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Handbuch der Pharmakognosie

I. Kohlehydratdrogen. (continued 7)

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Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie
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Anatomie. Der primäre Bau der Wurzel, der an zarten Nebenwurzeln der Droge vom Durchmesser 0,12–0,20 mm noch kenntlich ist, ist diarch (oder triarch). Die primäre Rinde ist nur 2–5 Zellreihen dick. Sie führt Milchröhren, ebenso wie die primären Siebteile. Frühzeitig geht der primäre Bau in den sekundären über. Schon 0,25 mm dicke Wurzeln zeigen sekundäre Gefäße, die weiter zu sein pflegen als die primären, und bei einer 0,5 mm dicken Wurzel ist der Cambiumring kreisförmig geschlossen. Die primäre Rinde bleibt oft lange erhalten. Meist wird sie erst, wenn die Wurzel mehrere Millimeter dick ist, abgeworfen. Die dicke Hauptwurzel, aus der die Droge vornehmlich besteht, ist außen von mehrreihigem Pericambialkork bedeckt. Die sekundäre Rinde besteht zur Hauptmasse aus vom Cambium her sehr regelmäßig in Radialreihen angeordnetem Phloëmparenchym, dessen dünnwandige Zellen in die Länge gestreckt, alle gleichlang und gleichhoch sind und daher auch auf dem Längsschnitt in regelmäßigen Radialreihen liegen. In der sekundären Rinde liegen, eingebettet in das Rindenparenchym, 10–30 konzentrische Kreise kleiner Gruppen, die aus Siebröhren und Milchröhren bestehen (Fig. 79). Die letzteren gehören zu den gegliederten Milchröhren, wie sie für die Cichoraceen charakteristisch sind. Sie bilden ein in tangentialer Richtung anastomosierendes Netz (Fig. 78), das, sobald eine Stelle desselben bei der frischen Wurzel durch das Messer verletzt wird, seinen ganzen Inhalt ausfließen läßt. Der dabei reichlich austretende weiße Milchsaft wird bald schwarzbraun. Bei der Droge ist der Inhalt, der sich mit Alkannin-Essigsäure färbt und neben Eiweiß auch den Bitterstoff (Taraxacin) und die Gutta (Taraxacerin) enthält, jedoch geronnen und selbst relativ resistent gegen Alkohol geworden. Die Milchröhren besitzen eine Weite von 12–22 mik. Nie anastomosieren die Milchröhren zweier Zonen, stets nur die derselben in tangentialer Richtung. Bei einer 4,5 mm dicken Wurzel zähle ich 9, bei einer 6 mm dicken 14 Kreise. Durch dieselben bekommt die Rinde ihr charakteristisch gezontes Aussehn. Die Siebröhren und die Milchröhren sind etwa gleich weit, beide etwas enger als das umgebende Phloëmparenchym. Die Milchröhren prävalieren bei weitem, so daß sie die eigentlich leitenden Organe der sekundären Rinde sind. Sie sind häufig mit Ausstülpungen versehen (Fig. 78), an denen sie oft durch Resorption der trennenden Wände miteinander verschmelzen. Ihren körnigen Inhalt kann man sich sehr schön sichtbar machen, indem man die frische Wurzel in Alkohol legt und die Längsschnitte mit Jod tingiert. Bei dieser Behandlungsweise erhält man auch das in der Wurzel in reichlicher Menge im Zellsaft gelöst enthaltene Inulin in prächtigen Sphaerokristallen (Fig. 74), Aggregaten zierlicher oft dentritisch verzweigter Nadeln und isolierten verzweigten Nadeln auskristallisiert, besonders schön in den großen Phloëmparenchymzellen. Rindenstrahlen sind in der Rinde nicht zu erkennen (Fig. 77).

In dem zentralen Holzkörper sind Markstrahlen nicht zu sehen. Die Bildung des sekundären Holzes erfolgt also regellos und nicht strahlig, oder doch wenigstens sehr undeutlich strahlig. Zwischen den dicht gedrängten leiterartig oder netzleistenförmig verdickten (Fig. 79), 10–45 mik. weiten, im Längsverlauf schwachgeschlängelten, im Querschnitt eckig konturierten Gefäßen liegen schmale Holzparenchymbänder. Im Zentrum des Ganzen sieht man bisweilen noch die englumigen primären Gefäße.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 79.

Taraxacum officinale.

Aus dem Längsschnitt durch die Wurzel. s Siebröhren, Mi Milchröhre, gf Gefäße, Er Ersatzfaser.

[Nach

Tschirch-Oesterle

, Atlas.]

Im äußeren Teile der sekundären Rinde sind die Milchröhren spärlicher, auch weniger regelmäßig angeordnet. Die Milchröhren werden von Siebröhren begleitet, deren Glieder etwa so lang sind wie Phloëmparenchym- und Cambiumzellen. Bei den Sieb-Milchröhren-Gruppen der Rinde bemerkt man Pektinisierung der Mittellamellen. Die Phloëmparenchymzellen zeigen bei Behandlung mit Chlorzinkjod oft eine feine Streifung, machen also den Eindruck von Ersatzfasern. Sie enthalten im Zellsaft gelöst das Inulin (s. oben S. 201), sehr selten Stärke.

Innerhalb des mehrreihigen Cambiums liegt der Holzkörper, der zu innerst noch wenige zarte primäre Gefäße erkennen läßt. Die sekundären liegen ziemlich unregelmäßig eingebettet in Holzparenchym und zarte Ersatzfasern (Fig. 79). Sekundäre Markstrahlen treten nicht deutlich hervor — nur bei jüngeren Wurzeln zwei breite primäre Fig. 76, 1). Die engsten Gefäße sind spiralig verdickt, die weiteren zeigen Leiter- und Netzleistenverdickungen.

Die Nebenwurzeln zeigen deutliche Heterorhizie (TSCHIRCH): Ernährungswurzeln und Befestigungswurzeln. Letztere besitzen einen zentralen Libriformzylinder.

Das Rhizom besitzt die gleichen Elemente, jedoch ein mehr oder weniger großes Mark (Fig. 76, 2).

In der Stärkescheide der Blätter findet sich Stärke. Milchröhren treten auch in die Blattnerven höherer Ordnung ein. Die Blätter tragen 6–8zellige, dünnwandige, oft kollabierte Haare und an den Rippen der Blattunterseite mehrzellige Borstenhaare mit spornartig ausgebogenen Enden (ZÖRNIG).

Lit. HANSTEIN, Milchsaftgefäße 1864, Taf. IX. — DIPPEL, Entsteh. d. Milchsaftgefäße. Rotterdam 1865. Taf. V. — DE BARY, Anatomie S. 489, 519, 533 u. 540. — FLÜCKIGER-TSCHIRCH, Grundlagen. — ARTHUR MEYER, Wissensch. Drogenkunde (hier die Anatomie ausführlich). — VOGL, Interzellulars. u. Milchsaftgef. in der Wurzel d. gemeinen Löwenzahns. Sitzungsb. d. Wien. Akad. 48 (1863) u. Beitr. z. Kenntn. d. Milchsaftorg. d. Pfl. PRINGSHEIMS Jahrb. 5. und Nahrungs- und Genußm. — TSCHIRCH-OESTERLE, Atlas. — THOUVENIN, Contribut à l’étude anatom. des racines de la fam. des Composées. Thèse Nancy 1884 avec 6 tabl. — HOLFERT, Primäre Anlage d. Wurzeln. Arch. Ph. 1889, 481. — ZÖRNIG, Arzneidrogen 1909. — SCHRENK, Amer. Drugg. 1887. — DOHME, Drug. Circ. 1897, 178. — Pulver: KRAEMER, Proc. am. pharm. assoc. 1898, 305. — Anat. Abb.: PLANCHON-COLLIN, Les drogues simples II, Fig. 647, MOELLER-WINTON a. a. O. und TSCHIRCH, Angew. Anatomie, Fig. 601.

Chemie. Der Hauptbestandteil der Rad. taraxaci ist das Inulin, von dem RUNDQUIST (1904) bis 39,65% fand (die Angabe von SAYRE, der 79,02% (!) Inulin gefunden haben will, beruht wohl auf einem Fehler der Bestimmungsmethode). KOCH fand 15,6% in Handelsware, in selbst gegrabener 5,2%, neben c. 1% Saccharose, 0,46% Glukose, Harz und Schleim. Die Löwenzahnwurzel ist, wenn wir auf das Inulin abstellen, im Spätherbst zu sammeln, da sie zu dieser Zeit am reichsten an Inulin ist. Eine im Oktober gegrabene Rad. taraxaci enthielt 24,3%, eine im März gesammelte 1,7% Inulin (DRAGENDORFF).

An Stelle des Inulins tritt im Winter bisweilen Stärke (DIPPEL), im Frühjahr ein Zucker (bis 17%) und etwa ebensoviel Lävulin auf.

Junge Wurzeln des Löwenzahn enthalten bis zu 20% des nicht süßen, optisch inaktiven Lävulins (C6H10O5)n (Synanthrose oder Inulose, LEFRANC, POPP, DRAGENDORFF, vgl. S. 218).

Der Zucker scheint zur Zeit der kräftigsten Entwicklung der Pflanze in größter Menge gebildet zu werden und gegen den Herbst abzunehmen, im Winter aber wieder reichlicher aufzutreten, da die Wurzel nach den Winterfrösten wieder süßer schmeckt als im Herbst. Fetter Kulturboden begünstigt die Zuckerbildung (DRAGENDORFF).

Die Zellwand beträgt 23,1% des Gewichtes, davon sind Hemizellulosen 13,7% und Zellulose 9,4% (ALBERT KLEIBER). STORER fand bei der Hydrolyse Mannose. Die Membranen enthalten also ein Mannan.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die frische stark milchende Wurzel, besonders wenn sie noch die Blätter besitzt (s. oben), eine ganz andere Wirkung hat wie die getrocknete, die wir übrigens als Rad. taraxaconis erst in einer Taxe von Hamburg 1587 finden (I, S. 818) und die lange nicht so bitter ist, wie die frische. Der bittere Geschmack tritt vor und nach der Blütezeit am kräftigsten hervor, und besonders bei Pflanzen, die auf magerem Boden wachsen. Die Extrakte haben daher eine ganz verschiedene Zusammensetzung, je nachdem sie aus der frischen Wurzel (und dem Kraut) oder der trockenen Wurzel bereitet und ob sie im März, im Juli oder im Herbst dargestellt wurden (WIDNMANN, FRICKHINGER). Die Extraktausbeute wechselt ebenfalls sehr, je nach der Zeit der Einsammlung (Angaben bei PEREIRA). Der Extraktgehalt der Rad. taraxaci beträgt nach DIETERICH 19,9, nach LA WALL 35% (s. unten).

Der frische weiße Milchsaft, der zu einer braunen bröckeligen Masse (Leontodonium) gerinnt, ist eine Emulsion aus Eiweiß, Harz und einem guttaartigen (?) Körper, den man Taraxacerin (C8H10O? Kautschuk PFAFFS?) genannt hat (KROMAYER), und enthält auch den wasserlöslichen, kristallisierbaren (SQUIRE, STODDART) Bitterstoff, das Taraxacin (POLEX, KROMAYER), auf den wohl die Wirkung des Succus recens beruht. Taraxacin und Taraxacerin bedürfen jedoch erneuten Studiums. Stellen wir auf den Bitterstoff ab, so muß die Wurzel im Juli oder im März gesammelt werden. Das bittere Taraxacin, das SAYRE aus dem Chloroformauszuge in Kristallen erhielt (es kristallisiert aus Aceton), ist zu 0,05% in der Droge erhalten (die bei der Behandlung des amorphen Taraxacins mit H2O2 entstehende Taraxacinsäure ist Oxalsäure). Es wird von einem scharfen Stoffe begleitet. Auch das wachsartige Taraxacerin (C9H15O) erhielt SAYRE kristallinisch.

SAYRE glaubte (1898) auch 0,002% eines Alkaloides, Taraxin, gefunden zu haben. ZWALUWENBURG und GOMBERG konnten (wenigstens in im Oktober und November gesammelten Wurzeln) kein Alkaloid nachweisen, wohl aber einen nicht alkalisch reagierenden Körper mit Alkaloidreaktionen.

Ob das aus dem Extractum taraxaci bisweilen auskristallisierende Calciumlaktat in der Pflanze präformiert ist oder sich erst (aus Zucker, LUDWIG) nachträglich bildet, ist noch zu untersuchen. Der besonders in vergorenen, aber auch in frischen Auszügen der Wurzel auftretende Mannit [WIDNMANN (1832), FRICKHINGER (1840), T. u. H. SMITH (1849)] ist wohl ein erst bei der Verarbeitung auftretendes Produkt. HERMBSTÄDT glaubte Weinstein (?) gefunden zu haben.

Der in den Blättern, Blüten und Stengeln von MARMÉ gefundene Inosit fehlt der Wurzel (STILLÉ, MAISCH). Doch glaubte ihn MARMÉ auch dort gefunden zu haben.

Der Feuchtigkeitsgehalt beträgt 13,4% (NYGÅRD).

Die Asche der Wurzel beträgt 7,8% im Frühjahr, 5,5% im Herbst (FRICKHINGER). Die im April gegrabene Wurzel lieferte bei 100° getrocknet nach FLÜCKIGER 5,24%, NYGÅRD 4,85% Asche (Analyse der Asche bei SAYRE 1897). HAUKE fand 6,85–7,72%; obere Grenzzahl 8%. Die Pharm. austr. fordert für die Blätter höchstens 16%, für die Wurzel höchstens 8% Asche.

In den Blättern findet sich neben Inosit Schleim, Zucker, Harz (SPRENGEL).

Im Mai mit Blütenknospen gesammelte Blätter enthielten 2,81% Stickstoffsubstanz, 0,69% Fett, 7,45% stickstofffreie Extraktivstoffe (Zucker), 1,90% Asche (STORER und LEWIS).

SAYRE konnte (1894) keinen Unterschied im Gehalt der Droge an Taraxacin, Harz und reduzierendem Zucker finden, ob die Pflanze im Hochlande Amerikas oder in der Ebene gesammelt wurde. Die Septemberwurzel enthält das meiste Taraxacin, die Märzwurzel gibt das meiste Extrakt, die Augustwurzel enthält das meiste Inulin und die Oktoberwurzel das meiste Lävulin (SAYRE).

Der als Cichorienersatz verwendete Löwenzahnkaffee enthält 8,46% Wasser und in der Trockensubstanz: 65,74% wässriges Extrakt, 1,53% Zucker, 18,64% Rohfaser und in der Asche wasserlöslich 3,20%, unlöslich 4% (KORNAUTH).

Chemie. Ältere Analysen von DELIUS (De taraxaco. Erlangen 1754), JOHN (Chem. Unters. der Löwenzahnmilch. Chem. Schr. IV u. in GMELIN, Handb. d. Chem. II, 1827) und SQUIRE (BRANDE, Dict. of mat. med. 532). — PFAFF, Syst. d. Mat. med. VI. — PEREIRA, Elem. of mat. med. — POLEX, Arch. Pharm. 19, 1839, 50, Pharm. Journ. I, 425. — JÜRGENS, Diss. Dorpat. — DRAGENDORFF a. a. O. — WIDNMANN, Buchn. Repert. 43 (1832), 281. — FRICKHINGER, Vgl. Analys. der im Herbst u. Frühj. gesammelten Wurzeln. Rep. 23, 45. Pharm. Jahresb. 1840. — BUCHNER, ebenda 1841. — T. und H. SMITH (mit WILSON u. STENHOUSE), On the extraction of mannite from the root of Dandelion. Pharm. Journ. 8 (1848/49), 480. — SCHWEITZER, Chem. News II (Arch. Pharm. 1861, 380). — LUDWIG, Arch. d. Pharm. 107 (1861), 8. — MARMÉ, Lieb. Ann. 129 (1864). — SYMES, Pharm. Journ. (3) 10 (1869), 361. — ELBORNE, Succus Taraxaci. Pharm. Journ. 15 (1884/85) (dort die ältere Lit.). — KROMAYER, Arch. Pharm. 1861, 6 und die Bitterstoffe. 1862. — LA WALL (Extrakt), Amer. journ. pharm. 1896, 7. — SAYRE, Amer. Journ. pharm. 1894, 505, 1895, 465, 1896, 518, 1897, 494 und The important constituents of Taraxacum root. Amer. journ. ph. 1897, 543. — SAYRE, Alkaloid constituents of Taraxacum. Proc. Amer. pharm. Assoc. 1898, 341. — ZWALUWENBURG und GOMBERG, Amer. journ. pharm. 1899, 500 (Proc. am. ph. ass. 1899, 305). — STODDART, Pharm. Journ. 1870/71, 882.— STORER und LEWIS (1877) bei KÖNIG (dort auch weit. Lit). — NYGÅRD, Pharmac. Notisblad Helsingfors 1909. — RUNDQUIST, Farm. Notisbl. Helsingfors 1904. — KOCH, Amer. journ. ph. 1892, 65. — Pharm. Jahresb. 1892, 76. Bot. Jahresber. 1892 II, 408. — Asche: RÖDERS Handelsber. (Pharm. Post 1905). — KLEIBER, Vers. z. Best. d. Gehaltes einiger Pfl. u. Pflanzenth. an Zellwandbestandteilen, Hemicellulosen u. Cellulose. Diss. Zürich 1900. — STORER, Chem. Centralbl. 1902, 1155. — HAVENHILL, West. Drugg. 1905 (Literaturübersicht). — Vgl. auch FLÜCKIGER-HANBURY, Pharmacographia und FLÜCKIGER, Pharmakognosie.

Anwendung. Der harntreibenden Wirkung wegen (s. oben) nennt schon LOBELIUS das Kraut Herba urinaria, andere seris (s. oben S. 203) urinaria. Der Saft der frischen, im Frühjahr gegrabenen ganzen Pflanze ist noch jetzt bei den sog. «blutreinigenden» Frühlingskuren in Gebrauch, galt von jeher auch in Indien schon als ein Heilmittel bei Leberleiden, und wird auch neuerdings wieder dafür warm empfohlen (FYFE 1906). Die Wirkung beruht wohl auf dem Taraxacin.

Taraxacum steht auch in der Liste der KNEIPPschen Mittel als Mittel gegen Hämorrhoiden, Leberleiden usw. — Der Saft der frischen Pflanze auch gegen Gelbsucht.

