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Handbuch der Pharmakognosie

I. Kohlehydratdrogen. (continued 10)

Reading edition

Lit. Bereitung: DAVIDSOHN a. a. O. — HOLMES a. a. O., — Pharm. Zeit. 1907, 1078.

Beschreibung. In kaltem Wasser quillt Agar-Agar auf, in heißem löst es sich größtenteils zu einem klebrigen Schleim, der abgekühlt zu einer Gelatine erstarrt. Der Schleim wird durch Jod violett. Die Droge quillt in Kali stark, kaum in Kupferoxydammoniak.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 107.

Auf chinesischen Meeresalgen gefundene Diatomeen.

[Aus

Villiers-Collin

, Traité des alterations et falsifications. Doin et fils Paris.]

Im ungereinigten Agar-Agar finden sich neben plasmatischen und verkleisterte Florideenstärke enthaltenden Zellinhalten, die den einzelnen Algenzellen entsprechen, und intakten Zellen, besonders des Leitungsgewebes, stets zahlreiche Diatomeenschalen und Spongillennadeln (MARPMANN, SENFT, TUNMANN) (vgl. Fig. 107 u. 108). Man kann sich dieselben dadurch sichtbar machen, daß man einäschert, die Asche mit Salzsäure behandelt, sedimentieren läßt und das Sediment unter das Mikroskop bringt oder das Gelee mit Schwefelsäure und etwas Kaliumpermanganat dünnflüssig macht, sedimentieren läßt und das Sediment untersucht: Die besseren Sorten enthalten weniger Diatomeen und Spongillennadeln als die schlechten Sorten. Auf diese Weise kann man rohes, ungereinigtes Agar auch in Fruchtgelees nachweisen. Es finden sich namentlich Arten der Gattungen Cocconeis und Grammatophora, dann auch Arachnoidiscus und Campyloneis (SENFT), seltener die von MARPMANN angegebenen Amphiprora, Licmaphora, Stauroneis, Rhabdonema, Chaetoceras, Triceratium, Amphitetras und Biddulphia-Arten. Auf Gelidium fand MENIER Arachnoidiscus ornatus EHRB. Die Spongillennadeln sind einfache Nadeln oder Nadelsterne (TUNMANN). TUNMANN fand im Agar auch Kalkalgen Polypen und (von den Preßsäcken herrührend) Baumwolle und Hanffasern.

Lit. MENIER, Falsific. de l. gelée de groseille du comm. decouv. p. les Diatom. Nantes 1879. — MARPMANN, Über Agar-Agar und dessen Verwendung und Nachweis. Zeitschr. angew. Mikrosk. 2, 1897. — SENFT, Über Agar-Agar-Diatomeen. Zeitschr. Allg. öster. Apoth. Ver. 1902, 229 (mit Abbild.). — TUNMANN, Einige Bemerk. über Agar-Agar, Pharm. Centralh. 1909, 233. — Abbild. der Diatomeen auch in VILLIERS et COLLIN, Altérat. et falsificat. 1900, p. 833.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 108.

1.

Grammatophora angulosa

Ehrenb.: a Schalenseite. 2.

G. oceanica

Ehrenb. 3.

G. oceanica

f.

macilenta

. 4.

G. serpentina

Ralfs. 5.

Arachnoidiscus ornatus

Ehrenb. 6. Nicht punktierte

Cocconeis

. 7.

Cocconeis Scutellum

Ehrenb.: a obere, b untere Schalenseite. b f.

minor

. 8.

Campyloneis Grewillei

Grun. 9. Kieselnadeln.

[

Senft.

]

Chemie. Nach KÖNIG und BETTELS enthält lufttrockenes Gelidium cartilagineum in Prozenten: Wasser 13, Gesamt-N-Substanz 17, wasserlösliche N-Substanz 7,37, Ätherauszug 0,8, N-freie Extraktstoffe 40,16, Pentosane 3,35, Methylpentosane 0,91, Rohfaser 12,9, Asche 11,88, Chlornatrium 0,3. Durch Dämpfen wird in Wasser löslich: 9,37 anorganische und 54,22% organische Substanz. Nach GREENISH enthält Ceylonmoos 36,71% Gelose (s. unten). NAGAI und MURAI fanden in lufttrockenem Agar-Agar (Tungusa) in Prozenten 9,8 Stickstoffsubstanz, 52,2 stickstoffreie Extraktivsubstanz, 5 Rohfaser, 18,5 Wasser und 14,5 Asche. KELLNER fand nur 3,4% Asche. Auch bei den Agar-Analysen von GRESHOFF, SACK und VAN ECK finden wir große Schwankungen, in einem Falle 18,96%, im andern 2,89% Asche. DAVIDSOHN fand in bestem japan. Agar 21,79% Wasser, 5,95% N-haltige Subst., 64,59% Kohlehydrate, Gelose, 3,54% Zellulose, 4,13% Asche. GREENISH gibt in Agar 7 Kohlehydrate an: wasserlöslicher Schleim, Gallerte bildende Substanz, Stärke, Metarabin, Pararabin, Holzgummi, Zellulose. Die Zusammensetzung der «Strohhalmform» und der sog. «vierkantigen Form» des Agar unterscheiden sich nur wenig, sie enthalten (vgl. bei KÖNIG) 2,5 (6,1)% Protein, 0,85 (0,58)% Fett, 70,58 (63,96)% Kohlehydrate, 3,06 (3,18)% Pentosane, 0,44 (0,42)% Rohfaser, 3,46 (3,4)% Asche. KÖNIG und BETTELS fanden bei der Hydrolyse von Gelidium cartilagineum u. and. Gelidien: d-Galaktose, Fruktose und Pentosen. Die gleichen Zucker liefert Agar-Agar. Bei der Hydrolyse von Agar wird Zellulose abgeschieden und es scheint auch das dem Glukose-Dextrin entsprechende Anhydrid der Galaktose (Galaktan) aufzutreten (TOLLENS). Nach O’SHAUGHNESSY enthält Jafnamoos 54,5% Pflanzengallerte (Pektin), 15% Stärkemehl (?), 0,5% Wachs, 4% Gummi, 18% Faser und Salze. Ferner ist Jod darin gefunden worden (WONNEBERG und KREYSSIG). GREENISH fand 36,71% Gelose — daneben Metarabin (1,32%), Paramylan (6,52), Holzgummi (3,17), Zellulose (10,17).

Das Kohlehydrat des Agar-Agar wurde als Gelose (PAYEN 1859) bezeichnet und zur Pektingruppe gerechnet. Gelose ist nicht identisch mit Fucin, Lichenin, Pararabin. Bei der Hydrolyse liefert Gelose u. a. Arabinose (GREENISH). Reine Gelose gibt noch 1 : 500 eine steife Gallerte und unterscheidet sich von der tierischen Gelatine dadurch, daß sie von Tannin nicht gefällt wird, vom Carrageenschleim, daß sie gelatiniert, und vom Gummi, daß sie sich nicht in kaltem Wasser löst. Das Gelosin GUÉRINS (1886), das zu 20% aus Gelidium corneum erhalten werden kann und dem Fucin und der Pektose nahestehen soll, ist wohl identisch mit Gelose. Nach PAYEN stimmt die Gelose von Agar-Agar mit der des Jafnamoos überein. MORIN und PORUMBARU gaben ihr die Formel C6H10O5. Sie wird durch Jod rotviolett. Agar-Agar liefert bei der Behandlung mit HNO3 Schleimsäure und Oxalsäure. Es enthält also ein Galaktan (GREENISH, MORIN, BAUER). Bei der Oxydation lieferte Agar Strohhalmform 25,44–25,91%, Agar vierkantige Form 27,06% Schleimsäure — entsprechend 33,05–36,57% Galaktose. Ein wesentlicher Bestandteil sowohl des Agar-Agar wie des Ceylonmoos (REICHARDT, GREENISH) ist, wie es scheint, das Pararabin (C12H22O11)n. Pararabin quillt in Wasser und besitzt im Gegensatz zur Arabinsäure keine sauren Eigenschaften. Bei längerer Berührung mit Alkalien geht es in Arabinsäure über. Das Pararabin des Agar-Agar liefert bei der Hydrolyse Galaktose (BAUER), das des Ceylonmoos Galaktose und d-Glukose (GREENISH). Bei der Hydrolyse des Nori (s. oben) wurde l-Galaktose, d-Mannose, Glukose und etwas Fucose erhalten (OSHIMA und TOLLENS). Es enthält also Mannan. Nach TOLLENS enthält Agar 1,66% der Trockensubstanz Pentosan.

Die wichtigsten Gelatine gebenden Algen und aus Algen gewonnenen Substanzen zeigen folgendes Verhalten (STANFORD). Mit 1000 T. Wasser geben eine Gelatine:

Von Teile Also Proportion Die erhaltene Gelatine schmilzt bei

Gelose aus China 4 1 31,0°

Gelidium corneum 8 2 31,0°

Chondrus crispus 8 7,5 26,5°

Hausenblase 32 2 21,0°

Gelatine 32 2 15,0°

Caragheenin 36 9 21,0°

Agar-Agar 60 15 31,0°

Lit. Ältere chem. Unters. des Fucus amylaceus und Agar in PEREIRA, Heilmittellehre, zitiert. — O’SHAUGHNESSY, Ind. Journ. of med. sc. Calcutta 1834 und London, Med. Gaz. 1837, 566, Royal. Med. Bot. Soc. 1837, 618. — SIGMOND and FARRE, On the Ceylonmos 1840. — BLEY, Jahrb. f. pr. Pharm. 1843. — RIEGEL, Ebenda. — KREYSSIG u. WONNEBERG, Artus allgem. pharm. Zeitschr. Heft 1. — GONNERMANN u. LUDWIG, Arch. d. Ph. 111, S. 204, — GUIBOURT (1842). — ARCHER u. SIMMONDS, Pharm. Jahresber. 1854, 10. — MARTIUS, Ebenda 1858 u. N. Jahrb. f. Pharm. 1858. — PAYEN, Ebenda 1860, 13. Sur la Gelose Compt. rend. 1859, 523. — HANBURY, Note on manufactur. prod. of sea-weed called japanese ising glass. Ph. Journ. (2), 1, 1859, 508 und Science papers 206. — REICHARDT, Arch. d. Pharm. 209 (1876), 107. Ber. d. chem. Ges. 8, 807. — H. G. GREENISH, Pharm. Zeitschr. f. Rußl. 20, 501. Ber. d. chem. Ges. 1881, 2253 und 1882, 2243. Chem. Centrbl. 81, 649. — Derselbe, Die Kohlehydrate von Fucus amylaceus. Arch. d. Pharm. 17, 241, 321. Dort die ältere Literatur. — MORIN, Compt. rend. 90 (1880), 924, Bull. soc. bot. france (2), 1. — PORUMBARU, ibid. p. 1081. — BAUER, Journ. pr. Ch. 30 (1885), 367. N. Zeitschr. f. Rübenzuckerind. 14, 154. — OSHIMA u. TOLLENS, Ber. d. chem. Ges. 34 (1901), 1422. — COOKE, Pharm. Journ. 1860. 504. — HOLMES, Pharm. Journ. IX (1878), 45. — TOLLENS, Kohlenhydrate und Journ. Landw. 1896. — FLÜCKIGER-HANBURY, Pharmacographia. — VOGL, Kommentar. — PEREIRA, Handbuch. — PORTER-SMITH, Contrib. t. Mat. med. etc. of China. Shanghai 1871. — OUDEMANS, Haaxm. Tijds. 1856 u. Arch. d. Pharm. (2) 87, 283 (mit Tafel). — STANFORD, Algin, Chem. Zeit. 1885. — KELLNER, Jap. chem. anal. of a collection of agric. specim. Intern. agr. exhib. New Orleans 1884. — NAGAI und MURAI, Jap. intern. health. exhib. London 1884, Catal. — KÖNIG und BETTELS, Die Kohlehydrate der Meeresalgen und daraus hergestellte Erzeugnisse. Zeitschr. Unters. d. Nahrungsm. 10. — KÖNIG, Nahrungsm.

Anwendung. Agar-Agar wird etwas in der inneren Medizin, viel zu Gelees, (Ersatz der Gelatine), dann (zum Teil mit Gelatine gemischt) zur Herstellung von Nährgelatine für bakteriologische Zwecke — sie bleibt auch bei c. 40° noch fest und und in der Industrie als Appretur und für Stempelkissenmasse benutzt; neuerdings in der chirurgischen Praxis als Prothese (KRAMER). Auch (das gepulverte) für Vaginalkugeln, Stuhlzäpfchen und Medizinalstäbchen. Zu arzneilichen Zwecken empfahl es zuerst PREVITÉ anfangs der vierziger Jahre des XIX. Jahrh. Die Mikroskopiker benutzen sie als Einbettungsmittel. In Japan und China werden die vierkantigen Stücke zu Gelees, Süßigkeiten usw., die schmalen Streifen im Haushalt wie Stärke, z. B. zum Stärken, Nori auch zum Leimen des Papiers und der Laternen benutzt. Die Gallerte aus Ceramium Loureirii AG. wird als Nahrungsmittel und bei Brustkrankheiten gebraucht (DRAGENDORFF). Agar dient auch zur Appretur feiner Gewebe, denen man einen geschmeidigen Griff geben will.

Lit. HEILMANN, Bull. soc. ind. Rouen 1875, 263. — DINGLERS Polyt. Journ. 218, 522. — DRAGENDORFF, Heilpflanzen. — SENFT, Über einige in Japan verwendete vegetabil. Nahrungsm. usw. Pharm. Praxis 1906 und 1907. — WATT, Diction. econ. prod. IV, 174. — MASON, Burma and its People. — BALFOUR, Ciclop. I — Pharmacogr. indica III, 635 u. 638 (dort die Verwend. in d. Technik). — DYMOCK, Veg. mat. med. West. ind. — Verwend. in d. Chirurgie: KRAMER, Mercks Bericht 1901.

An dieser Stelle mag auch der in Ostasien als Leckerbissen hochgeschätzten Salanganen-, Tunkin- oder indischen Vogelnester gedacht werden, da dieselben auch noch neuerdings (DRAGENDORFF 1898, LEUNIS, KARSTEN) mit den Meeresalgen in Beziehung gebracht werden. Sie haben aber mit denselben nichts zu tun, denn sie werden von Turmschwalben der Gattung Collocalia (bes. C. fuciphaga, esculenta und nidifica) aus einem von den Vögeln ausgewürgten Schleime aufgebaut, der von zwei Speicheldrüsen sezerniert wird, die sich während der Brutzeit zu einer bedeutenden Größe entwickeln (MARSHALL). Sie enthalten Neossin, eine dem Mucin verwandte Substanz (KÖNIG und BETTELS). Nach den Analysen von GRESHOFF, SACK und VAN ECK enthalten die Salanganennester im Mittel 55,57% «Protein» (neben 0,6% Fett, 7,16% Asche und 18,63% Wasser). Sie gehören also eigentlich zu den Mucindrogen (neben den tierischen Leim).

2. Schleime der sekundären Membran.

Schleime in Vegetationsorganen und Blüten von Phanerogamen.

a) Schleime in Samen.

1. Schleimepidermen.

Zu den Drogen, welche Schleimepidermen an der Samenschale besitzen, die also auch, ohne zertrümmert zu werden, mit Wasser einen Schleim liefern, gehören in erster Linie die Samen von Linum usitatissimum und Cydonia vulgaris, dann die Flohsamen von Plantago Psyllium; ferner die Samen zahlreicher Cruciferen (z. B. Sinapis, Brassica), endlich die von Collomia grandiflora, Citrullus Colocynthis und einiger Acanthaceen und Polemoniaceen (HOFMEISTER) (und die Pericarpien einiger Labiaten, z. B. Salvia Hormium, Ocymum Basilicum).

Hier werden nur Linum, Cydonia und Psyllium abgehandelt, die Cruciferensamen unter den Glykosiddrogen. Die Schleimepidermen der Samenschalen dienen dadurch, daß sie außerordentlich viel (s. Cydonia) Wasser zurückzuhalten vermögen und den keimenden Samen im Boden befestigen, zur Sicherung der Keimung, wie Versuche von LÜDTKE und mir bei Linum (1889) gezeigt haben, scheinen aber auch für die Ernährung des keimenden Samens von Bedeutung zu sein (RAVENNA und ZAMORANI 1910).

Semen Lini.

Syn. Leinsamen, Flachssamen (Glix im Oberengadin), liri, giglio rosso (im Tessin) — semence ou graine de lin (usuel) (franz.) — lin (commun), flax (linseed) (engl.) — lino (ital.) — lijn (holl.) — lenmag (ung.) — linfrö (schwed.) — pellavan (fin.) - λίνον, λινάρι (n.-griech.). — Im Ägyptischen hieß der Lein sꜢrἰ, Leinsamen dšr, psn. Bei DIOSKURIDES stehen in [] noch die Synonyma: linokalamis, annon, linon agrion, bei den Römern: linomyrum, linum agreste, bei den Afrikanern: zeraphoïs. — Bei IBN BAITHAR (arab.): kattān (bazr al kattān = sem. lini — «Elbazr heißt der Same jeder Pflanze», sagt ABU HANIFA) — kutan, zaghu (pers.) — atasí (sansc.), masina (beng.) — alsí, tisí (hind.) — alishi virai (tam.). — Wu-ma, Hu-ma-jin, Hsiao-hu-ma-ta-ku-ma (chin.).

