I. Kohlehydratdrogen. (continued 11)
Reading edition
Morphologie. Die Früchte werden ausgedroschen. Sie enthalten eine wechselnde Menge an langen Funiculis befestigte Samen (5–20, meist 5–12). Eine Anzahl von Samenanlagen pflegt unentwickelt zu bleiben oder bald zu verkümmern. Die hellzimtbraunen oder gelbbräunlichen, mit der Lupe betrachtet feinhöckerig erscheinenden, Samen sind vierseitig-prismatisch oder rhombisch-rautenförmig, 3,5–5 mm lang und 2–3 mm breit (die chinesischen kleiner, die indischen größer), sehr hart und entweder glatt oder wenig runzlig. Bei längerem Verweilen in Wasser quellen die Samenkerne auf das Mehrfache und sprengen die Schale, die sich nun leicht ablösen läßt. Die Quellung erfolgt im Schleimendosperm. Durch eine tiefe Furche wird der Same in zwei Hälften geteilt, eine kleinere dreieckige, die Radicula enthaltende und eine größere mehr trapezförmige, in der die Cotyledonen und das Schleimendosperm liegen. An der Spitze der kleineren Hälfte liegt das Hilum. Das Lupenbild des aufgeweichten, in der Mitte durchschnittenen Samens (Fig. 114, 2) läßt in dem schmalen, runden Abschnitt die Radicula in dem breiteren ovalen die Cotyledonen, eingebettet in Schleimendosperm, erkennen. Während die Testa nur c. 170 mik dick ist, erreicht das gequollene Endosperm eine solche von 680–720 mik. Im trockenen Samen sind beide etwa gleich dick (Fig. 114, 1).

Fig. 114.
Trigonella Foenum-graecum.
1 Same trocken, querdurchschnitten. 2 Same aufgeweicht, querdurchschnitten. 3 Same längsdurchschnitten, Keimling herausgelöst. 4 Same längsdurchschnitten mit Keimling. 5 Same von außen.
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Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Anatomie. Die Samenschale ist bedeckt von einer von der Cuticula bedeckten Schicht Palissadensklereïden, die etwa 65–80 mik hoch sind und an der inneren Seite ein weites Lumen besitzen, das sich nach außen stark verengert (Fig. 115). Das Lumen ist umgeben von einer derben, auf polarisiertes Licht stark reagierenden, im äußeren Teile getüpfelten Zellulosemembran, die nach außen hin zapfenartig in eine helle Schicht vorspringt, die indifferent gegen polarisiertes Licht ist, sich mit Jod graublau färbt, mit Jodschwefelsäure nur schwach auf Zellulose reagiert, sich in Kali löst und die wohl aus einer «gallertigen Zellulosemodifikation» besteht. Die Zapfenenden der inneren Membranschicht dringen ungleichweit nach außen vor und bilden da und dort bis zur Cuticula vordringende Gruppen, die die feinen Höcker der Samenschale (s. oben) bedingen. Die «Lichtlinie», die ich lieber «Lichtzone» nennen möchte und die sich bei der Sklereïdenschicht vieler Leguminosensamenschalen findet, verläuft hier ziemlich tief innen (Fig. 115, Ll) und ist relativ breit. Der Inhalt der Palissadenzellen ist körnig, färbt sich mit Jod gelb, gibt Gerbstoffreaktion mit Eisenchlorid und Osmiumsäure. Unter der Palissadenschicht liegt eine Schicht Säulenzellen (T-Zellen, Träger-, Sanduhr-, Spulenzellen), die eine, durch breite, besonders auf dem Flächenschnitt hervortretende, Längsstreifenverdickungen ausgezeichnete, Membran besitzen und große Interzellularen zwischen sich lassen. An den Flächen des Samens sind diese Zellen niedrig, am Radicularende hoch und dort, wie bei vielen Papilionaceensamen, knochenförmig. Dann folgt die, im unreifen Samen transitorische Stärke enthaltene, Nährschicht (vgl. oben S. 321). Sie ist sehr verschieden mächtig, auch verschieden stark obliteriert. Die äußeren Schichten pflegen keine Obliteration zu zeigen. Am Hilum und zwischen diesem und der Chalaza hat die Samenschale einen abweichenden Bau. Neben der Mikropyle, gegen die die Spitze der Radicula hin gerichtet ist, liegt in der Mulde eine doppelte Palissadenreihe und über der Raphe sind die Palissadensklereïden höher und die Säulenzellen fehlen. Unter der Ansatzstelle des Funiculus liegt, wie bei vielen Leguminosensamenschalen, die Nabelspalte und eine Gruppe von Tracheïden (Tracheïdeninsel, TSCHIRCH) und unter dieser ein braunes Parenchym, welches die auch äußerlich hervortretende braune Farbe der ganzen Partie um das Hilum bedingt. Von der Tracheïdeninsel läuft in einer wenig hervortretenden Schwiele die kurze Raphe zu der äußerlich am Samen wenig hervortretenden Chalaza. Innen liegt der Testa ein, besonders an der Spitze der Radicula hervortretendes, Häutchen an, das wohl der Rest des Perisperms ist.

Fig. 115.
Trigonella Foenum-graecum.
Querschnitt durch die Samenschale und den Rand des Schleimendosperms.
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Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Das Endosperm ist bedeckt von einer einreihigen Aleuronschicht (Fig. 115, 5), deren Zellen einschlußfreie Aleuronkörner enthalten. Die Hauptmasse besteht aus Zellen, die eine zarte, aus Zellulose bestehende Mittellamelle erkennen lassen, im übrigen aber außerordentlich dicke, sekundäre Schleimmembranen besitzen, die sich mit Jodschwefelsäure nicht bläuen, also aus echtem Schleim bestehen. Sie zeigen bei geeigneter Behandlung Schichtung. Beim Keimen werden sie gelöst. Gegen die Cotyledonen ist das Endosperm durch ein Quellgewebe abgeschlossen.
Die Cotyledonen führen an der einander gegenüber liegenden Seite 2–4 Reihen Palissaden und sind an der Grenze dieser und des Merenchyms von zarten Procambiumsträngen durchzogen. In der Radicula liegt ein Kranz von Procambiumsträngen, in denen da und dort zarte Gefäße sichtbar sind. Die Zellen enthalten, eingebettet in Ölplasma, kleine Stärkekörnchen und zahlreiche Aleuronkörner, von denen die größeren, 10–20 mik messenden, ein Kristalloid enthalten. Die Globoide sind nicht in Körnerform, sondern als Balkengerüst ausgebildet (Details in TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas).

Fig. 116.
Trigonella Foenum-graecum.
Succedane Flächenschnitte durch die Randschichten des Samens, besonders die Samenschale. Die Zahlen 1–5 bezeichnen die korrespondierenden Schichten in Fig. 115.
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Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Das Pulver (nur durch Mahlen herzustellen) ist charakterisiert durch die Elemente der Samenschale (Fig. 116) — besonders charakteristisch sind die Säulenzellen —, die Schleimzellen und das Aleuron und Öl führende Gewebe des Keimlings. Haare fehlen. Stärke ist nur in geringer Menge vorhanden. Form, Bau und Größe der Aleuronkörner bieten gute diagnostische Hilfsmittel (Abbild. des Pulvers in KOCH, Atlas d. Drogenpulv. IV. t. 2).
Lit. SCHLEIDEN, Über d. Album. bes. d. Leguminosen 1838. — SEMPOLOWSKI, Beitr. z. Kenntn. d. Baues d. Samensch. Diss. Leipzig 1874. — DE LANESSAN, Struct. d. graines du Trig. F. gr. Bull. soc. Linn. Paris 1877. — GODFRIN, Etud. histolog. s. l. tégum. sém. d. Angiosp. Soc. sc. Nancy 1880. — SCROBISCHEWSKI, Embryogénie d. Papilionac. Congr. internat. de Bot. Petersb. 1884. — GODFRIN, Anat. comp. d. cotyl. et de l’album. Ann. sc. nat. (6) 19 (1884) 5. — TSCHIRCH, Angew. Anatomie Fig. 126, 193 und TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas t. 5. — NADELMANN, Schleimendosperme, Pringsh. Jahrb. 21 (dort die Keimungsgeschichte) u. Ber. d. d. Bot. Ges. 1889. — LÜDTKE, Beitr. z. Kenntn. d. Aleuronk. Pringsh. Jahrb. 21 (auch Dissert.). — HOLFERT, Nährschicht. Diss. 1890. — Über Nabelspalte und Tracheïdeninsel vgl. auch PFÄFFLIN, Bau u. Funkt. d. Nabelspalte u. Tracheïdeninsel. Diss. Bern 1897 (m. 2 Taf.). — HARTWICH, Foenumgraecum in Realenzyklopädie V, 407. — HASSALL, Food. London 1876. — Anat. Abbild. auch in Pharmacographia trad. p. LANESSAN 1878, 345 (ungenau), A. MEYER, Drogenkunde, S. 139 (dort auch eine Schleimzelle), HARZ, Landw. Samenkunde II, 631, MOELLER-WINTON, Microscopy of vegetable foods 1906, 216, MOELLER, Pharmakognosie 2. Aufl., Fig. 153 und Mikroskop. d. Nahrm., PLANCHON-COLLIN, Drog. simpl. II, Fig. 1063, GILG, Pharmakogn. Fig. 182.
Chemie. Aus dem wässrigen Auszuge der zertrümmerten Samen fällt Alkohol Schleim, der getrocknet 28% der Samen ausmacht (FLÜCKIGER). Die Schleimmembranen des Endosperms enthalten als Reservekohlenhydrat ein Mannogalaktan, liefern also bei der Hydrolyse Mannose und Galaktose (BOURQUELOT und HÉRISSEY). Sie verhalten sich ähnlich wie das Endosperm von Ceratonia (s. d.). In 2,5 g des bei der Hydrolyse erhaltenen Zuckers waren 1,249 Mannose und 0,978 Galaktose enthalten.
Die Samen enthalten ferner 0,13% Trigonellin, C7H7NO2, ein kristallisierendes, nicht alkalisch reagierendes, ungiftiges Alkaloid, das der Göttinger Apotheker JAHNS als das Methylbetain der Nikotinsäure erkannte:

und das HANTZSCH (aus nikotinsaurem Kalium und Jodmethyl mit AgO) künstlich darstellte. Es löst sich nicht in Äther, Benzol, Chloroform, die Lösung in Wasser wird durch Eisenchlorid rötlich. Trigonellin findet sich auch in den Samen von Pisum sativum, Cannabis sativ., Avena sativ., Strophanthus hispidus und Kombe (SCHULZE und FRANKFURT, THOMS), von Coffea arabica (POLSTORFF) und liberica (GORTER). Daneben findet sich 0,05% Cholin (Amanitin, Sinkalín, Bilineurin):
,

das also als Trimethyloxyäthylammoniumhydroxyd aufzufassen ist und das beim Zerfall der in den Pflanzen weitverbreiteten Lecithine (Ester der Glycerinphosphorsäure mit Fettsäuren und Cholin):