In Formosa ist Taraxacum ein Antidot bei Schlangenbissen (JACKSON). Auf Island werden die frischen Wurzeln gebraten gegessen (SCHÜBELER). In England dienen die jungen Blätter als Gemüse. Die geröstete Wurzel ist ein Kaffeesurrogat. Hierbei kommt in erster Linie das Inulin in Betracht (s. oben). Dandelion Cocoa ist ein Gemisch von Extr. taraxaci und löslichem Cacao (STODDART).

Geschichte. Die Griechen und Römer beachteten die Pflanze wenig. Sie ist vielleicht das πέρδιον (Perdikion) des THEOPHRAST (PARKINSON, Theatr. Botan.). Die ἀφάκη des THEOPHRAST, DIOSKURIDES und PLINIUS kann nicht Taraxacum gewesen sein, obwohl ja der Name aphaka der Pflanze im Mittelalter anhaftete und die Pflanze jetzt in Griechenland πικραφάκη heißt (s. oben S. 207). Die Deutung von aphake als Vicia cracca oder Lathyrus aphaca erscheint mir wahrscheinlicher, denn es steht zwischen lens und pisum. Eher deutet die Beschreibung von Hedypnoïs als einer Art Cichorie, die sich bei PLINIUS findet, auf Taraxacum und dieser Name findet sich auch unter den Synonymen der Pflanze bei FUCHS (t. 680) und GESNER. Die Araber (RHAZES, AVICENNA) benutzten die Pflanze unter den oben (S. 207) angeführten Namen, aus denen dann Taraxacum wurde, welcher Name aber erst wieder bei LOBELIUS und LONICERUS auftaucht (FLÜCKIGER). HALLER benutzte ihn als Genus. Bei IBN BAITHAR heißt die Pflanze, die als wilde Cichorie bezeichnet wird, Tharachschakuk oder Marurijat. SIMON SETH (XI. Jahrh.) verbreitet sich eingehend über ihre Heilkraft. Im Pen tsʿao kang mu (I, S. 519) steht Taraxacum unter den sanften, schleimigen Pflanzen. FUCHS bildete die Pflanze ab, ebenso BOCK. LINNÉ wählte (1762) den Namen Leontodon Taraxacum. Der Löwenzahn war der Liebesgöttin FREYA geweiht. Sie wird noch heute (z. B. im Aargau) von den Mädchen zum Liebesorakel und Schönheitsmittel benutzt. In der Schweiz ist sie Kiltblume. In der Hamburger Apothekerordnung 1587 (I, S. 818) steht: Rad. taraxaconis.

Paralleldrogen. Als «Substitutes for Taraxacum» führt die Pharmacographia indica auf: Lannaea pinnatifida CASS., Lactuca Heyneana DC., Emilia sonchifolia DC., Sonchus oleraceus LINN., Echinops echinatus DC., Dicoma tomentosa CASS., Notonia grandiflora DC., Tagetes erecta LINN., Anaphalis neelgerriana DC., Carduus nutans L. und Calendula officinalis L. Nach DYMOCK in Indien auch: Brachyramphus sonchifolius DC. und Microrhynchus sarmentosus DC. Nach DRAGENDORFF in China: Taraxacum sinense DC. und T. laevigatum DC.

Rad. Bardanae.

Klettenwurzel — glouteron, bardane (franz.) — bur, burdock (engl.) — klis (holl.) — gobo, kitakisu, uma fuki (jap.) — seta koroki (aino) — ta-li-tzu, nin fang (chin.).

Syn. Nach SPRENGEL (Hist. rei herb.) die ἀπαιρίνη des THEOPHRAST (Hist. plant. VII, 14) und das ἄρκτειον des DIOSKURIDES. Das ἄρκτιον im Cod. Constant. ist jedenfalls ein Arctium (kein Verbascum!) Althd.: bletacha, chledda, cliba, kletta, kliba, letiche lettecha, pletecha — mhd.: burres, chledden, clesse, crasse, klaten, klett, klobe, breit ledecha, sumerlatich — mnd.: klive, krotenbleder. Die vielen alten deutschen Namen zeigen, daß die Pflanze diesseits der Alpen viel beachtet wurde. Im Mittelalter auch: Lappa (z. B. bei ISIDOR), Lapathum, Personata. In der Alphita (I, S. 642) steht: Bardana, Lappa maior, Lappa inversa, clote, burr, gert. Es wird Lappa major (bardona) von Lappa incisa (agrimonia) und Lappa caprina unterschieden. Bei HILDEGARD heißt die Lappa auch cletta. Lappa findet sich bei ALBERTUS MAGNUS (I, S. 673). Bardana steht bei CORDUS (I, S. 797), Bardane und Klyve im Gothaer Arzneibuch (I, S. 679).

Stammpflanze und Systemat. Stellung. Arctium L. (Lappa JUSS.) Die Gattung Arctium hat vier Arten, die aber auch nur als Abarten einer Grundform (Arctium Lappa L.?) betrachtet werden (SCHINZ und KELLER halten die Arten aufrecht):

Arctium tomentosum (LAM.) SCHRANK (A. Bardana W., Lappa tomentosa LAM.), Köpfe doldentraubig, dicht spinnewebig, filzig, innere Hüllblätter mit gerader Stachelspitze, fast strahlend.

Arctium Lappa L. (ex parte. A. majus SCHRANK, Lappa officinalis ALL., L. major GÄRTN.). Sehr groß, bis 3 m, Köpfe doldentraubig, Hüllblätter grün, kahl, Körbe wallnußgroß.

Arctium minus SCHRANK (Lappa glabra Lam., L. minor DC.). Köpfe traubig, Hüllblätter an der Spitze rötlich, etwas spinnewebig.

Arctium nemorosum LEJEUNE (Lappa macrosperma WALLR., L. nemorosa KÖRN.) mit rutenförmig übergebogenen Zweigen.

Alle liefern Rad. bardanae. Die letztgenannte Art in Mitteleuropa, die drei anderen in Europa und Asien weit verbreitet, z. B. in Japan, namentlich auf Schutt und in Dorfstraßen, an Wegen und Hecken häufig, in Nordamerika eingeschleppt. (Abbild. bei HOFFMANN in ENGLER-PRANTL, Pflanzenfamilien IV, 5, 319.)

Compositae, Cynareae-Carduinae.

Etym. Lappa (Lapathum) von λαβεῖν (= ergreifen, vielleicht in Beziehung zum keltischen lapp, llap = Hand) wegen der an den Kleidern festhaftenden Früchte, welche Eigenschaft ihr bei den Griechen den Namen φιλάνθρωπος (quod vestibus hominum inhaeret ob asperitatem sagt ISIDOR) und im Deutschen die Bezeichnung Klette eintrug und wohl auch mit dem französischen Namen grateron (von gratter = kratzen) und mit der englischen Bezeichnung bur (ags. burr, dän. borre) zusammenhängt, das mit borre (ital.) und borste in Beziehung gebracht wird. Unwahrscheinlicher erscheinen mir die Ableitungen von λάπη (= Schleim), obwohl in dem französ. Namen glouteron (glutinosus = klebrig) ähnliches anklingt. — An die breiten Blätter erinnert: Oreille de géant (= Riesenohr), sowie viele Volksnamen (s. bei PRITZEL-JESSEN) und auch im engl. burdock — aus dem wohl das spätlatein. bardane entstand (?) — steckt etwas ähnliches: dock, angs. docce ist der Name vieler breitblättrigen Stauden (KANNGIESSER). Die Ableitung von Bardana von barda (ital. = Pferdedecke) oder gar von den Barden (WITTSTEIN) erscheint mir abenteuerlich. — Arctium, ἄρκτιον wohl von ἀρκτός (= Bär) wegen der wolligen Beschaffenheit. Die japan. Bezeichnungen seta (= Hund) und uma (= Pferd) bei Pflanzennamen, wie unser Hundszunge, Roßkastanie usw., halb verächtlich (wegen der großen Häufigkeit). — Vielleicht war das kekel (?) der alten Juden (I, S. 489) Klettenwurzel.

Kultur. Die Pflanze wird in Japan in umfangreichstem Maße kultiviert und die Wurzel als Gemüse von allen Bevölkerungskreisen gegessen. Japan erzeugte 1888: 72 Mill. pounds (NITOBE).

Beschreibung. Die Kletten sind zweijährige Kräuter mit langer spindelförmiger Wurzel und bis über meterhohen aufrechten ästigen, mehr oder weniger wollig-behaarten Stengeln. Die großen dicken, am Rande buchtig-gezähnten Blätter sind unterseits mehr oder weniger weißlich-filzig. Die kugeligen Blütenkörbe besitzen hakenartig gebogene Deckblätter. Die Einschließung der Blüten in den Hüllkelch war schon den Alten aufgefallen. Bei PLINIUS steht «Notabile et in Lappa quae adhaerescit, quoniam in ipsa flos nascitur, non evidens, sed intus occultus et intra seminat, velut animalia, quae in se pariunt» (!). Die Wurzel wird im Herbste des ersten oder im Frühjahr des zweiten Jahres gesammelt. Sie ist fingerdick, dunkelgraubraun, innen grauweißlich, oft mit schwammig-fädigem Kern und riecht frisch widerlich narkotisch wie Mohnköpfe (WITTSTEIN). Trocken ist sie fast geruchlos und schmeckt fade, schleimig-süßlich. Oben trägt sie oft einen weißlichen Schopf. Die deutlich strahlig gebaute Wurzel besitzt im Holzkörper schmale Gefäßstrahlen, Markstrahlen und viel Holzparenchym. In älteren Wurzeln findet sich Libriform (ZÖRNIG). Die Gefäßstrahlen setzen sich nach außen in keilförmige Sieb-Milchröhrenstrahlen fort. Die Endodermis bleibt erhalten. Im Zentrum findet sich ein weißes, schwammiges, aus abgestorbenem Zellgewebe entstandenes, sehr zerrissenes, markartiges Gewebe, sog. «falsches Mark» (BERG). Im zweiten Jahre wird das Gewebe der Markstrahlen mehr oder weniger zerstört, so daß zuletzt nur noch schwammige Rindenreste und die von den Holzparenchymresten bekleideten Xylemplatten übrig bleiben (LÜRSSEN). Sie enthält reichlich Inulin (bis 57% KELLNER, 70% WECKLER), 6,32% Zucker (NYGÅRD), 0,065% flüchtiges Öl. Eine allgemeine Analyse teilte WECKLER mit. Er fand 5% Glukose, 0,4% Fett, Schleim, einen Bitterstoff, Harz und Gerbstoff. Die frischen Wurzeln enthalten 73,8% Wasser, 5,6% Stickstoff, 10,5% Asche (NITOBE). In den Früchten fand TRIMBLE ein bitteres Glykosid, Lappine.

Pathologie. Über die tierischen Schädlinge der Pflanze berichtet ISRAËL: Agrotis stigmatica HÜBN.: Raupe an Lappa-, Lactuca-, Plantago-, Primula-, Geumarten und anderen niederen Pflanzen. Plusia gamma L.: Die Raupe dieser gemeinsten aller Eulen ist polyphag. Auf Lappaarten tritt sie häufig auf. Mitunter auf Kleefeldern und Rübenäckern verheerend. Plusia jota L.: Raupe auch an Anthemis, Lonicera, Vaccinium, Lamium usw. Plusia chrysitis L.: Außer an Lappaarten auch an den verschiedensten anderen Pflanzen, Dipsacus pilosus, Urtica, Stachys usw. Polia flavicincta W. V.: Raupe an Lappa, Artemisia, Rumexarten usw. Polia polymita L.: Raupe meist vereinzelt an Primula, Lappa und anderen niederen Pflanzen. Polia Chi. L.: Raupe an vielen Krautgewächsen, als Lappa, Aquilegia, Galium, Sonchus, Lactuca usw. Gortyna flavago W. V., Ochracea HB.: Die Raupe dieses schönen Falters lebt in den Stengeln (einzeln, selten zu mehreren in einer Pflanze) vieler markhaltiger Pflanzen. Sie bevorzugt in den verschiedenen Gegenden auch verschiedene Pflanzen. In Thüringen lebt sie hauptsächlich in Lappaarten, sonst auch in Sambucus, Verbascum, Valeriana, Scrophularia, Petasites, Cirsium, Carduus usw. Conchylis badiana L.: In Stengel und Wurzel von Lappaarten usw. Conchylis posterana HFFG.: Raupe in den Blütenköpfen von Lappa- und Cirsiumarten, auch in anderen Kompositen, die Samen ausfressend. Depressariaarten: Verschiedene Depressariaarten leben in den Blütenköpfen und Stengeln von Lappaarten und anderen Kompositen. Parasia Capella L.: Die Räupchen dieser Motte leben in dem Blütenboden von Lappaarten und anderen Kompositen, die Samen fressend.

In der trocknen Radix bardanae leben sehr gerne die Larven von Anobium paniceum und striatum, ferner diejenigen von Ptinus fur und Ptinus latro. Durch den Wurmfraß zerfällt die Wurzel alsbald zu Pulver. Es empfiehlt sich, die durch den Großhandel bezogene Ware, welche sehr häufig schon mit Käferbrut infiziert ist, erst in einem Holz- oder Blechkasten neben verdunstendem Chloroform einige Zeit liegen zu lassen, und sodann die absolut trockene Wurzel in gut schließenden Blech- oder Glasgefäßen aufzubewahren. Diese Vorsichtsmaßregel sei auch namentlich bei allen Umbelliferenwurzeln empfohlen und bei sonstigen Drogen, die ätherische oder riechende Stoffe enthalten (ISRAËL).

Anwendung. Die Klettenwurzel ist aus unbekannten Gründen ein altes Haarwuchsmittel. Das «Klettenwurzelöl» verlangt noch heute das Volk und im Bernischen heißt die Pflanze Haarballe oder Haarwachswürze. Sollte es sich hier nicht um eine Signatura handeln und die starke Behaarung der Pflanze sie zu einem Haarwuchsmittel gemacht haben? Medizinisch wird sie besonders in Nordamerika als Diureticum, Laxans und Sudorificum benutzt. Rad. Bardanae ist auch ein Bestandteil des Spec. lignorum, des sog. Blutreinigungstees. Die Samen waren als Diuretikum und (nach LINNÉ, Mat. med.) als Purgans ehedem geschätzt. Auch die Blätter wurden früher benutzt. Die Klette steht auch in der Liste der KNEIPPschen Mittel und spielen hier sowohl die Blätter wie die Wurzel eine Rolle. Die «haarwuchsfördernde Kraft» der Wurzelabkochung wird auch von KNEIPP behauptet.

Als Verwechslungen werden Rad. belladonnae (stärkehaltig) und die Wurzel von Symphytum officinale L. angegeben.

Lit. BERG, Pharmakognosie. — LUERSSEN, Med. pharm. Botan. — WITTSTEIN, Handwörterb. d. Pharmakognosie, S. 408. — INAZO NITOBE, Burdock as a vegetable. Am. journ. pharm. 1897, 416 (dort auch eine Aschenanalyse). — Abbild. in BERG-SCHMIDT, Atlas, 1. Aufl. t. XIX. und HAYNE, Arzneigew. II, t. 35 u. 36. — Anatom. Abbild. in OUDEMANS Atlas, BERG, Anatom. Atlas t. XIII., PLANCHON-COLLIN, Drog. simpl. II, Fig. 654 u. 655, VOGL, Anatom. Atlas, und HÉRAIL et BONNET, Manipulations pl. V. — TSCHIRCH, Anatomie, S. 117. — Anatomie in ZÖRNIG, Arzneidrogen. — WECKLER, Analysis of burdock root. Am. journ. pharm. 1887, 393. — KELLNER, Landw. Versuchsstat. 30 (1881), 42. — NYGÅRD, Farm. Notisbl. 1909. — TRIMBLE and MACFARLAND, Examinat. of burdock fruit. Am. journ. pharm. 1885, 127. — TRIMBLE, The bitter principle of burdock fruit. Am. journ. pharm. 1888, 79. — Anatomie der Frucht von Arctium Lappa bei GERDTS, Bau u. Entw. d. Kompositenfr. Diss. Bern 1905 u. F. EBERT, Beitr. z. Kenntn. d. chines. Arzneisch. Diss. Zürich 1907.

V. Lävulindrogen.

Die Lävuline oder Synanthrosen verhalten sich zum Inulin wie die Dextrine zur Stärke. Es sind wohl niedrigere Glieder von demselben Kondensationstypus.

Lävuline finden sich oft in beträchtlicher Menge in Rad. taraxaci (s. oben).

VI. Triticindrogen.

Das Triticin (H. MÜLLER) wird, da es bei der Hydrolyse mit verdünnten Säuren und der Einwirkung von Diastase (nicht von Invertin) Fruktose liefert, ebenfalls zu den Polysacchariden gerechnet. Es spaltet Fruktose schon beim Kochen mit Wasser ab. Man gibt ihm die Formel C36H60O30 = 6(C6H10O5). Es wurde außer in Triticum repens auch in der Wurzel von Dracaena australis gefunden. Es dreht links, ist nicht gärungsfähig und reduziert FEHLINGsche Lösung kaum. Es trägt gleichfalls den Charakter eines Reservekohlenhydrates. Es ist vielleicht mit dem Irisin (WALLACH), Phleïn und Graminin (EKSTRAND und JOHANSON) identisch (TOLLENS, KELLER). Doch formulieren EKSTRAND und MAUZELIUS: Triticin = C36H60O30, Graminin = C48H80O40, Phleïn = C90H150O75, Irisin = C96H166O80 Alle liefern bei der Hydrolyse Fruktose.

Rhiz. Graminis.

Syn. Stolones graminis, Rad. agropyri, Rad. Cynagrostis, Rad. graminis albi, s. arvensis, s. canini, s. officinarum, s. repentis, s. vulgaris, Queckenwurzel, Graswurzel, Ackergras-, Ackermauer-, Laufquecken-, Päden-, Saatgras-, Bayer-, Feg-, Hundsgras-Wurzel — petit chiendent (dent de chien), chiendent commun gramont, chiendent rampant ou officinal (chiendent wohl ursprünglich = Cynodon Dactylon) (franz.) — couch grass, quitch grass, qu. root, dog grass, kwich (engl.) — kweekgras, graswortel (holl.) — gramegna (ital.) — gramenha, grama (span.) — ῥιζωμα ἀγρώστεως (griech.).

