DREIZEHNTES KAPITEL
Reading edition
REISEN IN SÜD-CAMARINES, FORTSETZUNG. — BATU-SEE. — INDISCHE PRIESTER. — NIEDERLASSUNG VON WILDEN. — FEIER DER KREUZBULLE. — BUHI-SEE. — VULKAN YRIGA. — ANANASFASERN. — PFEILGIFT. — BLUTEGEL. — SOLFATARE YGABO. — KIESELSPRUDEL VON TIBI.
Anderthalb Stunden nach der Abfahrt von Polángui erreichten wir den Ort Bátu, in der NW. Ecke des gleichnamigen Sees. Die Leute, besonders die Frauen fielen mir wegen ihrer Hässlichkeit und geringen Reinlichkeit auf. Obgleich sie unmittelbar am See wohnen und täglich ihr Trinkwasser daraus schöpfen, scheinen sie nur selten darin zu baden. Die Strassen des Dorfes sind gleichfalls schmutzig und vernachlässigt, was zum Theil wohl daran liegt, dass der Geistliche ein Eingeborner ist.
Als ich denselben See im Februar wieder besuchte, fand ich sein Wasser so bedeutend gefallen, dass ringsum ein breiter Saum trocken lag, der an manchen Stellen über 100′ maass. Das Algengewirr war bei dem allmäligen Zurücktreten des Wassers zu einem dichten, zolldicken, von der Sonne völlig gebleichten Filzteppich zusammengesunken, der sich als ein einziges grosses Tuch rings um den Rand des Sees ausspannte und über die Sträucher fort hing, die bei meinem ersten Besuch unter Wasser standen. Nie habe ich etwas ähnliches gesehn oder erwähnt gefunden. Der Stoff, der in Streifen von beliebiger Länge umsonst zu haben war, erwies sich so vortrefflich zu Flintenpfropfen, zum Ausstopfen von Vogelbälgen und zum Verpacken, dass ich eine grosse Menge davon mitnahm. Diesmal war auch die Vogeljagd ergiebig.
Der eingeborene Priester von Bátu klagt sehr über seine Pfarrkinder, die ihm nichts zu verdienen geben: »Keine Messen Herr; ja dies ist ein so elendes Nest, dass kaum Todesfälle vorkommen. In D. wo ich Coadjutor war, hatten wir täglich unsere zwei Beerdigungen zu drei Dollar das Stück, und Messen zu einem Dollar, mehr als wir lesen konnten; — ausserdem Taufen und Trauungen, die doch auch etwas einbringen; hier aber ist nichts, gar nichts zu verdienen.« Er hatte sich daher mit Eifer auf den Handel gelegt. Die eingeborenen Geistlichen machen ihrem Stande in der Regel wenig Ehre. Unglaublich unwissend, sehr liederlich, nur in den Aeusserlichkeiten ihres Dienstes unterrichtet, bringen sie einen grossen Theil ihrer Zeit mit Spielen, Trinken und andern sündhaften Dingen zu. Sie bemühen sich nicht einmal den äussern Anstand zu wahren, ausgenommen bei der Messe, die sie mit drolliger Würde lesen, ohne ein Wort davon zu verstehn. Häufig sind Mädchen und kleine Kinder im Convento, Alles isst mit den Fingern gemeinschaftlich aus einer Schüssel. Der hiesige Priester stellte mir unaufgefordert zwei hübsche Mädchen als seine beiden armen Schwestern vor, die er trotz seiner grossen Dürftigkeit unterhielte; ihre Töchter wurden aber von den Dienern ohne Scheu Töchter des Cura genannt.
Der Grundsatz der spanischen Kolonialpolitik, eine Kaste durch die andere in Schranken zu halten, damit keine zu mächtig werde, scheint die Ursache, warum ein grosser Theil der Pfarrstellen mit Eingeborenen besetzt wird (angeblich die Hälfte, nach einer gesetzlichen Bestimmung die ich vergeblich gesucht habe). Die Klugheit dieser Maassregel mag wohl zweifelhaft erscheinen. Der spanische Cura hat grossen Einfluss in seiner Gemeinde und bildet vielleicht das einzige feste Band zwischen der Kolonie und dem Mutterlande; in beiden Punkten gewährt der einheimische Priester keinen Ersatz; er geniesst gewöhnlich selbst bei seinen Landsleuten nur wenig Achtung; Anhänglichkeit an Spanien hat er nicht, namentlich hasst und beneidet er seine spanischen Amtsbrüder, die ihm die schlechtesten Stellen übrig lassen und ihn verachten.
Von Bátu reitet man auf guter Strasse N. b. O. in einer halben Stunde im Schritt nach Nábua. Das Land ist flach, zu beiden Seiten Reisfelder; während aber in Bátu der Reis damals gepflanzt wurde, war er in Nábua fast reif. Ich habe über diesen auffallenden Umstand keine genügende Auskunft erhalten können und weiss den dadurch angedeuteten schroffen klimatischen Unterschied zwischen zwei so nahe gelegenen, durch keine hohe Bergwand getrennten Orten nicht zu erklären. Die Menschen sind hässlich und schmutzig und unterscheiden sich darin merklich von den Tagalen. Nábua (10,875 E.) wird von mehreren kleinen Flüssen durchschnitten, die aus den Bergen in Osten kommend hier einen kleinen See bilden, dessen Ausfluss bei Báo durch Aufnahme von Bächen abermals zu einem See anschwillt und sich dann in den Bícol ergiesst. Dicht vor der zweiten Brücke in Nábua wendet sich die Strasse ostwärts und führt in gerader Linie nach Yriga, im Südwesten des gleichnamigen Vulkanes belegen.

