I. Kohlehydratdrogen. (continued 3)
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2. Falter: Auch die Zahl der an Prunusarten lebenden Lepidopterenraupen ist ganz enorm. Es seien nur die hauptsächlichsten angeführt.
Aporia crataegi L., Raupe, besonders häufig an allen Prunusarten und an Crataegus, auch an Äpfeln, Quitten usw. Früher fast überall sehr häufig, ist der Falter heute in sehr vielen Gegenden Deutschlands zur Seltenheit geworden. Die Raupen leben in der Jugend in Nestern; wo sie auftreten, sind sie gewöhnlich massenhaft. Thecla betulae L., T. pruni L., T. spini W. V., Raupen vornehmlich an Prunusarten, auch an Mandelbäumen und Rhamnusarten. Aglaope infausta L., Ino pruni W. V. Die asselförmigen Raupen an Prunusarten. Kommen nicht überall vor. An allen Prunusarten leben gelegentlich auch eine ganze Anzahl polyphager Bärenraupen (Arctiidae). Aus der großen Zahl der Spinnerraupen seien ferner noch die hauptsächlichsten angeführt; unter diesen finden sich die schädlichsten aller Lepidopteren. Cossus ligniperda F. (Cossus cossus L.), Raupe sehr oft auch in Prunusarten (s. Morus). Zeuzera pyrina L. Raupe nicht nur in Waldbäumen, sondern auch in Gärten in fast allen Obstbäumen, auch in Syringen und Staphyllaea. Dasychira pudibunda L., Raupe an allerhand Laubholz, meist Buchen, doch oft auch in Gärten an Obstbäumen. Porthesia chrysorrhoëa L., P. similis, FÜSSLY, Raupen in Nestern an Waldbäumen. In Gärten an Obstbäumen oft sehr schädlich. Auch an Weißdorn gemein. Psilura monacha L., die Nonne. Diese sehr gefährliche Raupe tritt oft an Laubhölzern, namentlich aber an Nadelhölzern sehr schädlich auf, oft den Nadelwald auf weite Strecken vernichtend. In Gärten und an Alleen scheint sie Kernobst (Kirschen) zu bevorzugen. Sie ist polyphag. Ocneria dispar. L. Die sehr schädliche und gefräßige Raupe an Laubholz; Pflaumen-, Kirschen- und Apfelbaum oft ganz entblätternd. Bombyx crataegi L., B. populi L., B. neustria L., B. lanestris L., Raupen an fast allen Obst- und Waldbäumen; namentlich die Raupe des Ringelspinners oft überaus schädlich in Gärten und an Alleen. Phalera bucephala L. Die sehr schädliche Raupe oft in großer Anzahl an Linden, Ahorn, Rosen, Pappeln, Weiden, Birken, Erlen, Buchen, Hainbuchen, Eichen, Kirschen, Aprikosen, Pflaumen, Schlehen, Apfel- u. Birnbäumen. Nimmt in Parkanlagen gelegentlich auch exotische Laubhölzer an. Lasiocampa pruni L. Raupe des seltenen Falters an Prunusarten. L. quercifolia L. Raupe der Kupferglucke in Baumschulen oft sehr schädlich. Gern an Prunusarten. Saturnia pavonia L. Raupe auch an Prunusarten usw. Aglia tau L. Raupe an Eichen, Buchen, Linden usw., auch an Prunus. Die Zahl der Eulen- und Spannerraupen, die an Prunusarten und anderen Obstbäumen leben, ist ebenfalls ganz außerordentlich groß, doch sind alle diese keine eigentlichen Schädlinge, die nur selten einen Kahlfraß usw. an Obstbäumen herbeizuführen imstande sind. Letzteres kommt dagegen dem sehr schädlichen Cheimatobia brumata L. und Hibernia defoliaria L. und einigen anderen in bedeutendem Maße zu. Auch die Zahl der Mikrolepidopterenraupen, die an Prunusarten leben, ist sehr groß. Auch unter ihnen finden sich Schädlinge wie Sciaphila nubilana HB., die einen Kahlfraß ganzer Gegenden herbeiführen können. Sie können hier nicht alle angeführt werden, da sie gegenüber den schädlichen Spinnern weniger wichtig erscheinen.
3. Fliegen: Trypeta signata MG. Die Made dieser Fliege lebt vornehmlich in den süßen Kulturkirschen, oft in solcher Anzahl, daß man fast keine Kirsche aufbricht, in der nicht eine solche Made vorhanden wäre. Verschiedene Cecidomyia-Arten leben an den Blättern von Prunusarten.
4. Schnabelkerfe: Aphis pruni FB. lebt in sehr großer Anzahl auf der Rückseite der Blätter von Prunusarten, dieselben deformierend. Die Blätter kräuseln sich zusammen und machen einen krankhaften, weißbestäubten Eindruck. Die Fruchternte wird dadurch oft für Jahre vereitelt. Aphis cerasina WEK. lebt besonders auf Kirschen (auch an Schlehen), die Blätter deformierend und die Fruchternte verhindernd.
Chemie. Saure Kirschen enthalten 6,3–10,2% Invertzucker, in der Trockensubstanz 44–62%; 1,2–2% freie Säure (auf Apfelsäure berechnet).
Süße Kirschen enthalten meist 10,70–13,11 (bis 16,5)% Invertzucker, in der Trockensubstanz 42–58 (bis 72)%; 0,3–1% freie Säure (auf Apfelsäure berechnet). Unreife Kirschen enthalten viel Apfelsäure, Zitronensäure und Bernsteinsäure, sowie etwas Inosit (KEIM).
Der Pentosangehalt der Kirsche beträgt 0,61–1,07% (WITTMANN). Die Reinasche in der Trockensubstanz beträgt in der ganzen Frucht 2,35, im Fruchtfleisch 2,25% (KÖNIG). Die Samen enthalten 37,61% der Trockensubstanz Fett. SCHMID fand in getrockneten Kirschen Glycerin.
Kirschen enthalten im Kilogramm meist 0,1–0,2 mg (DESMOULIÈRE) bis 0,4 mg (TRAPHOGEN) Salicylsäure, wohl als Methylester, sowie kleine Mengen Borsäure (NORTON).
Die Samen enthalten ein Blausäure abspaltendes Glykosid nebst einem glykosidspaltenden Fermente. Die Abspaltung der Blausäure war schon ITTNER bekannt (1809). Durch Destillation der gegorenen zerstampften Früchte wird in der Schweiz, dem Schwarzwald und anderwärts der «Kirsch», ein Schnaps, bereitet, der c. 43–58 Vol.% Alkohol und c. 14–48 mg Blausäure im Liter enthält (Zusammensetzung bei WINDISCH, Arb. d. k. Gesundheitsamtes 1895).
Der Farbstoff des Kirschsaftes zeigt die gleichen Absorptionsbänder, wie der des Himbeersaftes. Unterschiede in den Spektralreaktionen treten bei Einwirkung von Reagentien hervor (vgl. bei LEPEL). Mit der Zeit verändert sich der Farbstoff.
Geschichte. Ob die in der Liste der Pflanzen des königlichen Gartens des NEBUKADNEZAR von BEN SIRA aufgeführten Kirschen (wie J. LÖW übersetzt) wirklich welche waren, scheint mir unsicher. Es ist nicht mehr festzustellen, ob das Wort κεράσια (κέρασος), das neben κράνεια von den Griechen benutzt wird (THEOPHRAST), die süße Vogelkirsche oder die saure Kirsche oder beide bedeutete. Es ist nicht griechisches Indigenat, sondern stammt vom Pontus, von dem Worte Kirahs, hat also mit κέρας nichts zu tun. Die Stadt Cerasus ist nach der Kirsche, nicht (wie ISIDOR meint) diese nach der Stadt benannt (BUSCHAN). Die Veredelung der Süßkirsche (Prunus avium) scheint frühzeitig am Pontus erfolgt zu sein und von dort hat wohl LUCULLUS die süße Edelkirsche nach Italien gebracht (KOCH). Die Kirschkerne aus der Stein- und Bronzezeit sind alles Süßkirschen-Steinkerne (HEER, BUSCHAN). DE CANDOLLE nimmt an, daß die Sauerkirsche (Prunus Cerasus) schon in vorgeschichtlicher Zeit aus Prunus avium hervorgegangen sei. Die Sauerkirsche ist durch Funde aus paläolithischer Zeit in Südfrankreich beglaubigt. 120 Jahre nach Einführung der Kirsche in Italien wurde sie bereits am Rhein, in Belgien und Britannien von den erobernden Römern gebaut (PLINIUS). Auf den pompejanischen Wandgemälden (I, S. 575) findet sich Prunus Cerasus, die wohl nicht lange nach der süßen Edelkirsche nach Italien kam. Cerasarios diversi generis stehen im Capitulare (I, S. 620) und im Breviarium (I, S. 621), aber nicht im St. Galler Klosterplan (I, S. 622). Bei ALBERTUS MAGNUS heißt die Sauerkirsche amarella, amarena. Cerasorum nuclei stehen im Compend. des Magister Salerni (I, S. 639). GLAUBER stellte bereits 1660 (s. S. 883) aus Kirschen Traubenzucker dar.
Lit. Abbild. in BERG-SCHMIDT, Atlas, Taf. 61 (dort auch die florist. Literatur). — HEHN, Kulturpflanzen usw. — BUSCHAN, Vorgeschichtl. Botanik 1895. — KEIM, Stud. über d. chem. Vorgänge bei d. Entwickl. u. Reife der Kirschfrucht. Wiesbad. 1891. — VON LEPEL, Über d. Verhalt. v. Fruchtsäft. verschied. Alters gegen Reagent. Zeitschr. anal. Chem. 1880. — SCHMID, Zeitschr. f. Unters. d. Nahr.- u. Genußm. 1901. — DESMOULIÈRE, De la presence norm. d’acide salicylique dans div. subst. aliment. d’orig. végét. Thèse. Paris 1902 und Journ. pharm. chim. 19 (1904). — NORTON, Amer. Chem. Soc. 1909. — KÖNIG a. a. O. — MOELLER-WINTON a. a. O. — Entwicklungsgesch. von Frucht u. Same bei Prunus cerasifera in COPPER, Beitr. z. Entwicklungsgesch. offiz. Samen u. Fr. Dissertation Bern 1909.
Fructus Mori.
Syn. Maulbeeren — mûre, mûres noires (franz.) — mulberry (engl.) — more (ital.) — moerbezie (holl.) — μῶρον oder συκάμινον (n.griech.).
Bei MEGENBERG Maulper, im mhd. auch: Mulbaum, Muleberban und Mulbeire, sowie dubere, dusbere, suazbere.
Etym. Daß μόρος, μῶρον von μέρος = Teil (d. h. aus vielen Teilen zusammengesetzte Sammelfrucht) oder von μῶρος = unschmackhaft, fade abzuleiten wäre, erscheint mir unwahrscheinlich. Einleuchtender ist mir die Ableitung von μαυρός dunkelfarbig (kelt. mor = schwarz), ein Ausdruck, der auch auf die Brombeere weist, die vielfach mit der schwarzen Maulbeere zusammengeworfen wurde. Das griechische μῶρον und lateinische môrum Maulbeere geht allmählich in mor, mori, moreni, Brombeere über. Der Stamm mor kehrt dann wieder in ahd.: Môrperi, murperi, murpoum, mhd.: morber. — Maulbeere aus dem Lateinischen umgebildet.
Stammpflanze und systemat. Stellung. Morus nigra L. — Moraceae — Moroideae — Moreae.
Beschreibung. Der Baum wächst wild angeblich im nördlichen Kleinasien, Armenien, Südkaukasus bis Persien. Der schwarze Maulbeerbaum ist unzweifelhaft wild in Süd-Transkaukasien und wohl auch in einigen persischen Provinzen zu treffen. Nach Europa kam er ungefähr zur Zeit der attischen Tragiker (HEHN). In Italien wurde er bis zur Einführung des weißen Maulbeerbaumes (c. 1434) zur Seidenraupenzucht benutzt. Jetzt dort verwildert. Er wird jetzt auch nördlich der Alpen kultiviert. Die Früchte reifen noch in Gotland, Schweden und England. Die Alten warfen ihn vielfach mit der Sykomore zusammen. Die Maulbeere ist eine Scheinfrucht. Sie ist entstanden aus dem scheinährenförmigen weiblichen Blütenstande durch Auswachsen und Fleischigwerden der vierblätterigen Blütenhüllen (Perigone), die als saftige Fruchthülle die Früchte (Nüßchen) umhüllen und Scheinfrüchtchen bilden. Diese Scheinfrüchtchen treten zu einer eirunden, etwa 2 cm langen, fast schwarzen, mit purpurfarbigen, säuerlich-süßen Safte erfüllten Scheinfrucht zusammen, die also ein Fruchtstand ist.
Die Maulbeere ist etwa 2½ cm lang. Die einzelnen Früchtchen, bei denen man noch deutlich an der Spitze den vierstrahligen Spalt und die vier Perigonblätter bemerkt, messen 2–3 mm.
Die der Himbeere äußerlich ähnlichen Früchte schmecken nur, wenn sie ganz reif sind, halten sich dann aber nur kurze Zeit.

Fig. 24.
Morus alba.
A ♀ Blütenstand. B. Fruchtstand.
[Nach
Baillon
.]
Pathologie. Über die Schädlinge berichtet ISRAËL: Falter: Die in Deutschland noch in der Umgebung vieler Städte (in Gärten, Parks auch als Alleebäume) anzutreffenden Maulbeerbäume stammen aus einer Zeit, als man die Zucht der Seidenraupe auch nach Deutschland zu verpflanzen trachtete. Die Blätter dieser Bäume sind die Hauptnahrung für die Seidenraupe, die Larve des Spinners Bombyx mori. In der Gefangenschaft läßt sie sich auch mit den Blättern von Scorzonera hispanica erziehen. Sonst leben gelegentlich auf Morusarten die Raupen von Acronycta aceris L. Smerinthus tiliae L.: Die Zucht der letzteren ergab oft die braune Varietät. Cossus ligniperda F. (Cossus cossus L.): Diese große Holzraupe fand ich bei Hanau am Main in dem Holze von Wurzeln und Stämmen gefällter Maulbeerbäume. (Sonst lebt diese sehr schädliche Raupe meist in den Stämmen von Weiden, Pappeln, Eichen, Birnen, Äpfeln, Kirschen und anderen Laubhölzern.)
Chemie. Frische Maulbeeren enthalten 84,71% Wasser, 9,19% Invertzucker, 1,86% freie Säure (auf Apfelsäure berechnet), c. 2% Pektinstoffe, 0,57% Asche (VAN HEES 1857). In der Trockensubstanz finden sich 60,10% Zucker. Die Maulbeere ist also eine der zuckerreichsten Früchte. Maulbeeren enthalten auch eine sehr kleine Menge Salicylsäuremethylester (DESMOULIÈRE).
Auch aus den Maulbeeren wurde, wie den Holunderbeeren (s. d.), den Wacholderbeeren (s. d.) und den Möhrenwurzeln ein Roob (Rob, Rubb) bereitet, der unter dem Namen Rob mororum baccarum bekannt war.
Der Sir. Mori ist hauptsächlich Geschmackskorrigens. In Griechenland wird aus Maulbeeren ein berauschendes Getränk dargestellt.
Geschichte. Der Maulbeerbaum wird von den alten Schriftstellern erwähnt und war z. B. den alten Juden bekannt. Maulbeeren (tut) werden von BEN SIRA auch unter den Pflanzen des königlichen Gartens des NEBUKADNEZAR aufgeführt (J. LÖW). μορέα bei DIOSKURIDES (I. Kap. 180) ist Morus nigra und alba (συκμόμορον war die Sycomore). Bei THEOPHRAST hat Maulbeerbaum und Sycomore den gleichen Namen. Die schwarzen Maulbeeren finden sich bei HIPPOKRATES (de victus ratione lib. II). Maulbeere heißt bei AESCHYLOS μόρον. DIODOR unterscheidet den maulbeeren- von dem feigentragenden συκάμινος. Im Mittelalter wird der Maulbeerbaum zum Unterschiede von dem Brombeerbusch wohl mora celsa oder sycomorus celsa (Baumbrombeere) oder einfach celsa (celsus) genannt, die Früchte mora celsi. Bei IBN BAITHAR heißt er tuth. Er findet sich auch in KARLS Capitulare (I, S. 620) sowie im St. Galler Klosterplan (I, S. 622) als murarius, und dem Kalender des HARIB aus dem Jahre 961 (I, S. 612) — Sir. de moris wurde im Juni bereitet —. Dann im Brevis de Melle des Klosters Corbie u. and. Bei der HILDEGARD (I, S. 670) heißt er mulbaum, mulberbaum. In der Alphita steht: CELSUS, sicaminum, bei SERAPION: mora celsi, tut (I, S. 644). Der Succus mororum de arbore ist Maulbeersaft.
Lit. FLÜCKIGER-HANBURY, Pharmacographia. — VOGL, Nahrungs- und Genußm. — FRESENIUS, Ann. Chem. pharm. 101. — KÖNIG a. a. O. — MOELLER-WINTON a. a. O. — Abbild. in BENTLEY and TRIMEN. — Über Morus alba tartarica (Russian Mulberry) vgl. U. St. Dep. Agr. Forest. Divis. 1907 Circ. 83.
b) Drogen, die Sorbit enthalten.
Das Reduktionsprodukt der d-Glukose ist der d-Sorbit:

der sich in den Beeren von Sorbus aucuparia findet — neben der verwandten
d-Sorbose:

.
Sorbit ist bisher nur in Pomoideen, Prunoideen und Spiraeoideen gefunden worden (z. B. Pirus commun., P. Malus, Mespilus germanic., Prunus Cerasus, P. domestica, P. persica, P. armeniaca, P. Laurocerasus). Nur Pflanzen dieser Familien besitzen die Fähigkeit, aus Sorbit Stärke zu bilden (TREBOUX).
Der Chirkhestit (s. Schir-kist-Manna) der Pomacee Cotoneaster nummularia ist wohl auch Sorbit.
c) Drogen, die Glukuronsäure enthalten.
An die Glukose schließt sich die zugehörige Säure, die Glukuronsäure, deren Beziehungen zur Glukose durch Vergleich der folgenden Formeln ersichtlich ist:
d-Glukose:

,
Glukuronsäure:

.
(An diese schließt sich dann die beim Behandeln der d-Glukose mit Salpetersäure entstehende d-Zuckersäure:

.)
Freie Glukuronsäure, die der Tierkörper oftmals bildet, ist in Drogen oder Heilpflanzen bisher nicht gefunden worden. Auch gebundene war bis vor Kurzem in Pflanzen nicht bekannt. Denn die Euxanthinsäure, die sich im Jaune indien (Indian Yellow, Piuri, Purree, Indischgelb), einem in Indien viel benutzten Farbstoffe, findet, ist kein rein pflanzliches Produkt. Er wird aus dem Harn von Kühen dargestellt, die mit Mangoblättern gefüttert wurden. Er besteht aus dem Glukuronsäure-Euxanthonäther resp. dem Calcium-Magnesiumsalze desselben. Das Euxanthon entstammt der Pflanze, die Glukuronsäure dem tierischen Organismus, der die Fähigkeit besitzt, eingeführte Phenole durch Paarung mit Glukuronsäure zu verestern und durch den Harn fortzuschaffen.
Die Glukuronsäure ist im Pflanzenreich zuerst im Süßholz aufgefunden worden (1907 TSCHIRCH mit CEDERBERG und GAUCHMANN), sie scheint aber auch in Algen, z. B. Laminaria, vorzukommen (TOLLENS). Neuerdings (1910) zeigte GOLDSCHMIEDT, daß auch das Scutellarin, das MOLISCH in Scutellaria und anderen Labiaten fand, ein Glukuronsäureester ist. Eine gute Reaktion auf Glukuronsäure ist die von TOLLENS mit Naphtoresorcin (Ber. d. chem. Ges. 1908, 1788): es entsteht ein ätherlöslicher, rotvioletter Farbstoff, dessen Spektrum ein Band bei D zeigt. Diese Reaktion unterscheidet die Glukuronsäure von den Pentosen, mit denen sie sonst manche Reaktionen teilt (z. B. die mit Orcin- und Phoroglucinsalzsäure). Mit α-Naphthol und konz. Schwefelsäure gibt Glukuronsäure und ihre Verbindungen eine smaragdgrüne Färbung, die durch allmählichen Zusatz von Wasser in Blau und Violett übergeht. (GUIDO GOLDSCHMIEDT, Eine neue Reaktion auf Glukuronsäure. Zeitschr. phys. Chem. 65 [1910] 389). Glukuronsäure liefert bei der Destillation mit HCl Furfurol. Die Glukuronsäure ist flüssig und schmeckt sauer, aber ihr kristallisierendes Anhydrid (Lakton):

schmeckt süß.
Rad. liquiritiae.
Syn. Rad. glycyrrhizae, Süßholz, Süßholzwurzel, Lakrizwurzel — bois ou racine de réglisse (franz.) — liquorice root (engl.) — legno dolce, liquirizia, regolizia (ital.) — zoethout (holl.) — lakritsi juuri (finn.) — edesgyökév (ung.) — γλυκύρριζα (n.-gr.).
Bei THEOPHRAST: γλυκεῖα ἡ σκυθική (russisches Süßholz), bei DIOSKURIDES: γλυκυῤῥίζη (D. führt noch folgende Namen an: Glyceraton, Symphyton, Leontica, Glycophyton, Scythion, Adipson, Sylithra, Lybiestason, Omoeomoeon, Penthaomoeon), bei PLINIUS, CELSUS u. and.: Radix dulcis. GALENS Glykyrrhiza war wohl Gl. glandulifera, des SCRIBONIUS LARGUS (I, S. 577): Glycyrrhiza war wohl G. glabra; im Liber medicinalis von St. Gallen (IX. Jahrh.): gliquiritia. Die spätlateinische Form liquiritia tritt wohl zuerst im IV. Jahrh. bei THEODORUS PRISCIANUS (in De diaeta cap. 9), dann auch bei VEGETIUS RENATUS (I, S. 591) auf. Sie findet sich z. B. bei Otho Cremonensis. In ISIDORS Etymologicon (I, S. 592): ligusicium, liguricium, bei HILDEGARD (I, S. 668) liquiricium (Hunigwurz); im Gothaer Arzneibuch (I, S. 679): lacrisse, lacrissen, lacrissyen, lakerissien, lecritzen; im Tegernseer Arzneibuch (I, S. 678): liquiricii; bei HARPESTRENG (I, S. 684): lyquericia, lykrissa, lykriz, lakriz. In mittelengl. Medizinbüchern des XIV. Jahrh.: licoris, in Meddygon Myddfai 683: licraz (lacris ist die vallonische Form). Altfranzösisch: requelice, recolice, recalisse. In der Taxe von Ferrara von 1424 (I, S. 811) findet sich Requelizia, in SALADINS Compendium: Rad. lyquyrrhizae. In dem Inventar von LEFORT 1439 (I, S. 805) steht rigalice. In der Frankfurter Liste 1450: liqworicic. Auch die volksetymologischen Umbildungen Lackaricie, Lackeritze, Lackritze, Leckerici, Leckwariz, Licritz, Lickweritzie, Lukretia (!), Luquatze, Lichtkritz finden sich. In der Alphita (I, S. 652), Circa instans und den Tabulae, sowie bei SIMON JANUENSIS (I, S. 664): liquiritia, gliceria, glacoria, bei SERAPION, NAJM AD-DYN MAHMUD und IBN BAITHAR (I, S. 611) auch sūs (sous), in den Sinonoma (I, S. 639): glicoricia, glicida (hier mit Paeonia offic. [Glycysida bei SCRIBONIUS] zusammengeworfen). Die Synonymie der Patres bei SCHRÖDER (I, S. 891), wo sich auch der Name Galissienhout findet. — hind.: mulhatti, jethimahd — sanscr.: madhuka (= Süßholz), yashti madhu (= Süßstengel) — arab.: aslussús, aslus-sûs (= Süßwurzel) — pers.: bikhe-mahak. shîrin bagân, urâk dâr haram (auch glikiriza LECLERC); — chin.: kau-tsʿau (kao tsao, kom tso), kao = Leim, Pflanzenharz, tsao = Kraut.
Etym. Das Stammwort für alle Namen ist γληκυρῥίζη (von γλυκύς = süß und ῥίζα = Wurzel). Aus diesem Worte ist das latino-barbarische liquiritia, in all’ seinen zahlreichen Umformungen (vgl. auch I, S. 1060) lakriz, reglisse etc. entstanden. Das sanskritische madhu bedeutet ebenfalls Süßigkeit, süß. Es kehrt beim Honig (S. 8) und Met (I, S. 1016) und den Bassiablüten (S. 23) wieder.
Stammpflanze. Glycyrrhiza glabra L. (G. laevis PALL., Liquiritia officinalis MOENCH).
Systematische Stellung. Leguminosae, Papilionatae — Galegeae — Astragalinae, Sect. Euglycyrrhiza.
Beschreibung der Stammpflanze. Die Pflanze bildet einfache Stengel, eine oft gewaltige Wurzel und zahlreiche Ausläufer. Die Blätter sind unpaarig gefiedert, vielpaarig, mit eioblongen, stumpflichen, an der Spitze meist etwas ausgerandeten, kurz stachelspitzigen, oberseits kahlen, unterseits schwach drüsigen und sonst kahlen oder behaarten kurzgestielten Blättchen. Die gestielten Trauben sind kürzer als die Blätter, sie sind später locker. Der Kelch ist röhrenförmig fast bis zur Hälfte in pfriemliche Zipfel geteilt. Die Fahne ist lineal-oblong, nur wenig aufwärts gekrümmt. Von den zehn geraden Staubfäden sind neun beinahe bis zur Hälfte in eine oben geschlitzte Röhre verwachsen, aber auch das zehnte hängt am Grunde mit dieser zusammen. Der Fruchtknoten enthält 6–8 campylotrope Ovula. Die gerade Hülse ist in eine Stachelspitze ausgezogen.
Glycyrrhiza glabra ist durch Südeuropa bis Mittelasien verbreitet. Sie variiert sehr nach dem Standort und bildet zahlreiche Varietäten und Wuchsformen.
Es werden von ihr jetzt (nach BOISSIER) folgende Varietäten unterschieden, die zum Teil früher als Arten gingen:
α) typica Reg. et Herd. (G. glabra Aut.), ziemlich kahl, Kelchzähne linealisch-pfriemlich, so lang wie die Röhre, Fahne bläulich, Hülse kahl, drei-sechssamig; in Südeuropa, Mittelmeerländer, Kleinasien, Krim, kaukasisch-kaspisches Gebiet, Syrien, Nordpersien, Turkestan, Afghanistan.
β) violacea Boiss., ziemlich kahl; Blättchen kleiner, elliptisch, Kelchzähne breiter, pfriemlich, etwas kürzer als die Röhre, Fahne violett, Hülse kahl, etwas schmäler, vier-siebensamig; im Euphrat- und Tigrisgebiet, Babylonien, Assyrien.
γ) glandulifera Reg. et Herd. (G. glandulifera W. K.; G. hirsuta Pall.; G. brachycarpa Boiss.), niedriger. Stengel behaart oder etwas rauh; Fahne violett, Hülsen zerstreut oder dichter stachelig, drüsig, bald mehr-, bald wenigsamig. In Südost-Europa (Ungarn, Galizien), Westasien (mittlere und südliche russische Gouvernemente), bis Turkestan und Afghanistan, Süd-Sibirien, Tschugarei, China bis zur großen Mauer.
δ) pallida Boiss., Stengel angepreßt und kraus kurzhaarig; Kelchzähne schmal pfriemlich bis doppelt so lang wie die Röhre; Fahne rötlich weiß. In Assyrien.
Auch die als G. asperrima (Linn. f. suppl. 330) bezeichnete Art, die «in arenosis et collibus inter Wolgam et Jaicum, in deserto Tatarico ad fl. Karaman, in mont. Uralens. et ad lacum Inderiensem» angegeben wird (DE CANDOLLE, Prodrom. II, 248), ist wohl ebenso wie die mit ungenügender Diagnose in DE CANDOLLES Prodromos veröffentlichte G. uralensis (FISCH. in litt.) vom Ural nur eine Varietät von glabra. Früher wurde ja auch glandulifera als besondere Art betrachtet (G. glandulifera Waldst. et Kit. Pl. Rar. Hung. I. 20 t. 21). REGEL und HERDER sind nicht dieser Ansicht, wollen aber doch wenigstens asperrima und uralensis vereinigen. Sie beschreiben von Gl. glabra folgende Varietäten: α typica, β asperula, γ hispidula, δ glandulifera (= Gl. glandulifera Waldst. et Kit., G. glandulifera. Boiss. et Buhse), ε echinata, ζ tuberculata, — von G. asperrima: α uralensis, β desertorum, γ sutinermis, δ intermedia, ε glabra, ζ typica. Jedenfalls steht G. uralensis der glabra, besonders der Varietät glandulifera sehr nahe, denn LEDEBOUR nennt sie in seiner Flora rossica: G. glandulifera β grandiflora und auch G. glandulifera Kar. et Kir. ist synonym damit. Sie findet sich «in Sibirica uralensi, in Sibiria altaica, in Dahuria, in Mongolia chinensi, in desertis soongoro-kirghisicis», geht also, da Gl. glabra β glandulifera als «in Hungaria, in provinciis caucasicis et transcaucasicis, in desertis soorgoro-kirghisicis volgensibusque» angegeben wird, weiter nach Norden und Osten. ASCHERSON und GRAEBNER stellen in ihrer Synopsis G. glandulifera wieder als Art der G. glabra gegenüber.
Dagegen ist die in Apulien und der Tartarei heimische Glycyrrhiza echinata (Linn. spec. 1046, Abbild. in BERG-SCHMIDT, Atlas, I. Aufl.) sicher als eine gute Art anzusprechen. Sie bildet keine Ausläufer und ihre Wurzel ist nicht gelb und nicht süß. Sie kann daher kein Süßholz liefern. Trotzdem zum Überfluß 1887 BECKER (in den Bull. Soc. imp. d. natural. Moscou) nachwies, daß sie in der Tat kein Süßholz gibt (vgl. auch FLÜCKIGER, Pharmakognosie III), wird sie auch noch in neueren Werken (z. B. ENGLER-PRANTL, Pflanzenfam., ASCHERSON-GRÄBNER, Synopsis) immer wieder als Stammpflanze des russischen Süßholz aufgeführt. Sie ist wohl die Glycyrrhiza des DIOSKURIDES, der die Wurzel als ὑπόστρυφνος (etwas herb) bezeichnet, die oberirdischen Teile aber eher wie bei glandulifera und glabra beschreibt. Die Konfusion beginnt also bereits hier.
Glycyrrhiza glabra ist eine etwa mannshohe (1–2 m) Staude mit einem riesigen, viele Quadratmeter bedeckenden Systeme von Wurzeln und Ausläufern (vgl. die Abbild. in I, S. 324), die auch oberirdisch, wenn sie ungehindert wachsen kann, zu einem wahren Dickicht werden kann. Wie schwer es ist, eine ganze Pflanze mit allen ihren nicht selten 8 m langen Ausläufern aus dem Boden zu graben, zeigt die von WEIGAND mitgeteilte Sitte, daß die Gärtnerzunft von Bamberg ehedem als Meisterstück von den Gesellen verlangte, daß sie eine Süßholzpflanze mit allen Wurzeln und Ausläufern unversehrt aus dem Boden graben mußten (FLÜCKIGER). Wenn man sie sich selbst überläßt, okkupiert sie bald weite Strecken. Auf Kreta, in Kleinasien und nördlich vom Kaukasus ist sie z. B. ein lästiges Unkraut, auch in Sicilien, wo Süßholz wild im Simetotal (bei Catania) wächst und in Calabrien, wo man sie in der pianura di Sibari im Flußtal des Crati nördlich von Corigliano und Rossano findet (RAVASINI).
An den feinen Nebenwurzeln finden sich Wurzelknöllchen (TSCHIRCH) wie bei so vielen Papilionaceen.
G. glabra wächst noch auf Sandboden, verlangt aber reichliche Bewässerung, gedeiht also am besten an Flußufern, in trockenen Flußbetten oder im Überschwemmungsgebiet. Und so treffen wir denn sowohl das wildwachsende Süßholz, wie auch die Kulturen fast ausschließlich in Flußtälern: am Guadalquivir, am Ebro, am Mäander, am Ural und an der Wolga, am Amu Darja und im Euphrat-Tigristale.
Wir dürfen jetzt wohl annehmen, daß das spanische und italienische Süßholz (wie überhaupt das europäische) von Glycyrrhiza glabra L. α. typica REG. et HERD., das russische von Glycyrrhiza glabra L. γ. glandulifera REG. et HERD., das mesopotamische von Glycyrrhiza glabra L. β. violacea BOISS. und das chinesische von Glycyrrhiza asperrima L. fil. α. uralensis BOISS. (G. uralensis FISCH.) abstammt. Ob letztere auch das Uralsüßholz liefert, ist sehr zweifelhaft (s. unten). Ich glaube es nicht. Auch HOLMES hält (1910) die Stammpflanze für die gleiche wie die des russischen Süßholz.
Lit. LINNÉ, Spec. pl. ed. I 742. — Abbild. in BERG-SCHMIDT, Atlas, Taf. 55 (dort auch die florist.-Lit.). — PABST-KÖHLER, Medizinalpfl. Taf. 135. — BENTLEY-TRIMEN, Medicin. plants. und zahlreichen anderen Abbildungswerken. — BOISSIER, Flora orientalis II, 202. — REGEL und HERDER, Enumer. plant. in regionibus cis- et transiliensibus etc. Bull. soc. imp. d. naturalistes de Moscou 1866. II 527. — SESTINI, Gazetta chimic. italian. 1878. — WHITMANN, Zeitschr. d. Öster. Apoth. Ver. 1886. — BUNGE, Enumerat. plant. quae in China boreali colleg. Petrop. 1831. — BRETSCHEIDER, Bull. Roy. Kew Gardens 1896. — AITCHISON, Some plants of Afghanistan. Pharm. Journ. 1886, 465. — KOWALEW, Diss. Petersb. (Chem. Z. 1907. Rep. 589). — TSCHIRCH, Artikel Glycyrrhiza in Realenzyklop. d. Pharm. V, 706.
Pathologie. Prof. ED. FISCHER berichtet über die Schädlinge: Glycyrrhiza glabra wird von einer Uredinee Uromyces Glycyrrhizae (RABH.) MAGNUS befallen, deren Mycel ganze Sprosse durchzieht und an der Unterseite der Blätter Uredolager produziert. Aus dieser Form des Auftretens ist zu schließen, daß das Mycel im Rhizom perenniert (s. P. MAGNUS, Über das Auftreten eines Uromyces auf Glycyrrhiza in der alten und in der neuen Welt. Berichte der deutschen botan. Gesellschaft 1890).
Im Süßholz des Handels findet sich bisweilen die Mehlmotte Pyralis farinalis.
Kultur und Ernte. Glycyrrhiza glabra α. typica wird vornehmlich in Spanien und in Italien kultiviert. Spanien exportiert Süßholz, Italien verarbeitet das meiste auf Succus. Die spanischen Kulturen liegen besonders im Tal des Ebro und Guadalquivir bei Alicante, Tortosa, Barcelona, Cordóba, Elche (s. auch Handelssorten). In Spanien ist Süßholz auch vielfach verwildert zu finden. Die italienischen Kulturen finden sich besonders in Calabrien, dann in Atri bei Teramo, in Abruzzo ulteriore primo und auf Sicilien, besonders im Süden (Caltanisetta). Bei Catania wird auch wildwachsendes Süßholz auf Succus verarbeitet. Südfrankreich baut auch etwas Süßholz. Dann England: Surrey (Mitcham), Yorkshire (Pontefract, Nottingley), bei London: Kew, Isleworth, aber lange nicht genug für den eigenen Bedarf. In Österreich bestehen Kulturen bei Auspitz in Mähren und in einigen ungarischen Distrikten, z. B. bei Sassin (Komitat Neutra). Unbedeutend ist die Kultur bei Bamberg, einem Orte, bei dem seit alter Zeit (vgl. I, S. 32) Süßholz gebaut wurde, das ehedem einen vortrefflichen Ruf genoß, dann bei Schweinfurt (Schwebheim). Apotheker KRAFT in Bamberg berichtet mir darüber (1910): «Der Süßholzbau im Bamberger Flurbezirk ist auf einige wenige kleine Parzellen zurückgegangen, deren Erträgnis ungeschnitten in kleine Bündel verflochten am Gemüsemarkt zum Verkauf kommt. Kommerzielle Bedeutung hat der Anbau in der Gegenwart, welche ich aber auf beinahe 25 Jahre ausgedehnt wissen will, denn so lange beobachte ich das selbst, nicht.» Im XVI. Jahrh. lieferte Bamberg den ganzen Bedarf Deutschlands. Kleinasien kultiviert bei Smyrna und Sokia etwas Süßholz. Das meiste wird aber von wildwachsenden Pflanzen gesammelt, da sich die Pflanze im Innern von Kleinasien in großer Masse findet, wild z. B. im Mäander- und Hermustal. Man sieht oft weite Strecken des Bodens östlich von Smyrna ganz durchwühlt (KANNENBERG). In Syrien bestehen Kulturen nur in der Umgegend von Antiochia (seit 1865). Hier, wie in Kleinasien, scheint es sich ebenfalls um G. glabra zu handeln, da die Droge der spanischen ähnelt. Man sammelt in Kleinasien vom Oktober an. Am Abend liefern die Bauern das gesammelte Süßholz in die Depots. Dort bleibt die Wurzel bis zum Mai oder Juni und nimmt hierbei um 50% ab. Es wird dann entweder unsortiert in hydraulisch gepreßten Vals à 220 pounds (besonders nach Nordamerika) versandt, oder in debris und bagettet sortiert und in Säcken à 300–330 pounds (besonders nach Frankreich) exportiert (HARRIS 1909). Über die Kulturen in Rußland vgl. unter Handelssorten.
In Nordamerika sind neuerdings erfolgreiche Anbauversuche mit Gl. glabra gemacht worden (I, S. 72), wesentlich auf Empfehlung von RITTENHOUSE (Amer. journ. ph. 1895 und 1897), der 1895 selbst mit der Kultur in New Jersey, Pennsylvania, Louisiana und Florida begann. Auch Kalifornien kultiviert etwas.
In den Kulturen blüht Glyc. glabra selten, und wenn sie blüht, bildet sie nur wenige oder keine Samen. Man vermehrt das Süßholz nicht durch Samen, sondern durch Knospen (buds) und Ausläufer (runner), die in England z. B. Anfang April gesetzt werden. Zwischen den Pflanzreihen werden dort Gräben gezogen, die ein leichtes Ausheben des ganzen Ausläufersystems ermöglichen. In den ersten Jahren werden in England Kartoffeln und Kohl dazwischen gepflanzt. In Mischkultur (mit Weizen, Erbsen, Mais) befindet sich das Süßholz auch bisweilen in Calabrien. Die besten Wurzeln und Ausläufer werden nach 3–4 Jahren erhalten. In England erntet man im September, in Spanien vom September bis März, in Syrien beginnt die Ernte im November. Ernte pro Hektar: c. 1000 kg.
Das Süßholz leidet nicht von Parasiten und verträgt Frost gut. Bei der Ernte bedient man sich des Pfluges. Sie ist nicht leicht, denn nach 5–6 Jahren können die Wurzeln eine Dicke von 2 dm, die Ausläufer eine Länge von 8 m erreichen. Die Pflanze läßt sich leicht durch die Ausläufer, die auch zum Teil im Boden bleiben, vermehren. Sie ist sehr dankbar und anspruchslos. In England steckt man die Ausläufer senkrecht in den Boden.
Die Wurzeln werden in den Produktionsländern nach dem Graben und vor dem Trocknen zunächst auf Haufen geschichtet und machen, wie es scheint, hierbei eine Gärung durch, die ihnen eine schöne Farbe verleiht.
Die geernteten Ausläufer und Wurzeln werden gewaschen, geputzt und meist auch durch oberflächliches Abschaben von den Nebenwurzeln befreit. Das Schälen (s. russisches Süßholz) geschieht am Produktionsorte und in den Handelszentren (z. B. in Hamburg).
Lit. Kultur in Italien: SESTINI, Gazz. chim. ital. 1878. — England: Pharmakographia, Jahresber. d. Pharm. 1894, 156 und WHITMANN, Zeitschr. Öster. Apoth. Ver. 1886, 277. — Kleinasien: Jahresb. d. Ph. 1884, 268, KANNENBERG, Kleinasiens Naturschätze und NICKUM, Am. J. pharm. 1895, 306. — Syrien: Pharm. Zeit. 1886, 129. — Rußland: Pharm. Journ. 1889, 613 u. and. (vgl. unter Handelssorten). — Österreich: GAWALOWSKI, Pharm. Post 1901. — Amerika: Am. journ. pharm. 95 und 1896, 636 u. Proc. am. ph. ass. 1895, 865. — New South Wales: Am. journ. ph. 1897. — Neuseeland: Arch. Pharm. 1883, 854. — Deutschland: HARTWICH, Historisches über die Kultur von Arzneipflanzen. Schweiz. Wochenschr. 1893, 441. — TSCHIRCH, Anbau der Arzneigew. in Deutschl. Arch. Ph. 1890.
Handelssorten. 1. Russisches S. Bis 1870 genügte die Produktion Spaniens, dann erschien zuerst Südrußland (speziell die nördlich vom Kaukasus gelegenen Länder), dessen Süßholz seit Anfang des XIX. Jahrh. in Deutschland bekannt war, dann Kleinasien (besonders Anatolien) auf dem Platz. Jetzt beherrscht seit 1908 das Uralsüßholz vom Ural und den benachbarten Steppen den deutschen Handel, das schon 1889 von dem kaukasischen unterschieden und diesem gegenübergestellt wurde. Der Geschmack des Uralsüßholz ist intensiv und rein süß, während das Kaukasussüßholz schwach und unangenehm süßlich schmeckt (CAESAR u. LORETZ). Die Ernte bewegte sich zwischen 10- und 15000 Pud (1907). An den Ufern des Ural, an denen Glycyrrhiza in großen Mengen wächst, wird übrigens schon seit langem Süßholz gesammelt, vor 25 Jahren so viel, daß damals die Regierung das Graben einschränken, bzw. ganz verbieten mußte. Das russische Uralsüßholz ist zurzeit das beste, und doppelt so teuer als Alicante. Es kommt in gut mundierter (einfach und doppelt geschälter), schön gelber Ware in Ballen, à 70, 90, 110 und 120 kg in den Handel, wird auf der großen Messe in Nischni-Nowgorod gehandelt und gelangt über Moskau und Petersburg nach Hamburg. Auch die beim Schälen und Nachschälen abfallenden, sehr billigen «Schnitzel» sind Handelsartikel (Ballen à 140 kg) und werden viel auf Succus verarbeitet. Der Großhandel unterscheidet einfach und doppelt mundiertes S.

