I. Kohlehydratdrogen. (continued 6)
Reading edition
Unter dem Namen Guyana-Arrowroot geht aber auch das Stärkemehl der unreifen Früchte von Musa paradisiaca L. (M. sapientum BROWN.). Während die Banane (in Niederl. Indien: Pisang, in Engl. Indien: Plantain, franz.: Bananier) jetzt in den Tropen überall als Nahrungsmittel bez. Obst in zahlreichen Varietäten kultiviert wird, scheint nur in Britisch- und Französisch-Guyana, in Brasilien, Jamaika, Porto-Rico und den Bermuden, dann auch in Zentralafrika (am Ruwenzori, STANLEY) aus der Frucht Mehl bereitet zu werden. Deutsch-Ostafrika führte 1907: 1116 kg, 1908: 941 kg Bananenmehl aus. Man schält die unreifen Früchte, trocknet an der Sonne, vermahlt und siebt die zerkleinerte Masse. Das Mehl (conquintay, fou-fou), das also noch Gewebsreste enthält, bildet den Handelsartikel, doch scheint da und dort (Bermuden) auch die Stärke daraus abgeschieden zu werden. Das Mehl unreifer Bananen wird in England zur Brotfabrikation benutzt und zur Herstellung eines Bananenkakao. Bananenmehl (aus Jamaika) enthält: 78,32% stickstoffreie Subst. (bes. Stärke), 12,77% Wasser, 4,69% Eiweiß, 1,28% Rohfaser, 0,49% Fett, 2,45% Asche (VON SURY).
Die sehr eigenartigen Stärkekörner sind in TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas abgebildet, vgl. auch LOUIS PLANCHON et JUILLET, a. a. O. Reife Bananenfrüchte enthalten nur 1–2% Stärke, unreife bis 80%. Bei der Reife verwandelt sich die Stärke in Zucker.
Die Banane (sansk. kadalī, so in Suśrutas I, S. 505) ist seit Urzeiten in Indien in Kultur. Die Griechen trafen sie auf dem Alexanderzuge (I, S. 430). THEOPHRAST und PLINIUS beschreiben sie als pala, d. h. Blatt (hier pars pro toto), bei den Arabern hieß sie mouz oder mauwz (MESUË, IBN BAITHAR) und im Koran talk. Sie ist so frühzeitig nach der neuen Welt gekommen, daß HUMBOLDT sie als auch in Amerika heimisch betrachtete.
Lit. WIESNER, Rohstoffe. — Pharmacograph. indic. — DE CANDOLLE, L’origine d. pl. cult. — Über den Pisang vgl. auch TSCHIRCH, Ind. Heil- u. Nutzpflanzen (dort Abbild.). — SEMLER, Trop. Agrikultur. — Abbild. schon in RHEEDES, Hort. Malab. Vgl. auch I, Fig. 25. — VON SURY, Chem. Zeit. 1910, Nr. 52.
Als Fécule de la chataigne de la Guayane wird endlich auch die Stärke der Sterculiacee Pachira aquatica AUBL. bezeichnet (beschrieben bei WIESNER-HÜBL).
7. Batatenstärke.
Fécule de batate ou patate, Brasilianisch.es Arrowroot ex parte.
Die sog. weiße oder süße Kartoffel (sweet potato, ind.: míta-alú), Batatas edulis CHOIS. (Ipomoea batatas LAMK., Convolvulus Batatas L., C. edulis THUNB.), eine Convolvulacee, eine wichtige Nahrungspflanze der Tropen und Subtropen, besitzt spindelförmige Knollen, die oft 1–2 kg, selten bis 6 kg schwer werden. Sie hat sich von ihrer Heimat im tropischen Amerika, wo sie sich von Mexiko über die Antillen und Peru bis Paraguay hin seit Jahrhunderten in Kultur befindet — COLUMBUS traf sie (Ages) auf den Antillen (I, S. 745), ACOSTA (Comores) in Südamerika (I, S. 762), auch PETRUS MARTYR (I, S. 766) gedenkt ihrer — über die meisten tropischen und subtropischen Gebiete, bis nach Japan hin, verbreitet; nach Neuseeland vielleicht «auf einer der uralten polynesischen Wanderungen» (SEMLER). Denn ihr Name kumara findet sich sowohl auf Neuseeland wie bei den Quichua-Indianern Perus.
Sie verlangt nicht zu feuchtes Klima und leichten sandigen Boden. In den Tropen enthält der Knollen c. 10% Zucker und nur 9% Stärke, in den Subtropen c. 3% Zucker und 14–15% Stärke.
Die Knollen werden in beschränktem Maße in Brasilien, auf Martinique, Guadeloupe und Réunion, in Cochinchina und Indien auf Stärke verarbeitet.
Die Stärke ist abgebildet in TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas.
Lit. ROXBURGH, Flor. ind. 162. — LOUIS PLANCHON et JUILLET, Ann. Mus. col. Mars. 1910. — Weitere Lit. in WIESNERS Rohstoffen und WATTS Dictionary.
8. Arumstärke.
Die Knollen von Arum maculatum L. werden in Südeuropa hier und da in beschränktem Maße auf Stärke verarbeitet (Portland-Arrowroot), ebenso die Knollen des seit Jahrhunderten kultivierten Arum esculentum L. (inkl. Arum Colocasia WILLD., Colocasia antiquorum SCHOTT., neuseel.: taro, sansk.: kuchoo, mal.: kelady, talus, japan.: imo — das Arum aegypticum des PLINIUS) auf Martinique, in Japan und den Südseeinseln. Letztere trägt den Namen Fécule de chou-choute, F. de chou caraïbe oder F. de chou-taró. Ob auch Arum macrorhizum L. (Apé) auf Tahiti auf Stärke verarbeitet wird, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.
Die Bulbi Megarici von Arum italicum LAM. erwähnt schon CATO (I, S. 572). Auch ihre Stärke wurde viel in früheren Jahrhunderten (S. 156) und wird noch jetzt bisweilen abgeschieden (nach HÖHNEL in Italien und Algier). Arumstärke ist in Portugal offizinell.
Die Arum-Stärkekörner sind abgebildet in TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas. Auch bei LOUIS PLANCHON und JUILLET finden sich a. a. O. verschiedene Aroideenstärken abgebildet.
9. Costarica Arrowroot.
Dies Arrowroot stammt von den Knollen der zentralamerikanischen Yucca gloriosa L.
10. Japanisches Arrowroot.
Die japanische Pharmakopoëe hat (neben Kartoffelstärke) die Stärke der Zwiebel der japanischen Liliacee Erythronium Dens Canis L. (Katakuri) und der Wurzel der Papilionacee Pueraria Thunbergiana BENTH. (Dolichos hirsutus THUNB.), zweier in Japan und China vorkommender Pflanzen als Ersatz der in Europa üblichen Stärkesorten aufgenommen. (Abbild. der Erythroniumstärke in MOELLER, Mikroskopie S. 138.) In Japan wird auch aus Pteris aquilina (Warabi) und der Wurzel von Conophallus Konjak (Konyaku) Stärke hergestellt.
II. Stärke aus Stämmen.
1. Sago.
Etym. Sagu bedeutet im Malaiischen sowohl Mehl wie die mehlliefernden (Sago)-Palmen (Sagu baduri ist M. Rumphii, Sagu ihur M. silvestr., Sagu makanaru M. longispinum) — Metroxylon von μήτρα = Mark und ξύλον = Holz — Betr. RUMPHIUS vgl. I, S. 899.
Stammpflanze. Die Sagopalmen gehören zur Gattung Metroxylon, die auf die Tropen der alten Welt beschränkt ist und bilden wenige, schlecht charakterisierte, vielleicht gar nicht spezifisch verschiedene Arten (WARBURG).
Meist unterscheidet man: Metroxylon Rumphii MARTIUS (Sagus Rumphii WILLD., S. spinosus ROXB., S. genuina BLUME, die dornige Sagopalme, Bariam oder Bi (N.-Guin.), Karasula (Jav.), Kirai (Mal. Bat. Sund.), Lapia (Amb.), Rumijah (Atjeh), Sagu (Vulg. Mal.) Rambia). Dies ist der eigentliche Sagobaum der Molukken — und Metroxylon Sagu ROTTBOELL (M. Sago KÖNIG, M. inerme MART., Sagus laevis JACK, S. inermis ROXB., S. Rumphii BLUME), von den Eingeborenen vielfach mit den gleichen Namen wie der zuerst genannte Baum bezeichnet, da und dort aber auch davon unterschieden, über den ganzen Archipel verbreitet, aber mehr im Westen. Von ihm sowie von dem wohl dazugehörigen M. laeve (Sagus laevis) stammt wohl das meiste des nach Europa verschifften Sago.
Weniger in Betracht kommen: M. silvestre MART., der wilde Sagobaum der Molukken und M. longispinum MART., der wenig Ausbeute liefert, Sagus elata (Java) u. and. In den Tropen der neuen Welt (Brasilien, Guadeloupe) wird Sagus farinifera kultiviert.
Beschreibung. Die Sagopalmen gedeihen besonders auf feuchtem Boden, der periodischen Überschwemmungen ausgesetzt ist. Sie sind durch den malaiischen Archipel verbreitet, von Malakka und Sumatra bis zu den Fijiinseln gehend, mit Siam und Mindanao als Nordgrenze, den kleinen Sundainseln und Neu-Guinea als südlichste Punkte. (Vgl. die Karte im Kap. Reis, S. 189.) Sie fehlen in Australien. Es sind Palmen mit einem kriechenden Stamm, die in sumpfigen Niederungen wachsen und selten die ebenen Landstriche verlassen. Sie werden 25–30, selten bis 42 Fuß hoch, bleiben lange buschig und entwickeln erst spät, dann aber rasch den dicken Stamm. Sie sind monöcisch-polygam und blühen nur einmal, nach 10–15 Jahren, mit einem großen endständigen Blütenstand, der ungeheuere Massen von Blüten und Früchten bildet. Um diese ausbilden zu können, speichert die Pflanze große Mengen Stärke im Stamm. Meist stirbt die Palme bald nach der Fruchtbildung. Die Sagopalme ist eine der nützlichsten Pflanzen, die wir besitzen. Sie nimmt mit dem schlechtesten, sonst zu keiner Kultur brauchbaren Sumpfboden vorlieb; ein Stamm enthält, wenn er nach 15 Jahren reif zum Fällen ist, 400–900 (in der Regel 500–600) Pfund Sago, was für den jährlichen Unterhalt einer Person ausreicht; aus den im Boden bleibenden unterirdischen Organen erneuert sich die Pflanze leicht.
Kultur. Die Sagopalmen sind jetzt auch in Kultur in Ost-Sumatra (Bengkalis), auf dem Rioux-Lingga-Archipel und Billiton, in West-Borneo (Sambas, Pontianak), in den Sümpfen von Celebes, auf Bunguran, der Hauptinsel der Groß-Natunas, westlich von Borneo und auf der Halbinsel Malakka, z. B. bei Singapore; zur Atapgewinnung der Blätter für die Dachbedeckung auch an den Flußläufen Javas (bes. M. Sagu). Die Kultur bietet keinerlei Schwierigkeiten. Die Anpflanzung erneuert sich selbst durch Wurzelschößlinge. Doch wird die Hauptmasse des in Südostasien produzierten Sago von wildwachsenden Pflanzen gewonnen.
Die Darstellung der Sagostärke ist sehr primitiv (Fig. 63 u. 64, vgl. auch I, Fig. 139). Von den Eingeborenen wird, sobald eine Sagopalme gefunden wurde, zunächst festgestellt, ob dieselbe etwa bereits blüht oder gar Früchte trägt. In diesem Falle ist sie für die Sagogewinnung nicht mehr tauglich. Blüht sie nicht, so stellt man fest, ob sie «klopbaar», d. h. so mit Stärke gefüllt ist, daß die Ausbeutung lohnt (der Eingeborene unterscheidet hier fünf Grade der «Reife»). Ist der Baum als «klopbaar» befunden, was zwischen dem fünften und zehnten Jahre der Fall zu sein pflegt, so wird er gefällt und der Stamm, nachdem Blätter und Scheiden entfernt, in mehrere Stücke zerschnitten und diese in der Mitte aufgespalten. Nun setzt sich ein Mann rittlings auf den gespaltenen Stamm und klopft mit einem axtartigen Instrumente (stani paluk, pemaluk), das an der Spitze bisweilen einen Stein trägt, oder auch wohl mit den Füßen, das ganze innere Gewebe (sog. «Mark», Grundgewebe nebst Gefäßbündeln) in Flocken heraus (Fig. 63). Diese werden nun, wenn Wasser in der Nähe ist, was, da die Sagopalmen Sumpfpflanzen sind, meist der Fall ist, an Ort und Stelle weiter verarbeitet oder in aus Sagoblattscheiden gebildeten Körben (timbil) zu einem Wasser getragen. Hier erfolgt die Auswaschung nun in der Weise, daß man über einem ausgehöhlten Sagostamme oder einem Kahne oder einer aus Rinde oder Sagoblattscheiden hergestellten langen, auf Stützen ruhenden Rinne am einen Ende ein eigenartiges «Filter» anbringt. Das zerfaserte «Mark» wird auf eine durch einen gebogenen Rottan- oder Bambu-Stecken straff gespannte beutelartige Seihvorrichtung, die oft aus der zerfaserten Blattscheide der Cocospalme besteht, geschüttet und auf dieser durch Aufgießen von Wasser und Umrühren ausgewaschen (Fig. 64). Der eine hält die Seihvorrichtung, der andere gießt. Die Stärkemilch läuft für gewöhnlich nicht direkt in die lange Rinne, sondern erst in eine meist aus einer Blattscheide gebildete kurze und breite Rinne, die bisweilen unten eine Siebvorrichtung besitzt. Durch diese einfache oder doppelte Seihung werden die meisten Fasern zurückgehalten — sie werden verfüttert — und auf dem Boden der langen Rinne, die durch Fasern der Sagoblätter, der Cajuputrinde oder Arenpalme gedichtet wird, setzt sich das Stärkemehl ziemlich rein ab. Das Wasser fließt über den Rand der Rinne oder am Ende (durch ein weiteres Sieb) ab und wird schließlich ganz abgelassen. 800 kg Markmasse liefern 320–350 kg Sagomehl. Das Rohsagomehl wird dann in Massen von c. 30 Pfund in Blätter gewickelt und diese mit Rottan verschnürt oder in eigenartigen aus Sagopalmblättern gebildeten Körben (tuman, tamang) als Rohsago (sagumanta, lapia-manta) auf den Markt gebracht. Aus ihm werden die Hauptspeisen der Molukken dargestellt (WARBURG). In Sumatra bringt man den Rohsago in Zuckerhutform in den Handel. Ein Baum kann 150–300 kg marktfähige Ware produzieren.

Fig. 63
Memukul Sagu
, d. h. Herausklopfen des Sagomarkes.
[Nach der Zeichnung eines Malaien (
Tupamahu
) in Bull. Kol. Museum Haarlem Nr. 44.]
In Süd- und West-Neu-Guinea ist die Bereitung des Sago ähnlich wie auf den Molukken, auf Celebes, auf dem Lingga-Archipel und den Key-Inseln (siehe I, Fig. 139). Sonderliche Reinlichkeit scheint nirgends beobachtet zu werden, wie z. B. MARTIN von der Bereitung auf Ceram direkt betont. In Zentral-Borneo wird das «Mark» mit den Füßen getreten, während man Wasser darüberlaufen läßt.
In Brit. Nord-Borneo wird sowohl Metroxylon Sagu wie die dornige Sagopalme M. Rumphii benutzt, letztere ist kleiner, ist mit Dornen bewehrt, wird daher von wilden Schweinen weniger zerstört. Sie geht weiter ostwärts und ist namentlich in Neu Guinea und der Moluccen verbreitet.
In Singapore, wo besonders Sagus Rumphii und laevis kultiviert werden, werden die Stämme in 4–6 Fuß lange Stücke zerschnitten, dann geschält und mit einer primitiven Raspel geraspelt. Auch in Nordost-Sumatra wird das Stamminnere geraspelt. Die so erhaltenen Flocken werden durch Treten und Spülen mit fließendem Wasser von ihrer Stärke befreit; die Stärkemilch durch eine lange Rinne in ein längliches Becken geleitet. Die abgesetzte Rohstärke geht in die Sagofabriken. Hier wird sie zunächst durch wiederholtes Aufschlemmen und Durchseihen der Stärkemilch durch Tücher von den Fasern (Sagorefuse) befreit, dann die Stärkemilch wiederholt durch lange, am Ende durch Tücher geschlossene Rinnen geschickt, das Wasser abgelassen und die Stärke in Blöcken herausgenommen.

Fig. 64.
Meramasdan menapis sagu
, d. h. Kneten und Auswaschen des Rohsagomehls.
[Nach der Zeichnung eines Malaien (
Tupamahu
) in Bull. Kol. Mus. Haarlem Nr. 44.]
Sagomehl kann das ganze Jahr hindurch gewonnen werden.