entsteht. Es ist vielleicht auch hier ein sekundäres Produkt, denn Lecithin ist in den Samen nachgewiesen. Seminase scheint erst bei der Keimung aufzutreten.
Der Träger des sehr eigenartigen Geruches, der sich dem fetten Öle mitteilt, ist unbekannt. Den «sehr starken Geruch nach Cumarin», den HARZ erwähnt, kann ich nicht bemerken. FLÜCKIGER erhielt auch bei Wasserdestillation von 4 kg Samen keinen Riechstoff. Auch der Träger der Bitterkeit ist unbekannt (das Alkaloid?).
In der Samenschale findet sich ein Gerbstoff, in ihr und in den Cotyledonen ein gelber Farbstoff (s. auch unter Anwendung).
Der Gehalt an Öl beträgt (mit Äther extrahiert) 6% (FLÜCKIGER). Es enthält neben Lecithin (s. oben), wie viele Samenöle, ein Phytosterin (HECKEL und SCHLAGDENHAUFFEN). Amylalkohol extrahiert auch etwas Harz. Der Stickstoffgehalt beträgt 3,4% (= c. 22% Eiweiß), der Wassergehalt 10,4%, die Asche 3,7% (JAHNS, 2,67% HAUKE). Sie enthält c. 25% Phosphorsäure. — Asche des Pulvers: c. 5% (HAUKE).
Lit. BOURQUELOT et HÉRISSEY, Les hydrates de carbone de réserve des graines de Luzerne et de Fenugrec. Journ. pharm. chim. 11 (1900), 589, Compt. rend. 130 (1900), 731. — FLÜCKIGER, Pharmakognosie. — JAHNS, Ber. d. d. chem. Ges. 18 (1885), 2518, 20 (1887). 2840, Arch. Pharm. 225 (1887), 985. — HANTZSCH, Ber. d. d. chem. Ges. 19 (1886), 31. — HECKEL und SCHLAGDENHAUFFEN, Journ. pharm. chim. 16 (1886), 213, Jahresb. d. Pharm. 1886, 15. — Weitere Angaben über Trigonellin und Cholin in OESTERLE, Pharmakochemie.
Anwendung. Daß es schon den Alten bei der Verwendung der Bockshornsamen besonders auf den Schleim ankam, ersehen wir daraus, daß z. B. DIOSKURIDES nur das Bockshornmehl (ἄλευρον τήλεως) aufgenommen hat, das er seiner schleimigen Beschaffenheit wegen zu Umschlägen und als Erweichungsmittel empfiehlt. Es steht bei ihm neben Leinsamen, denen dieselbe Wirkung zugeschrieben wird. Auch die Verwendung des Bockshornsamen zum Empl. diachylon spl. und cps. (s. oben S. 337) beruht auf dem Schleim. Sie geht bis auf die Araber zurück (MESUË). «Es läßt sich denken, daß der Zusatz von Schleim die Pflasterbildung begünstigt, indem die Verflüchtigung des Wassers dadurch verzögert wird» (FLÜCKIGER). Auch jetzt noch sind sie Bestandteil des Empl. frigidum (Empl. foenugraeci cps.). Und auf dem Schleim beruht auch die Verwendung in der Tuchfabrikation. Im Mittelalter figuriert der Same unter den Speisewürzen (Rezept zu einer Fischspeise des Klosters St. Gallen, IX. Jahrh., DÜMMLER) und auch schon im Altertum wurde er in Rom in der Küche angewendet (APICIUS CAELIUS, De re coquinaria, III. Jahrh.). Jetzt benutzt man die ganze Pflanze (aber noch mehr Trigonella coerulea) als eine der Würzen des «Kräuterkäse» (Schabzieger). In Indien sind die gerösteten Samen noch jetzt ein beliebtes Volksmittel bei Dyssenterie (AINSLIE). Zahlreiche aromatische Faenugraec-Präparate in der alten indischen Literatur (methi modaka, svalpa methi modaca) deuten auf eine umfangreiche Anwendung (Pharmac. ind.) und auch die Araber benutzten Samen, Blätter und Öl zu den verschiedensten Zwecken. In Indien wird Bockshorn auch diätetisch als Aphrodisiacum und als Arzneimittel benutzt, die Blätter sind kühlend. Ganz junge Pflanzen werden dort (obwohl sie bitter schmecken) als Gemüse benutzt. Die Samen werden für eine Carmin-Contrefaçon benutzt und das gelbe Dekokt derselben gibt mit Kupfersulfat ein Permanentgrün (Pharmacogr. indic.). Das fette Öl wird in Madras gepreßt und in Indien viel benutzt.
In Europa werden die Samen besonders in der Tierheilkunde benutzt (Schweizer Viehmastpulver, Schweinefraßpulver, Holländisches Butterpulver. Vgl. auch SCHLAGDENHAUFFEN et REEB, Un. pharm. 43, (1902), 97). Sie sind auch ein Bestandteil des Curry powder und der Cattle Foods. Bockshornklee ist eines der Hauptmittel KNEIPPS. Der Samenbrei wird als «unübertreffliches Mittel» bei offenen Wunden, Geschwüren usw. gerühmt und auch die ganze Pflanze viel benutzt (vgl. DINAND, Heilpflanzen [KNEIPPS]. Eßlingen 1910). Sie gelten als Carminativum und werden bei Brust- und Milzleiden gebraucht. DIOSKURIDES läßt auch mittelst Olivenöl ein Öl aus Bockshorn bereiten, mit Kalmus- und Cyperngras-Zusatz (I, cap. 57: περὶ τηλίνον σκευασίας), das gleiche «telinum» erwähnt PLINIUS und noch bei den Arabern (I, S. 648) wird thilinum benutzt, ja sogar noch heute ist ein huile de fenugrec in Frankreich in Gebrauch und ist Bestandteil eines Ungt. althaeae. Bei ihm spielt der Schleim natürlich keine Rolle. Der Same wird gepulvert auch gegen Ungeziefer (Läuse) benutzt.
Verfälschung. Im Pulver ist früher oft Erbsenmehl gefunden worden. Auch jetzt noch (1910) findet sich oft ein Leguminosenmehl darin oder andere Stärkesorten.
Geschichte. Die ägyptische Medizin scheint sich des Faenugraecum bedient zu haben. Wir finden šbt (šebet) in einer Vorschrift des Papyrus EBERS (ed. JOACHIM) zur Heilung von Brandwunden und auch eine Kyphivorschrift (I, S. 473) enthält sie. Doch ist die Deutung zweifelhaft. Bei DIOSKURIDES steht (in []) der ägyptische Name itasin. Das biblische Wort hhatzir bezieht sich wohl kaum auf Bockshorn (TRISTAM). Daß die Römer die Droge vom Osten (aus Griechenland) erhielten, zeigen die Bezeichnungen F. graecum, die sich in griechisch Heu erhalten hat (s. oben). Die Pflanze ist noch jetzt in Griechenland sehr häufig. Sie stammt aber weiter von Osten, aus Arabien und Indien, denn die arabische Bezeichnung hulba (holba) ist nicht nur in ganz Nordafrika, sondern auch in China gebräuchlich, und der Sanskritname methi (erst in der späteren Sanskritliteratur auftretend, FLÜCKIGER) ist vielleicht das Stammwort von τῆλις (DE CANDOLLE). So wird man wohl Indien als ursprüngliche Heimat annehmen dürfen. Von dort hat sie sich aber frühzeitig als Kulturpflanze nach Westen verbreitet und wurde schon im Altertum in vielen Gegenden des Mittelmeergebietes kultiviert, wie wir von THEOPHRAST und den römischen Agronomen erfahren. Fenum graecum war vielleicht einer der Lotus der Alten (?) und zwar der Gruppe der Lotus, die wir die Kleegruppe nennen können (Lotos agrios wohl = Trigonella corniculata). Sie wurde in Griechenland und Italien als Futterpflanze gebaut (griechisches Heu!). Nach DIERBACH findet sich der Bockshornsame im Corpus Hippocraticum. Faenum graecum steht bei CELSUS (I, S. 587), SCRIBONIUS LARGUS (I, S. 577) und PLINIUS, der seine Kultur beschreibt und, ebenso wie GALEN, ARETAEUS u. a., viele Krankheiten nennt, die damit geheilt werden können. Sem. Faenugraec. benutzte MESUË für den Syr. de Marubio, den wir noch bei GEOFFROY finden. Bei IBN BAITHAR, der eine Menge arabische Schriftsteller nennt, die sich ihrer bedienen, heißt die Pflanze hulbat, bei QUTSAMÎ h’olbadt (die Pflanze h’ab al-holb, MEYER). In der Flos medicinae scholae Salerni (I, S. 629) findet sich foenugraecum und der Same steht auch in der Alphita (I, S. 648), den Tabulae, bei PLATEARIUS und SERAPION (mit Synon.: oiba). Die Salernitanische Schule übernahm also die Pflanze von den Arabern. Durch die Benediktiner kam sie nach dem Norden. Der Fena graeca ist im St. Galler Klosterplan (I, S. 622) ein Beet eingeräumt und in KARLS Capitulare (I, S. 620) wird der Anbau von Fenigrecum verlangt. Auch die HILDEGARD und ALBERTUS MAGNUS kannten die Pflanze. Von den Arzneibüchern des Mittelalters finden wir chriechschez heu in dem Tegernseer und Züricher (I, S. 678), sowie im Gothaer (I, S. 679). Ihr Anbau drang schon im Mittelalter über Hannover bis nach Mecklenburg. Im XVI. Jahrh. fand sich die Pflanze allenthalben in den Gärten Deutschlands und Italiens (GESNER) und auch in England. Im XVIII. Jahrh. war Sem. fenugr. sehr beliebt. GEOFFROY, der sie der pyrochemischen Analyse unterwarf, teilt im Tractatus de Mat. med. 1742 p. 259 eine Menge Vorschriften mit, in denen der Same oder der daraus bereitete Schleim vorkommt, meist zusammen mit anderen Mucilaginosis. POMET bildet fenugrec. («fälschlich senegré genannt») gut kenntlich ab.
Lit. FLÜCKIGER-HANBURY, Pharmacographia. — FLÜCKIGER, Pharmakognosie. — AINSLIE, Mat. med. ind. — TRISTAM, Nat. hist. of the bible.
Paralleldrogen. DIOSKURIDES verwendete auch in gleicher Weise die Samen von Trigonella elatior SIBTH., (T. corniculata L., λωτός ἄγριον?), des wilden oder Kuhhornklee, den auch die Araber beachteten (bei IBN BAITHAR: handakuâ elbarri).
b) Schleimzellen in der ganzen Pflanze verteilt.
Die Schleimmembranen der Schleimzellen von Vegetationsorganen (Wurzeln, Stengeln, Blättern) und Blüten tragen nicht den Charakter von Reservestoffen. Wir dürfen sie wohl, da sie sich wie einige Beobachtungen, besonders an Althaea, zeigen, auf trockenen Standorten vermehren, als Wasserspeicher auffassen. Darauf deutet auch das Vorkommen in der Epidermis der Blätter, welches bei den Fol. Buccu (s. d.) seine extremste Ausbildung erhält und hier zu einem ganzen Wasserspeichersystem wird (Fig. 94, 9 u. 10).
Rad. Althaeae.
Syn. Rad. Bismalvae, R. Hibisci, R. Malvae visci, — Altheewurzel, Eibischwurzel, Fliestkrautwurzel, Gilfwurz, Hilfswurzel, Schleimtee, Weiße Süßholzwurzel, Heilwurz, Heilkraut, Samt- oder weiße Pappel, große wilde Pappel oder Malve, — guimauve officinale ou ordinaire (franz.) — (common) marshmallow (engl.) — weatweed, mortification root (in Amerika) — heemst (holl.) — malwischio, malvaccioni, bismalva, radice di altea (ital.) — malvavisca (span.) — ibis rot (schwed.) — altee juuri (fin.) zilizgyőkér (ung.) — ῥίζα ἀλθαίας, auch μολόχη, νερομολόχα (n.-griech.).
khairu, khitmi-ká-jhár, khaira-ka-jhor (pers., hind., duk., bomb.). Die Wurzel heißt in Indien und Persien: rishah-i-khitmi; die Frucht: tukm-i-khitmi; die Blüten: gul khairu. — Bei THEOPHRAST ἄλθαια. — athd. grozpapel, — mithd. ebich, ebiche, eibisch, ibsche (so noch jetzt in Bern) ipsch, ybeske, ybesch, ybischa, ybize, ywesche — mnd. homes, witte hümst, witte malve, wilt pippeln, rockwort. Bei ORTOLF: weiße Pappel. — Jetzt auch Arteawurzel und Theewurzel (Rendsburg), Eibich (Österreich), Hüffwurzel (Schlesien). — Im Mittelalter: bismalva, eviscus, ibiscus, flos siliaci s. syriaci; dann auch: althaea ibiscus, malva ibiscus, m. silvestris, m. palustris.
Etym. Althaea aus ἀλθαία umgebildet; dies wohl mit ἄλθος (= Heilmittel) und ἄλθομαι (= gesunden) zusammenhängend. Schon DIOSKURIDES leitet das Wort von πολυαλθὲς (= viel heilend) ab («ὠνόμασται δὲ ἀλθαία διὰ τὸ πολυαλθὲς καὶ πολύχρηστον αὐτῆς»). Heilwurz ist also die Übersetzung von ἀλθαία. — Eibisch (athd. ibisca, mhd. ipsch, bei der HILDEGARD: ybischa, ibiscum, bei BRUNSCHWYG und BOCK: ibisch, bei FUCHS: eibesch) aus dem Lat. ibiscum, hibiscum (hibiscus bei VIRGIL) und dem griech. ἴβισκος (ἔβισκος). «Ebich geht an Apium = Eppich und Hedera = Epich sehr nahe hinan» (PRITZEL-JESSEN). Im Corpus-Glossar steht: euiscus, ibiscus (FISCHER-BENZON). GRASSMANN bemerkt von ibiscus: «schwerlich ist es ein ursprünglich griechisches oder lateinisches Wort, da es in diesen Sprachen keine verwandten Wörter hat und auch die Lautform auf eine Entlehnung hindeutet.» Bei DIOSKURIDES ἀλθαία, Synonyma bei DIOSKURIDES: ἐβίσκον, μολόχη (μαλάχἠ) ἀγρία, ἀθίσκον (bei den Römern Hebiscum). Bei den späteren Griechen (vgl. LANGKAVEL) ἀλθαία, ἀσπρομολόχη, ἀλκέα, βύσκος, ἐβίσκη, ὀνομαλάχη. Bei PLINIUS: Althaea, d. h. Malva silvestris «cui grande folium et radices albae». — Malvaviscus aus malva viscida (wegen des Schleimes) umgebildet, aus viscida malva entstand dann auch bismalva und guimauve (gui = viscus). — mauve aus malva. Bez. Pappel vgl. I, S. 1064 und unter Malva.
Stammpflanze. Althaea officinalis L. (Spec. pl. ed. I, 686).
System. Stellung. Malvaceae, Malveae — Malvinae — Althaeastrum.
Beschreibung der Stammpflanze. Die Pflanze ist mehrjährig. Das oft vielköpfige bis 3 cm dicke Rhizom geht nach unten in eine einfache oder mehrweniger verzweigte Wurzel über und trägt oben 60–125 cm hohe einfache oder ästige, stielrunde, unten stark verholzte, innen markige, kaum hohle Stengel, die in der Rinde reichlich Bastfasergruppen besitzen und außen mit einem dichten Filz von Büschelhaaren bedeckt sind. Die spiralig gestellten Blätter besitzen einen kurzen, bis 4 cm langen Stiel; sie sind im oberen Teile des Stengels eiförmig, werden dann weiter nach unten größer und dreilappig, am Grunde gerundet bis herzförmig, und sind im untersten Teile, wo sie am größten sind, fünflappig mit meist vorgezogenen Endlappen, die Lappen spitz, am Rande ungleich kerbig-gezähnt bzw. kerbig-gesägt. Am Grunde ist die dicht graufilzig behaarte Spreite fünfnervig, beiderseits vom Mittelnerven gehen 3–5, besonders unterseits stark hervortretende Seitennerven ab. Die zweispaltigen Nebenblätter sind lineal oder lanzettlich-pfriemlich, lang zugespitzt, behaart, bis 8 mm lang, und, wie die Vorblätter der Blüten, hinfällig. Die wickeligen Blütenstände stehen in den Achseln der Laubblätter; sie erscheinen durch Zusammendrängung der Blüten büschelig, die Büschel bilden im oberen Teile der Stengel bei Verkürzung der Blätter wieder traubige Verbindungen, sind also oberwärts gehäuft. Die Blütenbüschel sind kürzer als die Blätter. Die aktinomorphe, fünfzählige Blüte besitzt einen Außenkelch (Hochblattinvolukrum), der bis fast zum Grunde in meist 9–10 (selten 6, 7 oder 11) pfriemliche zugespitzte, behaarte Zipfel geteilt ist, die etwas kürzer sind als der 8–9 mm lange eigentliche fünfzählige Kelch, dessen eiförmige, zugespitzte, beiderseits filzige Zipfel eine klappige Knospenlage zeigen. Die 5 spreizenden, in der Knospenlage gedrehten, asymmetrischen, hellrosenroten (fleischfarbenen), dunkel geaderten Blumenblätter sind fast 2 cm lang, schief umgekehrt eiförmig, oben etwas ausgerandet, am Grunde genagelt und hier beiderseits mit einem Haarbüschel versehen, mittelst der Staubgefäßröhre an der Basis unter sich verbunden. Die zahlreichen Stamina sind zu einer unten verbreiterten Röhre verwachsen, die Filamente sind schwach behaart, die monothecischen, mit einem Scheitelspalt aufspringenden, dunkelpurpurnen Antheren in der Mitte angeheftet, die Pollenkörner groß, mit grobstachliger Exine. Die 15–18 Fruchtblätter bilden eine niedrige, am Rande gekerbte, feinbehaarte Scheibe, aus deren Mitte sich der kräftige Griffel erhebt, dessen in der Zahl den Fruchtblättern entsprechende Narbenschenkel anfangs zusammenneigen, später aber auseinander spreizen. Jedes Fruchtknotenfach enthält ein aufsteigendes, anatropes Ovulum mit nach unten gewendeter Mikropyle. Die oben gewölbte, mit abgerundeten Rändern versehene Frucht bildet eine vom bleibenden Kelch und Außenkelch behüllte, niedergedrückte, am Rande gekerbte, behaarte, von der Mittelsäule überragte Scheibe, die einem Emmenthaler Käse ähnlich ist (daher: Käsepappel). Die Samen sind kahl, braun und enthalten, eingebettet in Endosperm, einen gekrümmten Keimling, dessen nach Innen geschlagene Keimblätter an der Spitze nochmals eingeknickt sind.
Blüht im Juli und August.
Verbreitung. Althaea officin. ist ursprünglich eine Pflanze der Steppen und Salzsümpfe. Sie ist über ganz Europa von Mittelrußland bis Frankreich (Südküste, Montpellier), Spanien (Salzmarschen von Saragossa), an der Nordsee, an der Ostsee bis zur Peenemündung, am Schwarzen Meer, am Mittelmeer, an den atlantischen Küsten bis Südengland und Irland, mit Ausnahme Skandinaviens und des höheren Nordens, auch in Griechenland und Macedonien, sowie über das gemäßigte Westasien (z. B. Syrien, Persien, Afghanistan), Zentralasien (Kaschmir), im Panjáb Himalaya, Sind und Nordasien (Alataugebirge in Südsibirien, südlich vom Balkasch-See) verbreitet. Aus Europa eingeschleppt findet sie sich jetzt auch in den Salzmarschen der Küste von Massachusetts, New York und Pennsylvania (HENKEL). Sie findet sich an den Rändern von feuchten Gebüschen, Gräben, Zäunen besonders auf salzigem Boden oder in der Nähe salzhaltiger Stellen. Auf trockenem Boden wird sie schleimreicher. In Norddeutschland ist die Pflanze zerstreut und ziemlich selten, in der Schweiz scheint sie zu fehlen. (Bei SCHINZ-KELLER finde ich nur die einjährige A. hirsuta.) Für Baden, Wetterau, Nassau, Franken, Westfalen, Oberhessen durch Thüringen und Sachsen, sowie Böhmen wird sie angegeben, in Ungarn scheint sie häufig zu sein. Im Alatau steigt sie bis 3000 Fuß (SEMENOFF).
Lit. FLÜCKIGER, Pharmakogn. — SIBTHORP, Prodr. flor. graec. II, 42. — LUERSSEN, Med. pharm. Bot. — ALICE HENKEL, U. S. Dep. Agr. Bulletin 89. 1906. — GARCKE, Flora v. Deutschland. — Abbild. in BERG-SCHMIDT, Atlas, 2. Aufl. t. 103 (dort die systemat. Lit.). — BERG, Charakteristik, t. 81. — PABST-KÖHLER, Medizinalpfl. t. 59. — HAYNE, Arzneigew. II. t. 25. — NEES VON ESENBECK, plant. med. t. 417. — BENTLEY-TRIMEN, Med. pl. t. 35 u. and.
Pathologie. Über die pflanzlichen Schädlinge berichtet Prof. ED. FISCHER: Auf Althaea officinalis tritt, wie auf anderen Malvaceen, die Uredinee Puccinia Malvacearum MONT. auf, welche an allen grünen Teilen ihre kompakt polsterförmigen braunen Teleutosporenlager ausbildet. Es gehört dieselbe zu den sogenannten Leptopuccinien, d. h. sie besitzt nur Teleutosporen, welche sofort nach der Reife zu Basidien auskeimen. Die Basidiosporen infizieren sofort wieder junge Blätter. Nach meinen Beobachtungen erfolgt die Überwinterung auf den Malven einfach so, daß durch die ungünstigen Temperaturverhältnisse im Winter die Keimung der Teleutosporen zurückgehalten wird und erst eintritt, wenn wieder günstigere Temperaturverhältnisse vorliegen, in welchem Zeitpunkte dann meist auch Teile der Malvaarten sich in infizierbarem Zustande befinden. (Eine ähnliche Beobachtung hat auch schon J. SCHRÖTER gemacht.) Da der Pilz sowohl auf Althaea wie auch auf Malva und anderen Malvaceen lebt, so kann Althaea auch von befallenen Malven aus infiziert werden. Der Pilz ist ursprünglich in Chile einheimisch. In Europa wurde er 1869 zum ersten Male beobachtet und zwar in Spanien, dann 1872 in Frankreich. 1873 fand man ihn an verschiedenen Punkten von Frankreich, im Elsaß und Baden, sowie bei Erfurt. (Siehe E. IHNE, Studien zur Pflanzengeographie: Geschichte der Einwanderung von Puccinia Malvacearum und Elodea canadensis. Dissertation. Gießen 1880.) Puccinia Malvacearum ist bereits 1874 auf den Althaeakulturen bei Nürnberg und Erlangen beobachtet worden. (REES, Sitzungsb. d. phys. med. Soc. Erlangen 1874). Der Schaden ist weniger groß als man anfangs fürchtete (A. SCHWARZ 1910), immerhin werden die Blätter bei stärkerem Auftreten unverkäuflich. Zur Bekämpfung wurden Spritzmittel vorgeschlagen, doch können solche jedenfalls da nicht angewendet werden, wo die Blätter als Droge in Betracht kommen.
Auf den Blättern der Althaeen sind außer Puccinia Malvacearum noch mehrere Imperfekten beobachtet worden, welche Blattfleckenkrankheiten hervorrufen. Unter denselben tritt namentlich Colletotrichum Althaeae SOUTHWORTH (Stirochaete Malvarum A. BR. et CASP.) (s. SOUTHWORTH, Ad new hollyhock disease. Journal of Mycology 1890, p. 45 und 115) unter Umständen so verheerend auf, daß die Kultur der Malven und Althaeen in Frage gestellt wird (LINDAU).
Pilze als direkte Schädlinge der Wurzel sind uns nicht bekannt.
Über die tierischen Schädlinge von Malva alcea, moschata, silvestris, neglecta, rotundifolia und Althaea officinalis berichtet ISRAEL:
1. Käfer: Haltica rufipes. L., H. fuscipes. FABR. und H. malvae ILL. Larven und Käfer an den verschiedensten Malvaceen, letzterer mehr in den Donauländern. Lixus angustatus FABR. Larven meist in Kompositen, auch in Malvaarten. Apion aeneum FABR., A. malvae FABR. und andere Apionarten leben als Larven in den Früchten von Malva- und Althaeaarten. Trachys pygmaea FABR. Larven minierend auf Althaea- und Malvaarten.
2. Falter: Spilothyrus alceae ESP., S. althaeae HÜBN. Raupen auf diversen Malvaceen. Acontia lucida HUFN., A. luctuosa W. V. Die Raupen beider, nicht überall häufigen Falter leben auf diversen Malvaceen. Gelechia malvella HB. Räupchen in den Früchten vieler Malvaceen.
3. Schnabelkerfe: Aphis cardui L. soll außer an verschiedenen Kompositen auch an Malvaarten leben.
1894 trat eine Raupe auf den Stecklingen der bayrischen Kulturen auf, die dieselben stark schädigte (GEHE & Co.).
Die Droge ist sehr der Zerstörung durch Sitodrepa panicea (I, S. 379) ausgesetzt. Man tut gut, von Zeit zu Zeit ein offenes Gefäß mit etwas Chloroform in den Vorratskasten zu stellen.
Kultur und Einsammlung. Die deutsche Altheewurzel stammt nur aus den Kulturen. Wilde Althaea liefert überhaupt weniger gute Wurzeln. Hauptkulturort für deutsche Althaea ist Gochsheim, eine Stunde von Schweinfurt, dann die Umgegend von Nürnberg. Die Kulturen befinden sich nördlich von Nürnberg (Groß- und Klein-Reuth, Lohe, Schnepfenreuth, Almoshof, Poppenreuth, Höfles, Rohnhof, Bislohe, Kraftshof, Boxdorf, Stadeln, Gr. Gründlach, Neunhof usw.) und südlich von Nürnberg (Schweinau, Groß-Reuth, Sündersbühl). In der Umgebung von Schweinfurt sind Gochsheim, Schwebheim, Sennfeld zu nennen, bei Ulm Söflingen; kleinere liegen bei Jenalöbnitz, Rüdenhausen (Amt Kitzingen), Schlauraf. Bei Bamberg wird keine Althaea mehr gebaut (KRAFT 1910).
A. SCHWARZ in Nürnberg schreibt mir 1910: «Althaea ist die hauptsächlichste Arzneipflanze, welche bei Nürnberg gebaut wird. Der Anbau ist am stärksten zwischen Nürnberg und Erlangen. Die Länge des Anbaugebietes darf auf 7, die Breite auf 2 Stunden angegeben werden. Der Eibisch wird hier in mäßig großen Feldern neben Gemüsen, Spargel usw. gebaut.» Wie UNGER berichtet pflanzen die Bauern die Wurzeln in andere Felder unter Zwiebeln, Möhren, Kraut u. dergl. und im Oktober, November, eventuell auch im Dezember, wenn alles andere abgeerntet ist, wird die Eibischwurzel gegraben, geschält und getrocknet. Im Laufe des Winters wird dann von den Wurzelschneidern im Orte die Wurzel gespalten und geschnitten. Nicht alle Bauern haben Trockenschränke. Die Wurzelschneider feuchten oft die Wurzeln an und legen sie in den Keller, bis sie sich gut schneiden lassen, was aber unzulässig ist (UNGER).
Die Ernte in den Ämtern Nürnberg und Fürth beträgt pro Jahr etwa 3000 Zentner. Das meiste liefert: Neunhof, Kraftshof, Buch, Boxdorf, Klein- und Groß-Reuth hinter der Veste und Sündersbühl. Althaea verlangt besonders im August bis Oktober Feuchtigkeit. Anhaltende Trockenheit schädigt die Felder, ebenso anhaltende feuchte Witterung oder gar Überschwemmung, wie 1898 in Belgien. Nebeliges trübes Wetter liefert graue Wurzeln. Da die Asche der Althaea reich an Phosphaten ist, sollten die Kulturen mit Thomasmehl gedüngt werden. Die Erntebereitung erfordert ziemlich viel Arbeit und viele Bauern wendeten sich 1898–1900 anderen Kulturen zu, doch wurden, da wieder bessere Preise erzielt wurden, die Kulturen in Unterfranken 1907 wieder erweitert. Nur die größeren Wurzeln geben gute Ware, nicht die Zasern. Sorgfältige Trocknung eventuell Nachtrocknung bei nicht zu hoher Temperatur ist erforderlich, da die Wurzel sonst leicht einen widerlichen Geschmack annimmt und gelblich wird. 5 Teile frische Wurzel liefern 1 Teil geschälte und getrocknete.
Die Kultur von Althaea gelang 1887 LABLER in Böhmen nicht gut. In der von Prof. PÁTER geleiteten staatlichen Versuchsstation für die Kultur der Arzneipflanzen in Klausenburg (Kolozsvár) in Ungarn wird Althaea zu Wurzel-, Blätter- und Blütengewinnung kultiviert. Sie findet sich auch in vielen ungarischen Privatpflanzungen (z. B. der GEBR. NEUMANN, Dr. SKICZÁK u. a.), die zum Teil mit ganz modernen Trocknungseinrichtungen versehen sind (MITLACHER). Die Rentabilität scheint nicht sehr beträchtlich zu sein, immerhin lohnt die Kultur. Ungarn sammelt aber auch Althaea in größerem Maßstabe von wildwachsenden Pflanzen (PÁTER). Österreich-Ungarn exportiert größere Mengen Rad. Althaeae (MITLACHER, 1910).
Ich sah Althaea oft in Bauerngärten Deutschlands und der Schweiz. Auch in Frankreich, Belgien und Italien wird Rad. althaeae gesammelt und exportiert. Es befinden sich Kulturen in Nordfrankreich und im Hennegan (Belgien). Die Gärtnereien von Milly (Depart. Seine et Oise) kultivieren auch Althaea (PLANCHON, 1892). Die A. gallica war früher von vorzüglicher Qualität. Die belgischen Pflanzungen sind beträchtlich. Ganze belgische Wurzel ist beliebt. Frankreich bezog 1909 Althaeawurzel aus Italien und Belgien. In Italien wird die Droge nur von wildwachsenden Pflanzen gesammelt und zwar bei Mondoví in Piemont und Solesine in Venezien (RAVASINI). Kulturen finden sich auch in Madras (WATT), aber die meiste Althaea wird von Persien nach Indien importiert.
Lit. UNGER, Apoth. Zeit. 1890, 14. — MITLACHER, Kultur von Arzneipfl. in Österr.-Ungarn. Pharm. Post 1909 (dort weitere Lit.) und Z. Produkt. v. Arzneipflanz. in Österreich-Ungarn. Zeitschr. d. Österr. Apoth. Ver. 1910, 459. — SCHERFEL, Medizinalpfl. Ungarns. Beih. z. Bot. Centralbl. 1897. — AUGUSTIN-LENGYEL Vezérfonal Pharmakobotanikai Gyàkorlatokhoz 1908. — A. SCHWARZ, Briefl. Mittheil. 1910. — LABLER, Prager Rundschau 1887 und Zeitschr. Österr. Apoth. Ver. 1889. — PLANCHON, Rep. d. Pharm. 1892, 375. — F. VON MÜLLER, Select. extratrop. plants readily eligible for Industrial Cultur 1885.
Handelssorten. Der Handel unterscheidet besonders deutsche und belgische Wurzel, zu denen dann noch die weniger wichtige französische tritt. Die ungarische Althaeawurzel ist bisweilen ungeschält (VOGL).
Morphologie der Droge. Die Droge wird nur von zweijährigen Pflanzen gesammelt, ältere sind zu holzig, jüngere zu dünn. Sie ist stets geschält im Handel. Die Wurzel des ersten Jahres bleibt entweder erhalten und entwickelt sich, zahlreiche Verzweigungen bildend, weiter oder geht zugrunde und an ihrer Stelle treten aus dem kurzen Rhizom zahlreiche, etwa gleichdicke Zasern. Das Rhizom entwickelt entweder nur einen Stengel oder wird mehrköpfig und treibt alsdann zahlreiche Stengel. Die hellgraubräunliche, nicht selten 0,5 m lange Hauptwurzel ist oft bis 3 cm dick, bisweilen um die Achse gedreht, die Zasern dagegen erreichen nur eine Dicke von 1 cm. Die Droge wird meist aus den Hauptwurzeln dargestellt. Man schneidet die Nebenwurzeln ab, schält sie durch Abschaben des Korkes und der äußersten Schichten der Rinde und trocknet dann. So erhält man verschieden (meist c. 2 dcm) lange, c. 1,5 cm dicke, weißliche Stücke, die auf der Oberfläche wenige aber grobe Längsrunzeln bzw. Furchen und zahlreiche dunklere Narben, von den Nebenwurzeln herrührend, erkennen lassen, sowie viele feine Fäserchen: freigelegte Bastfasergruppen der Rinde (s. unten). Der Bruch ist im Holzkörper uneben körnig, in der Rinde faserig. Der Durchmesser des Holzkörpers beträgt das fünf- bis sechsfache der Rinde, die nach dem Aufweichen etwa 3 mm dick zu sein pflegt.
Das Lupenbild des Querschnittes, der sich mit Jod stark bläut, zeigt deutlich hervortretend die ringsumlaufende bräunliche Cambiumlinie. Innerhalb derselben treten feine Radialstrahlen, im Zentrum unregelmäßige Punktierung hervor. Die Rinde läßt zarte konzentrische Zonen erkennen (Fig. 117). Die Gefäßgruppen erscheinen beim Betupfen des Querschnittes mit Phloroglucin-Salzsäure als rote Punkte.
Die Droge ist viel in Würfel geschnitten im Handel.
Rad. alth. riecht eigenartig und schmeckt süßlich, fade-schleimig.

