II. Albuminoiddrogen.
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An die Membranindrogen, die nicht mit Sicherheit zu den Polysacchariden gezählt werden können, mag eine Gruppe von Drogen angeschlossen werden, von denen einige eine äußerliche Ähnlichkeit mit den Faserstoffdrogen besitzen (wie die Seide und Wolle), die aber alle kolloidale Albuminoide enthalten oder aus diesen bestehen. Die Spaltungsprodukte der Albuminoide, die einerseits Säuren, andererseits Basen sind, gehören vorwiegend zur aliphatischen Reihe, z. B. Glycocoll, Leucin, Serin, die Asparaginsäure, die Glutaminsäure, Lysin (α-ε-Diaminocapronsäure) und Arginin, oder enthalten doch einen aliphatischen Kern wie die Phenylaminopropionsäure und das Tyrosin. Daneben finden sich allerdings auch zyklische Verbindungen wie das Prolin. Ferner sind darin über das Glukosamin zu den Kohlehydraten hinüberleitende Hexonbasen gefunden worden.
Glycocoll = CH2(NH2).COOH. Alanin = CH3.CH(NH2).COOH. Serin = CH2OH.CH(NH2).COOH. Phenyl-α-aminopropionsäure (Phenylalanin) = C6H5.CH2.CH(NH2).COOH. Tyrosin = C6H4OH.CH2.CH(NH2).COOH (β-Oxyphenyl-α-Aminopropionsäure). δ-Leucin = Asparaginsäure = COOH.CH2.CH(NH2).COOH. Glutaminsäure = COOH.CH2.CH2.CH(NH2).COOH.



Prolin (α-Pyrrolidincarbonsäure) Oxyprolin (Oxypyrrolidincarbonsäure)


Arginin Histidin
Zu den Albuminoiden gehören die Keratine, Elastin (im elastischen Gewebe), Kollagen (leimgebende Substanz) und Glutin, die wichtigsten Albuminoide des Körpers der Wirbeltiere; ihnen reihen sich an das Spongin (in den Schwämmen), Kornein (im Achsenskelett der Korallen) und die Bestandteile der Seide (Seidenleim und Fibroin) und der Wolle.
1. Gelatine.
Die farblose, durchsichtige, geschmack- und geruchlose Blätter bildende Gelatine (Gelatina in foliis, in tabulis) wird aus Knochen dargestellt, kann aber auch aus Sehnen oder Knorpel dargestellt werden [die Technik unterscheidet vom Leim: Lederleim (aus Haut) und Knochenleim]. Die medizinale Gelatine, die als Gelatina animalis und G. soluta sterilisata in den Pharmakopoeen sich befindet, ist ein meist aus Kalbsfüßen dargestellter, mit besonderer Sorgfalt gereinigter Knochenleim. Der Leim geht durch Kochen mit Wasser aus albuminoïden Kollagenen (leimgebenden Substanzen) hervor, die sich bei den Vertebraten als Grundsubstanz in den Fibrillen des gewöhnlichen Bindegewebes (Bänder, Sehnenfascien) und als organische Grundsubstanz der Knochen und Knorpel, meist mit Mukoiden und Albumoiden vereinigt, finden.
Das Kollagen verschiedener Gewebe scheint eine verschiedene Zusammensetzung zu haben. Die käufliche Gelatine enthält 51,45% C, 7,08% H, 17,47–18,18% N und 0,41–0,46% S (SADIKOFF). In chemisch-technischem Sinne unterscheidet man zwei Leimformen, den Knochenleim (Glutin) und den Knorpelleim (Chondrin). Chondrin ist aber ein Gemisch (MÖRNER).
Die Darstellung des Knochenleims erfolgt in der Weise, daß man die gewaschenen Knochen entfettet und ihnen den Leim dann durch Kochen mit Wasser oder Behandeln mit überhitzten Dampf entzieht.
Leim oder Glutin (Glutein, Colla) ist ein kompliziert zusammengesetzter Eiweißkörper (C13H20N4O5?), der bei der Spaltung 16,5% Glycocol), 14% Glutaminsäure, 9,3% Arginin, 5% α-Prolin, 5–6% Lysin, 3% Oxy-α-Prolin, 2,1% Leucin und weniger wie 1% NH3, Alanin, Asparaginsäure, Serin, Phenylalanin und Histidin liefert und auch einen Kohlehydratkomplex enthält. Auffallend ist der hohe Gehalt an Glycocoll, die Armut an NH3 und Histidin und das Fehlen von Tyrosin und Tryptophan. Von basischem Stickstoff enthält der Leim 35,38% des Gesamtstickstoffs. Das Glutin verschiedener Provenienz zeigt eine etwas verschiedene Zusammensetzung. Glutin aus Sehnen enthält 50,9–50,11% C, 6,56–6,80% H, 17,81–18,59% N, 0,26–0,53% S, Glutin aus Knorpel enthält 50,22–50,46% C, 6,8–7,12% H, 17,72–17,80% N, 0,52–0,63% S (SADIKOFF). Über andere Glutine vgl. die Tabelle bei OPPENHEIMER, Handb. d. Biochemie I, 337. Auch reinste käufliche Gelatine enthält immer Spuren Eiweiß. Es ist sehr schwer, aus ihr wirklich reines Glutin darzustellen (SADIKOFF). Leim quillt in Wasser, ist aber darin unlöslich, mit heißem Wasser gibt er eine kolloidale Lösung, die stark klebt. Über die Bedingungen der Gelatinierung, Erstarrung, Quellung und den Schmelzpunkt sind die Arbeiten von PAULY und RONA, OSTWALD und die Zeitschrift für Kolloidchemie zu vergleichen.
Durch längeres Kochen seiner wässrigen Lösung oder zweitägiges Verweilen bei 37° verliert der Leim seine Fähigkeit zur Gelatinierung. Es entsteht β-Gelatine (NASSE), die eine niedrigere spez. Drehung als die linksdrehende Gelatine besitzt (NASSE, FRAMM, KRÜGER). Die Reaktionen des Leims siehe bei OPPENHEIMER. Durch Essigsäure, Ferrocyankalium und Schwefelsäure wird Glutin nicht gefällt (Unterschied von den echten Eiweißkörpern). Gerbsäurelösung erzeugt noch in sehr verdünnten Lösungen einen weißen, flockigen Niederschlag. Auf der Bindung der Gerbsäuren durch Leim beruht die Verwendung von Hautpulver zur Bestimmung der Gerbstoffe.
DIETERICH fand in Gelatina alba D. A. IV 1,83–2,14% Asche und 17,28 bis 17,46% Wasser, in Gelatineleim 1,14–3,07% Asche und 11,72–20,59% Wasser, im Knochenleim 1,57% Asche und 17,66% Wasser. Die Asche darf nicht über 2% betragen (D. A. V) und soll kein Kupfer enthalten.
Medizinal-Gelatine darf nicht gebleicht sein. Das D. A. V läßt auf schweflige Säure prüfen: die mit Wasser angequollene Gelatine wird mit Phosphorsäure erhitzt und ein angefeuchteter Kaliumjodidpapierstreifen in die Mündung des Kolbens gehängt.
Die sterilisierte Gelatine wird subkutan, intravenös und in Form von Klysma als Hämostatikum benutzt, zu welchem Zwecke Gelatine schon im III. Jahrh. n. Chr. in China und Japan in Gebrauch war, in Europa seit 1896. Reines Glutin bewirkt durch Agglutination der Blutkörperchen eine Gerinnung des Blutes (KAPOSI), während seine Derivate, ebenso wie das Hirudin, gerinnungshemmend wirken. Bei der Darstellung der Gelatina sterilisata muß also Peptonisierung vermieden werden. Die Sterilisierung erfolgt im Autoklaven bei 100° an drei aufeinanderfolgenden Tagen je 15 Minuten lang. Zwischen den Sterilisationen werden die Röhrchen im Brutschrank bei 35° gehalten (Pharm. helvet. IV. Ebenda eine Prüfung der Gelal. sterilisat.).