Der für den Außenhandel bestimmte Rohsago geht meist nach Singapore, dem eigentlichen Sagohafen der Welt, wohin er vom März bis Oktober gebracht wird. Hier (dann auch in Sarawak und Brunei, wo ebenfalls Fabriken bestehen) wird er, da er noch ziemlich viel Zellfragmente enthält, durch Schlämmen gereinigt (Sago flour, Sagomehl) oder gereinigt und granuliert, geperlt (Pearl Sago, Perlsago). Das Geschäft liegt fast ganz in den Händen von Chinesen. Das Perlen des Sago geschieht in der Weise, daß man die halbgetrocknete, durch Schlämmen eigener Art (Beschreibung bei SEMLER) gereinigte Stärke zerbricht, die Stücke siebt und in ein Tuch bringt, das an zwei von der Decke herabhängenden Seilen befestigt ist (I, Fig. 142). Die Arbeiter führen die Stärke durch geschicktes, viel Übung erforderndes Rütteln des nur halb gefüllten Tuches in Kügelchen (Perlen) verschiedener Größe über. Diese werden durch Sortiersiebe nach der Größe getrennt und dann auf flachen heißen Schalen von ¾ m Durchmesser, die bisweilen mit einem vegetabilischen Fett bestrichen werden, unter Rühren mit einem hölzernen Instrumente mit gebogener Kante gerollt (gedämpft), dann nochmals durch Siebe sortiert und getrocknet. Durch das Erhitzen werden die Körner oberflächlich verkleistert. Manche Fabriken perlen nur ohne zu rollen. Meist werden kleinere Kügelchen von 1–1,5 mm (Small Pearl Sago) und große von 2,5–3 mm hergestellt. Bisweilen wird der Sago ein zweites Mal «geröstet».
Der Perlsago aus Molukkensago ist immer rötlich. Auch durch Zuckerkouleur bräunlich gefärbter Sago ist im Handel, früher auch ziegelroter [durch Bolus (?) gefärbter].
Handel. Nach Singapore kam 1906 Rohsago besonders aus Sarawak (Nordwest-Borneo), dann aus Sumatra und Labuan und dem Niederl. Archipel, weniger aus Niederl. Borneo, Johore und Brit. Nord-Borneo, am wenigsten aus Pinang und Rioux. Die Molukken verbrauchen ihren Sago fast ganz als Nahrungsmittel.
1908 kamen nach Singapore: Gereinigter Sago in kg: aus Djambi (Sumatra) 2600 kg, Bengkalis (Sumatra) 503236, Rioux 648580, Indragiri (Sumatra) 11852, Westborneo 3629800, Celebes 7316. Ungereinigter, roher Sago: Aus Ostsumatra 20500, Rioux 3461876, Indragiri 7430238, Westborneo 694398, Süd- und Ostborneo 14508, Celebes 390352 kg.
Der Wert der Ausfuhr von Sagomehl aus Singapore betrug 1906: 2030082 Singaporedollars (= M 2,20), von Pearl Sago (und Rohsago): 365769 Doll. Es wurden 715836 Pikuls Sagomehl und 77381 Pikuls Pearl Sago exportiert. Der meiste ging nach London, viel auch nach Italien.
Hamburg importierte 1908 33703 dz Sago und Tapioka (s. oben S. 173). Davon kamen 16077 von Singapore, 13877 von Brit. Ostindien, 2322 von Nied. Ostindien, geringere Mengen aus China und Brasilien. Deutschland importierte 1909 «Pfeilwurzelmehl (Arrowroot), Sago und Sagomehl, Madioka und Sagoersatzstoffe»: 3654 dz aus Brit. Indien und 8616 dz aus Brit. Malacca. Frankreich importierte 1908 «Sagou, Salep et fécules exotiques» 117844 Qintal. besonders aus Englisch- und Niederländ.-Indien, dann auch (30265) von Réunion und Brasilien.
Sago und Sagomehl kommt in Kisten und Säcken à 85 kg in den Handel.
Anatomie. Die Stärkekörner des Sago flour, der ein weißes oder grauweißes bzw. rötlichweißes Pulver bildet, sind entweder einfach oder zusammengesetzt. Die zusammengesetzten zeigen ein großes Hauptkorn von 30–68 (selten bis 80) mik Länge, dem meist an kurzen Ausstülpungen 1–5 (meist 2–3) Nebenkörner von meist 10–20 mik Durchmesser angesetzt sind. In der Handelsstärke sind die Nebenkörner meist abgefallen und man sieht am Hauptkorn nur die meist ebenen Ansatzstellen (Fig. 65).
Das Hauptkorn ist sehr mannigfach gestaltet, länglich, trapezförmig oder dreieckig-rhombisch, stets mehr oder weniger rundlich, nicht abgeplattet. Der Kern liegt exzentrisch (meist ½–¼) und ist oft von einem ein- oder mehrstrahligen Stern durchzogen. Die Nebenkörner sind halbkugelig, mützen- oder tiaraförmig.
Als Nebenform kommen einfache, meist sehr große, 50–65 mik. messende, eirunde oder gestreckt oval-längliche mit exzentrischem Kern oder zwei- bis mehrstrahliger Kernspalte vor.
Im geperlten und gerollten (s. oben) Sago findet man die gleichen Formen, daneben aber Körner in allen Stadien der Verkleisterung. Die Verkleisterung beginnt in den inneren, weicheren Schichten. In den ersten Stadien der Verkleisterung ist oft eine große, nach außen durch einen Kanal sich öffnende Zentralhöhle sichtbar, im letzten bilden die Körner einen unregelmäßig wulstigen Ballen mit zarter Kontur (Fig. 65, a-c). Der nur geperlte, nicht gerollte Sago zeigt diese verkleisterten Körner nicht. Er ist rein weiß, während der andere partiell hyalin erscheint.
Bisweilen findet man im Sagomehl auch Körner in allen Stadien der Korrosion. Es scheint dies Stärke zu sein, die von Stämmen gewonnen wurde, die schon zu sehr der Blütenbildung sich näherten, bei denen also bereits die Stärke in Auflösung begriffen war.
Unter dem Namen «Sago» kommen aber noch einige andere Produkte in den Handel: der deutsche oder französische (indigène) Sago aus Kartoffel- oder Weizenstärke, die Tapioca aus Maniok, der Portlandsago aus Arumstärke und der brasilianische Sago aus Batatenstärke. Diese alle sind leicht an dem Bau der Stärkekörner zu erkennen.
Eigenschaften. Sagostärke enthält im Durchschnitt 81,51% Stärke, 15,85% Wasser, 2,16% Stickstoffsubstanz und 0,48% Asche; Real Pearl Sago: 83,60% Stärke und 15,8% Wasser; Sago Ia Korrels sogar 84,9% Stärke.
Sagostärke beginnt bei 66,2° zu verkleistern und ist bei 70° vollständig verkleistert.
Geschichte. Als die Europäer Südostasien betraten, fanden sie bereits das Mehl der Sagopalme als wichtigstes Nahrungsmittel in Gebrauch. MARCO POLO (I, S. 726) beschreibt die sumatranische Sagopalme und die Gewinnung des Sago, ähnlich wie sie noch heute betrieben wird und auch ODORICO DI PORTO MAGGIORE (I, S. 726) gedenkt der «Bäume, die Mehl tragen». Auch WALLACE beschreibt die Sagobereitung. Sie wird in Singapore seit 1819 von Chinesen betrieben.

Fig. 65.
Sagostärke
mit verschiedenen Verkleisterungsformen. c ganz verkleistert.
[Nach
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Lit. ROTTBOELL in Nye Samling af K. Danske Vidensk. Selsk. Schr. 1783 p. 527. — GRIFFITH, Palms of East India. — Abbild.: BENTLEY-TRIMEN, Medicinal plants T. 278 und BLUME, Rumphia II, t. 126 u. 127. — VALENTINI, Museum muscorum (I, S. 914). — MOHNIKE, Blicke auf d. Pflanz.- u. Tierleb. in den Niederl. Malaienländ. 1883. — WARBURG in TSCHIRCH, Ind. Heil- und Nutzpflanzen (dort auch Abbild.). — WIESNER, Rohstoffe (dort die ältere Lit.). — Am ausführlichsten (mit zahlr. Abbild.) Sagoe en Sagoepalmen, Bulletin 44 des Koloniaal Museums Haarlem 1909 (mit Beitr. von VAN OLJEN, FORTGENS und [malaiisch] TUPAMAHU). — VETH, Bijdragen tot de kennis van de voornaamste voortbrengselen van Nederl. Indie. IV. De Sagoe 1866. — SEMLER, Tropische Agrikultur. — DE CLERCQ, Nieuw plantk. Woordenb. v. Ned. Ind. 1909. — TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas. — TSCHIRCH, Artikel Arrowroot in Realenzyklop. d. ges. Pharm.
2. Andere Palmen- (und Cycadeen-)Stärke.
Ebenfalls einen Sago bzw. ein sagoähnliches Mehl liefern (jedoch nur in beschränktem Maße) die Cycadeen: Cycas circinalis (paku adji) auf den Salomonsinseln, ferner: Cycas revoluta in Japan und China, Zamia integrifolia (Koonti) in Florida, Z. spiralis in Australien, Z. media in Ostindien, Z. pumila, angustifolia und tenuis in Westindien. Dann die Palmen: Arenga saccharifera LABILL. (Zuckerpalme, Aren, s. S. 128) auf den Sangirinseln, auf Celebes und Ceylon, Eugeissona tristis (bulang nanga), Caryota purpuracea (bulang talang), Caryota urens. L. in Mysore, C. Rumphiana MART. auf den Molukken, Borassus flabelliformis L. (Palmyrapalme, in Ostindien, Ceylon) und B. tunicata LOUR., Guilielma granatensis KARST. in Neugranada und Venezuela, sowie einige Cocos-, Oreodoxa-, Phoenix- und Chamaerops-Arten (Nordamerika); ferner Raphia vinifera und Medemia nobilis auf Madagaskar u. and. Die Stärke der Palmyrapalme ist der echten Sagostärke ähnlich, weicht aber doch in einigen Punkten ab. Namentlich sind hoch zusammengesetzte Körner hier häufiger (Näheres bei WIESNER). LOUIS PLANCHON und JUILLET bilden a. a. O. die Stärke von Borassus flabelliformis, Caryota urens, Phoenix und anderen Palmen und Cycadeen ab.
III. Stärke aus dem Endosperm von Samen.
1. Amylum tritici.
Weizenstärke, — amidon de blé ou froment (franz.) — wheat starch (engl.) — amido di frumento (ital.) — tarwe zetmeel (holl.) — hwetestärkelse (schwed.). — vehnä tärkkelys (fin.) — búza keményitő (ung.) — σιτάμυλον (n.-griech.).
Stammpflanze: Triticum vulgare VILL., Hist. pl. Dauph. II, 153 (T. sativum LAM. Encyc. meth. 1787) und Verwandte.
Etym. «Triticum quod tritum e spicis» (VARRO) — von tero, trivi, tritum = reiben (mahlen) oder terere = treten (austreten, ausdreschen), — πυρός (von πῦρ s. Geschichte) wegen der feuergelben Farbe der Früchte. Ein Weizenfeld erscheint im Herbst von Weitem gesehen rotorange. — blé (franz.), biada (ital.) von spätlatein. bladum = Korn, oder angels. blaed = Frucht, oder kelt. blawd = Mehl. — froment aus frumentum. — Weizen im got.: hwaiteis, germ.: hwaitja, ahd.: weizzi, mhd.: weitze, von hwîta = weiß, wegen der Farbe des Mehls. Davon auch engl. (common) wheat. Der Weizen heißt im Ägyptischen swt (die hieroglyphischen Zeichen, I, S. 470), koptisch suo; daraus entstand das griechische σῖτος als Lehnwort.
Systemat. Stellung. Gramineae, Hordeae.
KÖRNICKE teilt die Weizensorten in folgende drei Gruppen:
1. Triticum vulgare VILL. Dazu T. vulg. (im engeren Sinne), T. compactum HORST (Zwergweizen) T. turgidum L. (englischer Weizen), T. durum DESF. (Hartweizen).
2. Triticum polonicum.
3. Triticum monococcum.
Abbild. der Ähren in MULL-GUYOT, Encyclop. d’Agriculture (einige auch bei HACKEL in ENGLER-PRANTL, Pflanzenfam.).
Beschreibung. Triticum vulgare besitzt einen langen, schlanken, oberwärts hohlen Stengel und eine lange dichte, deutlich vierkantige Ähre. Die parallel der Spindel zusammengedrückten Ährchen sind 4(–7)blütig, 3–4 Blüten sind fruchtbar. Sie werden an der Basis von 2 großen, bauchigen, kahnartigen, derben, gegenüberstehenden, in eine kurze gerade Stachelspitze (Granne) auslaufenden glumae (Hüllspelzen) bescheidet (Involukrum der Partialinfloreszenz). Jede der Blüten ist von 2 Paleis (Deckspelzen) behüllt. Die Palea inferior ist kahnartig bauchig, begrannt, die Palea superior ist zweikielig, auf der Rückenseite kahnartig vertieft, unbegrannt.
Die Weizenfrucht fällt aus der Paleis heraus. Sie zeigt auf der einen Seite eine tiefe Rinne und an der Spitze einen «Bart», aus ziemlich stark verdickten Haaren bestehend. An der Basis liegt seitlich der kleine Keimling und sein Scutellum. Der Bau der Fruchtschale ist in TSCHIRCH-OESTERLE Anatom. Atlas beschrieben. Die Aleuronschicht des Samens ist einreihig. Der Kleber findet sich in dem Stärkeendosperm neben den Stärkekörnern. Die Keime enthalten 15,5% Öl (DE NEGRI).
Triticum vulgare ändert ab: var. aestivum (Sommerweizen), Ähre etwas locker, Deckspelzen nicht begrannt, gleich den Hüllspelzen sammetartig behaart oder kahl und var. hibernum (Winterweizen), Ähre sehr dicht, Deckspelzen lang begrannt.
Außer Triticum vulgare wird oft auch T. Spelta (Spelz, Dinkel, Korn) gebaut. Ährchen mit 5 Blüten, von denen die drei unteren fruchtbar.
In Gebirgsgegenden baut man T. monococcum (Einkorn) mit dreiblütigen Ährchen, bei denen nur die unterste Blüte fruchtbar ist.
Selten kultiviert werden T. dicoccum (Emmer) mit vierblütigen Ährchen, bei denen die zwei unteren Blüten fruchtbar. T. polonicum (polnischer Weizen), mit nickender Ähre, T. durum mit knorpeligen Hüll- und Deckspelzen und T. turgidum.
Die Weizenernte der Erde wird pro Jahr auf 190 Milliarden engl. Pfund geschätzt.
Die Frucht des Weizen enthält Rohrzucker (E. SCHULZE). Die Weizenkleie liefert bei der Hydrolyse Arabinose und Xylose (SCHULZE, TOLLENS).
Pathologie. Prof. ED. FISCHER berichtet über die pflanzlichen Schädlinge: Zunächst gibt es eine Reihe von parasitischen Pilzen, welche Stengel, Blätter und auch Spelzen befallen und dadurch auch auf den Körnerertrag ungünstig wirken, so die Rostpilze Puccinia triticina, glumarum, graminis, der Mehltaupilz Erysiphe graminis, dann Melanospora damnosa (SACC.) LINDAU, OPHIOBOLUS GRAMINIS SACC., Septoria graminum DESM. u. andere. Die Körner selber werden namentlich von Brandpilzen zerstört, unter denen Tilletia Tritici (BJERK.) WINT. und Tilletia laevis KÜHN in erster Linie stehen. Es rufen dieselben den sog. Steinbrand, Stink- oder Schmierbrand des Weizens hervor. Äußerlich unterscheiden sich die erkrankten Ähren und die befallenen Körner wenig von den normalen, aber beim Öffnen der letzteren findet man sie vollständig von der schwarzen, nach Heringslake riechenden Sporenmasse des Parasiten erfüllt. Die ganze Blüte wird zerstört durch den Flugbrand Ustilago Tritici (PERS.) JENS. In einer von diesem Pilz befallenen Ähre tritt zwischen den Spelzen der schwarze Sporenstaub sehr auffällig zutage. In dem Fruchtknoten des Weizens entwickelt sich ferner das Mutterkorn Claviceps purpurea (s. den betreffenden Abschnitt), wiewohl es hier weniger häufig angetroffen wird als auf dem Roggen. — Eine Deformation der Ähren bringt die Peronosporee Sclerospora macrospora SACC. hervor.
Über tierische Schädlinge des Weizens berichtet ISRAEL:
1. Käfer: Anisoplia fruticola FABR., Anisoplia agricola FABR. Larven im Boden an Graswurzeln, Käfer an den Blüten, die Organe der Befruchtung zerstörend. Lema melanopa L., Lema cyanella L. Beide Käfer sind dem Volke als Getreidehähnchen bekannt. Die Larven dieser Käfer sind meist mit ihrem Kote bedeckt. Sie leben an den Blättern des Weizens, lange Streifen aus denselben herausfressend. Agriotes lineatus L. Larve an den Wurzeln von Getreide. Oft schädlich.
2. Falter: Hadena exclamationis L., Hadena tritici L. Die Raupen dieser gemeinen Eulen werden, wenn sie in Massen auftreten, den Getreidefeldern verderblich. Sie sind im übrigen polyphag.
3. Fliegen: An Triticum leben auch mehrere Cecidomyiaarten, z. B. C. tritici, destructor, flava, aurantiaca und andere.
4. Gradflügler: Thrips frumentarius BELING. Dieser Blasenfuß lebt oft gesellig an diversen Cerealien und schädigt besonders die sich entfaltenden Ährchen, welche samt den Spelzen von der gemeinsamen Spindel abfallen.
5. Schnabelkerfe: Aphis cerealis KALT. Diese (grüne Kornlaus vom Volke genannte) Blattlaus lebt an den Ähren sehr vieler Gramineen, auch an Roggen, Weizen, Gerste und Rispengräsern (Hafer usw.).
Tylenchus tritici, das sehr gefährliche Weizenälchen, ist sehr resistent. Es kann in Glycerin leben und wird von Belladonna, Morphin, Atropin, Curare und Strychnin nicht getötet.
