I. Kohlehydratdrogen. (continued 15)
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Die Démasclage schädigt den Baum nicht, soll seine Lebensdauer sogar erhöhen. Die Größe der Rohkorkplatten schwankt meist zwischen 0,3 und 0,8 qm und 5 und 20 cm Dicke, doch sah HARTWICH Platten von 135 cm im Quadrat. Der andalusische Kork ist hell und meist sehr weich, der katalonische rötlich und härter, der portugiesische gelbrot. Zur Stöpselfabrikation werden meist nur Platten von wenigstens 22 mm Dicke benutzt. Man stellt aus den zuvor eingeweichten Platten (mit der Hand oder mit Maschinen) zunächst Parallepipeda her und schneidet daraus dann die Korke. Bei Maschinenschnitt — eine Korkschneidemaschine kann in 10 Stunden 20–25000 Korke schneiden — erhält man mehr Abfall (bis 50%) wie bei Handschnitt. In Spanien wird viel Kork in Hausindustrie geschnitten. Die Jahresringe müssen auf dem Stöpselkopf als Querstreifen sichtbar sein, d. h. der Kork muß so geschnitten werden, daß eventuelle Lentizellenkanäle rechtwinklig zur Achse des Korkes stehen. Bei sehr breiten Korken ist dies nicht der Fall. Dieselben schließen daher auch nicht luftdicht.
Die bedeutendsten deutschen Stöpselfabriken liegen in Bremen und Delmenhorst (Oldenburg), Raschau (Sachsen), Berlin, dann finden sich auch solche in Thüringen, Baden, Hessen, ferner der Schweiz (Genf) und in England, Österreich (Wien), die größten Fabriken aber in Spanien und Frankreich (Bordeaux). Die fertigen Korke passieren Sortier- und Zählmaschinen. Vor dem Sortieren werden die Korke bisweilen mit Salzsäure oder Oxalsäure oder schwefliger Säure behandelt (Oxalsäure gibt ihnen eine rötliche Färbung). 9⁄10 des Korkes wird auf Stöpsel verarbeitet, 1⁄10 auf anderes (s. hinten).
Die 19% Gerbstoff enthaltende Rinde nicht zur Korkgewinnung tauglicher Bäume wird in Sizilien, Algerien und Tunis auf Gerberlohe verarbeitet. Viele Korkbäume wurden z. B. in Sardinien geopfert, um die Rinde zu gewinnen. In Marocco wird noch viel Korkrinde zu Gerberlohe und Holzkohle verarbeitet, da die Regierung die Ausfuhr des Korkes verboten hat. Die Rinde der Korkeiche ist reicher an Tannin wie die aller anderen Eichen. Die Produktion beträgt jetzt 60–70000 quint. (LEFEBVRE). Auch der nach der ersten démasclage gebildete Kork, der 18% Gerbstoff enthält, dient in Algier als Gerbematerial. Die Früchte (Tardias, Palomeras) dienen zur Schweinemast. Der Wohlgeschmack der Schinken von Bayonne wird auf die Mast mit Eicheln von Querc. occidentalis zurückgeführt.
Lit. JAUBERT DE PASSA, Mem. soc. d’agric. d. l. Seine 1837. — WILLKOMM, Jahrb. Akad. Tharand 1859. — TORRENT, Le liège. Boulon. 1880. — CASIMIR DE CANDOLLE, De la product. nat. et artific. du liège dans le chêne liège. Mém. Soc. d. phys. et d’hist. nat. Genève 16 (1861) 1. — P. ARTIGAS Y TEIXIDOR, El Alcornoque y la industria taponera Madrid 1875. Alcornocales, industria taponera Madrid 1885 und Alcornocales é industria corchera Madrid 1895 (New Remed. New York 1880 und Bot. Jahresber. 1880, 2, 749). — DE GRAFIGNY, Le liège et ses applications. Paris 1888. — A. LAMEY, Le chêne-liège, sa culture et son exploitation. Paris 1893. — J. REIN, Geograph. u. naturwissensch. Abhandl. Leipzig 1892. — SEMLER, Tropische Agrikultur (dort Details). — E. A. MÜLLER, a. a. O. (s. oben).