Die gewöhnliche reine Gelatine dient zu Gelatine-Bougies, zu medizinischen Gallerten (nach ALMÊN) und zu Fruchtgelees. Rote (meist mit Fuchsin oder Bordeauxrot extra gefärbte) sowie braune Gelatine (Weinschöne) sind vom medizinischen Gebrauch auszuschließen, die eine dient zur Herstellung von Gelees (wie die weiße G.), die andere zur Klärung trüber Weine. An Klebefähigkeit steht die Gelatine der Hausenblase nach. Die photographischen Trockenplatten werden jetzt meist mit einer Jod-, Brom- oder Chlorsilber-Gelatine hergestellt, da Silber-Gelatinen sehr lichtempfindlich sind. Ebenso spielt die Chromgelatine in den photographischen Reproduktionsverfahren eine große Rolle, da der «Chromleim» durch das Licht auch in heißem Wasser unlöslich wird (EDER).
DIOSKURIDES erwähnt κόλλα (ξυλοκόλλα, ταυροκόλλα) und seine medizinische Benutzung zu äußerlichen Zwecken. Als bester Leim galt der weiße Leim von Rhodus, «wo er aus Ochsenhäuten gemacht wird».
Lit. Über Leimbereitung vgl. DAWIDOWSKY, Die Leim- und Gelatinefabrikation. Wien 1893, VALENTA, Klebe- und Verdickungsmittel und T. F. HANAUSEK, Artikel Leim in LUEGERS Lexikon (dort auch die Handelssorten). — HELL, Artikel Gelatine in Real-Enzyklop. d. ges. Pharm. — OPPENHEIMER, Handb. d. Biochem. — RÖHMANN, Biochemie. — LEVENE, Über d. Spaltung d. Gelatine. Zeitschr. phys. Chem. 37 (1902), 81. — SADIKOFF, Sehnenglutin, Knorpelglutin, Zeitschr. f. phys. Chem. 39 (1903). — OSTWALD, Pflüg. Arch. 108 (1906). — NASSE bei Oppenheimer I, 338. — DIETERICH, Helfenberger Ann. 1900–1904. — KISSLING, Fortschr. auf d. Gebiete d. Chem. usw. des Leims. Chem. Zeit. 35, 423. — Über Gelatinepräparate vgl. den Gehe Codex.
2. Os Sepiae.
Die im Rücken des in allen europäischen Meeren vorkommenden, zu den Kephalopoden gehörenden Tintenfisches, Sepia officinalis L. sitzende Schulpe wird nach Verwesung des Tieres vom Meer ausgeworfen. Sie ist das weiße Fischbein, Os Sepiae. Sie bildet eine flache, beiderseits gewölbte, in der Mitte bis 2 cm dicke, bis 2,5 cm lange und 7 cm breite, an den Enden zugeschärfte Schuppe, die neben 80–85% Calciumcarbonat vornehmlich aus Leim- und Knorpelsubstanz besteht. (Beschreibung des Tieres und der Schulpe bei VOGL und BERG.)
3. Cornu cervi raspatum.
Das geraspelte Geweih des Hirsches, Cervus Elaphus, enthält neben 57,5% Calciumphosphat und 1% Calciumcarbonat 27% Knorpelsubstanz.
4. Ichthyocolla.
Fischleim, Colla piscium, Ichthyocolla, Hausenblase, Colle de poisson, Ichthyocolle, Isinglass, Fishglue, ist die getrocknete, präparierte, innere, pulpöse und vaskuläre Haut der Schwimmblase verschiedener in europäisch-asiatischen Gewässern vorkommenden, zu den Knorpel-Ganoiden gehörenden Acipenser-(Stör-)Arten, zu denen der Hausen A. Huso L. (Bjeluga) gehört, der im Schwarzen Meere und den in dieses mündenden Strömen vorkommt, ferner der Scherg oder Sewerjuga (A. stellatus PALL.) im Kaspischen und Schwarzen Meer, der Sterlet (A. Ruthenus L.) im Schwarzen und Asowschen Meer, im Baikalsee und Nördlichen Eismeer und der Ossetr (A. Güldenstädtii BR.) im Schwarzen und Kaspischen Meer und dem Baikalsee. Die Fische sammeln sich zur Laichzeit an den Flußmündungen und gehen auch in großen Scharen in die Flüsse (Wolga, Ural, Emba, Dnjestr, Dnjepr) hinauf und werden dort in großen Mengen gefangen. Der Eierstock bildet den Caviar, die Schwimmblase die rohe Ichthyocolla. Ein Fisch liefert 100–150 g Hausenblase. Die Blasen werden aufgeschnitten, abgewaschen (bisweilen in Kalkwasser eingeweicht) und auf Bretter gespannt getrocknet. Die halbgetrockneten Scheiben werden durch Reiben von der äußeren, nicht leimgebenden Silberhaut befreit und dann, das Innere nach außen gekehrt, aufgespannt, fertig getrocknet (Blätterhausenblase, I. in foliis), oder in eine der anderen Handelsformen gebracht («gebrackt»). Mehrere, gefaltet übereinander gelegte Blätter bilden die Bücherhausenblase, zusammengerollte die Rollenhausenblase, ausgewalzt und in Fäden geschnitten ist die Fadenhausenblase (I. in filis), zwischen zwei Nägeln hufeisenförmig, herzförmig oder lyraförmig gebogen die Leier-, Klammern-, Kranz- oder Riegelhausenblase. Schlechte Sorten sind die Klumpen-, Zungen-, Band- oder Krümelhausenblasen. Die tongs und Beutel sind unpräparierte Schwimmblasen.
Rußland exportiert im Jahr c. 100000 kg. Handelszentren für Hausenblase sind besonders Nischni Nowgorod und Petersburg (bisweilen wird die Hausenblase erst hier gebrackt). In den Dogghallen Londons sah ich große Mengen. Die beste Sorte ist die Astrachaner, besonders die sog. Patriarchenhausenblase (Blätter und Klammern), die meist von A. Güldenstädtii stammt und deren Oberfläche ein sehr charakteristisches blaues Irisieren zeigt, dann die kleinen Blätter von A. stellatus (Blätter und Bücher) und die dicken und reinen Blätter von A. Huso.
Hamburg importierte 1908 Hausenblase (echte und unechte) 220810 kg, davon aus Japan: 182580 (Agar?), russischen Ostseehäfen: 7670, Brasilien: 6810, China: 5410.
Deutschland führte 1909: 148 dz Hausenblase aus Rußland ein.
Der deutsche Großhandel unterscheidet (1910): Beluga, Blätter extraf. Salianski, nat. Blätter und Schnitzel und gebleichte Blätter und Schnitzel in vielen Sorten, dann (weniger wichtig): Premislowoy, Assetrowa, Astrachan, uralische Hausenblase usw. [sowie (als Sekundaware): Samovy (s. hinten unter Paralleldrogen) und sibirische Hausenblase]. In London werden besonders gehandelt (1907): Brasilianische Zungen (tongues), Maracaibo (Herzform), Venezuela (Zungen und Taschen).