Über die Kornmotte (I, Fig. 333) vgl. I, S. 375 u. 383.
Darstellung der Weizenstärke. Weizenstärke wird in größtem Maßstabe in Europa (und Amerika) dargestellt, in Deutschland besonders in der Gegend von Halle a. S. — meist aus den Früchten von Triticum vulgare, aber auch T. durum und turgidum (in Langenau, Württemberg) und T. Spelta (Kernenstärke, s. w. u.) werden dazu benutzt. Entweder wird Weizenmehl auf Stärke und Kleber verarbeitet, oder man geht von dem ganzen Korn aus, zerquetscht dieses und verarbeitet den Brei auf Kleber und Stärke oder letztere allein.
Geht man vom Mehle aus (MARTINsche Methode), so wird dieses in einer Teigknetmaschine mit Wasser zu einer steifen Masse angemacht und diese in Sieben mit Wasser so lange ausgewaschen, bis dieses nicht mehr milchig abläuft. Das «Stärkewasser» läßt man in dem Absatzbottich schwach gären, um die letzten Reste des Klebers zu zerstören, läßt dann das Wasser ab und reinigt dann die Stärke durch wiederholtes Waschen und Absetzenlassen. Bei diesem Verfahren bleibt der größte Teil des sehr wertvollen Klebers auf den Sieben zurück und wird auf Futtermittel (Klebermehl, Kleberkörner) verarbeitet.
Geht man von der unvermahlenen Frucht aus, so wird diese zunächst (im Quellstein, Quellstock) in Wasser aufgeweicht, dann zwischen Walzen zerquetscht, der Brei (das «Gut») mit Wasser angerührt und im Gutbottich (14 Tage bei 20°) gären gelassen. Hierbei wird der Kleber durch saure (faulige) Gärung zerstört und die Stärke fast vollständig abgeschieden (reif). Die hierbei erhaltene Masse wird, nachdem man das «Sauerwasser» abgelassen, in Waschtrommeln oder Tretmühlen gebracht, die aus diesen abfließende Stärkemilch wird in Bottichen absetzen gelassen und dann abgezogen (Sauerverfahren von Halle). Um den Verlust des Klebers zu vermeiden, werden die eingequollenen Weizenkörner bisweilen (Elsässer Methode) geschrotet, zerquetscht und auf Sieben, die die Hülsen und den Kleber zurückhalten, ausgewaschen. Die Waschwässer (Rohstärkemilch) läßt man in Absatzbottichen unter Zusatz von Sauerwasser sauer werden, wodurch die Reste des Klebers gelöst werden, die Stärke wird dann durch Waschen gereinigt. Der auf den Sieben zurückbleibende Kleber, der noch viel Hülsen und Stärke enthält, wird entweder auf menschliche Nahrungs- oder Futtermittel verarbeitet, oder dient als Klebe-, Steifungs- oder Verdickungsmittel. Bisweilen werden bei der Reinigung Ätzkali, Ammoniak oder Schwefelsäure benutzt. Bei der Herstellung der besten Handelssorten werden vor dem Trocknen die oberen Schichten des Stärkesedimentes abgeschabt.
Das Verfahren aus Mehl liefert c. 45%, das Verfahren aus dem Korn mit Gärung c. 60%, ohne Gärung c. 52% der im Korn enthaltenen Stärkemenge.
In einigen Gegenden wird Weizenstärke auch noch im kleinen in Hausindustrie dargestellt, so z. B. wird in Tägerig, im Kanton Aargau, aus «Chorn» (Trit. Spelta) sog. Ammelemähl (Ammermehl, Kernenstärke) in ziemlich primitiver Weise noch jetzt bereitet. Die Industrie reicht dort jedenfalls bis 1678 zurück und ehedem wurde fast in jedem Hause «g’ammelemählet». Das interessante Verfahren ist (von Abbildungen begleitet) ausführlich beschrieben von MEIER, Tägliger Ammelemähl (in Die Schweiz 1908, 105).
Handel. Die Weizenstärke kommt im Handel in sehr verschiedener Form und Güte vor. Entweder findet sie sich in größeren oder kleineren unregelmäßigen Stücken (Bröckelstärke, Schäfchen) oder mannigfach, meist zu Stengeln, Stäbchen oder scharfkantigen Stücken geformt (Tafel-, Strahlen-, Kristall-, Stangen-, Stengel-, Zettelstärke) oder endlich als Pulver.
Die Feinheit wird durch Bezeichnungen, wie feinste Tulleanglais, Musselinstärke, feinste weiße Patentstärke, mittelfeine und ordinäre Stärke abgestuft.
Anatomie. Die Stärkekörner der Weizenstärke bilden zwei ziemlich scharf geschiedene, durch Mittelformen wenig miteinander verbundene Formen: Großkörner und Kleinkörner (Fig. 66).
Die Großkörner sind dick linsenförmig, von der Fläche betrachtet rund, aber sehr selten streng kreisförmig, bisweilen zum Oval übergehend oder mit geschweiften Umrißlinien, in der Seitenansicht länglich elliptisch mit einem Zentralspalt. Schichtung fehlt. Der zentral gelegene Kern ist undeutlich. Die Größe variiert. Die größten messen 30–38, ja sogar 45 mik. und mehr, die kleineren 15–25 mik. Die Großkörner der Speltastärke sind etwas kleiner, meist 20–25 mik.
Die Kleinkörner sind meist rundlich oder oval, seltener polyedrisch oder in ein Spitzchen auslaufend. Die Größe beträgt 2–9,5, meist 6–7 mik.

Fig. 66.
Weizenstärke.
x Körner von der Seite. y zusammengesetzte Körner.
[Nach
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Als Nebenform finden sich zusammengesetzte Körner mit 2–25 Teilkörnern, sowie einige Zwischenformen der Groß- und Kleinkörner, auch wohl zusammengesetzte Großkörner oder sackartige Formen.
Chemie. Weizenstärke enthält durchschnittlich 83 (82–85)% Stärke, 13 (12–16)% Wasser, 1,9% (die kleberarme nur 0,1–0,15%) Stickstoffsubstanz, 0,35 (0,1–0,5)% Asche, 0,31% (die schlechteren Sorten 1–1,5%) Rohfaser und 0,19% Fett.
Weizenstärke reagiert schwach sauer (Milchsäure). SOXHLET fand (vor längerer Zeit) in Weizenstärke im Durchschnitt 0,141% freie Säure auf Milchsäurehydrat berechnet. SAARE fand neuerdings den Säuregrad zumeist 1–1,4 (= ccm N⁄10 Natron). PATCH beobachtete (1900) auch alkalische Reaktion.
Bei 62,5° sind die Körner der Weizenstärke noch wohl erhalten, die der Roggenstärke aber schon verkleistert (WITTMARCK). Der Weizenstärkekleister ist trübe, geruch- und geschmacklos.
Prüfung. Die Prüfung erfolgt durch das Mikroskop. Die Weizenstärke muß auf Chloroform schwimmen. Mit kaltem Wasser angerieben darf das Filtrat mit Jod keine Bläuung geben, sonst ist Stärkeabkochung (zur Stengelformung) zugesetzt. Die saure Reaktion darf nur sehr schwach sein. Der Aschengehalt darf 0,5% nicht übersteigen (HAUKE).
Anwendung. Die Weizenstärke ist jetzt die in der Pharmazie am meisten angewendete (s. S. 157). Viele sog. Kraftmehle, Kindermehle, Amidons enthalten Weizenstärke (oder Weizenmehl) oder bestehen daraus. Ebenso Semolina, Semoule d’Igname, Nevilles Patent flour of lentills, Bullocks Semula, Baby food u. and.
Geschichte. Während BUSCHAN die Cerealien nur bis zur neolithischen Periode zurückverfolgen konnte, haben die Ausgrabungen von PIETTE gezeigt, daß schon der paläolithische Mensch im südlichen Frankreich in der älteren glyptischen Periode des Renntierzeitalters Cerealien kannte und wohl auch in roher Weise kultivierte (HOOPS). Aus der Übergangszeit von der paläolithischen zur neolithischen Periode, also lange vor der Epoche der polierten Steinäxte, ist kultivierter Weizen und sind Getreidemühlen (von PIETTE) sicher nachgewiesen. Auch nach SOLMS-LAUBACH ist die Kultur der Getreidepflanzen unendlich viel älter als man gewöhnlich annimmt. Wir wissen jetzt, «daß in Zentralasien schon Getreide gebaut wurde, als Sibirien und die turanischen Steppen noch vom Meere bedeckt waren und die Gobi sich eben aus einem Binnenmeere in eine Wüste verwandelte, daß die Weizenarten von Mittelasien aus sich über Persien und Nordafrika schon zur Eiszeit bis in das Mittelmeergebiet verbreiteten und schon vor dem Ende der pleistocänen Epoche bis nach Spanien und Südfrankreich gelangten». Auch in Mittel- und Nordeuropa reicht der Getreidebau bis in die neolithische Periode zurück. Die ältesten Getreidearten waren hier Weizen, Gerste und Hirse. Triticum vulgare, T. dicoccum und monococcum, Hordeum hexastichum und distichum und Panicum miliaceum wurden, wie Funde in Pfahlbauten, Aschengruben, Feuerherdresten usw. zeigen, schon zur Steinzeit dort überall gebaut. Das älteste Getreide der Indogermanen war die Gerste (HOOPS). In Troja fand SCHLIEMANN Früchte von Tr. monococcum. Im alten Indien wurde hauptsächlich Reis (vrībíṣ), dann Weizen (godhūmas = Barbarenessen) und Gerste (yávas) gebaut (LASSEN). Auch in China ist Weizenbau uralt (vgl. I, S. 522). Die Urform des Weizen ist entweder Triticum Spelta oder T. dicoccum. Weizen (swt, beti, bet-t, bet) und zwar Triticum vulgare VILL. (begrannten und unbegrannten) und wohl auch T. dicoccum SCBR. und auch T. turgidum L. wurde bereits vor 4000 Jahren auch in Ägypten in großem Stile angebaut. Die Weizenernte in allen ihren Phasen ist ausführlich dargestellt in einem Grabe von Chum el Achmar, an der Ostwand des Ti-Grabes in Saqqarah (III. Jahrtaus. n. Chr.) u. and. Ein 3500–4000 Jahre alter Ziegel enthält Weizenkörner. Solche sind auch in zahlreichen Gräbern gefunden worden. Weizenähren tragen die Herrscher oft auf den bildlichen Darstellungen in der Hand. Auch auf unzähligen Bildwerken späterer Zeit finden wir Getreideähren (oft mit Mohnköpfen vergesellschaftet, vgl. das Mekonopeignion I, S. 926) in den Händen der Götter und Fürsten. Die ὄλυρα der Griechen (HERODOT) war wohl, wie der far der Römer, Triticum dicoccum, der Emmer (BUSCHAN, SCHWEINFURTH). Der πυρός des DIOSKURIDES, der von der arzneilichen Anwendung des Weizenmehles viel zu berichten weiß, war wohl T. vulgare. Die ζειά des DIOSKURIDES war wohl T. dicoccum (δικόκκος) und T. monococcum (ἅπλη). HIPPOKRATES bediente sich gern des Weizens. Weizenstärke tritt auch als Appretur schon auf frühmittelalterlichen Papieren sowohl als Kleister, wie in Substanz aufgewalzt auf (WIESNER, KOBERT).
Lit. KÖRNICKE, Getreidebau. — Abbild. in Les grandes cultures du monde. — HARZ, Landwirtsch. Samenkunde. — TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas. — MOELLER, Mikroskop. d. Nahr. u. Genußm. 2 Aufl. (dort weitere Lit.). — Analysen in KÖNIG, Nahr. u. Genußm. — DE NEGRI, Chem. Zeit. 1898. — WÖNIG, Pflanz. im alt. Ägypt. — HOOPS, Waldbäume u. Kulturpfl. im german. Altert. 1905. — SOLMS-LAUBACH, Weizen und Tulpe u. deren Geschichte. Leipzig 1899. — BUSCHAN, Vorgeschichtl. Botan. 1895. — PIETTE, L’anthropologie. 1896. — LASSEN, Ind. Altertumskunde. — KOBERT, Zeitschr. f. angew. Chem. 1910, 1250. — Abbild. d. Pflanze BENTLEY-TRIMEN, Medicinal plants t. 294.
2. Amylum Oryzae.
Reisstärke, — amidon de Riz (fr.) — arroz (sp.) — rice starch (engl.) — amido di riso (ital.) — rijstzetmeel (holl.) — riisi tärkkelys (fin.) — rizskeményitő (ung.) ἄμυλον ορύζης (n.-gr.).
Stammpflanze: Oryza sativa L. (LINNÉ spec. pl. I, 333) mit den Kulturvarietäten: montana (Bergreis), glutinosa (Klebreis), praecox (frühreif. Reis), perennis (ausdauernd. Reis), mutica (unbegrannter Reis), minuta (kleiner Reis), coarctata (gedrungenblüt. Reis). Im Museum in Calcutta finden sich Proben von über 1100 Spielarten.
Etym. ὄρυζα (neben ὄρυζον) ist von sansc. vrīhíṣ, tam. arishi abzuleiten. Über das altpers. brîzi und das arabische arruz (arrozz) gelangte das Wort in die europäischen Sprachen, in das Spanische, wie so oft, durch Agglutination des arabischen Artikels, in das Deutsche über ital. riso. Im Sansc. heißt der Reis auch dhánya (d. h. Erhalter des Menschengeschlechts) (hind.: dhán, chával).
Systemat. Stellung. Gramineae Oryzeae.

Fig. 67.
Die punktierten Stellen bezeichnen die Länder, in denen
Reis
kultur getrieben wird.
· · · · · · · · · · Polargrenze der
Mais
kultur.
– – – – – – Verbreitungsgebiet der
Sago
palme.
[Vgl. auch
Langhans
, Kleiner Handelsatlas.]
Vorkommen und Kultur. Der Reis ist im warmen Südostasien, besonders in China und Indien, ferner im tropischen Australien und in Westafrika heimisch. Er verlangt ein warmes Klima, gedeiht aber noch in der Lombardei und Spanien, am besten freilich in tropischem Klima. Er verlangt viel Wasser.
Die Kultur des Reis (vgl. Fig. 67) ist in China uralt und noch jetzt über die ganze südliche Hälfte des Reiches sowie Cochinchina und Birma verbreitet. Die Sage berichtet, daß der Kaiser SHEN NUNG, den man auf 2800 n. Chr. ansetzt (die Datierung ist aber sicher falsch), bei einer Zeremonie, bei welcher 5 Arten Getreide gepflanzt werden mußten, den Reis pflanzte, während die anderen 4 von den Prinzen gepflanzt wurden. Aber es ist wahrscheinlich, daß China die Pflanze vom Südwesten her erhielt, wo jetzt der beste Reis der Erde produziert wird (SEMLER). In Indien spielte die Reiskultur seit altersher eine große Rolle. Was der Sago für den Osten, das ist der Reis für den Westen Südasiens. Von Indien, das ¾ der Weltproduktion liefert, ist die Reiskultur nach dem Mittelmeergebiet (Italien: Poebene, Lombardei, Venezien, Piemont und Spanien: Andalusien, Valencia, Catalonien) und die Verein. Staaten gebracht worden. Obenan steht hier Süd-Carolina, dann folgen Louisiana und Georgia. «Wie nämlich mit dem Zucker und Kaffee und der Baumwolle geschah, so auch mit dem Reis: erst die Versetzung in die neue Welt hat ihn zu einem Weltprodukt gemacht. Europa war für diese Frucht nur die Haltestation, wohin sie die Araber, die alten Zwischenhändler des Ostens und Westens brachten und von wo andere sie weiter nach Neu-Indien jenseits des Ozeans schafften» (HEHN). Südamerika baut nur wenig. Im großen Stile wird Reis ferner in Japan, Hinterindien, Siam und auf Java gebaut, dann auch auf den anderen Inseln des malaiischen Archipels. In Afrika baut Ägypten Reis. Die Kultivateure unterscheiden Wasserreis (ind. aus) und Bergreis (ind. boro) und eine Zwischenform (ind. amum), sowie den hier nicht in Betracht kommenden Klebreis. In Java, dessen Reiskultur hoch entwickelt ist, sah ich die beiden typischen Kulturmethoden, die in den Bergen übliche trockene Methode der gaga (tegal), wo der Bergreis (O. montana = paddi tjereh) — seltener Klebreis (p. ketan) — auf trockene Felder ausgesät wird und die im ganzen Mittelland gebräuchliche der sawah (rawah, vgl. I, Fig. 24), bei der Oryza sativa und praecox in quadratischen, terrassenartig übereinander liegenden, periodisch bewässerten Feldern meist durch Einpflanzen von in Saatbeeten erzeugten Pflänzlingen (seltener durch Aussaat) gebaut wird. Die Reiskultur verursacht viel Arbeit. In Java heißt der Reis im Halme paddi, gedroschen gaba, geschält bras, gekocht nassi.
Pathologie. Über die pflanzlichen Schädlinge berichtet Prof. ED. FISCHER: Unter den Krankheiten, welche die ganze Reispflanze ergreifen, ist besonders die Brusone-Krankheit zu erwähnen, mit der die in Japan auftretende Imotsi-Krankheit identisch zu sein scheint. Es handelt sich um eine Fleckenkrankheit, die auch völlige oder teilweise Sterilität der Rispen nach sich zieht. Die meisten Autoren sehen eine Imperfekte, Piricularia Oryzae CAV. als Ursache an, doch halten andere das Auftreten dieses Pilzes für eine sekundäre Erscheinung. In den Blüten von Oryza ist Claviceps purpurea beobachtet worden; nahe verwandt mit derselben ist nach BREFELDS Untersuchungen sehr wahrscheinlich Ustilaginoidea Oryzae (PAT.) BREF., die in dem Fruchtknoten eine schwarze Conidienform bildet, welche man früher als einen Brandpilz (Tilletia Oryzae PAT.) ansah.