Etym. «Der Name Lein gehört sicher zum uralten Sprachgut der europäischen Indogermanen und es kann demnach auch nicht zweifelhaft sein, daß der Flachsbau den germanischen Völkern schon in der Urzeit bekannt war» (HOOPS). kelt. lin (= Faden), goth. lein-jô — angels. lêne — ir. lín — cymr. llin — ad. lína — ahd. lîna — mhd. lyn (so im Gothaer Arzneibuch, neben vlas), lyne, leyne — lat. lînum — griech. λίνον. Bei der HILDEGARD: linsamo, linsame; bei MEGENBERG (I, S. 693): linsât. Der Stamm ist li. Schon in vorhistorischer Zeit finden sich in den Sprachen der europäischen Indogermanen Ableitungen von dieser Wurzel, welche Flachs und primitive Gewebe bezeichneten (SCHRADER). Vgl. auch I, S. 1059. Flachs (mehr für die Fasern wie für die Pflanze in Gebrauch), von der indogerm. Wurzel plek = flechten (gr. πλέκειν) — ahd. flahs — mhd. vlahs, vlaes — ag’s. fleax — nd. flaß — Flachs auch im Ort. sanitat. — Endlich auch (bes. für die Faser): ahd. haro, hara; mhd. har; nhd. haar; anord. horr = Haar. — Die im Altertum viel gebräuchliche Bezeichnung carbasos ist vielleicht (PLINIUS) iberischen Ursprungs und steht mit dem sansc. karpasam (pers. kirbas, korfas), das ursprünglich Baumwolle bedeutete (s. Gossypium, S. 229) in Verbindung.

Stammpflanze Linum usitatissimum L. (Spec. plant. ed. I 277).

Man unterscheidet die Kultur-Varietäten: Lin. usit. var. crepitans SCHÜBL. et MART. (L. usit. β humile MILL., L. crepitans BOENNINGH.), den sog. Klanglein, Klenglein oder Springlein (arab. kettân), mit niedrigerem, mehr verzweigtem Stengel, größeren, mit Geräusch aufspringenden Kapseln und hellbraunem Samen. — L. usit. var. (oder forma) vulgare SCHÜBL. et MART. (L. u. forma indehiscens NEILR., L. vulgare BOENNINGH.), der sog. Schließlein oder Dreschlein mit höheren, weniger ästigen Stengeln und geschlossen bleibenden kleineren Kapseln. — L. usit. var. (forma) β. hiemale A. DC. (L. bienne MILL.), zweijährig, mit zahlreichen gekrümmten Stengeln. — Zwischen den Hauptrassen steht als Übergangsform Lin. ambiguum JORDAN. — Nahe verwandt ist Lin. angustifolium HUDSON (s. weiter unten), das von den kanarischen Inseln über das Mittelmeergebiet bis zu den Alpen, zum Balkan, Kaukasus und Libanon und bis nach England verbreitet ist. Möglicherweise sind dies alles Rassen oder Formen einer Art (DE CANDOLLE). Wild ist Linum usitatissimum nicht mehr nachzuweisen (WETTSTEIN 1903).

Systemat. Stellung. Linaceae, Lineae — Eulinum.

Beschreibung der Stammpflanze. Der Lein ist ein ein- oder zweijähriges Kraut. Der stielrunde, einfache oder verästelte, bis 1 m hohe Stengel ist kahl und innen hohl. In der schmalen Rinde desselben liegen, die Rinde fast ausfüllend, zahlreiche Bündel langer Bastfasern. Sie liefern die Leinfaser (vgl. S. 254 und die Theorie der Flachsröste). Die spiralig angeordneten Blätter sind schmal lanzettlich, beiderseits verschmälert, sitzend. Der Blütenstand ist ein Wickel. Die aktinomorphen, pentazyclischen, pentameren, nur einen Vormittag blühenden, an naßkalten Tagen sich überhaupt nicht öffnenden Blüten besitzen einen fünfblättrigen, 5–6 mm langen, grünen, quincuncial deckenden Kelch, dessen Blätter oblong-eiförmig und an den Rändern zart gewimpert sind. Die fünf umgekehrt-eiförmigen, kurz genagelten, oben etwas gekerbten, bis 13 mm langen, schön blauen, etwas dunkler geaderten Blumenblätter besitzen eine gedrehte Knospenlage, die fünf episepalen, am Grunde ringförmig verbundenen Stamina besitzen blaue Antheren. Auch die Filamente sind im oberen Teil blau. Die Antheren sind in der Mitte des Rückens aufgehängt. Die Pollenkörner sind ellipsoidisch und besitzen drei meridionale Längsfalten. (Man findet sie bisweilen im Honig, vgl. VILLIERS et COLLIN, Altérat. et falsificat.) Zwischen den fertilen Staubfäden sitzen fünf epipetale Spitzchen, die als Staminodien aufzufassen sind. Auch die fünf schlanken, keulenförmigen, anfangs links zusammengedrehten Griffel sind blau — so dass die leider sehr vergängliche Blüte einen außerordentlich lieblichen Anblick gewährt.

Weiches Grün den Stengel zieret Blüte trägt des Himmels Helle; Leis vom Westhauch angerühret Wogt sie sanft in blauer Welle. (JUST. KERNER.)

Linum zeigt oft Selbstbestäubung. Der Fruchtknoten ist eiförmig und kahl. Er wird von fünf epipetalen Fruchtblättern gebildet. Da die Außenwand derselben aber nach innen zu eine Längsleiste, eine sog. falsche Scheidewand bildet, erscheint der Fruchtknoten zehnfächerig und enthält denn auch 10 Ovula, in jedem echten Fache zwei. Die bis zur Reife vom Kelche umhüllte FRUCHT (Flachsknoten) ist eine 7–8 mm lange, fast kugelige Kapsel, die je nach der Varietät entweder wand- oder fachspaltig aufspringt (Springlein s. oben) oder geschlossen bleibt (Schließlein s. oben).

Lit. REICHE in ENGLER-PRANTL, Pflanzenfamilien (dort die botan. Lit. d. Familie).

Abbild. NEES V. ESENBECK, Pl. med. 389. — HAYNE, Arzneigew. VIII, t. 17. — BERG-SCHMIDT, Atlas, 2. Aufl. t. 102 (dort die systemat. Lit.). — PABST-KÖHLER, Medizinalpfl. — BENTLEY-TRIMEN, Medic. plants t. 39 u. in zahlr. and. Werken.

Pathologie. Über die pflanzlichen Schädlinge berichtet Prof. ED. FISCHER: Unter den Parasiten, welche den Flachs schädigen, ist vor allem Cuscuta Epilinum WEIHE, die Flachsseide, zu erwähnen, welche mit ihren fast fadenförmig dünnen Stengeln den Stengel ihres Wirtes umwächst und Haustorien in denselben entsendet. — Gefährliche Pilzkrankheiten sind besonders die sog. Flachsmüdigkeit oder Flachswelke, hervorgerufen durch Fusarium Lini BOLL. und der Flachsbrand, dessen Urheber eine Chytridiacee, Asterocystis radicis MARCHAL ist, die sich in den Wurzelzellen ansiedelt. Beide Parasiten können den Flachs zum Absterben bringen. (BOLLEY, H. L. in North Dacota Agric. Coll. Gov. Experim. Stat. Bulletin No. 50, 1902 und No. 55, 1903. MARCHAL, E., Recherches biologiques sur une Chytridinée parasite du Lin. Bull. de l’Agric. Belg. 1901). Neuerdings wird als arger Schädling auch der Flachsrost, Melampsora Lini (PERS.) DESM., genannt. Die Krankheiten des indischen Lein in WATT, Dictionary.

Über die tierischen Schädlinge berichtet ISRAËL:

1. Käfer: Den Leinfeldern fügen mehrere Halticaarten, besonders wenn die Pflanzen noch jung sind, erheblichen Schaden zu.

2. Falter: Plusia gamma L. Die Raupe dieser gemeinsten aller Eulen ist polyphag. Sie lebt unter anderen auf Leontodon, Urtica, Beta, Trifoliumarten usw. 1899 traf ich sie verheerend auf Leinfeldern im Odenwalde, woselbst sie hauptsächlich die unreifen Samenkapseln verzehrte. Auch auf Radiola linoides, Linum perenne und catharticum fand ich dieselbe fressend. Mamestra pisi L. Die polyphage Raupe lebt auch auf Linum usitatissimum. Calocampa exoleta L. Die fast polyphage, prachtvolle Raupe lebt auf den verschiedensten Pflanzen. Sie ist sehr häufig von Parasiten bewohnt. Ich traf sie außer auf Linum usitatissimum auf Phragmites, Typha, Euphorbia Esula und Cyparissias, Lamiumarten, Leontodon, Cytisus sagittalis, Sarothamnus, Gartenrhabarber, Lactuca sativa und vielen anderen Pflanzen. Conchylis epilinana ZELL. Die kleine Raupe lebt nach TASCHENBERG in den Samenkapseln von Linumarten. Ferner werden genannt: Engerlinge und die Made der Flachsfransenfliege (Thrips linaria UZEL).

Im gepulverten Leinsamen findet sich oft die Milbe Glyciphagus domesticus GEER. Einige Zeit aufbewahrtes Leinmehl enthält nach meinen Erfahrungen, wenn es nicht ganz trocken ist, immer Milben. Auch TUNMANN beobachtete sie (Pharm. Centralh. 1906). Er nennt besonders Glyciphagus spinipes C. L. KOCH und G. domesticus. Die Milben fressen in erster Linie den Schleim.

Kultur und Handel. Der Lein verlangt feuchte Wärme mit häufigem Wechsel zwischen Wärme und Feuchtigkeit. Er verträgt weder große Hitze noch Dürre, noch Fröste. Er gedeiht am besten an Seeküsten, in Niederungen und Gebirgen mit vielen Niederschlägen oder reichlichem Tau und Nebel auf flachgründigem, feuchtem Boden. Der Lein wird sowohl im subtropischen wie im gemäßigten Klima gebaut. Seine nördliche Grenze fällt im allgemeinen mit der der Gerste zusammen, ja geht in einigen Gegenden noch weit über den Polarkreis hinaus (SCHÜBELER), wo der Getreidebau bereits zurückbleibt. Als Gespinstpflanze wird der Lein sowohl als bäuerliche Hauspflanze im Kleinbetrieb, wie auch als Industriegewächs im Großen gebaut. Es bauen Lein: Mitteleuropa (bis 1500 m), Rußland, Ägypten, Algier, Abessynien (bis 3300 m), Ostindien (die kälteren Gegenden), Nordamerika, Argentinien, Uruguay, Brasilien, Australien. Besonders viel baut Belgien (Westflandern, Ostflandern und Namur), wo c. 600000 ha mit Lein bestellt sind, dann das nördliche europäische Rußland, Irland, Holland (I, S. 67), Preußen, Thüringen, Schlesien, Österreich (Böhmen, österr. Schlesien, Kärnthen, Tirol), Frankreich und Italien. In der Lombardei wird Lein wegen der Fasern, in Apulien der Samen wegen kultiviert (RAVASINI).

Der Anbau erfolgt hauptsächlich zum Zwecke der Gewinnung der Leinfaser und zu diesem Zwecke wird (besonders seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts) fast ausschließlich der einjährige Schließlein (s. oben) gebaut. Die Länder, die Leinsaat (d. h. keimfähige Leinsamen zur Aussaat für Faserflachs liefern), wie in erster Linie Rußland (Riga, Pernau), dann neuerdings auch Tirol (Ötzthal) und Holland bauen daher jetzt nur diesen. Aus russischem Saatgut in erster Aussaat in Deutschland erhaltenen Leinsamen nennt man Rosenlein. Dort, wo der Lein der Samen wegen, d. h. zur Gewinnung von Ölsaat im Großen gebaut wird, kultiviert man dagegen den Springlein (s. oben). Leinsamen liefert jetzt vornehmlich Argentinien und Südrußland, dann Indien, die russischen Ostseeprovinzen, Belgien, Ägypten und Nordamerika, weniger Japan, Marocco, Österreich, Deutschland und Holland. Vom Schließlein unterscheidet man die keimfähigen, also als Saatgut benutzbaren Samen, die Leinsaat (s. oben) — nur diese ist für pharmazeutische Zwecke brauchbar — und die nicht keimfähigen, nur zur Ölgewinnung tauglichen Samen, die vor völliger Reife gesammelt wurden oder ihre Keimfähigkeit wegen langen Lagerns verloren haben, die Schlagsaat. Der Lein wird nämlich in vielen Gegenden, um eine gute Faser zu erzielen, vor der Reife der Früchte aus dem Boden gezogen. Schließlein muß natürlich gedroschen werden.

Zur Gewinnung des Öls wird meist Schlagsaat verwendet, für die feinsten Sorten aber eigens gebauter Springlein. Dieser ist auch, neben der Leinsaat, für pharmazeutische Zwecke allein anzuwenden, eventuell ausgereifte Samen, die ihre Keimkraft verloren haben. Unausgereifte Samen sind auszuschließen. Die Kultur von Lein zur Linseed- (Flaxseed-)Gewinnung ist in Indien, wo fast nur Samen und nur sehr wenig Fasern produziert werden, beträchtlich. Schon 1887 waren über 3½ Mill. Acres zu diesem Zwecke mit Lein bestellt. Besonders viel baut Bengalen und die Zentralprovinzen, weniger Berar, die Nordwestprovinzen und Oudh, Bombay und Sind, am wenigsten Panjáb, Madras und Burma (WATT). In Indien unterscheidet man whit-seeded und red-seeded, d. h. hellgelbe und rotbraune Samen.

Die Ausfuhr Indiens an Linseed nach England (und englischen Besitzungen) betrug 1907/08: 2290185, 1908/09: 1405467 cwts; nach anderen Ländern: 1907/08: 3907697, 1908/09: 1804080. Besonders Frankreich ist Abnehmer indischer Leinsaat. Es empfing 1908/09 c. 1 Mill. cwts.

Deutschland importierte 1909: 4368667 dz Leinsamen, vorwiegend aus Argentinien (3708478), dann aus dem europ. Rußland und brit. Indien, weniger aus Uruguay, den Ver. Staaten und Japan, Marocco, Österreich und den Niederlanden und exportierte 68280 dz, besonders nach den Niederlanden, Dänemark und Norwegen.

Frankreich führte 1908: 1876721 Quintal. Leinsamen ein, vorwiegend aus Argentinien (1138909 Quint.) und engl. Indien, dann auch aus Rußland, den Ver. Staaten, Uruguay, Tunis, Marocco und Algier. Von europäischen Staaten lieferte besonders Belgien viel, dann die Niederlande.

Die Einfuhr von Linseed in die Ver. Staaten von Nordamerika betrug 1909: 597671 bushels. Die Ausfuhr 1908: 4277313, 1909: 882899 bushels.

Die wichtigsten Handelssorten sind jetzt: Russischer Leinsamen und zwar baltischer (baltic linseed) und südrussischer oder asowscher (black sea linseed). Der reinste ist der baltische. Er liefert auch das am besten trocknende Öl. Der südrussische enthält 5% und mehr Hanf- und Ravisonsamen. Russischer L. enthält 32–38% Öl. Argentinischer L., sog. La Plata-Saat, neuerdings in großer Menge im Handel, aber ziemlich unrein (Unkrautsamen, Pflanzenfasern) mit 35–36% Öl. Indischer L. (s. oben), auch ziemlich unrein (s. hinten), mit 37–41% Öl. Marocco L., Canadischer L., Nordamerikanischer L. in geringer Menge.

Maroccoleinsamen (jetzt als Medizinalleinsamen viel im Handel) wird in Säcken à 100 kg gehandelt (JUL. GROSSMANN).

Leinsamen wird leicht ranzig. Er sollte nicht über ein Jahr aufbewahrt werden.

Lit. LANGER, Flachsbau. Wien 1893. — KNIGHT, Flax and Linseed industry. Journ. Dep. Agr. Victoria 1906. — SCHINDLER, Flachsbau in Rußland 1898. — WIESNER, Rohstoffe. — T. F. HANAUSEK, Ebenda. — WATT, Diction. econ. pr. of India. — SCHÜBELER, Viridar. norwegic. II (1888), 439. — Über die Leinsamen-Sorten vgl. NOBBE, Handb. d. Samenkunde. HOLMES, The varieties of linseed in english commerce. Pharm. Journ. 12 (1881). — Über den Umfang, Zunahme und Rückgang des Leinbaus finden sich Zahlen in der Zeitschrift «Flachs und Leinen». Wien u. Trautenau. — Karte der Verbreitung der Flachskultur in SCOBEL, Handelsatlas.

Morphologie der Droge. Die Leinsamen sind flachgedrückt-eiförmig, 4–6,5 mm lang (europäische meist etwa 5 mm), 2,5–3 mm breit und 1–1,5 mm dick. Die größten finden sich bei indischen Sorten. Europäische Leinsamen wiegen meist 0,004 bis 0,0054 g. Doch schwankt das Gewicht (wie die Größe) nach den Sorten. Russische L. wiegen oft 0,01, türkische 0,009. Die Durchschnittssorte Mitteleuropas wiegt 0,0047, weiße indische von Malva 0,0088, gelbbräunliche von Indore (Zentralindien) 0,0093 (FLÜCKIGER), schwedische 0,004, dalmatinische 0,0053, persische 0,0054 (HARZ). HOLMES fand (1881), daß von russischem, holländischem, englischem und Calcutta-Lein 12–14 Stück auf 1 grain gehen, von großem Calcutta, Bombay, Sizilischem und Lein von den ionischen Inseln 6–7 Stück auf 1 grain (= 64,8 mg). Der Handel unterscheidet klein- und großkörnigen Lein. CAESAR und LORETZ führen jetzt auch (zum Kauen) eine Sorte von der doppelten Größe der kuranten deutschen Samen.