Handel. Die Korkproduktion Portugals übertrifft die aller anderen Länder. MÜLLER schätzte sie 1900 auf 50 Mill. und die Korkausfuhr erreichte schon 1897 fast 47 Mill. kg, während die Korkproduktion Spaniens von ARTIGAS auf nur 30 Mill. kg geschätzt wird. Die Ausfuhr Spaniens schwankt jetzt zwischen 8 und 9 Mill. kg pro Jahr (MÜLLER). Der portugiesische Kork ist aber weniger geschätzt und daher ist der Wert der spanischen Ausfuhr größer als der der portugiesischen. Die Hauptausfuhrhäfen sind auf der Karte unterstrichen. 1896 hatte die algerische Ausfuhr die spanische erreicht. Sie ist im Steigen begriffen. Sie betrug 1897: 11,9, 1898: 8,3 Mill. kg. Der algerische Kork steht dem spanischen und portugiesischen an Wert nach. Die Staatsdomänen, die alljährlich den Ertrag versteigern, lieferten 1898 5¼ Mill. kg. Die Produktion an liège brut betrug in Algier 1899: 45000 quint. aus Staatsdomänen, 6000 aus Gemeindewaldungen, 108000 aus Privatwaldungen (LEFEBVRE). Der Export von Tunis betrug 1908: 800000 quint. Frankreich produziert jährlich 120–130000 quint Rohkork (LEFEBVRE). Frankreich führte 1908 12428000 kg Kork ein, besonders (⅔) aus Algier, dann aus Spanien, Portugal, Tunis und Italien. Italien exportierte 1897 c. 1½ Mill. kg. Die Produktion wurde 1900 auf 8000 quint geschätzt. (Sardinien und Sizilien je 12000 quint.)
1911 wurde die jährliche Korkproduktion wie folgt geschätzt in Tonnen (t): Portugal: 74500, Spanien: 23300, Algerien: 17100, Frankreich: 12000, Italien: 3800, Corsica: 1600 (ALFRED WEBER). Korkbörsen finden sich in Marseille und Bône (Algier).
Man unterscheidet bei dem Rohkork nach der Plattendicke 4 Kategorien: I. 31 mm und darüber, II. 26–30 mm, III. 23–25 mm, IV. 22 mm. Die Menge der jährlich fabrizierten Stöpsel schätzt LAMEY (1893) auf 6 Milliarden, davon entfallen auf Spanien 2 Milliarden. Der tägliche Bedarf an Stöpseln auf der Erde wird neuerdings auf 20 Millionen geschätzt (HOEHNEL). Deutschland verbraucht für über 12 Mill. M. Kork im Jahr. Die Gesamtproduktion dürfte einen Wert von 100 Mill. M. erreichen.
Lit. LEFEBVRE a. a. O. — MÜLLER a. a. O. — SEMLER, Tropische Agrikultur. — V. HOEHNEL in WIESNER, Rohstoffe — Kork-Industrie-Zeitung (Red. ALFR. WEBER).

Fig. 154.
Korkzellen aus Flaschenkork im Querschnitt an einem Jahresring, in 2 Sclereïdenbildung.
[
Tschirch
gez.]