Fig. 25.
Rad. liquiritiae ross.
«peeled». [
Wright Layman
and
Umney
phot.]
[Vgl. auch
Greenish
, Textbook.]
Angeblich sollte das Uralsüßholz von Glycyrrhiza uralensis FISCH. (Gl. asperrima L., fil. α uralensis REG. et HERD., G. glandulifera β grandiflora LEDEB., G. glandulifera KAR. et KIR.) stammen, dessen einheimischer Name Chuntschir ist. Das von dieser Pflanze gesammelte Süßholz soll (nach KOWALEW) pharmakognostisch von dem spanischen und russischen abweichen und im Glycyrrhizingehalt zwischen beiden stehen. Das im Herbst gesammelte ist glycyrrhizinreicher als das im Sommer geerntete. Es ist mir jedoch fraglich, ob das Uralsüßholz von dieser Pflanze stammt und nicht vielmehr ebenfalls von der naheverwandten Glycyrrhiza glabra γ glandulifera REG. et HERD., der bis vor kurzem allein als Stammpflanze des russischen Süßholz in Betracht kommenden Pflanze. Diese letztere wurde in ziemlich umfangreichem Maße auf den Inseln des Wolgadeltas und bei Sarepta kultiviert und die Droge über Astrachan nach Moskau gebracht. Dann wurden in den achtziger Jahren des XIX. Jahrh. Kulturen auch bei Batum am Schwarzen Meer angelegt und Liakha (Distrikt Elisabethpol) wurde Hauptstapelplatz für kaukasisches Süßholz. Aber die Pflanze findet sich auch wildwachsend sowohl in Ciskaukasien im Gebiete des Kuma und Terek und im Dagesthangebiet wie auch in Transkaukasien, besonders im Gouvernement Elisabethpol (früher. tartarisches Khanat Gandscha) zwischen Tiflis und Batum. Die Ernte im Kaukasus beträgt oft 11000 t und mehr.
ROSENBERG berichtete mir 1907, daß in Transkaukasien das Einsammeln der Wurzeln von den wildwachsenden Pflanzen ausschließlich durch zum Teil noch nomadisierende Tartaren betrieben werde und daß der Süßholzhandel dort durch feste Verträge mit den Aoulältesten von den Engländern monopolisiert sei, die viel Süßholz (zur Porter- und Alefabrikation) über die Häfen am Schwarzen Meer (Batum, Poti, Noworossiisk) nach England exportieren und auch in Elisabethpol eine Succusfabrik angelegt haben. Die Wurzel wird mittelst hydraulischer Pressen zu großen rechteckigen Ballen gepreßt, die mit 8–10 eisernen Reifen umgeben werden (Fig. 26). Die extrahierte Wurzel wird als Feuerungsmaterial benutzt, die Asche auf Pottasche verarbeitet. Die erste russische Succusfabrik im Kaukasus legte Anfang der neunziger Jahre ein Deutscher (PETERS) in Tiflis an. Die von ihm eingeführte Marke «Sanitas» ist noch jetzt im Handel.

Fig. 26.
Rad. liquiritiae ross.
«unpeeled». [
Wright Layman
and
Umney
phot.]
[Vgl. auch
Greenish
, Textbook.]
Auch in Ciskaukasien kommt Süßholz massenhaft wild vor, namentlich im Überschwemmungsgebiete des Terek und Sulak. Dieses Land, das aus abwechselnden Vegetations- und Überschwemmungsschichten besteht, wird, wie mir ROSENBERG berichtete, seit einigen Jahren von deutschen Kolonisten, meist Menonitengemeinden in Kultur genommen. Hier bildet die Pflanze mit ihren Ausläufern wahre Labyrinthe und es ist außerordentlich schwer sie ganz herauszubringen, um den Boden in Kultur zu nehmen. Man sieht dort auf den Feldern ganze Berge Süßholz, die, wenn die Handelskonjunktur ungünstig ist, einfach zu Feuerungszwecken benutzt werden.
Der große Bedarf an Süßholz, den besonders die Succusfabriken neuerdings im Kaukasus haben, wird jetzt vornehmlich durch die Bucharei gedeckt, wo die Süßholzpflanze an beiden Seiten des Amu-Darja in großen Mengen wächst. Zentrum der Gewinnung ist die Stadt Tschardshui. Die Wurzel wird hier, nachdem sie nach dem Graben vorgetrocknet wurde, in großen Trockenanstalten fertig getrocknet und mittelst hydraulischer Pressen zu Ballen von 9–10 Pud gepreßt. Ein großer Teil der Wurzeln wird über Krassnowodsh und Batum nach England und Amerika ausgeführt. Die Ausfuhr betrug im Jahre 1909 über 600000 Pud.
Rußland verbraucht übrigens viel Süßholz zum Einmachen der Früchte. Das russische Süßholz, das man in Bastmattenballen im Handel findet, ist meist geschält (Fig. 25), doch kommt auch ungeschältes vor (Fig. 26).
2. Spanisches Süßholz. Das spanische Süßholz ist stets ungeschält und besteht nur aus den Ausläufern. Die beste Sorte ist Tortosa (Catalonien) in Packleinewandballen à 24 Bunde à 5 kg (2 bouts 29/30 cm). Es bildet schön gewachsene, fast gleichdicke, im Querschnitt runde Stücke. Es ist zurzeit 1½ mal teurer als die zweite Sorte: Alicante, die in Säcken à 60 kg im Handel ist, bisweilen aber (z. B. 1909) fehlte. Die Händler machen einen Unterschied zwischen gelbem, rotem und braunem Süßholz. Das beste spanische Süßholz (Tortosa) kommt aus Aragonien und Catalonien, aus der Nähe des Ebro; das zweitbeste aus Córdoba (Andalusien), aus dem Tale des Guadalquivir, sowie aus Navarra und Alt-Castilien; geringere Sorten aus Alicante (Valencia). Hauptorte für den Export sind Sevilla, Alicante, Barcelona, Bilbao und Malaga.
Zum Typus des spanischen Süßholzes gehören und auch von G. glabra α. typica stammen die übrigen europäischen Sorten. Italien verarbeitet das Süßholz auf Succus und exportiert wenig (vom Typus des spanischen). Sicilianisches Süßholz war 1909 geschält, an der Sonne und im Ofen getrocknet, im englischen Handel. Griechisches Süßholz war 1906 im deutschen Handel in Pack. à 60 und 150 kg zu finden. Englisches Süßholz wird wenig exportiert. Es wird meist auf Succus (Pontefract cakes) verarbeitet. Das gleiche gilt von dem österreichischen (GAWALOWSKI 1906) und dem südfranzösischen Süßholz. Die übrigen Sorten sind ohne Bedeutung für den deutschen Handel.
3. Kleinasiatisches Süßholz geht über Smyrna besonders nach Nord-Amerika, das 1909 mehr als die Hälfte seines Bedarfes, nämlich 53½ Mill. Pounds aus der asiatischen Türkei, einführte. Anatolische Wurzel steht betreffs der Süße zwischen spanischer und russischer. Sie kommt über Smyrna und ähnelt der spanischen.
4. Syrisches Süßholz. Ausfuhrhafen für syrisches Süßholz sind Suedieh und Alexandrette. Dorthin wird die Wurzel auf Kamelen gebracht. Es ähnelt dem spanischen.
5. Mesopotamisches und persisches Süßholz. Im Zweistromlande wächst viel Süßholz (var. violacea und pallida), das meist an Ort und Stelle auf Succus verarbeitet, aber auch exportiert wird (über die Häfen im persischen Golf). Persien exportiert viel besonders nach Indien, der Türkei, aber auch nach Europa.
6. Australisches Süßholz. In Neuseeland besteht seit Anfang der achtziger Jahre des XIX. Jahrh. eine Süßholzkultur und Succusfabrikation. In Australien (Neu Süd-Wales) gedeiht Glycyrrhiza vorzüglich und das geerntete Süßholz ist gut (FINZELBACH), aber noch nicht im Handel.
7. Kalifornisches Süßholz. In geringer Menge seit 1896 im amerikanischen Handel (soll 14% Glycyrrhizin im Extrakt enthalten).
8. Chinesisches Süßholz. China verbraucht große Mengen Süßholz. Ich traf es zierlich geschnitten in allen chinesischen Apotheken. Es ist dort nächst dem Ginseng das meist benutzte Arzneimittel (SIMMONDS). Es gilt als ein Mittel sich jung und schön zu erhalten. In den europäischen Handel gelangt chinesisches Süßholz, das ungeschält ist und spanischem gleicht, nicht. Dieses chinesische Süßholz wird (mit mehr Recht wie das Uralsüßholz) von G. uralensis FISCH. (s. oben S. 79, 80, 82) abgeleitet, da die Pflanze in Südsibirien, Ural, Turkestan und der Mongolei, sowie Tibet, also in chinesischen oder China benachbarten Ländern vorkommt. Aber auch die nordöstlichen Provinzen Chinas, z. B. die Mandschurei, liefern große Mengen Süßholz. Stapelplätze sind Chefoo, Hankow, Shanghai, Tientsin. Nach BRETSCHNEIDER (1896) produzieren Shantung, Shensi, Kansu, Netschwang Süßholz. (Über Mandschurisches Süßholz vgl. auch Pharm. Journ. 1904, April.) Glycyrrhiza uralensis wird auch von PRZEVALSKI als Stammpflanze des Süßholz genannt, das die Mongolen an die Chinesen verkaufen, welche die Droge auf dem Hoangho hinunter an die chinesischen Märkte bringen. Das Süßholz von G. uralensis (Chuntschir) enthält nach KOWALEJEW mehr Glycyrrhizin als das spanische und weniger als das russische. Die Herbstpflanze enthielt mehr als die Sommerpflanze.
Lit. KOWALEJEW, Pharm. Journ. Rußl. 1908, 1063 (Pharm. Zeit. 1909, Nr. 8).
Die Einfuhr von Süßholz nach Hamburg betrug seewärts 1906: 5484, 1907: 5088, 1908: 2503 dz. (= 100 kg). Davon kamen 1907 (1908) in dz aus Arabien 442 (446), Kleinasien 16 (588), Syrien 235 (0), Persien 1346 (0), Russischen Ostseehäfen 2010 (787), Frankreich 442 (146), Spanien 204 (151), russischen Häfen am Schwarz. u. As. Meer 0 (268), Großbritannien 388 (0). Übrige Einfuhr seewärts 5 (117), per Eisenbahn und Oberelbe 660 (819). Deutschland verbraucht vornehmlich russisches Süßholz. Italien exportierte nur wenig Radiche di Liquirizia, 1907: 1014, 1908: 822, 1909: 1061 Quint. Frankreich importierte 1908 28840 Quintalm. Süßholz, bes. aus der Türkei und Spanien, wenig (1366) aus Rußland, nur 443 Qˡm aus Italien, etwas auch aus Algier. Japan importierte Süßholz 1908: 558336, 1909: 614496 kin. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika brauchen sehr große Mengen Licorice root. Die Einfuhr betrug 1906: 102151969, 1907: 66115863, 1908: 109355720, 1909: 97742776 Pounds, vornehmlich aus Rußland und der asiatischen Türkei (c. 2 Mill. auch aus Spanien). Amerika kauft bisweilen die ganze kleinasiatisch-syrische Ernte auf.