Rancho auf dem Abhange des Yriga.
Nach einem vergeblichen Versuch den Yriga von hier aus bis zum Gipfel zu besteigen, ging ich um seinen Südwestrand nach Buhi im Südwinkel des Buhi-See’s. Zehn Minuten nach der Abreise von Yriga kommt man an eine Stelle, wo der Boden unter dem Hufschlag hohl klingt. Unzählige kleine, im Mittel 50 Fuss hohe Hügel erheben sich aus der Ebene. Im Norden erblickt man den grossen Krater des Yriga, dessen dem See zugewendete Ostseite eingestürzt ist. Von Yriga her erscheint der Vulkan als ein geschlossener Kegel. Der See hat etwa 1½ Meilen Umfang. Die Hügel bestehn an dieser Stelle aus Basalt, bei Buhi aus grobgeschichteten Rapilli, die Schichten fallen gegen den Yriga ein, der NW. davon liegt. Von einem der höchsten der Basalthügel betrachtet, sieht es aus als wären diese kleinen Anhöhen Ueberreste eines grossen ehemaligen Kraters, der, vielleicht durch Erdbeben zertrümmert, später durch Erosion in diese zahlreichen kleinen Kuppen umgestaltet wurde.
In Buhi liess der freundliche Pfarrer durch Trommelschlag verkünden, dass der eben angekommene Fremde allerlei Thiere zu haben wünsche, Thiere der Erde, der Luft und des Wassers, Thiere der Berge, der Wälder und Felder, und alles baar bezahlen würde. Es wurden aber von den zahlreich herbeiströmenden Neugierigen nur Thiere der Häuser und der Leiber, Schaben, Tausendfüsse und andres Ungeziefer gebracht, die, nachdem sie zu Einlasskarten gedient, als seltene Waare verwerthet werden sollten.
Am folgenden Tage sah ich einen bunten Aufzug: Voran die spanische Fahne, welcher die Dorfpauke, 7×4 Reiter in kurzen Jacken und flatternden Hemden, ein Dutzend Musikanten und schliesslich als Hauptfigur der Träger einer rothseidenen Standarte folgten; eine Ehre, die den Bevorzugten nicht wenig stolz macht und zu einem Schmaus mit reichlichen Spenden von Kokoswein verpflichtet. Er sass zu Pferde, affenartig aufgeputzt, auf dem Kopf einen Dreimaster, der statt goldener Tressen, mit buntem Papier beklebt war, über dem Frack eine papierene Weiberpelerine, kurze enge gelbe Hosen, lange weisse Strümpfe und Schuhe. Rock und Hose waren gleichfalls statt der Tressen mit Papier benäht. Auf ähnliche Weise war das von zwei Cabezas geführte Pferd verziert. Nachdem der Zug sich durch die Strassen des Dorfes bewegt, machte er vor der Kirche Halt.
Der Buhi-See (92 Meter Meereshöhe) ist malerisch schön, fast auf allen Seiten von über tausend Fuss hohen Bergen umgeben; sein Westrand wird von dem noch vorhandenen Theil des Yriga-Kraters gebildet. Wie mir die Pfarrer der umliegenden Ortschaften mittheilten, soll der Vulkan bis zu Anfang des 17ten Jahrhunderts ein geschlossener Kesselberg gewesen, und als er bei einem grossen Ausbruch zur Hälfte einstürzte der See entstanden sein. Uebereinstimmend damit heisst es im Estado geogr. S. 247 (der wahrscheinlichen Quelle jener Mittheilungen): Am 4. Januar 1641, einem denkwürdigen Tage, weil zur selben Stunde alle damals in diesem Archipel bekannten Vulkane ausbrachen, stürzte in der Provinz Camarínes ein grosser, von Ungläubigen bewohnter Berg ein, und an seiner Stelle erschien ein schöner See, an welchen die Bewohner des (damaligen) Dorfes Buhi übersiedelten, weshalb er fortan Buhi-See genannt ward.
A. Perrey (S. 48) führt einen Ausbruch vom Jahre 1628 in Camarínes an, der gleichfalls auf jenes Ereigniss bezogen werden könnte:

Vulkan Yriga von Ost-Süd-Ost.