Fig. 117.
Rad. althaeae
, Lupenbild des Querschnittes.
[
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Anatomie. Althaea besitzt Befestigungs- und Ernährungswurzeln (TSCHIRCH und RADLAUER, STSCHERBATSCHEFF). Die Befestigungswurzeln führen Libriform im Zentralzylinder, die Ernährungswurzeln nicht. Der primäre Bau der Wurzel ist radial-diarch, wird dann oft tri- und tetrarch, seltener pentarch. In der Rinde findet sich meist eine endotrophische Mycorhiza. Schon bei einer 1,3 mm dicken Wurzel ist die primäre Rinde abgeworfen. Der Bau des Wurzelbündels ist collateral geworden und es ist ringsum Perikambialkork entstanden und in der Rinde Bastzellgruppen und Schleimzellen.

Fig. 118.
Rad. althaeae.
Querschnitt am Cambium.
[
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]

Fig. 119.
Rad. althaeae.
Längsschnitt am Cambium.
[
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Der (der Droge fehlende) Kork besteht aus etwa 8 Reihen tafelförmiger Korkzellen. Darunter folgt ein großzelliges Parenchym. Die sekundäre Rinde wird in radialer Richtung von breiten, schon mit der Lupe sichtbaren Markstrahlen durchzogen. Die Tangentialstreifung (s. oben) der Rinde rührt von zahlreichen, kleinen, in tangentialen Zonen angeordneten kleinen Bastzellgruppen her (Fig. 118, B), deren äußerste bei der geschälten Droge als Fäserchen sichtbar werden. Mit letzteren alternieren Siebröhrengruppen (s. Fig. 117, 5). Die wenig oder gar nicht verholzten Bastzellen sind meist nicht sehr stark verdickt, ihre Enden kegelig oder gabelig oder knorrig. Sie sind 10–27 (meist 18 bis 20) mik breit und meist etwa 600 mik lang. Safranin färbt die Membran der Bastzellen und der Gefäße rot (VOGL), Chlorzinkjod die inneren Lamellen der Bastzellen blau (A. MEYER). Das Rindenparenchym (Phloëmparenchym) und die Markstrahlen führen viel Stärke, etwas Asparagin und kleine Öltröpfchen (letztere besonders in den Markstrahlen), einige Zellen auch etwa 25 mik (18–30) messende Calciumoxalatdrusen mit oft stacheligem Rande. Die Kristalle liegen in einer Tasche (WITTLIN). Eingestreut in das Rindenparenchym finden sich zahlreiche rundliche oder in der Organachse gestreckte Schleimzellen mit sehr dicken geschichteten Schleimmembranen (Schichtung wird deutlich beim Zufließen von Alkohol), die sich weder mit Jod, noch mit Chlorzinkjod und Jodschwefelsäure blau färben. Beim Chloralpräparate fand VOGL in den Schleimzellen 15–36 mik große prachtvolle Sphärite, oft traubig aggregiert, zerklüftet, rissig, geschichtet und radial gestreift, bald der Zellwand aufsitzend, bald frei in der Zelle liegend. Einige sind kugelig, andere eirund oder elliptisch, oder traubig gehäuft, nicht selten in langer Reihe der Zellwand aufsitzend. In dem innerhalb des Reihenkambiums liegenden Holzkörper ist das Speicherparenchym (Holzparenchym) sehr stark entwickelt. Es führt Stärke, Asparagin (in deutlichen Kristallen meist nur nach Einlegen frischer Wurzeln in Alkohol), fettes Öl und Rohrzucker. Konz. Schwefelsäure färbt rot, Kali zitronengelb. Die Stärkekörner, der hauptsächlichste Reservestoff der Wurzel, sind sehr mannigfaltig gestaltet: rundlich, oval, gestreckt, gekrümmt, verbogen oder gelappt (Fig. 120). Der Spalt ist nicht immer deutlich, zusammengesetzte Körner sind selten. Die Größe beträgt 3,5–27 mik. Eingestreut in das Speicherparenchym finden sich Schleimzellen und Zellen mit Calciumoxalatkristallen. Die 25–80 (meist 50–60) mik weiten Leiter- oder Netzleistengefäße, entweder einzeln oder zu Gruppen vereinigt, liegen ziemlich zerstreut. Sie zeigen manchmal Thyllenbildung (Fig. 119). Bisweilen sieht man innerhalb des Cambiums einzelne, meist Wundgummi führende Gefäß- und Tracheïdengruppen von einem Korkmantel ganz oder teilweise umgeben (LANESSAN 1877, HARTWICH 1906). Die Gefäße sind oft von einem Tracheïdensaume umgeben und von Bastfaser-(Libriform-)gruppen begleitet. Letztere finden sich aber auch isoliert im Gewebe verstreut. Die meist sehr hohen Markstrahlen des Holzes ähneln denen der Rinde, zeigen auch die gleichen Inhaltskörper. Im Zentrum des Holzkörpers findet man bisweilen noch die Protoxylemgruppe, deren Libriformzellen verholzt sind (VOGL).
Im Pulver prävalieren die Stärkekörner, deren charakteristische Form (Fig. 120) für die Diagnose brauchbar ist. Im Alkoholpräparate erscheinen die Inhalte der Schleimzellen als helle Schollen, die beim Zufließenlassen von Wasser zu hyalinen Blasen werden. Im Chloralpräparate treten neben Parenchymfetzen die sehr charakteristischen Bastzellen und Gefäße oder deren Fragmente deutlich hervor, sowie die Calciumoxalatdrusen oder deren Kristallsplitter. Da das Pulver nur aus geschälter Droge dargestellt wird, fehlen die Korkzellen oder sind doch nur in sehr geringer Menge vorhanden, herrührend von den Stellen, wo die Nebenwurzeln abgeschnitten wurden.

Fig. 120.
Rad. althaeae
, Stärkekörner.
[
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Lit. TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas t. 30 (dort das Detail). — TSCHIRCH, Angew. Anatom. — A. MEYER, Drogenkunde (Fig. 195). — BERG, Anatom. Atlas t. 11. — KARSTEN-OLTMANNS, Lehrbuch, Fig. 107–109. — MOELLER, Lehrbuch, Fig. 320. — GILG, Lehrbuch, Fig. 237. — PLANCHON-COLLIN, Drog. simpl. II, Fig. 1189. — VAN TIEGHEM, Ann. sc. nat. (7) 1 (1885), 76. — DUMONT, Anat. comp. d. Malvac., Ebenda (7) 6, 138. t. IV. — KUNTZE, Vergl. Anat. d. Malv. Bot. Centralbl. 1891. — SOLEREDER, System. Anat. d. Dicotylen S. 166 (dort weitere Lit). — FRANK, Pringsh. Jahrb. V, t. XV. — DE BARY, Anatomie 151. — WALLICZEK, Dissertat. Bern 1893. — GUIRAUD, Bot. Centralbl. 61 (1895) 376. — HOLFERT, Prim. Anlage d. Wurzeln. Arch. Pharm. 1889. — LANESSAN, Bull. Soc. Linn. Paris 1877 (u. Hist. d. drog. I, Fig. 59). — HARTWICH, Schleimzellen von Althaea, Verh. d. Naturforschervers. Halle 1891 (Pharm. Zeit. 1891, 609) und Eigenthüml. Bild. von Wundkork in d. Wurz. v. Althaea offic. Schw. Wochenschr. 1906, 137, sowie Althaea in Realenzyklop. d. Pharm. — FREIDENFELDT, Anatom. Bau d. Wurzel. Bibl. bot. Heft 61, 1904. — JOST, Zerklüftung einiger Rhizome u. Wurzeln. Bot. Zeit. 1890. — RADLAUER, Dissert. Bern 1911. — STSCHERBATSCHEFF, Arch. Pharm. 1907, 48. — WITTLIN, Bot. Centralbl. 67 (1896), Taf. 1 Fig. 35. — Das Pulver ausführlich in KOCH, Atlas d. Drogenpulver II, t. 12, GREENISH-COLLIN, Atlas veget. powders pl. 109 und KRAEMER, Powdered drugs. Amer. Pharm. Assoc. 1898, 312. — Stärke: BASTIN, The Apothecary 1893 (Pharm. Journ. 1893, 747). — Mikr. Nachweis des Asparagins: PFEFFER, Pringsh. Jahrb. 1872, 533. Vgl. auch Borodin, Bot. Zeit. 1878, 801.
Chemie. Der Apotheker Bacon fand 1826 in der Rad. alth. Gummi, Zucker, fettes Öl, Stärke, Eiweiß, Althaein und «malate acide d’althéine». Letzteres erklärte PLISSON für identisch mit dem von Robiquet 1805 in Asparagus entdeckten Asparagin, dem Monoamid der Amidobernsteinsäure:
(F. wasserfrei = 234–235°).