Fig. 27.
Glycyrrhiza glabra.
Lupenbild eines Ausläufers.
[Aus
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Beschreibung der Droge. Das spanische Süßholz besteht nur aus den zu Bündeln vereinigten, meist geraden und einfachen ungeschälten Ausläufern von ziemlicher Länge, die meist in Wasser leicht untersinken. Wurzeln sind selten. Die Ausläufer sind oft auf weite Strecken von gleicher Dicke und fast genau rundem Querschnitt. Sie sind bis 2 cm dick, schwer, dicht, zäh, im Bruche grob- und langfaserig. Die Oberfläche ist längsrunzelig und querrissig, in der Farbe etwas wechselnd, graubräunlich bis rotbraun. Da und dort finden sich Rindenhöckerchen und vereinzelte Knospen oder deren Ansatzstellen. Das Innere ist gelb. Im Lupenbild tritt ein grobstrahliger Bau in Holz und Rinde hervor. Letztere ist deutlich geflammt. Im Holzkörper sind Gefäßöffnungen, das Cambium als graue Linie sichtbar. Die Ausläufer haben immer ein Mark, die größeren Wurzeln bisweilen (Fig. 27).

Fig. 28.
Glycyrrhiza glabra.
Querschnitt durch einen Ausläufer am Cambium.
[Nach
Tschirch
, Anatomie.]
⇒ GRÖSSERES BILD
Das russische Süßholz ist meist mehr oder weniger tief geschält und daher auch außen hell zitronengelb. Es finden sich in ihm sowohl die dünnen Ausläufer, wie die nach unten sich verjüngenden Wurzeln, die bisweilen riesige Dimensionen annehmen und dann einen gewaltigen rundlichen, bisweilen mehrteiligen Wurzelkopf tragen. Die Ausläufer sind auch hier auf weite Strecken gleich dick. Der Bruch ist meist faseriger als beim spanischen, welches überhaupt zäher, fast hornartig zu sein pflegt. Öfter finden sich hier auch Zerklüftungen im Holzkörper. Es ist meist leichter und lockerer als das spanische und man findet oft Stücke, die in Wasser nicht untersinken. An der Außenseite findet man zahlreiche Fäserchen: beim Schälen bloßgelegte Bastfasergruppen der Rinde.
Anatomie. Die Ausläufer sind von Sekundärkork bedeckt, der in der Stärkescheide entstanden ist (die primäre Rinde, die «Wurzelhaare» trägt, wird frühzeitig abgeworfen, TSCHIRCH, Angew. Anatomie Fig. 316). Die Korkschicht ist oft 10–25 Zellenreihen dick und schuppt infolge von «Trennungsschichten» zwischen den Korkplatten ab. In der unter dem Kork liegenden Rindenpartie finden sich Oxalat führende Zellen, vereinzelte Bastfasern und (sehr zerstreut) Protophloëmbündel. Die sekundäre Rinde ist von 3–8 Zellen breiten, sich nach außen verbreitenden Markstrahlen (Rindenstrahlen) durchzogen, die Stärke und Öltröpfchen führen. Zwischen ihnen liegt der sekundäre Siebteil. Er besteht aus Siebröhren, Cambiform, Bastfasern und Phloëmparenchym. Die Siebröhren sind nur in der Nähe des Cambiums unverändert erhalten. Etwas weiter nach außen sind sie samt dem Cambiform obliteriert und bilden nicht mehr leitende, breite, gestreckte, von Spalten durchzogene Keratenchymbänder (Fig. 28). Das Phloëmparenchym obliteriert nicht. Es führt Stärke, Öl und da und dort monosymmetrische Oxalatkristalle (Einzelkristalle und Zwillinge), letztere besonders in der unmittelbaren Umgebung der zahlreichen Bastfasergruppen in sog. Kristallkammerfasern. Die kristallführenden Zellen sind mit einer unregelmäßigen bis fast an den Kristall heranreichenden Verdickungsschicht versehen, die mit Jodschwefelsäure blauviolett wird und früher entsteht als der Kristall. Dadurch erscheint der Kristall wie in einer Tasche steckend. Die Bastfasern sind sehr lang und stark, oft fast bis zum Verschwinden des Lumens, verdickt. Ihre primäre Membran ist stark verholzt, die sekundäre wenig, die tertiäre nicht oder fast gar nicht. Das Cambium ist wenig deutlich. Der Holzkörper besteht aus Gefäßen, Tracheïden, Holzparenchym und Bastfasern (Libriform). Namentlich an der Peripherie finden sich sehr zahlreiche und sehr weite Gefäße. Im allgemeinen differiert die Weite der Gefäße erheblich: die engsten haben eine lichte Weite von 25 mik., die weitesten bis 170 mik., die meisten 100–130 mik. Die engsten besitzen kurze Tüpfel mit spaltenförmigem Ausführungsgang, die mittleren Leiter- und Netzleistenverdickungen, die weitesten schief reihenförmig angeordnete rhombische Tüpfel mit spaltenförmigem Ausführungsgang. Die Perforationsstellen der ursprünglichen Querwände sind gut zu sehen, die Gefäßwand daher deutlich gegliedert (Fig. 29). Die Gefäße werden begleitet von Tüpfel- oder Netzfaser-Tracheïden. Das Holzparenchym führt den gleichen Inhalt wie das Phloëmparenchym und die Markstrahlen. Die Bastfasergruppen, die in nichts von denen der Rinde abweichen, werden von Kristallkammerfasern begleitet, die ähnliche, im Typus der Form folgende Kristalle einschließen. Es finden sich sowohl Einzelkristalle wie Zwillinge. Im Zentrum pflegt ein mehr oder weniger großes parenchymatisches Mark zu liegen.

In allen parenchymatischen Zellen findet sich neben meist einzelnen kleinen, rundlichen, spindelförmigen, ei- oder stäbchenförmigen, meist 1,5–7 (selten bis 20 und 30) mik. großen Stärkekörnern, Glycyrrhizin. Setzt man konzentrierte Schwefelsäure hinzu, so färbt sich das ganze Gewebe strohgelb und der Farbstoff wird von den Membranen der Gefäße und der primären Membran der Bastfasern gespeichert (TSCHIRCH-OESTERLE, Atlas).

Fig. 29.
Glycyrrhiza glabra.
Längsschnitt durch den Gefäßteil eines Ausläufers.
[Aus
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Die Wurzeln weichen nur wenig von den Ausläufern ab. Der sekundäre Bau ist fast ganz derselbe. Sogar Mark wird oft gebildet, so daß es schwer hält, an kleinen Stücken Wurzeln von Ausläufern zu unterscheiden. Das primäre (meist tri- oder tetrarche) Bündel geht bald in den kollateralen Bau über und die primäre Rinde wird frühzeitig abgestoßen und ist nur an 8–10 mm dicken Wurzeln noch in Form von Fetzen zu sehen (TSCHIRCH, Angew. Anatomie, Fig. 315).
Bisweilen sind beim Süßholz einzelne Partien der Rinde, des Holzkörpers oder des Markes durch Binnenkorkbildung eingekreist und so aus dem Saftverkehr ausgeschaltet. An der Außenseite dieser Korkbänder finden sich reichlich Oxalatkristallzellen (VOGL) — oft ganze Nester bildend.
Das meist aus geschälter Wurzel hergestellte, daher korkfreie Pulver (bei schlecht mundierter Ware treten einige Korkzellen auf) wird durch konzentrierte Schwefelsäure dunkelrot- bis orangegelb. Es läßt die Stärkekörner, die Kalkoxalatkristalle und deren Splitter, die Fragmente der getüpfelten und Netzleistengefäße sowie die Bastfasern und deren Gruppen erkennen, die oft von Kristallkammerfasern begleitet sind.
Lit. G. W. WEDEL, De glycyrrhiza 1717 (hier die erste, allerdings sehr primitive mikroskopische Untersuchung). — WIGAND, Flora 1877 und Lehrbuch 1879. — TSCHIRCH, Angew. Anatomie und Artikel Liquiritia in Realenzykl. d. Pharm. VIII, 234. — TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas. — TSCHIRCH-HOLFERT, Arch. d. Pharm. 1888, S. 473. — VOGL in WIESNER, Rohstoffe. 2. Aufl. — A. MEYER, Drogenkunde. — Der primäre Bau bei HOLFERT, Arch. Pharm. 1889. — Das Pulver sehr ausführlich in KOCH, Mikrosk. Anal. d. Drogenpulver II, Taf. 17 und auch bei KRAEMER, Am. journ. ph. 1897, Proc. Am. ph. ass. 1898, 310. — ICLIFFE, Drug. Circ. 1900 u. and. — Entwicklungsgesch. von Frucht und Samen v. Gl. gl. in STSCHERBATSCHEFF, Beitr. z. Entw. einig. Sam. u. Fr. Arch. Pharm. 1907, 48.
Chemie. Der wichtigste Bestandteil des Süßholzes ist das Glycyrrhizin. Das Glycyrrhizin (Glycyrrhizinsäure, Süßholzzucker, Wurzelzucker) wurde von PFAFF aufgefunden und Glycion genannt, ROBIQUET gab ihm 1809 den Namen Glycyrrhizin. Es wurde dann von DÖBEREINER, BERZELIUS, BUCHNER, MARTIN, HIRSCH, RUMP, FLÜCKIGER und MÖLLER, SESTINI u. and. studiert. A. VOGEL jun. gab ihm die Formel C16H26O6, ROESCH: C16H24O6, T. LADE: C36H48O14, GORUP-BESANEZ: C48H72O18, HABERMANN: C22H33NO9 oder C44H66N2O18. Auch ROUSSIN gibt Stickstoff als Bestandteil an, ebenso TSCHIRCH und RELANDER (1898). GORUP-BESANEZ rechnet das Glycyrrhizin zu den Glykosiden. HABERMANN erhielt bei der Hydrolyse eine harzige Substanz, die er Glycyrrhetin nannte neben Parazuckersäure, GORUP-BESANEZ einen gärungsfähigen Zucker. Die zuerst von FLÜCKIGER (1867) ausgesprochene, von vornherein unwahrscheinliche Ansicht, daß das Glycyrrhizin in der Pflanze als Ammonsalz vorhanden sei, wurde von ROUSSIN (1875) wiederholt und ging in alle Lehrbücher über. Sie ist von TSCHIRCH und CEDERBERG (1907) widerlegt worden. In Pflanzen sind übrigens organische Ammonsalze bisher niemals gefunden worden. Die Glycyrrhizinsäure ist in der Pflanze an Kalium und Calcium gebunden (nach SESTINI nur an Ca, was aber unwahrscheinlich ist). TSCHIRCH und CEDERBERG erhielten auch zuerst die Glycyrrhizinsäure über das tertiäre Kaliumsalz in reiner Form und zeigten, daß sie bei der Hydrolyse in Glycyrrhetinsäure und Glukuronsäure zerfällt. Sie formulierten daher:

Glycyrrhetinsäure
Glukuronsäure
Die Glukuronsäure wurde dann durch TSCHIRCH und GAUCHMANN (1908) weiter identifiziert und wahrscheinlich gemacht, daß in der Glycyrrhetinsäure nur eine doppelte Bindung und der Kern:

enthalten ist, sowie daß wahrscheinlich die Bindung der Glukuronsäure an den α-Hydroxylen erfolgt.
Weder die Glycyrrhetinsäure (F = 210°), die in Nadeln kristallisiert, noch die Glukuronsäure (s. oben S. 77) sind süß. Wohl aber schmeckt sowohl die in farblosen Schuppen oder Prismen kristallisierende dreibasische, optisch inaktive Glycyrrhizinsäure C41H55O7(OH)6(COOH)3 (F = 205°) als ihre wasserlöslichen Kalium- und Ammoniumsalze intensiv und rein süß, nicht kratzend — noch in Lösungen 1:20000. Sie reduzieren weder Fehlingsche Lösung noch ammoniakalische Silberlösung. Die Glycyrrhizinsäure ist in heißem Wasser löslich. Die Lösung gesteht beim Erkalten zu einer Gallerte (beim Rohglycyrrhizin beobachtete dies schon PFAFF). Das Glycyrrhizin, das einen besonderen Typ der Süßstoffe darstellt, ist zu etwa 5,3 bis 7% in der Droge enthalten (TSCHIRCH, CEDERBERG und ERIKSSON). Die früheren Autoren (FLÜCKIGER, SESTINI, J. H. MÖLLER u. and.) sprechen von 6,27, 7,5, 8% und noch höheren Zahlen (9% GAWALOWSKI). Sie hatten aber nur unreines G. in Händen. Russisches Süßholz ist glycyrrhizinreicher als spanisches. Das fand schon NEESE (1863).
Das Roh-Glycyrrhizin fällt beim Versetzen der Perkolate der Wurzel mit Schwefelsäure als pflasterartige Masse aus. Aus der alkoholischen Lösung der letzteren (1=3) fällt bei weiterem Alkoholzusatz eine stickstoffhaltige gummiartige Masse. Dampft man das Filtrat zur Trockne, löst in Alkohol und setzt Äther hinzu, so fällt eine außerordentlich bitter und dabei kratzend schmeckende Masse aus. Das so gereinigte Glycyrrhizin gibt an Äther etwas Glycyrrhetinsäure (s. oben) ab, die also das Glycyrrhizin in der Pflanze begleitet. In dem Filtrate von der Schwefelsäurefällung (s. oben) findet sich d-Glukose und Mannit (TSCHIRCH und RELANDER). Doch ist fraglich, ob Mannit primär gebildet in der Droge vorkommt. ARNST und HART geben den Zuckergehalt bei span. Süßholz zu 9,57, bei russischem zu 10,39% an, KÖNIG auf 7,44 bzw. 6,01% (in der Trockensubstanz 8,16 bzw. 6,58%) Glukose (direkt Fehling reduzierend). Nach RASENACK kommt auch reichlich Saccharose im Süßholz vor. (KÖNIG gibt davon für spanisches 2,13, für russisches 10,38% an.) Das Süßholz ist also ein wahres Arsenal von Süßstoffen. Es enthält deren nicht weniger wie vier.
Die von mir vorgeschlagene Methode der Bestimmung der drei Süßstoffe (Glukose, Rohrzucker, Glycyrrhizin) nacheinander in derselben Lösung ist von ELLA ERIKSSON in meinem Institut durchgeprüft worden. Sie beruht darauf, daß Glukose in der Kälte, Saccharose bei kurzem, Glycyrrhizin erst bei lange anhaltendem Kochen FEHLINGsche Lösung reduzieren und nach ALLIHN bestimmt werden können. In dem mit Alkohol von den Schleimstoffen befreiten Auszuge wird zuerst durch zwölfstündiges Stehenlassen mit FEHLINGscher Lösung in der Kälte die Glukose oxydiert und nach ALLIHN bestimmt, im Filtrate vom Kupferoxydul wird durch 3 Minuten langes Kochen mit FEHLINGscher Lösung die Saccharose bestimmt und dann aus dem Filtrate das Glycyrrhizin mit Schwefelsäure ausgefällt, aufgelöst und 15 Stunden mit FEHLINGscher Lösung gekocht und dann ebenfalls nach ALLIHN bestimmt. Wir fanden in lufttrockenem Süßholzpulver: Glukose 1,39–1,45%, Saccharose 2,40 bis 2,57%, Glycyrrhizin 6,42–7,13%. Nach der CEDERBERGschen gravimetrischen Methode erhielten wir etwas weniger, nämlich 5,5–5,6% Glycyrrhizin bei dem gleichen Material.
Ferner findet sich im Süßholz l-Asparagin = NH2CO.CH2.CH(NH2).COOH, 2–4% (SESTINI), das CAVENTOU darin auffand und Agedoil nannte (auch PFAFF hatte es in Händen). HENRY und PLISSON identifizierten es 1828 mit dem von VAUQUELIN und ROBIQUET (1809) im Spargel aufgefundenen Asparagin. ROBIQUET erwähnt in seiner Analyse eine kristallinische Substanz, ähnlich dem Vauqueline. MOULIN weist das Asparagin dadurch nach, daß er Schwefelsäure und etwas Resorcin zusetzt, erhitzt und verdünntes Ammoniak hinzufügt. Es entsteht eine fluoreszierende Lösung. Ferner enthält das Süßholz bis 3,5% Fett (wir fanden nur 0,2–0,8%), etwas Harz (Glycyrrhizinharz?), gelben Farbstoff in den Gefäßwandungen, durch Kali tiefgelb, wenig Gerbstoff, viel Stärke (in span. Süßholz 31,33, in russischem 20,73%, ARNST und HART), Gummi 1,5–4% (MADSEN) und ein ätherisches Öl (0,03% in spanischer, 0,035% in russischer Droge, HAENSEL). Süßholz enthält auch kleine Mengen Salicylmethylat (DESMOULIÈRE). Die bisweilen angegebene Apfelsäure dürfte Glukuronsäure gewesen sein. Der Extraktgehalt beträgt bei russischem Süßholz meist 35–38%, bei spanischem 20–25% (LA WALL erhielt 1896 55%; Pharm. helv. IV verlangt wenigstens 28% bei 100° getrocknetes Extrakt, die Ph. austr. 30%). Asche 3–6% (selten mehr als 5%, HAUKE, nach DIETERICH 3,2 bis 6,15 (im Pulver etwas mehr; DIETERICH: russisches 4,8–11,7, span. 5,1–9,9); nach Pharm. helvet. IV höchstens 6%. Der Wassergehalt beträgt 6,5–10% (im Mittel 8,75 ARNST und HART).
Durch Liegenlassen in Ammoniakgas soll Süßholz etwas süßer werden (LANDERERS Rad. liquirit. ammoniata). Die Prozedur ist aber unzulässig; in ihrer Wirkung zudem zweifelhaft.
Lit. (Glycyrrhizin.) Ältere Lit. in SCHWARTZE, Tabellen 1819. — PFAFF, System d. Mat. med. I, 187. VI, 113. — DÖBEREINER, Elemente d. pharm. Chem. 149. — ROBIQUET, Ann. de chim. 72 (1809), 143, TROMMSD. Journ. 19. — BERZELIDS, Poggend. Ann. 10 (1827). — MARTIN, Jahresb. d. Chem. 1860. — RUMPF, N. Repert. d. Pharm. 4, 153. — HIRSCH, Jahresb. d. Chem. 1860, 551; 1871, 308. — FLÜCKIGER, Pharmakognosie I. Aufl. — A. VOGEL, Journ. f. prakt. Chem. 28, 1. — LADE, Ann. Chem. Pharm. 59, 224. — GORUP-BESANEZ, Ann. Chem. Pharm. 118, 236. — ROESCH, Beitr. z. Kenntn. d. Glyc. Dissert. Erlangen 1877. (Jahresb. d. Pharm. 1878, 426.) — WESELSKY u. BENEDICT, Ber. d. chem. Ges. 1876, 1158. — ROUSSIN, Journ. pharm. chim. 1875. (Arch. d. Pharm. 1876, 157.) — SESTINI, Gaz. chim. ital. 1878, 131 (Ber. 1878) u. Arch. d. Pharm. 1880, 233. — HABERMANN, Sitzungsb. d. Wien. Akad. 74 (1878) u. Ann. d. Chem. 197 (1879), 105. — TSCHIRCH u. RELANDER, Schw. Wochenschr. f. Ch. u. Ph. 1898, S. 243. — TSCHIRCH u. CEDERBERG, Arch. Pharm. 1907, 97. — TSCHIRCH u. GAUCHMANN, Arch. Pharm. 1908, 545 u. 558. — RASENACK, Arbeit. d. K. Gesundheitsamt. 1908.
HAENSELS Berichte 1899. — ARNST u. HART, Zeitschr. ang. Chem. 1893, 136. — KÖNIG, Nahr. u. Genußm. II, 1065. — KREMEL, Pharm. Post. 22, 194. — MOULIN, Journ. pharm. 1896. 543. — LA WALL, Am. journ. pharm. 1896. — NEESE, Jahresb. d. Ph. 1863. — (Asche.) HAUKE, Zeitschr. Österr. Apoth. Ver. 1902, 418; MOOR and PRIEST, Ph. journ. 1900 und DIETERICH, Helfenb. Ann. 1890.
Glycyrrhizin in anderen Pflanzen. Mit Sicherheit nachgewiesen und durch Analysen belegt ist das Glyzyrrhizin bisher nur in der Wurzel der zu den Phaseoleen gehörenden Periandra dulcis MART. (P. mediterranea VELL. TAB.), der brasilianischen Süßholzwurzel (Alcassuz), in der PECKOLT es bereits vermutete, durch TSCHIRCH und GAUCHMANN, sowie in der Monesiarinde von Pradosia lactescens (VELL.) Radlk. (Chrysophyllum glycyphloeum CASAR.), einer brasilianischen Sapotacee, aus der zuerst PAYEN den Süßstoff in unreiner Form erhielt, ebenfalls durch TSCHIRCH und GAUCHMANN.
Die Wurzel von Abrus precatorius soll nach HOOPER 1,5% Rohglyzyrrhizin enthalten, die Blätter sogar 9–10%. (Die Zahlen sind wohl zu hoch.) Die Jequiritywurzel ist als Süßholzersatz (indisches Süßholz) empfohlen worden. Doch sind die Auszüge etwas bitterer (RUDOLFE). Ferner wird Glyzyrrhizin angegeben in Glycyrrhiza lepidota (MAC CULLOUGH), Sarcocolla, Trifolium alpinum L. (die unterirdischen Teile als Réglisse des montagnes bekannt), Astragalus glycyphyllos, Rhizom von Polypodium vulgare (Engelsüß) und pinnatifidum var. indivisa (GUIGNET), Myrrhis odorata L. (SCHRÖDER), Guilielma speciosa MART., Ononis spinosa (das Ononid soll glyzyrrhinähnlich sein), Lepidota Pursh. (angeblich 8,5%), Tabermirca nummularia, Alyssicarpus longifolius, Macrua arenaria (die Wurzel der letzteren Pflanze findet sich in indischen Bazaren. SIMMONDS). Doch ist bei keiner dieser Pflanzen bisher der Beweis erbracht, daß wirklich Glyzyrrhizin vorliegt. Daß der von RASENACK untersuchte und als Glykosid erkannte Süßstoff von Eupatorium Rebaudianum, auf welche Pflanze BERTONI (Pharm. Zeit 1902, 108) aufmerksam machte, nicht Glyzyrrhizin ist, zeigten TSCHIRCH und GAUCHMANN (1908).
Lit. PECKOLT, Zeitschr. d. Österr. Apoth. Ver. 1867; Pharm. Rundsch. 1888. — PAYEN, Exam. chim. et méd. du Monesia. Paris 1841. — GUIGNET, Rep. d. pharm. 13, 72. — HOOPER, Pharm. Journ. 1894, 937 (Abrus auch: NORMAN, Bull. of ph. 1897). — SIMMONDS Bull. of pharm. 1894, 205. — RUDOLFE, ebenda 1897. — FLÜCKIGER, Pharmakogn. und Pharmakographia. — GUIGNET, Jahresb. 1885, 16. — SCHRÖDER, ebenda (Arch. Pharm. 1885, 621). — TSCHIRCH und GAUCHMANN, Arch. Pharm. 1908. — MAC CULLOUGH, Am. journ. ph. 1890, 388.
Der Geschmack des Süßholz ist eigenartig kräftig süß, schwach kratzend, ein wenig schleimig und sehr schwach bitterlich.
Verfälschung. Im Pulver wurde als Verfälschung Olivenkernmehl und Maisstärke gefunden (EVANS), auch Kartoffelstärke (1908). WIGAND gibt (1887) als Verfälschung des Pulvers an: Mehl, Arrowroot, Curcuma, Farinzucker, Guajac, Schüttgelb, Sem. Trigonellae. Ich habe 1909 nichts dergleichen beobachtet. Auch MITLACHER fand Süßholz wenig verfälscht. BASTIN beschreibt die Unterschiede (?) der Stolonen und Wurzeln. HANSON macht auf Verfälschung des Pulvers mit ausgezogenem Pulver aufmerksam.
Lit. EVANS, Pharm. Journ. 1905. — WIGAND, Pharmakognosie. — MITLACHER, Ergebnisse d. Apotheken-Visitationen usw. Zeitschr. d. Öster. Ap. Ver. 1904. — BASTIN, Detection of stem admixtures in Root drugs. Pharm. Journ. 1902, 652. — HANSON, Amer. Drugg. 1886 (Jahresb. d. Ph. 1896).
Schädlinge. Ein Schädling der Süßholzdroge ist Pyralis farinalis, die Mehlmotte (JACKSON). Dann besonders Niptus hololeucus FALDERMANN, eine sehr schädliche Ptinide, die durch russisches Süßholz in Deutschland eingeschleppt, in den letzten Dezennien sich stark ausgebreitet hat (ISRAEL).
Geschichte. Das Süßholz gehört zu den ältesten Drogen. Es findet sich im Magical Papyrus (I, S. 465) und ist einer der Bestandteile des Theriak (I, S. 551). Bei den Indern diente Süßholz (madhuka) beim Liebeszauber (JORET). Eine Abkochung der Süßholzwurzel und des Süßtee (Gymnostemma cissoides) wird auch zum Bade Buddhas bei dessen Geburtsfeier am 8. Tage des 8. Monats benutzt. Am Morgen dieses Festes wird die Statue des Gottes in eine Kufe gesetzt und mittels einer Kelle von den Betenden dreimal mit diesem Tee begossen. Die abtropfende Flüssigkeit wird gesammelt und bildet ein geschätztes Heilmittel (JUNKER VON LANGEGG). Liquiritia gehört auch zu den Drogen der ersten Klasse («Fürsten») der Shen nung Pen tsʿao king, des ältesten chinesischen Kräuterbuches (I, S. 515). Es wurde seit alter Zeit, wie noch heute bei Katarrhen der Luftwege benutzt. Bei THEOPHRAST steht (IX, 13): γλυκεῖα δὲ καὶ ἡ σκυθική. καὶ ἔνιοι δὲ καλοῦσιν εὐθὺς γλυκεῖαν αὐτήν. γίνεται δὲ περὶ τὴν Μαιῶτιν. χρησίμη δὲ πρός τε τὰ ἄσθματα καὶ πρὸς τὴν βῆχα ζηρὰν καὶ ὄλως τοὺς περὶ τόν θώρακα πόνους. ἔτι δὲ πρὸς τὰ hέλκη ἐν μέλιτι. δύναται δὲ καὶ τὴν δίψαν παύειν ἐάν τις ἐν τῶ στόματι ἔχῃ usw. Und ποιεῖ δὲ τὸ χύλισμα πρὸς τραχύτητας ἀρτηρίας (der Saft wirkt gegen Rauheit der Luftröhre) sagt schon Dioskurides (III, 5). Scribonius kennt Lakritz-Pastillen. Wir finden es also bei THEOPHRAST (I, S. 548) und DIOSKURIDES (I, S. 561). Ferner bei GALEN (I, S. 581), ORIBASIUS (I, S. 588), MARCELLUS EMPIRICUS (I, S. 590), PAULUS AEGINETA (I, S. 592) und ALEXANDER TRALLIANUS, die auch bereits das Süßholzextrakt kennen. Ebenso findet es sich bei SUSRUTAS (I, S. 505). Die Inder werden es wohl von den Persern und Arabern übernommen haben. Es war bei ihnen sehr geschätzt, kommt aber in Indien, das die Droge noch heute vom persischen Golf, Karachi und Afghanistan bezieht, nicht vor. Auch die Kultur des Süßholz ist alt, besonders die in Spanien. Doch reicht sie hier nicht bis ins X. Jahrh. zurück. Der Kalender des HARIB erwähnt Süßholz nicht. Die Kultur des Süßholz «auf dem Acker» bei Bamberg wird von den einen (REUSS, Walafridi Strabi Hortulus 1834) auf die Gemahlin HEINRICHS II., KUNIGUNDE († 1033), von anderen (wohl richtiger) auf die Benediktiner der Abtei Michaëlsberg zurückgeführt, die im XV. Jahrh. das Süßholz aus Italien (und Spanien?) nach Deutschland brachten. Im Vocabular AFRICS, Erzbischof von Canterbury (X. Jahrh.), in KARLS Capitulare, im St. Galler Klosterplan, im Hortulus und bei MACER FLORIDUS fehlt das Süßholz. Es wurde also in Deutschland kaum vor dem XIII. Jahrh., wahrscheinlich erst vom XV. Jahrh. an kultiviert. PLATEARIUS (I, S. 635) und CRESCENZI (I, S. 678) erwähnen Kulturen in Italien und beschreiben die Darstellung des Succus. TABERNAEMONTANUS (I, S. 848) erwähnt Succus liquiritiae von Creta. «Liquiritia» (Radix? oder Succus?), figuriert auch im XIV. Jahrb. in englischen Dokumenten (Testamentsexekution des Bischofs von Exeter 1310), unter Regolitia figuriert Liquiritia in verschiedenen Vorschriften des «Ricettario fiorentino» 1498. In der Frankfurter Liste 1450 (I, S. 812) steht Lequeritia und Succus liqworicic, bereits in dem Frankfurter Catalogus von 1582 (I, S. 817) findet sich Rad. dulcos scythica (russisches) und hispanica, sowie cretischer (candiacus seu creticus) und venedischer Süßholzsaft. Die Eßlinger Taxe 1571 (I, S. 816) hat liquiriciae liquor cond(ensatus). Eine Abbildung der Pflanze, der Handelsform der Droge und einer Succustablette mit dem Reichsadler gab schon BOCK (Fig. 30). Nach TABERNAEMONTANUS wurde schon Anfang des XVI. Jahrh. viel Süßholz in Deutschland gebaut und Succus (im Gegensatz zum venedischen vulgaris genannt) dargestellt (vgl. auch Taxe von Worms 1609). Des bambergischen Süßholz gedenken CORDUS, BOCK und GESNER (Horti german.). SCHRÖDER erwähnt in seiner Pharmac. med. chym. sogar nur das bambergische. In der Reformation von Frankfurt 1656 steht ausdrücklich: Liquiritiae succus impissatus Bambergensis. Das englische Süßholz steht in der BERLU-Liste (1724, I, S. 949). Die Süßholzkultur in Italien scheint nicht viel über das XIII. Jahrh. zurückzureichen. Sie wird zuerst bei CRESCENZI erwähnt. Und auch später kann sie nicht bedeutend gewesen sein, denn ANGUILLARA, MATTHIOLI und PORTA (Villae Libri XII) erwähnen sie nicht. Benutzt wurde das Süßholz aber das ganze Mittelalter viel, kaum weniger als in späterer Zeit, denn es fehlt in keinem medizinischen Werke. Italienisches und spanisches Süßholz gelangte 1264 nach England und zahlte 1305 dort Zoll (I, S. 713). In Sizilien wurde 1770 Succus noch ebenso bereitet wie zur Zeit des PLATEARIUS (RIEDESEL, Reise durch Sizilien 1770). Der Succus liquiritiae ist als Heilmittel kaum jünger als die Wurzel. Schon ANDROMACHUS (I, S. 551) nennt «Cyanea Glycyrrhizae» (nach CORDUS: Succus liquir.) unter den Bestandteilen des Theriak. DIOSKURIDES empfiehlt ihn. In MEGENBERGS Buch der Natur (Mitte des XIV. Jahrh. I, S. 692) steht lakritzenzahersaf, daz man süezholz haizt. Es ist dies die erste Erwähnung des Succus in Deutschland. SALADINUS führt ihn in seiner Series medicaminum im Compendium Aromatariorum 1488 auf. THEODERICH Dorsten beschrieb im Botanicon, Francf. 1540, die Darstellung in Italien und WALTER RYFF gab in seinem Confectbüchlein, Frankf. 1544, eine verbesserte Vorschrift (FLÜCKIGER). Schon im XV. Jahrh. finden wir ihn in Taxen (s. d.). In den rates of marchandizes (I, S. 921) findet sich der Succus. In der BERLU-Liste (I, S. 951) steht Succus liquiritiae angl. und hispan. In den Taxen Frankfurt 1718 und Goßlar 1731 steht Succ. liquir. hispanic. In GEOFFROYS Materia medica (1742) wird besonders spanischer, französischer und holländischer Succus erwähnt (dann cretensischer, italienischer und deutscher) und als bester der catalonische (circa Dertusam et Ilerdam paratus) bezeichnet. Auch GREN erwähnt 1799 vorwiegend den letzteren (neben sizilianischen). In dem Antidotario romano vom Jahre 1675 wird gesagt, daß der Succus aus den in der Gegend von Ascoli im Herbste gesammelten Wurzeln dargestellt werde. Im XVIII. Jahrh. wird der Suc de reglisse de Bayon erwähnt.
Paralleldrogen. Die in Nordamerika heimische Glycyrrhiza lepidota NUD. enthält Glycyrrhizin (CULLONGH), nach HOOPER sogar 6,39%. Sie wird aber, wie es scheint, nicht in größerem Stile benutzt. Vgl. auch indisches Süßholz (S. 91) und brasilianisches Süßholz (S. 91).
Lit. CULLONGH, Amer. journ. pharm. 1890. — HOOPER, Pharm. Journ. 1894.