Ahd. Quecca, mhd. graesch, graische, grasse, mittelalt.: herba graminis intuba. Volksnamen: Alescher- oder Apothekergras, Bättigras, Bochwurze, Fegwurz, Geech (Bern), Grammen (Wallis), Hundsgras, Knöpfligras, Knotengras, Kriechweizen, Laufquecken, Pärde (Niederlaus.), Quetsch, Rechgras, Sandklever, Suckerwuttel, Schnürligras, Spulwurz, Weißwurz, Wurmgras, Wullband, Zwecken. — Bei HILDEGARD: dorth (Lolium temulentum?); im Niederl. Herbar: gers; bei CORDUS: graß, quecken. — Bei TABERNAEMONTANUS steht: gramen caninum arvense seu gramen Dioscor. C. B. Gramen, Ruël. Dodo. gal. Cord. in Dios. Cast. canarium medicatum, Ad. Lob. caninum quod graecis ἄγρωστις, Dod. caninum vulgare, Lugdun. Graminis primi Dioscor. species major, Thalio. — Einige Autoren nehmen an, daß Agropyrum repens das ἄγρωστις der Griechen ἄγρωστις παρὰ τόν ἀγρὸν) und das gramen sowie die radix canaria der Römer sei (vgl. dazu unter Geschichte) und wohl auch des STEPH. MAGNETES radix agriae, des IBN BAITHAR: qutsami, des ABU MANSUR: tsîl, thîl. — Synonyme des Agrostis bei DIOSKURIDES (in [], also spätere Einschiebsel): Aigikon (= Ziegenpflanze), Hamaxitis, bei den Ägyptern: Anuphi, Asifolium, Sanguinalis, Viola, bei den Spaniern: Aparia, bei den Dakiern: Kotiata, bei den Afrikanern Jebal. — Bei IBN BAITHAR steht auch elnadschm oder elnadschir. — Im Chinesischen heißt die Graswurzel: Siau hwanchai oder meh-huh (DRAGENDORFF).

Etym. Triticum s. S. 184. — Repens wegen des langhinkriechenden Rhizoms — danach sind auch Namen wie Schnürligras, Sehnengras, Spulwurz gebildet, sowie Päde (von pede = hinkriechend, verwandt mit Pfad; petten = treten), Pädergras, Pedengras, Pehdenzel, Peyer. — Quecke von quecka, quick = lebendig, beweglich, deutet auf die Beweglichkeit im Wachstum des Rhizoms, wie die verwandten: Quäk, Quecken, Queke, Quetsch, Quitsch, Kweekgras. — An die knotige Gliederung des Stengels erinnern Namen wie Knöpfligras, Knopgras. — Chiendent = Hundszahn, weil die kranken Hunde es fressen sollen (LITTRÉ), vielleicht aber nur verächtlich, wie doggrass (KANNGIESSER). — Agropyrum von ἀγρός = Acker und πυρός = Weizen.

Stammpflanze. Agropyrum repens PALISOT DE BEAUVOIS (Argrst. 102) (Triticum repens L., Bromus glaber SCOP., Elymus dumetorum HOFFM.). Variiert: α vulgare DÖLL., β aristatum DÖLL. (davon auch als Arten: var. dumetorum SCHREB., var. vaillantianum WULFEN, var. sepium THUILL.), γ majus DÖLL., δ glaucum DÖLL., ε caesium PR. (auch als Art). Beschreibung in LUERSSEN, Mediz. pharm. Botan. II.

Systemat. Stellung. Gramineae, Hordeae.

Verbreitung. Die Quecke ist über Europa, Nordafrika, Asien (Sibirien, Afghanistan, am Demavend bis 3000 m) und Nordamerika bis Patagonien und Feuerland verbreitet. Sie ist ein auf Äckern und an Wegen, besonders auf Sandboden (Norddeutschland) und auf Kulturland weit verbreitetes, wegen der Verfilzung des Bodens durch die zahlreichen Wurzeln (Fig. 80) sehr lästiges Unkraut.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 80.

Agropyrum repens.

Rhizom (Wandersproß), K Knoten, JN Internodien, Nb Niederblätter, W Wurzeln.

[

Tschirch

gez.]

Beschreibung der Stammpflanze. Die Quecke bildet auf weite Strecken oft mehrere Meter durch den Boden kriechende Grundachsen (Rhizome) von Charakter der Wandersprosse, die an der Spitze eine derbe, spitze Niederblattknospe (Fig. 80) bilden, mit der sich der Sproß selbst durch festere Bodenschichten, ja sogar durch Baumwurzeln bohren kann. Aus der Achsel der an den Knoten sitzenden Niederblätter der Wandersprosse entwickeln sich da und dort oberirdische Achsen. Der runde Halm ist entfernt knotig gegliedert und kahl. Er kann eine Höhe von über 1 m erreichen, bleibt jedoch meist weit dahinter zurück. Die linealen an den Knoten inserierten, oberseits rauhen Blätter besitzen eine bis 10 cm lange Scheide und sehr kleine Blatthäutchen. Die endständige Blütenähre ist 10–13 cm lang, die Spindel zusammengedrückt und abwechselnd rechts und links ausgehöhlt, zickzackförmig hin- und hergebogen. Die Ährchen sind meist fünfblütig, die zwei Hüllspelzen (glumae) sind kürzer als das Ährchen, kahnförmig, lanzettlich, zugespitzt, am Rande fein gewimpert, die Deckspelze (palea inferior) zugespitzt oder begrannt, fünfnervig, die Vorspelze (pal. superior) dünnhäutig, zweikielig, an den Kielen bewimpert, kurz zweizähnig, die Schwellkörper (lodiculae) kaum 2 mm lang, der eiförmige Fruchtknoten am Scheitel behaart, die Frucht 6–7 mm lang.

Lit. Abbild. BERG-SCHMIDT, Atlas II. Aufl., t. 139 (dort die florist. Lit.). — PABST-KÖHLER, Medizinalpflanzen, t. 86. — NEES VON ESENBECK, pl. med. t. 32. — HACKEL in ENGLER-PRANTL, Pflanzenfamilien. — IRMISCH, Bot. Zeit. 1859, 56.

Beschreibung der Droge. Das Rhizom wird gelegentlich der Frühjahrsbestellung davon befallener Felder ausgepflügt und herausgeeggt, von der Erde gereinigt, von den Wurzeln und Stengeln befreit und dann geschnitten. 100 Teile frisches Rhizom geben 40 Teile Droge.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 81.

Agropyrum repens.

Lupenbild des Rhizomquerschnittes.

[Nach

Berg

, Atlas.]

Das bisweilen wiederholt verzweigte Rhizom ist 2–3 mm dick, selten dicker (bis 4 mm), frisch von rundem Querschnitt, getrocknet stark geschrumpft und mit Längsleisten versehen, strohgelb, mit glänzender Oberfläche, innen hohl. (Fig. 81). Die Internodien sind etwa 5 cm lang. An den Knoten sitzen zweizeilig alternierende häutige, am Rande zerfaserte Niederblätter (Fig. 80 Nb.), in deren Achseln Knöspchen sich finden und auf der Unterseite einige Wurzeln. Die letzteren fehlen den Internodien.

Graswurzel schmeckt fade, schwach süßlich.

Pathologie. Über Schädlinge von Agropyrum repens berichtet Prof. ED. FISCHER: Auf den oberirdischen Teilen von Agropyrum repens leben verschiedene parasitische Pilze, wie Erysiphe graminis DC., Ophiobolus herpotrichus SACC., Leptosphaeria culmiphaga (FR.), Laestadia canificans SACC., Phyllachora graminis FCKL., Puccinia graminis (PERS.) und andere, die vielleicht auch indirekt die Rhizome schädigen mögen. Auf dem Rhizom selber wird als Parasit angegeben Coniosporium rhizophilum (FR.) SACC., das möglicherweise als Nebenfruchtform zu Ophiobolus gehört.

Anatomie. Unter der derbwandigen Epidermis, die abwechselnd aus gestreckten Zellen mit dicker, wellig verbogener Wand (Langzellen) und zwei Kurzzellen mit dünner Teilungswand besteht, liegt ein mehrschichtiges, derbwandig-prosenchymatisches Hypoderm. In das dünnwandige Gewebe der Rindenschicht (Fig. 82 r) eingebettet finden sich einige (6) kleinere Bündel mit starken Bastzellbelegen (rb) und wenigen Bündelelementen. Die Endodermis [Zylinder- oder Kernscheide, (k)] besteht aus im Querschnitt fast quadratischen Zellen, die innen und an den Seiten verdickt sind. Der Gefäßbündelzylinder besteht aus ein oder zwei Reihen collateraler Bündel, die in Libriform (Bastzellen) eingebettet sind und von denen sich die kleineren an die Endodermis anlehnen, die größeren etwas nach innen gerückt sind. Sie zeigen den typischen Bau der Monocotylenbündel: zwei große getüpfelte Gefäße, dazwischen ein Spiralgefäß, außen eine Siebinsel. Der innere Teil des Markes ist geschwunden, der äußere in der Nähe der Bündel einige Zellreihen breit erhalten (m Fig. 82).

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 82.

Agropyrum repens.

Querschnitt durch das Rhizom. r Rindenschicht, rb Rindenbündel, k Endodermis, gfb Gefäßbündel, m Mark.

[Aus

Tschirch

, Angewandte Anatomie.]

In den Knoten ist der Bau verwickelter. Die Knoten «bestehen zunächst aus einer Querlage von Parenchym, in dieser aber treffen nicht nur die Gefäßbündel des unteren Stengelgliedes zusammen, sondern nehmen auch die der folgenden ihren Ursprung; beide bilden eine beiderseits das Parenchym einschließende, selbst aber wieder nach außen von dem Parenchym des Markes begleitete, aus kurz gegliederten, horizontal verlaufenden, getüpfelten Gefäßen bestehenden Querwand, von der sich nach beiden Richtungen, nämlich nach den beiden durch den Knoten getrennten Stengelgliedern, die Gefäßbündel aufrichten und vertikalen Verlauf nehmen. Diese Gefäßbündel bilden Schleifen, aus denen zuerst in horizontaler Richtung die zu den Scheiden und Wurzeln dringenden Gefäßbündel hervortreten» (BERG).

Triticum repens hat Befestigungs- und Ernährungswurzeln. Die Wurzeln sind, wenn 0,3 mm dick, nonarch. Die Endodermis verdickt sich bald stark und die Sklerose ergreift auch das benachbarte Gewebe der primären Rinde (HOLFERT).

Lit. BERG, Anatom. Atlas z. pharm. Waarenkunde. t. XVIII. — HÉRAIL et BONNET, Manipulations de botan. médic. 1891, Pl. VIII. — A. MEYER, Drogenkunde II, 43. — HOLFERT, Arch. Pharm. 1889, 505. — TSCHIRCH, Anatomie, Fig. 436. — MOBERGER und HÄLLSTRÖM (Über d. Bau v. Rhiz. graminis). Nord. farm. Tidskr. 1896.

Chemie. MARGGRAF erhielt keinen festen Zucker aus Queckenrhizom, wohl aber GRAFF (7 Lot aus 20 Pfund). PFAFF fand darin krist. «Graswurzelzucker», dessen Lösung gelatinierte und den BERZELIUS für Mannit hielt. Den Befund bestätigte VÖLCKER zum Teil, doch erscheint es ihm zweifelhaft ob Mannit vorgebildet ist oder erst sekundär entsteht. STENHOUSE fand weder Mannit, noch krist. Zucker, wohl aber Kaliumoxalat und einen gärungsfähigen amorphen Zucker. LUDWIG hält den Graswurzelzucker von PFAFF für ein Gemenge von Calciumlaktat und Mannit. Mannit kommt wahrscheinlich in frischem und gut getrocknetem Rhizom nicht vor (H. MÜLLER, A. MEYER). REBLING gibt den Zuckergehalt auf 22% (?) an. Andere fanden viel weniger, z. B. GEISSLER in Winterrhizom nur 0,6% Lävulose. LUDWIG und MÜLLER fanden 1872 einen stark linksdrehenden Zucker (Fruchtzucker), einen rechtsdrehenden Zucker (nicht Rohrzucker), ein eigentümliches, durch Spaltung Fruchtzucker lieferndes linksdrehendes Gummi, das durch Bleiessig nicht gefällt wird. Dieses durch Alkohol fällbare, nicht süße «Queckengummi» nennt H. MÜLLER (1873) Triticin (s. oben). H. MÜLLER, der das Triticin genau untersuchte und seine Darstellung beschreibt, erhielt davon 3,52 aus zuckerreicherer, 7–7,7% aus zuckerärmerer Rhiz. graminis. KELLER erhielt davon 5% aus im Oktober gesammeltem Rhizom. Der süße Geschmack der Droge rührt nicht vom Triticin, sondern von Zucker her, der besonders im Frühjahr reichlicher im Rhizom aufzutreten scheint. Spätere Untersuchungen zeigten dann H. MÜLLER, daß ausschließlich Fruchtzucker (keine Dextrose und kein Rohrzucker) in Rhiz. gram. vorkommt, und daß der Gehalt daran 2,45–3,33% beträgt. Auch Inosit ist nachgewiesen (FICK). Er ist ebenfalls süß.

Das Triticin, das schon durch Kochen mit Wasser in Fruchtzucker übergeht und den Reservestoff des Rhizoms darstellt, hält REIDEMEISTER nicht für identisch mit Lävulin (vgl. S. 218) und Sinistrin (S. 224). Es vergärt mit Hefe schwerer. Ob es mit dem Graminin (s. oben S. 218), das EKSTRAND und JOHANSON aus den Rhizomen von Phalaris arundinacea, Phleum pratense und den Knollen von Dracaena australis erhielten und dem Irisin (s. oben S. 218), das WALLACH in den Rhizomen von Iris Pseudacorus fand, übereinstimmt, bleibt noch zu untersuchen. Begleitet wird das Triticin von 10,5–11,5% eines stickstoffhaltigen Gummis (Schleim), das näherer Untersuchung bedarf.

PLAUCHUD gibt [neben 3% krist. und 4% unkristall. Zucker] 13,9% Stärke an und beschreibt die sich mit Jod blaufärbenden Körner eingehend (1877). Ich fand niemals Stärke in der Queckenwurzel. Auch A. MEYER fand weder Stärke noch Öl. Der Landwirt BARREL soll aber aus 100 kg Rhiz. gram. c. 65 kg «Mehl» dargestellt und als Viehfutter benutzt haben. Es wird hier wohl eine Verwechslung mit Cynodon Dactylon vorliegen, dessen Rhizom Stärke enthält. «Was RABOURDIN als eigentümliche stärkemehlartige Substanz beschreibt, dürfte wohl im wesentlichen Triticin sein» (WITTSTEIN).

HERMBSTÄDT glaubte Weinstein (?), H. MÜLLER Malate nachgewiesen zu haben. Pektin und Harz fehlen (FLÜCKIGER).

Rhiz. graminis enthält 12,8% Wasser und 3,44% Asche der bei 105° getrockneten Ware (NYGÅRD). H. MÜLLER erhielt 4,5%, HAUKE 2,72–2,95% Asche.

In dem Rhizom von Cynodon Dactylon PERS. fand SEMMOLA Cynodin (wohl Asparagin oder etwas dem ähnliches).

Lit. MARGGRAF, Chym. Schrift II. Th. 70 (1767). — GRAFF, TROMMSD. Journ. 1800, 7, 271. — PFAFF, Syst. d. Mat. med. 1808 I, 198; 1821, VI, 110. — STENHOUSE, Ann. Chem. Pharm. 41, 354 (Pharm. Jahresber. 1844, 26). — VÖLCKER, Ann. Chem. Pharm. 59, 1846, 380. — LUDWIG, Arch. Pharm. 1857. — Eingehende Analyse in H. LUDWIG und H. MÜLLER, Über d. Bestandt. d. Queckenwurz. Arch. Pharm. 1872, 51, 132. — PLAUCHUT, Et. sur le chiendent (Trit. repens). Journ. pharm. chim. 1877, 389 (dort auch eine Aschenanalyse). — REBLING, Arch. Pharm. 1855, 15. — H. MÜLLER, Über den Graswurzelzucker und über das Triticin, ein neues Kohlehydrat im Rhizom von Triticum repens. Arch. Pharm. 1873, 500. Journ. pr. Chem. 1873, 832. — A. MEYER, Drogenk. II, 46 (KELLER). — WITTSTEIN, Handwörterbuch. — A. W. V. REIDEMEISTER, Beitr. z. Kenntn. d. Levulins, Triticins und Sinistrins. Diss. Dorp. 1880 (Ph. Z. f. Rußl. 1880, 658. Referat in Botan. Jahresb. 1880, I, 438). — FICK, Pharm. Zeitschr. f. Rußl. 1887 und Ph. Jahresb. 1887, 324. — EKSTRAND u. JOHANSON, Ber. d. d. chem. Ges. 1887, 3310 u. 1888, 594. — WALLACH, Lieb. Ann. 234 (1886). 374. — Oper. min. di GIOV. SEMMOLA, Napoli 1841 (Chem. Jahresb. 1845, 535) Della Cinodina, nuovo prodotto organ. trov. nella gramigna offic. Cynod. Dactyl. — LIPPMANN, Chemie der Zuckerarten 1904.

Als Verfälschungen werden genannt die Rhizome von Carex arenaria L. (Rhiz. caricis), Carex disticha HUDS. (C. intermedia GOOD.), Carex hirta L. u. and. Carexarten. Alle Carexrhizome führen Mark. Die Rindenschicht besitzt bei dem graubraunen, mit langen zerrissenen, bräunlichen Niederblättern besetzten Rhizom von Carex arenaria große Luftlücken (abgebildet bei BERG, Anat. Atlas t. VIII). Das Parenchym des Markes führt Stärke. Die Luftlücken fehlen bei den rotbraunen Rhizomen von Carex hirta, die ebenfalls Stärke führen, auch in der Rinde. Sie fehlt hier bei C. disticha. MOBERGER und HÄLLSTRÖM halten Größe und Form der Endodermiszellen für das beste Unterscheidungsmerkmal. Sie messen bei Rhiz. graminis 24–30, bei Rhiz. caricis 8–14, bei Carex disticha 10–12 mik.

Die Ausläufer von Lolium perenne besitzen Wurzeln auch an den Internodien. Ich habe sie nie in der Droge gefunden. Ich fand dagegen (1909) der Droge oft beträchtliche Mengen der Halme beigemengt, die aber anatomisch leicht erkannt werden konnten.