Fig. 68.
Oryza sativa
.
1. Einblütiges, kurz begranntes Ährchen, die Spelzenhülle geöffnet. 2. Querschnitt durch eine von Palea inferior (pi) und Palea superior (ps) eng umschlossene Frucht. 3. Längsschnitt durch die Frucht. 4. Längsschnitt durch den Keimling: scut. Scutellum, pl. Plumula, rad. Radicula.
[Nach
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Beschreibung. Oryza sativa wird etwa 1 m hoch. Die einblütigen, etwas platten, von vier glumis behüllten Ährchen sind zu großen, meist ziemlich zusammengezogenen, seltener ganz lockeren Rispen vereinigt. Die Blüten besitzen sechs Stamina. Die meist etwa 6–7 mm lange Frucht ist von der Seite stark zusammengedrückt, zeigt zwei seitliche Furchen und wird von den miteinander verzahnten Spelzen (paleis) dicht und fest umschlossen (Fig. 68). Diese Spelzen sind knorpelig, lederig, reich an mechanischen Elementen, anliegend, rauhhaarig, die Palea inferior fünfrippig, begrannt, die Palea superior dreirippig. Bei dem wilden Reis fallen (wie bei den meisten wilden Getreidearten) die Früchte bei der Reife aus den Ähren heraus. Frucht- und Samenschale sind zart und obliteriert. Durch das Schälen und Polieren werden die Paleae und auch die Frucht- und Samenschale (Silberhaut) sowie die 1–2reihige Aleuronschicht und der stark exzentrisch gelegene, leicht sich ablösende Keimling entfernt, so daß das Korn dann nur aus dem Endosperm besteht. Der Bau der Spelzen und der Fruchtschale ist beschrieben in TSCHIRCH-OESTERLE, Anatomischer Atlas. Die Größe der Reiskörner schwankt zwischen der eines Senfkornes und der eines Melonenkernes, die Farbe von hellgelb bis schwarz. Ungeschälter Reis heißt in Indien paddy, in Nordamerika rough rice. Durch Schälen in der Reismühle (im peeler, polisher, huller) wird das Gewicht auf die Hälfte oder zwei Drittel reduziert. Das Produkt heißt Kochreis. Das beim Schälen abfallende ist die Reiskleie, die aber immer noch c. 25% Stärke, 6,5% Eiweiß und c. 5,5% Fett (daneben aber c. 46% Rohfaser) enthält. Das durch Polieren des Kochreis abfallende ist noch stärkereicher (30–50%) und bildet daher ein gutes Ausgangsmaterial für die Darstellung der Reisstärke. Die Eingeborenen der verschiedenen Länder Asiens besorgen das Schälen des Reis nur selten in Mühlen. Ich sah in Südostasien den Reis in Mörsern stampfen, durch hölzerne Klöpfel schlagen und durch mechanisch mit den Füßen in Bewegung gesetzte breite Hämmer klopfen (vgl. auch Fig. 69).
Geschälter Reis enthält 74,9–77% Stärke, 0,68% Rohfaser, c. 9,2% Eiweiß, ungeschälter c. 74% Stärke, 3,1% Rohfaser und 7,8% Eiweiß.

Fig. 69.
Japanische Reisschälmethode.
Stampfen des Reis in einem Mörser mit einem mit dem Fuß gehobenen, knieförmig gebogenen Holz.
[Aus Les grandes cultures.]
Produktion. Die Reisernte wird jetzt pro Jahr auf 175 Milliarden (engl.) Pfund (lb.) = c. 80 Mill. t. geschätzt. Britisch Indien produziert 60, China 50–60, Japan 15, Siam 6,75, Java 6,5, franz. Hinterindien 5, Korea 3, Formosa 2,75 Milliarden lb., Italien erzeugt 750 Millionen Pfund, je c. 500 Mill. lbs. erzeugen Spanien, Ceylon, die Philippinen, die Vereinigten Staaten (Louisiana, Texas, Süd-Carolina, Arkansas). In letzteren stieg 1908 die Produktion auf 608 Mill. lbs. (1907 erzeugte Nordamerika 18738000 Bushels Reis.) Es wird jetzt dort nicht nur Flußschlemmland, sondern auch Prairieland zum Reisbau herangezogen. Europa führt jährlich für 344 Mill. Mark Reis ein. Deutschland verbrauchte 1907 für 31743000 Mark. Der Jahresumsatz des Weltreismarktes beträgt 600–800 Mill. M. Vom indischen Reis unterscheidet man drei Sorten: Tafelreis, Ballam und Moonghy. Den meisten Reis exportiert Burmah, dann folgt Bengalen und Madras. In Code franc. steht geschälter (décortiqué) Reis.
Als Schädling der Früchte ist der Käfer: Rhizopertha pusilla FABR. zu nennen, dessen Larve vermutlich eingeschleppt wurde. Er ist namentlich in Hafenplätzen öfter schädlich aufgetreten (ISRAEL). Über Calandra Oryzae vgl. I, S. 383. Siehe auch unter Mais.
Darstellung der Reisstärke. Reisstärke wird besonders in England, dann in Belgien, Frankreich, Deutschland (Altona, Ulm), Österreich (Fiume, Tirol), Italien und Amerika aus schlechteren Reissorten, aus Bruchreis, havariertem Reis oder den beim Polieren des Reis erhaltenen Abfällen bereitet.
Da die Stärkekörner die Zellen dicht erfüllen, genügt Einweichen und Zerquetschen der Früchte nicht, um die Körner zu isolieren. Sämtliche zur Anwendung kommende Verfahren (JONES, RANSFORD, BERGER) laufen darauf hinaus, daß der die Körner verkittende Kleber durch Behandlung mit verdünnter Ätzlauge (z. B. 0,25% Natronlauge), Ammoniak oder Säuren oder durch ein «Gärverfahren» gelöst, das Reiskorn «aufgeschlossen», d. h. aufgelockert wird. Die weitere Behandlung ist wie bei der Weizenstärke (s. d.). Neuerdings wird in Frankreich auch der elektrische Strom herangezogen. Nach dem STOLTENHOFFschen Verfahren werden die Körner im Vacuum 6–8 Stunden mit fließender Natronlauge behandelt (die Lauge wird mit Säure gefällt, der gefällte Kleber ist als «Energin» im Handel). In Deutschland gibt es 12 Reisschälmühlen und Reisstärkefabriken. Über den Klebreis vgl. Amylodextrin.

Fig. 70.
Reisstärke.
[Nach T
SCHIRCH
-O
ESTERLE
, Atlas.]
Anatomie. Das Endosperm des Reis ist bisweilen in ein Horn- und Mehlendosperm geschieden. Ein Teil und zwar die Hauptmasse erscheint alsdann glasig, ein Teil in der Nähe des Scutellums mehlig. Die Stärkekörner erfüllen die Zelle dicht. Zusammengesetzte Stärkekörner treten nur undeutlich hervor. Ihre Begrenzungslinie ist nie glatt (wie beim Hafer). Die Stärkekörner der Reisstärke (Fig. 70), die auch wohl (fälschlich) Reismehl genannt wird, sind kristallartig scharfkantig-eckig, besonders häufig fünfeckig. Rundliche Körner sind selten. Sie sind ziemlich gleichartig in Gestalt und Größe, meist 4,5–6 mik lang, die größeren bis 8,5, nie über 10 mik, die kleinsten 3 mik. Bisweilen hängen noch einige Körner zusammen. Einige zeigen eine Kernhöhle.
Chemie. Reisstärke enthält durchschnittlich 85,18% Stärke, 13,7% Wasser, 0,88% Stickstoffsubstanz, 0,3% Asche; Spuren Fett und Rohfaser. Reisstärke beginnt bei 53,7° aufzuquellen und bei 58,7° zu verkleistern, bei 61,2° (nach DAFERT bei 73°) ist die Verkleisterung vollkommen (LIPPMANN).
Handel. Im Handel ist die Reisstärke entweder in kantig-prismatischen Stücken als Strahlen-, besonders Kristallstärke oder aber (die schlechteren Sorten) in Form unregelmäßiger Brocken (Schäfchen) oder als Pulver. «Royal Anglais» ist belgische (Remy-)Stärke, Corn flour besonders feine Reisstärke.
Die Gesamteinfuhr an Reisstärke betrug in Hamburg 1908: 24661 dz, die Einfuhr an Reis 2354543 dz, der meiste (1810385 dz) kam aus Brit. Ostindien.
Deutschland führte 1909 polierten Reis 851935 dz, enthülsten und Bruchreis 2178571 dz ein, letzteren vornehmlich aus Brit. Indien, dann auch aus Siam und französ. Indien (Reis in der Hülse nur 163958 dz) und exportierte Reisstärke 53497 dz besonders nach Großbritannien.
Prüfung. Reisstärke besteht fast nur aus Stärkekörnern (s. oben) mit sehr wenig Zellresten, bildet also ein sehr feines und gleichmäßiges Pulver. Die Beimengung von Spelzen ist leicht an der sehr charakteristischen Epidermis derselben zu erkennen, andere Stärke an den abweichenden Formen (am schwierigsten Haferstärke — kommt aber in praxi kaum vor).
Reisstärke reagiert stets alkalisch. Die medizinisch angewendete soll aber doch nur sehr schwach alkalisch sein, also mit Wasser geschüttelt ein nahezu neutrales Filtrat liefern (Ph. helv. IV). Die Asche übersteige 0,5% nicht (HAUKE).
Anwendung. Reisstärke ist in der Revalenta arabica (Revalescière du Barry), im Racahout des Arabes, in der Kaiffa, dem Palamoud des Turcs, der Palmycena und anderen Geheimmitteln enthalten. Reis wird gegen Diarrhoe angewendet. Die Reisstärke ist die wichtigste Poudre-Grundlage (poudre de riz). Reisstärke gibt, da sie vollständig, sehr gleichmäßig und gummiartig verkleistert, eine vorzügliche Appretur, wird aber wegen des hohen Preises nur zur Appretur feinerer Stoffe benutzt. Silberglanzstärke ist Reisstärke mit 10–15% Borax, Doppelstärke enthält neben Reis- und Kartoffelstärke 6–7% Borax und 2–2,5% Stearin. Crêmestärke ist mit Farbstoffen gefärbt.
Reis ist das wichtigste Nahrungsmittel Südasiens (China, Indo-China, Indien, Malaiisch. Archipel) und großer Teile Afrikas, denn er enthält neben viel Kohlehydraten (vornehmlich Stärke) auch ziemlich viel Stickstoffsubstanz (s. oben), so daß man sich von ihm allein ernähren kann. Reis kann aber nicht verbacken werden. «In dem Kranze wertvoller Nutzpflanzen, die die Tropen ihren Bewohnern liefern, ist der Reis eines der schönsten Blätter, ja er bildet mit dem Coco und dem Pisang die Grundsubstanz aller Speisen, die der Eingeborene in Ceylon und Java, ja im ganzen malaiischen Archipel genießt» (TSCHIRCH, Ind. Heil- u. Nutzpflanzen). Und auch der Holländer geht in Indien täglich um Mittag zur «Reistafel». In Asien werden aus Reis mehrere alkoholische Getränke hergestellt (vgl. I, S. 1019). Schon die alten Inder kannten ein Reisbier.
Geschichte. Reis findet sich noch nicht in Rig-Veda, in Atharva-Veda ist er mit másha (Phaseolus Roxburghii) und Sesam zusammen erwähnt. Die Alten des Abendlandes bauten Reis nicht, bezogen ihn aber aus Indien. Ein gebräuchliches Nahrungsmittel wurde er im Altertum des Abendlandes nicht. Selbst Reistisane war teuer (HEHN). Das Abendland wurde durch den Alexanderzug (I, S. 529) mit dem Reis bekannt. THEOPHRAST beschreibt ihn gut. Damals wurde Reis in Sawahs (s. vorn) nicht nur im Indusdelta, sondern auch im Zweistromlande und am Oxus gebaut (STRABO). Im Periplus (I, S. 536) wird Reis als Ausfuhrartikel von Limyrike und Reiskulturen in Ostindien bei Barygaza und Ariake erwähnt. Nach Ägypten und Spanien brachten die Araber die Reiskultur, ins Mailändische und Venezianische kam sie Anfang des XVI. Jahrh. (HEHN). ALBERTUS MAGNUS (I, S. 673) bespricht Rizum. Der Reis ist bei den Indern Symbol des Reichtums und der Fruchtbarkeit. Er spielt dort im Hochzeitsritus, bei den Ceremonien zur Erlangung von Kindern sowie als Liebesorakel und Aphrodisiacum, Allheilmittel, Schönheitsmittel eine Rolle. Auch in England wirft man der Braut Reiskörner nach. Reis ist die Pflanze der javanischen Ceres, Dewi Sri. Die Reiskultur hat aus den Malaien, orang malayu, d. h. herumschwärmenden Leuten, seßhafte gemacht. «Reis und Tee» heißt im Japanischen soviel wie bei uns «Essen und Trinken». Reismehl tritt als Appretur auf frühmittelalterlichen Papieren sowohl als Kleister wie in Substanz aufgewalzt auf (WIESNER, KOBERT). Die Reisstärke ist ziemlich spät erst in Aufnahme gekommen.
Lit. DE CANDOLLE, L’origine des plantes cultiv. — Pharmacographia indica (dort die Geschichte des Reis in Indien). — WATT, Dictionary of econom. prod. India. — K. BRAUN, Der Reis in Deutsch-Ostafrika. Ber. über Land- u. Forstw. in Deutsch-Ostafrika. 1908. — HEHN, Kulturpfl. u. Haust., VII. Aufl. 1902. — TSCHIRCH, Ind. Heil- und Nutzpflanzen (mit Abbild.: Sawah, Reismühlen usw.). — Les grandes cultures (zahlreiche Abbild. der Kultur und Ernte). — SEMLER, Trop. Agrikultur, 2. Aufl. — WIESNER, Rohstoffe (dort d. ältere Lit.). — TSCHIRCH, Stärkemehlanalysen. Arch. Pharm. 1885. — TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas, Taf. 45 (dort eine ausführl. Beschreib. d. Frucht). — MOELLER-WINTON, Mikrosk. d. Nahrungs- u. Genußm. 1905 (Abbild.). — VAN GORKOM, Rijst in Beschreijvende Catalog. Kolon. Mus. Haarlem 1907 und Oostindische Cultures. — HARZ, Landwirtschaftl. Samenkunde. — Abbild.: NEES VON ESENBECK, t. 36, BENTLEY-TRIMEN, Medicinal plants t. 291, BERG, Charakteristik t. 6 und HACKEL in ENGLER-PRANTL, Pflanzenfam. II. 2, 41. — KOBERT, Zeitschr. Angew. Chem. 1910, 1249. — Asche: HAUKE, Zeitschr. Österr. Apoth. Verein 1902.
3. Amylum Maidis.
Mais- oder Mays-Stärke — amidon de mays (franz.) — maize starch (engl.) — in Amerika: corn starch — maïszetmeel (holl.) — amido del mais (ital.) — maissi tärkkelys (finn.) — kukorica kemenyitő (ung.) — ἄμυλον ἀραβοσίτον (n.-gr.).
Stammpflanze: Zea Mays L. (LINNÉ, Spec. plant. I, 971) mit mehr als 300 Spielarten, die sechs Gruppen bilden: Balgmais (huskcorn), Zahnmais (dentcorn), Weichkorn (softcorn), Steinmais (flintcorn), Zuckermais (sweetcorn), Puffmais (popcorn). Der Coyotemais Mexikos wird von einigen als die wilde Urform (?) betrachtet. In Deutschland unterscheidet man: Gemeiner Mais, Perlmais, Pferdezahnmais, Zuckermais, Cuzcomais, Balgmais.
Syn. Indianisch Korn (CORDUS), Indian Corn (engl.), Corn (in Amerika), Türkischer Weizen, Türkenkorn, Türkisch Korn (BOCK, FUCHS), Blé turc (franz.), Kukuruz (Österreich-Ungarn, Donauländer), Welschkorn (BOCK), Türgga (Appenzell), Syrische Durrha (Ägypten), Ägypt. Korn (Türkei), Mekka Weizen (Persien), Arabisch Korn (Griechenland), Guineahirse (Portugal), Tureskorichljib (Rußland). Beim Mais sagt also die Länderbezeichnung nichts über die wahre Provenienz aus.
Etym. Zea von ζέα, ζειά griech. Name eines Triticum (s. S. 188), von ζῆν = leben — Mais von haitanisch (Tupi) Mahiz, mahis. COLUMBUS importierte auch das Wort. «Kukuruz» nach LIPPMANN vom spanischen Cucurucho.
Systemat. Stellung. Gramineae, Maideae.
Beschreibung. Der diclin monöcische Mais wird 60 cm bis 6 m hoch, je nach der Spielart. An der Spitze des Halmes finden sich die männlichen Blütenrispen. In den Blattwinkeln stehen 2–3 kolbenförmige, je nach der Spielart sehr verschieden große weibliche Ähren, von häutigen Hüllblättern umgeben. Die schwammige Achse trägt 8–10 Längsreihen zweiblütiger Ährchen, deren untere Blüte nur unvollständig entwickelt ist. Die Griffel sind sehr lang und hängen aus den Kolbenscheiden weit heraus. Sie werden neuerdings als Stigmata Maidis arzneilich benutzt. Beim Heranwachsen platten sich die Früchte, die in geraden oder etwas schrägen Längszeilen liegen, etwas gegeneinander ab. Sie bilden den bekannten Maiskolben.