Fig. 30.
Aus Hieronymi Tragi (
Bock
), Historia stirpium 1552. Links die Handelsform des
Süßholz
, rechts
Succus
tablette mit Stempel.
[Phot. verkleinert.]
Succus liquiritiae.
Syn. Extract. glycyrrhizae oder liquiritiae crud., Lakritzen (in vielen Sprachen [vgl. I, S. 1060], auch finn. lakritsi), Süßholzsaft, Bärendreck, Bärenzucker, — Suc oder jus de réglisse (franz.) — Extract or juice of liquorice (engl.) — Sugo oder succo di liquirizia oder di regolizia (ital.) — drop (holl.) — ὀπός γλυκυρρίζης (n.-gr.) — bei ACTUARIUS (I. S. 792): Succus dulcis radix — hind.: jathímadh-ká-ras, mulatthi-ká-ras — pers.: asus, rob-a-sus. — arab.: rubbussús. — (Etym. s. Süßholz).
Gewinnung. In allen Süßholz bauenden und sammelnden Ländern wird auch Succus dargestellt, am meisten wohl jetzt in Rußland, das England und Amerika damit versorgt. Der in Deutschland verwendete stammt meist aus Italien oder Kleinasien, der spanische, französische, englische wird zumeist im Lande selbst verbraucht. In Italien, dessen Succus für uns in erster Linie in Betracht kommt, wird sowohl in Calabrien (der Succus heißt in Frankreich geradezu «Réglisse de Calabre») wie in Sicilien Succus fabriziert, meist in von Großunternehmern abhängigen Kleinbetrieben auf dem Lande, die ziemlich konservativ an den Gebräuchen festhalten und seit 100 Jahren wenig geändert haben.

Fig. 31.
Waschen und Schneiden der
Süßholz
wurzel in der Fabbrica liquirizia des Barone
Compagna
in Corigliano. Die gewaschenen Wurzeln werden von zwei Arbeitern mit Stangen in die ganz vorn sichtbare Schneidemaschine geschoben.
[
Ravasini
phot.]
Der Succus kann in der Form fester Stangen nur aus frischer Wurzel dargestellt werden. Nur diese Stangen werden hart und wetterfest und lassen sich brechen. Wird Succus aus getrockneter Wurzel dargestellt, so erhält man Stangen, die beim Liegen sich abplatten, nicht hart und wetterfest sind und sich beim Versuche, sie zu brechen, biegen (KÄMMERER). Der Grund ist nicht bekannt.
Tafel I

Fabbrica liquirizia des Barone Senatore Compagna in Corigliano (Prov. di Cosenza).
In 1 werden die Wurzeln gereinigt, gewaschen, geschnitten und gekocht und der Saft eingedampft, in 2 wird der Succus ausgerollt, in 3 getrocknet, in 4 magaziniert.
(Ravasini.)
⇒ GRÖSSERES BILD
Tafel II

Interno di un solo frantoio
(Fabbrica liquirizia di Barone Compagna. Dirett. Luigo Caruso).
Zerquetschen der Süßholzwurzel mit den Lavawalzen.
(Ravasini.)
⇒ GRÖSSERES BILD
Tafel III

Lavorazione Biglie
(Fabbrica liquirizia di Barone Compagna. Dirett. Luigo Caruso).
In der Mitte: Ausrollen der Stengel. Rechts: Stempeln. Links: Ausbreiten zum Trocknen und Beurteilung.
(Ravasini.)
⇒ GRÖSSERES BILD
FLÜCKIGER berichtet über die Darstellung in Catania: Anfangs April 1889 besuchte ich in Catania zwei Fabriken, welche die Wurzel der in der Gegend wildwachsenden Pflanze vom Oktober bis April verarbeiten. Die gewaschene, geschnittene und auf dem Reibsteine zerquetschte Wurzel wird in eisernen Pfannen (Caldaja), welche 2½ hl fassen, zweimal mit Wasser ausgekocht, dann zweimal gepreßt, was für eine Beschickung jeweilen einen Tag in Anspruch nimmt. Zum Zwecke des Pressens füllt man die gekochte Wurzel aus den Pfannen entweder in korbartiges Geflecht, Frantojo, aus Spänen von Kastanienholz (Sporta di pezzuola) oder schichtet sie mit 18 durchlöcherten Eisenplatten (lastre di ferro), welche, durch ein hölzernes Gestell (Gabbia) zusammengehalten, der Wirkung der Presse unterworfen werden. Nach der Klärung, welche durch ruhiges Stehen des Saftes herbeigeführt wird (die zuletzt abfließenden Anteile werden auf neue Portionen der Wurzel gegossen), kocht man den Saft in der Caldaja mit Hilfe von Steinkohlenfeuer ein und bringt ihn schließlich mittelst Holzkohlen zu der geeigneten Konsistenz. Eine Pfanne liefert so ungefähr 400 kg Pasta, welche sogleich durch Arbeiterinnen auf einem geölten Tische aus Nußbaumholz geteilt wird, wie oben erwähnt. Entweder formt man daraus Blöcke (Blocchi oder Pani) von 5 kg, welche in blaues Papier eingewickelt je zu 20 in eine Kiste (Cassa) verpackt werden. Oder man stellt aus der Pasta mit Hilfe von Rinnen aus Marmor oder Messing Stangen (Bilie) von gleicher Größe her, welche nach dem Stempeln rasch gewaschen werden, um sie von dem während des Ausrollens aufgenommenen Öle zu befreien. Schließlich erfolgt das Austrocknen auf Hürden (Tavole) im Magazin, wozu die Sommermonate erforderlich sind, weil wenigstens in jenen Fabriken in Catania kein Trockenraum mit Heizung eingerichtet war. Kupfer ist hier, wie man sieht, bei der Fabrikation ausgeschlossen.
Ähnlich lautete schon die Beschreibung der Bereitung, die wir in TH. MARTIUS, Über die Anfertigung des Succus liquiritiae crud. (Buchn. Rep. 89. 289, 1845) finden und die Angaben HANBURYS, die dieser 1872 auf Grund eigener Beobachtungen in Calabrien in der Pharmakographia machte.
HARTWICH teilt (nach Auskünften, die er 1896 erhalten) folgendes über die Bereitung mit (Kommentar zum Arzneibuch für das Deutsche Reich II, S. 622): Die Fabrikation zerfällt in die drei Operationen des Auskochens der Wurzeln, Klären des Saftes und Eindampfen desselben. In Italien werden in der vom November bis Juni reichenden Campagne die Nebenwurzeln (?) der mindestens vier Jahre alten Pflanzen durch Aushacken gewonnen, während man die Hauptwurzel und die tiefer als ½ m liegenden Nebenwurzeln (?) zur Erzeugung von Nachwuchs schont. Gewaschen, werden sie zerschnitten und durch Reiben in einen feinen Brei verwandelt. In den italienischen Betrieben scheint ein Schälen nicht stattzufinden. In Tiflis wird nur geschälte Wurzel verarbeitet. Das Reiben geschieht in allen größeren Fabriken durch Maschinen.
Die breiige Masse wird nun durch etwa 15 Stunden mit Wasser gekocht, nach dem Abkochen durch Beutel filtriert, meist auch ausgepreßt, und in ein Bassin zum Klären gebracht. Aus den Klärbassins gelangt der Auszug durch mit feinen Metallsieben versehene Pumpen in flache Abdampfschalen, Caldaja in Italien genannt, wo die dünne Succuslösung erst auf freiem Steinkohlen-, dann auf Holzkohlenfeuer, um gegen Ende zu starke Erhitzung zu vermeiden, unter Umrühren eingedampft wird. Eine solche Caldaja ergibt etwa 400 kg Succus. Das Trocknen geschieht auf Holzplatten an der Luft und erfordert lange Zeit und warme Witterung.
Vor dem Verpacken wäscht man sie nochmals, reibt sie mit Lakritzlösung ab und schichtet sie zwischen Lorbeerblättern, um das Aneinanderkleben zu verhüten.
Nach 1910 von RAVASINI erhaltener Auskunft wird der Succus meist in ziemlich primitiver Weise, neuerdings aber auch sorgfältiger, nur von Mitte Dezember bis Anfang Mai dargestellt. Man benutzt 4–5jährige Pflanzen, da sowohl jüngere wie ältere weniger Succus liefern. Die Ausläufer und Wurzeln werden gewöhnlich im Herbst, gleich nach Eintreten der ersten Regengüsse, wenn die Erde schon lockerer ist, ausgegraben. Sie werden gereinigt, dann in Fragmente von 3–6 pollici geschnitten (Fig. 31), mit Wasser sorgfältig gewaschen und in einer aus zwei Lavawalzen bestehenden Mühle zerquetscht (Taf. II). Nun bisweilen zunächst über Nacht mit Wasser mazeriert oder direkt mit Wasser einige Stunden bei schwachem Feuer ausgekocht und dann scharf in einer Presse (strettojo) abgepreßt. Die abgepreßte Wurzel wird dann meist noch zweimal auf stärkerem Feuer ausgekocht und der Saft, nachdem er durch ein Sieb filtriert worden war, in einem kupfernen Kessel soweit eingedampft (einige Fabriken benutzen hierbei Vacua), daß die Konzentration gerade ein Filtrieren noch erlaubt, nun ein zweites Mal filtriert und darauf unter fortwährendem Umrühren mit hölzernen Spateln bei gelinderem, allmählich erlöschendem Feuer soweit eingedampft, bis die Masse beim Erkalten hart wird. Nun formt man aus dieser Masse Brote (pani, blocchi) zu c. 5 kg, die in Kisten von 20 Broten (100 kg) verpackt werden, oder man formt mit den Händen, die man mit Stärke, Öl oder Asche einstreut, oder mittelst geölter hölzernen oder auch aus Messing gebildeter Formen die bekannten Stangen (bastoni oder biglie, Taf. III), die je nach den Fabrikmarken in verschiedenen Größen, und zwar zu 6, 8, 15, 25, 35, 45, 55, 75, 90 und 120 g geformt werden. Diese Stangen werden dann am einen Ende gestempelt (Taf. III, Fig. 32) und auf hölzernen Platten 2–3 Monate hindurch dem Trocknen überlassen. Die Stempel sind jetzt:
1. nach den Fabrikanten benannt: R. DE ROSA (in Atri bei Teramo), MARTUCCI, BARACCO, GUI GRASSO, CONTE D’ALIFE, ZAGARESE E CO., SINIB(ALDO) ODDO, DUCA DI ATRI oder D’ATRI (in der Provinz Abruzzo ulteriore), MUZZI (nicht mehr im Handel), GRIMALDI, PIGNATELLI (Fürst P. in Torre Cerchiara), DUCA DI CORIGLIANO (alte gute Marke), Barone COMPAGNA (in Corigliano, Taf. II u. III). SOLAZZI (in der Nähe von Corigliano), B. FICHERA, Barone AMARELLI, SALVAGO, SAVARINI, F. S. D. (nicht mehr im Handel), P. S. (= Principe de Salerno), BURGARELLA, S. FRANCO, DI SURDO, LA ROSA, CAFLISCH (Catania), G. BONGIORNO u. a.

Fig. 32.
Verschiedene Formen der Succusstangen.
[
Ravasini
.]
2. nach den Orten benannt: Corigliano und Atri (diese zwei Marken sind auch unter den nach den Fabrikanten genannten Marken angeführt, da sich die betreffenden Herren dieser Besitze nach dem Orte auch Duca di Corigliano und Duca d’Atri nannten), Cassano (mit und ohne Stern, vorzüglich, wegen des Papagei auf der Vignette auch als «Pappagalo» bekannt), Gerace, Messina, Rossano, Policoro, Sicilia, Catanzaro, Torcella, Puglia usw. (s. die Karte auf S. 98).
3. mit Phantasienamen: Theseus (von G. e. R. FRITZ), dann vom Barone Compagna fabriziert: Schiavonea, Cedonia, Cesarello, Venetta, Fratelli; vom Grafen D’ALIFE fabriziert: Favella; von DE ROSA: Regina; von CAFLISCH: Vittoria, endlich Imperial usw.
Über die außerdem erwähnten Marken: Pollici, Lavoro, Derosas (wahrscheinlich Imitation von DE ROSA), Convitato, Ferrajuolo, S. Rafft, Lagusso, Cagliano, Pastora, konnte ich nichts in Erfahrung bringen.
Bisweilen sieht man bei den Stangen außer dem Fabrikstempel auch Eindrücke, die von Stiften herrühren, die sich in den Formen finden (namentlich bei der Marke Ferrajuolo) oder einen Stern (CASSANO), oder ein Wappen (PIGNATELLI), oder die Bezeichnung «Sug pur» (CAFLISCH), «Italy» (DUCA DI CORIGLIANO, Barone COMPAGNA) usw.
Die Stangen werden, nachdem sie vom Staube befreit und glänzend gemacht wurden (lavoro di lustratura) mit Lorbeerblättern (in Rußland mit Eichenblättern) bedeckt und in Kisten zu 50, 60 oder 100 kg verpackt (lavoro d’incasso). — 3% Tara werden für die Blätter gerechnet. Auch bei den Broten werden Lorbeerblätter, die schon GEOFFROY 1742 erwähnt, als Packmaterial benutzt.
Wie aus Obigem hervorgeht, vermeidet man nicht immer kupferne Kessel (auch JANSSEN-Florenz erwähnt solche) und messingne Formen für den Succus in Massen. Immerhin gilt jetzt die Tendenz, sie möglichst auszuschließen, z. B. geschieht dies in vielen italienischen, dann in den englischen Fabriken und endlich in denen von Tiflis, wo man eiserne Kessel usw. vorzieht. Die Furcht vor dem Kupfer ist übrigens unbegründet (vgl. TSCHIRCH, Das Kupfer vom Standpunkt der Hygiene usw.).
Aus 5 Teilen frischer Wurzel erhält man c. 1 Teil fertige Ware (nach WOODCOCK 16%, nach RAVASINI aus Winterwurzel 18–22, aus Sommerwurzel 12–14%).
Die Stangen werden zwischen Lorbeerblättern in Kisten von 60, 110–120 kg verpackt. Das Gewicht der Lorbeerblätter darf nicht mehr als 3% des Gesamtgewichtes betragen. Außer in Stangen wird auch Succus in massa (blochi, pani) fabriziert (s. oben).
Die Gesamtausfuhr Italiens an Succus betrug 1908 (nach Mitteilung des italienischen Handelsministeriums): 11664 Quintal (1 Qu. = 100 kg) im Werte von 1749600 Lire (1909: 13744 Quint.). Der meiste italienische Succus ging nach England (3102 Qu.), dann folgt Belgien, Österreich, Holland und Deutschland. 1910 existierten allein in Catania sieben Häuser, die Succus fabrizieren ließen (RAVASINI).
Zu der von RAVASINI gezeichneten Karte der italienischen Succusfabrikation (Fig. 33, S. 98) gibt dieser folgende Erläuterungen.
Die Fabrik der Barone COMPAGNA liegt bei Corigliano. Sie fabriziert die Primamarken Duca di Corigliano (Stangen von 4, 3, 2 und 1 onze) und Cassano mit Stern und einige Sekundasorten (s. d. Karte), Jahresproduktion: 1500–2000 dz. Nicht weit davon — bei Isola Caporizzuto — liegt die Fabrik des Barone ALBERTO BARACCO, die die berühmte Marke «Baracco» herstellt und in Rossano befinden sich die Fabriken der Marchese G. MARTUCCI und des Barone AMARELLI, aus der die guten Marken MARTUCCI, Barone AMARELLI und G. AMARELLI hervorgehen. Beide sollen mit Vakuumapparaten arbeiten. In der Nähe von Rossano liegen die Lakritzfabriken der Grafen D’ALIFE und von ZAGARESE & Co. Die erstere Fabrik macht die Marken Conte d’Alife, Solazzi und Favella, die zweite die Marke Zagarese, sowie die Fabrik des FRANCESCO PIGNATELLI in Cerchiara di Calabria, in der die Marke V. Pignatelli hergestellt wird. Südlicher, bei Policoro, liegt dann die Fabrik von B. BERLINGIERI, die die Marken Gerace (nach dem Orte an der Ostküste) und P. S. fabriziert. Ein Rest der alten Lakritzfabrikation in Ascoli ist die Fabrik R. DE ROSA in Atri bei Teramo (in Abruzzo), die die Marken de Rosa und Regina herstellt. Die Marke Muzzi, ebenfalls aus Abruzzo, ist erloschen.
In Sizilien ist Catania Hauptort der Fabrikation. Die größte Fabrik ist die der FRATELLI CAFLISCH, die die vorzügliche Sorte Caflisch mit der Bezeichnung Sug pur macht. Mittelsorte ist G. Bongiorno, schlechtere: Vittoria (in kleinen Stangen von 6–8 und 15–17 g).
Die Firma BERNARDO FICHERA fabriziert Marke Fichera, die Firma LA ROSA PASTORE die Marke La Rosa. Die Firma GUI GRASSO soll die Fabrikation aufgeben wollen.