BERG, Pharmakognosie 1879, 97. — MOBERGER und HÄLLSTRÖM (Bau von Rhiz. gram. u. deren Substituten). Nord. farmaceut. Tidskr. 1896, 114 (Pharm. Zeit. 1896, 437).

Anwendung. Beliebtes Blutreinigungsmittel und Diuretikum des Volkes. In der Medizin als Mellago (Fluidextrakt) und Ptisana besonders in Frankreich noch viel benutzt, in Deutschland auch als Extrakt.

Die Quecke steht auch in der Liste der KNEIPPschen Mittel (als harn- und schweißtreibend) — auch der Saft der frischen Wurzel zu Frühlingskuren als «Blutreinigungsmittel». In der Tierheilkunde dient Rhiz. graminis bisweilen als Substituens von Rad. althaeae.

HOFMANN bemerkt (1787), daß man aus Graswurzel eine Art Wein, Bier, Weingeist und Essig darstellen könne.

Paralleldrogen. Das Rhizom von Cynodon Dactylon RICH. (Panicum Dactylon L., Digitaria stolonifera SCHRAD.), einer in Südeuropa, Nordafrika, Persien, Kaukasien heimischen, aber auch in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz vorkommenden, nach Peru, Kalifornien und Australien verschleppten Graminee (vgl. auch S. 218), als Rhiz. graminis italici, Gros Chiendent, Chiendent pied de poule, Ch. du Midi bekannt, ersetzt in Südeuropa das Rhiz. graminis. Die Rhizome sind dicker und derber als bei Agropyrum repens, trocknen nicht so stark ein, besitzen längere Internodien und an den Knoten reichlich Knospen. Die Rindenschicht ist schmal. An die Endodermis lehnt sich ein Bastzellpanzer, in den vereinzelte Bündel eingebettet sind. Zahlreiche isolierte Bündel sind über das reichlich Stärke führende Mark verstreut, das im Zentrum geschwunden ist (Abbild. in BRAEMER-SUIS, Atlas de micrographie Pl. 4). Die Endodermiszellen messen 20–24 mik.

Die mehr maritimen Agropyrum acutum R. u. S., A. pungens R. u. S., und A. junceum P. DE BEAUV. dürften gleichwertig mit A. repens sein.

Geschichte. FRAAS, DAUBENY und FLÜCKIGER meinen, daß das gramen des PLINIUS (XXIV, 118) wie das ἄγρωστις des THEOPHRAST und DIOSKURIDES (IV, 30) wohl eher Cynodon Dactylon, die in Südeuropa häufige Paralleldroge unseres Rhiz. graminis gewesen sei, doch stellt PLINIUS dem gramen, das er als süß beschreibt und dessen diuretische Wirkung er kennt, ausdrücklich ein gramen aculeatum gegenüber, das er Dactylon nennt und von dem er drei Arten kennt. Auch THEOPHRAST bezeichnet die Graswurzel als süß (caus. plant. 6, 11, 10). Ich finde, daß das Rhizom von Cynodon Dactylon weniger süß schmeckt als das von Agropyrum repens. SPRENGEL hält gramen und ἄγρωστις für Triticum repens, das jedoch im Süden seltener ist. WIMMER führt in seiner THEOPHRAST-Ausgabe (1866) unter ἄγρωστις beide (Tritic. repens und Cynodon Dactylon) auf und das dürfte das richtige treffen. Die Sache läßt sich nicht entscheiden, da beide zu den gleichen Zwecken benutzt wurden. BONNET hält des DIOSKURIDES ἄγρωστις für Dactyloctenium aegypticum. In der Tabula des SIMON JANUENSIS steht Agrostis (I, S. 663).

PLINIUS nennt eine Menge Krankheiten, gegen die Gramen angewendet werden könne (XXIV, 118). Die diuretische und lithotriptische Wirkung war auch ORIBASIUS (I, S. 588), MARCELLUS EMPIRICUS (de medicamentis XXVI), AËTIUS (Tetrabibli sermo I) und ALEXANDER TRALLIANUS (I, 591) bekannt. Auch GALEN erwähnt die Eigenschaft «Blasensteine aufzulösen». Sie wird auch in den mittelalterlichen Kräuterbüchern (z. B. dem Herbarius Pataviae 1485) erwähnt, wie von DODONAEUS, TURNER (Herball 1568), GERARDE u. and. Nördlich der Alpen dürfte es sich hierbei immer um Agropyrum repens gehandelt haben; ebenso in den Sinonoma Bartholomei (I, 649: gramen radix), in dem Nördlinger Register (I, S. 813, graminis), in den Taxen von Frankfurt 1582 (I, S. 817), von Hamburg 1587 (I, S. 818) u. and. Graminis radix steht auch bei CORDUS (I, S. 799), der sie zu den Oxysacchara composita benutzte.

Lit. FLÜCKIGER, Pharmakognosie. — FLÜCKIGER-HANBURY, Pharmacographia.

VII. Scillin- (Sinistrin-) Drogen.

Das Sinistrin, ein linksdrehendes, nicht gärungsfähiges, beim Kochen FEHLINGsche Lösung reduzierendes, wohl mit dem Triticin verwandtes Polysaccharid, findet sich in den Bulbus Scillae, doch werden diese, da wegen anderer Bestandteile benutzt, an anderer Stelle abgehandelt werden.

Lit. REIDEMEISTER, Bot. Jahresb. 1880, I, 439. — SCHMIEDEBERG, Ebenda 1879, I, 385. — O. HAMMERSTEN, Pflüg. Arch. 36, 373.

VIII. Polysaccharide vom Charakter der Membranine.

Membranindrogen.

Früher hatte man den Inhaltsstoffen der Zellen fast allein Beachtung geschenkt. Mehr und mehr aber zeigte sich, daß auch die Membran zu chemischen Leistungen befähigt ist. Am deutlichsten trat dies bei der sog. resinogenen Schicht der Sekretbehälter hervor, die, zweifellos ein Teil der Membran, doch energische chemische Arbeit leisten kann. Schon früher war erkannt worden, daß die Schleime fast ausnahmslos Membranbildungen sind, und daß auch das Gummi und verwandte Substanzen zur Membran gehören, ebenso wie Lichenin, Amyloid und Pektin. Da war es denn keine besondere Überraschung mehr, daß Membranen auch den Charakter von Reservestoffen annehmen können.

Pharmakologisch spielen die Membranen und ihre Bestandteile eine sehr verschiedene Rolle. Rein mechanisch wirken z. B. die Baumwollhaare, das Penawar Djambi, der Feuerschwamm, der Torfmull, das Holzmehl, die Kieselschalen der Diatomeen: sie saugen kapillar und osmotisch Flüssigkeiten auf. Die Substanz ihrer Membran kommt hierbei wenig in Betracht, tritt jedenfalls pharmakologisch nicht in Reaktion. Physikalisch ist auch die Wirkung des Korkes zu deuten, aber in Abhängigkeit von der chemischen Natur der Korklamelle. Anders bei der Gruppe der Schleime und des Gummis. Hier ist es die Substanz selbst, die das pharmakologische Individuum bildet.

Chemisch umschließt der Begriff Membran sehr verschiedene Dinge. Wir wissen, daß er nicht identisch ist mit Zellulose, und daß der Begriff Zellulose seinerseits wieder vielerlei Verschiedenes umfaßt, wie auch, daß die nicht aus Zellulose bestehenden Membranen ihrerseits wieder recht verschieden aufgebaut sind.

Wenn nun die Verhältnisse aller dieser Klassen chemisch vollkommen und in allen Punkten aufgeklärt wären, so könnte man auch hier wohl an eine chemische Gruppierung denken. Da dies aber nicht der Fall ist, müssen wir uns nach einer anderen Einteilung, die auch das morphologische Moment mit berücksichtigt, umsehn. Das allen diesen Dingen gemeinsame ist, daß sie Membranbestandteile sind, und so mögen sie denn alle, welche chemische Beschaffenheit sie auch zeigen, unter dem gemeinsamen Namen Membranine zusammengefaßt werden.

CROSS und BEVAN bilden die Gruppen: Lignozellulosen, Pekto- und Mukozellulosen und Adipo- und Cutozellulosen. Ich teile die Membranine zunächst in zwei große Gruppen, in die der Zellulosine, die die Membranine umfassen, welche wir nach dem Stande unserer Kenntnisse als Polysaccharide auffassen können, die jedenfalls bei der Hydrolyse irgend einen oder mehrere Zucker liefern — und andererseits die Membranine, von denen wir dies vorläufig noch nicht annehmen können, bei denen jedenfalls andere Körper den chemischen Charakter der Membran bestimmen. So komme ich zu folgender Einteilung, die sich für unsere Zwecke besonders gut eignet, aber auch für den Phytochemiker vorläufig brauchbar sein dürfte.

Zellulosine, welche Polysaccharide enthalten (umfaßt die Zellulosen von TOLLENS und die Lignozellulosen, sowie Pekto- und Mukozellulosen von CROSS und BEVAN). Zelluloso-Membranine (reine oder fast reine Zellulose, schwer hydrolysierbar), Reservezelluloso-Membranine (meist Hemizellulosen im Sinne von E. SCHULZE), Lichenino-Membranine inkl. Amyloido-Membranine, Lignino-Membranine (Lignozelluloso-Membranine, schwer durch Säuren hydrolysierbar, leichter durch schweflige Säure [TOLLENS]), Pektino-Membranine, Koryzo-Membranine (oder Myco-Membranine, Membranschleime), Gummo-Membranine.

Membranine, von denen noch nicht sicher ist, ob sie Polysaccharide enthalten (umfaßt die Adipo- und Cutozellulosen von CROSS und BEVAN). Suberino-Membranine (Kork), Mycino-Membranine (Pilzzellulose), Silico-Membranine (Diatomeenschalen), Andere Kryptogamen-Membranine.

A. Zellulosindrogen.

TOLLENS nimmt vier Hauptgruppen der Zellulosen an: 1. die eigentlichen Zellulosen, 2. hydratisierte Zellulosen wie Hydrozellulosen und Hemizellulosen, die nicht reduzierend wirken, 3. Zellulosen mit Carboxylgruppen (dazu die sog. Pektinsäuren, die sog. Acidzellulosen), 4. Zellulosen, die Carboxyl- und zugleich auch Aldehyd- und Ketongruppen führen, daher reduzierend wirken (dazu die sog. Hydralzellulosen, das Oxybassorin und die Oxyzellulosen). BUMCKE und WOLFFENSTEIN ziehen die Gruppen 2–4 zusammen als hydratisierte oder Hydrozellulosen und unterscheiden: a) reduzierende (Hydralzellulosen), b) reduzierende mit Carboxylgruppen, c) nichtreduzierende mit Carboxylgruppen (Acidzellulosen), d) nichtreduzierende ohne Carboxylgruppen (Laktone?).

Jedenfalls stehen die Körper der Gruppe der Zellulosine, wie ich die ganze Gruppe nenne (s. oben), zu der Zuckergruppe in Beziehung und wir dürfen sie als hochmolekulare Polysaccharide betrachten, aber die Verhältnisse liegen bei ihnen viel komplizierter. Denn bei der Hydrolyse mit Säuren oder Enzymen (Cytasen) entstehen hier oft nicht nur Hexosen (Glukose, Galaktose, Mannose) [und bei der Oxydation (aus Galaktose) Schleimsäure:

Schleimsäure
Schleimsäure

],

sondern auch sich durch Entstehung von Furol bei der Destillation mit HCl verratende Pentosen (Arabinose, Xylose), Methylpentosen (Fukose) und Furoide (Oxydationsprodukte von Hexosen- oder Pentosen-Monoformale), sowie (bei den Gummis) eigentümliche als Geddinsäuren bezeichnete Körper, so daß wir in den Zellulosinen nicht nur einfache Hexosane (z. B. Glukosan, Galaktan, Mannan) und einfache Pentosane (z. B. Araban, Xylan), sondern auch gemischte Hexosane (z. B. Gluko-Mannane, Frukto-Mannane, Galakto-Mannane und in vielen Hölzern: Manno-Gluko-Galaktane) und gemischte Pentosane, sowie gemischte Hexoso-Pentosane (z. B. Galakto-Araban), Furoido-Pentosane (wie z. B. in den Lignozellulosen) und Furoido-Hexoso-Pentosane, sondern bei einigen offenbar noch kompliziertere Kondensationsprodukte von Gliedern der Kohlehydratreihe und vielleicht auch anderen, nicht hierher gehörigen Körpern (?) vor uns haben.

So besitzt die sonst wohl für pharmakognostische Zwecke, besonders in der Gruppe der Gummis und Schleime, brauchbar befundene Unterscheidung zwischen Schleimsäure liefernden und Schleimsäure nicht liefernden Zellulosinen jetzt nur noch vorläufig orientierenden Wert. Sie sagt uns nur, ob Galaktose bildende Gruppen darin vorhanden sind. Und auch eine Einteilung, etwa nach Glukosozellulosen, Mannosozellulosen, Arabinosozellulosen, läßt sich für pharmakognostische Zwecke nicht machen, da bei der Hydrolyse eben meist mehrere Zucker entstehen. Ja selbst die Hemizellulosen (E. SCHULZE, Zellulosegummi (HOFFMEISTER) oder lösliche Zellulose) sind mit den echten Zellulosen durch viele Übergänge verbunden. Auch nach der Ansicht von SCHULZE, zu der dieser auf rein chemischem Wege kam, bilden Zellulose, Hemizellulosen, schleimgebende Zellbestandteile und Amyloid eine Reihe chemisch verwandter Substanzen, deren einzelne Glieder wohl durch noch unbekannte Zwischenformen miteinander verknüpft sind.

Immerhin können wir doch den zuerst von E. SCHULZE hervorgehobenen Unterschied machen, daß die echten Zellulosen nur schwer hydrolysierbar sind, die Hemizellulosen aber relativ leicht. Ferner sind die echten Zellulosen stets Gerüstsubstanzen, die Hemizellulosen aber oft Reservestoffe. Den Charakter von Gerüstsubstanzen tragen aber auch die Lignino-Membranine, und die Korizo-Membranine sind, bisweilen wenigstens (z. B. bei den Schleimendospermen), ebenfalls Reservestoffe. Die Gummo-Membranine endlich machen oft ganz den Eindruck von Sekreten und die Pektino-Membranine scheinen zu dem Zucker der Früchte biologisch in Beziehung zu stehen.

Nur eins ist, wie gesagt, allen Zellulosinen eigen: sie liefern bei der Hydrolyse einen oder mehrere Zucker.

1) Zelluloso-Membranindrogen.

Der Name Zellulose rührt von PAYEN her (1838), dem wir die ersten systematischen chemischen Untersuchungen über das Zellhautgerüst der Pflanzen verdanken. Er gab der Zellulose die Formel C6H10O5. SCHLEIDEN fand 1838 die Jodschwefelsäurereaktion, SCHULZE-Rostock die mit Chlorzinkjod. Die Löslichkeit der Zellulose in Kupferoxydammoniak entdeckte SCHWEIZER 1857 und GILSON zeigte 1893, daß man aus dieser Lösung krist. Zellulose erhalten kann, doch erhielt weder CRAMER noch WINTERSTEIN nach GILSONS Verfahren Kristalle mit Zellulosereaktion. Die Chemie der Zellulosen beginnt in den achtziger Jahren des XIX. Jahrh. mit dem Studium der bei der Hydrolyse der Zellwände auftretenden Zuckerarten.

Die Zellulosezellwände geben bei der Hydrolyse mit fast konz. Schwefelsäure (FLECHSIG) ganz vorwiegend Traubenzucker (Dextrose, vgl. S. 6), Galaktose entsteht hierbei nicht, Mannose, Arabinose und Xylose hin und wieder, meist jedoch in nicht großen Mengen. Es sind also Glukosezellulosen, gemischte Anhydride in denen der Glukose liefernde Bestandteil jedenfalls weitaus überwiegt. Glukosezellulose war es auch, die GILSON kristallisiert erhielt. Der Typus dieser Glukose(Dextrose-)zellulose ist die Baumwolle (s. d.).

Bei der Hydrolyse der Zellulose entsteht als Zwischenprodukt ein mit Maltose isomeres Disaccharid, die Zellose oder Zellobiose (SKRAUP und KÖNIG), das sich also zur Zellulose verhält wie Maltose zur Stärke. Durch Nitrieren der Zellulose gelangt man (bei Annahme der Formel C12H20O11) bis zu einem Hexanitrat (Kollodiumwolle, Schießbaumwolle). Salzsäure und Kaliumchlorat und andere Oxydationsmittel liefern Oxyzellulose (VIGNON), Schwefelsäure Hydrozellulose (GIRARD), Natronlauge Natronzellulose (C12H20O10.2 NaOH). Letzter Prozeß ist als Mercerisieren bekannt. Mit Laugen gequollene Zellulose gibt durch Behandeln mit CS2 die wasserlösliche «Viskose» (CROSS und BEVAN). Glycerin verändert Glukosezellulose selbst bei 300° nicht — Unterschied von anderen Zellulosen (WISSELINGH). Schmelzendes Kali bildet beim Erhitzen über 180° Protokatechusäure und Brenzkatechin (HOPPE-SEYLER), endlich Oxalsäure. Unter 180° soll Glukosezellulose unverändert bleiben (?). Darauf beruht das Verfahren LANGES zur Bestimmung der Zellulose. (Über Zellulosebestimmung vgl. auch meinen Artikel: Zellulose in der Realenzykl. d. Pharm.)

Die Möglichkeit der Überführung der Zellulose in Traubenzucker war bereits GAY LUSSAC und BRACONNOT bekannt. Aber trotz zahlreicher Arbeiten kennen wir die Struktur des Zellulosemoleküls noch nicht. CROSS und BEVAN, die seit langer Zeit sich dem Studium der Zellulosen widmen, betrachten nur das Eine als sicher, daß Zellulose weder eine einfache Polyaldose, noch ein Anhydrid von Polyaldosen sein könne, sondern neben Aldosekernen unter anderem jedenfalls eine ketonartige Gruppe enthalte.

Immerhin lassen sich aber schon jetzt zwei allerdings durch vielfache Übergänge miteinander verbundene Gruppen erkennen: die echten Zellulosen und die Hemizellulosen (SCHULZE und WINTERSTEIN), die sich durch ihr verschiedenes Verhalten zu 1–2% Mineralsäure unterscheiden. Die echten Zellulosen, zu denen z. B. die Zellulose der Baumwolle gehört, geben selbst bei andauerndem Kochen mit 1–2% Mineralsäuren nur geringe Mengen reduzierender Substanzen (Zucker).