Die Früchte sind von sehr verschiedener Größe, Form und Farbe. Letztere wechselt von weiß über gelb zu orange. Auf der einen Fläche der Frucht ist das große helle, ovale Scutellum deutlich und in seiner Mitte der gestreckt ovale Keimling. An das Scutellum grenzt das weiße Mehlendosperm, an dieses das glasige Hornendosperm (Fig. 71). In ersterem liegen die Stärkekörner locker gehäuft, in letzterem erfüllen sie die Zelle dicht und platten sich gegeneinander ab. Der Unterschied zwischen Horn- und Mehlendosperm wurde bereits von RASPAIL (1825) erkannt. Die Verschiedenheit der Stärke in den beiden Endospermen stellte dann PAYEN (1838) fest. Der Bau der Fruchtschale ist ausführlich beschrieben in TSCHIRCH-OESTERLE, Anatomischer Atlas.
Pathologie. Prof. ED. FISCHER berichtet über die pflanzlichen Schädlinge: Die wichtigsten Zerstörer der Früchte und Fruchtkolben der Maispflanze sind Ustilagineen:
Ustilago Maidis (DC.) TUL. bildet an Stengeln, Blättern, männlichen und weiblichen Blütenständen beulenförmige Pilzgallen, die an den Stengeln die Größe eines Kindskopfes erreichen können. In denselben entstehen die Brandsporen; schließlich zerfallen sie in eine schwarze, brandige Masse. Daß dadurch die Körnerbildung mehr oder weniger unterdrückt werden kann, versteht sich von selbst. Die Sporen der Ustilago Maidis werden neuerdings arzneilich benutzt.
Ustilago Reiliana KÜHN bildet ihre Brandsporen in den Fruchtknoten.
Ustilago Fischeri PASS. entwickelt die Brandlager in der Kolbenspindel.
Es gibt außerdem verschiedene Pilze, die die vegetativen Teile der Maispflanze befallen und dadurch indirekt die Körnerbildung beeinträchtigen können. Unter diesen ist eine der gefährlichsten die in Java auftretende Lijer-Krankheit, welche junge Pflanzen zum Absterben bringt. Sie ist auf eine Peronospora (P. Maidis) zurückzuführen. Auch sind neuerdings Bakterienkrankheiten der Maispflanze beschrieben worden.

Fig. 71.
Zea Mais.
1. Längsschnitt durch die Frucht, frs Fruchtschale, HEnd Hornendosperm, MEnd Mehlendosperm, pl Plumula, Rad Radicula, cal Calyptra, col Coleorhiza, 2 einzelne Zelle des Hornendosperms, 3 einzelne Zelle des Mehlendosperms, 4 das Klebernetz zwischen den Stärkekörnern.
[Nach
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Kultur. Der Mais besitzt ein großes Anpassungsvermögen, obwohl seine ursprüngliche Heimat wohl im tropischen Klima lag. Er braucht aber eine gewisse Menge Feuchtigkeit und gedeiht in trockenen Klimaten nicht. Schon JOS. ACOSTA (I, S. 754) beschrieb seine Kultur. Die Früchte werden in Amerika durch eigene «Maisschäler» vom Kolben abgelöst. Die größte Menge Mais, c. 80% der Gesamtweltproduktion, erzeugt jetzt Nordamerika: etwa 50 Mill. t. im Jahre, den meisten die nördlichen Mittelstaaten (bes. Iowa, Illinois, Kansas, Nebraska, Missouri, Ohio, Indiana). Auch Kanada, Mexiko, Zentral- und Südamerika (Argentinien) bauen viel Mais; in Afrika: Ägypten, Algier. Geringer ist die Kultur in Asien, beträchtlich in Europa, besonders in Italien, Deutschland, Ungarn, Rumänien, Schottland und in Rußland (vgl. auch die Karte auf S. 189).
Die Maisfrucht enthält 62 bis 74,5% Stärke, 8–12% Eiweiß, 4,5–6,5% Öl, 1,6–2,7% Rohfaser, 8–14,5% Wasser. Maiskleie liefert bei der Hydrolyse mit verdünnten Säuren u. a. Xylose. (Über die Eiweißkörper des Maiskornes vgl. DONARD und LABBÉ, Compt. rend. 1903.)
Darstellung der Maisstärke. Die Maisstärke, welche das einzige Amylum der amerikanischen Pharmakopoëe ist, wird in großem Stile nur in Nordamerika dargestellt, in geringerer Menge in Brasilien, Neu Südwales, England, Frankreich, Deutschland, Niederösterreich und den Donaufürstentümern. Die eingequollenen Körner werden zerquetscht und der Brei in Cylindersieben ausgewaschen. Man verwendet hierbei, da das Korn ziemlich hart ist, das Natronverfahren (wie beim Reis, LECONTE) oder läßt den Brei gären (WATT) oder setzt ihm schweflige Säure zu. Die Lauge löst den die Körner miteinander verkittenden Kleber (Fig. 71). Die gemeine amerikanische Maisstärke in Brocken besteht aus Hornendospermkörnern, die Duryea Maizena, das feinste Maismehl, vorwiegend aus Mehlendospermkörnern. Beide werden aus dem großen Pferdezahnmais in großem Stil dargestellt; die St. Bernhardswerke in Cincinnati produzieren täglich 25000 kg. Die amerikanische Maisstärke heißt Corn flour oder Corn starch. Auch Mondamin ist Maisstärke. Ebenso Patent corn flour, Palamoud, Potage des Sultanes usw.

Fig. 72.
Maisstärke.
[Nach
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Anatomie. Die Stärkekörner (Fig. 72) haben eine verschiedene Gestalt, je nachdem sie aus dem Hornendosperm oder dem Mehlendosperm (s. oben) stammen. Ihre Größe schwankt zwischen 8,5 und 31,5, meist beträgt sie 15 bis 20 mik.
Die Hornendospermkörner sind mehr oder weniger scharfkantig oder abgerundet kantig, isodiametrisch oft mit einem zentralen Spalt oder einer Zentralhöhle versehen, ungeschichtet, bisweilen noch zu mehreren zusammenhängend. Die Größe beträgt meist 10–18–23 mik, steigt aber auch bis 25 mik und darüber.
Die Mehlendospermkörner zeigen sehr unregelmäßige, aber stets abgerundete Formen, regelmäßige Kugeln sind selten, Schichten fehlen meist, der Zentralspalt bisweilen. Die Größe variiert sehr. Sie beträgt 9–23, meist 10–15 mik, steigt aber auch auf 25–30 mik. Daher erscheint das Mehlendosperm oft großkörniger als das Hornendosperm.
Nebenform: Zu zweien zusammengesetzte gestreckte Körner oder deren Teilkörner und ganz kleine rundliche Körner von 2–10 mik und Übergänge zwischen Mehl- und Hornendospermstärke.
Handel. Die Ausfuhr von «Starch» aus den Vereinigten Staaten betrug 1907: 51334580, 1908: 48125851, 1909: 33228278 Pounds. Es handelte sich hierbei wohl hauptsächlich um Maisstärke.
Deutschland führte 1909 c. 7 Mill. dz Mais ein, den meisten aus Argentinien, dann aus dem europäischen Rußland, Rumänien und den Ver. Staaten.
Deutschland führte 1909: 10850 dz Mais-, Weizen- und andere Stärke (aus Großbritannien und den Ver. Staaten) ein. Die Ausfuhr betrug c. 11000 dz.
Chemie. Maisstärke enthält durchschnittlich 84,14% Stärke, 13,95% Wasser, 1,53% Stickstoffsubstanz und 0,38% Asche. Sie enthält auch ein Gluko-Xylan (Storer). Maisstärke zeigt deutliches Aufquellen bei 50°, Beginn der Verkleisterung bei 55° und vollkommene Verkleisterung bei 62,5° (LIPPMANN). Maisstärke reagiert oft sauer. SAARE fand den Säuregrad der Maisstärke oft sehr beträchtlich, besonders bei geringeren Sorten (Zeitschr. f. Spiritusfabrikat. 1901).
Die Stigmata Maidis sind reich an Zucker und Gummi (19,5%) enthalten c. 5,5% Fett und sowohl im Äther- wie im Alkoholauszuge neben Harz kristallinische Substanzen (FISCHER, Am. Journ. Pharm. 1886).
Anwendung. Der Mais, die Maismehle und die Maisstärke spielen in Nordamerika die gleiche Rolle wie bei uns Weizen- und Kartoffelmehl und Weizen- und Kartoffelstärke und in England Reisstärke (s. oben S. 157) und haben die anderen fast verdrängt. Maismehl und Maisschrot sind Futtermittel. Maiskolbenmehl (Cob meal) wird aus dem ganzen Fruchtstand inkl. der Spindel dargestellt. In großen Mengen wird Mais zur Glukosefabrikation benutzt, wofür er sich am besten eignet (man behandelt mit Salzsäure bei 60–80°); dann zur Maltosefabrikation (Behandeln mit Malz), zur Darstellung von Sirup (Behandeln mit schwefliger Säure), Dextrin usw. Auch die Brennereien verschlingen große Mengen.
Geschichte. Der Mais, der schon in präkolumbischer Zeit fast durch ganz Amerika kultiviert wurde (Gräberfunde in Arizona, Ankona usw.) — die Mexikaner hatten eine Maisgöttin — ist das Gegengeschenk der neuen Welt für den Reis, den die alte ihr brachte. Er wurde von COLUMBUS wahrscheinlich schon von seiner ersten Reise (1493) nach Europa gebracht (I, S. 745); jedenfalls schon 1500 in Spanien gebaut. Bei HERNANDEZ (I, S. 761) ist dem Mais (Tlaoelli, span. Maizio) ein großes, mit Abbildungen geschmücktes Kapitel gewidmet. Er hat sich außerordentlich rasch über Europa, Afrika und Asien verbreitet und bildet jetzt ebenso für Südeuropa und die Levante, wie für China und Japan, ja selbst für einige Negerstämme Afrikas, «die nie einen Europäer gesehen haben», ein wichtiges Nahrungsmittel. Die Venetianer verbreiteten den Mais im XVI. Jahrh. im Orient, nach Deutschland kam er im gleichen Jahrhundert aus Italien, wo die Polenta bekanntlich eine beliebte Speise ist. Nach Afrika brachten ihn im XVI. Jahrh. die Portugiesen und die Spanier brachten ihn von Osten her nach Südasien. Er wurde schon 1496 auf Java ausgesät. Im XVI. Jahrh. kam er auch nach China. Da Reisende ihn schon zu so früher Zeit überall in Asien fanden, glaubte man anfangs, daß er auch dort seine Heimat habe.
Lit. Abbild.: BERG, Charakteristik t. 6, BENTLEY-TRIMEN, Medicinal plants t. 296, HACKEL in ENGLER-PRANTL, Pflanzenfam. II, 2, 19. — BONAFOUS, Hist. nat. agric. et econom. du Maïs. Paris 1836. — DE CANDOLLE, L’origine des plantes cultiv. 4. Aufl. 1896 (dort weitere histor. Lit.). — Abbild. der Kultur und Verarbeitung in Les grandes cultures du monde. — WITTMACK, Über antiken Mais aus Nord- und Südamerika. Zeitschr. f. Ethnologie XII. — MOELLER-WINTON, Mikroskopie (dort viele gute Abbild. und weitere Liter.). — Analysen in KÖNIG, Nahr.- u. Genußm. — HARZ, Landwirtsch. Samenkunde. — WIESNER, Rohstoffe (dort die ältere Lit.). — TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas und TSCHIRCH, Stärkemehlanalysen. Arch. Pharm. 1884/85. — A. MEYER, Arch. d. Pharm. 1884, 912.
4. Fruct. Hordei.
Gerste — orge — barley — gerst.
Im Code franc. steht oberflächlich geschälte Gerste (orge mondé) und ganz bis zum Endosperm geschälte (orge perlé), in der niederländischen Pharmakopoëe: Fruct. hordei decorticati (gepelde gerst).
Die Stammpflanze der Fruct. hordei ist Hordeum vulgare L. (LINNÉ, Spec. plant. 84). Gramineae — Hordeeae, von der auch die zwei Unterarten, die sechszeilige Gerste (H. hexastichum) und die vierzeilige Gerste (H. genuinum) kultiviert werden. Auch Hordeum distichum mit var. zeocrithum wird sehr viel gebaut.
In bezug auf die Krankheiten der Gerste gilt im wesentlichen dasselbe, was für Triticum vulgare gesagt wurde. Neben mehreren Pilzen, die indirekt den Körnerertrag beeinträchtigen (Erysiphe graminis, Puccinia graminis, glumarum, in Rassen, die zum Teil nicht auf Weizen übergehen; Puccinia simplex, Melanospora damnosa) finden wir als direkte Zerstörer der Früchte vor allem Ustilagineen, und zwar die beiden Flugbrandarten Ustilago Hordei (PERS.) KELL. et SW. und Ustilago nuda (JENS.) KELL. et SW. Auch Claviceps purpurea kommt auf der Gerste vor (ED. FISCHER).
Als tierische Schädlinge der Gerste nennt ISRAEL:
1. Käfer: Sitophilus granarius L. Dieser kleine Rüsselkäfer legt seine Eier an die Körner aufgespeicherter Getreidevorräte. Die Larve höhlt die Körner des Weizens, der Gerste und des Roggens aus und tritt oft in Massen auf. Sitophilus oryzae L., der Reiskäfer. Dieser Käfer ist mit Reis aus dem Oriente nach Europa verschleppt worden, nimmt aber bei uns auch die Körner von Mais, Weizen und Gerste an und tritt gelegentlich schädlich auf. Der sog. Springmais ist auf diesen Käfer zurückzuführen.
2. Falter: Gelechia cerealella OLIV. Räupchen in Gerste und Weizenkörnern. In einigen Gegenden Deutschlands ist dieser Kleinschmetterling schon schädlich aufgetreten. Orobena frumentalis L. Die Raupe lebt in den Halmen des Roggens, der Gerste und des Weizens.
3. Fliegen: Cecidomyia destructor SAY. Larve lebt wie die von Orbona in den Halmen der Cerealien.
Die Früchte der Gerste sind von den beiden Paleis dicht und fest umschlossen und fallen aus diesen nicht heraus (Anatom. Beschreibung in TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas). Für den Arzneigebrauch werden sie geschält. Der Same zeigt drei Reihen Aleuronzellen.
Die Stärke ähnelt sehr der Weizenstärke, doch sind die Großkörner etwas kleiner, meist 15–30 (am häufigsten um 25) mik.
Die Gerste enthält c. 64,5% Stärke, 13,5% Wasser, 11,15% Stickstoffsubstanz, 2,1% Fett, 1,5% Zucker, 5,3% Rohfaser, 2,7% Asche.
Die geschälte Gerste wird zu Tisanen und Gargarismen benutzt. Die gekeimte Gerste ist Grundlage der Bierbereitung (vgl. I, S. 1019) und Ausgangsmaterial für die Darstellung des Malzextraktes.
Das Gerstenmehl wird aus den mehr oder weniger entspelzten Körnern dargestellt und spielt auch als Bestandteil einiger Kindernährmittel (TIMPES Kraftgries, KOBENS Nährpulver, GEHRINGS Laktin) eine Rolle. Das präparierte Gerstenmehl, Farina hordei praeparata (30 Stunden im Dampfbade erhitztes Gerstenmehl), war, da leicht verdaulich, früher sehr beliebt und ist der Vorläufer der sog. Kindermehle. Früher war das sog. HUFELANDsche präparierte Gerstenmehl bei den Ärzten sehr beliebt, das in der Weise bereitet wurde, daß man eine größere Portion Gerstenmehl in einen Beutel eingeschlossen, in ein Wasserbad hing, 14 Stunden — unter öfterem Ersatz des Wassers — in dem siedenden Wasser beließ, dann herausnahm, die schlüpfrige Randschicht entfernte und den «Kern» pulverisierte.
Die Gerste heißt im Ägyptischen btt (die hieroglyphischen Zeichen I, S. 470). Bei antiken Räucherungen fand Gerstenmehl Anwendung (vgl. I, S. 1060). Alphita, das der berühmten Drogenliste (I, S. 639) den Namen gegeben hat, war Farina hordei.
Die Gerste war das Hauptgetreide der alten Indogermanen, die (nach HOOPS) vor ihrer Trennung in Asiaten und Europäer ihre Stammsitze in Mitteleuropa westlich von der Linie Königsberg-Odessa hatten.
Lit. MOELLER-WINTON a. a. O. — HOOPS a. a. O. — Große Monographie: LERMER und HOLZNER, Beitr. z. Kenntn. d. Gerste 1888 mit 52 Großfol. Taf.
IV. Stärke aus dem Cotyledonen von Samen.
Leguminosenstärke.
Die Leguminosenstärke findet sich in den Cotyledonen der Samen der Bohne und der Erbse. Sie wird arzneilich nicht angewendet. (Beschreibung der Samen und der Stärke in TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas, Taf. 48, 49 u. 53, bei VOGL, MOELLER-WINTON, HANAUSEK u. and. — TSCHIRCH, Stärkemehlanalysen. Arch. Pharm. 1884).