Sie sind an dem unteren Ende abgerundet, am oberen durch eine Caruncula (crista) genabelt Fig. 109, 3 X) und unterhalb der stumpfen, etwas schiefen Spitze, dort, wo das als feiner Punkt sichtbare Hilum liegt, leicht eingedrückt. Die glatte (infolge der eingetrockneten Schleimschicht), glänzende, dünne und spröde Schale ist meist gelbbraun bis dunkelrotbraun gefärbt, beim Springlein heller; bei den whit seeds Indiens gelb, bei den red seeds lichtbräunlich. Sie erscheint, mit der Lupe betrachtet, sehr feingrubig infolge der von der Sclereïdenschicht (s. unten) gebildeten kleinen flachen Mulden. Die Raphe läuft vom Hilum aus an der schmalen Kante entlang bis zu der äußerlich nicht sichtbaren, am abgerundeten Ende liegenden Chalaza.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 109.

Linum usitatissimum

L.

1 Querschnitt und 2 Längsschnitt durch den Fruchtknoten, 3 Same von außen, 4 Same parallel der Fläche und 6 rechtwinklig dazu längsdurchschnitten, 5 Same in der Mitte querdurchschnitten, 5 a und 5 b Same oben querdurchschnitten, 7 Same an der Kante querdurchschnitten.

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Tschirch-Oesterle

, Atlas.]

In Wasser gelegt umgibt sich der Leinsamen rasch mit einer hyalinen Schleimhülle, da die Schleimepidermis (s. unten) stark quellbar ist. Spaltet man den Samen der Länge nach parallel der Fläche auf, so sieht man die herzförmigen Cotyledonen (Fig. 109, 4), die die Hauptmasse des Samenkernes ausmachen und in der Spitze des Samens die kurze kegelige Radicula (Fig. 109, 4); spaltet man ihn parallel den Schmalseiten, so erblickt man mit der Lupe zwischen Radicula und Cotyledonen die kleine Piumula. Durchschneidet man ihn in der Mitte quer, so sieht man, daß die plankonvexen Cotyledonen nur von einem schmalen Endosperm umgeben sind (Fig. 109, 7).

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 110.

Linum usitatissimum

L.

1–4 Entwicklung der Samenschale. Querschnitt, ia äußeres, ii inneres Integument. 5 Nährschicht (bei Nr. 4 zusammengefallen). 5 Längsschnitt durch Samenschale und Endosperm.

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Tschirch-Oesterle

, Atlas.]

Anatomie. Die Samen gehen aus hängenden, anatropen Ovulis hervor, deren Mikropyle nach außen und oben gewendet ist und von einem papillösen Pollenzuführungsapparat überdeckt ist (Fig. 109, 2 X), der, aus dem Funiculargewebe hervorgehend, später zur Caruncula wird, die das Spitzchen des Samens (s. oben) bildet. Das äußere Integument liefert die Schichten 1 und 2 der Samenschale, das innere die Schichten 3–6 (Fig. 110). Das äußere bleibt zunächst zweischichtig und wird dann durch Teilung der inneren Zellreihe dreischichtig, das innere Integument vergrößert sich stark und die Zellen füllen sich mit Stärke. Es wird zur Nährschicht (TSCHIRCH). Bei der Weiterentwicklung entleeren sich die parenchymatischen Zellen aber wieder in dem Maße wie sie ihre Reservestoffe an die sich verdickenden Hartschichten zum Aufbau der Membranen abgeben und im reifen Samen besteht die Nährschicht fast nur aus der äußeren und inneren Epidermis. Das ganze mittlere Gewebe ist zu einer hyalinen Schicht zusammengefallen oder ganz resorbiert. Der Schleim ist auf die Epidermis beschränkt (Schleimepidermis TSCHIRCH). Er wird direkt als Membranschleim aber ziemlich spät, erst wenn der Embryo schon Grünfärbung zeigt, angelegt, vorwiegend an der Außenseite unter der Cuticula und den Seitenwänden, gar nicht auf der Innenwand. Stärkekörner, die in den Schichten 1 und 2 auftreten, liefern das Baumaterial. Die Schleimmembran besteht aus drei Schichten: einer hyalinen Stäbchenschicht, deren Struktur erst bei der Quellung sichtbar wird, einer körnigen Zone und der sehr breiten, beim Quellen deutliche Schichtung zeigenden Hauptschicht (Details in TSCHIRCH-OESTERLE, Atlas). Beim trockenen Samen ist die Schleimepidermis stark zusammengefallen (die primären, Zellulosereaktion gebenden, Trennungsmembranen wellig verbogen). Beim Einlegen in Wasser quillt sie stark, oft auf das fünffache, die primären Membranen strecken sich und die Zellen erscheinen nun prismatisch; schließlich platzt die Cuticula und der Schleim tritt aus. Am leichtesten löst sich die körnige Mittelschicht, dann folgt die breite geschichtete Partie, am längsten widersteht die Stäbchenschicht. Sie löst sich bisweilen mit der Cuticula zusammen spiralig ab (Details bei KORAN). Die Verhältnisse lassen sich am besten an Tuschepräparaten studieren. Von der Fläche gesehen erscheinen die Zellen der Schleimepidermis polyedrisch. Die Stäbchenschicht macht sich durch feine Körnelung bemerkbar (Fig. 110 u. 111, 4 a). Wenn man einen Samen mit Wasser schüttelt — am besten unter Hinzufügen von Glasperlen —, so löst sich die ganze Schleimepidermis los und der Schleim verteilt sich im Wasser. Die zweite, aus der zweiten Zellschicht des äußeren Integumentes hervorgehende, Schicht ist meist zweireihig, auf der Rapheseite fünfreihig. Ihre Zellen sind etwas verdickt, in der Flächenansicht erscheinen sie rundlich (Fig. 111, 2). Interzellularen sind reichlich vorhanden. In dieser Schicht verläuft das Raphebündel. Von den beiden Epidermen des inneren Integumentes wird die äußere zur Sklereïdenschicht. Im Querschnitt des reifen Samen erscheinen die reichgetüpfelten Sklereïden verschieden hoch, je nachdem sie an den Kanten oder Flächen des Samens liegen, auch verschieden stark verdickt (Fig. 110, 3). Stets sind sie in der Längsrichtung des Samens gestreckt Fig. 111, 3 u. 3 a), bis 250 mik lang und c. 10 mik breit. Die Außenlinie der Sklereïdenschicht zeigt Mulden (s. oben). Die innere Epidermis des inneren Integumentes wird zur Pigmentschicht, deren Zellen im reifen Samen tangential gestreckt, dickwandig und getüpfelt sind und einen mit Eisenchlorid blauschwarz werdenden Phlobaphenballen enthalten, dessen braunrote Farbe die Farbe der Samenschale bedingt. Bei den hellen indischen Leinsamen fehlt diese Pigmentschicht.

Das Endosperm ist schmal, nur wenige Zellreihen breit an den Flächen des Samens, an den Kanten und dort, wo die Radicula liegt, breiter. Die COTYLEDONEN bestehen aus zarten Zellen, deren Wände (ebenso wie die der Endospermzellen) durch Jod gebläut werden, also Amyloid enthalten. Die Palissadenseiten der beiden Blätter liegen auf der Innenseite, also einander gegenüber. Das Mesophyll ist von Procambiumsträngen durchzogen. Die Zellen der Cotyledonen enthalten meist 2–5 große, etwa 10–19 mik lange und zahlreiche sehr kleine Aleuronkörner. Nach LÜDTKE beträgt die Größe der großen elliptischen Aleuronkörner 10,5 mik in der Randpartie der Cotylen, 15 mik im übrigen Cotyledonargewebe und dem Endosperm. Meist sind bei den größeren Körnern ein Globoid und ein oder mehrere undeutlich eckige, durch Jod sich stark gelb färbende Kristalloide vorhanden, neben Grundmasse und deutlicher Hüllhaut. Eingebettet sind die Aleuronkörner in eine Grundmasse, die sich beim direkten Einlegen in Osmiumsäure gleichmäßig braun färbt und die ich als Ölplasma bezeichnet habe. Die Aleuronkörner des Endosperms weichen etwas von denen der Cotyledonen ab. Sie sind häufig lappig. Der Keimling enthält auch Zucker (RASPAILsche Reaktion).

Die Keimung, bei der zuerst das Endosperm entleert wird, erfolgt epigä. Die Schleimepidermis der Samenschale — und dies ist in erster Linie ihre Funktion — klebt hierbei den Samen am Boden fest und sichert das Eindringen der Wurzel in den Boden (TSCHIRCH und LÜDTKE, vgl. auch oben S. 314).

Das Pulver. Der Leinkuchen (farina lini, placenta seminis lini), entweder der gemahlene oder der gemahlene und ausgepreßte Leinsamen (Preßkuchen), der Preßrückstand der Leinölfabrikation, zeigt alle Elemente des Samens mehr oder weniger zerkleinert. Schon mit bloßem Auge lassen sich die braunen Samenschalfragmente von den hellgelblichen der Cotyledonen unterscheiden. Bei den Samenfragmenten (Fig. 111) fallen besonders die getüpfelten, quadratischen, mit rotbraunem Inhalt versehenen Zellen der Pigmentschicht (Fig. 111, 6) und die gestreckten Sklereïden (Fig. 111, 3 u. 3 a) auf, weniger Schicht 2 und die Schleimepidermis. Das Gesamtbild ist ein sehr charakteristisches und mit dem keiner anderen Samenschale zu verwechseln. Die hellen Fragmente bestehen aus dem dünnwandigen Gewebe der Cotyledonen, in dem man leicht (im Öl- oder Alkoholpräparat) die Aleuronkörner sichtbar machen kann. Stärke fehlt oder kommt doch nur in Spuren vor (s. auch unter Verunreinigungen).

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 111.

Linum usitatissimum

L.

Succedane Flächenschnitte durch die Samenschale. Die Zahlen bezeichnen die gleichen Gewebe wie in Fig. 110. Links: Aleuronkörner in Jodlösung.

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Tschirch-Oesterle

, Atlas.]

Lit. ARTHUR MEYER, Drogenkunde. — HARZ, Landwirtsch. Samenkunde 1885. — SEMPOLOWSKI, Beiträge z. Kenntn. d. Baues d. Samenschale. Dissert. Leipzig 1874. — HERLANT, Caract. microscop. de quelqu. graines officinal. Ann. Univ. Libr. Brux. 1882, m. Taf. — GUIGNARD, Rech. sur l. dével. d. l. graine et en partic. du tégum. semin. Journ. d. botan. 1893 (m. Abbild.). — VOGL, Commentar 1908 (m. Abbild.). — TSCHIRCH-OESTERLE, Atlas t. 58 (SCHLOTTERBECK) (dort die Entwicklungsgeschichte). — MOELLER in Realenzyklop. und Pharmakognosie. — T. F. HANAUSEK in WIESNER, Rohstoffe. — NOBBE, Handb. d. Samenkunde. — CRAMER, Vorkommen u. Entsteh. einiger Pflanzenschleime in NÄGELI-CRAMER, Pflanzenphys. Unters. 1855. — HOFMEISTER, Ber. d. Sächs. Ges. d. Wissensch. 1858. — FRANK, Pringsh. Jahrb. 5 (1866), 161. — MANGIN, Observations sur l’assise à mucilage de la graine de Lin. Bulletin de la Soc. bot. de France 40 (1893), 119 (Bemerkungen dazu: GUIGNARD, l. c. 59). — KOŘAN, D. Austritt d. Schleimes aus d. Leinsamen. Pharm. Post. 1899, 221. — LÜDTKE, Beschaffenh. d. Aleuronk. einiger Samen. Ber. d. pharm. Ges. I, 53. — Abbild. der Aleuronkörner bei LÜDTKE, Beitr. z. Kenntn. d. Aleuronk. Pringsh. Jahrb. 21 (1889) (auch Dissertat.). — Über d. chem. Natur der Aleuronkörner vgl. KRITZLER, Mikrochem. Unters. über d. Aleuronk. Dissert. Bern 1900. — NELSON, Mercks Rep. 1906. — Nährschicht: TSCHIRCH, Anatomie 1889, 459 (die Angabe in SCHNEIDERS Illustriert. Handwörterb. d. Botan., daß der Name von FRANK herrühre, ist unrichtig. LOHDE (Entwicklungsgesch. u. Bau ein. Samensch. Dissert. 1874) drückt sich über die Nährschicht nicht klar aus, er ahnt aber ihre physiologische Bedeutung); vgl. besonders HOLFERT, Flora 1890 (und Dissert. 1890) m. Taf. — RAVENNA und ZAMORANI (Bedeut. d. Schleims f. d. Keimung). Att. R. Accad. d. Lincei (5) 19, II, 247. — Erste anatom. Abbild. im Atlas zu OUDEMANS Aanteekeningen t. JJ., dann auch in BERG, Anatom. Atlas t. 46. — Schleimepidermis abgebild. (nach MANGIN) in HÉRAIL, Traité de pharmacolog. 1901. — Leinkuchen (tourteau): COLLIN et PERROT, Les résidus industriels de la fabricat. des huiles etc. 1904. — Pulver: Mikroskop. Charak. bei KRAEMER, Proc. Am. pharm. ass. 1898, 331 und KOCH, Mikrosk. Anal. d. Drogenpulv. 1906, IV, t. 3.

Chemie. KÖNIG teilt zahlreiche Analysen des Leinsamen mit. Er gibt folgende Prozentzahlen (das Mittel aus allen Analysen in Klammern) in der lufttrockenen Substanz: Wasser 5,47–14,20 (8,96), Stickstoffsubstanz 16,83–30,77 (22,77), Öl (Fett) 22,45–40,48 (34,38), stickstofffreie Extraktstoffe 17,58–28,80 (22,86), Rohfaser 4,18–11,59 (6,78), Asche 2,54–8,04 (4,25); in der Trockensubstanz: Stickstoffsubstanz 18,49–33,8 (25,01), Fett 24,66–44,46 (37,76), Stickstoff 2,96–5,21 (4,0). Leinpreßkuchen enthalten (nach KÖNIG) noch im Mittel 9,88% Öl (3,78–16,34), der Gehalt an stickstoffhaltigen Substanzen beträgt im Mittel 29,48 (19–36,18)%, die Asche 9,69 (5,13–16,5)%.

Leinsamen liefert 3 (ULOTH) bzw. 5,1–5,9% (KIRCHNER und TOLLENS) Schleim. Der rohe Schleim enthält oft 7–10% und mehr Asche; unter 0,7% konnte auch TOLLENS die Asche nicht herabdrücken. Der Schleim wird nach Zusatz von etwas Salzsäure mit Alkohol gefällt und durch Auswaschen mit Ätheralkohol rein gewonnen. Die konz. wässrige Lösung des Schleims gibt mit Kupfersulfat, FEHLINGscher Lösung, Bleiacetat, Bleiessig und Quecksilbersalzen unlösliche Niederschläge. Er gibt mit Jodschwefelsäure keine Blaufärbung. Kupferoxydammon bildet eine feste Gallerte. Der Linumschleim läßt sich mit Ammonsulfat aussalzen (POHL). Er ist unlöslich in Alkalien. SCHMIDT fand im stickstofffreien Schleim unter Abrechnung der Asche 44,97% C, 6,26% H und 48,77% O. Er entspricht also in der Zusammensetzung anderen Pflanzenschleimen. SCHMIDT gab ihm die Formel C12H20O10, welche Formel KIRCHNER und TOLLENS (1874) bestätigten, TOLLENS schreibt die Formel jetzt C6H10O5. Die Hydrolyse des Schleims mit 1¼% Schwefelsäure liefert, neben einem «Gummi», 4% Zellulose (TOLLENS) und c. 60% d-Glukose. Mit Magensaft entsteht eine zum Teil kristallisierende Glukose, die keine Schleimsäure liefert (FUDAKOWSKI). Ein Teil des Leinsamenschleimes liefert bei der Oxydation mit Salpetersäure Schleimsäure (GUÉRIN, VAUQUELIN, CULLINAN). Bei der Hydrolyse liefert er denn auch Galaktose und neben Dextrose (d-Glukose, BAUER, HILGER) tritt dann auch Arabinose und Xylose auf (HILGER). Er enthält also wohl ein Galakto-Gluko-Arabino-Xylan. Der gereinigte Schleim hat (nach HILGER) die Zusammensetzung: 2(C6H10O5).2(C5H8O4), dreht rechts, ist schwach sauer und gibt bei der Destillation mit Salzsäure Furol.

Nachdem schon früher beobachtet worden war, daß bei längerem Aufbewahren von gepulvertem Leinsamen dieser sauer wird (PELOUZE fand 5–6% freie Säure) und sich Blausäure entwickelt (SENIOR, JORISSEN; SENIOR betrachtet die Blausäure als ein Gärungsprodukt), gelang es JORISSEN und HAIRS (1891) aus keimendem Leinsamen 1,5% eines krist. Glykosides (F. = 134°) zu isolieren, das sie Linamarin nannten und das sich (durch das im Leinsamen enthaltene Enzym, verd. Mineralsäuren usw.) in einen reduzierenden, gärungsfähigen Zucker, Blausäure und einen Körper mit Acetonreaktionen spaltet. Es löst sich in Schwefelsäure farblos (Unterschied vom Amygdalin). Dasselbe erwies sich als identisch mit dem Phaseolunatin von DUNSTAN und HENRY, das diese aus den Samen von Phaseolus lunatus isolierten, dem sie die Formel C10H17O6N geben (F. = 141°) und das sich nach der Gleichung C10H17O6N + H3O = C6H12O6 (Dextrose) + HCN (Blausäure) + (CH3)3CO (Aceton) spaltet. Wird Leinsamenmehl mit warmem Wasser angerührt bei 25° einige Zeit stehen gelassen und dann destilliert, so erhält man ein blausäurehaltiges Destillat. 100 g liefern 8 mg HCN (gekeimte Samen mehr als doppelt so viel. Es findet bei der Keimung auch eine Neubildung von HCN statt [RAVENNA und ZAMORANI]). Auch die Stengel liefern Blausäure (JORISSEN).