Die Hausenblase bildet weiße oder gelbliche, durchscheinend-hornartige, in der Richtung der Fasern zerreißbare, bisweilen geschmacklose, aber stets etwas, manchmal sogar ziemlich stark riechende Stücke, die bisweilen mit schwefliger Säure oder durch Schnee und Salz gebleicht sind (die Formen abgebildet bei DIETERICH). Sie quillt in kaltem Wasser und löst sich in kochendem Wasser zu einer kolloidalen, stark klebenden, neutralen oder schwach alkalischen Flüssigkeit, die, wenn konzentriert, gelatiniert. Die wenig haltbare Lösung wird durch Zusatz von 1⁄15 Glycerin haltbar (MEYER). Das Bindegewebe der Hausenblase besteht aus sehr charakteristischen, büschelig-pinselig angeordneten Fibrillen (Abbild. bei PROLLIUS).
SCHERER gibt die Zusammensetzung zu 49,5% C, 6,9% H, 18,8% N, 24,8% O an, also annähernd wie bei dem Glutin (s. d.). JOHN gibt 70,5% Tierleim, 16% Osmazom, 4% Milchsäure, K-, Na- und Ca-Salze, 2,5% unlösliche Haut und 7% Wasser an. Die Asche wird meist zu 0,5 (HENKEL, REDWOOD) bis 1,5 (ja sogar bis 5%), der unlösliche Rückstand zu 2–28% (2–15 DIETERICH), selten nur zu 1,5% (COP), das Lösliche zu 70–98% angegeben.
Russische, speziell Astrachaner Hausenblase ergab PROLLIUS: 0,2–1,2% Asche (höchstens 0,9% LETHEBY), 16–19% Wasser, 0,7–3% in Wasser unlöslichen Rückstand. MEYER fand in russischer Hausenblase 12% Unlösliches. K. DIETERICH fand (1909) bei russischer Hausenblase (Saliansky, Beluga, Samovy) folgende Grenzwerte: Wasser 13–20%, Asche 0,5–1,7% (darin 8–33% K2CO3), lösliche Anteile 65–81%, unlösliche 1–19%, Fett 0,1–1,2%, Collagen 79–85% (Rohglutin 66–82%). Die Jodzahl betrug 19–45, die Säurezahl 0–6. Die optische Drehung des Glutins war stets links, Schwefel war stets vorhanden. WINDISCH fand 15% N, SCHLIEPER bis 0,54% S (der hohe Gehalt wohl von der Bleichung mit S). Der Hauptbestandteil der Hausenblase ist also Collagen bzw. Glutin.
Hausenblase wird in der Pharmazie besonders zur Bereitung des Englisch-Pflaster und zum Klären trüber Flüssigkeiten (hierfür unentbehrlich!) benutzt, weniger zur Herstellung von Gelatinen (nur die ungebleichten Sorten!), viel in der Technik, z. B. zu Kitten.
Als Paralleldrogen können gelten: Hamburger Hausenblase von Acipenser Sturio L. gilt als eine gute Ersatzsorte. Hudsonsbay H. von A. brevirostris und rubicundus, meist in tongs. Die in immer größeren Mengen im Handel erscheinenden Neufundland- und Kanada-H. stammen jetzt meist von Gadus-, Merluccius- und Phycis-Arten. Samowij-H. von Silurus glanis (im Russischen Som), dem Wels, liefert in Rußland schöne dünne weiße Blätter. Indische H. von S. raita und Polynemus-Arten in Beuteln und Pfeifen, oft kalkhaltig. Chinesische H. von Sciaena lucida und Anguilla pekinensis, in langen Streifen. Brasilianische (Para) H. von Silurus- und Pimolarus-Arten in Röhren, Klumpen und Scheiben. Bandhausenblase von New York von Merluccius vulgar. (36% in Wasser unlöslich) und Gadus Morrhua. Westindische H. von Silurus Parkeri und Maracaibo H. (Herzform), beide 1910 im Handel. Isländische H. von Gadus Morrhua (vgl. hierzu auch PEREIRA, Heilmittellehre). Alle diese geben Lösungen von geringerer Viskosität und geringerer Klebkraft als die echte Hausenblase (PROLLIUS). Viele besitzen einen starken Fischgeruch und unangenehmen Geschmack. Im deutschen Handel waren 1910 die südamerikanischen Sorten: Brasilianische H. (Zungen), Maracaibo und Venezuela (Taschen).
In Hamburger H. fand PROLLIUS (1883) 1,3% Asche, 19% Wasser und 2,3% Unlösliches; Indische H. enthielt 8,6%, Nordische 10,8%, Isländische 21,6% Unlösliches. In amerikan. Hausenblase strip (Streifen) fand MEYER (1873) 30%, in sheet (Blätter) 18% Unlösliches.
Falsche Hausenblasen, die nichts mit Fischblasen zu tun haben, sind die falsche Parahausenblase (Eierstöcke des Silurus Parkerii), der Mainzer Fischleim, Leim aus Därmen von Lämmern und Ziegen, der in den Donaufürstentümern aus Haut, Därmen und Magen von Knorpelfischen dargestellte Leim, die Ichthyocolle francaise aus Blutfibrin und Tannin, die japanische H. (Agar) u. and. Nicht selten findet sich eine verfälschte H. im Handel, die durch Eintauchen der Blätter in Leimlösung oder Einlegen von Leimblättern zwischen die Buchhausenblase dargestellt wurde (REDWOOD und LETHEBY).
K. DIETERICH fand (1904) bei falschen Hausenblasen folgende Grenzzahlen in %:
H2O Asche K2CO3 in der Asche Löslich in H2O Unlöslich in H2O Fett Collagen Rohglutin Säurezahl Jodzahl
Chinesische H. 11–17 0,9–2,3 32–53 68–86 2–15 0,1–1,2 81–88 69–74 0 39–46
Amerikanische H. (Brasilien, Venezuela, Maracaibo Abfälle) 13–18 1–3,7 6–37 59–75 9–25 0,1–0,8 80–87 66–75 0–2,76 30–47
Verfälschte Saliansky (mit Leim getränkt) 16 0,6 72 82 1,5 0,3 83 82 3,8 37
H2O Asche K2CO3 in der Asche Löslich in H2O Unlöslich in H2O
Chinesische H. 11–17 0,9–2,3 32–53 68–86 2–15
Amerikanische H. (Brasilien, Venezuela, Maracaibo Abfälle) 13–18 1–3,7 6–37 59–75 9–25
Verfälschte Saliansky (mit Leim getränkt) 16 0,6 72 82 1,5
Fett Collagen Rohglutin Säurezahl Jodzahl
Chinesische H. 0,1–1,2 81–88 69–74 0 39–46
Amerikanische H. (Brasilien, Venezuela, Maracaibo Abfälle) 0,1–0,8 80–87 66–75 0–2,76 30–47
Verfälschte Saliansky (mit Leim getränkt) 0,3 83 82 3,8 37
Alle drehen links, alle enthalten Schwefel.
PLINIUS kennt Ichthyocolla, die man im Altertum, wie es scheint, besonders von A. Huso gewann. Er hat auch gehört, daß sie «aus dem Bauche» stammt und daß die pontische H., da am schnellsten löslich, am meisten geschätzt werde. Bei DIOSKURIDES finden sich Angaben über die medizinische Benutzung der ἰχθυοκόλλα (ἰχθύς = Fisch, κόλλα = Leim).