II. Amylodextringruppe.
Behandelt man Stärke mit verdünnten Säuren oder mit Diastase, so wird zunächst Amylodextrin gebildet. Diesen Körper hatte SCHULZE (1848) zuerst in Händen. Er nannte ihn Amidulin. Der eigentliche Entdecker ist aber MUSCULUS (1870), der ihn dextrine insoluble dans l’eau nannte. Den Namen Amylodextrin gab ihm WALTER NÄGELI (1873), der den Körper auch kristallisiert in Sphärokristallen erhielt. Das Erythrodextrin und das Achroodextrin sind unreines, vorwiegend mit Dextrin verunreinigtes Amylodextrin. LINTNERS Amylodextrin ist mit viel Amylose (MEYER) verunreinigtes Amylodextrin. Von der Amylose (reiner Stärkesubstanz, s. oben S. 154) unterscheidet sich Amylodextrin (nach A. MEYER) durch folgende Eigenschaften:
Amylose Amylodextrin
Bleiessig gibt Niederschlag in 0,05% Lösung gibt selbst in 6% Lösung keinen Niederschlag
Tanninlösung gibt einen Niederschlag noch in 0,005% Lösung gibt keinen Niederschlag, selbst in 5% Lösung
Jodlösung in verd. Lösung rein blau in verd. Lösung rein rot
FEHLINGsche Lösung wird nicht reduziert 100 g Amylodextrin reduziert so stark wie 5,6g Dextrose
(α)D in Lösung von Ca(NO3)2 = + 230° + 195°
Reines Amylodextrin kristallisiert in Nadeln, Tafeln und Sphärokristallen. Die Löslichkeit in kaltem Wasser ist gering, besser löst es sich in Wasser von 60°, noch besser bei 90°. Siedender Alkohol von 50% löst reichlich. Das Molekulargewicht ist sehr hoch.
Die «Stärke, welche sich mit Jod rot färbt», die man bisweilen in Pflanzen findet, ist eine an Amylodextrin reiche Stärke. Sie wurde zuerst von NÄGELI (1858) im Samenmantel von Chelidonium majus beobachtet, dann von GRIS (1860) im Klebreis (Oryza sativa var. glutinosa), von A. MEYER in Panicum miliaceum var. glutinosum und Sorghum vulgare var. glutinosum und von mir im Samenmantel von Myristica fragrans gefunden, dessen Hauptbestandteil sie bildet. Gepulverte Macis ist an ihr leicht zu erkennen. In Embryonen fand sie TREUB, in phanerogamischen Parasiten RUSSOW. Diese durch Jod rot werdenden Stärkekörner enthalten neben Amylodextrin noch (Dextrin und) Amylose. Ich habe sie «Amylodextrinstärkekörner» genannt, BÜTSCHLI betrachtet sie als ein besonderes stärkeähnliches Kohlehydrat: Amyloerythrin. Zu ihnen gehört auch die sog. Florideenstärke (vgl. Carrageen).
Lit. MUSCULUS, Zeitschr. f. Chem. 1869 u. 1870 u. Zeitschr. f. phys. Chem. 2. — WALTER NÄGELI, Beitr. z. näh. Kenntn. d. Stärkegruppe. Leipz. 1874. — SHIMOYAMA, Beitr. z. Kenntn. d. japan. Klebreis. Diss. Straßburg 1886. — DAFERT, Beitr. z. Kenntn. d. Stärkegruppe. Landw. Jahrb. 1886. — ARTH. MEYER, Stärkekörner 1895. — TSCHIRCH, Inhaltsbest. d. Arill. v. Myrist. fragr. Ber. d. Bot. Ges. 1888, 138. Artikel Amylodextrin in Realenzykl. d. ges. Pharm. u. Angew. Anatomie. — EULER, Grundlagen d. Pflanzenchemie 1908.
Die einzige Droge, die hierher gehört, die Macis, deren Grundparenchymzellen dicht mit Amylodextrinstärkekörnern erfüllt sind (vgl. TSCHIRCH, Angew. Anatomie), wird weiter hinten bei Myristica abgehandelt werden, da die Macis besser zu den Riechstoffdrogen gestellt wird. In gewissem Sinne kann aber auch das Trehalamanna (S. 147) hierhergezogen werden, da es 25–32% Amylodextrinstärke enthält, sowie die Rotalgen, in denen sich Florideenstärke findet.
Der Klebreis ist nur aus Ausgangsmaterial für ein gegorenes Getränk (I, S. 1019) für uns interessant.
III. Dextringruppe.
Über das Dextrin existiert keine Klarheit, wir wissen nur, daß es ein Polysaccharid ist. Aber ob es nur ein Dextrin gibt und die Formen Maltodextrin, Erythrodextrin, Achroodextrin, Amylozellulose usw. Gemische oder Individuen darstellen, wissen wir nicht. Die Dextrinliteratur bietet «ein trostlos verwickeltes, durch zahlreiche Widersprüche getrübtes, vorerst völlig unentwirrbares Bild» (V. LIPPMANN 1904). Die jetzt vielfach reproduzierte Formel (C12H20O10)3.H2O) trägt also nur vorläufigen Charakter. SKRAUP erteilte (1905) dem Erythrodextrin ein Molekulargewicht von 1700 bis 2000.
ARTHUR MEYER nimmt nur ein Dextrin an und betrachtet alle Achroodextrine als Gemenge von Dextrin mit Maltose oder Isomaltose. Das reine Dextrin MEYERS zeigte αD = +192° und ein kryoskopisches Verhalten, das auf ein etwas größeres Molekulargewicht als 1223 ± 25 hinweist. Es reduziert schwach FEHLINGsche Lösung.
Dextrin wurde zuerst von VAUQUELIN (1811) als ein besonderer Körper erkannt, dann zunächst von PERSOZ und PAYEN (1833) untersucht.
Lit. Die neuere Literatur bei LIPPMANN, Chemie der Zuckerarten. — A. MEYER, Stärkekörner. 1895.
Dextrin.
Das Dextrin (Dextrine, Dextrina) des Handels wird jetzt meist durch direktes Erhitzten von Stärke auf 150–200°, seltener durch Einwirkung von verdünnten Säuren oder Diastase auf Stärkekleister gewonnen.
Die Darstellung des Röstdextrins (Röstgummi, Leiokom), welches jetzt hauptsächlich im Handel ist und ein gelbliches Pulver bildet, erfolgt meist durch Erhitzen von luftrockener Kartoffelstärke in rotierenden, mittelst überhitzten Wasserdampf erwärmten Trommeln auf 180–200°, seltener durch Erhitzen von feuchter Stärke in flachen Kästen auf 160°.
Bei der Darstellung des Säuredextrins, welches ein weißes Pulver darstellt, wird die Stärke mit 2–9‰ chlorfreier Salpetersäure und etwas Wasser vermischt, in dünner Schicht auf 110° im Luftbade erhitzt. Seltener wird Salzsäure, Schwefelsäure oder Oxalsäure benutzt. (Letztere muß nach der Behandlung entfernt werden.)
Bei der praktisch nur selten ausgeführten Darstellung des Diastasedextrins wird die Stärke bei 60–75° mit Malzaufguß behandelt.
Endlich wird auch das auf eine der genannten Weisen erhaltene Rohdextrin dadurch gereinigt, daß man es mit Wasser auszieht, mit Alkohol ausfällt oder die Lösung eindampft und den Rückstand trocknet.

Fig. 73.
Dextrinierte (Kartoffel-)Stärke
: a in Öl, die übrigen in Wasser.
[Nach
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Für medizinische Zwecke wird nur Röstdextrin verwendet. Die Pharm. helv. IV z. B. schließt ausdrücklich das mit Salpetersäure oder Oxalsäure bereitete und sog. chemisch reines Dextrin aus. Sie gibt z. B. an, daß die kalt bereitete Lösung durch Jod weinrot gefärbt werde, Kalkwasser und Diphenylamin keine Reaktion geben. Dies Röstdextrin, das wir als eine Droge betrachten dürfen, muß man aber richtiger dextrinierte Kartoffelstärke nennen. Es besteht aus Stärkekörnern, die alle Stadien der Dextrinierung zeigen. Neben noch fast unveränderten finden wir solche, die schon in Amylodextrinstärke und andere, die schon ganz oder zum Teil in Dextrin übergeführt sind (Fig. 73).
Äußerlich sind die Körner nur wenig verändert, denn wenn man sie in Öl betrachtet, zeigen sie noch die Umrißlinie der Kartoffelstärkekörner und im Polarisationsmikroskop das schwarze Kreuz. Nur eine kleine Luftblase an Stelle des Kerns (Fig. 73) verrät, daß nicht alles geblieben ist wie es war. Legt man die Körner aber in Wasser, so zeigt sich, daß tiefgreifende Veränderungen eingetreten sind. In den ersten Stadien der Dextrinierung hat sich der Spalt erweitert, die innersten Schichten sind gelöst, die Schichtung ist sehr deutlich geworden. In den späteren Stadien sind dann die äußeren Schichten und hier besonders die wasserreichen der Dextrinierung anheim gefallen. Sie lösen sich in Wasser auf und es bleiben zahlreiche übereinander geschichtete Häute übrig, die den dunkleren Schichten des unveränderten Kornes entsprechen. Am längsten widerstehen die mittleren Partien des Korns. Sie färben sich mit Jod blau, violett, rotviolett oder rot, sind also noch zum Teil unveränderte, zum Teil schon in Amylodextrin übergegangene Stärke (TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas, Taf. 52).
Deutschland fabriziert viel Dextrin. Hamburg exportierte 1908 22631 dz Dextrin (und geröstete Stärke) und importierte 21839 dz.
Frankreich importierte 1908 84187 kg Dextrin aus Deutschland und etwa ebensoviel aus Österreich, nur wenig aus Belgien und den Niederlanden.
IV. Inulindrogen.
Die Vorstellung, daß auch das Inulin, das VALENTIN ROSE 1804 zuerst als Absatz aus einem Dekokte von Inula Helenium beobachtete und dem THOMSON den Namen gab, zu den Polysacchariden gehört, gründen wir auf die Tatsache, daß es bei der Hydrolyse und der Einwirkung des Enzyms Inulase (BOURQUELOT) Fruktose liefert. Die Formel wird sehr verschieden geschrieben. Die Angaben schwanken zwischen C36H62O31 (= 6(C6H10O5).H2O, KILIANI, TANRET) und C108H180O90 (DÜLL). Nur BÉCHAMP erteilt ihm die einfache Formel C6H10O5. Jedenfalls wird Inulin sowohl durch Inulase (nicht durch Diastase, Ptyalin, Emulsin, Invertin) wie durch Hydrolyse mit verdünnten Säuren fast vollständig in d-Fruktose (Lävulose, Fruchtzucker, vgl. S. 7) übergeführt. Hefe vergärt Inulin nicht. Inulin reduziert Fehlingsche Lösung nicht, wohl aber ammoniakalisches Silbernitrat, dreht links (αD = −36,57°, LESCOEUR et MORELL) und färbt sich nicht mit Jodlösung.
Im Gegensatz zur Stärke ist Inulin nicht in Körnerform in den Zellen abgeschieden, sondern (obwohl schwer löslich in reinem kaltem Wasser) im Zellsafte gelöst, also direkt wanderungsfähig. Beim Trocknen der Drogen scheidet es sich in Form von Schollen aus, beim Einlegen der frischen Pflanzenteile in Alkohol in Form von Sphärokristallen (Fig. 74), die sich in konzentrierter Schwefelsäure und auch in heißem Wasser, aber ohne Kleisterbildung, lösen.
Es vertritt vielfach die Stärke als Reservestoff, besonders bei den Kompositen und benachbarten Familien (Campanulaceen, Lobeliaceen, Goodeniaceen, Stylidieen). Es findet sich hier vornehmlich in den unterirdischen Organen, ist aber auch in oberirdischen, z. B. bei Cichorium, Taraxacum, gefunden worden (vgl. Rad. taraxaci). Sodann auch (nach CHEVASTELON) bei Monocotylen (Narcissus, Hyacinthus, Allium) und (nach KRAUS) in Violaceen (Ionidium Ipecacuanha).
Bei den unterirdischen Organen schwankt der Gehalt an Inulin natürlich je nach dem Entwicklungsstadium oft in sehr weiten Grenzen. RUNDQUIST machte neuerdings folgende Angaben über den Gehalt offizineller Wurzeln an Inulin: Rad. artemisiae 9,66%, R. bardanae 46,25, R. carlinae 17,87, R. cichorii 18,50, R. farfarae 17,40, R. helenii 35,10, R. pyrethri germ. 26,19, R. pyrethri roman. 35,66, R. scorzonerae 31,64, R. taraxaci 39,65, Rhiz. arnicae 5,55. Die höchsten bisher beobachteten Ausbeuten erhielt man aus einer Rad. helenii (44%) und einer Rad. pyrethri (über 50% DRAGENDORFF, nach KOENE: 57,7%), ferner aus Rad. cichorei (57,8%, MAYER, 79%(?) SAYRE).

Fig. 74.
Inulin-Sphaerokristalle.
[Nach
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Das beste Material zur Darstellung des Inulins ist der Dahlienknollen, das billigste Cichorium- oder Taraxacumwurzel (s. d.). Der Inulingehalt der Cichorium- und Taraxacumwurzel bedingt in erster Linie deren Verwendung als Kaffeesurrogat.
Nach TANRET wird es im Alant von Pseudoinulin, Inulenin, Helianthemin und Synanthrin begleitet.
Lit. V. ROSE, Gehlens N. Journ. d. Chem. III, 217. — THOMSON, Syst. de chim. VIII, 82. — KOENE, Ann. chim. phys. 1835. — DRAGENDORFF, Material. z. einer Monogr. d. Inulins 1870. (Ausführl. Referat darüber in Arch. Pharm. 148 [1871] 82.) — PRANTL, Das Inulin. 1870. — RUNDQUIST, Farmac. Notisblad. Helsingfors 1904. — TANRET, Compt. rend. 116 und 117. — Weitere Lit. in TSCHIRCH, Angew. Anatomie, in LIPPMANN, Chemie d. Zuckerarten und TOLLENS, Handb. d. Kohlenhydr. — TSCHIRCH, Artikel Inulin in Realenzykl. d. ges. Pharm.
Die Kompositenwurzeln.
Von diesen, die alle hierher gehören, soll an dieser Stelle nur Rad. cichorei, Rad. taraxaci und Rad. bardanae abgehandelt werden, die anderen, Rad. helenii, Rad. pyrethri, Rhiz. arnicae werden an geeigneter Stelle behandelt. Die Verwendung der hier abgehandelten Drogen als Kaffeesurrogate gründet sich vornehmlich auf ihren Inulingehalt. Einige der Kompositenwurzeln gehören auch zu den Bitterstoffdrogen.
Rad. Cichorei.
Syn. Cichorienwurzel — chicorée, barbe de capucin (franz.) — wild succory, chicory (engl.) — radicchio, radice cicoria (ital.) — cichoreiwortel (holl.) — cigoria (ung.) — sikurin juuri (finn.) — ῥίζα κιχωρίον (griech.). — Wegwarte (so schon im Ortus Sanitatis I, S. 688), wilde Endivie, Sonnenwirbel (ahd. Sunniwirpela, mhd. Sonworbel, Sundwerbel, Sunwirbel), bei GALEN: Seris, bei PLINIUS VALER.: Cicinoria, bei KARL DEM GROSSEN: Solsequium. Bei MEGENBERG (I, S. 692): sunnenwerbel, bei HILDEGARD (I, S. 669): sunnenwirbel, bei ALBERTUS MAGNUS (I, S. 673): cicorea, sponsa solis. In der Alphita (I, S. 645): Cicoria, elitropia, mira solis, cicorea (B) solsequium, incuba. Ferner: Hindleufte, Hindlichte, Hundläufte, Wasserwart, Weigerein. Cichorie wird noch jetzt auch für Taraxacum offic. benutzt (Graubünden). Bei den Arabern: hindabâ (auch für Endivie benutzt). Die mittelalterlichen Namen solsequium, eliotropia (Heliotropium), mira (oder gira) solis, Sunniwerpila (Sonnenwirbel) umfassen auch die anderen Sonnenwendblumen (z. B. Calendula offic., Taraxacum, Valerianella usw.). Im Mittelalter auch: ambubeia (ambula bei PLINIUS), seris (die bittere, so schon bei DIOSKURIDES). — In Indien: kàsni (pers., ind. Baz. DYMOCK) — pers.: tarkashkun (so auch bei IBN SINA). In China: kʿu tʿu, kʿu tsʿai, kʿu ku, ku-mai-tsʿai (auch für Endivia).
Stammpflanze und Systemat. Stellung. Cichorium Intybus L. (richtiger Intubus). Compositae. Cichorieae — Cichorinae Sect. Eucichorium Dc.
Etym. Cichorium aus κιχωριον (so bei THEOPHRAST) umgebildet, dies aus κίω = gehe und χωρίον = Feld (nicht arabischen Ursprungs, aber vielleicht daraus das arabische chikouryeh gebildet, FORSKAL). Davon dann Cichorée, chicorée (franz.), chicory (engl.) und cichorei (holl.), und im Anklang an Zucker umgebildet: succory (engl.), suikerij (holl.), zuckerei (in Westfalen). Ferner: cichurien (in Mecklenburg), cikary (Eifel), — Intubus auch Intybus ja sogar incuba (ISIDOR, Etym.: Intubus Graecum nomen est, — Intubus auch bei APICIUS) wohl von ἔντομος = eingeschnitten, wegen der Blattform (KANNGIESSER). Daraus das arabische hendibeh. Endivia ist die ital. Form für intubus. Ambubeia (s. oben) ist syrisch und aus ambui (= Geruch) und baia (= voll) gebildet. Ambuleja und Ambugia findet sich bei römischen Schriftstellern (s. oben).