Das fette Öl (Leinöl) ist in seiner Zusammensetzung noch nicht genau bekannt. Die Elementarzusammensetzung gibt SACC wie folgt an: C = 76,8–78, H = 11–11,2, O = 11–12%. Es soll 10–15% Glyzeride fester Fettsäuren (Stearinsäure, Palmitinsäure und Myristicinsäure) und 85–90% flüssige Glyzeride enthalten. Die flüssigen Fettsäuren bestehen nach HAZURA und GRÜSSNER aus 5% Ölsäure, 15% Linolsäure (C18H32O2), 15% Linolensäure (C18H30O2) und 65% Isolinolensäure. Ob aber Ölsäure darin enthalten ist, ist noch fraglich. FAHRION gibt folgende prozentische Zusammensetzung an (1903): Unverseifbares 0,8, Palmitin- und Myristicinsäure 8, Ölsäure 17,5, Linolsäure 26, Linolensäure 10, Isolinolensäure 33,5, Glycerinrest 4,2. LEWKOWITSCH hält diese Zahlen aber nicht für richtig und meint, daß FOLKINS Angabe wohl zutreffend sei, daß Linolsäure vorherrsche und die Linolensäure nur 22–25% der Fettsäure ausmache. Er hält für wahrscheinlich, daß Linolen- und Isolinolensäure 14%, Linolsäure 78,5% betrage. Das Öl gibt von allen fetten Ölen die größte Menge flüchtiger Säuren (DIETERICH). Das Öl gehört zu den trocknenden Ölen. Es absorbiert an der Luft leicht Sauerstoff und trocknet schließlich zu einer in Äther unlöslichen Substanz ein (Linoxin, superoxydiertes Leinöl). ORLOW gibt dem Linoxin die Formel:

.

Linoxin
Linoxin

Diese Veränderung erleidet es auch im Leinmehl beim Erhitzen desselben auf 100–110° (KLOPSCH). Pressung lieferte in Indien bei whit seed 35,1, bold red 31,2, small 29,6% Öl; im Durchschnitt also ⅓ des Gewichtes des Samen. Durch Extraktion erhielt FLÜCKIGER 35,5%, aus weißen indischen Samen 39,2–40% Öl.

HAUKE fand in den Samen 3,2 bis 4% Asche. Er bezeichnet als obere Grenzzahl 5%. KÖNIG fand im Mittel 3,69% (Phosphorsäure: 41,5, Kali: 30,63, Magnesia: 19,29%), DEY und COWIE 1,93 (holl.) bis 4,0% (südamer.). Die Asche enthält Kupfer (MEIER).

In lufttrockener Placenta sem. lin. fand PETERS 7% Asche und 8,32 Wasser.

Lit. Die älteste eingehende Analyse der Samen von L. MEIER (in GMELINS Handb. d. Chem. II, 1251). — Viele Analysen in KÖNIG, Nahrungs- u. Genußm. 4. Aufl., bei HOOPER, Agricultur Ledger No. 12. Calcutta 1899 und bei W. LAWSON, Pharm. Journ. 16 (1885), 245. — Ältere Analysen des Schleimes von BOSTOCK (Nicholsons Journ. 18, 31), VAUQUELIN (Ann. de chim. 80, 314), GUÉRIN VARRY (Journ. de chim. méd. 7, 739), C. SCHMIDT (Lieb. Ann. 51, 29). — Schleim: GUÉRIN, Ann. chim. phys. (2), 49. — FUDAKOWSKI, Ber. d. chem. Ges. 11, 1073. — CULLINAN, Bot. Jahresb. 1884, I, 71. — HILGER, Ber. d. chem. Ges. 36 (1903), 3198. — BAUER, Journ. pr. Chem. II, 30, 367. — HILGER und ROTHENFUSSER, Ber. d. chem. Ges. 35, 1841. — KIRCHNER und TOLLENS, Unters. über Pflanzenschleim. Journ. f. Landw. 1874, 502; Lieb. Ann. 175 (1874), 205. — POHL, Zeitschr. phys. Chem. 14 (1890), 151.

PELOUZE et BOUDET, Ann. chim. phys. (2) 69, 43. — PELOUZE, Ebenda 45 (1855), 319. — JORISSEN et HAIRS, Sur la linamarine, glucoside cyanhydrique retiré du Lin. usitatiss. Bull. Ac. roy. belg. (3) 21, 1891 (Journ. pharm. chim. 24 [1891], 259) und 1907, 793. Auch Bull. ac. roy. belg. (3) 5 (1883), 750; (3) 6 (1884), 718; (3) 7 (1884), 736. — DUNSTAN und HENRY, Proc. Royal soc. 72, 285 und 78, 145. — SENIOR, Brit. Pharm. Conf. 1885 (Pharm. Zeit. u. Jahresber. d. Pharm. 1885). — JOUCK, Beitr. z. Kenntn. d. HCN abspalt. Glyk. Diss. Straßb. 1902. — TH. GREENISH, Further contrib. of the pharm. of linseed. Pharm. Journ. 15 (1884), 169 (Leinsamenmehl). — Gehalt an Öl: KÖNIG a. a. O. Dann: Chem. Drugg. 1899, 522. — LA WALL and PURSEL, Am. journ. pharm. 1899, 393. — PATCH, Proc. am. pharm. assoc. 1906, 339. — DEY und COWIE, Pharm. Journ. 25 (1895), 1037. — Über das Öl vgl. bes. LEWKOWITSCH, Chem. Technol. u. Analyse d. Öle, Fette usw. 1905 (dort die Literatur). — Dann auch DIETERICH, Helfenb. Ann. 1887, 89. — KLOPSCH, Zeitschr. anal. Chem. 1888, 452. — Asche: HAUKE a. a. O. — LAUDREAU, Ann. agronom. 6, 315. — MOOR and PRIEST, Pharm. Journ. 1900. — PETERS, Apoth. Zeit. 1909, 538. — Zahlreiche Aschenanalys. d. Samen, Früchte u. d. ganzen Pflanze in WOLFF, Aschenanalysen 1871, 106.

Verfälschungen und Prüfung. Leinsamen ist oft mit anderen Samen vermischt, doch dürfen nicht mehr als höchstens 4% darin sein (FLÜCKIGER), bei Ölsaat beträgt der Gehalt bisweilen 30–50% (z. B. in Telquel aus Calcutta). NOBBE fand in einem 2,84% fremde Samen enthaltenden Lein die Samen von 41 Phanerogamen. VÖLCKER fand in russischem Leinsamen 3%, in bestem indischen 1,75% fremde Samen. In dem hellen indischen Lein verraten sich dunkle Samen leichter, als in dem rotbraunen russischen.

Im Leinsamen wurden oft Cruciferensamen und die Samen des in Leinfeldern häufigen Lolium arvense SCHRAD. beobachtet, im Leinmehl oft Rapskuchen (bei Revisionen noch 1910 beobachtet, durch den abweichenden Bau der Samenschale leicht kenntlich) und Weizenmehl (BERINGER). TUNMANN beobachtete (1906) Kieselguhr als Verfälschungsmittel.

HOLMES fand in englischem Lein: Lolium, Polygonum Persicaria, Chenopodium glaucum; in holländischem L.: Chenopodium album; in russischem L.: Camelina sativa, Spergula arvens., Lolium, Polyg. Persicar.; in littauischem L.: Centaurea Cyanus; in Odessa-L.: Polygonum, Convolvulus, Agrostemma Githago, Sinapis, Panicum, Setaria; in indischem L.: Sesamum, Ervum, Sinapis, Medicago; in sizilian. und ionischem L.: Galium spur., Ervum. (Er bildet ab: Lolium spec., Polygon. lapathifol., Spergula arvens., Chenopod. alb., Silene inflata, Camelina sativa, Centaurea Cyanus, Panicum miliac., Setaria, Sinapis, Agrostemma Githago, Sesam. indic., Ervum, Medicago, Galium spur.) COLLIN et PERROT erwähnen und beschreiben (in Les Residus industriels 1904) eine große Anzahl von Verfälschungen der Leinpreßkuchen. Sie bilden ab die Elemente der Fruchtschalen des Lein und die besonders häufigen Samenschalen von Spergularia arvensis, Chenopodium polyspermum, Cerastium triviale und von Leguminosen (Luzerne u. and.), sowie Lychnis, Githago und Reisspelzen. Nicht unbedenklich ist eine Beimengung von Lolium temulentum. Daß davon bis 25% in einem Leinsamen vorkamen, ist aber wohl nur eine Fabel oder ein Zufall.

Aus der oben mitgeteilten Entwicklungsgeschichte der Samenschale geht hervor, daß beim unreifen Samen sowohl in der Schleimzellenschicht wie in der darunter liegenden, als auch in der Nährschicht Stärke vorkommt; die Körner sind relativ groß in den äußeren, klein in den inneren Samenschalschichten. Demnach wird man, da dem reifen Samen in der Regel Stärke gänzlich fehlt, die Beimengung unreifen Samens im Leinmehl an den Stärkekörnern erkennen können. Doch fand TUNMANN bei einer Sorte Springlein auch im reifen Samen Stärke, ebenso SCHÜRHOFF und EBERT (in der Schicht zwischen Schleimepidermis und Faserschicht). Die mikroskopische Prüfung gibt hierüber Aufschluß. Doch kann man auch, da kleine Stärkemengen, die ja auch von geringen zufälligen Beimengungen stärkehaltiger Samen stammen können, toleriert werden dürften, nach LLOYD in der Weise verfahren, daß man 1,0 Leinmehl mit 20 ccm Wasser kocht, erkalten läßt und zu 8 ccm des Schleims eine Mischung von 0,2 ccm Jodlösung (1 : 50) und 10 ccm 10%ige Schwefelsäure hinzufügt. Hierbei soll Blaufärbung nicht auftreten (weniger als 0,5% Stärke). Fragmente von Cruciferen- (Brassica-, Sinapis-) Samen färben sich mit Kalilauge dunkel (Lein nicht, J. LEHMANN). Auch der Nachweis von Schwefel im Destillat oder dem alkalischen Filtrat kann benutzt werden (CORENWINDER), da die Cruciferen schwefelhaltige ätherische Öle liefern. Neuerdings (Amer. Drugg. 1900) ist beobachtet worden, daß entöltes Leinmehl durch Zusatz von Mineralöl auf den alten «Ölgehalt» gebracht wurde. Da sich in der Ölsaat neben Leindotter- und Cerealien- besonders Cruciferen-Samen finden, enthält das Leinöl meistens etwas Cruciferenöl. Zur Erkennung fremder Beimengungen im Leinmehl wird neuerdings (Ann. d. falsif. 1910) Benzin empfohlen. Leinmehl sinkt unter, die meisten Beimengungen schwimmen oben.

Lit. HASELHOFF, Fabrik. u. Beschaffenh. d. Leinkuch. bzw. d. Leinmehls. Landw. Versuchsstat. 41 (1892) 55. — VON PESCH, Ebenda S. 73. — NOBBE, Handb. d. Samenkunde 1876, 439. — VÖLCKER, Journ. Roy. agr. soc. 9, 5. — HOLMES, Pharm. Journ. 12 (1881), 137. — FLÜCKIGER, Pharmakogn. — BERINGER, Amer. journ. pharm. 1889, 167. — ROGER, Ann. chim. anal. 1906, 136. — CORENWINDER, Journ. chem. soc. 1882/83. — LLOYD, Amer. journ. pharm. 1895, 463. — CULLIVAN, Pharm. Journ. 14 (1884), 983. — Stärke: SCHÜRHOFF, Pharm. Zeit. 1906, 658, RUSTUNG, Chem. Zeit. Rep. 1906, 449, TUNMANN, Pharm. Centralh. 1906, 725, EBERT, Chines. Arzneischatz. Diss. Zürich 1907.

Anwendung. Sem. lini ist ein Bestandteil der Spec. emollientes. Der Leinsame gehört zu den schleimigen Vehikeln und den einhüllenden, reizmildernden und resorptionshemmenden Mitteln. Die Placenta sem. lini dient zu meist heißen Breiumschlägen (Cataplasmen von καταπλάσσειν = Brei auflegen). Aus Laienkreisen (H. W. VOGEL) ist dem Leinsamen hervorragende Wirkung bei Diabetes nachgerühmt worden und er findet sich auch unter den Mitteln des Pfarrer KNEIPP. Er wird auch in der Zeugdruckerei benutzt. — «Statt Decoctum sem. lini ist die Kolatur einer halbstündigen Maceration zu dispensieren» (Pharm. helvet. IV).

Außer den Samen werden auch die aus den Ölmühlen stammenden gemahlenen (sehr harten) Preßkuchen (Placenta sem. lini, Leinkuchen, pain ou gâteau de lin, Linseedcake) benutzt. Da bei ihnen für die medizinische Anwendung der Schleim die Hauptsache ist (ihm verdanken sie auch die Fähigkeit viel Wasser zu binden), können sie wohl an Stelle der noch alles Öl enthaltenden Sem. lini pulveratum benutzt werden, doch erhält man bessere Cataplasmen mit gepulvertem (gemahlenem) Lein. Wegen des hohen Stickstoffgehaltes (s. oben) sind die Leinsamenpreßkuchen auch ein vorzügliches Futtermittel. In Westindien wird die unreife Frucht als Gemüse benutzt. Leinpreßkuchen ist neuerdings als Verfälschungsmittel von Gewürzpulvern beobachtet worden.

Die früher so viel verwendete Charpie (Linteum carptum, linamentum) wurde vorwiegend durch Zerzupfen von Leinwand dargestellt.

Lit. Wasserbindung: CARLES, Journ. ph. chim. 10, 244.

Geschichte. Der Flachs ist eine der ältesten Kulturpflanzen. Wie Gräberfunde zeigen, wurde im alten Ägypten sicher im III., vielleicht schon im IV. Jahrtausend n. Chr. Lein gebaut (I, S. 457). Auf Grabgemälden der XII. Dynastie (2400–2200 n. Chr.) ist der Flachsbau und die Verarbeitung des Lein in allen Details dargestellt (Abbild. bei WÖNIG). Wir treffen dort sowohl Linum usitatiss. var. vulgare (gewöhnlicher L., Schließlein) wie auch L. u. var. crepitans (Klenglein) (BRAUN, SCHWEINFURTH, BUSCHAN). Die gefundenen Fruchtproben der letzteren stimmten in allen Punkten mit dem noch jetzt in Ägypten gebauten Klenglein überein. KÖRNICKE meint, daß sich der gewöhnliche Lein (L. usit. var. vulgare) aus L. angustifolium HUDSON, einer nur wenig von ihm verschiedenen, durch Übergänge mit ihm verbundenen, über das ganze Mittelmeergebiet von den Kanarischen Inseln bis Palästina und den Kaukasus wildwachsend verbreiteten, sowohl einjährigen wie perennierenden Art mit zahlreichen, vom Grunde aus aufsteigenden, bei der Reife sich öffnenden Kapseln und kleinen Samen entwickelt habe. Auch WETTSTEIN bemerkt (1903), daß die Stammform unseres Lein perenn gewesen sein müsse, aufspringende Früchte und niedrigere Stengel gehabt habe und im Süden oder Osten Europas heimisch gewesen sei. Diese Umbildung muß sich schon vollzogen haben, bevor die Pflanze (durch die Prosemiten (?), DE CANDOLLE) nach Ägypten kam. Die Mumienbinden des Königs MENKARA (IV. Dynastie um 3600 n. Chr.) bestehen noch aus Wolle, leinene traten in der XII. Dynastie auf (2400–2200 n. Chr.). THOMSENS (1834) und UNGERS (1860) mikroskop. Untersuchungen zeigten, daß der Byssus der alten Ägypter Lein war (nicht Baumwolle). Auch in Mesopotamien bestand schon vor vier- bis fünftausend Jahren oder noch früher Flachsbau. Später nennt STRABO die Stadt Borsippa als Sitz der Leinwandindustrie Babyloniens. Flachs tritt aber bereits in altchaldäischen Gräbern der vorbabylonischen Zeit auf (MASPERO, DE CANDOLLE). Zur Zeit, als die Kinder Israels aus Ägypten zogen, waren die Gefilde des Landes am Nil reich mit Flachs bestellt (2. Mos. IX, 31). Als die Juden nach Palästina kamen, fanden sie dort bereits den Flachs (= pischta) in Kultur. Sie bedienten sich viel des Flachs. Die Priester trugen feine, das Volk grobe leinene Gewänder (BUSCHAN). Dies finden wir auch bei anderen Völkern und noch heute schreibt die katholische Kirche leinene Chorhemden den Priestern vor. Durch PAUSANIAS wissen wir, daß die Landschaft Elis Flachs baute und Linum findet sich auch in der mykenischen Periode (SCHLIEMANN). In Italien ist der Flachsbau sehr alt, geht aber nicht in die vorarische Zeit zurück. HERODOT bezeichnet leinene Kleider als Luxus. Auch für Panzerhemden wurde Lein verarbeitet. Die Pfahlbauer der Steinzeit in Oberösterreich, Oberitalien und der Schweiz bauten Lein und zwar Linum angustifolium (HEER; die Schweizer Pfahlbauer bauten die perennierende Varietät). Auf der iberischen Halbinsel ist er zur Bronzezeit nachgewiesen. Die Indogermanen brachten wohl diese Art und ihre Kultur aus ihren Kleinasien und Thrakien benachbarten Stammsitzen mit (SCHRADER). Wann das L. angustifol. in Europa durch unseren heutigen Lein verdrängt wurde, ist unbekannt. Vielleicht geschah dies zu Anfang unserer Zeitrechnung (NEUWEILER). Zu PLINIUS Zeiten wurde letzterer jedenfalls schon gebaut. Neuerdings hat NEUWEILER die Ansicht zu begründen gesucht, daß der Pfahlbaulein eine Form von L. austriacum sei. «Wir haben es mit einer Varietät oder Rasse einer perennierenden Leinart (L. usitatiss. ist einjährig), die L. austriacum am nächsten stand, zu tun, aus der sich die jetzigen auch in Kultur vorkommenden perennierenden Leinarten, L. austriacum und L. perenne, entwickelt haben können. Als Stammform wird auch für diese Reihe (wie für L. usitatiss.) L. angustifol. anzunehmen sein» (NEUWEILER). Bei den germanischen Völkern lag die Leinkultur und Verarbeitung in den Händen der Frauen. Sie verzierten die Leingewebe mit Vorliebe mit roter Farbe. Und noch heute wird die Wäsche rot gezeichnet. Der Flachs ist die heilige Pflanze der FRIGGA, der Gemahlin ODINS und Schutzgöttin der Ehe. Ihr Katzengespann war mit Strängen blühenden Leins angeschirrt. Sie war Schirmerin der Flachsbearbeitung und wurde (unter dem Namen Frau Holle) als spinnende Frau dargestellt (RELING u. BOHNHORST). TACITUS erwähnt in der Germania (Kap. XVII) deutsche Leinwand. UNGER betrachtet (gestützt auf HERODOT) die sumpfigen Niederungen im Südwest-Kaukasus als das Vaterland des Lein; HOOPS Kleinasien und die Kaukasusländer als Heimat des Flachsbaues. Nach SCHRADER scheint der Flachs schon in der Heimat der Indogermanen Kulturpflanze gewesen und als solche bei dem Zuge nach dem Westen gebracht worden zu sein, denn die gemeinsame Grundwurzel aller Idiome der europäischen Indogermanen ist die Silbe li (s. oben), die sowohl Flachs wie Gewebe bedeutet.

