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Handbuch der Pharmakognosie

Einleitung.

Reading edition

Bei der Besprechung der Aufgaben der Pharmakognosie habe ich (I. Teil, S. 6) als Ziel der Pharmakognosie als Wissenschaft neben der erschöpfenden allseitigen Behandlung der Einzeldroge die Zusammenfassung des Zusammengehörigen unter gemeinsamen Gesichtspunkten bezeichnet. Welches sind nun diese allgemeinen Gesichtspunkte? Sollen wir morphologische benutzen? Das hieße sich auf den Standpunkt der Signatura (I, S. 886) stellen. Alle Wurzeln, alle Blätter, alle Samen in Kapiteln zusammenfassen, würde bedeuten, daß wir die betreffenden Drogen benutzen, weil sie Wurzeln, Blätter, Samen sind. Aber die Zugehörigkeit zu einer morphologischen Gruppe ist für die arzneiliche Anwendung ganz gleichgültig. Und aus dem gleichen Grunde sind aus dem anatomischen Bau, der inneren oder feineren Morphologie Einteilungsprinzipien nicht abzuleiten. Eher könnten wir schon die Drogen nach Pflanzenfamilien zusammenfassen. Denn es hat sich ja herausgestellt, daß wir häufig die gleichen oder ähnliche Bestandteile in den Gliedern ein und derselben Pflanzenfamilie antreffen und daß CAESALPINI Recht hat, wenn er sagt: «Plantae quae generis societate junguntur, plerumque et similes possident facultates». Denn auf die Bestandteile kommt es an, die facultates, virtutes et vires. Aber auch hier treffen wir vielfach auf Unstimmigkeiten, vereinigen nicht zu Vereinigendes und trennen Zusammengehöriges. Zudem ist die pharmakognostische Ähnlichkeit der Arten einer Gattung und der Gattungen einer Familie nur selten so groß, daß die botanische Verwandtschaft mit der pharmakologischen und chemischen zusammenfällt.

So bleibt denn schließlich nur das chemische System übrig (vgl. I, S. 228). Wegen ihrer Bestandteile verwenden wir die Drogen. Ob eine Droge zu den Rubiaceen, den Zingiberaceen oder Lauraceen gehört, ist pharmakologisch ebenso gleichgültig, wie ob sie eine Wurzel, ein Blatt oder eine Blüte ist oder ob sie ein oder zwei Reihen Palisaden hat oder ob sie aus China bzw. Japan kommt. Für die Benutzung in der Medizin kommt nur in Betracht, was die Droge als wirksamen Bestandteil enthält. Läge nun der Fall so, daß jede Droge nur einen wirksamen Bestandteil oder nur eine Gruppe ähnlicher Bestandteile als wirksame enthielte, und wäre uns dieser Bestandteil für jede einzelne Droge bekannt, so läge die Sache sehr einfach. Dann wäre die Gruppierung der Drogen nach ihren Bestandteilen die einfachste Aufgabe der Welt. Aber, wie schon oben (I, S. 394) erwähnt, ist die Wirkung der Droge meist eine Mischwirkung und das Resultat mehrerer verschiedener Bestandteile. Wir werden also in einigen Fällen dieselbe Droge an verschiedenen Stellen des Systems unterbringen müssen. Dazu kommt, daß wir nur von einer kleinen Anzahl von Drogen die Bestandteile kennen oder angeben können, welches die wirksamen sind. Die Schwierigkeiten, welche sich der Gruppierung der Drogen nach chemischen Gesichtspunkten entgegenstellen, sind also beträchtliche. Aber sie müssen überwunden werden. Denn alle anderen Systeme sind nicht im Wesen der Sache begründet. Den Kern trifft nur das chemische System, kein anderes.

Ich werde also die Drogen nach chemischen Gesichtspunkten ordnen und gruppieren, also nur solche aufnehmen, die chemisch einigermaßen untersucht sind. Gar nicht oder nicht genügend chemisch untersuchte Drogen haben noch kein Anrecht auf Aufnahme in eine wissenschaftliche Drogenkunde. Sie gehören vorläufig nur in die Drogeninventare und Enzyklopädien.