Beschreibung. Cichorium Intybus ist perennierend und über Europa und das gemäßigte Asien verbreitet. Es findet sich vorwiegend an Acker- und Wegrändern, Rainen und unbebauten Plätzen. Seine Blätter erinnern etwas an die von Taraxacum (s. d.), die unteren schrotsägeförmig, die oberen lanzettlich, sitzend. Die Infloreszenzachse trägt zahlreiche blaue Körbchen, der Hüllkelch ist zweireihig, die 5 inneren Blätter sind am Grunde verwachsen, Blüten zungenförmig, mehrreihig. Achaenen fast fünfkantig, kahl, mit 1–3reihigem Pappus.
Abbild. bei HOFFMANN in ENGLER-PRANTL, Natürl. Pflanzenfam. — PLANCHON-COLLIN a. a. O.
Pathologie. Es sind auf Cichorium Intybus eine ganze Anzahl von parasitären Krankheiten bekannt, unter denen wir Erysiphe Cichoracearum, Phoma albicans, Puccinia Cichorii (Dc.) Bell. erwähnen. Inwieweit aber durch dieselben auch die unterirdischen Teile mit betroffen werden, dürfte noch festzustellen bleiben. An Cichoriumwurzeln wurde Sclerotinia Libertiana beobachtet (ED. FISCHER).
Über die tierischen Schädlinge berichtet ISRAEL:
1. Käfer: Anaspis frontalis FABR. Larve in den Stengeln von Cichorium, Inula Conyza und Eupatorium. Jedenfalls in noch vielen anderen markigen Pflanzenstengeln. Käfer auf Blüten. Mordella aculeata L. Die afterstachelige Larve im Marke von Cichorium Intybus und Lychnisarten. Käfer auf Blüten. Cassida sanguinolenta FABR. Larve skelettierend an den Blättern von Cichorium Intybus und Sonchusarten. Wahrscheinlich auch noch auf anderen Pflanzen.
2. Falter: Cucullia umbratica L. Die schwarze, nächtliche Raupe dieses sehr häufigen Falters lebt auf vielen Pflanzen, u. a. auf Cichorium, Sonchus, Hypochaeris usw., vorzugsweise an den Blüten und Früchten. Cucullia lactucae W. V., Cucullia lucifuga W. V. Die Raupen dieser selteneren Falter leben an Lactuca- und Sonchusarten; auch an Daucus und Cichorium. An Cichorium leben ferner gelegentlich die behenden Raupen mehrerer Bärenspinner (Arctiidae) und eine ganze Anzahl polyphager Eulenraupen, besonders aus der Gattung Agrotis.
3. Schnabelkerfe: Aphis cichorii. DUTROCH. Diese schwarze Blattlaus lebt oft in enormer Menge an den weicheren Teilen der Cichorie, namentlich an den jüngsten Trieben saugend.
Beschreibung der Droge. Die Wegwartwurzel wird im Herbst von der wildwachsenden blühenden Pflanze gesammelt. Die einfache oder verästelte spindelförmige, etwa 1–1,5 cm dicke Wurzel wird, da Cichorium eine tiefwurzelige Pflanze ist, mehrere Dezimeter lang. Sie ist ein- oder mehrköpfig, frisch fleischig und milchend, trocken hornig, hellbraun, fast geruchlos, schwach bitter. Medizinisch angewendet wird meist nur die Wurzel der wildwachsenden Pflanze. Diese (Racine de chicorée sauvage) ist in Frankreich offizinell. Die Wurzel der kultivierten Pflanze wird beträchtlich dicker als die der wilden Pflanze und daher, um sie besser trocknen zu können, meist in 2 oder 4 Längsstreifen oder dicke Querscheiben zerschnitten.
Anatomie. Die Rinde macht etwa ⅙–⅓ des Gesamtdurchmessers aus. Sie ist radial gestreift (Unterschied von Taraxacum). Der Holzkörper ist gelb und deutlich strahlig. Der primäre Bau der Wurzel ist diarch. Die aus wenigen Zellreihen bestehende primäre Rinde bleibt erhalten (HOLFERT). Im oberen Teile ist der strahlige Bau des Holzkörpers auf dem Querschnitte sehr deutlich. Hier ist auch die Cambiumlinie ziemlich regelmäßig. Weiter unten ist der Holzkörper zwar auch noch deutlich strahlig, aber die Cambiumlinie verläuft hier oft unregelmäßig in einer Bogenlinie. Der Holzkörper ist markfrei. Er enthält sehr viel Holzparenchym und in dasselbe eingebettet im Innern unregelmäßig, weiter nach außen bis zum Cambium in unterbrochenen radialen Reihen angeordnet, zahlreiche getüpfelte Gefäße, die im Längsverlaufe meist gekrümmt, oft sogar geschlängelt und sehr deutlich gegliedert sind. Das Gewebe der breiten Markstrahlen unterscheidet sich im Querschnitt kaum von dem Holzparenchym. Bisweilen (nicht immer) finden sich im Holzkörper linksschief getüpfelte, relativ dünnwandige Ersatzfasern (MOELLER). In der sekundären Rinde liegen, zu radialen Strahlen angeordnet, Gruppen von gegliederten Milchröhren und Siebröhren. Die Milchröhren (Weite 6–10 mik) desselben Radialstrahles bilden infolge von Radialanastomosen ein reich verzweigtes Netz. Auch das Phloëmparenchym und das Parenchym der Rindenstrahlen ist mächtig entwickelt. Der äußere Teil der Rinde, der außerhalb der Sieb-Milchröhrenstrahlen liegt, ist sehr locker. Die Zellen sind hier tangential gestreckt und neigen zur Pektinisierung. Im obersten Teile der Wurzel ist diese ganze Schicht abgestorben und bedeckt als ein leicht abreibbarer Mantel die Wurzel. Zu äußerst liegt eine schmale, aus dünnwandigen Zellen bestehende Korkschicht. Alle parenchymatischen Zellen enthalten eine Inulinlösung, bei der Droge Inulinschollen. Die kräftige Hauptwurzel übernimmt die Befestigung. Die Nebenwurzeln sind ausschließlich Ernährungswurzeln (TSCHIRCH u. RADLAUER). Die Anatomie der Blätter bei PLANCHON-COLLIN.
Lit. MOELLER-WINTON, Mikroskopie der Nahrungs- u. Genußm. 1905 (Abbild.). — PLANCHON-COLLIN, Drogues simples 1896, Fig. 642 u. 643. — Vogl, Nahr.- u. Genußm. 1899, 334. — HOLFERT, Arch. Pharm. 1889. — ROSEN, Wandtafeln.
Chemie. Die Wurzel enthält Inulin, Zucker, Pektin und einen (nicht untersuchten) Bitterstoff, sowie angeblich Harz, Gerbstoff und ein flüchtiges Öl (VON BIBRA), keine Stärke. Der Inulingehalt beträgt in der Wurzel der wildwachsenden Pflanze bisweilen nur 11%, in der kultivierten 19% (VON BIBRA). RUNDQUIST (a. a. O.) gibt ihn auf 18,5% an. Durch die Kultur wird der Gehalt stark gesteigert. DRAGENDORFF fand (1870) in der Wurzel im Juni 4,82, Mitte Juli 36,53, Anfang August 44,01 und Anfang September 44,49% Inulin. Der Gehalt ist also ganz abhängig von der Vegetationsperiode. Der Inulingehalt der Wurzel kann 57,79% der Trockensubstanz erreichen (A. MAYER).
Die frische kultivierte Cichorienwurzel enthält 72,07–79,20% Wasser, 0,92–1,15% Stickstoffsubstanz, 0,11–0,60% Fett, 0,6–6,17% Zucker, im Mittel 15,30% stickstofffreie Extraktbestandteile, 0,65–1,11% Asche. In der Trockensubstanz im Mittel 84,37% stickstofffreie Extraktbestandteile (H. SCHULZE, VON BIBRA, HASALL, J. WOLFF). Getrocknete kultivierte Cichorienwurzel enthält 6,89–15% Wasser, 10,5–22,2% Zucker, 52,59% stickstofffreie Extraktbestandteile und 3–5% Asche (HASALL, KRAUCH).
BIBRA verglich die wilde mit der kultivierten Wurzel. Er fand in ersterer 37,81%, in letzterer 22,08% Zucker.
STORER fand bei der Hydrolyse auch Mannose, die Membranen enthalten also ein Mannan.
Die Asche beträgt 10,88% der bei 105° getrockneten Droge, bei 12,6% Wassergehalt (NYGÅRD).
In den Blüten (nicht in der Wurzel) fand NIETZKI ein schön krist. bitteres Glykosid, F. 215–220; C32H34O19.4½ H2O, auch das Aglukon desselben (C20H14O9) kristallisiert.
Lit. Ältere Analysen von JUCH und PLANCHE. — VON BIBRA (Analys. in WITTSTEIN, Handwörterb. d. Pharmakogn. 1882 mitgeteilt). — KÖNIG, Nahr.- u. Genußm. — A. MAYER, Jahresb. d. Agrik. Chem. 1883. — J. WOLFF, Bot. Centralbl. 1901, 85, 52. — Chem. Centrbl. 1899 und 1900. — DRAGENDORFF a. a. O. — NIETZKI, Über ein neues in den Blüten von Cichorium Intybus enthaltenes Glykosid. Arch. Pharm. (3) 8 (1876), 327. — STORER, Chem. Centralbl. 1902, 2, 1155.
Verwechslungen. Rad. taraxaci anatomisch gut zu unterscheiden. Rad. belladonnae und hyoscyami enthalten Stärke.
Anwendung. Im alten Ägypten (I, S. 464) kultivierte man Cichorium Intybus als Gemüse (PLINIUS). Sprosse und Blätter waren eine beliebte Magenspeise (PLINIUS). Sie dienen noch heute besonders in Frankreich zu diesem Zwecke. RHAZES hält die wilde Cichorie für heilkräftiger als die Garten-Cichorie. Die Araber benutzten den ausgepreßten Saft als allgemeines Antidot (IBN AMRÂN). In Indien, wo die Pflanze kultiviert wird, werden die Früchte arzneilich benutzt. Die Frucht war auch einer der «quatuor semina frigida minora». In einer österreich. Taxe 1776 findet sich Infusum «seu sanguis Cichorii simplex», gemeiner Cichoryaufguss oder Cichoryblut (PRUYS). Die Präparate der Wurzel sind besonders in Frankreich beliebt (s. HARTWICH-FISCHER, Pharm. Praxis). Die italienische Pharmakopoëe hat sowohl Wurzel, wie Blätter aufgenommen. Die frischen Blätter (folia cichorii, feuilles de chicorée, succory leaves) werden, wie die verwandte Endivie, als Salat (barbe de Capucins) und mit Kresse, Gartenlattich, Fumaria zu Kräutersäften (suc d’herbes) bei sog. Frühlingskuren benutzt. Die trockenen bilden einen Bestandteil des Sirop d’Erysimum comp., sowie des Sirop de rhubarb comp. (HARTWICH-FISCHER, Pharm. Praxis I, 828). Schon bei CORDUS steht ein Syr. è cichoreo und ein Syrupus de Cichoreo cum Rhabarbaro Nicolai Florentini.
Wegwart steht auch in der Liste der KNEIPP-Mittel als Diuretikum und Magenmittel — der Saft der Pflanze dient bei der «Blutreinigungskur». Äußerlich werden Kissen bei schmerzhaften Entzündungen empfohlen.
Geschichte. Der Wegwart oder die Wegwarte ist eine alte germanische Zauberpflanze. «Um die Wegwarte ranken sich noch heutzutage Vorstellungen, die jener uralten Lust, die Pflanze zu vermenschlichen, sie mit dem Menschen gleichzusetzen, entspringen» (AIGREMONT). So heißt es in VINTLERS Blumen der Tugend (1411): «Die begwart sey gewessenn aine frawe czart und wart jrs pullen noch mit schwerzen». Auch ihr Name «Verfluchte Jungfrau» deutet auf ähnliche Vorstellungen. Sie dient denn auch beim Liebeszauber. THEOPHRAST bespricht (Hist. plant. VII, 11) die Cichorien im allgemeinen (τὰ δὲ κιχοριώδη πάντα). HORAZ nennt sie als Nahrungsmittel: «me pascunt olivae me cicorea levesque malvae». PLINIUS bespricht beide Intubi, den wilden (Cichorium Intybus, in Ägypten, wo sie offenbar sehr geschätzt wurde (I, S. 464), Cichorium genannt) und den zahmen (C. Endivia, in Ägypten Seris genannt). Beide wurden kultiviert. PLINIUS erwähnt, wie DIOSKURIDES, bereits die Anwendung des Saftes bei Augenleiden, die wir auch noch in dem alten Verse: «Das edle Kraut Wegwarten macht guten Augenschein«(JACOB MEYLAND um 1600) und bei IBN BAITHAR, der die Pflanze hindabâ nennt und ihr ein großes Kapitel widmet, wiederfinden. DIOSKURIDES nennt die Pflanze seris (στενόφυλλος καὶ ἔμπικρος σέρις) und unterscheidet die wilde picris, auch Cichorie genannt, von der zahmen Gartencichorie, von der er zwei Arten kennt. Er weiß mancherlei über ihre Heilkraft zu berichten, besonders bei Magenleiden.
Lit. Pharmacographia indica. — PRUYS, Über d. therapeut. Wert von usw. Cichorium. Pharm. Zeit. 1896.
Cichorienkaffee. Cichorium Intybus wird in ziemlich beträchtlichem Umfange zur Herstellung des Cichorienkaffee kultiviert in Mitteldeutschland (Magdeburg, Braunschweig), dann bei Freiburg, Ludwigsburg und Heilbronn, in Belgien und Nordfrankreich sowie in Indien. C. 11000 Hektar werden jetzt jährlich mit Cichorie bebaut. 1909 bestanden c. 500 Cichorienfabriken. Davon c. 100 in Deutschland. Der jährliche Konsum Europas übersteigt 20 Mill. Pfund. Der Verbrauch an C. beträgt in Deutschland 1,85 kg pro Kopf und Jahr (Kaffee: 2,38 kg). Zur Bereitung des Cichorienkaffee werden die Wurzeln gewaschen und — oft unter Zusatz von Fett — in offenen oder geschlossenen Darren oder rotierenden Rösttrommeln gedörrt. Die ziemlich hygroskopische gebrannte Cichorie wird meist mit Wasser oder Sirup vermischt und in Formen gepreßt. Über die Bestandteile der ungerösteten Wurzel vgl. oben S. 204.
Der Gehalt an wasserlöslichen Bestandteilen schwankt bei der gerösteten Handelscichorie besonders infolge verschiedener Rösttemperatur (KORNAUTH) sehr, das Wasserextrakt von 60,2–85,5%, der Zuckergehalt von 8,2–23,3%. Als Mittel von zahlreichen Analysen gibt KÖNIG folgende Prozentzahlen für geröstete Cichorie an: Wasser 11,76, Stickstoffsubstanz 7,35, Ätherextrakt 2,48, Zucker 17,46, Karamel 12,74, Inulin 6,61, sonstige stickstoffreie Extraktstoffe 26,58, Rohfaser 10,03, Asche 4,99, Wasserextrakt 63,33.
Deutschland importierte 1909: 112788 dz Cichorienwurzeln, fast alles aus Belgien, etwas auch aus den Niederlanden, und exportierte 20605 dz, besonders nach Österreich-Ungarn. Gebrannte Cichorien importierte Deutschland 1909 22773 dz, besonders aus Frankreich. Deutschland produzierte 1907 für 5,75 Mill. M., Österreich 1906 für 3,73 Mill. Kr. (HUEPPE). Frankreich führte 1908 ungeröstete Cichorie 1453 Quintal. ein, besonders aus Belgien, wenig aus Italien und Algier; geröstete Cichorie 42721 Qintal., fast ganz aus Belgien.
Zur Unterscheidung von Cichorien- und Löwenzahnkaffee dienen die Gefäße, die bei Taraxacum bis 80 mik weit und mit schmalen, langgestreckten Tüpfeln versehen sind. Die Gefäße bei Cichorium sind bis 50 mik weit, die Tüpfel rundlicher (HARTWICH). Über weitere Cichoriensurrogate (besonders Rübenkaffee aus Rübenschnitzeln) vgl. MOELLER-WINTON, Mikroskopie, VOGL, Nahrungs- n. Genußmittel, FISCHER-HARTWICH, Pharm. Praxis.
Geröstete Cichorienwurzel wurde schon vor Bekanntwerden des Kaffees als Genußmittel benutzt (HARTWICH). ALPINI vergleicht den Kaffee direkt mit Cichoriendecoct. Doch scheint der Brauch keine weite Verbreitung gefunden zu haben. Im XIX. Jahrh. wurde geröstete Cichorie zuerst von TIMME in Arnstadt benutzt. Major VON HEINE und C. G. FÖRSTER führten 1763 den Cichorienkaffee ein und nahmen 1770 ein Privilegium für den Anbau und den Vertrieb der Wurzel in Preußen (MOELLER). Die ersten Kulturen befanden sich bei Berlin, Breslau und Magdeburg. 1790–1797 entstanden dort 14 Fabriken des «Preußischen Kaffee» (HARTWICH). Cichorie ist das älteste und noch jetzt verbreitetste Kaffeesurrogat. Als Kaffeesurrogat wurde die geröstete Wurzel seit 1690 in Holland benutzt, in Preußen bürgerte sie sich namentlich durch die Bemühungen FRIEDRICHS DES GROSSEN ein, der alle Kaffeesurrogate begünstigte (I, S. 1024), in Frankreich seit 1771 (DORVEAUX).