Dieses Asparagin, das glänzende, rhombische, in heißem Wasser lösliche, in Alkohol und Äther unlösliche Prismen bildet, ist linkshemiëdrisches, optisch-linksdrehendes l-Asparagin [rechtshemiëdrisches, süßschmeckendes Asparagin erhielt PIUTTI aus Wickenkeimlingen, doch geht dies wohl aus l-Asparagin hervor (PRINGSHEIM)]. l-Asparagin ist im Pflanzenreich weit verbreitet. Rad. alth. enthält davon 0,8–2%. REBLING fand in Rad. althaeae 10–11% Zucker, den WITTSTOCK für Rohrzucker erklärte. Die von L. MEIER angegebene Apfelsäure hat keine Bestätigung gefunden.
BUCHNER fand 35,64% Schleim, 37,51% Stärke (nach FLÜCKIGER-HANBURY etwas mehr als 25%), 8,29% Zucker und Asparagin, 1,26% fettes Öl, 1,81% glutinöse Materie, 11,05% Pflanzenmark (Pektin). Der Althaeaschleim, von dem FLÜCKIGER 25% erhielt, ist in Wasser löslich. Er läßt sich durch Ammonsulfat aussalzen (POHL), ist in Kupferoxydammon unlöslich und färbt sich weder mit Jod noch mit Jodschwefelsäure (Echte Schleime, TSCHIRCH). Bleiacetat schlägt ihn nieder. Da der Schleim, dem die Formel C12H10O10 gegeben wurde (SCHMIDT, MULDER), bei der Oxydation Schleimsäure liefert, muß er Galaktose liefernde Gruppen enthalten. Vielfach wird kalte Extraktion der Wurzel an Stelle des Dekoktes gesetzt, doch treten auch neuerdings warme Verteidiger des Abkochens auf (UNGER 1890), da der heiße Auszug haltbarer ist. Der kalte Auszug enthält nur Schleim, keinen Stärkekleister, wird daher von Jod nicht gebläut, der heiße wird blau. Wenn es sich nur um den Schleim handelt, genügt kalte Extraktion. Pharmac. helvet. IV sagt: «Statt Decoctum rad. alth. ist die Kolatur einer halbstündigen Maceration zu dispensieren.»
ORLOW fand Betain (Trimethylglycin, Oxyneurin):

und einen dem Lecithin (vgl. S. 342) ähnlichen Körper. Die Wurzel enthält auch ein Enzym. Gerbstoff findet sich nur in den Randschichten der ungeschälten Wurzel. Die Asche beträgt 4,88% (FLÜCKIGER), 3,2–5,5% (HAUKE), im Pulver oft etwas mehr. Die obere Grenzzahl beträgt 6%. Die Asche ist rein weiß. NYGÅRD gibt den Wassergehalt auf 11% an. E. DIETERICH fand (1891) 9,95% H2O, 4,8% Asche und in letzterer 7,08% Kaliumcarbonat, — im Pulver 6,20–9,10% H2O, 5,8 bis 6,5% Asche, darin 17,0% K2CO3. Die Asche ist reich an Phosphaten.
Lit. Ältere Lit. LINK, Schweigg. Journ. XIII, 186, PFAFF, Mat. med. VI, 78, COLIN und GAULTIER, Schweigg. Journ. XIII, 453, GMELIN, Handb. d. Chem. II, 1251, PEREIRA, Heilmittellehre II. — WITTSTOCK, Poggend. Ann. 20 (1830) 346 (Pharm. Centralbl. 1831, 277). — BUCHNER, Rep. 41 (1832) 368 u. Pharm. Centralbl. 1832, 511. — LEO MEIER, Jahrb. f. d. Pharm. 12, 2 (1826) 75 (vollständ. Analyse). — GUÉRIN VARRY, Ann. de chim. II 49, 264. — SCHMIDT, Lieb. Ann. 51, 29. — HILGER und ROTHENFUSSER, Ber. d. chem. Ges. 35, 1841. — FLÜCKIGER, Pharmakogn. — FLÜCKIGER-HANBURY, Pharmacographia. — POHL, Zeitschr. phys. Chem. 14 (1890) 151. — Asparagin: ROBIQUET jun., Ann. chim. 55 (1805) 152. — VAUQUELIN et ROBIQUET, Ebenda 57 (1806) 88. (DELAVILLE, Ebenda 41 (1802) 298). — BACON, Althéine, nouvelle substance végétale. Ann. chim. phys. 34, 201 (1827), Journ. chim. med. II, 551. — PLISSON, Sur l’identité du malate acide d’althéine avec l’asparagine. Ann. chim. phys. 36 (1827) 175. — PIUTTI, Ber. d. chem. Ges. 22, Ref. 241 u. 243. — PRINGSHEIM, Zeitschr. physikal. Chem. 66 (1910).
N. ORLOW, Betain als Bestandt. d. Wurz. von Alth. offic. Pharm. Zeitschr. f. Rußl. 36 (1897) 631 (Journ. ph. 1898, 7. 108 u. 305) und Lecithin Farmac. Journ. 1900, Nr. 22 (Chem. Zeit. und Pharm. Zeit. 1900, 268). — REBLING (Zucker) Arch. Ph. 134 (1855). — NYGÅRD, Farmac. Notisbl. 1909.
Über den sich abweichend verhaltenden Schleim (Gombine) von Hibiscus esculentus (sog. Gombo) vgl. LANDRIN, Journ. ph. chim. 22 (1875) 278, POPP, Arch. Pharm. 1871, 140.
Verfälschungen und Prüfung. Eine solche mit der holzigen, zähen Wurzel der Althaea rosea, die früher (WITTSTEIN) angegeben wurde, scheint nicht mehr vorzukommen, ebenso wenig die Wurzel von A. narbonensis CAV. Eine sehr häufige, ja beinahe regelmäßige Verunreinigung des grob gepulverten Rad. alth. ist seit Jahren und bis auf den heutigen Tag die billigste Sorte Schwarzmehl. Auf den ersten Blick könnte man oft meinen es nur mit letzterem zu tun zu haben (DÖLL). Als Kuriosität sei erwähnt, daß von Getreidemehl freies Althaeapulver bisweilen als «stärkefrei» angeboten wird. Während früher die geschnittene Eibischwurzel häufig (mit Kalkmilch, Kreide, Gips) gekalkt wurde, wird sie jetzt vielfach mit Stärke, Getreidemehl oder Althaeapulver bestäubt. 1885 wurden mit Talcum geschminkte, geschnittene Althaea im Handel beobachtet, die über 1% davon enthielt (BERNBECK). Doch kommt Kalken auch jetzt noch vor. Die Prüfung auf gekalkte Wurzel durch Ausziehen mit Salzsäure (2 g Rad. auf 5 ccm 1% HCl, FROMME, CAESAR & LORETZ Handelsbericht 1898) und Prüfen des filtrierten Auszuges mit Ammoniumoxalat ist, da auch das in der Wurzel vorkommende Calciumoxalat sich in Salzsäure löst, von der Pharm. helvet. IV durch Prüfung eines mit Essigsäure dargestellten Auszuges ersetzt worden, die auch die auf Bleiweiß einschließt. «Schüttelt man geschnittene Eibischwurzel mit verdünnter Essigsäure, so darf Ammoniumoxalat im Filtrate nach dem Übersättigen mit Ammoniak nur höchstens eine Trübung und Schwefelwasserstoff keine Veränderung hervorrufen» (Pharm. helvet. IV). Gekalkte Wurzel enthält niemals weniger als 0,5% Kalk. Bisweilen ist so viel Kalk vorhanden, daß man ihn mit Wasser abschlämmen und den Bodensatz untersuchen kann. Auch Bleichung mit schwefliger Säure und Chlor scheint früher (1862) vorgekommen zu sein. Nicht ordentlich getrocknete, feucht aufbewahrte oder sonst feucht gewordene Wurzel riecht oft dumpfig oder schimmelt, sie enthält kein Asparagin mehr, bildet Ammoniak und gibt einen gelben Auszug (SELLE), der bisweilen nach Buttersäure riecht (FLÜCKIGER). Es empfiehlt sich, Blecheinsätze in die Vorratskästen zu machen. Wurzeln, welche nach längerem Lagern geschnitten werden, liefern oft trübe, wenig schleimige Auszüge (HAGER). Der Schleim (1=10) soll farblos und neutral sein und weder sauer, noch ammoniakalisch riechen. Durch Kalilauge oder Ammoniak soll er rein gelb, nicht braun oder rötlich werden.
Lit. Jahresber. d. Pharm. 1861, 65 (SELLE) und 1885, 94 (BERNBECK).
Anwendung. Rad. althaeae wird besonders als demulzierendes Mittel bei Katarrhen der Respirationsorgane und Reizzuständen der Verdauungswerkzeuge benutzt, dann als Vehikel für scharfe Arzneistoffe und als Konspergierungsmittel für Pillen. Beliebte Arzneiformen sind: Decoctum althaeae, Syr. althaeae, Spec. bechicae, Spec. pectorales, Spec. pro infantibus, Pastilli althaeae, Pasta althaeae, die aber oft keine Althaea enthält. (Weitere Formen und Spezialitäten in HAGER-FISCHER-HARTWICH, Pharmac. Praxis). Die Witterung und ein damit verbundenes größeres oder geringeres Auftreten von Katarrhen hat, wie die Handelsberichte lehren, auf den Verbrauch von Rad. althaeae großen Einfluß. Mit Altheepulver und Wasser allein angestoßene Pillen werden bald steinhart und passieren den Magendarmkanal ohne zu zerfallen. Althaeawurzel ist auch ein Hauptmittel des Pfarrer KNEIPP. Die Wurzel wird roh und geschält von den Kalmücken gegessen. Die Stengel enthalten Bastfasern in der Rinde und diese wurden als Faserstoff empfohlen (CAVANILLES). Ziemlich viel Fasern liefert Althaea narbonensis (span. cañamera) in der Nähe von Narbonne.
Geschichte. Dem indischen, babylonischen und ägyptischen Kulturkreise scheint die Verwendung der Althaea unbekannt gewesen zu sein. Alcea ficifolia L. (feigenblättrige Malve), noch heute Hauptschmuck der arabischen Gärten, war im alten Ägypten (1600 n. Chr.) eine der Blumen der Totenkränze. Die ἄλθαια des THEOPHRAST ist vielleicht Alth. offic. (FRAAS) oder A. acaulis (SPRENGEL), doch nennt er die Farbe der Blüten μήλινος (Pharm. ind. denkt daher eher an Abutilon Avicennae). Er beschreibt sie (Hist. plant. 9, 18) als der μαλάχη (Malva silvestr. und Lavatera arborea) ähnlich und erwähnt ihre Benutzung gegen Husten, sowie ad fracturas et ad ulcera. DIOSKURIDES, der viele Krankheiten nennt, gegen die Althaea innerlich und äußerlich angewendet wurde, nennt die Wurzel der ἀλθαία schleimig und innen weiß. PLINIUS, der viel besonders über die äußerliche Anwendung der wilden Malve mit großen Blättern und weißer Wurzel zu berichten weiß, aber auch die Abkochung der Wurzel mit Milch als Hustenmittel kennt, erwähnt, daß die A. auch Plistolochia (Plistolycia) heiße (von πλεῖστος = am meisten und λοχεῖα = Kindbettreinigung). Daß die Wurzel in dem I. Jahrh. n. Chr. arzneilich benutzt wurde, geht aus des SCRIBONIUS LARGUS Compositiones (I, S. 576) hervor, bei dem sich Ebisci, s. Hibisci radix findet. A. offic. steht dann auch im Kitâb aš šaǧar (X. Jahrh.). Im Capitulare KARLS steht (neben malvas) mismalvas [wohl ein Schreibfehler für uismalvas (FISCHER-BENZON)] ibicha id est alteas. Beide finden sich auch im Breviarium (I, S. 621). Die Benediktiner empfahlen und betrieben also ihre Kultur auch im deutschen Norden. Bei ALBERTUS MAGNUS steht Altea, im Gothaer Arzneibuch (I, S. 679): wylde poppele, auch bei MEGENBERG: papel. In den Sinonoma Bartholomei (I, S. 639) steht: Altea, holihocke; in der Alphita und den Tabulae: bismalva und bimalva (altea); die ebendaselbst erwähnte Malva silvestris (malva uiscus, merch[e] malue, caulis sancti Cutberti, alta malua Seynt Cutbertscole) ist wohl auch Althaea; wie das gleichfalls in der Alphita sich findende Alphaea (bismalva, enflos, eviscus, malvaviscus, hibiscus). Bis malue findet sich auch in der Frankfurter Liste (1450) und dem Nördlinger Register (1480). Bei CORDUS findet sich Althaeae flos, rad. (Rad. Hibisci) et mucilago; sowie die Namen Bismalva und Sammetpappeln. Der Althaeaschleim war Bestandteil des Empl. diachylon (s. S. 337). Auch Ungt. dialthaea simpl. und comp. D. NICOLAI (z. B. in CORDUS, Dispensator.) enthalten (neben Sem. lini und Sem. foenugraec.) Rad. althaeae.
Paralleldrogen. Die Wurzel des in allen Teilen sehr schleimreichen Hibiscus esculentus geben geschält ein schneeweißes, schleimreiches Pulver (Pharm. Rev. 1897). Die Wurzel wurde als Ersatz der Althaea empfohlen (DELLA SUDDA, Rép. d. pharm. 1860. Über die Früchte der Pflanze vgl. die Pharmakographia). DRAGENDORFF führt (Heilpflanzen, S. 422) als ebenso wie Althaea officin. benutzt an: Althaea taurinensis DC., A. narbonensis POURR., A. cannabina L., A. pallida W. et KIT., A. meonantha LK., A. chinensis CAV., A. ficifolia CAV.
Von den Portugiesen in Goa wird die Wurzel von Grewia scabrophylla ROXB. als Substituens für Althaea benutzt. Ebenso in Cochinchina und Indien die Wurzel von Hibiscus Rosa sinensis, die Ketmie von Cochinchina (Pharmacogr. indica).
Folium Althaeae.
Eibischblätter — feuilles de guimauve — marshmallow leaves — foglie di altea.
Die Beschreibung der Stammpflanze s. oben S. 345. Die Blätter werden an den gleichen Orten wie die Wurzel, aber in viel geringerem Maße, besonders im Juni und Juli vor (Pharm. helv. IV) oder während der Blütezeit, bisweilen auch von der wildwachsenden Pflanze gesammelt. 8 Teile frische liefern 1 Teil trockene. Sie gelangen vornehmlich aus Bayern und Österreich-Ungarn, dann auch aus Belgien, Frankreich und Thüringen in den Handel. Bei Nürnberg werden Eibischblätter besonders in Almoshof, Klein-Reuth, Neunhof und Buch gesammelt (FR. WAGNER).

Fig. 121.
Althaea officinalis
, längliche Blattform.
[Aus
Jos. Moeller
, Lehrb. d. Pharmakogn.]
Die beiderseits graufilzigen, ungleich kerbig-gezähnten Blätter, deren Form oben (S. 345) beschrieben ist und von denen es längliche und runde Formen gibt (J. MOELLER), sind namentlich durch die fast dreieckigen, ungleich großen Blattzähne ausgezeichnet. Auf relativ kleine folgen weit hervortretende von fast länglich-herzförmigen Bau. Ein kräftiger Nerv tritt von unten her in den Zahn und verzweigt sich pinselartig. Von seiner Spitze gehen zwei Randnerven ab, die mit dem von den Hauptzahnnerven abgehenden Sekundärnerven je ein Dreieck bilden. Längs der Randnerven zeigt sich noch je ein zweiter, sehr schwach ausgebildeter Nerv (VIRCHOW). Die meist kleineren Blätter der wilden Pflanze haben im allgemeinen einen schärfer gezahnten Rand und spitzere Formen (ZÖRNIG). Die im allgemeinen starke Behaarung wechselt nach dem Standorte etwas. Sie ist auch bei der wilden Pflanze oft stärker als bei der kultivierten. Es finden sich vornehmlich Büschelhaare mit 2–6, seltener 8, spreizenden langen, dickwandigen Strahlen, die von der Fläche betrachtet einen 2–8strahligen Stern bilden («Sternhaare»). Die Haarwurzeln, die Basen der Büschelhaarstrahlen, sind reich getüpfelt. Auf Gewebspolster sind die Büschelhaare für gewöhnlich nicht erhoben. Daneben finden sich, besonders an den Nerven, Drüsenhaare mit einer Basalzelle, mehreren Stielzellen und einem 1–2zelligen Köpfchen, sowie am Blattrande einzellige, etwas gekrümmte Haare mit angeschwollener Basis. Die Epidermiszellen beider Blattseiten sind schwach wellig verbogen. Sie sind wegen der starken Haarbedeckung nicht gut zu sehen. Spaltöffnungen mit 3–4 Nebenzellen finden sich auf beiden Blattseiten. Zahlreiche Epidermiszellen sind als Schleimzellen ausgebildet. Die Schleimmembranverdickung ist besonders auf der Innenseite stark (Fig. 94, 7). Der Schleim färbt sich mit Safranin rot, mit Methylenblau blau (VOGL). Unterhalb der Büschelhaare finden sich oft Oxalatzellen (A. MEYER). Die Palissadenschicht der Blattoberseite ist einreihig, selten an einzelnen Stellen durch Teilung der Zellen zweireihig. Das Merenchym ist wenig-reihig und reich durchlüftet. Der stark nach unten ausladende Mittelnerv führt oben und unten Collenchymstreifen, ein großes strahliges Gefäßbündel und im Nervenparenchym Schleimzellen und Zellen mit Calciumoxalatdrusen, doch ist vornehmlich die Epidermis Sitz des Wasser zurückhaltenden Schleimes, die dadurch zu einem epidermalen «Wassergewebe» wird. An den Nerven höherer Ordnung ist die Spreite meist etwas eingezogen.
Blätter, auf denen sich Puccinia Malvacearun (vgl. oben S. 347) findet, sind zu verwerfen.
Das Pulver ist besonders an den sehr zahlreichen Haarbildungen zu erkennen, von denen selbst im feinsten Pulver wenigstens die Basen der Büschelhaare noch gut erhalten sind. Die Haarstrahlen sind oft zertrümmert. Stengel und Blütenteile, die sich nicht selten im Handelspulver finden, verraten sich durch reichliches Vorkommen von Pollenkörnern (einige finden sich auch im reinen Blattpulver), von Antherenfragmenten und Kelchhaaren und den großen Gefäßen des Stengels (KOCH). Eine Beimengung von Fol. malvae verrät sich durch zahlreiches Auftreten von einzelligen Borstenhaaren, die bei Althaea seltener sind.