Anatomie. Die subepidermale Korkbildung beginnt bei Quercus Suber schon im ersten Jahr, die Epidermis wird im dritten abgeworfen (KÜGLER). Das Phellogen bildet reichlich Korkzellen. Über den männlichen Kork s. oben S. 461. Der aus dem weiblichen Kork (s. oben S. 461) dargestellte Flaschenkork wird seiner Hauptmasse nach aus dünnwandigen, im Querschnitt nahezu quadratischen oder radialgestreckten, in Radialreihen angeordneten, bis 100 mik breiten Korkzellen gebildet, deren Wand wohl infolge der Behandlung bei der Fabrikation bisweilen wellig verbogen erscheint. In den Zellen findet man bisweilen kleine Prismen von in Chloroform löslichem Cerin, seltener Plasmareste oder Oxalatdrusen (HOEHNEL), immer Luft. Hier und da — bei guten Sorten selten — ist in dies gleichförmige Gewebe eine Brachysklereïde mit durchweg stark verholzter, nicht sehr dicker Wand und variablem Umriß eingebettet. Zahlreicher sind diese einen rotbraunen Inhalt führenden Sklereïden (Fig. 154, 2) in den jahrringartigen und in der Tat den Jahreszuwachsen entsprechenden Zonen die in unregelmäßigen Abständen und zarten, geschlängelten Bogenlinien den Kork durchziehen, die feine Musterung desselben hervorrufen und aus mehreren Reihen etwas dickwandigerer Zellen von Tafelform bestehen (Fig. 154, 1), deren Wand gebräunt ist und die bisweilen auch bräunlichen Inhalt führen. FLÜCKIGER erwähnt neben diesen noch «falsche Jahresringe» aus zusammengefallenen Zellen, die sich aber beim Erwärmen mit Wasser zu normalen Zellen strecken. Die besonders bei schlechten Korksorten häufigen braunen bröckligen Stellen, die beim Pressen des Korkes ein braunes Mehl entlassen, bestehen aus lockeren, aus dem Gewebeverbande gelösten Sklereïden und Sklereïdennestern, gemengt mit wenigen rundlichen obliterierten Korkzellen. KÜGLER hat (da bei der normalen Rinde Lentizellen auftreten und von diesen Risse ausgehen) diese Nester mit Lentizellen in Verbindung gebracht und in der Tat sieht man auf Querschnitten besonders schlechter Sorten Rohkork oft, daß die braunen mehligen Stellen des Innern nach außen hin in eine der zahlreichen von außen eindringenden Spalten münden, an deren Ausführungsöffnung vielleicht eine Lentizelle lag. Bisweilen durchsetzen diese braunen Streifen sogar die ganze Korkschicht. Die zahlreichen Löcher, die man auf der Innenseite der Rohkorkplatten sieht, gehören zu diesen Streifen, die vielleicht auch zu den Markstrahlen in Beziehung stehen. Wenn man berücksichtigt, wie außerordentlich die normale Transpiration des Stammes durch den riesigen Korkpanzer behindert ist, so kann man hier sehr wohl an eine besondere Form von Lentizellen denken, da diese ja bekanntlich der Durchlüftung dienen. Bei den nicht mehr bis zum Phellogen reichenden funktionslos gewordenen erschiene dann auch die Sklerose der Zellen verständlich. Aber es liegt jedenfalls im Interesse des Kultivateurs, die Bildung dieser braunen Stellen zu verhindern. Wie es scheint gelingt dies durch öftere Wiederholung der Démasclage bei alten Kulturen und dadurch, daß man nach Ablösung des Korkes einen Längseinschnitt in die Korkmutter macht (Taf. X). Sicher ist, daß dadurch die Bildung zahlreicher Risse vermieden wird. Die dünne Wand und das weite Lumen der Korkzellen (Fig. 154) geben dem Flaschenkork seine Geschmeidigkeit. Bemerkenswert erscheint es, daß als Folge der Prozedur, die behufs Erzeugung des weiblichen Korkes an den Stämmen der Korkeiche vorgenommen wird — Entfernung des normalen Korkes bis zum Phellogen — hier mutatis mutandis dieselbe Erscheinung zu beobachten ist wie bei den Schälwunden, die die Rinde bis zum Cambium entfernen. Bedeckt man nämlich eine solche Wunde, z. B. bei Cinchona Succirubra, so erzeugt das Cambium zunächst eine große Menge weiter dünnwandiger Parenchymzellen (renewed bark). Es scheint also eine allgemeine Erscheinung zu sein, daß die auf Schälwunden neu erzeugten Gewebe weiter und dünnwandiger sind als die normalen Gewebe. Die äußeren Jahreszuwachszonen sind erheblich breiter als die inneren, die infolge des Druckes der äußeren oft nur sehr schmal sind. Ich zähle an einer 30 mm dicken Korkplatte 11 Jahresringe. Der äußerste ist 4,5–5, der zweite 5–5,5 mm breit, der dritte 3,5–4, der vierte bis sechste 2–3 mm, die innersten 0,5–1 mm breit. Dieselbe Zone besitzt nicht überall die gleiche Breite. Der Kork ist um so besser je breiter die Jahreszonen, je dünner und weiter die Korkzellen und je weniger Sklereïdennester und -streifen vorhanden sind. Der männliche Kork enthält nur schmale, 0,5–1 mm breite Jahreszuwachszonen, eng beieinander liegende Jahresringe und daher mehr dickwandige Zellen.