Lit. KÖNIG, Nahrungsm. — SCHULZE, Landw. Vers. Stat. 1866, 203. — VON BIBRA, Der Kaffee u. seine Surrogate. 1858. — HASALL, Foods, its adulteration and the methods for their detection. London 1876. — F. HUEPPE, Unters. über Zichorie 1908. — NICOLAI, Der Kaffee u. seine Ersatzmittel. 1901. — BOEHNKE-REICH, Der Kaffee u. seine Bezieh. z. Leben. 1885. — TRILLICH, Die Kaffeesurrogate. München 1889 u. 1892. — HARTWICH, Die menschl. Genußmittel. 1910. — WOLFF, Ann. chim. anal. 1899. — KRAUCH, Ber. d. d. chem. Ges. 1878, II, 277. — Zahlreiche Cichorienanalysen bei KÖNIG, 4. Aufl. I, 997. — VOGL a. a. O. — MOELLER a. a. O. usw.
Rad. Taraxaci.
Syn. Löwenzahn-, Pfaffenröhrlein-Wurzel — racine de dent de lion, pissenlit (franz.) — dandelion root, blowball, cankerwort (engl.) — paárdebloemwortel (holl.) — gyermeklánczfű győker (ung.) — ῥίζα πικραφάκης (n.-griech.) — radice di tarassaco (ital.) — in Indien: dudhal, baran, kánphúl.
Einige der sehr zahlreichen deutschen Volksnamen s. unter Etymologie. — Mhd.: Pipawe, Säuschnabel, — mnd.: Pympanne, Soege- oder Sundistel. — Im Mittelalter: corona monachi, custos hortorum, dens leonis, rostrum porcinum, solsequium minus, aphaca.
Bei SIMON SETH: φάκη — bei MATTHIOLI auch: Dens caninus, ambugia, ambuleia (auch für Cichorium!), bei GESNER: Hieracium minus.
Stammpflanze und Systemat. Stellung. Taraxacum officinale WEBER (in WIGG. Prim. Fl. Hols. 56) [Taraxacum officinale (WITHERING) WIGGERS, Taraxacum Taraxacum (L.) KARSTENS, T. vulgare SCHRANK, T. Dens leonis DESF., Leontodon Taraxacum L., L. vulgare LAM., L. officinalis WITH., Hedypnois Taraxacum SCOP.].
Die Pflanze variiert: a) genuinum KOCH (Leontodon Taraxacum POLL.), b) Tarax. glaucescens M. B., c) T. corniculatum DC., d) T. alpinum HOPPE, e) T. taraxoides HOPPE, f) T. lividum W. K., (T. palustre SM.), g) T. leptocephalum RCHB.
Compositae, Cichorieae — Crepidinae.
Etym. Taraxacum ist wohl aus dem Arabischen: tarachakûn, tharachschakuk (so bei IBN BAITHAR) tarakshagan, tarascon (= eine Art wilder Cichorie), pers.: tarkhaskqun (so bei IBN SINA) umgebildet und dies aus dem Griechischen τάραξις (= eine Augenkrankheit) und ἀκέομαι (= heilen) entstanden, da alle sog. Cichorien, zu denen auch Taraxacum gerechnet wurde (in Graubünden und in Salzburg heißt noch heute Taraxacum: Cichorien, in Bern: wilde Wägluëge), Augenheilmittel waren (s. Cichorium). Bei BOCK heißt T. auch Augenwurzel. Andere leiten das Wort von ταράσσειν (= stören) ab und bringen es in Beziehung mit der abführenden Wirkung; noch andere von τράξυνον oder τρόξυνον (= Wilder Lattich). — Hedypnois von ἡδύς = süß und πνεῦμα = Atem. — Leontodon aus λέων (= Löwe) und ὀδούς (= Zahn) wegen der eigenartig gezähnten Blätter (daher auch der engl. Name hawkbit = Habichtsbiß). Wurde zunächst in dens leonis (so im Ortus sanitatis, in der Alphita und in den mittelenglischen Medizinbüchern, in der Alphita auch: doloroune) und dann in alle anderen Sprachen übersetzt: Lewenzahn, Löwenzehe (deutsch, so bei BOCK) — dent de lion, Liondent (franz.) — dandelion (engl., in MEDDYGON MYDDFAI [XIII. Jahrh. I, S. 683]: dent y llew). — Kettenblume (holl. Kettingbloem), weil die Kinder aus den ineinander gesteckten hohlen Stengeln Ketten bilden. — Pustblume, weil die Kinder sich durch Abblasen der reifen, mit Flugapparaten versehenen Früchte belustigen (KANNGIESSER). — Mönchshaupt, Pfaffen- oder Mönchsblatten (so bei FUCHS, im Gothaer Arzneibuch (I, S. 680): papenplatte; in den mittelenglischen Medizinbüchern: Capud monachi, franz.: Couronne de moine) wegen des Aussehens des kahlen, von den Fruchten befreiten Rezeptakulums. — Luchten, Lichter, Lampen wegen der Blütenstände. — Milchbluome, Milchdistel, Milchrödel wegen des Milchsaftes. — Wegen der diuretischen Wirkung: Seichblume, Pissblume (bei MATTHIOLI und ANGUILLARA: pisciainletto, franz.: pissenlit, holl.: pis in t’bed, pissebloem). Verächtlich wegen der großen Häufigkeit und Lästigkeit: Knotenblume, Säublume (in der Schweiz), Kuhblume, Schäfchenblume, Pferdeblume (paardenbloem), Hundeblume (holl. hondsbloem, franz. pissechien), Lusblom. — Butterblume, Ankeblume, Dotterblume (so bei BOCK) wegen der gelben Farbe. — An den hohlen Stengel erinnern Bezeichnungen wie: Röhrlinkraut (bei GESNER, Hort. germ.), Pfaffenröhrlein. — Erotische Beziehungen verraten: Pampelblume, Bumbaumel u. and.
Beschreibung der Pflanze. Die Pflanze ist über die ganze nördliche Halbkugel bis in die arktische Region verbreitet und in vielen Gegenden ein lästiges Unkraut der Äcker, Wiesen und Gärten. Sie findet sich ebenso in Europa wie in Nordafrika, in Vorderasien, Persien, Himalaya, Indien, China, wie auch, wohl dorthin verschleppt, in Nordamerika und geht nach Norden bis Grönland, Island und Novaja Semlja und weit hinauf auch ins Gebirge.

Fig. 75.
Taraxacum officinale.
bl basale Blattrosette, rh Rhizom, hw Hauptwurzel, w Nebenwurzeln.
[Aus
Karsten-Oltmanns
, Pharmakognosie.]
Der Habitus der perennierenden Pflanze wechselt etwas nach dem Standort. Die arktischen und Gebirgsformen (T. palustre DC. und T. nudum JORD.) sind z. B. kleiner. An trockenen Standorten bildet der Löwenzahn eine horizontal ausgebreitete Rosette tiefgesägter derber Blätter, an feuchten, zwischen hohem Gras, richten sich die dann nur schwach gezähnelten großen, zarten Blätter vertikal auf. Die lange, oft tief (5 dcm und mehr) in den Boden dringende, meist einfache Wurzel trägt ein kurzes, bisweilen mehrköpfiges Rhizom (Grundachse) (Fig. 75). Die lanzettlichen, kahlen oder wolligen Laubblätter bilden eine grundständige Rosette. Ihr Rand ist schrotsägeförmig («Löwenzahn»). Die Pflanze hat keine Winterruhe. Sie treibt auch über Winter Blätter. Daher fehlen die Knospenschuppen. Als Schutz der jungen Blätter mögen vielzellige Haare dienen, die in großen Mengen von deren Oberhaut gebildet werden (A. MEYER, KARSTEN-OLTMANNS). Die Vielköpfigkeit wird dadurch erzeugt, daß nach Absterben des Endsprosses in den Achseln der oberen Blätter seitliche Knospen sich entwickeln. Die Stengel sind kahl. Sie tragen keine Blätter, sondern an der Spitze nur ein Blütenkörbchen, dessen Hüllblätter lineal sind, die äußeren abwärts gebogen. Sämtliche Blüten des Körbchens sind hermaphrodite Zungenblüten, von goldgelber Farbe, mit einem Pappus (Kelch) am Grunde der Kronenröhre. Abends oder bei regnerischem Wetter schließen sich die Körbchen. Der zwischen Fruchtknoten und Pappus liegende Teil verlängert sich, wenn die Krone abgefallen ist, und so sitzt der sich horizontal ausbreitende Haarkranz schließlich mit langem Stiele, der dreimal so lang ist als die Frucht, dieser auf. Die Pappusteile der einzelnen Früchte orientieren sich zu einer Hohlkugel, so daß das reife Körbchen rund ist. Die lineal-keilförmigen, gerippten, hellbraunen Früchte lösen sich zur Reifezeit leicht vom kahlen, weißen Fruchtboden, der wie eine Glatze aussieht «Pfaffenplatte»), ab und werden, da der Pappus als Flugorgan dient, wie Luftschiffe, auf weite Strecken hin getragen, was wesentlich zur Verbreitung der Pflanze beiträgt. Bei Taraxacum findet sich Parthenogenesis.
Die frische Wurzel ist braungelb, fleischig und milcht stark beim Verletzen. Sie schrumpft beim Trocknen beträchtlich. Die trockene Wurzel milcht nicht. Die frische Wurzel bricht leicht, ist daher schwer auszugraben.
Der bald mehr süßliche, bald mehr bittere Geschmack tritt in sehr verschiedener Weise hervor je nach dem Entwicklungsstadium, der Einsammlungszeit und, wie FLÜCKIGER meint, auch der Bodenbeschaffenheit. Während die Wurzel (wie überhaupt die ganze Pflanze) im Frühjahr reich an Milchsaft ist, ist sie im Herbst reich an Inulin.
Das deutsche Arzneibuch schreibt die im Frühjahr vor der Blütezeit zu sammelnde Wurzel samt den Blättern vor (auch die Japanische Pharmakopoëe 1907 hat Rad. taraxaci cum herba), die österreichische Pharmakopoëe läßt die Blätter im Frühjahr, die Wurzel im Spätherbst sammeln, die schweizerische nur die Wurzeln, diese im Spätherbst.
Taraxacum wird in Indien in den Nordwest-Provinzen, besonders bei Saharanpur für die Government sanitary establishments angebaut. Wir benutzen nur die wildwachsende Pflanze, die in größeren Mengen z. B. in Thüringen gesammelt wird, aber auch in der Schweiz das gemeinste aller Unkräuter ist. Österreich exportiert Rad. taraxaci (MITLACHER).
Lit. Abbild.: BERG-SCHMIDT, Atlas t. 8 (dort die florist.-Literatur), PABST-KÖHLER, t. 5 und BENTLEY-TRIMEN, Medicinal plants t. 159. — GILG, Pharmakogn. 360. — KARSTEN-OLTMANNS, Pharmakognosie. — GIDEON WEIDEMANN, Beitr. z. Morphol. d. perennier. Gewächse. Diss. Marburg 1871. — SCHÜBELER, Pflanzenwelt Norwegens. 1875. — ALICE HENKEL, U. S. Dep. Agric. 1906, Nr. 89. — EBERLE, Proc. Am. ph. assoc. 1905. — HOLMES (Stammpflanze). Pharm. Journ. 1900, 65, 419. — Die Morphologie ausführlich in A. MEYER, Drogenkunde. — Einsammlung: ELBORNE AND WILSON, Pharm. Journ. (3) Nr. 773.
Pathologie. Auf den oberirdischen Teilen von Taraxacum officinale sind zahlreiche Parasiten bekannt, z. B. Olpidium simulans, Synchytrium Taraxaci, Sphaerotheca Humuli, Puccinia Taraxaci, P. variabilis, die Aecidienform von Puccinia sitvatica u. a., doch dürften dieselben kaum in wesentlicher Weise die unterirdischen Teile schädigen. Auf letzteren wird Torula rhizophila CORDA subsp. Taraxaci DESM. angegeben (ED. FISCHER).
Über die tierischen Schädlinge berichtet ISRAËL: Auf Löwenzahn lebt eine große Anzahl von Schmetterlingsraupen. Der Lepidopterologe benutzt daher Löwenzahn als eine Art Universalfutter. Fast alle polyphagen Raupen, namentlich eine große Anzahl von Eulenraupen, nehmen in der Gefangenschaft gerne Löwenzahn als Futter an. In der Natur findet man auf dieser Pflanze viele Raupen, die nur wohl gelegentlich die Blätter als Futter annehmen, aber auch gerade so gern alle möglichen anderen Pflanzen annehmen. Es seien nur einige erwähnt. Zygaena Filipendulae L. auch an Trifoliumarten usw. Bombyx trifolii W. V. Bombyx rubi L. Crateronyx dumi L. Crateronyx taraxaci W. V. Dasychira fascelina L., Spilosoma mendica Cl., Spilosoma luctifera W. V., Spilosoma fuliginosa L., auch an allen möglichen anderen Pflanzen. Mehrere Nemeophila- und Arctiaarten leben u. a. an Löwenzahn, Mania maura L. auch an Erlen, Weiden, Epheu, Berberitze usw. Hadena porphyrea ESP., Orthosia humilis W. V. Mamestra dentina W. V., M. albicolon HBN., M. leucophaea W. V., M. serena W. V. Mehrere Agrotis- und Poliaarten leben an Taraxacum, ferner einige Cucullia- und Orrhodia- und Hadenaarten usw. usw. Unter den Spannern sind es besonders Acidalia- und Cidariaarten, die die Blätter von Taraxacum fressen.
Die Droge unterliegt, wie die anderen Inulinwurzeln, sehr dem Wurmfraß (Anobium paniceum u. and.). In ihr findet sich bisweilen Tinea zeae, die indische Mehlmotte (JACKSON).
Beschreibung der Droge. Taraxacum gehört zu den tiefwurzeligen Pflanzen (s. oben). Die Wurzel ist spindelförmig, graubraun, grob-längsrunzlig mit nur wenigen oder keinen Nebenwurzeln besetzt, einfach oder wenige Fasern bildend und oben einen rundlichen, querrunzlichen Wurzelkopf (Rhizom) tragend. Dieses Rhizom ist meist nur kurz (Fig. 76, rh). Doch findet man bisweilen, wenn die Pflanze z. B. beim Umackern des Bodens mit Erde bedeckt worden war, längere gestreckte. Ältere Achsenstücke sind bisweilen durch tiefgreifende Peridermbildung in mehr oder weniger zahlreiche netzförmig miteinander zusammenhänge Stränge gespalten (A. MEYER).
Nach dem Aufweichen quer durchschnitten zeigt die Wurzel eine breite Rinde, die mindestens den Durchmesser des Holzkörpers besitzt, in der man schon mit bloßem Auge, besser mit der Lupe, zahlreiche konzentrische Zonen bemerkt (Fig. 76,1), die durch Gruppen von Milchsaftschläuchen und Siebröhren gebildet werden. Der gelbe marklose, undeutlich strahlige Holzkörper ist entweder regelmäßig als solider Zentralzylinder entwickelt oder, und dies besonders gegen die Wurzelbasis hin und bei dickeren Wurzeln, unregelmäßig zerklüftet (Ph. helv. Ed. IV). Die beiden primären Markstrahlen sind bei dünnen Wurzeln deutlich. Das Lupenbild des Rhizomquerschnittes (Fig. 76,2) zeigt ein zentrales Mark, einen darumgelegten Kreis von Gefäßbündeln und in der breiten Rinde die gleichen konzentrischen Zonen wie die Wurzel. Da und dort sind Blattspurstränge sichtbar. Am Rhizom findet man die Ansätze der tiefst inserierten Blätter oder deren Narben. Da der Wurzel mechanische Elemente fehlen, bricht sie gerade-körnig.

Fig. 76.
Taraxacum officinale.
1. Lupenbild des Wurzel-Querschnittes. 2. Lupenbild des Rhizom-Querschnittes.
[Nach
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Die Angabe SCHRENKS (Jahresb. Pharm. 1887, 67), daß die Taraxacumwurzel Mark enthalte, beruht auf einem Irrtum. Er hat wohl den Rhizomteil mit der Wurzel verwechselt.
Die oben noch die Blattrosette tragende Wurzel ist unter der Bezeichnung Rad. taraxaci cum herba im Handel.
Lit. BENTLEY, On the characters of Dandelion root and the means whereby it may be distinguished from other roots (einiger Kompositen). Pharm. Journ. XVI, 1856/57, 304 (mit Abbild.).
Verfälschungen. GILES fand (1851) in der Droge die Wurzeln von Apargia hispida. Als Verfälschungen werden auch genannt Rad. cichorei (RUSBY, s. oben S. 204) und die Wurzel von Rumex crispus. Die mikroskopische Untersuchung läßt diese Beimischungen leicht erkennen. Keine der genannten Wurzeln zeigt die konzentrische Zonung der Rinde. Die Rinde ist bei Cichorium radial gestreift.
Lit. GILES, Root of rough hawkbit (Apargia hispida) substituted for Taraxacum. Pharm. Journ. XI, 1851/52, 107.
Fig. 77. Taraxacum officinale. Querschnitt durch die Wurzel am Cambium (c), sb Siebröhren, obl obliterierte Siebröhren, m Milchröhren, g Gefäße, hp Holzparenchym. [Aus Tschirch, Angewandte Anatomie.] Fig. 78. Taraxacum officinale. Milchröhrensystem der Wurzel. [Nach Tschirch-Oesterle, Atlas.]