Fig. 122.
Althaea officinalis
, Querschnitt durch den Mittelnerven des Blattes.
[
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Von den Bestandteilen kommt nur der Schleim in Betracht. Die Asche beträgt 13–15% (HAUKE). Die Fol. alth. germanicae von kultivierten Pflanzen sind schwächer behaart als die im südlichen Ungarn von wildwachsenden Pflanzen gesammelten Fol. alth. hungaricae (VOGL). Die Fol. althaeae werden meist in Form von Auszügen zu Gargarismen und Collutorien, Klystieren und, in Verbindung mit anderen erweichenden Kräutern, zu Cataplasmen benutzt (HUSEMANN). Sie sind ein Volksmittel gegen Husten und Bestandteil vieler Teemischungen (Spec. althaeae, Spec. emollient., Spec. ad gargarisma, Spec. pectoral.).

Fig. 123.
Althaea officinalis
, Epidermis des Blattes. Flächenansicht.
[
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Lit. TSCHIRCH-OESTERLE, Atlas t. 71. — A. MEYER, Drogenkunde II, Fig. 415–421. — PLANCHON-COLLIN, Drog. simpl., Fig. 1184 bis 1186. — VOGL, Commentar 1908 und Atlas t. 15. — MOELLER, Pharmakogn. Atlas t. 23 und Lehrbuch Fig. 62 u. 63. — HARTWICH in Realenzyklop. d. Pharm. — ZÖRNIG, Arzneidrogen S. 130. — VIRCHOW, Bau, u. Nervat. d. Blattzähne etc. Arch. Pharm. 1896. — HAUKE, Aschengehalt 1902. — SCHWARZ, Briefl. Mitth. — WALLICZEK, Membranschl. vegetativ. Org. Pringsh. Jahrb. 25 (1893) 227. — NESTLER, Die Schleimzellen d. Malvaceen. Öst. bot. Zeitschr. 1898. — DUMONT a. a. O. — KUNTZE a. a. O. — SOLEREDER a. a. O. (vgl. S. 351). — Das Pulver ausführlich in KOCH, Anal. d. Drogenpulv. III, 82 (dort auch die Pollenkörner).
Flos Althaeae.
Die Beschreibung der nur wenig noch angewendeten, fast geruchlosen, süßlich-schleimig schmeckenden Blüten s. oben S. 346. Sie werden in einigen Gegenden, wo Eibisch kultiviert wird, nebenher gesammelt, z. B. bei Nürnberg (Almoshof, Klein-Reuth, Großgrundlach, Schnepfenreut 1910). Sie enthalten in allen ihren Teilen Schleimzellen. Die großen (60 mik breiten) Pollenkörner besitzen eine grobstachlige Exine, die durch Jodchloral sich gelb färbt, während der Inhalt blau wird (VOGL).
Die Entwicklungsgeschichte des Samens und der Frucht bei STSCHERBATSCHEFF, Arch. Pharm. 1907, 60. — Die Nährschicht bei HOLFERT a. a. O.
Die Blüten liefern 0,024% ätherisches Öl (HÄNSEL), welches kristallinisch erstarrt. Der Farbstoff der Althaeablüten soll ein durch verdünnte Säure hydrolysierbares Glykosid sein, das in der Kalischmelze Protocatechusäure und Brenzcatechin liefert (WEIGERT, Jahresber. d. önolog. Lehranst. Klosterneuburg 1894/95).
Folium et Flos Malvae.
Syn. Herba malvae, Malvenblätter, Pappel- oder Papelkraut, Hanfpappel, St. Johannispappeln, Schwellkraut, Käsepappelkraut, Gäns-, Roß- oder Hasenpappelkraut, kattenkēs (= Katzenkäse), kerskes, in der Schweiz: chäslichrut, nüsserli, zigerli — feuille de mauve — mallow leaves — in Indien und Arabien: khubázi und khitmi.
Flores malvae silvestris, vulgar. s. coerulei, blaue Pappelblumen, wilde Malvenblüten, — fleur de mauve — mallow flowers.
Bei den alten Griechen und den Römern: malache. — Malva silvestris hieß bei den späteren Griechen: μολόχη, μαλάχη, ὑπερστρόγγυλος — Malva rotundifolia: ἀγριομάλαχων, τεμποράξ, γλυκάνησσος. — althd. papula, pappala, pappula, papilla, pampila, babilla, wengebapeln — mhd. pippole, pipelde, baippel — mnd. pippulencrut, poplencrut, popele, popel, pope, pöppol — bei der HILDEGARD (I, S. 669): babela — bei MEGENBERG (I, S. 693): malva haizt papel. — Im Gothaer Arzneibuch: wylde poppele (poppele, popplione, popplionie — den italienischen Ursprung verratend! — ist Populus). — Im Colmarer Glossar: popele, — bei BOCK: keespappeln. — Im Ortus sanitatis und bei BRUNSCHWYG: bappeln — bei BRUNFELS und FUCHS: Gansspappel, rosspappeln.
Etym. KLUGE bemerkt: «Pappel = Malve, mhd. papel, papele; ahd. (mlat.) papula, dunklen Ursprungs; wohl aus lat. pappus Samenkrone gebildet.» Das scheint mir sehr unwahrscheinlich. Ich leite es, ebenso wie GRASSMANN u. and., von pampe, pappe, mhd. pap = Kinderbrei, Kleister (aus ital. mlat. pappa und pappare = essen) ab, wegen der Schleimigkeit. (Im ald. bedeutete pappala schleimig.) Bei BOCK heißt es: «pappel ist im Westerich ein gemeiner Nam, dann es werden alle breite Kreutter sonderlich, die man nit vol kennet, mit dem namen pappel genannt, aber zu underscheid der andern nennen sie die klein malvam um des schnübelechten (scheibenförmigen) Samens willen käszpappeln und Hasen- oder Ganspapellen». In der Tat wird in Baiern auch die Betonien- und Pfingstrose, in Nassau der Sumpfhahnenfuß Pappel genannt (GRIMM). Das Wort Pappel als Bezeichnung für den aus Italien stammenden Baum (zuerst bei MEGENBERG und CORDUS) ist aus populus umgebildet (früher stets als Pappelbaum unterschieden). Es liegt also nur ein zufälliger Gleichklang vor (I, S. 1064). Popel als Baumname bedeutete ursprünglich die im Mittelalter über die Alpen gebrachte Schwarzpappel (P. nigra). Die Pyramidenpappel kam erst Ende des XVIII. Jahrh. aus der Lombardei nach Deutschland (HOOPS). — Malva aus μαλάχη und dies von μαλαχός = erweichend, weich, auch in bezug auf den Schleim, und wohl nicht, wie GRASSMANN will, von der weichen Beschaffenheit der Pflanze. — Malve erst nhd. aus lat. (ital.) malva. In England wurde der lat. Pflanzenname sehr früh heimisch, daher angls. mealwe, engl. mallow (KLUGE). — Der aramäische Name für Malve ist ru’ānā (LÖW). — Bei den Persern: nân-i-ku-lagh (= Krähenbrod) und khitmi-i-kuchak (= kleines khitmi) —MAULÁNA NAFIS (nach DYMOCK) unterscheidet bei den Malven: kultivierte (Malokhia) große wilde (khitmi), und kleine wilde (khu-bázi).
Stammpflanze. Malva silvestris L. (Spec. pl. ed. I, 689) (Althaea silvestr. ALEFELD). Roßpappel, wilde Malve oder Käsepappel, große Hasenpappel, Hanfpappel, Pferdepappel, Waldmalve — mauve sauvage, meule, grande mauve — wild mallow — mallowe — katost — μαλάχη — und Malva neglecta WALLROTH [Syllog. Ratisb. I, 140 (1824)] (M. rotundifolia C. BAUHIN et AUCT. nicht L., M. vulgaris FRIES, M. littoralis DETHARD, Althaea vulgaris ALEF.). Gemeine Malve, Käsepappel, Kässelpappel — mauve à feuilles rondes, petite mauve fromagère, fromageon — common mallow.

Fig. 124.
Malva silvestris
L. 1. Infloreszenz und Laubblätter. 2. Frucht.
[Aus
Schmeil
, Lehrb. d. Botanik.]
Die LINNÉsche M. rotundifolia umfaßt zwei jetzt getrennte Arten: M. neglecta WALLR. (s. oben) und M. rotundifolia FR. (M. borealis WALLM., M. pusilla WITH., M. parviflora HUDS.).
Die Blätter werden von beiden Arten (M. silvestr. und neglecta) benutzt, die Blüten meist nur von Malva silvestris. Die Wurzel und Samen sind nicht mehr in Gebrauch.
Systemat. Stellung. Malvaceae, Malveae — Malvinae (neben Althaea).
Beschreibung der Stammpflanzen. Malva silvestris ist ein selten einjähriges, meist zweijähriges oder andauerndes Kraut. Aus der kräftigen, innen weißen Pfahlwurzel erheben sich mehrere aufsteigende, bis meterhohe, ziemlich kräftige, runde, behaarte, verästelte, unten holzige, innen Mark und eine Höhlung führende Stengel. FLÜCKIGER sah 1878 4 cm dicke Stämme aus den gallizischen Bergen in Nord-Spanien. Die jüngeren Teile sind rauhhaarig fast zottig. Die später vertrocknenden Nebenblätter sind 7 mm lang, halbeiförmig. Die Blätter besitzen einen 5–10 cm oder noch längeren, oben runden, unten abgeflachten, meist stark behaarten Stiel. Die nur spärlich behaarte, von 5–7 Hauptnerven durchzogene, 5–12 cm, ja bisweilen 18 cm breite Spreite der Laubblätter ist nierenförmig (Fig. 124), bisweilen an der öfter purpurn gefärbten Basis gestutzt, der kreisrunde Rand in 5–7 meist stumpfe, gesägte oder gekerbte Lappen geteilt. Die aktinomorphen, fünfzähligen, hermaphroditen Blüten bilden achselständige Wickel, sie sind 1,5–3 cm lang. Ihre zur Blüte- und Fruchtzeit aufrechten Stiele sind kürzer als die Blattstiele. Der Hüllkelch (das Hochblattinvolukrum) besteht aus drei freien, schmal spatelförmigen, spitzen, behaarten, c. 5 mm langen Blättern, die kürzer als die Kelchblätter sind. Der Kelch ist unten verwachsen, glockenförmig, oben in fünf fast gleichseitig dreieckige, innen kahle, außen behaarte Zipfel geteilt. Die hellpurpurroten, von dunklen Adern durchzogenen Blumenblätter sind drei bis viermal länger als der Kelch, c. 20–25 mm lang, keilförmig bis verkehrt eiförmig, an der Spitze sehr tief ausgerandet, am verschmälerten Grunde mit zwei dichten Haarbüscheln versehen (Fig. 125, 2), an der Basis allmählich in die Staubgefäßröhre übergehend. Das dunkelpurpurrote, behaarte Staubgefäßbündel ist 10–12 mm lang, die monothezischen Antheren sind quer aufgehängt und öffnen sich mit einem Querriß. Die Pollenkörner besitzen eine kurzstachelige Exine (Fig. 125, 3). Die 8 bis 11 (meist 10) Griffel sitzen dem niedergedrückt-scheibenförmigen Fruchtknoten auf. Sie sind unten verwachsen und teilen sich auf halber Höhe in die fädigen Narbenschenkel. Das Bündel der letzteren bleibt entweder in der Staminalröhre eingeschlossen (bei der sog. männlichen, kurzgriffligen Form der Blüte) oder tritt aus letzterer hervor (bei der sog. weiblichen, langgriffligen Form). Die Ovula sind anatrop-epitrop. Die vielfächerige, vom bleibenden Kelche behüllte Frucht bildet eine niedergedrückte, vom Stempelrest nicht überragte, mehr oder weniger stark behaarte, strahlig-gefurchte Scheibe von 6–7 mm Durchmesser (Fig. 124, 2). Die 8–11 (meist 10) Teilfrüchtchen sind durch tiefe Furchen geschieden und stark netzgrubig skulpturiert. Sie trennen sich zur Zeit der Fruchtreife. Die Samen sind nierenförmig, der Embryo gekrümmt. Die Behaarung der Pflanze wechselt sehr. Bald findet man reich, ja sogar sehr reich behaarte, bald fast kahle Blätter. Die stärker behaarten Formen finden sich im Süden und Osten (SCHUMANN).

Fig. 125.
Malva silvestris
L. 1. Längsschnitt durch die Blüte. 2. Corollenblatt mit den basalen Haarstreifen. 3. Pollenkorn.
[
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Malva silvestris ist eine über ganz Europa, mit Ausnahme des äußersten Nordens, verbreitete und ziemlich häufige Ruderalpflanze. Sie findet sich auch am Cap, in Nordafrika, Kleinasien, Cypern, dem südlichen Kaukasus, Südsibirien, Persien, Afghanistan, Vorderindien und über den Ural bis zum Altai. Sie ist jetzt auch nach Nordamerika verschleppt, ebenso nach Brasilien, wo sie jetzt überall vorkommt (PECKOLT 1900). Sie wird in Indien (Bombay) kultiviert. Sie findet sich auf Schutt, an Zäunen, Acker- und Wegrändern, sowie auf Waldschlägen, und steigt bis in die mittleren Gebirge. Blüht vom Juni bis Herbst. Sie heißt daher auch Herbst-Rose (UHLAND besang «des Herbstes Rose, der gesunk’nen Sonne Kind»).
Malva neglecta ist ein einjähriges oder ausdauerndes Kraut. Die einjährige Pflanze bildet einen niederliegenden Stengel mit spärlichen Verzweigungen, die ausdauernde eine bleibende Grundachse, die nach allen Seiten Stengel treibt. Die ganze Pflanze hat einen schmächtigeren, dürftigeren Wuchs wie M. silvestris, auch Blätter und Blüten sind kleiner (daher neglecta). Die Nebenblätter sind bis 6 mm lang, schief oblong, spitz, hinfällig. Die Blätter pflegen sehr lang gestielt zu sein, man findet bis 27 cm lange behaarte Blattstiele. Die meist 3–7,5 cm breite Spreite ist nierenförmig bis kreisförmig, schwach 5–7lappig, von 5–7 Nerven durchzogen, mit gerundeten, gekerbten, mehr oder weniger behaarten Lappen. Am Grunde ist die Behaarung stärker. Die langgestielten Blüten stehen in achselständigen, gedrängten Wickeln. Ihr Stiel verlängert sich später noch (bis 3 cm). Der Hüllkelch besteht aus drei freien, c. 5 cm langen, lanzettlichen, besonders am Rande behaarten Blättern. Der Kelch ist kaum länger als 1 cm und etwa bis zur Hälfte in fünf fast gleichseitig-dreieckige, spitze, außen behaarte, innen kahle Zipfel gespalten. Die hellrosenroten, fast weißen, dunkel geaderten Blumenblätter sind klein, etwa 12–13 mm lang, 2–3mal länger als der Kelch (bei der var. decipiens ASCHS. ebenso lang), umgekehrt eiförmig, oben tief ausgerandet, unten mit dem Nagel der Staubfadenröhre angewachsen. Die Staubfadenröhre ist 6 mm lang, dunkelrot, spärlich behaart. Fruchtknoten fein behaart, aus 11–15 Carpellen gebildet. «Im weiblichen Stadium der Blüte ragen die spitzen, innen papillösen Narbenschenkel über die Röhre hinaus, krümmen sich nach unten und berühren die bläulichen Staubbeutel; dabei können sie den Pollen aus den geöffneten Beuteln entnehmen und somit bei ausgebliebener Fremdbestäubung eine Selbstbefruchtung bewirken» (BERG-SCHMIDT, Atlas). Die kreisrunde, scheibenförmige, 6–7 mm breite Frucht ist vom bleibenden Kelche und Hüllkelche behüllt und zeigt auf der eingesenkten Oberseite ein kleines Spitzchen. Griffelpolster fast so breit als die glatten, am Rande abgerundeten Früchtchen. Die Teilfrüchtchen sind schwach gerunzelt. Der Same zeigt feine Punktierung. Die Behaarung der Pflanze wechselt auch bei M. neglecta sehr. Bisweilen sind die Blätter nur sehr spärlich behaart, der Blattstiel dagegen stets stärker. M. neglecta bildet mit M. rotundifolia L. einen Bastard, dessen schwach runzelige Früchtchen einen wenig hervortretenden Rand besitzen.
M. neglecta ist eine durch ganz Europa, von Rußland und Schweden bis Spanien und Portugal verbreitete Ruderalpflanze. Sie findet sich auch in Nordafrika von Marokko bis zum Sinai, dann in Syrien, Armenien, dem Kaukasus, Altai, Persien, Tibet, Vorderindien. Nach Nordamerika und Chile, wo sie jetzt auch vorkommt, ist sie wohl eingeschleppt, ebenso nach Australien. Sie findet sich an Wegen, auf Schutt und an gedüngten Stellen in der Nähe menschlicher Wohnungen, z. B. auf Dorfstraßen. Blüht Mai bis Herbst.
Die Droge wird meist von der überall häufigen, weil durch Menschen und Tiere leicht verschleppten, wildwachsenden Pflanze gesammelt. Doch werden die Malven in beschränktem Maße auch für den Handel kultiviert, z. B. in Belgien und Ungarn, und man sieht sie bisweilen auch in Bauerngärten. Die Blätter beider Malven werden in Österreich-Ungarn gesammelt (MITLACHER 1910). Pharmac. helvetic. IV u. and. Pharmac. lassen die Blätter beider Malven zu. Aus Algier wird etwas (1891: 3000 pounds) Fol. et Flos Malvae (von M. silvestr., macrocarp. und nicaeensis) ausgeführt (SIMMONDS, Useful pl. of Algeria. Am. journ. ph. 1891, 9). Die Blätter und Blüten sind fast geruchlos, beide schleimig. Die Blüten verfärben sich beim Trocknen in blau, das sehr beständig ist.
Pathologie. Auf Malva neglecta und Malva silvestris tritt an allen grünen Teilen Puccinia Malvacearum MONT. auf. (Näheres über dieselbe siehe unter Althaea officinalis.) — Außerdem treten auf den Malven noch verschiedene Imperfekten, besonders Colletotrichum Althaeae SOUTHWORTH (s. unter Althaea officinalis) auf (ED. FISCHER).
«Blätter, welche die braunen Sporenhäufchen von Puccinia Malvacearum MONTAGNE zeigen, dürfen nicht verwendet werden» (Pharm. helvet. IV).