Fig. 33
Die wichtigsten Fabrikationsorte des
Succus liquiritiae
in Italien. Neben dem Orte ist der Fabrikant und neben diesem sind die von ihm fabrizierten Sorten angegeben.
[
Ravasini
.]
In Messina wurden die Fabriken der Firmen SANTO FRANCO (Marke S. Franco) und SALVAGO NUNZIO E CO. (Marke Salvago) durch das Erdbeben vom 28. Dezember 1908 zerstört. Die Neffen des umgekommenen SANTO FRANCO errichteten unter der Firma FRATELLI AINIS eine neue Fabrik (Marke S. Franco).
Die Fabriken von SINIBALDO ODDO in Termini Imerese (Marke Sinib. Oddo) und VITO BURGARELLA in Trapani (Marke Burgarella) sind eingegangen, da das Süßholz im Imeratal ausgerottet ist. Die Fabrik von VINCENZO GIUFFRIDA in Caltagirone macht nur Brote à 5 kg (in Kisten zu 100 kg).
Zwei österreichische Fabriken bestehen in Auspitz (Mähren). Englische Fabriken, die meist mit Vakuumapparaten arbeiten, bestehen in England (Yorkshire Lakrizen, Pontefract cakes, s. oben S. 84) und am Kaukasus, in Kasan und Astrachan, dann in Nazli, Sokia, Aidin und Alaschehr bei Smyrna. Auch Syrien fabriziert Succus (1901), dann Mesopotamien. Eine russische Fabrik, von einem Deutschen begründet und jetzt von der pharmazeutischen Handelsgesellschaft betrieben, besteht in Tiflis.
Amerika erzeugt in Philadelphia und New York Succus aus eingeführtem, russischen, griechischen und kleinasiatischen Süßholz, ebenso Deutschland.
Französische Fabriken bestehen in Nîmes (die Sorte «Bayonne» scheint jetzt verschwunden zu sein), spanische in Gerona und Vittonia. Die Fabriken in Sevilla und Saragossa gehören französischen Konsortien. In Griechenland wurde Succus in Patras dargestellt (1910 nicht mehr, EMMANUEL) und Morea (Gastuni) figurierte früher auch unter den Sorten (seit 1910 nicht mehr). Südrussische Marken sind z. B. Sanitas Tiflis, die als vortrefflich gilt, da die Fabrik mit modernen Einrichtungen (Vakuum usw.) arbeitet. In Deutschland sind Baracco, Marke J. G. STERN, J. D. RIEDEL u. a. beliebt, in Österreich Martucci und Theseus (von FRITZ). Einige nicht italienische Firmen lassen sich in Italien Marken mit ihrer Firma herstellen, z. B. G. e R. FRITZ-PEZOLDT E SÜSS, J. D. RIEDEL, J. G. STERN. Baracco ist am teuersten und wird oft nachgemacht, auch der Stempel (wegen des Markenschutzes) in Baraco, Barraco abgeändert. Die in Italien verbreitetste Marke ist jetzt de Rosa. Spanische Marken sind Alicante, Careño, Zaragossana, Spaniola, Imit. Baracco. Spanischer Succus heißt in Italien allgemein d’Alicante. Er gilt als schlechte Qualität. In Italien gelten als die besten Marken: Corigliano, Cassano, Baracco und Martucci. HAFNER bezeichnete (Zeitschr. d. Österr. Apoth. Ver. 1900) Cassano als minderwertig, Salvago als die beste.
Die Einfuhr von Lakritzen nach Hamburg betrug seewärts 1906: 3032, 1907: 3615, 1908: 3524 dz. Von der Einfuhr 1908 stammten aus Kleinasien 402, Italien 1232, Rheinprovinz 1313, Frankreich 227, Großbritannien 196, Russische Häfen am Schwarzen und Asowschen Meer 73, Bremen 35, Griechenland und ionische Inseln 12, übrige Einfuhr seewärts 34. Mit der Eisenbahn und von der Oberelbe 354 dz. Deutschland importierte 1909: 5817 dz Succus, davon 2902 dz aus Italien und 1548 aus der asiat. Türkei. Frankreich importierte 1908: Succus (jus de réglisse) 908705 kg, besonders aus Spanien und der Türkei, nur 66435 kg aus Italien. Nordamerika importierte Licorice paste 1908: 644457, 1909: 551084 pounds.
Fast überall wird der Succus nach der gleichen Methode dargestellt. Nur in Neuseeland wird (oder wurde wenigstens 1883) dem durch Auskochen mit Wasser erhaltenen, unter Zusatz von Schwefelsäure eingedampften, dann mit Alkohol gefällten und mit Pottasche neutralisierten Safte Stärke, Erbsmehl und Gummi zugesetzt. In Italien wird nahezu die ganze Süßholzernte auf Succus verarbeitet.
Die extrahierten Rückstände dienen als Feuerungsmaterial, früher wurden sie zur Papierbereitung benutzt (MÉRAT E LENS). Dazu müssen sie sich, da die Bastfasern sehr lang und sehr zahlreich sind, gut eignen.
Lit. FLÜCKIGER-HANBURY, Pharmacographia. — FLÜCKIGER, Pharmakognosie, III. Aufl. und Arch. Pharm. 1889. — SESTINI, Gazz. chim. ital. 1878 (Jahresb. d. Ph. 1878). — WOODCOCK, Journ. d. pharm. chim. 13 (1886), 275 (Chem. Drugg.). — MÉRAT-LENS, Diction. univers. III; auch FONTENELLE ET POISSON, Man. compl. du marchand papet. Paris 1828. — Bereitung in Sizilien: Apoth. Zeit. 86.
Beschreibung der Droge. Die Stangen besitzen je nach der Sorte einen verschiedenen Durchmesser und verschiedene Länge (11–20 cm lang und 1–2,5 cm dick). Sie sind schwarz, außen glatt, in der Wärme biegsam, trocken in der Kälte brechend mit muscheligem Bruch. Der Strich ist braun. Sie verlieren beim Trocknen bei 100° bis 20% Wasser, schwimmen auf Chloroform und sinken in Schwefelkohlenstoff unter. Bei 100° getrocknet beträgt das spez. Gewicht ungefähr 1,427 (FLÜCKIGER).
Chemie. Kaltes Wasser entzieht dem Succus c. 60–75, bisweilen sogar bis 90% lösliche Bestandteile (inkl. der Feuchtigkeit), Pontefract Cakes (Dunhills) z. B. geben 71% an kaltes Wasser. Die Stangen behalten hierbei, wenn man sie zwischen Holzwolle packt, ihre Form. Der Rückstand, der noch Spuren Glycyrrhizin enthält, besteht zum Teil aus Stärkekleisterballen, pektinösen und gummösen Substanzen, und enthält etwa so viel Asche als der Succus selbst (3,29% FLÜCKIGER). Unverkleisterte Stärke enthält er nicht. In Lösung geht Glycyrrhizin, Glukose, Saccharose, Mannit und deren Umwandlungsprodukte, welch letztere auch in Alkohol sich lösen. Ferner die oben (S. 90) genannten Begleitstoffe. Der wässerige Auszug gibt mit Weingeist eine Fällung. Das Rohglycyrrhizin wird aus ihm durch Schwefelsäure ausgefällt (Lakritzlösungen dürfen daher keine Mineralsäuren, aber auch keine Alkaloide zugesetzt werden!). Die gewaschene Fällung in Ammoniak gelöst und eingedampft gibt das im Handel als Glycyrrhizinum ammoniacale (MERCK, PÉGURIER) bekannte, in schwarze Lamellen gebrachte Präparat, das auch aus Süßholz dargestellt wird (in Frankreich als Glyzine bekannt).
Im Durchschnitt findet sich im Succus: 7–20, meist 10–14% Wasser, in kaltem Wasser unlösliche Substanz 10–40, meist 17–33%, darin: c. 15% gummöse Substanz und Stärkekleister (1,33–35,5 [?] Stärke, PILTZ), dann 11 bis 16% Zucker (PILTZ), bisweilen aber nur 6–7%. Der Extraktgehalt schwankt zwischen 33 und 79%. Meist beträgt er 55–72%. Über den Glycyrrhizingehalt können wir noch kein ganz sicheres Urteil abgeben, da eine ganz genaue Bestimmung desselben noch nicht gefunden wurde. Es kommt also sehr auf die Methode an. Bisher wurde immer nur Rohglycyrrhizin bestimmt (siehe Wertbest.). Es werden angegeben Prozente Ammoniumglycyrrhizat im Mittel: 5,8-(11,9) 20,8 (KREMEL), 4,02–13,34 (PY.), 1,33–18,14 (PILTZ), 3–30, meist 10–18 (PROLLIUS), 15,8 (RENNARD), 1,8–8,6 (SCHRÖDER), 6,4–27,78 (KINZEY), in einer Tifliser Marke Sanitas 30 (UTESCHER). In der Tabelle bei E. SCHMIDT (Ap. Zeit. 1900, 216): 6,6–14,7% (Salvago meist 10–13%).
PARRY gab (1910) folgende Zahlen:
Wasser Asche Unlöslich in Wasser Glycyrrhizin Zucker
vor der Inversion nach der Inversion
Calabrischer Succus (Stengel u. Block) 10,95–13,60 5,95–7,55 17,95–25,15 9,95–12,50 11,90–13,50 14,50–15,50
Anatolischer Succ. (Block) 16,95–20,50 6,80–7,22 6,90–8,50 18,85–23,50 10,88–12,0 12,90–13,90
Spanischer Succus (Block) 8,55–10,50 5,95–7,12 22,05–26,55 5,95–6,65 12,50–14,50 14,45–15,25
ELLA ERIKSSON fand mit Benutzung meiner Methode (siehe oben S. 90) in meinem Laboratorium (1910) in Cassano: 15,9–16,8% Glycyrrhizin (nach CEDERBERG bestimmt 12,8 bis 15,6%), 5,8–6,3% Fehlingsche Lösung in der Kälte reduzierende Substanz und 11,1–11,8% Fehlingsche Lösung bei kurzem Kochen reduzierende Substanz.
Der Succus läßt sich nur schwer veraschen. Der Aschengehalt wechselt sehr. Gute Sorten (z. B. Baracco) geben nicht mehr als 5% der lufttrockenen Substanz alkalische Asche. Die Asche des in Wasser unlöslichen Rückstandes beträgt etwas über 3% (FLÜCKIGER, s. oben), doch steigt die Gesamtasche oft auf 6, 8, 10, nach MADSEN sogar auf 14%. Guter Succus gibt nicht mehr als 8%. Gefälschter Lakritzen hat oft weniger als 2% Asche, so daß auch eine untere Grenze verlangt werden sollte. In der Asche der echten Lakritzen finden sich 34–43% Kali (in der von gefälschtem 18–30%, DYER 1888).
Von Einfluß für die Zusammensetzung des Succus ist, ob derselbe durch kalte Extraktion der Wurzel, oder kaltes Auspressen des Saftes, oder Auskochen der Wurzel erhalten und ob das Auskochen lange oder kurze Zeit bei mäßigem oder starkem Feuer fortgesetzt wurde, endlich ob und wie der Saft geklärt, ob Teile des Saftes durch Ausfällen oder Koagulation abgeschieden und durch Filtrieren abgetrennt wurden und ob bei dem Eindampfen das Vakuum benutzt wurde oder nicht, bezw. bei starkem oder mäßigem Feuer eingedampft wurde. Daraus, daß ein einheitliches Verfahren nicht existiert, erklärt sich die außerordentliche Verschiedenheit der Handelsprodukte und der schon vor 60 Jahren gemachte, ganz berechtigte Vorschlag, den Succus selbst darzustellen event. nach einer Vorschrift der Pharmakopoee. Zugegeben mag werden, daß für die Festigkeit der Stangen ein gewisser Prozentsatz unlöslicher Substanz (wohl hauptsächlich Stärke und Pektinkörper) notwendig ist.
Die Veränderungen, die die Bestandteile der Wurzel bei der Darstellung des Succus erleiden, sind noch nicht studiert. Ich habe Gründe anzunehmen, daß ein Teil des Glycyrrhizins gespalten wird.
Verfälschungen. Dem Succus wird bisweilen, aber selten, Gummi, Dextrin, Stärkezucker, Gelatine zugesetzt (s. unten). Stärke erwähnt bereits GUIBOURT, WOODCOCK Reis- und Weizenmehl, sowie Johannisbrotpulver, VOGL Mehl und Dextrin. Doch muß man hier vorsichtig sein mit dem Vorwurf der Verfälschung, da sich in Italien bisweilen die Arbeiter, welche das Ausrollen besorgen, die Hände mit Stärke einreiben (s. oben), um das Ankleben des Succus zu verhindern. Bisweilen (neuerdings selten) enthält der Succus Kupfer (Pharm. Zeit. 1894). Eine neuerdings von den Fabrikanten zur Erzielung größerer Festigkeit der Stangen beliebter Zusatz von 0,03% Gelatine dürfte kaum zu beanstanden sein. Früher wurden als Verfälschung angegeben: die Extrakte von Quecken, Löwenzahn und Cichorien, Schwefeleisen, Tonerde (WOLLWEBER 1862).
Schädlinge. Oft wird alter Succus von Sitodrepa panicea (I, S. 379), Nicobium castaneum var. hirtum (I, S. 381) und einer anderen weißen Käferlarve (ebenda) befallen und zerstört.
Prüfung. Im allgemeinen verlangt man jetzt von einem guten Succus, daß er höchstens 25% nicht in Wasser löslicher Substanzen enthalten soll (MADSEN fand 26–45%, FROMME dagegen nur 14,2–25,26%). Eine Wertbestimmung kann auf folgende Weise ausgeführt werden.
1 g lufttrockener, in möglichst kleine Stücke zerbrochener Süßholzsaft wird mit 150 g lauwarmem Wasser und 10 Tropfen Ammoniak übergossen, die Mischung öfters umgeschüttelt und nach 24 Stunden durch ein tariertes Filter von 10 cm Durchmesser filtriert; der Rückstand wird auf das Filter gespült und mit soviel Wasser nachgewaschen, daß das Filtrat 200 g wiegt. Das Gewicht des bei 100° getrockneten Rückstandes soll nicht mehr als 25 cg betragen. Werden 40 g des Filtrats auf dem Dampfbade zur Trockne eingedampft, so soll der Rückstand wenigstens 12 cg wiegen, 160 g des Filtrats, auf 10 g eingedampft, geben mit 30 g Weingeist vermischt, einen bräunlichen Niederschlag, welcher, mit Weingeist vollkommen ausgewaschen und bei 100° getrocknet, nicht mehr als 24 cg wiegen darf (Dextrin, Gummi) (Pharm. helvet. IV). Die Asche darf 6–8%, der Wassergehalt 17% nicht übersteigen.
Für die Bestimmung des Glycyrrhizins besitzen wir keine ganz zuverlässige Methode. Am besten hat sich bisher die gravimetrische Methode von HAFNER bewährt, die für die Praxis leidlich zuverlässige Resultate ergibt. Ich habe sie etwas abändern lassen (vgl. die Dissertation von CEDERBERG, Bern 1907). Meine oben (S. 90) erwähnte Methode muß noch an größerem Material durchgeprüft werden. Sie lieferte ELLA ERIKSSON bei Cassano gut übereinstimmende Resultate.
Da das trockene Süßholz c. 5,5–7% Glycyrrhizin enthält und ungefähr 25 bis 30% Extrakt gibt (in den Fabriken, wo anders gearbeitet wird, 16–20% der frischen Wurzel), so müssten in gutem Succus etwa 16–21% Glycyrrhizin enthalten sein, vorausgesetzt daß das Glyzyrrhizin bei der Fabrikation intakt bleibt, was aber nicht der Fall ist.
Tabellen über Analysen von Succus liquiritiae finden sich im Kommentar zum deutschen Arzneibuch von HAGER-FISCHER-HARTWICH 1896, II, S. 624, WITTSTEINS Handwörterbuch d. Pharmakognosie S. 821 und bei E. SCHMIDT, Apoth. Zeit. 1900, 216. Die Angaben von PARRY s. oben (S. 100).
Lit. Mit der Prüfung des Succus beschäftigten sich: MADSEN, Investigationes of Succus liqu. Kopenhagen 1881. — DIEHL, Jahresb. d. Pharm. 1883, 269 (Seine Methode auch in HAGER-FISCHER-HARTWICH, Kommentar). — SCHRÖDER, Ebenda. S. 271. — PY, Journ. pharm. chim. 1897, 280. — PILTZ (1876, vgl. WITTSTEINs Handwörterb. S. 821). — PROLLIUS in Fischer-Hartwich, Handb. d. pharm. Prax. — HAGER-FISCHER-HARTWICH, Kommentar z. d. Arzneibuch 1896. — KREMEL, Notizen z. Prüf. d. Arzneim. u. Komment. z. Öster. Pharm. Ed. VII, Arch. d. Pharm. 1889. — DIEHL, Pharm. Rundsch. New York 1883. — KINZEY, Am. Journ. pharm. 1898. Journ. de pharm. 1898. 7. 304. — HAFNER, Zeitschr. d. Öster. Apoth. Ver. 1899 und 1900. Pharm. Centralh. 1899. — FROMME, Pharm. Centralh. 1901, 324. — TRUBECK, Journ. Am. Chem. Soc. 1900 (Pharm. Zeit. 1900). — ZETZSCHE, Pharm. Centralh. 1901. 277. — E. J. PARRY, The Liquorice-juice of commerce. Chem. and Drugg. 1910, 21. — H. J. MÖLLER, HAGER, UTESCHER, FRESENIUS, GLÜCKSMANN, MORPURGO, LEDDEN HÜLSEBOSCH, STEIN, MOORE, TSCHIRCH, CEDERBERG, ERIKSSON u. and.
Anwendung. Amerika braucht viel für Kautabak, Frankreich etwas für ein Getränk, den Coco, England für Porter und Ale. Das meiste wandert in die Pharmazie für die Süßholztabletten. China und Japan brauchen Succus in der Tusche- und Tintenfabrikation.
Geschichte, s. Rad. liquiritiae.
d) Drogen, welche Mannit enthalten.
Auch die Mannose (s. oben S. 6) ist eine Hexose. Sie ist in der Natur selten frei zu finden (Amorphophallus), öfter in glykosidischer Bindung (Sem. strophanthi) oder als Polysaccharid (Mannane s. Membranine). Wohl aber spielt ihr Reduktionsprodukt, der d-Mannit, in der Drogenkunde eine Rolle, dessen Beziehungen zur Mannose der Vergleich der Formeln zeigt:
d-Mannose:

d-Mannit:

Der Mannit (Fraxinin, Syringin) ist also ein Zuckeralkohol. Er ist nicht sehr süß und bildet Nadeln oder rhombische Prismen, Schmelzp. 166°, die sich in 6,5 Teilen Wasser und 1500 Teilen absolutem Alkohol lösen. Er reduziert FEHLINGsche Lösung auch in der Wärme nicht, wohl aber nach Oxydation mit Permanganat.
1. Eschenmanna.
Manna (in zahlreich. Sprachen) — Himmelsbrot, Himmelstau — Manne — Mana (span.).
Etym. Das (nicht die) Manna von hebr. man, arab. mann = Geschenk des Himmels oder von hebr. man hu = «was ist das?» nach dem Ausrufe der Juden, als sie den ersten Mannaregen sahen (vgl. II. Mose, 16, IV. Mose, 11), so schon von GEOFFROY gedeutet. Manna bei DIOSKURIDES, PLINIUS, GALEN bedeutet stets eine geringere Sorte der betr. Droge, z. B. Manna thuris (so auch bei PAULUS AEGINETA), d. h. kleinkörniger Weihrauch. Die Mannaesche hieß bei den Alten μέλεα (oder πολυμέλεα?).
Stammpflanze. Fraxinus Ornus L. (Fraxinus panniculata MILL., F. florifera SCOP., F. argentea LOSS., F. vulgatior SEG., Ornus europaea PERS.), Mannaesche, Frène à Manne, Manna ash.
Etym. Fraxinus leitet ISIDOR aber kaum richtig davon ab «quod magis inter aspera loca montanaque fraga nascitur»; wahrscheinlicher klingen die Ableitungen von φράγμα, Zaun, weil der Baum für Zäune benutzt wurde, oder ῥῆγμα, Bruch, wegen der Brüchigkeit des Holzes. Esche, wohl urindogermanisch, holl. esch, isl. askr, schwed. ask, ahd. ask, asch, mhd. eesch, eeisch, altnord. ask-r, engl. ash, ags. aesc. (auch = Speer), bei der HILDEGARD: asch, aska (vielleicht verwandt mit aesculus oder ὀξέα = Buche und Speer, KANNGIESSER). Die ursprünglichste Form scheint ås-is gewesen zu sein (HOOPS). «Möglich ist, daß Speer die ursprüngliche Bedeutung gewesen ist, dann würde die Wurzel in as (= werfen, schleudern) enthalten sein» (GRASSMANN). Auch das lat. Ornus (aus osinos) bedeutet sowohl Bergesche wie Speer (HOOPS), ob von ὄρεκνος (= auf Bergen wachsend)?
System. Stellung. Oleaceae, Oleoideae-Fraxineae. Sect. Ornus.
Die Mannaesche ist ein mäßig hoher Baum (5–7, selten über 10 m) mit grauer glatter Rinde und unpaarig-gefiederten drei- bis vier-jochigen Blättern. Die Blättchen sind eiförmig, zugespitzt, gesägt. Die reichblütige überhängende Blütenrispe ist nicht länger als das Blatt. Sie sieht wie ein zierlicher Federbusch aus, was daher kommt, daß die Blüten 4–10 mm lange freie, schmal lanzettliche, hellgelblichweiße Kronenblätter und zwei Stamina mit sehr langen Filamenten haben.
Der Baum ist in Südeuropa heimisch (waldbildend im Karst, in Kroatien, Slavonien, Dalmatien). Er findet sich auch im Tessin, Südtirol, Krain, Untersteiermark, Ungarn. Er wächst besonders an den nördlichen, westlichen und östlichen Gestaden des Mittelmeeres, von Valencia durch Südfrankreich bis nach Italien, von Istrien durch Dalmatien und die Donauländer bis Macedonien, Thessalien, Griechenland, Smyrna, Taurus, Libanon. Er hält nördlich der Alpen den Winter aus und ist ein beliebter Zierbaum. Aber er verträgt auch das afrikanische Klima und wird z. B. in Nordafrika kultiviert. Er blüht in Sizilien Ende März.
Fraxinus rotundifolia LAM. ist gewiß nicht spezifisch von F. Ornus L. zu trennen. Fr. americana PERS. ist gleichfalls, wie eine Reihe anderer von PERSOON beschriebener Arten, mit ihr identisch, indem jene Formen irrtümlich als aus Amerika stammend angegeben werden (SCHUMANN). Ob man die Varietät Fraxinus Ornus var. rotundifolia als vornehmsten Mannalieferanten aufrecht erhalten kann, scheint mir sehr zweifelhaft, denn wie HANBURY 1872 feststellte, verdient keine der in Sizilien kultivierten Mannaeschen diesen Namen. In den Pflanzungen um Palermo fand FLÜCKIGER gerundete Fiederblättchen seltener als spitz-lanzettliche. Die Blattform variiert jedenfalls sehr. In Sizilien wird von Fr. Ornus auch noch ein Fr. fraxinaster unterschieden. In Sizilien meint man, daß Fr. rotundifolia (der sog. amolleo) gute, Fr. Ornus wildwachsend (frassino, orniello, avorniello) minderwertige Castelbuono- oder Frassino-Manna liefere.
Lit. LINNÉ, Spec. plant. I, 1057. — Abbild. BERG-SCHMIDT, Atlas, II. Aufl. Taf. 40 (dort auch die übrige systemat. Lit.). — PABST-KÖHLER, Medizinalpflanzen, Taf. 115.
Pathologie. Unter den verschiedenen auf Zweigen und Stämmen von FRAXINUS ORNUS bekannten Pilzen scheint, unseres Wissens, keiner als Krankheitserreger eine wichtige Rolle zu spielen (ED. FISCHER).

Fig. 34.
Die Orte der Mannagewinnung in Nordwest-Sizilien.
[
Ravasini.
]

Fig. 35.
Mannaeschenpflanzungen (Frassinetti) aus der Umgebung von Cefalù in Sizilien. Die Arbeiter sind im Begriff Einschnitte zu machen (1910).
[
Ravasini.
]
Kultur. Die Manna liefernden Kulturen der Mannaesche (orniello, frassino della manna) liegen an der Nordküste von Sizilien und zwar im oberen Teile der Seezone oder dem unteren der Mittelzone. In der Seezone finden sich Sumach, Oliven, Orangen, Korkeiche, Maulbeerbaum; in der Mittelzone Pistazien, Walnuß, Mandel, Kastanie, Johannisbrotbaum. Die Mannaesche ist besonders mit Olive und Kastanie vergesellschaftet. Sie braucht keinen guten Boden und keine Düngung, wohl aber Sonne. Doch sind neuerdings Versuche mit Kalidüngung gemacht worden (Kali beeinflußt die Zuckerproduktion günstig). Die Sämlinge werden in Entfernungen von 1½–2 m oder noch weiter (3–4 m, MARIANI) gepflanzt. Die Mannaeschenpflanzungen (Frassineti) bilden lichte Haine (I, Fig. 17). Die unteren Äste werden bis zu einer Höhe von 2 m entfernt.
Die Kulturen finden sich jetzt (Fig. 34) vornehmlich im westlichen Teile der Nordküste Siziliens bei Palermo, S. Maria di Gesú, gegen Valdese, dann in den Bezirken Torretta, Capaci, Cinisi, Terrasini-Favarotta, westlich von Palermo, dann östlich davon, bei Belmonte Mezzagno und vornehmlich bei Cefalù. Hier gehen sie weit in die Berge (bis 1100 m) hinauf nach Castelbuono, San Mauro und Geraci Siculo. Hier und bei Cefalù wird das beste Manna gewonnen, bei Castelbuono (hier auch von wildwachsenden Bäumen) die geringeren Sorten (FLÜCKIGER). Im Distrikte Cefalù sind noch Castelverde, Pollina und Lascari zu nennen. Ganz im Westen wird Manna im Bezirk Trapani (Castelamare del Golfo bei Alcano, Monte Giuliano) gewonnen (RAVASINI). Da und dort scheint man auch mit Pfropfungen Versuche gemacht zu haben. Die Kulturen der Mannaesche, die zurzeit noch 4000 ha bedecken und in den genannten Gegenden die Haupteinnahmequelle der Bewohner bilden, weichen jetzt vielfach rentableren Kulturen, z. B. denen der Orange (über die untergegangenen vgl. Geschichte). Doch sind allein in der Gegend von Palermo 2070 ha in Mannaeschenkultur und an der Einsammlung, die dort 980 dz pro Jahr beträgt, beteiligen sich, die Kinder nicht mitgerechnet, 800–900 Personen. Die Mannagewinnung in Calabrien ist erloschen. Eine minimale Menge wird noch gewonnen südlich von Neapel, in Cetara bei Salerno, in San Martino Valle Caudino bei Avellino und in Accettura bei Potenza (RAVASINI).
Lit. FLÜCKIGER, Pharmakognosie. — ARCURI, Coltivazione del Frassino da Manna, Agricoltura meridionale 1879.

Fig. 36.
Mannastalaktiten am Baum (Sizilien).
[Aus der Zeitschrift «Die Ernährung der Pflanze».]
Gewinnung. Wenn die Bäumchen 7–12 Jahre alt und wenigstens 2 m hoch sind und man die Stämmchen mit Daumen und Mittelfinger gerade umspannen kann, beginnt die Gewinnung. Schon 4 cm dicke Stämmchen geben reichlich Manna und bleiben 12–20 Jahre ertragsfähig. Dann wird der Baum geschlagen. Aus dem Stuppen entwickeln sich neue Triebe, die nach 4–5 Jahren angeschnitten werden können. Das Anschneiden geschieht folgendermaßen: Mit einem gekrümmten scharfen und großen Messer (I, Fig. 150), das mit einer oder beiden Händen geführt wird, macht man im Juli, August und September frühmorgens zunächst an der Basis des Stämmchens einen Querschnitt durch die ganze Dicke der Rinde, bei den jüngeren Bäumen um ⅓, bei den älteren um ¼ des Umfanges und fährt nach oben aufsteigend fort, indem täglich vormittags ein neuer Horizontalschnitt gemacht wird (Fig. 35). Die Einschnitte sind etwa um Fingerbreite oder etwas weiter (1–4 cm) voneinander entfernt. Sie werden entweder genau horizontal oder etwas schief geführt. Wenn die eine Seite bis zur Ansatzstelle der Äste mit Einschnitten versehen ist, werden dieselben auf der nächst anstoßenden Seite in der gleichen Weise gemacht. Die Anzahl der Einschnitte beträgt pro Baum oft 90. Ein Arbeiter kann an einem Vormittag 4000 Bäume verwunden. Aus den Einschnitten fließt eine braune, bläulich fluoreszierende Flüssigkeit, die in wenigen Stunden fast weiß und kristallinisch wird und in einigen Stunden ihren anfangs bitterlichen Geschmack verliert. An geneigten Ästen treten hierbei natürlich stalaktitenartige Bildungen (Zapfen, Canoli, daher vielleicht canelata?) auf (Fig. 36), das meiste aber rinnt etwas an dem Stamme herab und erstarrt auf der Oberfläche in Form rinnenförmiger (daher cannellata, M. in cannoli) Stücke, die auf der einen Seite den Abdruck der Oberfläche des Baumes, auf der anderen wulstige Erhebungen zeigen (Manna cannellata, oder lat.: cannulata). Ob die früher sicher geübte Sitte, in die Wunde einen Grashalm (canna) einzuführen und an ihm das Manna erstarren zu lassen, wie es POMET 1694 abbildet, noch jetzt geübt wird, weiß ich nicht. Ich habe niemals Halme oder Höhlungen, die von herausgelösten Halmen herrühren könnten, in Handelsmanna gesehen. RAVASINI sagt mir, daß die Sitte nicht mehr besteht, auch MARIANI, der die Mannahaine 1909 besuchte, erwähnt sie nicht. Das vom Stamme oder den Ästen herabtropfende Manna wird von daruntergebreiteten Ziegeln oder den Stengeln (pali) des Feigenkaktus (Opuntia vulgaris) aufgefangen (Manna in sorta). Jüngere Bäume (des amolleo) liefern das beste Manna, ältere (des frassino) die geringeren, zum Teil schmierigen Sorten: Manna frassino, M. a sminuzzo (von sminuzzare = zerkleinern), M. in frasca (= Zweig), M. in grosso usw. Das Einsammeln (Fig. 37) geschieht bei heiterem Wetter in Zwischenräumen von mehreren Tagen oder wöchentlich bzw. alle 10 Tage von Mitte Juni bis Mitte September. Beim Biegen der Stämmchen lösen sich die Mannastücke von selbst ab (Cannelata). Das Haftenbleibende wird mit einem Spatel abgekratzt (Rotami), die kleineren Stücke davon sind M. in lagrime. Die Arbeiter tragen meist zwei aus Baumrinde gefertigte Röhren oder andere Behälter an einem Bande über die Schulter. In die eine legen sie die sorgfältig vom Baume gelösten weißen Stücke, in die andere die meist gefärbten, herabgeflossenen Massen. Diese bilden die beiden Handelssorten. Droht Regen, der ja das Manna auflösen und fortführen würde, so wird sofort jeder verfügbare Arbeiter aufgeboten und man rettet was zu retten ist. In den Eschenhainen ist daher auch in der Nacht eine Wache aufgestellt, die eine Glocke zieht. Sobald die Glocke ertönt, eilt alles herbei. Die Handelsberichte berichten oft von durch Regen gestörten Ernten. Der Preis steigt alsdann rasch, da die Produktion manchmal (z. B. 1901) auf ¼ sinkt. Zu einer Mittelernte gehören mindestens 4–5 ungestörte Einsammlungen. Auch anhaltende Trockenheit beeinflußt die Produktion ungünstig. Das aus den untersten Einschnitten des Stammes, sowie aus älteren Bäumen gewonnenes Manna ist unreiner, trocknet schwer aus, bleibt daher mehr oder weniger feucht und schmierig. Der aus den oberen Wunden ausgeflossene Saft, besonders jüngerer Bäume, gibt das beste, reinste, rasch austrocknende, durch und durch kristallinisch erstarrende Manna. Das besonders im August und September gesammelte Manna wird dann in der Sonne getrocknet. Ein Hektar enthält etwa 5000 Bäumchen (oder weniger), die 80–100 kg Manna liefern. Auf 4,5 kg Manna in canoli kommen 85,5 Manna in sorta. Die Mannaproduktion geht, da unrentabel, zurück. Der Export beträgt aber immer noch c. 1 Mill. Lire (MARIANI). Castelbuono produziert allein c. 2000 dz. Angeblich soll Manna auf Fraxinus Ornus auch durch den Stich der Cicada Orni entstehen. Ich glaube, daß jede Verwundung bei den Oleaceen die Mannitproduktion steigert.
Unsorgfältig wird Manna in Castelbuono gesammelt. Man kratzt die Ausscheidungen in toto von der Rinde und sortiert dann in bessere Stücke (M. Castelbuono scelte, d. h. auserlesene) und schmierige (M. frassino, bei Venedig: M. sporca [= schmutzige Manna] genannt).

Fig. 37.
Ablösen des Manna in Sizilien.
[Aus der Zeitschrift „Die Ernährung der Pflanze“.]
Ein neuerer Bericht von WARD lautet: Das Manna fließt aus Schnitten, die an zehnjährigen Bäumen quer durch die Rinde in der Ausdehnung von etwa ⅓ der Peripherie täglich gemacht werden, — während der Saison, die im September endigt, täglich etwa 45 —. Die am Baume erhärtende Masse bildet die Manna cannoli, die bei feuchtem Wetter herabfließende die Manna rottami (= Bruchstücke, «Bruchmanna»). Im folgenden Jahre werden frische Einschnitte neben denen des Vorjahres gemacht und im dritten Jahre wird der Prozeß an dem noch uneingeschnitten gebliebenen Reste der Rinde wiederholt, dann der Stamm nahe der Wurzel gefällt. Jede Wurzel treibt dann mehrere, meist vier neue Stämme.
Als Nebenprodukt erhält man nach RAVASINI bei der Mannaernte ein honigartiges, nicht erhärtendes Sekret von süßem Geschmack, das Mielocco genannt wird. Dieses wird in hohlen Stengeln von Opuntia Ficus indica (sog. pali) aufgefangen und hat den Vorteil, keine fremden Beimengungen mit sich zu führen. Es wird gewöhnlich der M. rottami beigemengt.