Lit. BRANDT-RATZEBURG, Med. Zoologie. — PEREIRA, Heilmittellehre. — JACKSON, Essay on british Isinglass. — VALENTA, Klebe- und Verdickungsmittel. — ROYLE, On the prod. of isinglass along the coasts of India 1842. (Dort Abbildungen der Zubereitung von JACKSON.) — WAGNER, Chem. Technol. — FISCHER-HARTWICH, Pharm. Praxis. — MOELLER-HUSEMANN in Realenzyklop. — VOGL, Arzneikörper. — BERG, Pharmakognosie (dort eine Beschreibung der Fischarten). — C. MEYER, Sol. of isinglass in water Am. journ. pharm. 1873, 258. — PROLLIUS, Über Collapiscium. Pharm. Centralh. 1883, 335. — K. DIETERICH, Zur Pharmakodiakosmie u. chem. Analyse d. Hausen- u. Fischblas. Dresden 1909. — WEIGEL, Pharm. Centralh. 1904. — HELFENBERGER Annalen 1897, 1900–1904. — Ältere Analysen von JOHN (in GMELINS Handb. d. Chem. II, 1468) und SALLY (bei ROYLE). — Vgl. auch die I, S. 390 erwähnten Werke.
5. Catgut.
Das Rohmaterial für das Catgut liefern die Därme des Schafes, die von gesunden Tieren entnommen, frisch verarbeitet und von allen Fett- und Fleisch-, Schleim- und Zottenteilen befreit werden müssen. Der Darm wird in zwei schmale Bänder aufgespalten und jedes dieser Bänder nach dem Aufspannen durch ein Drillierrad gedreht, wodurch sie sich von c. 3,1 m auf 3 m verkürzen und die Bänder zu Fäden werden. Stärkere Fäden erhält man durch Zusammendrillieren mehrerer Darmbänder. Die fertig drillierten Catgutfäden werden, in Rahmen gespannt, an einem mäßig warmen Orte getrocknet und dann mit Schmirgel und Öl abgeschliffen und (mit Carbolsäure, Jod, Sublimat, Glycerin oder Wacholderöl) sterilisiert. Neuerdings wird Catgutsterilisation (statt mit Alkoholdämpfen) mit Chloroform empfohlen. Starker Alkohol macht Catgut brüchig, in 90% hält es sich lange, ebenso in 3% Phenolwasser. Die Verwendung des Catgut, das aus einem Collagen besteht und dessen Fäden eine hohe Zugfestigkeit besitzen, beruht darauf, daß seine Substanz in der Wunde innerhalb 8–20 Tagen vollständig resorbiert wird.
Neuerdings (1904) sind von KIEFFER die Beinsehnen der Kraniche und Reiher als Catgutersatz empfohlen worden.
Über steriles Catgut vgl. LENTZ und LOCKEMANN, Klin. Jahrb. 1909, 566, LÈRAT, Journ. pharm. Liège 1909 (vgl. auch Jahresber. Pharm. 1909, 361).
6. Spongia.
Der Bade- oder Meerschwamm besteht aus verschiedenen zur Gattung Euspongia gehörenden Spongien (Hornfaserschwämmen) besonders des Mittelmeeres (Coelenteraten), die etwas unterhalb des Meeresspiegels bis zu ziemlichen Tiefen (200–300 m) an Felsen oder anderen Gegenständen festgewachsen sind und durch die «Schwammfischer» herausgeholt werden.
Die wertvollsten Schwämme werden an den Küsten Syriens (von Kap Carmel bis Iskenderum) und Kleinasiens (Südwestspitze) und der Inseln Rhodos, Symi und Kalymnos durch Taucher und Taucherglocken gefischt. Diese syrischen (Soria) Schwämme, die meist in Smyrna gehandelt werden, stammen von Euspongia officinalis var. mollissima SCHULZE, Eusp. officinalis var. adriatica SCHULZE und Euspongia officin. var. lamella SCHULZE und Eusp. zimocca. Die gröberen (Pferdeschwämme) von Hippospongia equina elastica LENDENFELD kommen von der Nordküste Afrikas, die Marseiller Schwämme (Eponges brunes de Barbarie) von Euspongia communis von der tunesischen Küste (Sfax, Golf von Gabès). Die an der Küste Istriens und Dalmatiens mit vierzinkigen Gabeln gefischten, weniger geschätzten, leicht zerreißbaren Schwämme sind meist Euspongia adriatica, dann auch Eusp. nitens und quarnerensis (VOGL). Die großporigen Bahamaschwämme sollen von Varietäten der Mittelmeerarten stammen (HYATT).
Hauptproduktionsgebiete sind: der griechische Archipel, das Küstenland von Syrien, Ägypten, Tripolis und Tunis, die Küsten von Istrien und Dalmazien, das Rote Meer und der persische Golf; dann das Caraibische Meer (Antillen und Bahamainseln). Hauptausfuhrhäfen: Smyrna, Aden, Tripoli (in Syrien), Rhodus, Sira, Aegina (im griech. Archipel), Bengasi, Tripolis (Afrika), Sfax, Avana, Nassau (Bahamainseln), Keywest (Florida). Wie zur Zeit des ARISTOTELES so sind auch heute noch besonders Griechen Schwammfischer — selbst drüben in Amerika. Ein sehr geübter kann 100–150 Pf. Rohschwamm am Tage fischen.
Im Mittelländischen Meer werden nicht weniger als vier verschiedene Methoden bei der Schwammfischerei angewendet. Die reicheren Händler rüsten ein 5–6 Tonnen schweres Boot mit einer mehr als 12 Mann starken Besatzung aus. Jedes Boot ist mit moderner Taucherausrüstung (Skaphanderapparat) versehen und hat wenigstens 10 Professionstaucher an Bord. Die Taucher gehen hinunter auf den Grund bis 15–30 Faden tief, sammeln so viele Schwämme wie möglich und tun sie in ein an ihrem Körper befestigtes Netz. Diese Methode gestattet ein sehr gründliches Sammeln der erreichbaren Schwämme, so daß gelegentlich die Schwamm-Ansiedlungen überfischt wurden, auch zerstören die schweren Stiefeln der Taucher viele Schwämme. Um den Gebrauch des Tauchapparates etwas einzuschränken, ohne jedoch eine vernünftige Ausnutzung zu schädigen, erhebt die türkische Regierung einen schweren Zoll auf den Gebrauch desselben. Andere Staaten am Mittelländischen Meer tun das Gleiche.
Die zweite Methode ist in Kleinasien, Tunis, Tripolis usw. sehr in Gebrauch. Der gebrauchte Apparat ist eine Art Baggermaschine mit Schleppnetz, in Tripolis «gangara», in Tunis «arth» genannt, die im wesentlichen die Struktur der gewöhnlichen Auster-Baggermaschine hat. Vier bis sieben Mann, in einem Boot zu drei Tonnen halten die Maschine in Gang. Da das Baggern Tag und Nacht geschehen kann, so ist diese Methode sehr produktiv; doch kann natürlich der fortgesetzte Gebrauch des Apparats die Schwamm-Kolonien ernstlich gefährden, auch werden viele Schwämme durch das Fahren der Maschine auf dem Seeboden zerdrückt oder zerrissen.