Fig. 126.
Malva silvestris
L. Epidermis der Oberseite des Laubblattes.
[
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Anatomie. Bzw. der Nervatur der Blattzähne vgl. TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas (nach VIRCHOW). Das Blatt von M. silvestris besitzt auf beiden Seiten Spaltöffnungen, die in der Flächenansicht eigenartige Zapfen zeigen und 3 (bis 4) Nebenzellen besitzen. Die Epidermiszellen sind wellig verbogen. Die Haare bevorzugen den Rand und die Nerven. Sie sind meist einzellige, derbe, etwas gekrümmte Borsten (Fig. 126), die oft auf Gewebepolstern sitzen, daneben finden sich Köpfchenhaare und 2–7strahlige Büschelhaare (Sternhaare), ähnlich wie bei Althaea, aber viel spärlicher und meist nur auf der Blattunterseite. Die Basis der Blätter ist am stärksten behaart. Im Mesophyll liegt eine Reihe Palissaden und ein relativ dichtes Merenchym. Da und dort finden sich Calciumoxalatdrusen, Schleimzellen sowohl im Mesophyll wie in der Epidermis. Im Hauptnerven liegt ein kollaterales, radial-strahliges Bündel. Das Blatt von M. neglecta hat fast nur einzellige Haare. Die Blätter des Hochblattinvolukrums der Blüte von M. silvestris sind besonders am Rande, dann auch auf der Außenseite stark behaart. Die derbwandigen, meist ein- selten zweistrahligen, oft bis 2 mm langen Haare sitzen meist auf mehrzelligen Polstern. Im Mesophyll liegen Calciumoxalatdrusen und Schleimzellen. Die Haare der Kelchblätter sind denen des Hochblattinvolukrums ähnlich, doch treten hier daneben zahlreichere, mehrstrahlige Büschelhaare auf mit 2–9 Haarstrahlen, die bald der Epidermis direkt eingefügt, bald auf mehr oder weniger hohen Zellpolstern emporgehoben sind. Dazwischen finden sich Köpfchenhaare. Diese sind auch auf der Innenseite der Kelchblätter anzutreffen, die im übrigen einzellige, stark gekrümmte Wollhaare besitzt. Spaltöffnungen liegen auf beiden Seiten. Im Mesophyll findet sich, neben Schleimzellen, unter der Epidermis der Oberseite eine Schicht Calciumoxalatzellen. Die nur wenige Zellschichten dicken Blumenblätter enthalten den Farbstoff im Zellsaft gelöst. Die Epidermiszellen der Unterseite haben wellig verbogene Wände, die der Oberseite sind ziemlich gerade. Auf beiden Seiten, besonders reichlich an der Basis der Corolle, sitzen ziemlich viel Köpfchenhaare. Dort finden sich auch, die Einbuchtung zwischen je zwei Corollenblättern ausfüllend, zwei Haarstreifen, deren Haare einzellig und gerade sind. Von den Schleimzellen des Mesophylls sind bisweilen mehrere durch Resorption der trennenden primären Wände zu Schleimhöhlen zusammengeflossen. Auch die in der unteren Hälfte zu einer Röhre verwachsenen Filamente führen Büschelhaare und im Innern Schleimzellen. In der Antherenwand findet sich eine Faserschicht. Die Pollenkörner besitzen zahlreiche Austrittstellen für den Pollenschlauch, die Exine Stacheln und eine Stäbchenschicht. Der Griffel führt so viel Bündel als Narbenschenkel vorhanden sind, das leitende Gewebe liegt in der Mitte. Die Narbenschenkel zeigen Papillen nur an ihrer Innenseite und im Innern einen Streifen mechanisches Gewebe, das dem Krümmungsmechanismus der Narben (s. oben) dient. In jedem Fruchtknoten liegt ein anatropes, epitropes aufsteigendes Ovulum.

Fig. 127.
Malva silvestris
L. 1. Querschnitt durch ein Kelchblatt. 2. Querschnitt durch ein Blumenblatt am Nerven.
[
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Chemie. Die beiden Malven enthalten in allen Teilen Schleim. Der Farbstoff der Blüten wird durch Säuren rot, durch Alkalien grün. Die Asche des Fol. malvae beträgt c. 16% (HAUKE). Alle Laubblätter pflegen bekanntlich aschereich zu sein. Die Früchte enthalten einen Bitterstoff.
Verfälschungen. Folium Malvae fand MITLACHER 1910 mit den Blättern von Xanthium strumarium verfälscht. Auch Malva moschata wird angegeben, doch ist diese leicht schon am Geruch zu erkennen.