Ich bin mir sehr wohl bewußt, daß bei der von mir gewählten Darstellung zunächst etwas nicht ganz Vollkommenes herauskommen wird, wie ja auch die ersten Systeme, deren sich die Chemiker in ihren Handbüchern bedienten, unvollkommen waren, aber dem ersten Versuche wird ein zweiter folgen, der schon besser ist, dem zweiten ein dritter — und je weiter unsere pharmakochemischen Kenntnisse fortschreiten werden, um so besser wird die Einteilung sich durchführen, eine um so grössere Zahl von Drogen wird sich im System an sicherer Stelle unterbringen lassen. Ganz unwesentlich erscheint es mir, daß einige wenige Drogen an verschiedenen Stellen unterzubringen sind. Nun, so erwähnt man sie eben an verschiedenen Stellen. Das ist doch kein so großes Unglück und zeigt uns nur die Mannigfaltigkeit der Beziehungen der betreffenden Droge. Man kann die Droge ja an der einen, der Hauptstelle, beschreiben und an der anderen nur erwähnen. (Über pharmakochemische Systeme vgl. im übrigen I, S. 216 u. flgd.)

Jedenfalls darf die Pharmakognosie nicht länger eine Sammlung von Drogen-Monographien bleiben, ohne geistiges Band. Und dies geistige Band — der die Artikel und Artikelgruppen verbindende Text — spielt daher in der nachfolgenden Darstellung eine wichtige Rolle.

Der Gang, den wir bei der Behandlung der pflanzlichen Drogen einzuhalten haben, ist vorgezeichnet durch den Weg, den die pflanzliche Zelle geht. Als Produkt der Assimilation der Kohlensäure entsteht meist zuerst ein Zucker. Man kann sich die Zuckerbildung aus Kohlensäure entweder über Formaldehyd (BAEYER) oder (LÖB) in drei Phasen verlaufend denken:

CO2 + H2O

=

CO + H2 + O2.

2(H2 + CO)

=

CH2OH.CHO.

3 CH2OH.CHO

=

C6H12O6.

(In der Pflanze erfolgt die Zuckerbildung auch sekundär über Polysaccharide oder Pflanzensäuren, s. unten.) Aus dem Zucker entstehen einerseits die Polysaccharide, z. B. die Cellulosine: Gummi und Schleim, andererseits die Fette und andere aliphatische Substanzen. Denn «das in den Fetten enthaltene Glycerin kann aus dem Traubenzucker durch Anlagerung von 4 Wasserstoff und Aufspaltung der Kohlenstoffkette entstehen, wie es selbst umgekehrt in Glycerose und Zucker übergeht. Und um die Stearin- und Ölsäure, welche gebunden an Glycerin in den meisten Fetten enthalten sind, vom Zucker abzuleiten, braucht man nur anzunehmen, daß von letzterem drei Moleküle durch ihre Aldehydgruppen so verkuppelt werden, wie es dem Formaldehyd bei der Zuckersynthese ergeht. Dann würde ein Molekül von 18 Kohlenstoffatomen resultieren, in welchem nur noch eine Verschiebung und Wegnahme von Sauerstoff nötig ist, um jene Säure zu erzeugen» (EMIL FISCHER). Doch kann man sich auch die Fettsäuren indirekt als aus Zuckerteilstücken aufgebaut denken. Andererseits kann man von den Kohlehydraten zu olefinischen Campherarten, zyklischen Terpenen, Retenderivaten und Phytosterinen gelangen. Die Brücke zu den zyklischen Verbindungen bildet der, wie wir jetzt wissen, weitverbreitete hexazyklische gesättigte Inosit, bei dem der Ringschluss eines sechsgliederigen Systems erfolgt ist, eines der ersten Glieder der hydroaromatischen Reihe, die in den Terpenen und Resinosäureharzen eine weitverbreitete Klasse pharmakognostisch wichtiger Stoffe liefert und der auch zum Phloroglucin hinüberleitet:

C6H6(OH)6

=

C6H3(OH)3 + 3 H2O.