E. SCHULZE schlug 1889 vor, nur den in verdünnten Säuren unlöslichen, in Kupferoxydammoniak löslichen Bestandteil der Zellhäute Zellulose zu nennen, die andern leichter zu verzuckernden aber in Kupferoxydammoniak unlöslichen Hemizellulose.

E. SCHULZE nennt die gewöhnliche Dextrose liefernde Zellulose: Dextrosozellulose. Ebenso nennt er den Mannose liefernden Zellwandbestandteil Mannosozellulose u. s. f. (die Mannosozellulose ist mit dem Paramannan GILSONS identisch).

CROSS und BEVAN (Chem. News 65, 77) geben der Baumwollzellulose die Formel: C12H20O10 und nehmen darin acht Hydroxyle an. GREEN hält die Zellulose für ein inneres Anhydrid des Traubenzuckers:

.

Zellulose als inneres Anhydrid des Traubenzuckers
Zellulose als inneres Anhydrid des Traubenzuckers

NASTJUKOFF erteilt ihr die Formel 40(C6H10O5), EDER: C12H20O10, VIEILLE, sowie LUNGE und BEBIE: (C7H10O5)4, MENDELEJEFF: (C6H10O5)8, doch sind das alles noch Hypothesen. Genaue Angaben über die Molekulargröße der Zellulose lassen sich derzeit noch nicht machen; vielleicht sind die Untersuchungen von E. BERL und seinen Mitarbeitern über Nitrozellulosen geeignet näheren Aufschluß über die Konstitution des Zellulosemoleküls zu bringen (WINTERSTEIN).

Lit. BRACONNOT, Ann. chim. phys. 1819. — PAYEN, Ann. sc. nat. 1839 u. 1840, Compt. rend. 1840, Mém. sur le develop. des végétaux. Paris 1842. — SCHLEIDEN, Pogg. Ann. 43 (1838) u. Lieb. Ann. 42 (1842). — SCHWEIZER, Journ. pr. Chem. 76 (1857). — NASTJUKOFF, Über d. Veränd. d. physikal. u. chem. Eigenschaften d. Baumwollzellulose bei ihr. Umwandl. in Oxyzellulose. Bull. soc. ind. de Mulhouse 1892. — C. SMITH, Über natürl. Oxyzellulosen. Chem. Zeit. 1894. — AUTENRIETH und BAYERHAMMER, Jahresb. d. Chem. I, 1822. — BRACONNOT, Ann. chim. phys. (2) 12, 1819 und GILBERTS Ann. 1819. — GILSON, La cristallisation de la cellulose et la composition chimique de la membrane cellulaire. La cellule 9, 397 und La composit. chim. de la membr. cellul. végét. Cellule 11, 19. — HOFFMEISTER, Die Zellulose und ihre Formen. Landw. Jahrb. 1889 und Landw. Versuchsstationen 39, 462. — SKRAUP und KÖNIG, Ber. d. d. chem. Ges. 34. — E. SCHULZE, Zur Kenntnis der in den pflanzl. Zellmembranen enthaltenen Kohlenhydrate. Landw. Jahrb. 1894 (Zusammenfassung). Derselbe, Zur Chem. d. pflanzl. Zellmembranen. Zeitschr. phys. Chem. 19 (1894). — RENKER, Über Bestimmungsmethoden der Zellulose. 2. Aufl. — CROSS and BEVAN, Cellulose an outline of the chemistry of the structural elements of plants with reference to their natural history and industrial uses. Sec. edit. 1903. Ferner Researches on Cellulose. London 1901. — CROSS, BEVAN and BEADLE, Proc. chem. soc. 1901. — WITT und LEHMANN, Chem. Technologie der Gespinnstfasern. — SCHWALBE, Die Chemie der Zellulose. 1909. — C. PIEST, Die Zellulose, ihre Verarbeitung und ihre chem. Eigenschaften. Stuttgart 1910. — LANGE, Zeitschr. angew. Chem. 1895. — T. F. HANAUSEK, Artikel Zellulose in Luegers Lexikon d. ges. Technik. — TSCHIRCH, Artikel Zellulose in Realenzyklop. d. Pharm. II. Aufl. — TOLLENS, Kurzes Handb. d. Kohlenhydrate. — CZAPEK, Biochemie (dort eine Liste des Rohfasergehaltes zahlreicher Objekte). — Vgl. ferner die chem. Lit. unter Baumwolle.

Die anatomischen Verhältnisse der Zellulosezellwände sind einfach. Bisweilen zeigen sie Schichten, die oft abweichende Struktur besitzen, bisweilen Plasmaeinschlüsse, die besonders bei wachsenden Membranen auftreten (KRABBE). Das Wachstum der Membran scheint sowohl durch Apposition (vorwiegend beim Dickenwachstum), wie durch Intussusception (beim Flächenwachstum) zu erfolgen. WIESNERS Dermatosomentheorie erscheint nicht haltbar.

Die Membran, besonders der Bastzellen, zeigt oft einen Aufbau aus mehreren Schichten, die sich deutlich, sowohl optisch wie durch abweichende Reaktion (z. B. gegen Jodschwefelsäure, die Verholzungsreagentien usw.) unterscheiden. Um diesen Unterschied zu markieren, habe ich die alte Bezeichnung, sekundäre und tertiäre Membran, wieder aufgenommen (Angew. Anatomie).

Lit. CORRENS, Dickenwachstum durch Intussuszeption bei einigen Algenmembranen. Diss. München 1889 und Z. Kenntnis d. inneren Struktur d. vegetabil. Zellmembranen. Pringsh. Jahrb. 23 (1891). — AMBRONN, Über Poren in den Außenwänden von Epidermiszellen. Pringsh. Jahrb. 14 (auch Habilitationsschrift Leipzig 1882). — Derselbe, Pleochroismus gefärbter Zellmembranen. Ann. d. Phys. 1888 und Ber. d. d. bot. Ges. 1888. — KRABBE, Beitr. z. Kenntn. d. Struktur u. d. Wachstums vegetabilischer Zellhäute. Pringsh. Jahrb. 18 (1887). — BUSCALIONI, Contribuz. allo studio della membr. cellulare. Malpighia 1892 u. 1893. — ZACHARIAS, Entstehung u. Wachstum d. Zellhaut. Pringsh. Jahrb. 20, 1889 u. Flora 1891. — WIESNER, Sitzungsb. d. Wien. Akad. 1886, I, 17, Ber. d. d. bot. Ges. 1888 und Botan. Zeit. 1892 (Dermatosomen). — MIKOSCH, Ber. d. d. bot. Ges. 1891, 306. — T. F. HANAUSEK, Zur Struktur d. Zellmembran. Ber. d. d. bot. Ges. 1892, 1. — KRASSER (Eiweiß in Zellmembranen). Sitzungsb. d. Wien. Akad. 94 (1886) u. Bot. Zeit. 1888, 209. — A. FISCHER, Zur Eiweißreaktion der Zellmembran. Ber. d. d. bot. Ges. 1887 u. 1888. — CORRENS, Jahrb. f. wissensch. Bot. 26 (1894). — SOLMS-LAUBACH, Über einige geformte Vorkommnisse oxals. Kalkes in lebenden Zellmembranen. Bot. Zeit. 29. — Über die Schleimmembran s. diese (weiter hinten).

Gossypium.

Pili gossypii, Lana gossypina, Baumwolle — coton (franz.) — cotton, cotton wool (engl.) — cotone (ital.) — algodon (span.) — algodâo (port.) — katoen (holl.) — bomull (schwed.) — puuvilla (finn.) — gyapot (ung.) — βάμβαξ (n.-griech.) — qutu (pers.) — kapas (mal.) — kapase (beng.). — Die Pflanze: Cotonnier, cotton-plant.

Etym. Zweifelhaft ist die Deutung von σίνδον, ξύλον, ὄθων, sowie von βίσσος, byssus, worunter wohl von den Alten ebenso Seide und Leinen, wie Baumwolle verstanden wurde (C. RITTER und REGNIER, PAULYS Realenzyklop. d. klass. Altert. 1897, V, S. 1108), und auch das semitische Wort keton (altsem. kettân, arab. alcuta, qutn, kutn), woraus dann coton, cotton, cottone, kattun wurde, bedeutete ursprünglich Leinen (D. H. MÜLLER). — Das ägyptische Wort schens (hebräisch šêš, schesch, buz), welches den Stoff bezeichnete, aus dem Kopfbinde und Leibrock des Hohenpriesters angefertigt wurde, kann Baumwolle aber auch Leinen bezeichnet haben. Der Baum pištim (Josua 2, 6) war nicht Baumwolle, sondern Flachs (D. H. MÜLLER). — Im Sansk. heißt die Baumwolle kârpâsa (die Baumwollpflanze kârpâsî). Doch wurden die Ausdrücke κάρπασος, carbasa, carpas im Munde der Griechen und Römer später mehrdeutig und schließlich auch für Leinen benutzt (WAGLER). — Bei PLINIUS steht gossipion oder Xylon. Gossypium entweder von gossum (= Wulst, Kropf?) oder, was wahrscheinlicher, von arab. goz (= seidenartig). PLINIUS sagt (XIX, 2): «Superior pars Aegypti in Arabiam vergens gignit fruticem, quem aliqui gossipion vocant, plures xylon et ideo lina inde facta xylina. Parvus est, similemque barbatae nucis defert fructum, cuius ex interiore bombyce lanugonetur. Nec ulla sunt eis candore mollitiave praeferenda.» (Vgl. auch WIESNER, Rohstoffe.)

Stammpflanze. Zahlreiche Kulturformen von mehreren Gossypiumarten besonders Gossypium barbadense L. [Spec. pl. ed. I (1753) p. 693] (G. vitifolium LAM., G. peruvianum DC., G. punctatum SCHUM. et THÖNN., G. acuminatum ROXB., G. religiosum PARL. non LINN.) mit der Varietät peruvianum CAV. (auch als Art, s. unten), und Gossypium herbaceum L. (Spez. pl. ed. I p. 693) (G. indicum LAM., G. album WIGHT et ARN., G. micranthum P. DC., G. hirsutum L., G. punctatum GUILL. et PERROTT, G. prostratum SCHUM. et THÖNN.) mit den Varietäten religiosum, hirsutum und Wightianum (diese auch als Arten). Die Systematik der Gattung Gossypium ist sehr unsicher.

Systemat. Stellung. Malvaceae, Hibisceae.

PARLATORE betrachtet Birma und den indischen Archipel als Heimat, MASTERS hält das in Sindh heimische G. Stocksii für die Stammform von G. herbaceum. SCHUMANN nimmt (in ENGLER-PRANTL, Pflanzenfam.) drei Arten kultivierter B. an: G. barbadense L. (heimisch auf den Antillen), G. arboreum L. (heimisch in Togo, Afrika) und G. herbaceum L. (seit Urzeiten in Indien kult.) mit den Varietäten religiosum (China [oder Amerika?]) und hirsutum (heimisch in Mexico und Westindien). In der Flora Brasiliensis stehen: G. hirsutum L., G. barbadense L., G. religiosum L., G. pubescens SPHITG. LINNÉ beschrieb 5 (6) Gossypium-Arten, DE CANDOLLE 16, ROHR (1807) 29 (34), TODARO (1877) 54, PARLATORE (1866) 7 (9), nämlich: Gossypium herbaceum L., G. arboreum L., G. sandvicense PARL. (= G. religiosum FORST.), G. taitense PARL., G. hirsutum L., G. barbadense L. und G. religiosum L. MASTERS 7, ROYLE 4, BENTHAM-HOOKER 3. Jetzt nimmt man meist 9–10 an.

In Kultur sind aber nur fünf Arten. Von diesen stammen die drei wertvollsten, die groß- und weiß- bzw. gelbblütig sind, aus Amerika, nämlich: Gossypium barbadense (Sea Island Baumwolle) aus Westindien (liefert unter andern Sea Island, Barbados und New Orleans Cotton), G. hirsutum (Upland Baumwolle) aus Mexiko und G. peruvianum (Nieren-Baumwolle) aus Südamerika (liefert die Peru-, Kidney- und Brasilbaumwolle). Die vierte in Indien bevorzugte Kulturart G. herbaceum (Indische Baumwolle) stammt aus Ostindien, und die fünfte, G. arboreum (Purpurblütige Baumwolle, das Gossipion des PLINIUS), wahrscheinlich aus Afrika. Letztere, die nur wenig in Ägypten, Arabien und Indien kultiviert wird, findet sich wild in Abyssinien und dem oberen Nilgebiet. Besonders von der Sea Island Baumwolle gibt es zahlreiche Spielarten. G. religiosum (s. oben) stammt aus China und liefert die gelbe Nankingbaumwolle. Vielfach sind durch Kreuzung von Arten, Unterarten und Rassen, Hybriden, erzeugt worden, so z. B. zwischen der in Florida heimischen Art mit der Common okza genannten Kulturrasse. Auch die Caravonica scheint eine Hybride zu sein.

G. herbaceum wird in den Tropen 2 m, in der gemäßigten Zone 60–90 cm hoch. Sie wird in Südeuropa und in Zentralasien, in großer Menge in der Bucharei, in Ostasien bis Nordchina, Korea und Japan, auf Cypern, in Syrien und Kleinasien gebaut. Die vorderindischen Produkte heißen Surats. Der Stapel ist mäßig lang und stark, meist weich seidenartig. Die Nordwestprovinzen und Assam sind für die Produktion weniger wichtig. Die indische Art wird auch in Zentralasien und China gebaut, sowie in Afrika, den Mascarenen und etwas auch in Zentralamerika und Chile. «Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind alle Baumwollpflanzen, welche in Asien angebaut werden, nur als verschiedene Formen von G. herbaceum zu betrachten» (SEMLER). Die für Indien wichtigste Form ist G. Wightianum. Von den amerikanischen Arten liefert G. hirsutum, die in den Südstaaten gebaut und 2–2½ m hoch wird, die Upland-Baumwolle, die die größte Menge der Baumwolle des Welthandels liefert. Die Sorte Orleans wird mehr in Louisiana und Mississipi gebaut, die Sorte Georgian Upland (Boweds) in Georgia und Carolina. Die dritte ist die kurzstapelige Texasvarietät, die in geringer Menge auch im Mittelmeergebiet, Ägypten, Syrien, in Westafrika, den Mascarenen, in Süd- und Ostasien und in Queensland kultiviert wird, eine grünsamige Sorte in Westindien und Venezuela. Einige Sorten haben gelbe Wolle. In China und Hinterindien, aber auch in Ägypten und Italien wird G. religiosum, die Nangkingbaumwolle, gebaut.

Den längsten und feinsten Stapel haben die Sorten der Sea Island-Baumwolle von G. barbadense, die 2–2½ m hoch wird und in den feuchten Küstengebieten von Georgia, Süd-Carolina und Florida und den Inseln (Sea Islands) gebaut wird. Sie wird auch in Westindien, Zentral- und Südamerika, Peru und in bedeutender Menge in Ägypten kultiviert, wenig in anderen Teilen des Mittelmeergebietes, Westafrika, Zentralafrika, Bourbon, Indien, Süd-China und den polynesischen Inseln. Im Stapel gegen diese zurückstehend ist G. peruvianum (Nierenbaumwolle), die 2 bis 5½ m hoch wird. Sie wird besonders in Peru und Brasilien kultiviert, weniger im übrigen Südamerika und den Antillen, dem Mittelmeergebiet, Ägypten, Westafrika, Südasien. Maranham, Bahia, Maceio sind die beliebtesten Sorten.

G. arboreum L. ist baumartig. Sie wird in der Nähe der indischen Tempel angepflanzt. Sie ist bei den Hindus eine heilige Pflanze. Aus ihrer Baumwolle wird der heilige dreiteilige Faden der Brahmanen, «dieses Sinnbild ihrer göttlichen Dreiheit», gesponnen. Dieses G. arboreum L. ist aber nicht identisch mit dem Gossypium arboreum AUBLET (G. religiosum L., G. vitifol. LAM., G. peruvian. CAVAN., G. brasiliense MAC FADYEN), die aus Guayana stammt.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 83.

Baumwoll

ernte in Georgia U. S. A.

[Nach

Stromeyer

&

Wyman

.]

Beschreibung der Stammpflanze. Die Arten der Gattung Gossypium sind Kräuter, Sträucher (I, Fig. 95–98) oder Bäume mit meist 3–9lappigen Blättern und großen ansehnlichen Blüten, die ein bleibendes Hochblattinvolukrum (Außenkelch) aus drei meist großen und gezähnten Blättern besitzen (Fig. 84). Die Staminalsäule unter dem Griffel meist nackt, der Griffel am Ende keulig, die Cotyledonen stark gefaltet (Fig. 87) mit der geöhrten Basis der Würzelchen umfassend. Die Früchte sind drei- (bis fünf-) fächerige, dunkelbraune, walnußgroße Kapseln, die fachspaltig aufspringen. Die 5–10 unregelmäßig nierenförmigen Samen sind mit langen weißen, einzelligen Haaren bedeckt. Nicht alle Epidermiszellen sind aber zu diesen langen Haaren ausgewachsen, ein Teil wächst nur zu kürzeren aus, die technisch auch nicht völlig wertlos sind. In der Union werden nämlich diese kurzen Haare der Grundwolle als Linters (im Gegensatz zur Lint-Baumwolle) bezeichnet und dienen nach SCHANZ zur Herstellung von Hut- und anderen Filzen, Vigognegarne, gewöhnliche und Verbandwatte, Politurmaterial usw. Bei G. barbadense und peruvianum ist der Same nur mit langen Haaren bedeckt, bei G. hirsutum, herbaceum und arboreum sitzt zwischen den langen Haaren noch ein kurzer Filz («Grundwolle»), bei einer besonders in China kultivierten Varietät von G. herbaceum sind die Haare gelb gefärbt (Nangkingbaumwolle), die Grundwolle sogar tiefgelb. Bei G. barbardense, wo die Grundwolle fehlt, erscheint daher der Same glatt und schwarz, bei G. herbaceum und arboreum weißfilzig, bei hirsutum grünfilzig. Die Kapsel ist bei der ägyptischen Art drei-, bei der nordamerikanischen vier- bis fünfteilig. Zur Zeit der Reife ist das ganze Innere mit den haarbedeckten Samen erfüllt und diese sprengen schließlich die Kapsel auf, so daß der Wollbausch hervorquillt. Ob hierbei auch die fortschreitende spiralige Drehung, die von der Spitze des Haares her, die zuerst austrocknet, erfolgt, mitwirkt, wie SEMLER meint, ist noch zu erweisen. Sicher ist, daß die Torsionen des Haares erst im letzten Stadium der Reife eintreten, also bei sog. «unreifen Fasern» weniger zu finden sind, die sich überhaupt durch geringere Wanddicke, das Fehlen der verdickten Ränder und stärkeres Zusammenfallen von den reifen unterscheiden. Am vollkommendsten ausgebildet, d. h. am reifsten, sind die Haare der ägyptischen und nordamerikanischen Baumwolle.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 84.