In Abessynien dienen die Samen eines niedrigen Berglein seit undenklichen Zeiten mit Salz und Pfeffer zerrieben als Fastenspeise (BRAUN, SCHWEINFURTH). JOACHIM übersetzt an mehreren Stellen des Papyrus EBERS (I, S. 463) ein Wort mit Leinsamen, setzt aber ein Fragezeichen dazu. Wir wissen, daß sie die Ägypter wie die Assyrer besonders mit Honig (I, S. 480) viel als Arzneimittel benutzten. Und auch bei den alten Juden spielten Leinsamen (kasno?) und Leinsamensuppe (ḳaṣchā?) eine Rolle unter den sog. diätetischen Mitteln (I, S. 489). In der chinesischen Medizin scheint Lein (huma) keine große Rolle gespielt zu haben. Ich finde ihn z. B. im Pentsʿao kang mu nicht. Das gleiche gilt von der indischen Medizin, wo bei SUŠRUTAS der Name akasa für Linum steht (I, S. 506). Dagegen bediente sich HIPPOKRATES (I, S. 542) der Leinsamen gern — unter den Schleimmitteln des Corpus Hippocraticum steht λίνον obenan. — Die Sitte Leinsamen (sowie Mohn- und Sesam-Samen) auf das Brot zu streuen, die auch für den Norden bezeugt ist, erwähnt der lydische Dichter ALKMAN (670–640 n. Chr.). Der erste, der Schleim und Fett der Samen und ihre Anwendung bei Husten erwähnt, ist THEOPHRAST (Hist. plant. III, 18, 3: γλισχρότητα καὶ λίπος). DIOSKURIDES (II. cap. 125) vergleicht den Samen mit dem ebenfalls schleimigen Samen des Foenum graecum. Er nennt eine Menge Krankheiten, gegen die er innerliche oder äußerliche Anwendung (als Clysma und Sitzbad) der Leinsamen empfiehlt. PLINIUS bespricht im XIX. Buch eingehend die Leinkultur, die Faserbereitung (das Asbestinum Linum, der «unverbrennliche Lein» war aber Asbest) und die medizinische Anwendung der schleimigen Samen, bei der, wie es scheint, meist der Honig (und zur Verdeckung des faden Geschmackes auch Pfeffer, s. oben) mit im Spiele war — so z. B. auch bei CRESCENZI (I, S. 677). Geröstete Leinsamen erwähnt GALEN und Lini semen wie Farina seminis lini steht bereits in den Compositiones des SCRIBONIUS Largus (I, S. 577), der Leinsamen bei trockenem Husten zur Beförderung der Expectoration empfahl. CELSUS brauchte ihn mit süßem Wein gemischt bei Geschwüren im Halse, ANDROMACHUS bei Harnbeschwerden, MOSCHION bei Menstruationsstörungen in Form von Leindekokt-Bädern. Auch zu Speisen und Backwerken fand er im Altertum Verwendung (DIERBACH). Im Edikt DIOCLETIANS (I, S. 569) steht λινόσπερμον und auch ALEXANDER TRALLIANUS (I, S. 592) benutzte die Leinsamen oft (sie heißen bei ihm ebenso). Die Leinkultur erwähnen die römischen Landwirtschaftsschriftsteller (z. B. COLUMELLA). Die Griechen bauten λίνον, die Römer Linum. Alle Operationen der Erntebereitung der Flachsfaser finden wir schon bei den Römern, das Raufen (vellere), Rösten (macerare), Brechen (frangere), Hecheln (digerere). Bei IBN BAITHAR (I, S. 610) sind zahlreiche Krankheiten angeführt, bei denen Leinsamen anzuwenden ist. ELGÂFAKI vergleicht die schmerzstillende Wirkung mit der der Kamille. Auch Fumigationen und Leinsamenumschläge waren beliebt und der geröstete Same diente als Adstringens. Doch scheint das Mittelalter im allgemeinen die Leinsamen wenig beachtet zu haben (im Regimen sanitatis und der Flos medicinae (I, S. 629) sowie im Hortulus fehlt Linum), doch finden wir in der Alphita (I, S. 651) Lineolum (oleum de semine lini) und das Breviarium KARLS (I, S. 621, nicht das Capitulare, wie FLÜCKIGER angibt), die HILDEGARD (I, S. 670), die den Samen zu Kataplasmen empfiehlt, MEGENBERG und das Gothaer Arzneibuch (I, S. 680) gedenken des Leinsamen. Flachs steht auch im Zolltarif von Accon (I, S. 699) und dem von Messina (SELLA) und die Abtei Saint Germain des-Prés erhob im VIII. Jahrh. Leinsamen als Abgabe (I, S. 715). Die Wirkung der Leinsamen als Aphrodisiacum, die MATTHIOLI betont und die auch dem Volke bekannt ist, erwähnt schon DIOSKURIDES. Der Leinsamen dient noch jetzt zum Liebes- und Eheorakel (Vogtland, Österreich) und spielt auch bei den Hochzeitsbräuchen der Südslaven eine Rolle (KRAUSS). Wie ausgedehnt der Flachsbau im XVI. Jahrh. in Deutschland war, zeigt der Umstand, daß es in Augsburg damals 3500 Weber gab. Die Fugger verdanken ihren Reichtum zum Teil der Weberei. Ehemals wurde Leinsamendekokt (zusammen mit Bockhornsamen- und Altheeschleim) zur Bereitung des Empl. diachylon benutzt, das seinen Namen (= Pflaster mit Saft) daher hatte (PETERS). Das Emplastrum Diachylon des MESUË z. B. enthält in allen seinen verschiedenen Vorschriften (vgl. CORDUS Dispensatorium. I, S. 795) Mucilago seminis Lini.

«Die von den Alten nicht geübte Ölmalerei, welche sich wesentlich auf die Verdickungsfähigkeit der sog. trocknenden Öle stützt, mag einen weiteren Aufschwung der Wahrnehmung verdankt haben, daß jene Eigenschaft des Öles durch Besonnung noch mehr erhöht wird. Dieser Behandlung unterwarf man das Leinöl (ebenso wie Mohnöl und Rizinusöl) schon im IV. Jahrh. Das erstere wurde zum gleichen Zwecke vom X. Jahrh. an, wenn nicht schon früher, auch mit Bleioxyd gekocht (ILG). Solcher Firniß scheint wohl lange Zeit vorzüglich in Danzig bereitet worden zu sein; manche Taxen des XVI. Jahrh. nennen Vernisium Dantiscanum und aus VALERIUS Cordus (Annot. ad. Dioscor.) ist ersichtlich, daß damit Leinölfirniß gemeint ist» (FLÜCKIGER). Die ältesten Papiere (s. oben S. 256) sind Hadernpapiere. In den alten arabischen, d. h. islamitisch-orientalischen und auch in den ältesten europäischen Papieren spielt die Leinfaser die Hauptrolle. Sie tritt in den Papieren viel häufiger auf als Hanffaser (WIESNER).

Lit. HEER, Pfl. d. Pfahlbaut. 1865 u. Flachs u. Flachskultur im Alterthum. Zürich 1872. — UNGER, Bot Streifzüge auf d. Geb. d. Culturgesch. Sitzungsb. d. Wiener Akad. IV-VII. — WÖNIG, D. Pflanz. d. alt. Ägypt. 1886. — SCHWEINFURTH, Ber. d. d. bot. Ges. 1883 u. 1884. — KÖRNICKE, Bemerk. über d. Flachs d. heut. u. alt. Ägypt. Ber. d. d. bot. Ges. VI, 388. — THÄR, Altägyptische Landwirtsch. 1881. — BUSCHAN, Vorgeschichtl. Botan. 1895. Prähistor. Gewebe u. Gespinste 1889 und die Weberei der Vorzeit. Verh. d. Berl. Anthropol. Ges. 1889. — NEUWEILER, Prähist. Pflanzenreste Mitteleuropas. Zürich 1905. — A. BRAUN, Pflanzenreste aus altägypt. Gräbern. Zeitschr. f. Ethnolog. 1877. — SCHRADER, Sprachvergleichung und in HEHN, Kulturpflanz. u. Haust. — DE CANDOLLE, L’Orig. des plant. cultiv. — MASPERO, Hist. anc. d. peupl. de l’Orient 1878. — BLÜMNER, Technol. u. Terminolog. d. Gewerbe u. Künste bei Griechen und Römern 1875. — H. VOGEL, Über d. Culturgesch. d. Flachses u. seinen Kampf mit d. Baumwolle. Darmstadt 1869. — SELLA, Pandetta delle gabelle e dei diritti della curia di Messina Torino 1870 (Miscellanea di storia italiana t. X). — EARLE, Bot. and mat. med. of linseed. Pharm. Journ. 14 (1884), 979. — Sagen und Volksgebräuche in RELING und BOHNHORST, Unsere Pflanzen. 4. Aufl. 1904. — A. BRAUN, Flora 1848, 94. — SCHWEINFURTH, Petermanns Mitth. 1868, 168. — HILDEBRANDT, Zeitschr. f. Ethnologie. Berlin 1874, 327. — DIERBACH, Synopsis mat. med. — FLÜCKIGER, Pharmakognosie. — ILG, Von den Farben u. Künsten d. Römer in EITELBERGERS Quellenschr. f. Kunstgesch. u. Kunsttechn. d. Mittelalt. IV (1873). — JUL. WIESNER, Rohstoffe und Die mikroskop. Unters. d. Papiers. Mitt. aus d. Samml. d. Pap. Rainer 1887.

Paralleldrogen. Schleimepidermen besitzen auch die Samen von Linum perenne L., L. Levisii PURSH., L. austriacum L., L. angustifolium HUDS., L. maritimum L. und können (nach DRAGENDORFF) wie Linum usitatissimum gebraucht werden. In Vorderindien darf Sem. lini durch die Samen von Plantago ovata ersetzt werden (I, S. 22).

Sem. Cydoniae.

Syn. Quittensamen, Quittenkerne — in Tirol: Kittenbaum, in der Schweiz: Schmeckbirn, in Osnabrück: quie — coing (franz.) — quince (engl.) — kwee, quee (holl.) — cotogno (ital.) — membrillo (span.) — marmeleiro (port.) — birsalma (ung.) — κυδώνια (plur. n.-griech.) — armud, aiva (russ.) — bihí-danah (hind., bomb.) — shimai-dalavirai (tam.) — safarjal (arab.).

Etym. Quitte (früher [XI. Jahrh.] Quidde); mhd. quiten, kitten und küten (bei BRUNSCHWYG, BOCK, bei MEGENBERG, I, S. 693: kütenbaum); ahd. chutina (chotin, chutinbaum, chutinboum) von gemeinroman. cotônea (cottanum, bei PLINIUS: mala cotonea). Dies aus κυδώνεα (bei DIOSKURIDES: κυδώνια). Aus cotônea dann auch coing (franz. so z. B. im Inventar LEFORT [I, S. 805] 1439) und kwee (holl.). Die spätgriech. Namen bei LANGKAVEL, Botan. d. spät. Griech. Im Mittelalter: cedonia, citonium, coctanus, cotoneum, quotanum, im ital.: cotegra. — Im IX. Jahrh. auch coronopus (= Krähenfuß). Bei SERAPION und in der Alphita (I, S. 645): cithonia, mala citonia; bei ersterem auch: tuffa, suffargel. In den Sinonoma (I, S. 639): cottana, citonia. — Bei MEGENBERG heißen die Früchte: pirn küten, gemain küten. Bei der HILDEGARD (I, S. 670): Quitdenboum, quotanus — bei ALBERTUS MAGNUS (I, S. 674): coctanus, citonius. — In den mittelengl. Medizinbüchern (I, S. 684): quyns — im Gothaer Arzneibuch (I, S. 681): quede. «Die lateinische Form cotonea wird auf einer Vermischung mit Namen der Feige beruhen, die auch in dem kleinrussischen (und poln.) Namen für Quitte pigva hervortritt» (SCHRADER) — cottana waren kleine Feigen. — Von dem portugiesischen Worte für Quitte: marmeleiro (ordinario) ist das Wort marmelade abgeleitet.

Stammpflanze. Cydonia vulgaris PERSOON (Enchirid. II, 40) [Pirus (nicht Pyrus) Cydonia L., Cydonia Cydonia KARST., C. europaea SROI, Sorbus Cydonea CRANTZ], Quittenbaum, Cognassier, coigenassier.

Mit den Varietäten: var. maliformis MILL., Apfelquitte, apfelförmig, beiderseits genabelt, — var. oblonga MILL., Birnquitte, Quittenbirne, birnförmig, nur auf dem Scheitel genabelt (das malum strutheum CATOS). — var. lusitanica MED., portugiesische Quitte, sehr groß und gerippt und noch einigen anderen Sorten (vgl. MATAICU, Nomenclator pomolog. 1889).

Schon PLINIUS erwähnt fünf Sorten. COLUMELLA nennt struthia, chrysomelina und mustea. THEOPHRAST (Hist. plant. 2, 2. 5) unterscheidet zwischen der wilden (verwilderten) Quitte, κυδώνιος und der zahmen, die er στρούθιον nennt, eine Bezeichnung, die sich (neben στρουτόμηλον) ebenso bei den späteren Griechen und auch bei den Römern findet. Der Autor von MAKHZAN beschreibt drei Arten Quitten (Safayal): die süße, die saure und die säuerliche (arab. muzz) (Pharmacogr. ind.).

Systemat. Stellung. Rosaceae, Pomoideae — Pomariae — Eucydonia (FOCKE).

Beschreibung. Die Quitte ist meist ein kleiner Baum, der selten 3 m Höhe überschreitet, mit abstehenden dornenlosen Ästen, oft ohne einen eigentlichen Hauptstamm (das steht schon bei PLINIUS) und kurzgestielten, eiförmigen oder eilänglichen, ganzrandigen, alternierenden Blättern, die unterseits, ebenso wie die jungen Zweige und der Fruchtknoten zottig-graufilzig sind. Nebenblätter laubig, länglich, drüsig gesägt. Die einzeln terminal stehenden Blüten, die größer sind als die des Apfels und bis 7 cm Durchmesser erreichen, besitzen fünf oblonge, drüsig-gesägte, filzige, unterseits zottig behaarte Kelchblätter, fünf damit alternierende, rötlichweiße oder weiße und rötlich geaderte Kronenblätter, die eine gedrehte Knospenlage besitzen und 15–20 Stamina, die in drei Kreisen angeordnet sind — bei 20 Staubfäden ist der äußere Kreis zehnzählig und die beiden inneren sind je fünfzählig. Das Gynaeceum ist unterständig, die fünf Griffel sind frei. Die aufsteigenden anatropen Ovula liegen in zwei collateralen Reihen. Die goldgelbe, stark und eigentümlich lieblich riechende, herb und sauer schmeckende Frucht ist apfel- bzw. birnförmig (s. oben), von dem vergrößerten laubigen Kelch bekrönt [vielleicht rührt der Name Coronopus (s. oben) von den auf der Frucht sitzenbleibenden Kelchzipfeln her, FISCHER-BENZON], gelb oder grünlich-gelb — «quittegelb» ist im Sprachgebrauch eine besondere Nuance des Gelb —, oft noch stellenweise von einem leicht abreibbaren Filze bedeckt, den Resten der Behaarung des Fruchtknotens, daher spinnwebig filzig (MARTIAL vergleicht den Flaum auf der Wange eines Kindes mit diesem Flaume). Das Fruchtfleisch ist derb, hartfleischig, wenig saftig, sehr herbe und sauer. Das Kerngehäuse pergamentartig knorpelig. Das Kerngehäuse entsteht aus den fünf Carpellen, die mit dem Receptaculum verwachsen. Das Fruchtfleisch (Mesocarp) und die Schale (Exocarp) sind also Bildungen des Receptaculums, wie dies bei der Gruppe der Pomoideen stets der Fall ist. Die Frucht ist also eine Scheinfrucht vom Typus der Apfelfrucht. In der Mittelschicht der Frucht finden sich viele Sklereïdengruppen (Reste der Drupa), die sich zumal gegen das Gehäuse zu sehr eng zusammendrängen. Jedes der fünf Fächer umschließt einen Ballen von 6–15 (selten mehr) Samen (Fig. 112). Die Frucht bleibt auch zur Zeit der Reife hart. Die Quitte blüht im Mai oder Juni.