Inosit

Phloroglucin

Dann folgen die ungesättigten, ringgeschlossenen aromatischen Substanzen und ihre Paarungen mit Gliedern der Zuckergruppe, die Glykoside, und den Beschluß machen die Alkaloide.

So werden wir also vom Einfacheren zum Komplizierteren fortschreitend nacheinander die Zuckerdrogen, die Stärkedrogen, die Cellulosindrogen, die Drogen mit aliphatischen Säuren und sauren Salzen, die Fettdrogen, die Drogen mit ätherischen Ölen und anderen Riechstoffen, die Harzdrogen, die Drogen mit aromatischen Phenolen und die Tanniddrogen, die Glykosiddrogen und die Alkaloiddrogen behandeln und im einzelnen wieder die Einteilung nach der chemischen Struktur der wichtigsten Bestandteile, oder, wo dies angezeigt ist, nach Familienzusammengehörigkeit oder pharmakologischen Gesichtspunkten treffen.

Die benutzten Lehr- und Handbücher der Pharmakognosie sind in dem Kapitel «Pharmakognostische Systeme» (I, S. 216), die botanische Literatur in den Kapiteln Pharmakosystematik (I, S. 298, 305, 326), Pharmakomorphologie (I, S. 340) und Pharmakoanatomie (I, S. 349, 354–356) aufgeführt. Die chemische Literatur wird bei jedem Kapitel zitiert werden. Bei einigen Kapiteln hat mich Prof. VON LIPPMANN und Prof. WINTERSTEIN beraten. In etymologischen Fragen stütze ich mich besonders auf GRIMM, KLUGE und KANNGIESSER.

Die Produktions-, Export- und Importziffern sind vornehmlich den Handelsberichten und den Ausfuhr- und Einfuhrlisten von London, Hamburg, Amsterdam, New York, Buenos Aires, Rio de Janeiro, Japan, Singapore, Calcutta, Ceylon und Java entnommen. (Vgl. I, S. 181–184.) Einige Angaben verdanke ich auch den betreffenden Handelsministerien, z. B. dem Italiens, dem Department of commerce in Washington (U. S. A.), dem deutschen Handelsarchiv und anderen Quellen, wie dem Tropenpflanzer, dem Tableau général du commerce de France u. a.

Für die durch Herrn Prof. ED. FISCHER in Bern freundlichst übernommene Bearbeitung der pflanzlichen Schädlinge wurden hauptsächlich benutzt: P. SORAUER, Handbuch der Pflanzenkrankheiten, 3. Auflage, zweiter Band, bearbeitet von G. LINDAU, Berlin 1908. — A. B. FRANK, Die Krankheiten der Pflanzen, 2. Auflage, zweiter Band. Breslau 1896. — VON TUBEUF, Pflanzenkrankheiten. Berlin 1895. — P. A. SACCARDO, Sylloge Fungorum omnium hucusque cognitorum Vol. XIII, 1898. — M. HOLLRUNG, Jahresbericht über das Gebiet der Pflanzenkrankheiten. — P. SORAUER, Zeitschrift für Pflanzenkrankheiten. — Auf die drei erstgenannten Handbücher seien auch diejenigen verwiesen, welche eingehendere Angaben suchen. Weitere Literaturnachweise finden sich in den einzelnen Abschnitten. Die tierischen Schädlinge hat Herr Apotheker ISRAËL in Gera freundlichst zu bearbeiten übernommen.

Im jeder Droge beigefügten historischen Teil ist durchweg auf die Pharmakohistoria im I. Bande verwiesen. Dort sind die Quellen zu finden. Die Literatur wird entweder unter jedem Abschnitte oder am Schlusse des Artikels zitiert.

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