Gossypium spec.

Frucht zur Reifezeit.

[Nach

Gilg

.]

Die Gattung Gossypium ist über die Tropen beider Welten verbreitet, nicht aber die einzelnen Arten. G. herbaceum L. (sansk. karpassi, hind. kapas) ist in Asien (Birma, Irawaddi, ind. Archipel, Sindh) heimisch. Über Europa gelangte es um 1770 nach Nordamerika. G. arboreum L. ist im subtropischen Afrika zuhause (Guinea, Abyssinien, Sennar, Ober-Ägypten) und G. barbadense L. in den Tropen Amerikas.

Lit. PARLATORE, Le specie dei cotoni. Firenze 1866, mit Taf. — TODARO, Relatione della cultura dei cotoni in Italia seguit de una Monografia del genere Gossypium. Roma 1877/78, mit Taf. — G. WATT, The wild and cultivated Cotton plants of the world. London 1907 and Dictionary of economic products. — MIDDLETON, Descript. of cert. indian botan. forms of cotton. Agricultur Ledger Nr. 8, 1895. — SADEBECK, Kulturgew. d. deutsch. Kolon. Jena 1898. — Übersicht der Arten in WIESNER, Rohstoffe, 2. Aufl. 1903. — Abbild. bei RUMPF, Herb. Amb., PARLATORE und TODARO (s. oben), sowie WIGHT, Illustr. Ind. Bot. t. 27 und 28. — Ferner von Gossypium herbac.: in BERG-SCHMIDT, Atlas t. 106 (dort auch d. system. Literatur). Abbild. von G. barbadens.: in PABST-KÖHLER, Medizinalpfl. t. 158 und BENTLEY-TRIMEN, Medicinal plants t. 37 (dort weitere Literatur). Alle drei Arten: in ENGLER-PRANTL, Pflanzenfam. III, 6, S. 51.

Pathologie. Auf der Baumwollpflanze sind zahlreiche parasitische Pilze beobachtet worden, von denen mehrere einen grösseren Schaden stiften. Zu diesen gehört Neocosmospora vasinfecta, eine Hypocreacee, welche die ganze Pflanze zum Absterben bringt; dasselbe wird auch von einem Fusarium angegeben. Mehrere Pilzarten bilden sich auf den Kapseln aus, so rufen Phyllosticta gossypina und Alternaria macrospora Schwärzungen der Fruchtknotenwand hervor, auch kennt man eine Bakterienkrankheit der Baumwollfrüchte. — Die einzige Angabe eines Pilzvorkommens speziell auf den Samen bezieht sich auf eine Torula incarcerata CKE. (ED. FISCHER)

Über die Schädlinge der Baumwollpflanze vgl. SEMLER, Tropische Agrikultur. Der gefährlichste tierische Schädling ist ein Verwandter der Seidenraupe, die sog. Baumwollraupe oder Baumwollmotte, eine Noctuidee, Aletia xylina (Abbild. bei SEMLER), dann die zur gleichen Familie gehörige Kapselraupe (Bollworm) Heliothis armigera (Abbild. bei SEMLER).

Kultur und Erntebereitung. Die Sea-Islandstaude wird jetzt kultiviert auf den Inseln an der Küste von Georgia und Florida und in Florida, in Ägypten (Messifieh), auf den Südseeinseln, in Venezuela und Peru; die Uplandstaude in Georgia, Süd-Carolina, Alabama, Texas, Mississipi, Louisiana, Pernambuco, an der Nord- und Ostküste von Brasilien, Sao Paolo, San Salvador, den westindischen Inseln, Venezuela, Peru und in Ägypten (Siftah); die indische Staude in Vorderindien, Natal, Ägypten (Zagazig, Mansurah, Beharah) Vorderasien und Griechenland. Die australische Caravonica, deren botanische Zugehörigkeit unbekannt ist, in Nordaustralien (Queensland), auf den neuen Hebriden, in Ostafrika, Ägypten, Mexiko und Peru.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 85.

Walzengin

der Sächsischen Maschinenfabrik

Hartmann

in Chemnitz.

Die Baumwollstaude ist eine ziemlich tiefwurzelige, tropische und subtropische Tieflandpflanze, die eine möglichst gleichmäßige Temperatur (18–26° C.), viel Feuchtigkeit bei anhaltendem Sonnenschein verlangt, also am besten in Küstenländern angepflanzt wird. G. barbadense wird besonders an den Küsten von Georgia und Florida, auf Sea Islands und in Westindien gebaut, gedeiht aber auch in Ägypten. Die nördlichen und südlichen Grenzen sind etwa der 36° n. und s. Br. (bzw. 30° s. Br. bis 41° n. Br.). Man pflanzt die in Samenbeeten erzogenen Pflänzlinge in Abständen etwa wie die Kartoffel (ein junges indisches Baumwollfeld sieht denn auch etwa wie ein Kartoffelfeld aus), oder legt Reihenpflanzungen (Kammkultur) oder sog. Hügelpflanzungen an, bei denen die Samen direkt an Ort gebracht werden. An jeder Pflanzstelle läßt man aber nur die kräftigste Pflanze sich entwickeln. Obwohl die Baumwollpflanze ein mehrjähriges Gewächs ist, zieht man es doch vor sie alljährlich neu auszusäen. 1 Hektar produziert 60–300 kg Baumwolle. Zwei Monate nach der Aussaat beginnt die Baumwollstaude zu blühen, nach weiteren 2½–3 Monaten ist die Kapsel reif. Die Carpelle rollen sich alsdann nach außen zurück und es tritt der große weiße lockere Ball der haarbedeckten Samen hervor (Fig. 84). Nicht alle Kapseln einer Staude öffnen sich gleichzeitig. Sobald so viel Kapseln aufgesprungen sind, daß ein Arbeiter 25 kg Baumwolle am Tage sammeln kann, wird mit der Ernte begonnen, die bei möglichst trockenem Wetter erfolgt (I, Fig. 96 u. 97). Ein Arbeiter kann im Maximum 75 bis 100, selten bis 150 kg sammeln. Eine Baumwollstaude liefert etwa 1¼ kg Baumwolle. Man hat auch mechanische Erntemaschinen eingeführt (vgl. I, S. 94), aber noch ist das Problem nicht gelöst. Der Arbeiter nimmt mit einem Griff den Bausch aus der geöffneten Kapsel (Fig. 83) und sorgt dafür, daß nicht Kapselteile, Blätter und anderes mit geerntet werden. Die die Baumwollbäusche enthaltenden Säcke werden dann auf Tennen entleert und der Inhalt getrocknet. Dann kommen sie in das Ginhaus, um dort zunächst eine Reinigungsmaschine (Seed Cotton Cleaner oder Exhaustorenreiniger) zu passieren und dann dem Gin (abgekürzt aus engine = Maschine) zugeführt zu werden. Das Ginen (Entkörnen, Egrenieren oder Egrainieren), d. h. das Trennen von Samen und Wolle, erfolgt ebenfalls durch Maschinen, deren älteste, jetzt meist durch neuere Systeme verdrängte, die churka (manganello) ist, die noch jetzt da und dort in Indien benutzt wird. Der Sägegin wurde 1792 von WHITNEY erfunden. Neueren Datums ist der Walzengin (Fig. 85). Die Maschinen enthalten entweder enggestellte Walzen (Walzengin, in Ägypten und Indien in Gebrauch), die die Haare fassen, während die Samen, die nicht folgen können, abgeworfen werden oder stumpfe, kreisförmige Sägeblätter (Sägegin, in Nordamerika in Gebrauch), deren Zähne durch ein enges Gitter greifen und die Haare von den auf dem Gitter hinabgleitenden Samen abreißen. Durch das Ginen wird die Samenbaumwolle zur Lintbaumwolle. Meist ist das Verhältnis von Samen zu Wolle wie 2 : 1, im besten Falle wie 6 : 4. Die egrenierte Baumwolle wird dann in Hanf- oder Jutesäcke oder Häute gefüllt und in hydraulischen oder Plattenpressen zu Ballen von 30 : 38 : 75 cm = c. 56 kg oder 135 : 70 : 80 cm = c. 180–220 kg gepreßt, die mit eisernen Bändern umschnürt werden (Fig. 86).

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 86.

Mittelst hydraulischer Pressen hergestellte

Baumwollen

ballen zum Verladen bereit (St. Louis).

Die Baumwolle wird noch jetzt, trotzdem auch noch der letztjährige Spinnerkongreß wieder Handel nach Gewicht verlangte, meist nach Ballen gehandelt. Diese aber besitzen ein sehr schwankendes Gewicht. Bei Sea Island finde ich z. B. Gewichte von 373, 375, 377, 384, 388 lbs angegeben; bei Upland 400, 450, 500, 503.69, 510.24, 519, 535 lbs (engl. Pfund), bei afrikanischer 400, 441, 500, 513. Der Standardballen wird zu 500 (engl.) lbs angenommen.

Der Wert der Baumwolle wird beurteilt nach der Länge des Fadens, dem Stapel, dem Grade der Seidigkeit (abhängig von der Glätte der Cuticula) und der Feinheit (abhängig vom Durchmesser), der Weichheit, der Reinheit und Homogenität (abhängig von der Anwesenheit toter Baumwolle und Frucht- bzw. Samenresten), von der Festigkeit und der Farbe.

Als langstapelig wird eine Baumwolle bezeichnet, die über 3,5 cm, als mittelstapelig eine solche, die c. 2,5–3,5 cm, als kurzstapelig endlich eine solche, die unter 2 cm Stapellänge besitzt. Die Standardmuster zeigen folgende mittlere Stapellängen in mm: Sea Island 42, ägyptische (Mako, Jumel) 38, Pernambuco (brasil) 32, amerikanische (exkl. Sea Island) 28, Port Natal 28, indische 23 und 17.

Der Stapel der indischen Baumwolle ist kurz aber fein, die Arboreumbaumwolle hat einen seidenartigen Stapel, doch ist die Wolle schwer vom Samen zu trennen.

In Europa wird die eingeführte Rohbaumwolle mit besonderen Maschinen gereinigt, von allen Verunreinigungen befreit, gekrempelt und gekardet (kardiert) — bisweilen unter Zusatz von Olivenöl —, dann aufgelockert und durch Benzol oder verdünnte Natronlauge bzw. Soda vom Fett befreit, mit verd. Schwefelsäure, Seifenwasser und Wasser gewaschen und dann gebleicht, und in den sog. Wattemaschinen aufgelockert (coton cardé ou ouate). Um Baumwolle mit «knirschenden Griff» herzustellen, wird ihr Stearinsäure zugesetzt.

Die für arzneiliche Verwendung bestimmte gereinigte Baumwolle muß stets entfettet werden. Nicht entfettete sinkt in Wasser nicht unter und saugt Wasser nur schwer auf, und in der guten Aufsaugefähigkeit beruht der Wert der Baumwolle. Auch der starke Luftgehalt hindert das Untersinken. Das Entfetten und Entlüften erfolgt durch Kochen mit verd. Sodalösung oder Seifenlauge (s. oben).

Die Darstellung der gereinigten Baumwolle (Coton dépuré, Purified cotton, Cotton wool, Wound dressing cotton) geschieht in der Weise, daß kardierte, möglichst langstapelige Rohbaumwolle in sehr verdünnte, siedende Pottasche oder Sodalösung getaucht und dann sofort ausgewaschen und ausgepreßt und darauf mittelst 5% Calcium- oder Natriumhypochloritlösung gebleicht wird. Dann wird mit Wasser gewaschen, bis Lackmuspapier nicht mehr verändert wird, getrocknet und gekrempelt.

Zu Verbandwatte werden meist die Abfälle der Baumwollspinnereien (die sog. Kämmlinge) verarbeitet. Sie werden auf dem Öffner von Unreinigkeiten befreit, auf der Krempelmaschine gekämmt und zu Vließen verarbeitet Die sog. Rohwatte wird nacheinander mit Harzseife, Natronlauge oder Soda, Chlorkalk (oder Eau de Javelle), salzsäurehaltigem und reinem Wasser behandelt, getrocknet und zu Vließen verarbeitet (A. MEYER).

Mit Benzin entfettete Baumwolle ist als Verbandstoff nicht verwendbar.

Lit. BECKMANN, Vorber. z. Waarenkunde I. Göttingen 1793. — BAINES, history of cotton manufacture in Great Britain. London 1835. — BENNO NIESS, Die Baumwollspinnerei in allen ihren Teilen. Weimar 1868. — A. OPPEL, Die Baumwolle nach Geschichte, Anbau, Verarbeitung und Handel. Leipzig 1902. — SEMLER, Tropische Agrikultur. — ECKARDT, Der Baumwollbau. 1906. Beiheft VII z. Tropfenpfl. — YVES HENRY, Le Coton. Publ. d. Gouverm. génér. de l’Afrique occid. franc. 1906. — KICK in KARMARSCH und HEEREN, Technisches Wörterbuch 1876. — VON KAPFF, Über Wolle, Baumwolle, Leinen, natürliche u. künstliche Seide. Leipzig, FOCK. 1909. — E. FRANK, Handb. d. Baumwollindustrie. — C. HEINE, Die Baumwolle (nach Cotton von BURKELT and HAMILTON). — KUHN, Die Baumwolle, ihre Kultur usw. 1892. — H. LECOMTE, Le Coton. Paris 1899. — TOBLER in Kolonialbotanik. — T. F. HANAUSEK, Artikel Baumwolle in Realenzykl. d. Pharm. II, 590. — WIESNER, Rohstoffe. — PASSON, D. Kultur der Baumwolle mit besonderer Berücksicht. derjen. von Brasilien. Nach dem gleichnamigen Werke von D’UTRA, Stuttgart 1910. — M. SCHANZ, Die Baumwolle in d. Verein. Staat. Beiheft z. Tropenpflanzer 1908. — YVES, Le coton aux États-Unis-Journ. Agr. pr. pays chauds 1903 (mit einer Übersicht der Varietäten). — M. SCHANZ, Baumwollbau in deutschen Kolonien. Berlin 1910. — BUSSE, Zeitfragen d. Landw. im trop. Afrika m. bes. Berücks. d. Baumwollbaus. Tropenpflanzer 1907. — Weit. Lit. unter Anatomie. — Der Baumwollbau und -handel im Mittelalter bei HEYD, Levantehandel II, 572.

Produktion. Das wichtigste Produktionsland der Baumwolle ist Nordamerika, wo in Texas, Georgien, Alabama, Mississippi, Süd-Karolina, Arkansas, Louisiana, Nord-Carolina und Tennessee Baumwolle gebaut wird. Der Jahresertrag betrug: 1906 über 13 Mill. Ballen (vgl. I, S. 184). Hauptausfuhrhäfen sind New Orleans (nach Liverpool wichtigster Baumwollmarkt der Erde), Galveston, Savannah, Charleston, Wilmington, Mobile, Pensacola, New York, Norfolk, Boston, Baltimore.

In Mittelamerika baut Haiti, Portorico, Jamaika, Martinique, Guadeloupe. Die Produktion geht, obwohl das Produkt vorzüglich ist, zurück.

In Südamerika baut Guyana, Columbien, Venezuela, Peru und besonders Brasilien Baumwolle. Hauptausfuhrhäfen sind: Barranquilla und Sabanilla, Puorto Cabello, Pernambuco, Maceió, Ceará.

In Ostindien, dem zweitwichtigsten Produktionslande besonders für ordinäre Sorten, baut Britisch Indien in Bombay, Sind, Berar, Madras, den Nordwestprovinzen, Haiderabad, den Zentralprovinzen, Pandschab und Radschputana Baumwolle (am meisten Berar). Die wichtigsten Produktionsgebiete der Baumwolle in Vorderindien liegen in den Ebenen von Guzerat und Katkiawar, dem Hochland von Dekkan, den tiefen Tälern von Berar und den Zentralprovinzen. Hier steht der Baumwollbau in Kleinbetrieb bei den eingeborenen Bauern und dies bedingt die Minderwertigkeit des Produktes gegenüber der amerikanischen und ägyptischen Baumwolle. Hauptausfuhrhäfen sind: Bombay, Calcutta, Karatschi, Tuticorin, Madras.

In China ist die Kultur umfangreich, reicht aber nicht zur Deckung des großen Bedarfes. Der Baumwollbau in China reicht bis ins XI. Jahrh. zurück. Er hat sich allmählich über große Teile des Reiches verbreitet, wird aber besonders in den Küstenländern betrieben.

Die Kultur in Japan ist ebenfalls beträchtlich, doch deckt sie nicht den Bedarf und muß Japan Baumwolle aus China importieren.

In Persien (Bezirk von Iphahan), Transkaukasien und Vorderasien ist die Kultur gering. In Australien und den Südseeinseln steigend. Australien (Queensland) baut die Caravonica. Von der vorzüglichen Caravonicabaumwolle ist jetzt (1910) sowohl wollige wie seidige im Handel.

In Afrika baut besonders Ägypten viel Baumwolle im Nildelta, überhaupt im Küstengebiet. Zuerst G. herbaceum aus Indien, dann Anfang des XIX. Jahrh. eine nubische Spielart (Jumel, Maho, Mako), jetzt die Sea-Island-Art und Caravonica. Die Baumwolle ist gegenwärtig die größte Finanzquelle Ägyptens. Der Ertrag beläuft sich auf über 200 Mill. Frs. Die ägyptische Baumwolle, die seidenartigen Glanz besitzt und japanischer Seide gleicht, macht der amerikanischen Baumwolle erfolgreich Konkurrenz. Die besten Baumwollsorten kommen jetzt aus Ägypten. Die Algerische Kultur hat aufgehört. In den deutschen Kolonien breitet sich die Kultur aus. Die Baumwollnot im Jahre 1909, die den Preis der amerikanischen Rohbaumwolle von 9,25 auf 16,15 Cents hinauftrieb, hat die Aufmerksamkeit der deutschen Konsumenten auf die Baumwollkulturen in den deutschen Kolonien gelenkt (vgl. SUPF, Deutsch-koloniale Baumwollunternehmungen. Beihefte z. Tropenpflanzer. 1910). Deutsch-Ostafrika lieferte 1908 erst 1081 Ballen = 540298 Pfund, Togo 1908/09: 2337 Ballen à 500 Pfund.