Fig. 128.
Malva silvestris
L. Haarbildungen (t) an der Außenseite des Kelchblattes. × Haarpolster.
[
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Anwendung. Man benutzt die beiden Malven ähnlich wie Althaea als Aufguß oder Beisatz zu Species (Spec. emollientes, Spec. pectoral., Spec. ad gargarisma, Spec. althaeae, Spec. puerperarum), auch als Ptisana de floribus malvae. Als Schleimmittel sind sie auch seit langem schon in Indien, Arabien und Persien in Benutzung (DYMOCK).
Malvaceenblattpulver ist als Verfälschung des Pulvers der Fol. digitalis beobachtet worden (1907).
HIPPOKRATES verwendete Malven neben anderen schleimhaltigen Mitteln. Die Früchte von M. silv., die noch jetzt viel in Indien benutzt und dahin aus Persien gebracht werden (DYMOCK), galten schon den Griechen als Aphrodisiacum, auch PLINIUS hält sie dafür, ebenso die Mohammedaner Indiens; MACER FLORIDUS verwendete sie bei Frauenkrankheiten. Der schleimige Brei dient noch heute beim Volke, um die verhärtete Gebärmutter zu erweichen. «Die Malve, die unter dem Zeichen der Venus steht, macht die brünstige Katze, die sich an ihr reibt, fruchtbar auch ohne Kater» — sagt der Volksmund.
Geschichte. Die μαλάχη ἀγρία des THEOPHRAST ist (nach SPRENGEL) Malva silvestris. Die μαλάχη des THEOPHRAST, die baumförmig wird und als Gemüse dient, ist vielleicht auch Malva silvestris oder die ebenso benutzte Lavatera arborea (FISCHER-BENZON). Ebenso erwähnt HESIOD das Malvengemüse, PALLADIUS gibt eine Anleitung zum Anbau und HORAZ singt: «me pascunt olivae, me cicorea levesque malvae» — und auch noch später dienten auch im Norden Malvenblätter als Gemüse. Bei HANS SACHS steht: «wir essen pappeln, kraut und grasz». M. silvestris wurde im Mittelalter von den Angelsachsen als Gemüse gebaut (HOOPS). PLINIUS, der Malva sativa (Gartenmalve) und M. silvestris (wilde Malve) unterscheidet, erwähnt, daß von den Gartenmalven zwei Arten unterschieden werden, die Malope (Lavatera arborea und Althaea rosea?) und die Malache (Malva silvestris und rotundifolia); die wilde Malve mit großen Blättern ist Althaea (s. d.). Im Edict DIOCLETIANS (I, S. 570) stehen Malvae maximae et sequentes. PROSPER ALPIN beschreibt und bildet unter dem Namen melochia Corchorus olitorius ab. Bei den Alten standen die Malven auch als diätetische Abführmittel in Gebrauch. SCRIBONIUS LARGUS benutzte die Samen, CAELIUS AURELIANUS Samen und Wurzeln, die HILDEGARD ein aus dem «slimechten» Kraute bereitetes Mus. ALBERTUS MAGNUS erwähnt beide: Malva neglecta (= malva) und M. silvestris (= arbor malvae, hier nicht die Stockrose, FISCHER-BENZON). Die Chubbâza des IBN BAITHAR ist jedenfalls eine Malve (wohl M. rotundifolia oder silvestris). Bei ARUCH und RASCHI steht: Eine Pflanze, deren Blätter sich nach der Sonne wenden und die malva heißt (LÖW). Malva silvestr. und nicaeensis steht auch in dem Botan. Lexikon Kitâb aš-šaǧar (NAGELBERG, Diss. Zürich 1909). In der Alphita (in der Tabulae und bei SERAPION) steht: Malva hortensis (melochia) et agrestis (minor), Succus et sem. malvae — chubeze. Malven stehen bei MACER FLORIDUS (I, S. 626) und in der Flos medicinae scholae Salerni (I, S. 629). Im Regimen sanitatis beginnt Malva den speziellen Teil. Die erste Abbildung von Malva silvestris finden wir bei BRUNFELS (I, S. 320, Fig. 310). FUCHS bildet Malva hortensis (Althaea rosea), M. silvestris pumila (M. neglecta) und M. sylvestris elatior (M. silvestr.) ab. Daß die Blüten der M. silvestris, die CORDUS als M. s. recta abbildete, größer sind als die der M. neglecta («vulgaris»), wußte schon BOCK. Flor. malv. commun. s. vulgaris finden sich in dem Catalogus von Straßburg 1685 (I, S. 827), der Taxe von Leipzig 1689 u. and.
Lit. BERG-SCHMIDT, Atlas 2. Aufl. t. 104 und 105 (dort die systemat. Liter.). — PABST-KOEHLER, Medizinalpflanzen t. 59. — NEES V. ESENBECK, Pl. med. t. 415. — LUERSSEN, Med. pharm. Bot. S. 664 (dort die botan. Lit. der Familie). — ARTHUR MEYER, Drogenkunde. — KARSTEN-OLTMANNS, Pharmakogn. Fig. 315–318. — ENGLER-PRANTL, Pflanzenfam. II, 1, Fig. 99 E und III, 6, Fig. 17. — RAUTER, Denkschr. Wien. Akad. 31 (1872) 23, t. 7 (Entwickl. d. Haare). — DUMONT, Ann. sc. nat. bot. VI (1887) 138. t. 4. — KUNTZE, Bot. Centralbl. 1891. — SOLEREDER, System. Anat. der Dikotylen (dort weit. Lit.). — ADOLF MEYER, Anat. Char. offiz. Blätter, Halle 1882. — LEMAIRE, Déterm. histol. d. feuilles médicin. Paris 1882. — TSCHIRCH, Anatomie und TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas (dort das anatom. Detail). — LOHDE, Entwicklungsgesch. u. Bau einiger Samensch. Diss. Leipzig 1874. — HARZ, Landwirtsch. Samenkunde 1885, II. 749. — HOLFERT (Nährschicht). Flora 1890. — Entwicklungsgesch. d. Samens in BOCHMANN, Beitr. z. Entwicklungsgesch. offizin. Samen u. Früchte. Dissert. Bern 1901. — GRASSMANN, Pflanzennamen. — KLUGE, Etymol. Wörterb. — FLÜCKIGER, Pharmak. — HAUKE, Aschengehalte 1902.
Flos Malvae arboreae.
Syn. Stockrose, Stockmalve, Winterrose, Pappelrose, Schwarze Malve — passe rose, rose trémière, rose d’outremer, bâton de Saint-Jacques (franz.) — garden mallow (engl.) — english hollyhock (in Indien) — stokroos (hol.) — vörösmályvarirag (ung.) — ἄνθη μαλάχης τῆς δενδροειδοῖς (n.-gr.) — fu-sang (chin.). — Bei MEGENBERG: Weizpappel — im Ortus sanitatis: felris — Soll das chatmi des QUTSÂMÎ und and. pers.-arab. Autoren sein, das auch Schahm-el-marah genannt wird (DRAGENDORFF).
Stammpflanze Althaea rosea (L.) CAVANILLES (Alcea rosea L.).
Malvaceae — Malveae — Malvinae.
Etym. Alcea, αλκέα (von αλκέειν = heilen) in der Orphischen Argonautika und bei DIOSKURIDES, bei letzterem «eine Art wilder Malve», d. h. die in Griechenland häufige Malope malacoides.
Beschreibung und Kultur. Die zwei- oder mehrjährige, einen prächtigen Gartenschmuck bildende Pflanze besitzt eine innen weiße, schleimige Wurzel (vgl. S. 354) und treibt im zweiten Jahre einen geraden, bis 3 m hohen, runden, einfachen oder wenig verästelten, blütentragenden Stengel. Die gestielten, runzeligen, rundlich-herzförmigen, gekerbten, steifhaarig-filzigen Blätter sind unten 5–7lappig, oben 3lappig und kürzer gestielt. Auch die Blattstiele sind stark behaart. Die Nebenblätter sind ziemlich breit und in mehrere Zipfel gespalten. Die großen Blüten, die bisweilen einen Durchmesser von 7,5 cm erreichen, sitzen einzeln oder zu mehreren in den Achseln der Blätter. Das Hochblattinvolukrum (der Außenkelch) ist 6–9spaltig, halb so lang als der Kelch, stark behaart. Der Kelch ist unten verwachsen, oben in 5 Zipfel gespalten. Die Farbe der Korolle wechselt nach den Varietäten von weiß zu gelb, braun, blau, purpurn bis schwarz. Die 5 Kronenblätter sind geschweift oder ausgefressen gekerbt, breit-herzförmig oder rundlich-dreieckig, etwas wellig verbogen, an der Basis genagelt. Bei den gefüllten Varietäten ist ihre Zahl durch Umbildung der äußeren Stamina oft stark vermehrt. Die Staubfadenröhre geht oben in zahlreiche Filamente über, die monothecische Antheren tragen. Der vielfächerige Fruchtknoten ist zusammengedrückt, gefurcht und behaart. Die Griffel sind kürzer als die Staubfäden. Die Frucht ist von dem Kelche behüllt, in der Mitte genabelt. Sie besteht aus 20–40 rinnenförmigen, am Rücken tiefrinnenförmigen einsamigen, nicht aufspringenden Früchtchen.
Althaea rosea wächst wild im Orient. Sie findet sich (wohl verwildert?) auf den Bergen Italiens, Griechenlands, Syriens und der benachbarten Länder. Sie wird im größten Teile von Europa bis nach Norwegen (Throndhjem) hinauf als Gartenpflanze gezogen, in einigen Mengen bei Nürnberg (stark zurückgegangen, SCHWARZ 1910) und in Württemberg; dann auch in Ungarn, z. B. in der Versuchsstation in Klausenburg (PATER), im Komitat Neutra (AGNELLI), in Eger u. and. Orten (vgl. MITLACHER 1909). Mittelfranken soll jährlich 50000 kg ausführen, besonders nach Frankreich, England und der Türkei (GLAN 1892). In Griechenland sammelt man auch von der wildwachsenden Pflanze (HELDREICH). MORISON erwähnt Alth. rosea unter den Arzneipflanzen der südlichen Mandschurei. Die Stockrose wird in allen Farben — blau, purpurn, fast schwarz, gelb, braun, weiß — gezogen. Sie findet sich fast regelmäßig in den Bauerngärten Deutschlands und der Schweiz, wird aber auch anderwärts, z. B. in Vorderindien kultiviert. Arzneilich und als Farbstoff liefernd wird nur die blauschwarze Varietät und vorwiegend die mit gefüllten Blüten benutzt. Sie findet sich im Handel cum calyce und sine calyce.
Pathologie. Puccinia Malvacearum MONT. und die verschiedenen Imperfekten, welche die Blätter von Althaea rosea schädigen, können auch auf dem Außenkelch und auf dem Kelche der Blüten zur Entwicklung kommen (ED. FISCHER).
Anatomie. Der etwa 2,5 mm dicke Blütenstiel zeigt ein großes Mark, einen schmalen Gefäßbündelzylinder, einen ununterbrochenen peripherischen, etwa 10 Zellen breiten Collenchymring und an der Grenze desselben nach Innen einen Kreis von meist isolierten Schleimzellen. Die letzteren sind 13–35 mik breit, besitzen ein sehr enges Lumen und breite, treffliche Schichtung zeigende sekundäre Membranverdickungsschichten. Der Epidermis der Blütenstiele sitzen zahlreiche einfache oder Büschelhaare auf. Die Blätter des Außenkelches sind innen (oben) glatt und dort größtenteils unbehaart. Die Epidermiszellen sind hier sehr stark verdickt. Nur an den Blatträndern, sehr selten auch auf der Blattfläche, treten einzelne Haare auf. Dieselben sind stets einfach, entweder gerade oder vielfach gewunden, gekrümmt und durcheinandergeschlungen. Die Blatt-Außen-(Unter)-Seite ist dicht filzig behaart. Die Haare sind hier nur selten einfach, meist sind es Büschelhaare (Sternhaare). Dieselben sind mit ihrem breiten Fuße entweder der Epidermis direkt oder einem flachen Gewebshöcker eingefügt und besitzen meist 8 Strahlen. Ihre Größe variiert sehr, sie kommt in der Länge der Strahlen zum Ausdruck, die bis zu mehreren Millimetern steigen und bis auf 50 mik herabgehen kann. Diese Sternhaare sind für die Droge sehr charakteristisch. Eingestreut in das reich durchlüftete Mesophyll der Hochblätter finden sich zahlreiche Schleimzellen und Schleimzellgruppen und Gefäßbündel (Nerven). Die Blätter des Kelches sind ähnlich wie die Hochblätter des Außenkelches gebaut, d. h. sie sind außen sehr stark behaart — fast noch stärker als die Außenkelchblätter und innen kahl oder doch nur an den Rändern behaart. Ihr Mesophyll ist dichter, Schleimzellen sind seltener und meist isoliert. Kalkoxalatdrusen finden sich im Mesophyll häufig, besonders in den Schichten unter der Epidermis der Blattoberseite. Die Blätter der Korolle zeigen beiderseits eine Epidermis, die an den unteren Teilen des Blattes aus gestreckten, geradwandigen, an den oberen aus Zellen mit wellig verbogenen Seitenwandungen besteht. Die Zellen, beiderseits gleichgestaltet und nicht sehr hoch, enthalten ein Plasmanetz, deutlichen Zellkern und eine intensiv blaue Farbstofflösung. Das Mesophyll ist nur im basalen Teile des Blattes viele (10) Zellschichten dick, in dem überwiegenden Teile desselben besteht es nur aus wenigen Reihen und ist fast vollständig verschleimt. Die Verschleimung ist eine so starke, daß oft der gesamte Zwischenraum zwischen den Gefäßbündeln (Nerven) eine einzige große Schleimhöhle bildet. Diese Schleimhöhlen kommen dadurch zu stande, daß eine Gruppe benachbarter Zellen ihre Membranen verdickt, also jede Zelle auf der primären Membran sekundäre, aus Schleim bestehende Membranverdickungsschichten ablagert. Dies geschieht in so ausgiebigem Maße, daß das Lumen auf einen kleinen Raum reduziert wird. Läßt man zu einer solchen Gruppe Wasser hinzutreten, so tritt zunächst an jeder einzelnen Zelle die Schichtung deutlich hervor. Die Zellen dehnen sich dann stark aus, sprengen die primären Zellulosemembranen, die Schleimschichten der einzelnen Zellen fließen zusammen und es entsteht so eine große, oft 400–550 mik weite, oft von Bündel zu Bündel reichende mächtige Schleimhöhle. Auch in der lebenden Pflanze findet ein solches Aufquellen der Zellen und ein Zusammenfließen der Schleimzellen statt und tritt hier (wie bei den Tiliaceen) bisweilen noch eine nachträgliche Auflösung der primären Membranen ein. Die fertigen Höhlen lassen bisweilen (freilich selten) noch eine ganze Anzahl nebeneinanderliegender geschichteter Schleimklumpen erkennen, meistens ist jedoch das Ganze zu einer homogenen Schleimmasse zusammengeflossen. An der Basis sind besonders am Rande die Blumenblätter mit einem Haarbesatz bekleidet. Die Haare desselben sind sehr lang.
Chemie. Die Blüten enthalten viel Schleim, einen eisengrünenden Gerbstoff und Farbstoff. Der wässrige Auszug der Stockrosenblüten ist stark schleimig.
Die Blumenblätter geben mit verdünntem Alkohol (1=10) einen violettroten Auszug, der noch in 1 cm dicker Schicht undurchsichtig ist (FLÜCKIGER). Mit Ätzkalk liefert dieser Auszug einen grünen Bodensatz und ein (fast) farbloses Filtrat. Alaun färbt violett, schüttelt man darauf mit Calciumkarbonat, so wird die Farbe der Lösung bleibend blau. Brechweinstein färbt violett. Rotweinfarbstoff verhält sich ganz anders. Bei Gemischen beider werden aber die Reaktionen undeutlich. Die Lösung des Farbstoffes von Alth. ros. rubr. wird mit Ammoniak, Natronhydrat und Soda grün, durch Salzsäure und Salpetersäure rot, durch Essigsäure rotviolett, durch Eisenchlorid braunrot, durch Zinnchlorür violett, durch Alaun und Soda entsteht ein grüner Niederschlag, das Filtrat ist farblos; ebenso durch Bleiazetat und Bleiessig. Der Farbstoff der Flos alcaeae verhält sich ähnlich, doch ist bei den Bleifällungen das Filtrat grün (VAN DER DRIESSEN). Konzentrierte Kupfersulfatlösung färbt die Farbstofflösung violett (Rotwein wird dadurch entfärbt, BÖTTGER). Der Malvenfarbstoff gibt in Lösung in sehr verdünntem Alkohol ein breites Band zwischen F und D FRAUNHOFER, das nach Zusatz von Ammoniak nach dem roten Spektrumsende rückt und dann zwischen D und C liegt, nach Zusatz von Alaun liegt das Band auf D und ist gegen Rot scharf begrenzt, gegen Grün verwaschen (PHIPSON, H. W. VOGEL). Das Malvenband kommt nach Zutröpfeln von Alaun bei noch schwach saurer Reaktion, das Ammon-Rotweinband erst bei völliger Neutralisation zum Vorschein. Aus sauer reagierendem Wein nimmt Amylalkohol zuerst den Malvenfarbstoff auf, dann erst den Rotweinfarbstoff. Malvenwein färbt sich mit Kupfersulfat schön violett, Bleiessig fällt grün. Gärung verändert den Farbstoff nicht wesentlich. Ein Zusatz von Malvenfarbstoff beeinträchtigt die Haltbarkeit des Weines. Der Malvenfarbstoff ist unbeständig. Er bildet mit dem des Flieders eine Gruppe, die bestimmt von der der Kirsche und der Heidelbeere verschieden ist (H. W. VOGEL). Der Farbstoff läßt sich in einen wasserlöslichen und einen in Wasser unlöslichen, alkohollöslichen trennen, die sich durch Farbe und Reaktion unterscheiden. Der letztere, der bei der Kalischmelze Hydrochinon und Brenzkatechin liefert, hat die Formel C14H16O6 (mit 2 OH-Gruppen), der erstere ist ein Glykosid (GRAFE). Man hat den Malvenfarbstoff auch zur Herstellung von Reagenspapier empfohlen (Vorschrift in FISCHER-HARTWICH, Pharm. Praxis II, 346). Das Papier wird durch Säuren rot, durch Alkalien grün. Die Empfindlichkeit gegen HCl ist 1 : 13000, die zu NH3 1 : 20000. Der Farbstoff ist nicht nur ein spezielles Codeinreagens (BENEZECH), sondern reagiert auch mit einigen anderen Alkaloiden (z. B. Atropin, Brucin, Nikotin) mit grüner, mit Chininsulfat mit Purpurfarbe. Er ist aber indifferent gegenüber Morphin, Cocain, Kaffein und Cinchonin (WOOLSEY).
Anwendung. Man benutzt die Flor. malv. arbor. zur Herstellung schleimiger Dekokte und Gurgelwässer, z. B. bei Angina. Der Farbstoff wird jetzt nur noch wenig zum Auffärben von Rotweinen benutzt, da sich hierfür haltbarere Pflanzenfarben besser eignen (Kermesbeeren, Liguster, Orseille, Cochenille).
Geschichte. Die Stockrose scheint im Altertum und Mittelalter nicht bekannt gewesen zu sein, die Malven des THEOPHRAST, DIOSKURIDES und ALBERTUS MAGNUS sind andere Pflanzen (vgl. oben S. 363). GALENS Baummalve (δενδρομαλάκη nach FRAAS die μαλάκη δενδρώδης des THEOPHRAST) ist wohl Lavatera arborea L. Erst im XVI. Jahrh. begegnen wir ihr sicher, bei BOCK (sowie TABERNAEMONTANUS, MATTHIOLI) heißt sie Herbst- oder Ernrose, weil sie erst zur Erntezeit blüht, oder römische Pappeln, Malva romana, auch Rosa ultra marina. BOCK und GESNER beschreiben sie und bilden sie ab. Sie war schon damals in zahlreichen Farbenvarietäten bekannt (vgl. J. D. HOST, Malva arborescens lutea Gissae 1654). FISCHER-BENZON ist der Ansicht, daß sie durch die Türken nach Europa kam. Auch der sich bei BOCK und GESNER findende Beisatz romana deutet ihren fremden Ursprung an. Sie war wohl im XVI. Jahrh. diesseits der Alpen noch selten (FLÜCKIGER). Doch finden wir bei den patres botanices Abbildungen und Beschreibungen von ihr. Der Vergleich mit einer (geruchlosen) Rose findet sich bereits bei PORTA (Villae), BOCK («nobilem hunc rosam») und MATTHIOLI, der Ausdruck Malva rosea bei LOBELIUS (Adversaria 293); später finden sich dann auch noch die Bezeichnungen Malva rosacea hortensis, Rose di Francia (bei Neapel). Möglicherweise bezieht sich auch der Ausdruck Rosa syriaca auf die Stockrose (?) und ihre Herkunft aus der Türkei. Die Bezeichnung ros syriacus (Flos malvae vel orni id est querci) in der Alphita (I, S. 657), an anderer Stelle (I, S. 648): flos syriacus, flos malvae, ros syriacus = flos orni ist unklar, bezieht sich aber wohl nicht auf die Stockrose. In der Alphita oxoniensis (I, S. 652) steht Malua siriaca (molochia, malua domestica siue ortulana). In den mittelengl. Medizinbüchern (I, S. 683) flos siriacus, malew, malowys (HENSLOW deutet dies als M. silvestris). Nach dem Pinax BAUHINS, in dem sich auch eine Alcea arborescens Syriaca befindet, ist die syrische Malve eine von A. rosea verschiedene Art (?). In der Reformatio von Worms von 1582 (I, S. 817) finden sich: Flos malvae arb. = Finrosen, Halsrosen oder Brennrosen. A. ros. steht auch im Pen tsʿao kang mu (I, S. 518).
Lit. Abbild. in PABST-KÖHLER, Medizinalpfl. t. 19, NEES VON ESENBECK, Pl. med. t. 416 und BERG-SCHMIDT, Atlas (I. Aufl.) t. 21. — MORISON, Jahresber. d. Pharm. 1885, 12. — MITLACHER, Arzneipflanzenkultur. Pharm. Post 1909. — FLÜCKIGER, Pharmakogn. — Nährschicht: HOLFERT, a. a. O.
Farbstoff: H. W. VOGEL, Absorptionsspektra. Ber. d. d. chem. Ges. 1875, 1246 u. 1876, 1906 und Spektralanalyse. — PHIPSON, Chem. News 20, 229 (Zeitschr. anal. Chem. 9, 121). — BÖTTGER, Zeitschr. anal. Chem. 15, 102. — VAN DER DRIESSEN, Ned. Tijdskr. 1900. — GRAFE, Stud. über d. Anthokyan. Anz. d. Wien. Akad. 1909. — BENEZECH, Pharm. Zeit. 1892, 547. — WOOLSEY, Althaea rosea. Bulletin of pharm. 1897, 342. — GLAN, Über d. Farbstoff d. schw. Malve. Dissertat. Erlangen 1892 (Beih. z. Bot. Zentralbl. 1893, 292). — WEIGERT, Jahrb. d. önolog.-pomolog. Lehranst. Klosterneuburg 1894. — Empfindlichkeit des Malvenpapiers: Pharm. Post 1895, Nr. 1. — HASTERLIK, Mitt. aus d. pharm. Instit. Erlangen 1890. — Vgl. auch LINSBAUER in WIESNER, Rohstoffe II, 656. Spektralanalyt. Verhalten verschieden behandelter Lösungen des Farbstoffes in KÖNIG, Nahr.- u. Genußm. III. B. (1910), 584.
Flos Tiliae.
Syn. Lindenblüte — tilleul (franz.) — linden oder lime tree (engl.) — linde (holl.) — tiglio (ital.) — tilo (span.) — niinipuun kucka (fin.) — hársfa (ung.) — ἄνθος φιλύρας (n.-griech.).
ahd.: lin, lind, linda, linta — mhd.: linde, leynde, lindeboumen — anord.: lind — ags.: lind — serb., russisch, böhm. wend.: lipa (davon Leipzig!) — arab.: uglamur — jap.: badaisin.
Etym. Linde ist ein uralter Name und in vielen, sehr alten Ortsnamen enthalten. Linter (lin = Lein, ter, tera, tra = Baum, also Leinbaum, wegen der faserigen Rinde), «der uralte deutsche Bast- oder Gewandbaum», noch jetzt in St. Gallen: Bastholz. Das ahd. linta bedeutet sowohl Linde wie Bast, das altnord. lindi Gurt, das schweiz. linte Flachs und Hanf, das schwedische linda auch Binde — alle Bezeichnungen hängen also mit Binden und Bast zusammen. Im Isländischen bedeutet lind Baum schlechthin (Katexochebegriff, vgl. I, S. 1066). (Vielleicht (?) in Beziehung zu ἐλάτη, lentâ = Fichte, vgl. den Wandel in der Bedeutung von Baumnamen in KLUGE, Etymol. Wörterbuch). Mit «gelinde» hat es jedenfalls nichts zu tun, wie LONICERUS, ADELUNG u. and. meinen. Übrigens kommt auch der Name LINNÉ von Linde (und zwar von einem bestimmten Lindenbaum). Tilia (von θήλεια) wird meist mit πτίλον (= Flügel) zusammengebracht, wegen der flügelartigen Bractee. Andere bringen es mit τίλος (= Faser) zusammen und dies scheint mir das wahrscheinlichere. Auch zu φιλύρη (= Linde und Bast — verwandt mit φλόος = Bast) — was auch einiges für sich hat — ja sogar mit πτελέα (= Ulme) ist tilia in Beziehung gebracht worden (KANNGIESSER).
Stammpflanze. Tilia Europaea L. (Spec. pl. ed. I, 514) wird jetzt in folgende Arten gespalten:
Tilia ulmifolia SCOPOLI Fl. Carn. I, 374 (1772) [T. europaea L. ex parte (γ), T. parvifolia EHRHART, T. microphylla VENTENAT, T. silvestris DESF., T. cordata MILL.], Spät-, Winter-, August-, wilde, Wald- oder Steinlinde. Bei BOCK: wild Lindenbaum (T. silvestris), — blüht Ende Juni bis Mitte Juli (in Süddeutschland c. 10. bis 25. Juli) — mit der Form intermedia DC. [T. europaea L. ex parte (α), T. hybrida BECHST., T. vulgaris HAYNE] und die für uns weniger wichtige
Tilia platyphyllos (auch platyphylla ASCHERSON) SCOPOLI Fl. Carn. I (1772) [T. europaea L. ex parte (β), T. grandifolia EHRHART, T. pauciflora HAYNE, T. cordifolia BESS.], Früh-, Sommer-, Gras-, Hamburger oder holländische Linde. Bei BOCK: zam Lindenbaum (T. sativa), — blüht Anfang bis Ende Juni oder Anfang Juli, c. 14 Tage früher als T. ulmifol. (doch kehrt sich in Italien das Verhältnis um, FLÜCKIGER). — Nebst Hybriden zwischen beiden Arten.
Bei den Tiliaarten muß der Autor beigesetzt werden. Es gibt drei grandifolia und drei platyphyllos (HOLMES).
Systemat. Stellung. Tiliaceae, Tilieae.
Etym. Auf die kleinen Blätter bezieht sich: parvifol. (von parvus) und microphylla (von μικρός), auf die großen Blätter: grandifolia, auf die wenig zahlreichen Blüten pauciflora.
Beschreibung. Die Linde wird bis 50 m hoch und bis 600 und mehr Jahre alt. Sie trägt eine dichte, gerundete Krone mit weit ausladenden Ästen. «Die jüngsten Zweigchen sind deutlich zweizeilig wie eine Steigeleiter angeordnet» (SCHUMANN). Die leicht abziehbare Rinde ist reich an Bastfasern. Das helle Holz ist sehr gleichmäßig gebaut. In Mark und Rinde liegen Schleimzellen. Die deutlich zweizeilig, abwechselnd dorsiventral angeordneten Blätter sind gestielt, schief herzförmig, zugespitzt, ungleich gesägt bei T. ulmifolia, oberseits kahl und dunkelgrün, unterseits blaugrün, bei T. platyphyllos ist die Farbe der beiden Blattseiten fast gleich. In den Achseln der Nerven sitzen bei T. ulmifolia rotgelbe, bei T. platyphyllos weißliche Haarbüschel. Diese Haarbüschel sind Domatien für Milben. Die Milben halten als «Dank» für die Unterkunft, die ihnen das Blatt gewährt, bei ihren Exkursionen während der Nacht — am Tage bleiben sie im «Milbenhäuschen» — das Blatt von Pilzsporen u. and. Schädlingen frei (Symbiose). T. ulmifolia hat meist kleinere Blätter als T. platyphyllos, auch sind die Blätter kahl, während sie bei der anderen Art weichhaarig zu sein pflegen. Die Nebenblätter werden beim Austriebe abgeworfen, nachdem sie als Knospenschuppen gedient haben.
Die bei T. ulmifolia vorgestreckte, bei T. platyphyllos hängende Infloreszenz zeigt folgenden Bau. Das Laubblatt der blühenden Zweige (l, Fig. 129) trägt in seiner Achsel auf der einen Seite eine gestielte Infloreszenz mit einem, dem Stiele halb angewachsenen flügelförmigen Blatte (a, Fig. 129), auf der anderen eine kleine Knospe (b). Die Infloreszenz ist als der Achselsproß des Laubblattes l aufzufassen, das Blatt a ist das eine, das Deckblatt der Knospe (b) das andere Vorblatt dieses Achselsprosses. Das Blatt a bleibt steril, in der Achsel von b entsteht eine (überwinternde) Knospe. Diese Knospe (b, Fig. 129) ist eine Laubblattknospe, nicht eine Blütenstandknospe wie bei FLÜCKIGER u. and. steht (vgl. den Querschnitt Fig. 129). Die Blütenstände entstehen erst an den Jahrestrieben, daher blüht die Linde so spät. Die Infloreszenz selbst schließt mit einer Gipfelblüte (t), der drei zarte Hochblättchen c, d und e vorangehen, die in einer Spirale angeordnet sind Fig. 129), c bleibt steril, die beiden anderen d und e entwickeln in ihren Achseln Blüten, deren Stielen sie eine Strecke weit angewachsen sind. Diese Blüten haben zwei sehr zarte, ungleich hoch inserierte, hinfällige Vorblättchen. Aus diesen kann sich die Verzweigung fortsetzen. Bei T. platyphyllos beträgt die Zahl der Blüten 3–7, bei T. ulmifolia bis 13 (oder gar 15). Die sekundäre Verzweigung der Infloreszenz ist dichasialwickelig. Die etwa 6–8 cm lange Infloreszenz ist besonders ausgezeichnet durch das der Infloreszenzachse ein Stück weit — meist etwa bis zur Mitte — angewachsene große, lineal-längliche, zungenförmige, stumpfe, ganzrandige, häutige, netzadrige, bleich-grüngelbliche Deckblatt (sog. Bractee — es ist aber ein Hochblatt). Die proterandrische Blüte ist fünfzählig. K 5, C 5, A 30–405 G. (5). Die zahlreichen Stamina sind als aus fünf epipetalen Primordien entstanden zu denken.