Die Quitte wächst wild im Kaukasus, in Transkaukasien (bis 1300 m), den kaspischen Provinzen Persiens, Talysch und Asterabad, in Armenien, Syrien und Kleinasien (ENGLER). Verwildert findet sie sich im ganzen Mittelmeergebiet. Für uns kommen jedoch nur kultivierte Quitten in Betracht. Die Quitte ist von ihrer ursprünglichen Heimat, den transkaukasischen, südkaspischen, ostiranischen, turanischen und südostarabischen Ländern über Persien und Syrien zunächst nach dem Mittelmeergebiet gebracht worden. In Kultur ist die Quitte jetzt im ganzen warmen und gemäßigten Europa, sowie in Afrika, in Ägypten, Tripolis, auf Teneriffa und am Cap. In Italien z. B. findet sie sich im Valle Pantena bei Verona, bei Marsano, Bologna und in Sardinien spontan und kultiviert (RAVASINI), doch trägt sie reicher im Süden. Ihre Früchte reifen noch in England, nicht mehr in Schottland (HANBURY), wohl aber in einigen Gegenden im Süden Schwedens und Norwegens (SCHÜBELER). Im Süden ist sie ein Baum, im Norden wird sie oft strauchartig. Nach Amerika ist sie wohl frühzeitig gebracht worden. Sie wächst (halb wild?) in Chile (PHILIPPI), Guatemala (SMITH), Mexiko und Florida und wird auch dort kultiviert. Die Kultur hat, wie es scheint, die Frucht der Quitte wenig verändert.

Lit. BOISSIER, Flor. orient. II, 656. — BAILLON, Hist. des plantes. Monogr. d. Rosac. — DECAISNE, Mem. sur la fam. d. Pomacées. — LUERSSEN, Medic. pharm. Botan. — MORGENTHALER, Beitr. z. Entwicklgesch. der Quitte, Dissert. Zürich 1897 (dort die Lit. über die Verbreitung). — DE CANDOLLE, L’origine d. plant. cult. — SCHÜBELER, Pflanzenw. Norwegens. — TSCHIRCH in Real-Enzyklopädie. — Abbild.: HAYNE, Arzneigew. IV, t. 47. — NEES VON ESENBECK, Pl. med. t. 305. — DODEL, Anatom. physiolog. Atlas (Blüte). — BERG, Charakteristik t. 63, f. 479. — BERG-SCHMIDT, Atlas I. Aufl. — PABST-KÖHLER, Medizinalpfl. t. 34. — BENTLEY-TRIMEN, Medicin. plants t. 106.

Pathologie. Über die Krankheiten der Quitte berichtet Prof. ED. FISCHER: In großer Zahl fallen in gewissen Jahren die jungen Quittenfrüchte der Sclerotinia Cydoniae SCHELLENB. zum Opfer. Das Mycel dieses Pilzes überwintert in den Zweigen, wächst dann im Frühjahr in die jungen Blätter, die gelbbraun bis schwarzbraun werden und absterben. Auf diesen erkrankten Blättern erscheint die sog. Moniliaform des Pilzes, welche durch mandelartigen Geruch wahrscheinlich Insekten anlockt, die diese Sporen auf die Narben der Quittenblüten übertragen. Hier findet die Keimung statt; die Keimschläuche wachsen durch den Griffelkanal in den Fruchtknoten. Dieser bleibt, statt zu einer normalen Frucht heranzuwachsen, klein, verwandelt sich in ein Sclerotium und fällt im Herbst ab. — Übrigens kann das Mycel auch direkt aus einem erkrankten Zweige in eine Blütenknospe hineinwachsen und diese zum Absterben bringen (s. H. C. SCHELLENBERG: Über die Sklerotienkrankheit der Quitte. Berichte der deutschen botan. Gesellschaft Band XVII, 1899). — Eine Fleckenkrankheit der Quittenfrüchte wird durch Trichoseptoria fructigena MAUBLANC hervorgerufen.

Über die tierischen Schädlinge berichtet ISRAËL: Die Feinde von Apfel-, Birn- und Quittenbaum lassen sich nicht trennen.

1. Käfer: Liopus nebulosus L.: Larven unter der Rinde von Obst- und Waldbäumen. Anobium striatum OL.: Die Larven dieses sehr gemeinen und in Möbeln und Gebälk sehr schädlichen Käfers lebt auch im Holze alter und kranker Obstbäume. Bostrychus dispar. FABR.: Larven im Splinte diverser Obstbäume. Die Larven der Bostrychiden veranlassen sowohl an Laub- als auch an Nadelhölzern die sog. Wurmtrocknis. Mehrere Eccoptagaster- und Magdalinusarten leben als Larven im Splinte von Pflaumen-, Apfel-, Birn- und Quittenbäumen. Auch in Kirschen und Schlehen usw. Otiorhymhusarten werden schädlich durch das Benagen junger Triebe. Häufig an Obstbäumen usw., auch an dem Weinstocke gelegentlich schädlich. Phyllobius calcaratus FABR., P. pyri L., P. argentatus L., P. oblongus L., Polydrususarten: Diese Grün- und Glanzrüsselkäfer werden gelegentlich lästig und schädlich durch das Benagen von Knospen, Blättern und krautartigen Stengelorganen der Obstbäume. Von den Rhynchitesarten (Rebenstecher) sind es ganz besonders Rh. cupreus L., bacchus L., alliariae L., aequatus L., aureus SCOP. und andere, die oft sehr lästig werden können. Die Larven leben entweder in den Früchten oder den jungen Trieben. Auch Anthonomusarten (Blütenstecher) treten gelegentlich schädlich auf. Die Larven fressen die Geschlechtsorgane der Blüten aus und verpuppen sich in den verdorrenden Blüten. Auch Apionarten (deren Larven meist in den reifenden Hülsen von Leguminosen leben) schaden als Käfer durch das Benagen der Knospen usw.

2. Falter. Papilio podalirius L.: Raupe an Apfel-, Birn-, Quitten-, Aprikosenbäumen, besonders an Schlehen und Pflaumen. Aporio crataegi L.: Raupe an Obstbäumen und Schlehen. Vanessa polychloros L.: Raupe an Ulmen, Apfel-, Birn- und Quittenbäumen, auch an Weichsel und Kirsche. Lycaena argiolus L.: Raupe an Rhamnus Frangula, Pirus communis, P. malus, Mespilus germanica. Smerinthus tiliae L.: Raupe an Linde, Eiche, Birke, Ulme, Maulbeere, seltener an Apfel, Quitte, Syringe. Smerinthus ocellata L.: Raupe an Weiden, Pappeln, Aspen, seltener an Apfel, Quitte, Birne. Zeuzera aesculi L., Cossus cossus L.: Raupen in Wald- und Obstbäumen. Cossus oft zahlreich in einem Stamme und denselben baldigst vernichtend. Die Raupen verraten sich oft durch den starken Geruch nach Holzessig. Zeuzera mehr im Holze der Zweige, gelegentlich auch in den Wurzeln, seltener im Stammholze. Saturnia pyri W. V., S. spini W. V.: Raupen hauptsächlich in Ungarn an diversen Obstbäumen, z. B. an Apfel, Birne, Quitte, Schlehe, Aprikose usw. Saturnia pavonia L.: Raupe ziemlich polyphag, auch an Obstbäumen. Ocneria dispar L., Aglia tau L.: Raupen an Wald- und Obstbäumen. Orgyia gonostigma F., Or. antiqua L., Dasychira pudibunda L., Porthesia chrysorrhoea L., P. similis FUSSLY, Psilura monacha L. und viele andere Spinner leben an diversen Laubhölzern, auch in Gärten oft mehr oder minder schädlich auftretend. Bombyxarten (namentlich crataegi, neustria, lanestris) und Lasiocampaarten (namentlich quercifolia) tun in Obstgärten oft enormen Schaden. Die in Nestern lebenden Raupen sind im ersten Frühjahre leicht zu finden. Man muß die Nester abschneiden und verbrennen. Wenn sich die Raupen erst über den ganzen Obstbaum verstreut haben, ist es meistens zu spät, um einen Kahlfraß zu verhüten.

Die Zahl der Eulen- und Spannerraupen, die unter andern auch an Obstbäumen leben, ist sehr groß, ohne daß man diese aber als Spezialfeinde ansehen könnte, da sie gegenüber den schädlichen Spinnern bedeutend weniger in Frage kommen.

Unter den Microlepidopteren überwiegen die Tortricineen und die Carpocapsen. Carpocapsa pomonana S. V. frißt die Kerngehäuse aus und ist in manchen Jahrgängen stellenweise so häufig, daß man kaum einen Apfel oder eine Birne oder Quittenfrucht findet, in der nicht eine Wicklerraupe gefressen hätte. Die Früchte fallen im Zustande einer Notreife oft vorzeitig ab.

3. Schnabelkerfe. Unter den Schnabelkerfen ist, von einigen lästigen Blatt- und Schildläusen (unter diesen befinden sich mehrere aus Amerika eingeschleppte Schädlinge) abgesehen, die Blutlaus, ein furchtbarer Zerstörer der Obstbäume. Die Stämme werden meist krebskrank. Das Kalken der Bäume ist wohl (obgleich es von den Behörden angeordnet wird) nicht so sehr zu empfehlen, da man an den weißen Stämmen neue Brutherde zu leicht übersieht. In neuerer Zeit hat sich das Anstreichen der Stämme mit Carbolineum (mit gleichen Teilen Wasser verdünnt) gut bewährt. Übrigens ist die Zahl der Blutlausvertilgungsmittel, die mehr oder minder gut sind, sehr groß. Auch Auflösungen von roher Schmierseife in Wasser sind zu empfehlen.

Als Schädlinge der getrockneten Früchte (Quittenschnitzel, Ringäpfel usw.) kommen neben verschiedenen Käfergattungen (Anobium, Ptinus usw.) von Microlepidopteren u. a. in Betracht:

Ephestia kuehniella Z. Diese jedenfalls aus Nordamerika eingeschleppte Phycitinaee lebt in Weizenmehl und vielen anderen amylumhaltigen Drogen, besonders lästig werdend durch die Gespinstfäden. Sie nimmt mit Vorliebe aber auch getrocknete Quittenschnitzel, Ringäpfel, Pflaumen und Eßkastanien an. Sie scheint sich in den letzten Jahrzehnten sehr ausgebreitet zu haben. Ephestia calidella GR., E. figulilella GREGS., E. afflatella MN., E. cautella WLK., E. elutella HB., Pyralis farinalis L.: Die spinnenden Räupchen leben gerne (oft in sehr großer Anzahl) in allen möglichen getrockneten Früchten und stärkehaltigen Samen, besonders gerne in Feigen, Datteln, Johannisbrot, Mehlvorräten usw., auch in Pflaumen, Quittenschnitzeln, Ringäpfeln.

In der Droge findet sich oft Sitodrepa panicea (I, S. 379).

Handel. Sem. Cydoniae kommen in den Handel aus Südrußland (Krim), Spanien, Portugal, Südfrankreich, Teneriffa, Capland. Die russischen Samen sind voller, fester zusammenhängend, von fast violettschwarzer Farbe und reich an Schleim (FLÜCKIGER). Sie erzielen jetzt die höchsten Preise. Indien, das viel verbraucht, bezieht Sem. Cydon. (vermutlich seit undenklichen Zeiten, FLÜCKIGER) vom persischen Golf sowie auch aus Afghanistan, Kabul, Bokhara, Kaschmir.

Als russische Quittenkerne kommt in den letzten Jahren in der Hauptsache persische Ware in den Handel, die sowohl von den russischen Stapelplätzen wie auch über London und Hamburg zugeführt wird. Als sog. spanische (rötliche) Quittenkerne rangieren die spanischen, französischen und Kap-Sorten, welch letztere meist über London kommen (CAESAR & LORETZ).

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 112.

Cydonia vulgaris

L.

Isolierter Same. a und b Samenballen eines Faches: a von außen, b von innen.

[

Tschirch.

]

Morphologie der Droge. Die Samen eines Faches sind für gewöhnlich um eine kurze Mittellinie in zwei Vertikalreihen orientiert und durch den Schleim zu einem ziemlich regelmäßigen Ballen verklebt (Fig. 112), so daß sie auch noch in der Droge oft zu mehreren zusammenhängen. Sie sind hart, rotbraun, mit einem Ton ins Violette, durch den eingetrockneten, bisweilen abschilfernden Schleim matt weißlich, spitz-eiförmig, halbherz- oder keilförmig, durch gegenseitigen Druck unregelmäßig-kantig, oft miteinander verzahnt. Der helle Nabel (Hilum) liegt am spitzen Ende, von ihm läuft die Raphe als ein scharfer, gerader Kiel zu der als erhöht-gerandeter Fleck seitlich hervortretenden Chalaza. Der der Raphe gegenüberliegende Rand beschreibt eine seichte Kurve (Fig. 112). Die Samen sind frisch etwa 8 mm lang, 4 mm breit und 2 mm dick und wiegen etwa 0,052 g; trocken messen sie etwa 7 mm (nicht über 10 mm) und wiegen im Durchschnitt 0,029 g (MORGENTHALER). Die Samen schmecken zuerst schleimig, ist die Schleimschicht entfernt herb-adstringierend, beim Zerkauen tritt schwacher Bittermandelgeschmack hervor. Legt man die Samen in Wasser, so umgeben sie sich mit einer Schleimhülle, schüttelt man sie mit Wasser — am besten unter Zusatz von einigen Glasperlen —, so löst sich die Schleimepidermis von der Schale ab und man erhält einen zähen Schleim. Der Embryo besteht aus zwei dicken plankonvexen, ölig-fleischigen, deutlich geaderten, wellenförmig zusammengelegten Cotyledonen und einer kleinen und kurzen, gegen das Hilum gerichteten geraden Radicula.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 113.

Cydonia vulgaris

L.

Querschnitt durch die Randschicht des Samens an der Stelle, wo das Raphebündel liegt.

Sep

Schleimepidermis, in einigen Zellen kleine Stärkekörnchen. P Pigment- (Hart-)Schicht.

NS

Nährschicht.

Psp

Perispermrest.

End

Endosperm.

Qu

Quellschicht.

[

Tschirch.

]

Anatomie. Der trockene Same ist mit einer hellen derben, abschilfernden Schicht bedeckt, die unter Glycerin betrachtet keine Struktur erkennen läßt, aber im polarisierten Lichte glänzt. Läßt man zu dem in Glycerin liegenden Querschnitte langsam Wasser zufließen, so quillt diese Schicht mächtig (bis 0,170 mm) und nunmehr tritt die Struktur deutlich hervor. Es zeigt sich, daß sie aus einer Reihe prismatischer Zellen besteht, die deutlich geschichtete Schleimmembranen (Fig. 113, Sep) und auf der Innenseite ein kleines, etwas Plasma und oft noch kleine Stärkekörner enthaltendes Lumen besitzt. Die Schleimmembran, die sich mit Jodschwefelsäure blau färbt (KÜTZING, CRAMER), also zu den Zelluloseschleimen (TSCHIRCHS) gehört, ist aber so empfindlich gegen Wasser, daß sie rasch ihre Struktur verliert und sich in dem umgebenden Wasser verteilt. Der Schleim wird durch Hämatoxylin prächtig violett, durch Jod gelb bis rosa, bei viel Reagens rot bis braunrot. Diese große Schleimepidermis der Samen ist sehr charakteristisch für Cydonia, besonders zum Unterschiede von Pirus (doch haben die Samen von Pirus lomonii auch eine solche, DUTAILLY). Bisweilen unterbleibt in einzelnen Zellen die Schleimbildung, diese erscheinen dann seitlich zusammengedrückt. Die kappenförmige Ablagerung der Schleimschichten beginnt erst ziemlich spät (im August) an der Innenseite der Außenwand der Epidermiszellen und schreitet dann rasch bis zum Grunde fort (FRANK, LUERSSEN). Auf die Schleimepidermis folgt eine mehrreihige, an den Ecken dickere, an den Flächen schmälere, hier meist nur 3–4reihige, derbe Pigmentschicht (Fig. 113, P), die zugleich die Hartschicht bildet, deren verdickte, in der Längsrichtung des Samens gestreckte Zellen einen braunen Phlobaphenklumpen enthalten, der sich mit Eisensalzen färbt und deren Wand gegen Schwefelsäure resistent ist. Dann folgt die Nährschicht (Fig. 113, NS). Sie ist entweder ganz obliteriert (zum Teil sogar resorbiert), so an vielen Stellen an der Fläche des Samens oder es ist ihre äußere Zellreihe, oder — an den Kanten — mehrere Reihen erhalten. In ihr verläuft das Raphebündel (Fig. 113). Die Wände der Nährschicht sind gebräunt. Beim ganz jungen Samen besitzt die Nährschicht eine große Mächtigkeit und enthält, wie auch die junge Pigmentschicht und die Epidermis, reichlich transitorische Stärke. Bis hierher reicht die Samenschale. Dann folgt eine obliterierte Zone, die zu äußerst von einer Zellreihe begrenzt wird, deren dicke Außenwände gelbgefärbt sind. Wir dürfen die Zone wohl als einen Perispermrest betrachten (MORGENTHALER). An ihn schließt sich das mehrreihige Endosperm, das zu innerst von einer obliterierten Schicht begrenzt wird (Quellgewebe, TSCHIRCH und HIRSCH). Die Hauptmasse des Samens bilden die dickfleischigen Cotyledonen, deren Palissadenschicht deutlich ausgebildet ist und die so orientiert ist, daß die Palissadenseiten aufeinander liegen. Das Mesophyll ist von Procambiumsträngen durchzogen. Endosperm und Cotyledonen sind mit Aleuronkörnern erfüllt, die in Ölplasma (TSCHIRCH) eingebettet sind und von denen die größeren, wenigstens in Cotyledonen und Endosperm, neben Globoiden auch meist ein oder mehrere Kristalloide enthalten. Die größten Aleuronkörner (bis 28 mik) finden sich im Endosperm, die in den Cotyledonen sind etwas kleiner (bis 15 mik), die der Radicula sind am kleinsten (bis 7 mik, MORGENTHALER).