Die dritte und vierte Methode, die früher allein in Gebrauch waren, werden jetzt noch in einigen Teilen des Mittelländischen Meeres, ferner ausschließlich bei der Fischerei in Florida, Bahama und Cuba angewendet. Es ist dies das Harpunieren oder mit Haken herausholen und ferner das Tauchen ohne besonderen Apparat. Das erstere geschieht bei niedrigem Wasser und ruhigem Wetter und ist eine sehr einfache Prozedur. Aus den Booten bestimmt man die Lage der Schwämme. Da die Wellen die Beobachtung hindern, benutzt man ein sogenanntes «water glass, Wasserteleskop, Schwammglas» (ein kräftiges Eisenrohr, ungefähr 20 Zoll lang und vierzehn Zoll im Durchmesser, an dessen einem Ende eine Glasscheibe befestigt ist). Das Ende dieses Rohres wird ins Wasser gesetzt und nun ist ein klares Beobachten der Schwammbeete möglich. Die Schwämme werden dann mit Harpunen, die mit Zacken und einem hölzernen Schaft versehen sind, aufgespießt und in das Boot gebracht. — Früher kam es in den Tunesischen Gewässern vor, daß man Schwämme aus relativ tiefem Wasser vermittelst Harpunen heraufholte. Die Griechen waren so geschickt in der Handhabung der Harpunen, daß sie einen Speer hinten an den Schaft des andern werfen konnten. Die vereinigte Länge ermöglichte es, den Schwamm auch aus tieferem Wasser heraufzuholen.
Die letzte und am meisten verbreitete Methode ist das Aussenden eines unbekleideten Tauchers ohne besonderen Apparat. Dazu werden kleine Boote mit 3–4 Mann gebraucht; diese senken einen flachen Stein, an dem ein starkes Tau befestigt ist, ins Wasser. Der Taucher steht aufrecht auf dem Stein, indem er sich an dem Seil hält, so läßt man ihn auf den Seeboden bisweilen 50 oder gar 80 m herab und er sammelt während 1–2 Minuten rasch so viele Schwämme wie möglich und tut sie in ein auf dem Rücken angebrachtes Netz. Möglichst junge Männer werden als Taucher gebraucht; der Druck des Wassers wirkt aber oft ungünstig auf das Rückenmark und Paralyse kann die Folge sein. Diese Methode wird in gewissen Teilen des Mittelländischen Meeres, an der Ostküste Afrikas und auch im Caraibischen Meer angewendet.

Fig. 164.
Kultur von Meerschwämmen auf dem Dreieck.
[Aus dem
Prometheus
.]
In den Fischereigründen von Florida, Bahama und Cuba werden die Schwämme durch Speerwerfen gewonnen. Die Speere sind dreizinkige Gabeln, die sich in ein schweres eisernes Rohr fortsetzen. An diesem ist oben ein Stab befestigt, den man je nach der Tiefe des Wassers verschieben kann. Wie im Mittelländischen Meer wird auch hier ein «water glass» angewendet, doch ist es nur ein Eimer, in den man an Stelle des Bodens ein Stück festes Glas eingesetzt hat. (Nach The sponge industry in Bull. Imperial Institut London 5 [1907], 393.)
Die Züchtung der Schwämme lehrte OSCAR SCHMIDT (1862) und BUCCICH. In Tunis ist dann 1897 bei der Insel Kerkennah der, wie es scheint, erfolgreiche Versuch gemacht worden, Spongien zu kultivieren (HÉRAIL). Auch die 1901 einsetzenden Versuche der United States Commission of fish and fisheries waren erfolgreich. Nachdem schon 1897 HARRIS in Amerika Versuche mit auf galvanisierten Draht gereihten Schwammstücken gemacht, benutzt MOORE jetzt (1910) Cementunterlagen (Dreiecke und Scheiben), die mit Stiften versehen sind (Fig. 164). Die Kultur gründet sich auf die Tatsache, die CAVOLINI (1785) und LIEBERKÜHN (1855) fanden, daß sich der Schwamm aus kleinen, zerschnittenen Stücken wieder regeneriert.
Für den Handel werden die Schwämme durch Auspressen von ihrer gallertigen Körpersubstanz und dann von den eingeschlossenen oder aufsitzenden Steinchen, Muscheln, Korallen usw. befreit, gewaschen und getrocknet und auch wohl (mit SO2, Brom oder Kaliumpermanganat) gebleicht.
Von den zahlreichen Handelssorten dürfen für den pharmazeutischen Gebrauch, z. B. zur Herstellung der schon PLINIUS bekannten Spongia pressa, bei denen es auf eine möglichst große Aufsaugefähigkeit ankommt, nur die besten, feinporigen, hellgelbbräunlichen Champignon-, Damen- oder Badeschwämme benutzt werden, deren Asche nur etwa 3–4% beträgt. Badeschwamm läßt sich schwer sterilisieren. Man behandelt nacheinander mit Lösungen von Permanganat, Natriumbisulfit, dem etwas HCl zugefügt wurde, Phenol und Sublimat (1 : 2000) (TERRIER et VERCAMER). Die Schwämme werden aber jetzt meist durch Gazetampons ersetzt. Spongiopiline (Schwammfilz) ist mit hygrophiler Baumwolle oder Schafwolle zu einem Filz verarbeiteter Pferdeschwamm.
Hauptmarkt für die Mittelmeerschwämme ist Triest, das jährlich für über £ 100000 exportiert, dann Paris, London, Hâvre, weniger Livorno und Venedig. Die Bahamaschwammfischerei macht große Fortschritte. 1907 standen dort schon 500 Schoner und 2500 Boote in ihrem Dienst und der Export betrug 1906 bereits über 1½ Mill. lbs. (bei den Bahamaschwämmen unterscheidet man velvet, sheepwoot, hardearth). Auch Florida exportiert schon viel (1906: 50953 lbs) und sehr beträchtlich ist die Schwammfischerei auch bei Cuba (Bull. Imp. Inst. 1907). Neuerdings tauchen auch Schwämme von Australien im Handel auf.
Deutschland führte 1909 3576 dz rohe Meerschwämme ein, besonders von den Bahamainseln, den Ver. Staaten, Griechenland, Österreich, Cuba, Großbritannien; bearbeitete vorwiegend aus Österreich und Griechenland.
Die besten (soprafine) Schwämme sind die syrischen und vom Archipel, die mittelmäßigen (zimocche) die von Salonici und die barberischen, die schlechten (communi oder di Gerba) die Marseiller und die venetischen. Die beste Sorte ist der feine Levantiner Schwamm (Becherschwamm, turkey cup, coupe turque, fine douce de Syrie), von Syrien, Mandruka (an der ägyptischen Küste), Kreta und Cypern — von der Varietät mollissima (werden mit M. 125 bis 800 das Kilogramm bezahlt!), der zweitbeste der Levantiner (turkey toilet sponge) von der var. adriatica, die dritte der Ohren- oder Mundschwamm (Levantinerlappen, Elephantenohr) von der var. lamella — eignet sich besonders für chirurgische Zwecke — und die vierte der Zimokkaschwamm. Der groblöcherige Pferdeschwamm (Honigwabenschwamm, Honeycomb) kommt von Marseille bis zu den Dardanellen und dem Roten Meer vor: Adria, Küsten Kleinasiens, Ägypten, Algier, Tunis, Tripolis, Archipel, Kreta, Corsica.
Die besten amerikanischen Wollschwämme stammen von Rock Island (Florida) besonders von Hippospongia canaliculata var. gossypina. Ferner liefern die Bahamas, Cuba, Mexiko, Honduras Schwämme, besonders die zweite Sorte, die Yellow sponges und die Velvet sponges, die wohl von Hippospongia equina var. maeandriformis LENDF. stammen. Die Gras- und Drahtschwämme sind minderwertig. Kein amerikanischer Schwamm erreicht an Güte die Levantiner.