Fig. 129.
Tilia platyphyllos.
1. Infloreszenz in der Aufsicht. 2. Dasselbe im Grundriß. Die Buchstaben bezeichnen die korrespondierenden Teile. 3. Blüte im Längsschnitt.
[
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Der Kelch, der besonders beim Aufblühen sehr angenehm riechenden (bei T. platyphyllos ansehnlicheren) Blüten besteht aus fünf in der Knospenlage klappigen, leicht abfallenden, oval-oblongen, kahnartigen, c. 5 mm langen, grau-grünen, behaarten Blättern. Die fünf mit den Sepalis alternierenden Kronenblätter sind länger als die Kelchblätter, grünlich-gelb (bei T. plat. gelb), oblong-spatelförmig, an der Spitze abgerundet oder zugespitzt, in der Knospenlage gedreht. Sie besitzen an ihrer Basis auf der Innenseite ein drüsiges Nectarium (SCHNITZLEIN), weshalb die Blüten viel von Bienen und Fliegen besucht werden, die vom Dufte angelockt, oft zu hunderten die blühende Linde umschwärmen. Die zahlreichen (30–40), freien Staubgefäße sind kaum länger als die Blumenblätter. Sie stehen in fünf epipetalen Phalangen und sind alle fruchtbar. An der Spitze ist das Filament gegabelt und trägt an den Gabelästen die beiden gesonderten Thekae (Antherenhälften), die am Rücken angeheftet sind und mit Längsspalten aufspringen. Der oberständige Fruchtknoten ist kugelig, dicht filzig. Er besteht aus 5 (selten 3 oder 4) Carpellen und ist meist fünffächerig. In jedem Fach liegen zwei anatrope, aufstrebende Ovula. Von allen zehn wächst aber nur eins (oder zwei) zu dem endospermhaltigen Samen heran, die anderen verkümmern und werden beiseite geschoben. Der einfache Griffel ist kürzer als die Staubgefäße und trägt an der Spitze eine fünflappige, papillenfreie Narbe, deren Lappen vielfach zerschlitzt sind. Die nußartige, einsamige Frucht ist 7–8 mm breit, fast kugelig, mit kurzer, schiefer Spitze versehen. Die Früchte sind bei T. ulmifolia dünnschalig, zerbrechlich, undeutlich-kantig, bei T. platyphyllos größer (oft 4 mm), fünfkantig, mit holziger Schale. Der Fruchtstand trägt noch die Bractee (s. oben). Dies «Flügelblatt» dient ihm als Flugapparat. Der Same enthält reichlich Endosperm und einen Keimling mit gefalteten, blattartigen, fünflappigen Keimblättern, sowie einer dicken Radicula.
Verbreitung. T. platyphyllos erreicht ihre Polargrenze schon in Mitteldeutschland (WILLKOMM), wo sie übrigens ursprünglich nicht heimisch war (GRISEBACH). T. ulmifolia dagegen, die nach den Moorfunden zu schließen, als alteinheimische Pflanze Nordwestdeutschlands anzuerkennen ist (HOOPS, vgl. auch BOCK oben S. 367) und die sich im größten Teile von Europa findet, geht wildwachsend in Norwegen und im Ural bis zum 62°, in Schweden bis zum 63° (in Anlagen bis zum 68°, SCHÜBELER). Im Süden findet sie sich mehr in den Bergen (bis 1200 m). Sie fehlt in Süd-Spanien, Süd-Italien und Griechenland, findet sich aber in den südlichen Kaukasusländern und geht über den Ural bis zum Altai. Im russischen Gouvernement Kostroma finden sich Linden noch auf dem 68°. T. platyphyllos ist wohl im Südosten (Donauländer, Griechenland, Unteritalien, Spanien) heimisch. Wälder bildend ist die Linde in Deutschland nie gewesen und ist sie auch heute nicht, im Osten dagegen, z. B. am Dnjepr, finden sich große Lindenwälder. Beide Linden finden wir oft als Alleebäume, in Anlagen, auf Friedhöfen, am Dorfteich, «am Brunnen vor dem Tore», — sowie als «Gedenklinden» angepflanzt. T. platyphyllos ist stärker und langlebiger als T. ulmifolia.
Lit. BERG-SCHMIDT, Atlas II. Aufl. t. 108 (dort die systemat. Liter.). — PABST-KÖHLER, Medizinalpfl. t. 15. — SZYSZYLOWICZ, Syst. d. T. Englers Jahrb. VI (1885). — J. MOELLER, Pharmakogn. Fig. 108 u. 109 und Artikel Tilia in Realenzykl. d. Pharm. — EICHLER, Blütendiagr. — SCHUMANN in ENGLER-PRANTL, Pflanzenfam. — TSCHIRCH-OESTERLE, Atlas. — SCHÜBELER, Pflanzenwelt Norwegens. — FLÜCKIGER, Pharmakogn. — GRISEBACH, Vegetat. d. Erde I, 142. — WILLKOMM, Forstl. Flora. — SCHNITZLEIN, Das Honigorgan d. Lindenblüte. Ber. Naturhist. Ver. Augsburg 1858. — HOLMES, Pharm. Journ. 1900, 418.
Einsammlung. Lindenblüten werden gesammelt in Deutschland (Franken, Elsaß) — der Elsaß liefert jährlich 2–3000 kg (ROSENTHALER) — der Schweiz, speziell in den Kantonen Bern, Solothurn, Luzern, Uri, Wallis, St. Gallen (SCHÜRMANN), Österreich (z. B. Mähren), Ungarn (PATER) und den Balkanländern. Montenegro führte 1907 für 20900 Kronen Flos tiliae aus (TUNMANN); auch Österreich exportiert (MITLACHER), ebenso Belgien (I, S. 100) und das Gouvernement Poltawa (Rußland). Durch, wegen der Beschädigungen der Bäume durch vandalisches Abreißen ganzer blütentragender Zweige, erlassene polizeiliche Verfügungen ist das Einsammeln von Lindenblüten in Deutschland sehr erschwert. Die Handelsware besteht (nach A. MEYER) meist aus den Blütenständen von T. platyphyllos, obwohl die von T. ulmifolia höher geschätzt werden. 4 Teile frische Blüten geben 1 Teil trockene. Will man oxydasehaltige Blüten, so muß man bei niedriger Temperatur im Schatten trocknen, da die Oxydase durch scharfes Trocknen und Sonnenlicht zerstört wird (CARLES). Der Vorrat ist jährlich zu erneuern, da die Blüten sich rasch verriechen. Der Geruch nimmt schon beim Trocknen stark ab. Es ist auch Fl. Til. sine bracteis im Handel.
Lit. MITLACHER, Pharm. Post 1909. — ROSENTHALER, Apoth. Zeit. 1909. — SCHÜRMANN, Schw. Wochenschr. 1908. — TUNMANN, Apoth. Zeit. 1910.
Pathologie. Auf den Blättern der Linde kommen verschiedene parasitische Pilze, namentlich Pyrenomyceten und Imperfekten vor. Dieselben können sicherlich auch mitunter das Deckblatt der Infloreszenzen oder letztere selber befallen. Es wird dies angegeben für Gloeosporium tiliaecolum ALLESCHER, welches nach LAUBERT (Zeitschrift f. Pflanzenkrankh. Bd. 14, 1904) auch auf diesen Teilen auftreten kann (ED. FISCHER).
Über die tierischen Schädlinge der Linde berichtet ISRAEL:
Käfer: Pogonocherus hispidus L. Die Larve dieses Bockkäfers lebt in dürren Zweigen von Tilia- und Acerarten. Bostrychus tiliae FB. Larve unter der Rinde von Lindenbäumen. Aegosoma scabricorne SCOP. Die Larve dieses selteneren Käfers lebt im Holze der Linde und anderer Laubbäume. Rhynchites betuleti FABR. Larve auf Linde, Birke, Haseln usw. Dorcus parallelepipedus L. Larve in kernfaulen Linden, Buchen, Hainbuchen, Nuß- und Obstbäumen usw. Osmoderma eremita SCOP. Die Larve dieses Käfers lebt meist zu mehreren in kernfaulen Linden, Erlen, Eichen usw. Anobium tessellatum FABR. Larve gesellig in Lindenstöcken usw.
Falter: Vanessa antiopa L., Smerinthus tiliae HB. an Lindenblättern. Zeuzera aesculi L. Im Holze der Äste. Cossus ligniperda O. Im Stammholze und den starken Wurzeln von Tilia, Salix, Populus, Prunus, Quercus usw. usw. Aglia tau. HB., Gastropacha lanestris HB., Notodonta camelina HB., Stauropus fagi HB., Phalera bucephala HB., Orgyia pudibunda HB., Ocneria dispar. L., Liparis monacha HB., Liparis auriflua HB., Laria V. nigrum F., Miselia aprilina L., Acronycta alni HB. und andere Acronycta-Arten. Orthosia und Xanthia-Arten, Amphipyra pyramidea HB., Crocalis elinguaria HB. und viele andere Spanner. Tortrix- und Penthina-Arten usw. usw.
Schnabelkerfe: An den Trieben der Linde und ihren Blättern leben auch eine Anzahl schwer zu bestimmender Aphiden.

Fig. 130.
Tilia platyphyllos.
Epidermis der Ober- (Innen-)Seite des Kelchblattes.
[
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Anatomie. Die ziemlich dicken (270–330 mik) Kelchblätter besitzen auf der Oberseite große polyëdrische Epidermiszellen und zahlreiche lange, dünne, einzellige, gerade oder hin- und hergebogene Haare (Fig. 130) und Büschelhaare mit 2–5, bisweilen ungleich langen Strahlen und oft gekrümmter Spitze. Am Blattrande liegen zweistrahlige Büschelhaare mit oft stark verbogenen und durcheinander geschlungenen Strahlen. Besonders die subepidermale Zellreihe führt Calciumoxalatdrusen. Im Mesophyll finden sich zahlreiche, oft zu Gruppen vereinigte Schleimzellen, deren trennende primäre Wand oft auch verschleimt, so daß große Schleimhöhlen entstehen. Die sekundäre Schleimmembran zeigt (besonders beim Präparieren in Alkohol) schöne Schichtung. Die Epidermis der Unterseite ist kleinzelliger und trägt keine oder doch nur wenige Haare. Die viel dünneren (105–140 mik) Korollenblätter sind oft nur 3–5 Zellreihen dick. Die gestreckten, nur wenig wellig verbogenen Epidermiszellen beider Seiten zeigen eine gefaltete Cuticula. Im Mesophyll liegen zahlreiche Schleimzellen und große Schleimhöhlen (s. oben), die am unzerkleinerten Blatte bei durchfallendem Lichte schon mit bloßen Augen sichtbar sind, sowie Zellen mit Oxalatdrusen. Die Lamina ist im allgemeinen haarfrei, doch finden sich an der Blattbasis Köpfchenhaare und am Blattrande (Fig. 131) Büschelhaare mit 2–5, oft gewundenen Strahlen. Auch in den Filamenten, dem Connectiv und der Antherenwand finden sich Schleimzellen. Die Antherenwand ist dreischichtig. Die fibröse Schicht bildet die Mittelschicht. Die Pollenkörner, die man bisweilen im Honig findet (s. d.), sind tetraëdrisch, 27–34 mik groß und besitzen drei Austrittsstellen für den Pollenschlauch. Sie besitzen eine Stäbchenschicht und zeigen daher eine feine Punktierung. Die Fruchtknotenwand ist von vielen 2-vielstrahligen Büschelhaaren mit oft bizarr verkrümmten Strahlen bedeckt, auf die parenchymatische Randschicht folgt eine obliterierte braune Zone, in der die Bündel verlaufen, und dann die Schleimzellenschicht. In der Fruchtknotenwand findet sich in besonderen Zellen ein eisenbläuender, im übrigen Gewebe ein eisengrünender Gerbstoff. Auch die Ovula werden durch Eisenchlorid blau (VOGL). Selbst der Griffel führt Schleimzellen und Oxalatdrusen und in der Mitte das leitende Gewebe. Ebenso finden sich in Mark und Rinde des Infloreszenzstieles Schleimzellen. Der im Querschnitt ovale Holzkörper ist hier umgeben von einem zarten Siebteil, in den hinein von dem breiten Bastzellpanzer aus Sklereïdenzapfen ragen. Das dem Infloreszenzstiel angewachsene, von zahlreichen bastzellreichen Bündeln durchzogene, derbe Flügelblatt (sog. Bractee) führt an den Nerven ebenfalls Schleimzellen. Die Bastbelege sind von Kristallkammerfasern begleitet, die rhomboëdrische Kristalle und Drusen führen (VOGL). Das außerordentlich reich durchlüftete Mesophyll zeigt an der morphologischen Oberseite palissadenartige Streckung. Auf der Unterseite finden sich Spaltöffnungen. Es ähnelt also im Bau einem Laubblatte. Im Glycerinpräparat frischer Brakteen finden sich Sphaerokristalle, die TUNMANN für Hesperidin hält. Die Oxalatdrusen sind bei Tilia von einer Haut umgeben, die nachträglich mit der Membran verwächst, liegen also in sogenannten Taschen (WITTLIN).

Fig. 131.
Tilia platyphyllos.
1. Querschnitt durch den Rand des Kronenblattes. 2. Querschnitt durch ein Kelchblatt.
[
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Lit. Weitere Details in A. MEYER, Drogenkunde und TSCHIRCH-OESTERLE, Atlas t. 11. — KARSTEN-OLTMANNS, Pharmakogn., Fig. 308–314. — VOGL, Kommentar 1908, S. 149. — TRÉCUL, Mucilages. Adansonia VII (1866). — FRANK, Beitr. z. Pflanzenphys. Leipzig 1868. — DUMONT, Ann. sc. nat. bot. 5 (1887), 135. t. VI. — MATTIROLO, Sviluppo e natura dei tegumenti seminal. nel gen. Tilia Nuov. Giorn. bot. 1885. — HOLFERT, Nährschicht. Flora 1890. — SCHWARZ und WAHSARG, Pringsh. Jahrb. 1884, t. III. — WITTLIN, Kalkoxalattaschen. Bot. Centralbl. 1896. — SOLEREDER, System. Anat. d. Dikotylen. S. 176 (dort weit. Lit.). — Über Lindenbast und Lindenholz vgl. WIESNER, Rohstoffe 2. Aufl.