Lit. KÜTZING, Grundz. d. philos. Bot. t. 4. Fig. 4. — CRAMER a. a. O. (1855). t. 22. Fig. 3 u. 4. — HOFMEISTER, Ber. d. Sächs. Ges. d. Wiss. 1858. — FRANK a. a. O. — A. MICHELIS, Zur Anatom. schleimhalt. Samensch. Progr. d. städt. Realschule Königsberg 1877 (m. Abbild.). — TSCHIRCH, Artikel Cydonia in Realenzyklop. d. Pharm. — HIRSCH, Einricht. behufs Überführ. d. Reservestoffe in d. Embryo. Dissert. Erlangen 1890. — FLÜCKIGER, Pharmakognosie. — J. MORGENTHALER, Beitr. z. Entwicklungsgesch. d. Quitte. Diss. Zürich 1897 (dort auch die Keimungsgeschichte). — MARLOTH, Mechan. Schutzmitt. d. Samen. Engl. bot. Jahrb. IV, 236. — DUTAILLY, Un pirus à graines mucilagineuses. Bull. soc. Linn. 1898. — Nährschicht: HOLFERT, Flora 1890 (MORGENTHALER bringt Nährschicht und Nährgewebe durcheinander). — Anatom. Abbild. in OUDEMANS Atlas (1854). — BERG, Anatom. Atlas t. 46. — TSCHIRCH, Angew. Anatomie Fig. 36 u. 196. — HÉRAIL-BONNET, Manipulat. t. 35. — PLANCHON-COLLIN, Drog. simpl. 1896. — Anatom. Abbild., die Pektinbildung in der Fruchtschale der Quitte betr., in ROSENBERG, Über d. Pektinmetamorphose. Diss. Bern 1908 (mit 9 Taf.). Vgl. auch TSCHIRCH, Pektin u. Protopektin. Ber. d. pharm. Ges. 1907.

Chemie. Die Samen enthalten so viel Schleim (Cydonin, PEREIRA), daß sie das Vierzigfache ihres Gewichtes Wasser aufzunehmen imstande sind. Sie liefern denn auch c. 20% (lufttrockenen) Schleim (FLÜCKIGER). Der Rohschleim enthält viel Kalk und Eiweißsubstanzen — oft 10,4% Asche (SCHMIDT). Der Schleim bildet eine kolloidale Lösung. TOLLENS und KIRCHNER (1874) lösen zur Reinigung in Wasser, filtrieren, dampfen ein, versetzen mit Salzsäure und fällen mit Alkohol; getrocknet quillt er, wird aber erst auf Kalizusatz gallertig. Sie geben ihm die Formel C18H28O14 (= 3(C6H10O5) − H2O), SCHMIDT: C6H10O5, MULDER: C24H38O19.(= 4(C6H10O5) − H2O). Die geringere Menge H2O erklären KIRCHNER und TOLLENS durch Esterbindung im Molekül. Der Cydoniaschleim ist unlöslich in Alkalien und verd. Säuren, wird mit Jodschwefelsäure blau und gibt mit Salpetersäure Oxalsäure, nicht Schleimsäure (CRAMER, FRANK), enthält also kein Galaktan, ebenso liefert er hierbei keine bemerkenswerten Mengen Zuckersäure, enthält also auch kein Dextran (?). Er wird nicht durch Borax verdickt. Der lösliche Teil wird durch Alkohol und Metallsalze niedergeschlagen, ebenso durch Alkaloide. Gerbsäure verändert nicht, Kreosotwasser fällt nicht (Unterschied von Gummi- und Kirschgummischleim, REICHENBACH), Bleizucker fällt flockig (Unterschied von Acacien- und Carrageenschleim). Er läßt sich mit Natriumsulfat (FLÜCKIGER) und Ammonsulfat (POHL) aussalzen. Mit kaltem Wasser bilden Quittensamen eine sehr zähe Flüssigkeit, welche durch Filtrieren in dünnere und dickere Anteile sich trennen läßt (TOLLENS). Durch Erwärmen mit verdünnten Säuren wird Quittenschleim dünnflüssig und es scheiden sich c. 34% einer wie Zellulose reagierenden Substanz (auf der die Zellulosereaktion des Schleimes beruht) flockig ab. Das Filtrat enthält ein Gummi und einen rechtsdrehenden Zucker, der Arabinose oder Xylose zu sein scheint (TOLLENS). Vielleicht entsteht hierbei auch etwas Traubenzucker (BAUER und TOLLENS) bei der Destillation mit verd. Schwefelsäure entsteht Furfurol. Im Quittenschleim sind also (wie im Schleime von Plantago Psyllium) Pentosane enthalten (Araban und Xylan oder ein verwandter Stoff, GANS und TOLLENS). Der Cydoniaschleim hat viel Ähnlichkeit mit dem Traganthschleim. Vor der Reife enthält der Same in der Samenschale Stärke, Spuren finden sich auch bisweilen im reifen Samen (s. oben und Fig. 113 rechts).

Quittensamen liefern (ebenso wie die Rinde und die jungen, frischen Triebe) bei der Destillation mit Wasser ein blausäurehaltiges Destillat (STOCKMANN). Die Samen enthalten, neben Emulsin, nur wenig (0,4%) Amygdalin (JOUCK, LEHMANN gibt 1,2–1,5% an), das vollständig mit dem der Mandeln übereinstimmt. WICKE gab bereits 1851 an, daß das Amygdalin in vielen Pomaceen und Pruneen (Malus, Sorbus, Amelanchier, Cotoneaster, Crataegus, Cydonia, Eryobotrya, Prunus) vorkomme, hatte aber reines Quittenamygdalin nicht in Händen. Die Samen enthalten in der Samenschale eine gerbstoffartige Substanz und im Samenkern 15% Öl (BRAND). Das Öl der Samen enthält als Hauptbestandteil Myristicinsäure, C14H28O2, dann eine mit Isopentadecylsäure isomere und eine ungesättigte, flüssige Säure, C18H34O2 (= C17H32OH.COOH), sowie 4,1% Glycerin (R. HERRMANN). HAUKE gibt die Asche der Samen zu 4,45% an, WARNECKE zu 3,55%. Die Asche ist reich an Phosphorsäure (42%, SOUCHAY).

Lit. Schleim: PEREIRA, Heilmittellehre (dort Reaktionen des Schleims). — BOSTOCK, Nichols. Journ. VIII, 31. — C. SCHMIDT, Lieb. Ann. 51, 29. — KIRCHNER u. TOLLENS, Lieb. Ann. 175. — MULDER, Journ. pr. Chem. 37. — FRANK, Pringsh. Jahrb. 5 u. Journ. pr. Chem. 95. — FLÜCKIGER-HANBURY, Pharmacographia. — FLÜCKIGER, Pharmakognosie. — GANS und TOLLENS, Lieb. Ann. 249 (1889), 245. — SCHULZE u. TOLLENS, Ebenda 271 (1890). — TOLLENS, Kurz. Handb. d. Kohlenhydr. 2. Aufl. 1898. — POHL, Zeitschr. phys. Chem. 14 (1890), 151. — Blausäure: W. WICKE, Lieb. Ann. 79 (1851) und 81 (1852). — JOUCK, Beitr. z. Kenntn. d. Blaus. abspalt. Glycos. Diss. Straßb. 1902. — E. LEHMANN, Beitr. z. vergl. Unters. über Vork. u. Verbreit. d. Amygdalins usw. Pharm. Zeitschr. f. Rußland 1895, 352. — Öl: R. HERRMANN, Über d. fette Öl d. Quittens. Arch. Pharm. 237 (1899), 358. — Asche: HAUKE, Zeitschr. österr. Apoth. Ver. 1902. — SOUCHAY, Jahresb. d. Ph. 1845, 66.

Quittensaft enthält nach TROUCHON und CLAUDE g in 100 ccm: Invertzucker 7,59, Gesamtsäure auf Weinsäure berechnet 0,96, durch Alkohol fällbare Stoffe 0,46, Asche 0,42. Quitten enthalten keine Saccharose, wohl aber Weinsäure. Nach RIEKHER soll neben Zucker, Pektin und Gummi 3,5% Apfelsäure darin vorkommen. LANCASTER erhielt 1,6 g Bleimalat aus 453 g Frucht. Die Säuren der Quitte bedürfen einer erneuten Untersuchung. WÖHLER erhielt bei der Destillation reifer Quitten mit Wasser einen Oenanthäther, R. WAGNER hält jedoch das Arom für Pelargonsäureäthylester. Künstliche Quittenessenz besteht aus Äthylpelargonat. Das Pektin der Quittenfracht ist stark rechtsdrehend (αD = +188,2) und enthält ein Galaktoaraban. Es gibt bei der Hydrolyse Arabinose und mit Salpetersäure Schleimsäure. Der Pentosangehalt der wilden Quitte beträgt 3,23, der der Kulturquitte 1,78% der Trockensubstanz (WITTMANN).

Lit. WÖHLER, Lieb. Ann. 41, 239. — LANCASTER, Am. journ. pharm. 31, 198. — TRUCHON et CLAUDE, Journ. pharm. chim. 13 (1901), 171. — JAVILLIER, Ebenda 9 (1899), 513. — KÖNIG, Nahrungs- u. Genußm. — Über das Pektin der Frucht vgl. oben S. 280 unter Pektino-Membranine.

Anwendung. In der Volksmedizin (als Aphrodisiacum, zur Erzeugung kluger Kinder) und im Volksaberglauben (Liebeszauber) spielt die Quitte von jeher eine (allerdings beschränkte) Rolle. Die Nützlichkeit der Quitte schildert schon der alte Vers:

Auch die rauhen Quitten hegen zum vergnügen unsrer Brust wenn wir ihr gewächs erwägen nahrung, kühlung, nutz und lust (BROCKES).

«Quittenkern in Rosenwasser geweicht geben ein glattes feines sälblein zu allerhand brand und breune der zungen, darmit bestrichen», steht in BOCKS Kräuterbuch. Unter den schleimigen Mitteln des HIPPOKRATES steht Cydonia (κυδωνέα). Er benutzte also wohl schon die Samen. Nach MATTHIOLI war Quittensamen in Spanien Antidot gegen Helleborus. Auch bei ATHENAEUS (Deipnosophist. III, 21) wird die Quitte als Gegengift genannt. Quittensamen sind seit langer Zeit ein Bestandteil der chinesischen Materia medica. Die Benutzung ihres Schleims scheint vornehmlich von den Arabern ausgegangen zu sein. Doch ist die Benutzung der schleimigen Samen wohl ein auf die hochasiatische Heimat des Baumes zurückzuführender Brauch (FLÜCKIGER). In Turkestan hat sie noch jetzt beträchtliche Ausdehnung. In dem Liber fundamentorum des ABU MANSUR MUWAFFAK (X. Jahrh.) wird die Benutzung des Samen der Safardschal bei Husten erwähnt. Im Altertum war ein fettes Quittenöl (durch Enfleurage oder Maceration der Früchte mit Öl bereitet) als Arzneimittel beliebt (DIOSKURIDES). Auch MESUË kennt ein zunächst durch Maceration, dann durch Auskochen mit Öl bereitetes Ol. Cydoniorum, das dann CORDUS, der ja vielfach noch auf MESUË fußt, in sein Dispensatorium aufgenommen hat. DIOSKURIDES nennt eine Menge Krankheiten, bei denen Quittenfrüchte innerlich und äußerlich anzuwenden sind. Man bereitete aus ihnen einen Wein und ein κυδωνόμελι sowie sog. Honigäpfel (melimela). In dem von CORDUS aufgenommenen Syrupus de Absinthio maior des MESUË findet sich Succus Cydoniorum. In der Pharmacia simplicium des CORBEIUS (1656) werden eine Menge Krankheiten genannt, die durch Quitten zu heilen sind. In Indien, wo der Same Handelsartikel ist, ist er außerordentlich beliebt in der Volksmedizin. Der Schleim wird bei Husten und Darmleiden benutzt, äußerlich bei Verbrennungen der Haut. Bei den Arabern sind auch Blätter, Blüten und Rinde des Baumes Hausmittel. Die persischen Karabádins (Grabadins [I, S. 599], d. h. Pharmakopoëen) kannten Konserven aus Frucht und Blüte (Pharmac. indica). GEIGER führte (Handb. d. Pharm. 1830) folgende Quittenpräparate an: Saft, Sirup, Mus (Roob, Pulpa), Marmelade, Quittenbrod (conditum s. panis c.), Extr. und Tinct. ferri cydon. und Mucilago sem., endlich Quittenliqueur und Quittenwein. Die Poma Cydoniorum (Cydonia exsiccata), das Extr. ferri cydoniati, der Syr. Cydoniorum (nach Art des Kirschsaftes dargestellt) und der frische Quittensaft sind noch jetzt, besonders in Frankreich und Österreich, beliebt. Der Schleim wird noch heute bei Hautleiden und oft auch als Zusatz von Augenwässern benutzt. Er findet auch in der Zeugdruckerei Anwendung. Eine Abkochung der Samen dient in Indien als Tonicum und Antidyssentericum (DYMOCK, Dict. econ. prod. u. and.).

Verfälschungen. Als solche werden besonders die Samen der Birne und des Apfels genannt. In der Form sind sie ähnlich, aber gerundet, niemals unregelmäßig abgeplattet, da sie in dem Fruchtfache isoliert oder zu zweit liegen und daher auch niemals miteinander verklebt sind. Sie umgeben sich auch in Wasser nicht mit einer breiten Schleimhülle, sind sehr wenig schleimig und glänzend dunkelbraun. Ihre Schleimepidermis ist sehr schmal, die Zellen sind kaum radial gestreckt.

Rosinenkerne besitzen eine ganz andere Form und sind leicht kenntlich. HAGER gibt als Verfälschung (bis 50%) «die Schale einer Frucht von brauner Farbe oder braun gefärbt und schwach weißlich bestäubt» an. Neuerdings sind in Amerika kleine Fragmente getrockneter Quittenfrüchte als Verfälschung beobachtet worden.