Vulkan Yriga von Südwest.
Auch von Tambong aus, einer kleinen zu Buhi gehörigen Visita am Seeufer, glückte es mir diesmal nicht die höchste Spitze zu erreichen. Wir gelangten Abends auf den südlichen Zacken des Kraterrandes (1041 Meter nach meiner Bar. Beob.), wo uns eine tiefe Schlucht am weiteren Vordringen hinderte. Die Ygorroten verliessen mich, die Indier weigerten sich zu bivuakiren um am folgenden Tage die Reise fortzusetzen; ich musste umkehren. Spät Abends kamen wir durch eine Kokospflanzung am Fuss des Berges und fanden Obdach gegen ein Gewitter bei einer freundlichen Alten, der meine Diener so viel vorlogen, dass wir trotz unseres Misserfolges, als der Regen nachgelassen, mit Fackeln nach Tambong geleitet wurden und den Palmenhain um den kleinen Weiler mit hellstrahlenden Freudenfeuern von trocknen Kokosblättern zauberhaft schön erleuchtet fanden, zu Ehren der »Conquistadores del Yriga«. Ich musste die Nacht in Tambong bleiben, weil die Leute zu zaghaft oder zu faul waren über den bewegten See zu fahren.
In Buhi, das nicht hinreichend gegen den NO. gedeckt ist, regnete es fast so viel wie in Darága. Ich hatte mit den Ygorroten ausgemacht, dass sie einen Pfad durch das hohe Rohr bis zum Gipfel durchschlagen sollten, es unterblieb aber wegen des anhaltenden Regens, und ich entschloss mich über den Malinao zu steigen, längs der Küste in mein Standquartier zurückzukehren und neu ausgerüstet den Bicolfluss bis Naga hinabzufahren.
Bevor wir uns trennten bereiteten die Ygorroten noch Pfeilgift für mich, aus zwei Baumrinden, von denen sich Proben unter B. 103 und B. 104 in der botanischen Sammlung der Berl. Universität befinden. Ich bekam nur die Rinden zu sehn, weder Blätter noch Blüthen. Die Bastschicht der Rinde B. 103 wurde zerklopft, ausgedrückt, angefeuchtet und noch einmal ausgedrückt. Dies geschah mit der blossen Hand, die aber nicht verletzt sein darf. Der Saft sieht wie dünne Erbsensuppe aus, er wird in einem Topfscherben über schwachem Feuer eingedampft, wobei er an den Rändern gerinnt. Das Coagulum löst sich durch Umrühren wieder in der kochenden Flüssigkeit. Ist diese zu Syrupsdicke eingedampft, so wird von der innern Oberfläche der Bastschicht B. 104 eine geringe Menge, etwa 1⁄10 so viel als B. 103, abgeschabt und über dem Topf ausgedrückt; dieser Saft ist dunkelbraun. Wenn das Gemenge die Konsistenz einer zähen Salbe hat, so wird es mit einem Span aus dem Scherben herausgekratzt und in einem mit Asche bestreuten Blatt aufbewahrt. Zum Vergiften eines Pfeils verwendet man ein Stück von der Grösse einer Haselnuss, das durch Erwärmen gleichmässig über die breite eiserne Spitze vertheilt wird. Ein vergifteter Pfeil dient viele Male.

Die Spitze a liegt von Tibi gesehn S. 49°7; b 54°8; d 64°2; e 67° W.; die Einsenkung c S. 59°5 W.
Nicht weit von Tibi, genau NO. vom Malinao, liegt eine schwache Solfatara, Igabó genannt: in der Mitte einer rings von Bäumen umgebenen Rasenfläche ist eine kahle Stelle von ovaler Form, nahe hundert Schritt lang, 70 breit. Der ganze Raum ist mit kopfgrossen und grösseren, durch Zersetzung abgerundeten Steinen bedeckt, beim Zerschlagen lösen sich von der Oberfläche dünne konzentrische Schalen, der Kern ist grau und besteht aus Trachyt. An einigen Stellen sprudelt aus dem Boden heisses Wasser, das sich zu einem kleinen Bach sammelt, einige Weiber waren beschäftigt ihre Mahlzeit zu kochen, indem sie mittelst eines Netzes Caladiumschnitte in das dem Siedepunkt nahe Wasser hingen. An der untern Fläche einiger Steine war ein wenig Schwefel sublimirt, von Alaun kaum Spuren wahrnehmbar; in einer Vertiefung hatte sich Kaolin angesammelt; es wird gelegentlich zum Anstrich benutzt.

Kieselsprudel bei Tibi.
Rother Kegel. Weisser Kegel.

Der weisse Kegel.

Der rothe Kegel.

Pavavá
Gestell und Kasten von Bambus, Verbände und Nasenseil des Büffels von Stuhlrohr, Dach von Pandanusblättern.