Mikrohistochemie. Die Membran der Korkzellen besteht aus zwei Schichten, der Mittellamelle, die zwei Zellen gemeinsam ist und der Suberinlamelle, zu denen bei dickeren Zellen noch eine verholzte Innenhaut tritt (HÖHNEL). Die Mittellamelle ist sehr schwer zu sehen, auch nach Zusatz von Chlorzinkjod, welches die ganze Wand gelb, oder Phloroglucin-Salzsäure, welches sie rot färbt, tritt sie kaum deutlicher hervor. Erst wenn man einige Zeit mit Soda kocht, auswäscht und mit Fuchsin färbt, hebt sich die Suberinlamelle von der Mittellamelle ab. Läßt man einige Stunden in konz. Kalilauge liegen, wäscht aus und setzt Chlorzinkjod hinzu, so färbt sich die Suberinlamelle rotviolett oder kupferrot (Phellonsäure- nicht Zellulose-Reaktion, GILSON, WISSELINGH). Die Färbung tritt nicht ein, wenn man nach der Kalibehandlung vor dem Zusatz von Chlorzinkjod mit Alkohol kocht, wobei das Kaliumphellonat gelöst wird. Kocht man mit 40% Kalilauge, so färbt sich nach dem Auswaschen die Suberinlamelle mit Chlorzinkjod rosa. Bei längerem Kochen wird sie zerstört, der Mittellamelle wird das Lignin entzogen und diese färbt sich nun nach dem Auswaschen mit Chlorzinkjod blau (Cellulosereaktion), ebenso wie die nun bisweilen (bei dickeren Zellen) sichtbar werdende Innenlamelle. Bei den dünnwandigen Zellen ist die Innenlamelle (Celluloseschlauch HÖHNELS) nicht zu sehen. SCHULTZEsche Macerationsflüssigkeit löst die Mittellamelle. Bei kürzerer Einwirkung wird ihr nur das Lignin entzogen und sie reagiert dann nach dem Auswaschen blau (oder gelb) auf Chlorzinkjod. Legt man nach kurzer Einwirkung von SCHULTZEscher Macerationsflüssigkeit in Kali und wäscht aus, so färben sich Mittellamelle (und, wo vorhanden, auch Innenlamelle) mit Chlorzinkjod blau, die Suberinlamelle kupferrot. Nach Behandeln mit Kupferoxydammoniak färbt sich die Suberinlamelle mit Chlorzinkjod gelb, da Kupferphellonat gebildet wird. GILSON schließt aus obigen Reaktionen, daß die Suberinlamelle keine Cellulose enthält, und nur in Mittellamelle (und Innenlamelle) Cellulose vorkommt in Form von sog. verholzter Membran (vgl. S. 263). Beim Behandeln mit SCHULTZEschem Gemisch treten aus der Korkmembran Tropfen aus (Ceresinsäurereaktion von HÖHNEL).
VAN WISSELINGH schreibt mir (1911): «Daß die Suberinlamelle keine Cellulosegrundlage hat, geht aus folgendem hervor: Bei Erwärmung in Glycerin auf 300° (in zugeschmolzenen Röhrchen) wird die Korklamelle meistenteils ganz zersetzt und entfernt ohne Zurücklassung von Cellulose, während dünne cellulosehaltige Wände noch unvermindert oder deutlicher die Cellulosereaktionen zeigen. Durch Erwärmen mit einer Lösung von Kaliumhydroxyd in Glycerin (10proz. auf dem Objektträger), sowie bei Behandlung mit alkoholischer Kalilauge bei gewöhnlicher Temperatur wird die Suberinlamelle ganz entfernt ohne Zurücklassung von Cellulose. Bei Untersuchung echter Korkzellwände habe ich niemals Anzeichen für Anwesenheit von Cellulose oder anderen Kohlehydraten in der Suberinlamelle erhalten.»