Geschichte. Die goldenen Äpfel (χρύσεα μῆλα, χρυσομήλα) der Hesperiden und der Atalante, «der der Aphrodite geweihte, in Mädchen- und Liebesspielen aller Art und zu bräutlichen Gaben dienende Apfel» (HEHN), der Apfel des Paris, der Erisapfel, das alles waren wohl «idealisierte» Quitten. Auf die Angabe in des BEN SIRA Alphabet (XI. Jahrh.), daß der Garten NEBUKADNEZARS auch Quittenbäume enthalten habe, ist nichts zu geben, obwohl die Pflanzenliste älter ist (LÖW). Dem semitisch-ägyptischen Kulturkreise scheint die Quitte in älterer Zeit fremd geblieben zu sein (SCHRADER). In der Bibel fehlt die Quitte (bei dem goldenen Apfel in den Sprüchen handelt es sich vielleicht nicht einmal um eine Frucht, sondern nur um ein Ornament) und das Althebräische hat keinen Namen für Quitte, erst im Aramäischen finden wir einen solchen, nämlich ỉspargᵉlîn (LÖW). Da die Griechen die Quitte μήλον κυδώνιον, d. h. Apfel von Κύδων (untergegangene Stadt, wahrscheinlich unweit des heutigen Canea auf Creta) nannten, erhielten sie sie wohl von Creta, wo sie entweder ursprünglich zu Hause oder frühzeitig aus Kleinasien eingeführt war. ISIDOR bemerkt im Etymologicon: «Malus Cydonia nomen sumpsit ab oppido, quod est in insula Creta, de qua dicere solent, urbium Cretensium matrem Cydoniam, ex cuius pomo Cydonitum conficitur» — auch der Talmud spricht von kretensischen Äpfeln. Jedenfalls wurde sie in Creta, dem Eldorado der Arzneipflanzenkultur des Altertums, besonders eben bei Κύδων (κυδώνεια — κυδώνιος = kretisch) in großem Umfange kultiviert. (Jetzt fehlt sie auf Creta). Die Griechen lernten sie schon in sehr früher Zeit kennen, denn sowohl der Dichter ALKMAN (650 n. Chr.), wie der Italiot IBYCUS (VI. Jahrh. n. Chr.), wie der Sikuler STESICHOROS (c. 550 n. Chr.) erwähnen die Quitte aus Lydien bzw. aus Rhegium und Sizilien (bei ALKMAN heißt sie κοδύμαλον). Die Kulturquitte muß also schon im VII. Jahrh. den griechischen Kolonisten in Kleinasien, Sizilien und Unteritalien bekannt gewesen sein (HOOPS). Die Quitte war wegen ihres Duftes und ihrer zahlreichen Samen bei den Griechen Symbol der Schönheit, Liebe und Fruchtbarkeit und der Aphrodite heilig. SOLONS Gesetz verordnete, daß die Braut, ehe sie sich ins Brautgemach begab, eine Quitte essen mußte, um sich unter den Schutz der Aphrodite zu stellen (PLUTARCH). Und auch bei den Deutschen wurde sie später Sinnbild der Fruchtbarkeit und einer glücklichen Ehe (AIGREMONT). Bei den Liebes- und Hochzeitssitten spielt sie in den Balkanstaaten, Dalmatien und Siebenbürgen noch jetzt eine Rolle. Auch zu den Römern kam die duftige Quitte, die sie malum cotoneum (m. aureum) nannten, frühzeitig und spielte bei ihnen im Kultus und Volksleben eine große Rolle. PLINIUS, der eine Menge Krankheiten nennt, die die Quitte heilt, sagt, man bewahre sie wegen ihres Duftes in den Besuchszimmern auf und das ist heute noch Sitte in Italien. Zur Zeit GALENS kam spanische Marmelade (= Quittengelee, s. oben) nach Rom. Das malum cydonium, findet sich im Edikt DIOCLETIANS (s. oben) und alle Scriptores rei rusticae von CATO bis PALLADIUS (I, S. 574) widmen ihr ihre Aufmerksamkeit. Wir finden sie denn auch auf den pompejanischen Wandgemälden (I, 575) und auf den Wandbildern der Villa Livia in Primaporta (MÖLLER, D. Bot. in d. Fresk. d. Villa d. Livia. Mitt. d. kais. Archäolog. Inst. Rom 1890). Cydonia mala stehen auch bei SCRIBONIUS LARGUS (I, S. 577) und werden bei ATHENAEOS NAUCRATITES (III. Jahrh. I, 574) erwähnt. Die Römer brachten sie dann mit den übrigen Obstbäumen nach den nördlichen Provinzen des Reiches. Doch fehlt es an alten Funden daselbst, obwohl die Samen nicht vergänglicher sind als die des Apfels. «Der althd. Name kutina, dem wahrscheinlich eine lateinische Form cudonia oder codonea = germ, kudinjō (?) zugrunde liegt, deutet wegen der Verschiebung von d zu t auf Entlehnung in den ersten Jahrhunderten» (HOOPS). Den Angelsachsen scheint die Quitte erst auf britannischem Boden bekannt geworden zu sein. Sie wird bereits im Corpus-Glossar erwähnt. Nördlich der Alpen wird sie sich dann wohl besonders durch die Benediktiner (I, S. 619) eingebürgert haben. Wir finden die cotonarios im Capitulare KARLS (I, S. 620) und dem Breviarium, im St. Galler Klosterplan (hier als: guduniarius I, S. 622), bei der HILDEGARD, ALBERTUS MAGNUS und in dem Opus ruralium des CRESCENZI (I, S. 678). Auch die spanische Landwirtschaft kennt sie. Im Kalender des HARIB (I, S. 612) steht beim September: apparent citonia. Die Zeit der Einführung der Quitte nach England läßt sich nicht mehr feststellen. Gebackene Quitten werden (nach HANBURY) 1466 gelegentlich der Installation des Erzbischofs von York, NEVILL, erwähnt (LELAND, De reb. brit. collectan. VI [1774] 5). Die Semina cytoniorum wurden von MESUË für viele Sirupe, wie den Syrupus de Prassio, den Syr. de Jujubis, den Syr. violarum und Syr. de Hyssopo benutzt, die alle CORDUS in sein Dispensatorium (I, S. 795) aufgenommen hat. In dem Empl. diachylon aber, das in seinen verschiedenen Vorschriften (bei MESUË und CORDUS) alle möglichen Schleime (von Linum, Psyllium, Althaea, Malvawurzel, Fenum graecum, Ficus, Passulae (!), Ulmusrinde) enthält, fehlt der Cydoniaschleim. BOCK empfiehlt die Samen mit Rosenwasser ausgezogen bei Bräune. Im Frankfurter Catalogus von 1582 steht: Cydonia mala de Bengala condita, eine frembde Art der eyngemachten Kütten aus India — was darauf deutet, daß auch eingemachte indische Quitten damals in Benutzung waren — in der Taxe von Eßlingen 1571 (I, S. 816): Sem. citoniorum. Auch in der BERLU-Liste (1724, vgl. I, S. 951) stehen Sem. cydon.

Lit. HANBURY, Pharmacogr. — FLÜCKIGER, Pharmakogn. — Pharmac. indic. — HEHN, Culturpfl. — KOCH, Bäume u. Sträucher d. alt. Griechenl. 1879. — STESICHOROS in Poetae lyrici graec. ed. Bergk. — LÖW, Aramäische Pflanzennamen. — DE CANDOLLE, L’origine des pl. cult.

Semen Psyllii.

von Plantago Psyllium L., die Flohsamen (bei den Griechen: Kynops, Psyllion, Buprestis, bei den Römern: Pulicaria) sind medizinisch kaum noch in Anwendung. Der auch hier als Schleimepidermis auf der Samenschale vorkommende Schleim (Xylin, BAUER) soll der Formel C36H58O29 entsprechen. Analyse auch bei SCHMIDT (Lieb. Ann. 51). Er liefert bei der Hydrolyse mit 1,5% Schwefelsäure neben Zellulose [KIRCHNER und TOLLENS, Lieb. Ann. 175 (1875), 205]. bis 108,3% Glukosen, mit Salpetersäure aber keine oder nur sehr wenig Schleimsäure (BRACONNOT). Flohsamenschleim wird wie Leinsamenschleim in der Zeugdruckerei, in der Buntpapierfabrikation, als Appreturmittel für verschiedenartige Stoffe verwendet (VALENTA).

Auch die in Indien in hohem Ansehn stehenden Ispaghúl-Samen oder Spogel seeds (arab. bazre qatúná) von Plantago decumbens FORK. (P. Ispaghula ROXB.), die sich sogar in der Pharmakopoea indica (1868) fanden, enthalten eine Schleimepidermis auf der Samenschale (vgl. FLÜCKIGER-HANBURY, Pharmacographia p. 490).

2. Schleimendosperme.

Samen mit Schleimendosperm, wie ich 1888 in der Angewandten Anatomie diese Gruppe von Nährgeweben genannt hatte, finden wir besonders bei den Leguminosen (Trigonella, Ceratonia, Gymnocladus, Cassia, Schizolobium, Gleditschia, Tetragonolobus, Indigofera, Medicago, Trifolium, Colutea, Genista). Es handelt sich hier nicht, wie HABERLANDT meinte, um «Quellschichten» oder «innere Quellapparate», sondern um Reservebehälter. Denn, wie Versuche, die ich mit NADELMANN 1889 angestellt habe, gezeigt haben, wird der Schleim, der hier ebenfalls in Form sekundärer Membranverdickungsschichten auftritt, und zwar für gewöhnlich schon als solcher angelegt wird, bei der Keimung gelöst. Dadurch treten diese Endosperme an die Seite der Endosperme bei denen Reservezellulose als Reservestoff auftritt (Palmensamen), mit denen sie durch mancherlei Übergänge (z. B. die Samen der Strychnaceen) verbunden sind, und wir werden auch chemisch mancherlei Beziehungen zwischen diesen beiden Gruppen finden. Ich habe denn auch oben im Kapitel Reservezelluloso-Membranine die Leguminosensamen mit erwähnt. BOURQUELOT und seine Mitarbeiter fanden in der ganzen Gruppe der «Albumens cornés» (vornehmlich der Leguminosen) Mannogalaktane (Galaktine, MÜNTZ), d. h. sie erhielten bei der Hydrolyse der Endosperme Mannose und Galaktose. So erhielten BOURQUELOT und HÉRISSEY z. B. bei der Hydrolyse des Schleimendosperms von Ceratonia Siliqua (S. 145) einen reduzierenden Zucker, aus dem sie 72,56% Mannose und 20,37% Galaktose in kristallinischer Form isolierten; in dem Hydrolysezucker des Luzernenendosperms war 51,38% Mannose und 49,49% Galaktose, in dem der Strychnossamen 11,02% Mannose und 35,45% Galaktose enthalten und die gleichen Zucker erhielt GORET bei Gleditschia, Medicago, Melilotus, Lotus und Indigofera. Jedenfalls besitzen also die Schleime der Schleimendosperme den Charakter von Polysacchariden. Der Biolog würde sie mit den Reservezelluloso-Membraninen zusammen abhandeln, pharmakologisch-pharmakognostisch gehören sie aber neben die Lein- und Quittensamen, aber in eine besondere Abteilung, da sie ihren Schleim erst nach dem Pulvern hergeben, die Samen mit Schleimepidermen dagegen schon durch Schütteln der unzerkleinerten Samen mit Wasser.

Lit. TSCHIRCH, Angew. Pflanzenanatomie S. 204. — NADELMANN, D. Schleimendosperme der Leguminosensamen. Ber. d. d. bot. Ges. 1889, 248 u. Pringsh. Jahrb. 21 (m. Taf.). — Schleimendosperm des Johannisbrot: EFFRONT, Compt. rend. 125 (1897), MARLIÈRE, La cellule 13 (1897), VAN EKENSTEIN, Compt. rend. 125 (1897), 719, BOURQUELOT et HÉRISSEY, Journ. pharm. chim. 10 (1899), 153 u. 249 und Compt. rend. 129 (1899). — Cassia fistula: BOURQUELOT, Vol. jubilaire de la soc. de Biologie 1900, 388. — Luzerne: MÜNTZ, Ann. chim. phys. (5) 26 (1882), 121 und (6) 10 (1887), 566, BOURQUELOT et HÉRISSEY, Journ. pharm. chim. 11 (1900). — Gleditschia, Medicago, Lotus, Melilotus, Indigofera: GORET, Et. chim. et. phys. de quelques albumens cornés d. graines léguminos. Thèse Paris 1901. — Strychnaceen: BOURQUELOT et HÉRISSEY, Journ. pharm. chim. 12 (1900). — Trigonella s. w. u.

Semen Fenugraeci.

Syn. Sem. Faenugraeci oder Foenugraeci, Sem. Faeni graeci, Sem. Foeni graeci, Sem. Trigonellae — Bockshorn (so schon bei BOCK und CORDUS), Bockshornklee, Kuhhornklee, Griechisches Heu, Fänne-Zwock — trigonelle, fenugrec (franz.) — trigonel, fenugreec (engl.) — hoornklaver (holl.) — trigonella (ital.) — τριγονέλλη (n.-griech.) — méthi (sansk., hind.) — hulbah (arab.) — shamlit (pers.) — lu-pa, hu-lu-pa (chines.).

Bei THEOPHRAST (Hist. u. caus. plant.): βούκερας, bei den späteren Griechen auch βουκέριν, bei DIOSKURIDES: τῆλις (bei d. spät. Griech. auch τίλις, τύλη; τῆλις auch noch bei ALEXANDER TRALLIANUS), im Edict Diocletians (I, S. 569): τῆλις βούκερας. Weitere Namen bei LANGKAVEL und DIOSKURIDES in []. Im Mittelalter auch aspaltea, brindelia.

Etym. Fenum (auch faenum oder foenum) = Heu, Fenugraecum also = griechisches Heu. — Trigonella von τρίγωνος = dreieckig, wegen der dreieckigen Blumenkrone (KANNGIESSER). Vielleicht hat LINNÉ, der den Namen zuerst in dem Hortus upsalensis benutzt, eher an die Blumenblättchen (?) oder, wie mir scheint, an die Blätter gedacht. — GRASSMANN bezieht auch Zwock auf die keilförmigen Fiederblättchen. Nach FLÜCKIGER bezieht sich der Name auf die dreieckigen Blumenblätter von Trigonella ruthenica L. Der Name Foenum Graecum wohl zuerst bei PORCIUS CATO (De re rustica XXVII, vgl. I, S. 572); bei COLUMELLA (I, S. 573) wird Siliqua (bei PLINIUS: Silicia) als synonym mit faenum graecum (vulgär lat.: fenum graecum) bezeichnet, was darauf deutet, daß die Pflanze viel kultiviert wurde (Katexochenbegriff!), denn es waren den Römern ja viele Hülsenfrüchte bekannt. Bei CAELIUS AURELIANUS (III. Jahrh. n. Chr.), sowie den Spätlateinern findet sich denn auch die zusammengezogene Form fenugraecum, im Deutschen volksetymologisch umgebildet: fine grethe (daraus dann wieder: schöne Margret, schöne Marie). Im Gothaer Arzneibuch (I, S. 680) findet sich fenum grotum neben fenum grecum, in Inventaire LEFORT (I, S. 804) fin ogre (DORVEAUX). Graecum nach der Herkunft, erhalten in griechisch Heu (gresches houw, gekeshew, krichishew, kriechshöwe, crischowe); römischer Klee deutet, da im Althd. als Römsklee(oder diolde) nachgewiesen, auf die Einführung aus dem Süden. — Bockshorn wegen des unangenehmen Geruches und der hornartigen Form der Frucht. Auch der Name Siebengezeit (Siebengezide Ort. san., im XV. Jahrh. Sybengetzeyt, Zeytkraut [XVI. Jahrh.], Stundenkraut) soll nach TABERNÄMONTANUS auf den (siebenmal im Tage verschwindenden und wiederauftretenden) Geruch anspielen. Der holländische Name bedeutet Hornklee. Und an Horn knüpfen an: bukeros (= Ochsenhorn), aigokeros (= Ziegenhorn), keraïtis (= hornähnlich), kallikrea, Kuhhorn (bei Bock) u. and.

Stammpflanze und systemat. Stellung. Trigonella Foenum-graecum L. [Sp. plant. ed. I (1753) p. 777] (Foenum graecum officinale).

Leguminosae, Papilionatae — Trifolieae, Eutrigonella, Gladiatae.

Beschreibung der Stammpflanze. Einjähriges Kraut mit einfachen oder vom Grunde verzweigten, 20–60 cm hohen, gegen oben hin behaarten, runden Stengeln und zweizeiligen, dreizähligen Fiederblättern, deren Endblättchen größer und länger gestielt ist als die Seitenblättchen. Blättchen kahl, umgekehrt eiförmig, im oberen Teile mit spitzen Zähnen besetzt. Nebenblätter zart, zweispitzig. Die hermaphroditen, zygomorphen Schmetterlingsblüten sitzen einzeln oder gepaart in den Achseln der oberen Laubblätter, der gamosepale, röhrenförmige Kelch ist in fünf gleiche lanzettliche Zipfel geteilt. Die gelblich weiße Corolle hat eine oblong-umgekehrt-eiförmige, tief ausgerandete Fahne, einseitig geöhrte Flügel und einen kurzen Kiel. Die Staubfadenröhre ist oben offen und wird durch das freie Stamen geschlossen. Die Narbe ist polsterförmig. Die aufrechte Frucht erreicht 13 cm Länge und ist 4–5 mm breit, lineal, sehr lang schnabelförmig zugespitzt, meist nach unten flach hornförmig gekrümmt und seitlich zusammengedrückt. An der Spitze der Frucht findet man bisweilen die Reste der Corolle. Die Pflanze wächst wild in Punjab, Kaschmir (BAKER), Mesopotamien und Persien (BOISSIER, Flor. oriental.), sowie Kleinasien (?). Verwildert findet sie sich in Griechenland, Italien und Spanien, wohl auch in Ägypten und Kleinasien auf Schuttplätzen, «überhaupt in der Nähe menschlicher Wohnungen oder Kulturstätten als Flüchtling». Blüht im Juni-Juli.

Lit. LUERSSEN, Mediz. pharm. Bot. — BATTANDIER, Bull. soc. bot. France 1884, 378. — Abbild.: BERG-SCHMIDT, Atlas. 2. Aufl. t. 52 (dort die florist. Literatur). — BENTLEY-TRIMEN, Medic. plants. t. 71. — PABST-KÖHLER, Medizinalpflanz. t. 155. Auch schon im Ortus sanitatis, Mainz (vgl. I, Fig. 303), bei POMET u. and.

Pathologie. Auf Trigonella foenum graecum sind unseres Wissens nur Parasiten bekannt, die Stengel und Blätter befallen: Uromyces Anthyllidis (GREV.), Uromyces Trigonellae PAT. und Erysiphe Polygoni DC. (ED. FISCHER).

Kultur und Handel. Trigonella wird jetzt in Marokko (Ausfuhrhafen besonders Mazagan, dann auch Mogador), dann in Ägypten (und Abessynien) und Indien (hier in ziemlicher Menge, Ausfuhrhafen: Bombay), sowie China kultiviert, weniger in Südfrankreich (Montpellier), der Schweiz, Deutschland (Elsaß, Thüringen: Erfurt, Großengottern, Mühlhausen, Cölleda, dann im Vogtland und in Söflingen b. Ulm, früher zwischen Nürnberg und Bamberg), Mähren (Znaim) und Italien (in Ligurien, Toscana, Sizilien und Sardinien kultiviert und verwildert, RAVASINI). Sie gedeiht noch bis 70° n. Br. in Norwegen (SCHÜBELER). Ich sah sie auch in Bauerngärten.

Allein in Bombay und Madras waren (1889) 1358 acres mit Fenugreec bestellt (WATT, Dict.) und 1890 kamen aus den höheren Inlandprovinzen c. 14000 cwts. nach Bombay. Die Ausfuhr Indiens von Fenugreec betrug 1906/07: 43941, 1907/08: 27285 und 1908/09: 9627 cwts., geht also zurück. Für indischen Samen ist Hamburg Haupteinfuhrshafen.

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