CROOCKEWIT nannte die Substanz des Schwamms Fibroin und fand in ihr (1845) Jod, Schwefel und Phosphor und 3,7% Asche (POSSELT 3,59%). STÄDELER zeigte, daß sie sich nicht durch Kochen mit Wasser in Leim verwandelt. Er nannte sie zum Unterschiede vom Fibroin der Seide Spongin und erkannte, daß sie bei der Hydrolyse Leucin und Glycocoll (von KRUKENBERG bestätigt), aber kein Tyrosin liefert. NADLER fand im Spongin J und Br. STANFORD schätzt den Jodgehalt des Sch., der aber sehr schwankt, auf c. 0,5%. Nach KRUKENBERG ist das Spongin keine einheitliche Substanz. Es gibt weder die Xanthoproteïnreaktion, noch die mit MILLONS Reagens. ZALAKOSTAS fand bei der Behandlung mit Barythydrat: Leucin, Leuceïnhydrat, Butalanin, Glykalanin und Spuren von Tyrosin. Auch durch Behandeln mit Wasser bei 160° geht der Schwamm nicht in Lösung (FLÜCKIGER). Die auch in heißem Wasser unlösliche Gerüstsubstanz der Spongien, die nach Extraktion der Badeschwämme mit Wasser, Alkohol, Äther und verd. Säure zurückbleibt, das Spongin, ist ein jodhaltiges Albuminoid (48,51% C, 6,30% H, 14,79% N, 0,73% S, 1,5% J, c. 28% O. HARNACK). Einige Spongien enthalten auch Brom. Bei der hydrolytischen Spaltung liefert Spongin 13,9% Glycocoll, 7,5% Leucin, 6,3% Prolin, 18,1% Glutaminsäure, 4,7% Asparaginsäure, 5–6% Arginin, 3–4% Lysin (ABDERHALDEN und STRAUSS). Durch den hohen Gehalt an Glycocoll und das Fehlen von Tyrosin erinnert das Spongin an Elastin und Glutin, unterscheidet sich aber von beiden durch den hohen Gehalt an Glutaminsäure. Durch Behandlung mit kalter 38% Schwefelsäure zerfällt das Spongin in lösliche Körper und das unlösliche, aber in Natronlauge lösliche Jodospongin, einen 8,2% Jod enthaltenden Körper (C56H87JN10S2O20 HARNACK), durch Kochen mit Salzsäure wird aus Spongin das 4,86% Jod enthaltende Spongomelanoidin (ROSENFELD) abgespalten.
Daß die aus unverkäuflichen Badeschwämmen oder Abfällen der Mundierung dargestellte, bei Kropfkuren seit Langem vom Volke benutzte Schwammkohle, Carbo Spongiae (Spongia usta oder tosta, Kropfschwamm) Jod enthält, ist längst bekannt. J. C. STRAUB in Hofwil (Bern) vermutete bereits 1819, daß die Carb. Spong. Jod enthalte und DUMAS wies es 1820 einwandfrei nach (FLÜCKIGER). Sie enthält neben Fe, SiO2 und Ca auch Brom (0,76 MgBr2). Der Schwamm liefert etwa 33% Kohle. Die Schwammkohle muß bei mäßiger Temperatur, womöglich in geschlossenen Trommeln, aus gut gewaschenem, von Sand befreitem Schwamm hergestellt werden. Sie enthält nach älteren Analysen 0,99–1,09 (HERBERGER) bzw. 2,14% (PREUSS und RAGGAZINI) NaJ, nach E. RICHTER im Durchschnitt 0,67 (0,31–0,81) % Jod. Sie darf nicht mehr wie 6% in Salzsäure Unlösliches enthalten (RICHTER). Die Schwämme werden oft mit Sand beschwert. Auch das Achsenskelett der Gorgonia enthält einen 7% Jod enthaltenden Körper, das Gorgonin (DRECHSEL).
Die aus den Schwämmen ausgelesenen Korallen usw. wurden früher als Lapis Spongiarum (Kropfstein) benutzt.
PLINIUS (9, 69 und 31, 47) kennt schon drei Spongia-Arten (tragos, manos und achilleum) und die Handelssorten: afrikanische und rhodische und wußte, daß es Tiere sind. Er kennt (wie auch GALEN) die blutstillende Wirkung, besonders des in Essig getränkten Schwammes, mit dem ja auch die Blutung von Christi Wunden gestillt wurde, und nennt eine Menge Krankheiten, gegen die sie und die Schwammasche angewendet werden. Die weichsten kamen schon damals von der Küste von Lycien. Aus ähnlichen Quellen schöpft DIOSKURIDES (V, 137), der außer dem σπόγγος auch die σπόγγων λίθοι kennt. Er erwähnt ihre Benutzung ähnlich wie Charpie. Auch ARISTOTELES kennt die σπόγγοι. Bei IBN BAITHAR, der die tierische Natur der Schwämme leugnet, finden sich die Bezeichnungen: ilfondsch elbahr, gaim, gamâm und gamlaw.
Lit. HYATT, A revision of the North American Poriferae (wichtig für die Systematik und Classification). — H. F. MOORE, The commercial sponges and the sponge fisheries. Washington 1910 und A practical method of sponge culture. Washington 1910. — Deutsch Amer. Apoth.-Zeit. 1905 Nr. 12 — Pharm. Centralh. 1898, 803 und 1905, 802. — MÉRAT-LENS, Dict. mat. méd. 6 (1834), 511. — FLÜCKIGER, Grundriß und Artikel Schwamm in FEHLINGS Handwörterbuch (1898). — HUSEMANN in Realenzyklop. d. Ph. — Pharm. Journ. 1877, 107 und 1883, 108. — Am. journ. ph. 1881, 182 mit Abbild. (aus Manufact. a. Builder 1881). — LEDENFELD, Pharm. Journ. 17 (1887), 937. — ECKHEL, Le spugne da bagno in riguardo al modo di raccoglierhe. Triest 1873, mit Karte u. Taf. — The sponge industry, Bull. Imper. Instit. London 5 (1907) 382 (Gesamtüberblick). — VOGL, Arzneikörper (dort und in Arch. Pharm. 53 (1874), 56 ist die Schwammfischerei beschrieben). — K. SAJÓ, Die Badeschwämme. Prometheus 1911, 290 (m. vielen Abbild.). — HÉRAIL, Trait. d. pharmac. 1901. — ZWIEDINEK V. SÜDENHORST, Syrien 1873 u. Arch. d. Pharm. 1876. — HYATT bei HOLMES, Pharm. Journ. 17 (1887), 761. — HERBERGER in DÖBEREINER Apotherb. III, 1842. — CROOCKEWIT, Jahresb. d. Chem. 1843, 24. — POSSELT, Ebenda. — STÄDELER, Lieb. Ann. III (1859), 12., Journ. pr. Chem. 78, 169. — NADLER, Jahresb. d. Ph. 1862. — STANFORD, Pharm. Journ. 15, 1884. — KRUKENBERG, Ber. d. chem. Ges. 1856, Ref. — ZALOKOSTAS, Compt. rend. 1888, 252. Journ, ph. 19 (1889) 104. — DUMAS, Bibl. univ. d. Genève 14 (1820), 301. — HUNDESHAGEN, Zeitschr. ang. Chem. 1895, 473. — HARNACK, Zeitschr. phys. Chem. 24 (1898), 421. — ROSENFELD, Arch. f. exp. Pathol. 45 (1900). — ABDERHALDEN u. STRAUSS, Zeitschr. phys. Chem. 48 (1906). — KOSSEL und KUTSCHER, Ebenda 31 (1900). — DRECHSEL, Zeitschr. f. Biol. 33 (1896). — E. RICHTER, Über Schwammkohle Apoth. Zeit. 1911, 317 (dort zahlreiche Analysen).