Die europäische Kultur in Griechenland, Italien, Spanien und der Türkei ist ohne Bedeutung. Immerhin produziert z. B. Griechenland (von G. herbaceum) jährlich 3840000 kg (EMMANUEL).

Das Ansteigen der Baumwollproduktion veranschaulichen folgende Zahlen. Die Weltproduktion betrug 1791: 213,4, 1834: 408,5, 1880/84: 2274,3, 1891/99: 3260,8 Mill. kg pro Jahr. Obenan in der Produktion steht jetzt Nordamerika, weit dahinter folgt erst Ostindien und dann mit etwa gleichen Mengen China und Ägypten. Die Baumwollernte der Erde erreichte 1906: 18,6 Mill. Ballen = 3682,8 Mill. kg. 1908/09 betrug die Baumwollernte in 1000 Ballen (à 400 engl. Pfund): Amerika: 13829, Indien: 4665, Ägypten: 910, Brasilien u. and. Länder: 3063. — Total: 22467. Sie steht damit von allen uns interessierenden Produkten obenan («KING COTTON»). Der Baumwollverbrauch der Erde betrug 1. Sept. 1907 bis 1. Sept. 1908 (exkl. ägyptischer B.): 15121281 Ballen (der Vorrat 1. Sept. 1908: 7574130 B.). Der Verbrauch ägyptischer B. im gleichen Zeitraum: 658256 B. 1909 liefen in der ganzen Welt 130795927 Baumwollspindeln, davon in Großbritannien c. 53½ Mill., in Nordamerika c. 27½ Mill., in Deutschland c. 10 Mill. 1909 entfielen von der Weltproduktion 66% auf die Vereinigten Staaten, 13% auf Ostindien, 10% auf Mittel- und Ostasien, 7–10% auf Ägypten und 4% auf alle anderen Länder. Nordamerika exportierte Sea Island B. 1908: 33042 bales (= 12699567 lbs), 1909: 25939 bales (= 9740806 lbs) und Upland and other 1908: 7401538 bales (= 3804299126 lbs), 1909: 8551789 bales (= 4438244396 lbs). Die Produktion Nordamerikas betrug 1908/09: 13829000 Ballen (1909/10 10–11 Mill.). Die indische Baumwollernte betrug 1908/09: 3643000 Ballen (zu 400 engl. Pfund). Die indische Baumwollernte 1909/10 wird auf 4289000 Ballen geschätzt. Ägypten produziert jetzt (1910) 5–6 Mill. Cantars pro Jahr. Rußlands Baumwollenbau macht Fortschritte. 1907 lieferte russ. Zentralasien bereits c. 5750000 Pud, Transkaukasien 800000 Pud. Java exportierte 1908 4221002 kg ungereinigte Baumwolle.

Deutschland importierte 1909: 4559207 dz Roh-Baumwolle besonders aus den Ver. Staaten (3½ Mill.), dann aus Brit. Indien und Ägypten, geringere Mengen aus Niederl. Indien, der asiat. Türkei, China, Deutsch-Ostafrika, Togo, Peru und Haiti. Hamburg importierte 1908 seewärts 1125919 dz Baumwolle, davon aus den Ver. Staaten: 491132, Brit. Ostindien: 486678, Ägypten: 80124, China: 17466, kleinere Mengen aus Ostafrika, Westafrika, Kleinasien, Haiti, Mexico, Peru, Brasilien, Venezuela, St. Croix, Niederl. Indien, den Gesellschaftsinseln, St. Thomas, Madagaskar, Nicaragua, Portorico, Jamaica, St. Domingo. Die Einfuhr an Baumwollsamen betrug 120492 dz.

Lit. Tropenpflanzer 1907–1910. — Jahrbuch u. Kalender für die Baumwollindustrie. Leipzig, DEGENER (1909, 30. Jahrg.).

Handelssorten. Nordamerikanische Sorten sind: Sea Island (Lange Georgia) — Louisiana — Alabama (Mobile) — Florida (Pensacola) — Kurze Georgia, Upland — New Orleans — Tennessee — Texas. Ernte im September.

Mittel- und südamerikanische Sorten sind: Molinos (Mexiko) — Pernambuco (Brasilien) — Ceara — Maceio — Bahia — Maranham — Surinam (Guyana) — Demerary — Berbice — Cayenne — Varinas (Columbia) — Barcelona — Cartagena — Lima und Payta (Peru) — Haiti — Barbados — Portorico — Guayanilla — Cuba.

Asiatische Sorten: Surate (Dollerah, Ostindien) — Madras — Bengal — Persische — Nangking.

Afrikanische Sorten: Maco (Jumel, Ägypten) — Bourbon.

Australische Sorten: Die beste australische Sorte ist Caravonica (woll- und seidenartig), die in Nordaustralien gewonnen wird. Von ihr werden Alpacca, Silk und Wool unterschieden. Caravonica gilt jetzt als die beste Baumwolle. Ihr gleichwertig ist die neue (1909) Mamara.

Levantinische Sorten: Smyrna — Makedonien.

Europäische Sorten: Griechische — Motril (Spanien) — Castellamare (Italien). Ohne Bedeutung: neapolitanische, römische, sizilianische.

Die Hauptmärkte für Baumwolle in Europa sind: Liverpool, Bremen, Hamburg, Havre, Marseille, Antwerpen, Rotterdam, Dünkirchen, Barcelona, Triest, Venedig, Neapel, Genua. Bremen ist erster deutscher Baumwollhafen.

Karte der Baumwollproduktion der Erde in LANGHANS, Kleiner Handelsatlas 1895, Nr. 10 u. 11.

Anatomie. Die Baumwollsamen sind rundlich, 7–9 mm lang, 3–5 mm dick. Die Epidermiszellen der Samenschale sind zum Teil zu den Baumwollhaaren ausgewachsen. Der Haarfilz bedeckt entweder die ganze Samenoberfläche (G. arboreum u. hirtum) oder liegt nur an der Basis und der Spitze (G. religios.). Von der Fläche betrachtet erscheinen die Epidermiszellen etwas unduliert. Oft sind die derbwandigen, einen braunen Inhalt führenden, nicht zum Haar ausgestülpten Zellen sternförmig um die Haarzelle gruppiert (HANAUSEK). Bei Samen mit Grundwolle sind nahezu alle Epidermiszellen zu Haaren ausgestülpt. Dann folgt die Pigmentschicht. Sie besteht aus 4–5 Schichten tangential gestreckter, farbstofführender Parenchymzellen. Auf diese folgt die Kristallzone, ein (oder zwei) Reihen verdickter, bisweilen gut ausgebildete Kristalle führender isodiametrischer Zellen. Die bis hierher beschriebenen Schichten gehen aus dem äußeren Integument hervor (SCHLOTTERBECK). Die nächste Schicht besteht aus stark verdickten Palissaden-Sklereïden, deren kleines Lumen ziemlich weit außen liegt. Die dann folgende, reich durchlüftete Nährschicht ist stark obliteriert; außen führen die ziemlich dickwandigen Zellen Farbstoff. Die innerste Schicht des inneren Integumentes (SCHLOTTERBECK) besitzt Zellen, die zierliche zentripetale Wandverdickungen zeigen (Fransenzellen HANAUSEKS, cellules plissées ou frangées PERROT). Dann folgt ein sehr schmaler Nucellusrest, ein meist nur einschichtiger Endospermrest und dann die außerordentlich stark gefalteten Cotyledonen, die im Querschnitt dunkel punktiert erscheinen, da sie zahlreiche, eine blau- oder grünlich-schwarze Masse enthaltende schizogene (PERROT oder lysigene HANAUSEK, VON HOEHNEL) Sekretbehälter führen. Sie enthalten Oxalatdrusen, Öl und Aleuron. Auf der Oberseite liegt eine Palissadenschicht. Das Sekret ist nicht näher studiert. Es löst sich in konzentrierter Schwefelsäure mit trüb-blutroter Farbe (T. F. HANAUSEK). Auf der Epidermis der Cotyledonen sitzen Haare ähnlich den MITSCHERLICHschen Körperchen (PERROT).

Lit. FLÜCKIGER, Über d. Baumwollsamen. N. Jahrb. f. Pharm. 1871. — HARZ, Landwirtsch. Samenkunde II, 741. — KOBUS, Kraftfutter und s. Fälsch. Landw. Jahrb. 13, 1884. — V. BRETFELD, Anatom. d. Baumwolle- u. Kapoksamen. Journ. f. Landw. 35, 1887, 29. — T. F. HANAUSEK, Zur mikrosk. Charakt. d. Baumwollsamenprodukt. Zeitschr. Öster. Apoth. Ver. 1888, 569 u. Samen in WIESNER, Rohstoffe. — GUIGNARD, Rech. sur le développem. de la graine etc. Journ. d. Botan. 1893. —ZWALUWENBURG and SCHLOTTERBECK, Anatomy of the cotton seed and the development of its seed coats. Proc. Amer. pharm. Assoc. 1899, 185 (mit 1 Taf.) (Entwicklungsgeschichte). — HANAUSEK-WINTON, Microscopy of technical products p. 59. — PERROT, Bull. sc. pharmacol. 1902, 336. — GREENISH, Struct. of cotton seed. Festschr. f. Vogl. — Die Preßkuchen auch in COLLIN-PERROT, Residus industriels 1904.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 87.

Gossypium spec.

1 Längsschnitt und 2 Querschnitt durch den Samen, C die gefalteten Cotyledonen, R Radicula.

[Nach

J. Moeller

, Mikroskopie.]

Mikroskopisch betrachtet erscheint das Baumwollhaar besonders bei den indischen Sorten als ein breites, bisweilen gekörneltes Band, das häufig um seine Achse korkzieherartig gedreht ist (Fig. 88) und drei- bis viermal breiter ist als dick. Bei den feineren, dünneren Sorten aus Nordamerika und Ägypten ist das Haar wenig oder gar nicht zusammengedrückt, nur schwach seilförmig gedreht, ja auf weite Strecken fast zylindrisch, sehr dickwandig mit schmalem Lumen und wulstigen Rändern. Nach WIESNER soll sich die Torsion bei G. herbaceum über die ganze Länge, bei G. arboreum und barbadense nur auf den mittleren Teil erstrecken, bei versponnener Baumwolle ist bisweilen gar keine Torsion mehr zu bemerken. Durch Salpetersäure wird die Drehung aufgehoben. Das Lumen ist immer klein. Es enthält Reste des Plasmas. Bedeckt ist das Haar mit einer sehr feinen Cuticula, die glatt ist oder Körnelung bzw. Streifung zeigt und bisweilen zart spiralig oder netzförmig gezeichnet ist (näheres bei WIESNER). Der wollige Charakter der Caravonicawolle wird durch eine sehr scharfe regelmäßige, feine spiralige Streifung, der seidige der Caravonicaseide durch dichte und feine wellige Streifung der Cuticula bedingt (T. F. HANAUSEK).

Das Baumwollhaar ist in der Mitte am breitesten (WIESNER), an der Basis schmäler. Die Spitze ist spitzkegelförmig, spatelförmig, abgerundet oder kolbenförmig, meist sehr dickwandig (VON HÖHNEL), bei der Caravonica oft schief abgeplattet (T. F. HANAUSEK). Die Dimensionen schwanken innerhalb bestimmter Grenzen, die Dicke von 10–42 mik (bei G. herbaceum 12–22, barbadense 19–28, arboreum 20–38, religiosum 20–40 mik, WIESNER). Die Länge (der Stapel) von 10–40 mm (nach BOLLEY: 25–60 mm, nach WIESNER bei barbadense: max. bis 51 mm, nach SADEBECK bei Sea Island: max. 41–52 mm). Genauere Angaben über Dicke und Stapellängen der Handelssorten bei HÖHNEL. Die Stapellängen betragen (nach HÖHNEL) bei G. barbadense (Sea Island) 40,5, G. b. (Brasilien) 40, G. b. (Ägypten) 38,9, G. arboreum (Indien) 25, G. herbaceum (Makedonien) 18,2, G. herbac. (Bengalen) 10,3 mm. Bei Caravonica (nach T. F. HANAUSEK) bis 45 mm. Bei der Breitenbestimmung gibt man das Breitenmaximum und die häufigste maximale Breite an (WIESNER).

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 88.

Baumwoll

haare, oben: Querschnitte.

[Nach

von Hoehnel

.]

An der Basis ist das Haar, da es vom Samen abgerissen wird (s. oben), meist offen. Eine Ausnahme macht die Caravonicabaumwolle, bei der (nach T. F. HANAUSEK) die verholzte Haarbasis erhalten ist, das Haar wird bei ihr also aus der Epidermis herausgezogen, nicht abgerissen. In der Mitte, wo das Haar auch am breitesten ist, ist das Lumen am größten und die Wand relativ dünn; nach beiden Enden wird das Lumen enger und die Wand dicker. Die Dicke der Wand ist bei der Baumwolle beträchtlich. Sie beträgt ⅓–⅔ des Durchmessers der Zelle. Die Baumwolle besitzt daher eine sehr bedeutende Festigkeit. Der Querschnitt der Baumwollhaare, die nie zu Gruppen zusammenhängen (wie einige Bastfasern), ist elliptisch, eiförmig, lineal, mitunter nierenförmig oder halbmondförmig, gekrümmt (Fig. 88) — niemals kreisrund oder polygonal; das Lumen der Umrißlinie entsprechend, linienförmig, schmal, länglich, niemals kreisrund. Schichtung fehlt oder ist nur schwach angedeutet. Nach Behandlung mit Jod-Schwefelsäure ist der Querschnitt meist breit-elliptisch oder unregelmäßig aufgequollen, das Lumen aber unverändert länglich; die Zellwand himmelblau, in den äußeren Partien dunkler; Cuticula und Inhalt undeutlich (T. F. HANAUSEK, VON HÖHNEL). Verschiebungen (im Sinne VON HÖHNELS), die bei den gebrochenen Fasern (Lein, Hanf) stets vorkommen, fehlen der Baumwolle.

Läßt man auf das Haar frisches konzentriertes, durch Auflösen frisch gefällten Kupferoxydhydrates in konz. Ammoniak bereitetes Kupferoxydammoniak einwirken (CRAMER, 1857), so quillt die Wand und läßt Schichtung hervortreten. Die Cuticula zerreißt oder bleibt in Form von Ringen da und dort erhalten, zwischen denen die Zellulosewand bauchig hervorquillt (Fig. 89). Der Inhalt zeigt, da sich das Haar bei dieser Behandlung verkürzt, Querfaltungen, doch treten die bauchigen Hervorquellungen bisweilen nicht hervor, z. B. nicht bei G. flavidum und religiosum (WIESNER), nicht bei gebleichten Baumwollwaren (Zwirn, Kattun), deren Fasern die Cuticula fast vollständig fehlt, nicht bei Anwendung von zu wenig konzentriertem Kupferoxydammoniak. Die Cuticula ist nicht immer gleich ausgebildet. Sie ist bald dünn und glatt (Sea Island, Lang. Georgia von G. barbadense), bald derb, gekörnelt und rauh (die matten, dickfaserigen Sorten von G. arboreum, herbaceum, religiosum). Die unreife (todte) Baumwolle ist schwerer in Kupferoxydammon löslich, färbt sich mit Jodjodkali nur hellgelb und ist nicht doppelbrechend (R. HALLER). Ihre Wand ist dünn, das Haar nicht gedreht, die Cuticula fein gestreift. Wird Baumwolle mit Kalilauge gekocht und dann ausgewaschen, so färbt sie sich mit Jodjodkalilösung rötlichbraun. Chlorzinkjod färbt die Wand, wenn sie dünn ist, so daß nur schwache Quellung eintritt, braunrot, bei starker Quellung violett bis blau (A. MEYER). Mit Jodjodkali behandelte Baumwolle wird durch konz. Schwefelsäure in eine blaue Gallerte übergeführt. Cuticula und Plasma werden hierbei gelbbräunlich. Phloroglucin-Salzsäure und Anilinsulfat-Schwefelsäure färben Baumwolle nicht. Nach Behandeln mit Ammoniak tritt auf der Cuticula feine Streifung hervor. Die seidenartig glänzende, besser färbbare mercerisierte Baumwolle, die dadurch erhalten wird, daß Baumwollgewebe oder Garne in stark gespanntem Zustande mit Ätzalkalien behandelt werden, besitzt keine Cuticula mehr, quillt daher mit Kupferoxydammon gleichmäßig, zeigt keine korkzieherartige Drehung und meist randlichen Querschnitt. Zur Herstellung der Schießbaumwolle eignet sich nur langstapelige Baumwolle (DAWSON).

Im polarisierten Lichte zeigt sich die Längsachse der Elastizitätsellipse in Baumwollfasern keineswegs parallel zu der Längsachse der Faser, sondern mehr oder minder stark in linksläufiger, seltener rechtsläufiger Windung gegen sie geneigt. Ausnahmsweise laufen streckenweise die Längsachse der Faser und der Elastizitätsellipse miteinander parallel (HERZOG).

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 89.

Baumwoll

haar in frischem Kupferoxydammoniak.

[Nach

von Hoehnel

.]

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Chemie. Die Baumwolle besteht aus fast reiner Zellulose. In den farbigen Sorten findet sich eine Spur eines gelben Farbstoffes. CHURCH und MÜLLER fanden in roher Baumwolle 91,15–91,35% Zellulose, 0,4–0,5% Fett und Wachs, 0,5 bis 0,67% stickstoffhaltige Substanz, 7–7,56% Wasser und 0,10–0,12% Asche. Cuticula 0,75%. Die Asche schwankt zwischen 0,1–0,5% (die Angabe von WIESNER: 1,85% ist zu hoch). Gute gereinigte Baumwolle soll nicht über 0,3% Asche enthalten (Ph. helv. IV). Baumwolle ist sehr hygroskopisch.

