit als manche Dorfbewohner lebten. Man nahm uns sehr gut auf, Fische waren reichlich vorhanden, auch Tomaten und Capsicum, um sie zu würzen, und Teller von englischem Steingut, um sie zu verzehren.

Bis vor kurzem wurde in dieser Gegend viel Tabak gebaut, und sein Verkauf unter gewissen Beschränkungen den Bauern gestattet. Neuerdings war verboten worden den Tabak anders als an die Regierung zu verkaufen, und zwar zu einem von ihr selbst bestimmten so äusserst niedrigen Preise, dass der Tabakbau fast ganz aufgehört hatte. Da aber die Tabakregie bereits Speicher errichtet und Einnehmer angestellt hatte, so sahen die Eingeweihten richtig voraus, dass demnächst der Zwangsbau eingeführt werden würde, wie es auf ähnliche Weise an andern Orten geschehen war. — Die Ostküste von Leyte soll sich heben, während an der Westseite das Meer die Küste zerstört, bei Ormog soll es in 6 Jahren um 50 Ellen vorgedrungen sein.

Notes in this chapter

Note 1 · Auf Pigafetta’s Karte ist Leyte in zwei Theile getheilt, der nördliche heisst Baibay, der südliche Ceylon. Als Magellan in Massana (LimasanaNote 2 · Nach Dr. Gerstäcker: Oedipoda subfasciata de Haan, Acridium manilense Meyen. Meyen’s Name, den die Systematiker übersehn haben müssen, hat dNote 3 · Nachdem sich der König zurückgezogen, .. »wurde Zuckerwerk und Kuchen in Fülle gebracht, auch gebratene Heuschrecken, die den Gästen als groNote 4 · Die Namen dieser beiden Ortschaften sind auf Coello’s Karte vertauscht, Buráuen liegt S. von Dagami. ↑Note 5 · 950 Brazas südlich vom Kastel von Abuyog mündet ein kleiner Fluss. ↑Note 6 · Gobius Giuris Buch. Ham ↑Note 7 · Der See hatte damals nur einen Ausfluss; in der nassen Jahreszeit mag er aber wohl mit dem Mayo in Verbindung stehn, da sein NO-Rand ganz flNote 8 · Die Insel Leyte, zwischen 9° 49′ und 11° 34′ N., und 124° 7′ und 125° 9′ O. Gr., ist über 25 Meilen lang, fast 12 Meilen breit und hat 170 □Note 9 · Am Tage nach meiner Ankunft in Taclóban entstand Nachmittags ein Geräusch, wie das Brausen eines Wildbachs; die Luft verfinsterte sich, es sNote 10 · Am folgenden Tage fuhr ich mit dem Pater von Dagámi (in Leyte giebt es Strassen) von Taclóban südlich nach Pálos und Tanáuan, zwei blühendenNote 11 · Am Tage nach meiner Rückkehr in Buráuen fuhr mich ein gefälliger spanischer Kaufmann durch die mit Reis, Mais und Zuckerrohr bebaute fruchtbNote 12 · Die Häufigkeit der Wildschweine hatte die Einsiedler zur Erfindung einer eigenthümlichen Vorrichtung veranlasst, um selbst im Schlaf von derNote 13 · Am folgenden Morgen waren unsere einheimischen Begleiter schon in aller Frühe betrunken. Dies führte zur Entdeckung eines andern Gewerbes de
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