7. Seide.
Der von zwei Drüsen der Raupe des Seidenspinners, Bombyx Mori L. zur Herstellung der Cocons sezernierte und durch einen Ausführungsgang herausgequetschte Seidenfaden besteht aus zwei, durch eine klebrige, von zwei andern Drüsen beim Austritt des Fadens in den Ausführungsgang abgeschiedene, Sericinhülle miteinander verbundenen, Fibroinfäden (Fig. 165). Die Hülle wird im Degummierungsprozeß gelöst und dadurch die Fäden getrennt. Das Degummieren (Entbasten, Entschälen) der Rohseide erfolgt durch neutrale Seifenlösungen, Borax, Carbonate usw. Bei «halbgekochter» Seide ist die Sericinhülle nicht ganz entfernt. Der Querschnitt des soliden Fadens ist rund oder rundlich-dreieckig oder etwas abgeplattet (Fig. 165), die Oberfläche glatt oder feingestreift; Luftkanälchen fehlen, die fibrilläre Struktur kann durch Jod-Schwefelsäure sichtbar gemacht werden. Die Dicke beträgt 8–25, meist c. 15 mik. (HÖHNEL).
Die Seidenraupen sondern etwa 8–10% ihres Gewichtes an Seide ab (SCHLOSSBERGER). Die Menge der produzierten Seide ist der Menge der verfütterten Maulbeerblätter proportional. Das Tier wird in den Cocons entweder durch Hitze oder durch Kälte (drei Wochen unter 0° bis −8° LOVEREDO) getötet.
Die Rohseide ist oft durch ein Lipochrom (DUBOIS) gelblich gefärbt, das bei der gelben Seide in der Sericinhülle sich befindet; der Fettgehalt der Rohseide beträgt 0,036–0,06%. Jodlösung färbt hellbraun bis rotbraun, MILLONS Reagens rot, Zucker und Schwefelsäure rosa. Kalilauge löst, ebenso alkoholische Glycerin-Kupferlösung (LÖWE), schwer Kupferoxydammon, das Wolle ungelöst läßt. Konz. Schwefelsäure löst alle Seidenarten, nachdem sie sich zunächst unter Aufquellen verkürzt haben. Beim Kochen mit Salzsäure tritt kaum Violettfärbung ein, wohl aber rasch Lösung (die Sericinhülle löst sich nicht, ebensowenig Wolle und andere Haare). Konz. Chromsäure löst S. ebenso wie Wolle (nicht Baumwolle und Lein), Salpetersäure färbt gelb, Pikrinsäure wird gespeichert (nicht von Pflanzenfasern). Taucht man S. in eine Mischung von Bleizuckerlösung und überschüssiger Kalilauge, so färbt sie sich nicht (Wolle wird braun). S. löst sich in Chlorzinklösung bei 30–40° (Wolle nicht, PERSOZ). Farbstoffe werden stark gespeichert.
Die Fäden der sog. wilden Seiden (Yamamayseide, Tussahseide) sind dicker und deutlich gestreift. Bei allen exotischen Seiden sind Fibrillen sichtbar, die bei der echten Seide meist ganz zu einer homogenen Masse zusammengeflossen sind (HÖHNEL). Die Seidenfäden sind doppelbrechend, die Farben zwischen gekreuzten Nicols sind sehr lebhaft. Die Fibroinfäden sind zweiachsig, Sericin ist doppelbrechend (PANEBIANCO).

Fig. 165.
Seide.
a Roher Seidenfaden von
Bombyx Mori
, in der Mitte die beiden Fibroinfäden, b die Sericinhülle, c ein Doppelfaden querdurchschnitten, d einfacher Seidenfaden, e Querschnitt desselben, f Faden von Tussahseide, g Querschnitt desselben.
[Aus
Hager-Fischer-Hartwich
, Pharm. Praxis.]
Seide enthält keinen Schwefel. Das Fibroin zeigt die Zusammensetzung 48,63% C, 6,08% H, 18,97% N, 26,32% O. Sericin liefert nur 0,1–0,2% Glycocoll und 5% Alanin, Fibroin 36% Glycocoll und 21% Alanin. Der Arginingehalt ist bei beiden gleich (4%), der Tyrosingehalt beim Sericin nur halb so hoch (5%). Sowohl das kollagenartige Sericin wie das Fibroin sind Eiweißkörper. Das Sericin, das dem Glutin nahe steht, geht durch Behandeln mit 1% HCl und Kochen mit Wasser als «Seidenleim» in Lösung. Das Fibroin ist ein relativ einfacher Eiweißkörper, der sich durch einen sehr hohen Tyrosingehalt von allen bisher bekannten Albuminoiden scharf unterscheidet (FISCHER und SKITA). Es reagiert auf MILLONS Reagens und zeigt auch die Biuret-Reaktion (wie das Sericin). Fibroin ist in konz. Säuren und Alkalien löslich und aus den Lösungen durch Neutralisation wieder fällbar. Der hohe Gehalt an Monoaminosäuren im Vergleich zu dem Gehalt an Basen stellt es dem Elastin zur Seite, den hohen Gehalt an Glycocoll teilt es mit dem Leim, von dem es sich aber durch seinen hohen Tyrosingehalt (10%) unterscheidet. Monoaminodikarbonsäuren fehlen ganz. Bei der Hydrolyse des Seidenleims entsteht das Serin. E. ABDERHALDEN und JUL. SCHMIDT erhielten bei der Hydrolyse von Leim befreiter Cocons der Tai-Tsao-Seide 25,2% der trockenen aschefreien Substanz Glycocoll, 18,2% Alanin, 0,9% Leucin, 1,2% Serin, 2,1% Asparaginsäure, 2,0% Glutaminsäure, 1,0% Phenylalanin, 7,8% Tyrosin und 1% Prolin. Die gleichen Substanzen wurden von ABDERHALDEN und WELDE bei der Hydrolyse der Cheefoo-Seide erhalten (auch ungefähr in den gleichen Mengenverhältnissen, doch Glycocoll nur halb so viel).
In der Chirurgie wird von der Nähseide (Ligaturseide) sowohl die mit schwacher Seifenlösung in der Wärme ausgelaugte, dann mit 2%iger Sodalösung und endlich mit Wasser gewaschene drellierte Seide, sowie auch die geflochtene Seide (Turners Patentseide) benutzt. Ferner: Seidewatte, Seidenabfallgewebe (Bourettestoff), Seidenraupendarm (fil de florence, Silkwormgut, Wormsilk) und Schutztaffet (silk protectiv).
Zur Sterilisierung chirurgischer Seide empfiehlt AUSIN (1904) die Diffusionsströme, die beim Mischen von Wasser und Alkohol entstehen: Auskochen mit Wasser während 20 Minuten, dann Auskochen mit 95% Alkohol während 30 Minuten. Aus dem Alkohol wird die Seide noch warm herausgenommen und sofort zur Naht benutzt. Die Seide kann ohne Schaden sechsmal dieser Operation unterworfen werden.
Über die Seiden anderer Bombyxarten vgl. bei VON HÖHNEL.