Das spez. Gewicht der lufttrocknen Baumwolle beträgt 1,47–1,50, die Festigkeit 2–5 g bei direkter Belastung.

Farbstoffe sind in der Baumwolle in sehr wechselnden Mengen enthalten, am wenigsten in den amerikanischen Sorten, am meisten in den chinesischen. Der Farbstoff scheint nicht in allen Baumwollsorten der gleiche zu sein. Sehr verdünnte Natronlauge löst beim Kochen 0,3–0,5% Fett. Das Fett ist wohl mit dem der Samen identisch. Es liefert beim Verseifen Ölsäure, Stearin- und Palmitinsäure (O. N. WITT). Das Wachs (0,3–0,5%) ist ein typisches Pflanzenwachs (SCHENCK).

Die Baumwolle wird erst durch konz. Schwefelsäure hydrolysiert (FLECHSIG). Dabei entsteht als Endprodukt reine krist. Glukose (neben sehr wenig Xylose, VOSWINKEL und LINK; die aus Baumwolle dargestellte krist. Zellulose gibt nur Glukose, GILSON). SCHWALBE und SCHULZ erhielten aus Baumwollzellulose bei der Hydrolyse im Autoklaven 44% Traubenzucker (Dextrose). Bei der Hydrolyse reiner Baumwollzellulose erhält man nicht genau die theoretisch berechenbare Zuckermenge, wenn man die Zuckerbestimmung nach ALLIHN ausführt und auf d-Glukose umrechnet. Vielleicht hängt dies mit einer «Reversion» zusammen (E. WINTERSTEIN). Daneben entsteht etwas Mannose, Xylose und Arabinose. Baumwolle enthält nur sehr wenig Xylan (SCHULZE, VOSWINKEL und LINK, SURINGAR und TOLLENS). Der Pentosangehalt der Baumwolle, bestimmt nach dem TOLLENSschen Verfahren, beträgt c. 1% (Holzschliff c. 12%!). Baumwolle ist also vorwiegend Glukosezellulose, sie besteht aus einem Glukosan.

Von den Abbauprodukten der Baumwollzellulose, soweit solche durch starke Schwefelsäure entstehen, sind verhältnismäßig eingehend studiert die Schwefelsäureester (HÖNIG, SCHUBERT und STERN), die Zellulosedextrine (HÖNIG und SCHUBERT) und die Bildung von Traubenzucker (FLECHSIG). Wenig bekannt sind Pergament (Amyloid), GUIGNETS Zellulose und EKSTRÖMS Acidzellulose. GUIGNETS Cellulose soluble färbt sich mit Jodschwefelsäure blau, ebenso FLECHSIGS «Amyloid», das also eigentlich kein pflanzliches Amyloid ist.

Kupferoxydammon, d. h. ammoniakalische Lösung von Kupferoxyd (POWER), löst Baumwolle so gut wie vollständig (s. oben), aus der Lösung fällen Säuren und Salze die Zellulose aus. Auch Chlorzink-Salzsäure (1 : 2) löst Baumwolle (CROSS und BEVAN). Konzentrierte 92%ige Schwefelsäure führt Baumwolle in Amyloid über. Kalte konz. Salpetersäure bildet Nitrozellulosen (Trinitrozellulosen liefern die Kollodiumwolle, vorwiegend Hexanitrozellulosen die Schießbaumwolle, Octonitrozellulosen die künstliche Seide CHARDONNETS). Die Baumwolle bleibt dabei in Form und Farbe erhalten (Wolle wird gelb). Ausführliches findet man in den Arbeiten E. BERLS. Konzentrierte Kalilauge löst Baumwolle nicht (Wolle löst sich), macht sie durchscheinend und für Farbstoffe aufnahmefähiger (Mercerisation, benannt nach JOHN MERCER 1844). Solche alkalisierte Baumwolle nimmt durch starke Spannung einen seidenartigen Glanz an (THOMAS und PREVOST).

Aus basischen Erd- und Schwermetallsalzlösungen schlägt Baumwolle ein stark basisches Salz auf der Faser nieder (Beizen). Direkt wird Baumwolle angefärbt von Safflor, Orlean, Curcumin-Glaubersalz-Schwefelsäure (Unterschied von Wolle, GANSWINDT) und den Azoxyfarbstoffen, sowie von Congo (BÖTTIGER) und von anderen Farbstoffen der Benzidinreihe. Auch Hämatoxylin färbt Baumwolle direkt (GILTAY). Jetzt kennt man schon über 500 substantive Baumwollfarbstoffe. Gegen nichtbasische Metallsalzlösungen ist die Baumwolle indifferent. Um Metallsalze binden zu können muß die Baumwolle zuvor mit Gerbsäuren und Fettsäuren (Türkischrotöl) «präpariert» werden. Basische Farbstoffe nimmt Baumwolle wenig auf, ebensowenig saure. Um letztere zu binden wird Baumwolle «animalisiert», d. h. mit Albumin, Kaseïn, Leim oder Gelatine imprägniert, oder durch Behandeln mit Ammoniak in sog. «Amidozellulose» (VIGNON) übergeführt. Mercerisierte Baumwolle (Natronzellulose, s. oben) ist fester und zeigt Farbstoffen gegenüber eine größere Affinität. Der Baumwollfaden wird durch Behandeln mit starken Alkalien verkürzt. Streckt man ihn dann auf die ursprüngliche Länge, so nimmt er Seidenglanz an. Zur Erkennung mercerisierter Baumwolle empfiehlt LANGE eine Lösung von 30 Teilen Chlorzink, 5 Teilen Jodkali, 1 Teil Jod und 24 Teilen Wasser, die nur mercerisierte, nicht reine Baumwolle nach dem Auswaschen blau färbt.

Lit. Vgl. auch die Lit. unter Zellulose (oben S. 228). — GANSWINDT, Artikel Baumwolle in Realenzyklop. d. Pharm. II, 594. — CHURCH und HUGO MÜLLER, Die Pflanzenfaser in HOFMANNS Ber. über d. Entwickl. d. chem. Industr. Braunschweig 1877. — OTTO N. WITT, Chem. Technol. d. Gespinnstfasern. — LEO VIGNON, Die Zellulosen der Baumwolle, des Flachses, Hanfs und des Ramié. Compt. rend. 131, 558. Derselbe, Zellulose, mercerisierte Z., gefällte Z. und Hydrozellulose. Ebenda p. 708. — C. PIEST, Die Zellulose usw. 1910. — HÖNIG und SCHUBERT, Monatsh. f. Ch. 6 u. 7. — STERN, Journ. Chem. Soc. 67 (1895). — SCHWALBE u. SCHULZ, Ber. d. d. chem. Ges. 1910, 913. — GUIGNET, Compt. rend. 108 (1889), 1258. — FLECHSIG, Zeitschr. phys. Chem. 7 (1882), 524. — LANGE, Chem. Zeit. 1903, 592 u. 735. — GILSON, Chem. Zentralbl. 93 b, 531. — WINTERSTEIN, Landw. Versuchsstat. 1894. CROSS und BEVAN, Journ. chem. soc., Ber. d. d. chem. Ges. und Cellulose an outline of the chemistry of the structural elements of plants 1895–1906.

Anwendung. Baumwolle wird in der Medizin in erster Linie als Verbandwatte benutzt. Die Haare saugen die Flüssigkeiten kapillar und osmotisch auf. Vom Blutserum z. B. das 10–11 fache ihres Gewichtes. Sodann wird Baumwolle oft mit Medikamenten imprägniert (Verbandstoffe). Und endlich dient Baumwolle auch als Filtriermaterial, um Keime abzuhalten oder Luft zu filtrieren. Die durch Kochen mit Natriumhypochlorit erhaltene hygroskopische Watte wird als Ersatz für Charpie empfohlen. Ein entfetteter und gebleichter Baumwollstoff ist unter dem Namen Tela depurata, hydrophiler Verbandstoff, gereinigter Mull in Benutzung. (Prüfung in Pharm. helv. IV.) Baumwolle ist aber auch, hauptsächlich wegen der eingeschlossenen Luft, ein sehr schlechter Wärmeleiter und wird auch aus diesem Grunde benutzt.

Als Verbandwatte brauchbar ist im Notfall auch hydrophiler Baumwollendocht, Lint, Baumwollflanell, englischer Mull (Cambric), appretierte Gaze, Mull. Hauptsache ist, daß alle Verbandstoffe sterilisiert sind.

Lit. ZELIS, Die medizin. Verbandmaterialien. 1900. — BARTH a. a. O. (s. unten).

Prüfung. Der Stapel der gereinigten Baumwolle oder Verbandwatte betrage mindestens 3 cm. Die mikroskopische Untersuchung ergebe nur Haare. Die gereinigte Baumwolle sei rein weiß, geruchlos, frei von Fruchtschalresten und Samenteilen. Sie darf beim Drücken mit der Hand nicht knistern, knirschen (Stearinsäure) und mit Wasser durchfeuchtet Lackmuspapier nicht verändern (Alkali und Säure vom Reinigungsprozeß, s. oben). Der wässerige Auszug (1 : 10) darf nicht opalisierend oder seifig (von der Behandlung mit Seifenlauge, s. oben) oder gefärbt erscheinen. Der mit siedendem Wasser bereitete Auszug (1 : 10) darf weder durch Silbernitrat, noch durch Baryumnitrat oder Ammoniumoxalat mehr als opalisierend getrübt werden. (Chloride, Sulfate, Kalk vom Reinigungsprozeß mit Chlor etc.). Die in 10 ccm dieses Auszuges nach Zusatz von einigen Tropfen Schwefelsäure und 3 Tropfen Kaliumpermanganat entstehende Rotfärbung soll innerhalb einiger Minuten nicht verschwinden (reduzierende Substanzen, z. B. schweflige Säure und Sulfite vom Bleichprozeß). Wird gereinigte Baumwolle auf Wasser geworfen, so soll sie sich sofort mit Wasser vollsaugen und dann untersinken (Fett). Durch Trocknen bei 103° darf gereinigte Baumwolle nicht mehr als 7% an Gewicht verlieren (unzulässig hoher Wassergehalt). Wird der ätherische Auszug von 5 g Baumwolle verdunstet, so soll das Gewicht des getrockneten Rückstandes nicht mehr als 3 cg betragen (höchstens 0,6% Fett und Stearinsäure), doch vermindert selbst ein Gehalt von 1–5% Fett bzw. Fettsäure die Aufsaugefähigkeit der Verbandwatte nicht erheblich. Die Asche betrage nicht mehr als 0,3% (Ph. helv. IV) bzw. 0,5% (Ph. austr.).

Völlig von Fettsäuren freie Baumwolle ist nicht im Handel (BUDDE). Die käuflichen Verbandwatten enthalten 0,2–0,4%. Jedenfalls muß aber eine obere Grenze festgesetzt werden, da Baumwolle vor dem Kardieren nicht selten geölt wird (s. oben).

Ausgeschlossen vom medizinischen Gebrauch ist die in 2–4 cm dicken, beiderseits geleimten Platten vorkommende Handelswatte.

Lit. BARTH, Herst. und Beurteilung von Verbandwatte. Schweiz. Wochenschr. 1910, 321. — BUDDE, Unters. entfetteter Watte. Veröffentl. auf d. Geb. d. Militär-Sanitätswesens 1905.

Geschichte. HERODOT berichtet (III, 16), daß die Inder eine Pflanze haben, die statt der Frucht Wolle trage, ähnlich wie die der Schafe, doch feiner, und STRABO wußte bereits, daß man den harten Kern herausnehmen müsse, um die Fäden rein zu erhalten, kannte also das Egrenieren. Die Griechen trafen auf dem Alexanderzug in Indien Baumwolle (I, 530) und die Gangesstoffe (γαγγητικοὶ), die ALEXANDER mitbrachte, sollen Baumwollgewebe gewesen sein. STRABO erwähnt sie (I, S. 532), ebenso der Periplus (I, S. 534) als κάρπασος. Daß sich im allen Indien Baumwollkulturen, wohl von Gossypium herbaceum, befanden, ist zweifellos. Der Occident (Römer und Griechen) wie Araber, Perser und Ägypter bezogen während des Altertums den Baumwollrohstoff und Baumwollgewebe aus Indien. Sicher erwähnt wird Baumwolle (kârpâsa) nach VON SCHRÖDER zuerst in den jüngsten vedischen Schriften, den sûtras (500–600 n. Chr.). THEOPHRAST erwähnt Baumwollanpflanzungen auf den Bahreininseln im persischen Golf (Hist. pl. 1, 4, 9). Es handelt sich hier wohl um G. herbaceum (DE CANDOLLE). Noch in der Kaiserzeit baute fast nur Indien, besonders das Gangestal, Baumwolle. Nach PLINIUS sollen schon die Phönikier auf Tylos große Baumwollplantagen besessen haben(?). Der PHARAO schenkte JOSEPH als Zeichen seiner besonderen Zuneigung ein baumwollenes Gewand. Es scheint also Baumwolle damals noch selten gewesen zu sein. In altägyptischen Gräbern finden sich denn auch nur leinene Binden und Gewänder. Baumwolle wurde in Ägypten erst nach der Einwanderung der Perser (c. 525 n. Chr.) in größerem Maßstabe kultiviert (BRANDES). PLINIUS erwähnt die Anpflanzungen in Oberägypten (s. oben S. 230), ebenso POLLUX ein Jahrhundert nach PLINIUS (im Onomastikon). In den oberen Regionen des weißen und blauen Nil ist die Kultur der Baumwolle wohl noch älter (WOENIG). In Abyssinien reicht sie in undenkliche Zeiten zurück (SCHWEINFURTH). Merkwürdigerweise wird im Mittelalter nirgends Baumwolle aus Ägypten erwähnt (HEYD). Die Mumienbinden der Ägypter, die HERODOT βύσσος nennt, waren, wie mikroskopische Untersuchungen von BAUER-THOMSON (1849) und UNGER (1859) gezeigt haben, nicht aus Baumwolle, sondern aus Lein gefertigt. Ebenso bestand die charta bombycina der Alten wie das alte arabische Papier aus Leinen und Hanf, nicht aus Baumwolle (WIESNER, KARABAČEK). PROSPER ALPIN sah im XVI. Jahrh. Kulturen von G. arboreum in Ägypten. Von Indien kam die Kultur (im XIII. Jahrh. n. Chr., nach BRETSCHNEIDER im IX. oder X. Jahrh. n. Chr.) nach China. Größere Verbreitung fand die Baumwollkultur in China erst nach der Eroberung des Landes durch die Tataren (1368). Aus dem Jahre 1765 besitzen wir ein chinesisches Werk über Baumwollkultur (mien hua tʿu). Die Araber brachten Baumwollkultur und Industrie nach Spanien. Sie legten im IX. Jahrh. Pflanzungen bei Valencia in Spanien an. Die Mauren errichteten in Granada, Cordova, Sevilla, Barcelona und Fez (Marocco) Baumwollmanufakturen. IBN ALAWĀM (XII. Jahrh., I, S. 611) beschreibt die Kultur in Spanien, Sizilien und dem Orient, EDRISI (I, S. 617) die in Südostmarocco, ISTACHRI (X. Jahrh.) die Kultur in Mesopotamien (I, S. 616). Auf Kos und Malta scheinen schon im Altertum Baumwollmanufakturen bestanden zu haben. Bis zum Ende des XVIII. Jahrh. kam alle Baumwolle Europas aus der Levante. MARCO POLO (I, S. 724) traf Baumwollkulturen im XIII. Jahrh. bei Mosul, in Persien, bei Kaschgar und südlich vom Tarim und in Indien. Am Ende des XVI. Jahrh. brachten die Holländer rohe Baumwolle nach Europa, die in Gent und Brügge verwebt wurde; von 1772 an entwickelte sich auch in England eine Baumwollindustrie. Die Gewebe wurden aus indischer Baumwolle, später auch aus solcher der Levante, aus Macedonien, Cayenne, Surinam, Guadeloupe und Martinique hergestellt. In Frankreich beginnt die Baumwollindustrie gegen Ende des XVII. Jahrh. in Amiens. Die ersten italienischen Baumwollmanufakturen befanden sich in Venedig und Florenz (XIV. Jahrh.), von dort gelangten sie nach Zürich und Augsburg. Die ersten größeren deutschen Fabriken wurden in Plauen i. V. errichtet. Nach England kam die Baumwollindustrie vielleicht durch niederländische Protestanten; nach den Vereinigten Staaten kam sie 1643. Als die Spanier Amerika betraten, fanden sie die Baumwolle (G. barbadense) in Kultur und Benutzung sowohl auf den Antillen als in Mexico, Peru und Brasilien. In Peru ist die Baumwollkultur sehr alt. 1532 stand sie, als die Spanier das Land betraten, in hoher Blüte, und in alten peruanischen Gräbern findet man viele Baumwollgewebe und Gespinste. Die Expedition des HOJEDA, die Venezuela entdeckte, traf dort Baumwolle (I, S. 746). CORTEZ fand sie in Mexico (1519), VACCA in Louisiana (1536). Bei HERNANDEZ heißt die Baumwolle Xchcaxihuitl. Sie wird von ihm auch abgebildet. In Nordamerika reichen die Anbauversuche bis 1621 zurück, Gossypium herbaceum kam 1770 dorthin und in diesem Jahre begann man auch dort mit der Kultur. Virginia baute B. von Mitte des XVII. Jahrh. auf Betreiben von WYATT, in Carolina führte sie 1733 der Schweizer PETER PURRY ein, in Georgia 1784 der Schweizer ANSPURGER, 1784 begannen die amerikanischen Baumwollausfuhren. 1791 begann der Anbau in größerem Stil in Georgia, 1811 in Nord-Carolina, Louisiana und Tennessee, 1821 in Mississipi und Alabama, 1826 in Arkansas, 1826 in Texas und Florida. Heute bauen 14 Staaten der Union Baumwolle. 1800 produzierte Nordamerika schon 9 Mill. kg (SEMLER). Jetzt bevorzugt man dort G. barbadense. In Brasilien begann der Anbau in den Nordstaaten, besonders Bahia und Para, und verbreitete sich darauf nach Pernambuco, Maranhao usw. Jetzt wird dort die meiste Baumwolle im Munizipium Tatuhyan gebaut. Zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges, der Periode des «Baumwollenhungers», warf sich alles auf die Baumwollkultur, z. B. in Süditalien, und auch in andern subtropischen und tropischen Ländern begann man mit dem Anbau, der aber nicht überall aufrecht erhalten werden konnte.

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