Er gibt bereits eine Menge, aber ausnahmslos in der Chirurgie nicht verwendbare, Seidensurrogate (Chardonnetseide [Soie francaise], Viscoseseide, Kunstseide (LEHNER), Vivier (soie de France) Cadoret, Siriusseide), die meist aus Cellulose, besonders dem Tetraacetat oder -nitrat dargestellt werden oder von nicht nitrierter Cellulose ausgehen (PAULYS Celluloseseide) oder das Viskoid (Cellulosexanthogenat) benutzen (STEARN). Lösungen von Cellulosenitraten in Äther-Alkohol geben, wenn sie in dünnem Strahl in Wasser einfließen einen Faden von Seidenglanz, ebenso Lösungen der Zellulose in Kupferoxydammon, wenn sie in verdünnte Säuren einfließen. Die Entzündlichkeit der nitrierten Fasern kann durch «Denitrieren» mit Schwefelammon vermindert werden. Viskose ist eine Lösung von Zellulose in einem Gemisch von Alkali und Schwefelkohlenstoff. Die Viscoseseide hat einen eckigen Querschnitt (SÜVERN und MACH). Künstliche Seide wird bisweilen «animalisiert», d. h. mit einem aus den Abfällen natürlicher Seide bzw. Wolle (aus Fibroin oder Lanigeninsäure) bereiteten Firnis glänzend gemacht. Auch Gelatine ist zur Herstellung künstlicher S. benutzt worden (Vanduaraseide, nicht mehr im Handel).
DUYK gibt folgende Unterschiede zwischen natürlicher, gelatinierter und Celluloseseide sowie Wolle an. Natürliche Seide, gelatinierte S. und Wolle brennen schwer und entwickeln dabei den Geruch nach verbranntem Horn. Celluloseseide brennt leicht und mit dem Geruch brennender Baumwolle, 2% Natronlauge löst Seide, Wolle und Haare beim Kochen, Celluloseseide nicht. Konzentrierte Natronlauge greift Celluloseseide stark an, beim Verdünnen mit Wasser entsteht eine Gelatine. Salpetersäure färbt alle tierischen Fasern gelb (Xanthoproteinreaktion), Celluloseseide und pflanzliche Fasern nicht. MILLONS Reagens färbt Seide dunkelrot, Wolle gelblich-schwarzrot, Celluloseseide nicht. Ammoniakalische Nickeloxydullösung (1 Nickelcarbonat, 6 Ammoniak, 6 Wasser) löst nur Seide, weder künstliche Seide noch Wolle oder Pflanzenfasern, konzentrierte Schwefelsäure löst künstliche Seide. Jodwasser und verdünnte Schwefelsäure färbt Celluloseseide blau, Seide gelb, Kupferoxydammon löst Celluloseseide, Seide nicht. HERZOG empfiehlt (Chem. Zeit. 1904) zur Unterscheidung natürlicher und künstlicher Seide Congorot, Benzoazurin und Methylenblau. (Vgl. auch bei HÖHNEL.)
Die Festigkeit beträgt nach HASSAK und HERZOG in Kilogramm für 1 mm Querschnitt:
trocken feucht trocken feucht trocken feucht
bei echter Seide 37 37 bei Lehnerseide 16,9 1,5 bei Gelatineseide 6,6 0,0
„ Chardonnetseide 12 2,2 „ Celluloseseide 19,1 3,2 „ Acetatseide 10,22 5,8
trocken feucht
bei echter Seide 37 37
„ Chardonnetseide 12 2,2
„ Lehnerseide 16,9 1,5
„ Celluloseseide 19,1 3,2
„ Gelatineseide 6,6 0,0
„ Acetatseide 10,22 5,8
Lit. H. SILBERMANN, Die Seide, ihre Gewinnung und Bearbeitung. Dresden 1897 (m. Abbild.). — VON HÖHNEL, Mikroskopie d. techn. verwend. Faserst. 1905. — VOGEL u. REISCHAUER, N. Rep. d. Pharm. 8 (1860): 529. — E. FISCHER und SKITA, Zeitschr. phys. Chem. 33 (1901) 171 und 35 (1902), 224. — OPPENHEIMER, Handb. d. Biochemie. — WEYL, Ber. d. d. chem. Ges. 1888. — Die Chemie der Seide auch in FEHLINGS Handwörterbuch (1898). — WITT, Kunstseide, Färberzeit. 1904. — DUYK, Monogr. d. Ersatzmittel d. Seide, die künstliche S. u. ihr Nachw. in Geweben. Bull. ass. belg. Chim. 1901, 166. Schweiz. Wochenschr. 1903, 488. — BERL, Glanzstoff-Kunstseide. Kunststoffe 1 (1911) 151. — HERZOG, Z. Kenntn. d. neueren Acetatseide. Chem. Zeit. 1910, 347 und Die Unterscheid. d. natürl. u. künstl. Seiden. Dresden 1910.
8. Schafwolle.
Wenn vollständig, besteht das Wollhaar aus der schuppigen Epidermis, aus der faserigen Rindenschicht und der aus übereinander stehenden Zellen bestehenden Markschicht. Von diesen Schichten kann die Markschicht fehlen (feine Merinowolle), die Rindenschicht kann reduziert, die Epidermis abgerieben sein (Shoddy). Die Länge kann 20 cm erreichen, die Breite wechselt (Merino 12–37 mik, Leicester 30–90 mik).
Jodjodkali färbt braun, MILLONS Reagens beim Erwärmen ziegelrot. Kalilauge löst, beim Verbrennen tritt Geruch nach verbranntem Horn auf. Durch Kochen mit verdünnter Schwefelsäure (oder Behandeln mit Wasser bei 150°) geht Wolle fast vollständig in Lösung. Die Lösung bildet mit sauren Teerfarbstoffen Niederschläge (Farblack), auch Gerbsäure und Kaliumbichromat fällen (KNECHT, BREINDL). Der Wollfaser wird meist folgende Zusammensetzung zugeschrieben: 50,2% C, 22,84% O, 6,72% H, 16,54% N, 3,7% S. Der Wärmewert beträgt pro g 5510,2 cal. (STOHMANN u. LANGBEIN). WANKLYN und COOPER erhielten (1879) bei der alkalischen Oxydation der Wolle Cyanpropionsäure. SCHÜTZENBERGER (1878) stellt die Schafwolle zu den Albuminoiden. Er erhielt aus ihr Leucin, Tyrosin, Glycoprotein, «Leucine der Buttersäure, Valeriansäure und Propionsäure und Leuceïne der Butter- und Valeriansäure». Die Wolle enthält jedenfalls Keratine, d. h. schwefelhaltige Albuminoide. Die chemische Zusammensetzung der Wollfaser scheint ähnlich wie die des Horns und der menschlichen Haare zu sein. Sie liefert bei der Hydrolyse Aminosäuren, Leucin, Tyrosin usw. und enthält im Keratinanteile an Sauerstoff gebundenen Schwefel (RAIKOW). Natronlauge entzieht der Wolle den Schwefel. PRUDHOMME nimmt in der Wolle (wie im Albumin) die Gruppe

aber keine NH2-Gruppen an.
Die Wolle fixiert sowohl saure wie basische Farbstoffe; sie zeigt gleichzeitig saure und basische Eigenschaften. Zahlreiche Theorien des Färbeprozesses von Wollgeweben sind aufgestellt worden. KNECHT glaubt, daß die Aminosäuren der Wolle mit den Farbbasen Lacke bilden, der Tyrosinkomplex scheint bei dem Färben nicht beteiligt zu sein u. and. mehr.
Da Schafe bisweilen in arsenhaltigen Bädern gewaschen werden, ist auch die unbearbeitete Wolle oft arsenhaltig (ABENIUS 1900). Beim «Waschen» der Rohwolle wird das an Cholesterinestern reiche Wollfett (Analysen bei KLEINSCHMIDT, Jahresb. d. Chem. 1887, 2335 u. and.) und ein Waschwasser enthalten, das Caprinsäure, Ammoniak, Methylamin und Dimethylamin liefert (Buisine).
Wolle findet namentlich in der Form von Flanellbinden medizinische Anwendung, seltener als Filz und Crepon.
Lit. Das Mikroskopische in HÖHNEL, Mikroskop. d. techn. verwend. Faserstoffe 1905.