Erwärmt man Schnitte in Wasser, so sieht man, daß die Korkmembranen über dem Gipsblättchen sich neutral verhalten, daß aber mit dem allmählichen Erkalten die frühere optische Reaktion wiederkehrt (AMBRONN) — kann beliebig oft wiederholt werden —. Daraus schließt Ambronn, daß in diesen Membranen die Einlagerungssubstanz in kristallinischer Form mit gleichsinniger Orientierung der kleinsten Teilchen vorhanden ist. Verkorkte Membranen verlieren auch durch Behandlung mit Kalilauge ihre normale optische Reaktion, das Achsenverhältnis kann sich sogar umkehren (DIPPEL) oder sie werden wenigstens neutral (AMBRONN).
Lit. MOHL, Entwickl. d. Korkes. Diss. 1836 u. Vermischte Schrift. Bot. Zeit. 1847, 497. — MITSCHERLICH, Monatsber. d. Berl. Akad. 1850. — SCHACHT, Anat. u. Phys. 1856 I, 287. — SANIO, Vgl. Unters. über d. Bau u. Entw. d. Korkes. Pringsh. Jahrb. 2 (1858). — DE BARY, Anatomie. — TSCHIRCH, Angew. Anatomie. — HANAUSEK, Techn. Mikroskop. — VON HÖHNEL, Über den Kork u. verkorkte Gewebe überhaupt. Sitzungsb. d. Wien. Akad. 76 (1877), 527. — ROSS, Contr. alla conosc. del periderma Malpighia 1890. — ZIMMERMANN, Reakt. von Kork und Cuticula. Zeitschr. f. wiss. Mikrosk. 9 (1892) 59. — KÜGLER, Über d. Kork von Quercus Suber. Arch. Pharm. 22, 217. — VAN WISSELINGH, Sur la paroi des cellules subéreuses. Arch. Néerland. 22, 1888 und 26, 1893. — GILSON, La subérine et les cellules du liège. La Cellule 6. — AMBRONN, Über d. opt. Verhalt. d. Cuticula u. d. verkorkten Membranen. Ber. d. d. bot. Ges. 1888. — DIPPEL, Mikroskop II. — Erste Abbild. der Korkzellen in ROBERT HOOKE, Micrographia or some physiological descriptions of minute bodies made by magnifying glasses. London 1667 fol. 112, observat. XVIII Taf. XI.
Chemie. BRUGNATELLI erhielt 1787 bei Behandlung des Korkes mit HNO3 Korksäure oder Suberinsäure, (CH2)6(COOH)2 (s. oben S. 457), die BOUILLON LA GRANGE als verschieden von der Oxalsäure erkannte. CHEVREUL, der die acide subérique zur Sebacinsäure THÉNARDS in Beziehung brachte, erhielt beim Behandeln des Korkes mit siedendem Wasser unter Druck 14% Extrakt, darin Farbstoffe, Gallussäure, stickstoffhaltige Substanzen, Eisen, Kalk und Magnesiaverbindungen und aus dem ungelösten Rückstand durch Extraktion mit Alkohol, neben Harz, krist. Cerin oder Korkwachs (C32H20O BOUSSINGAULT, C25H20O3 DÖPPING, C17H28O SIEWERT). Er ist der Ansicht, daß die Farbstoffe, Harze und Fette dem Zellinhalt angehören. Den mit Wasser und Alkohol erschöpften Rückstand nannte er Suberin (DOEPPING nannte den in Wasser, Alkohol, Salzsäure und Äther unlöslichen Teil so). BOUSSINGAULT fand das Suberin größtenteils in Alkali löslich, aus der Lösung fällen Säuren die Substanz, welche mit HNO3 Korksäure bildet. Die zur Oxalsäurereihe gehörige Korksäure kann auch aus Ricinusöl, Leinöl u. and. Ölen, Cocos und Palmfett, Walrat, Stearin- und Ölsäure mittelst HNO3 dargestellt werden (ETAIX, VANZETTI, BROMEIS, ARPPE, DALE u. and.), wo sie neben Azelainsäure entsteht (ARPPE) und wird synthetisch aus Dibromhexan (wie Azelainsäure aus Dibrompentan) erhalten (BRAUN). Sie entsteht auch durch Reduktion der Octadiidisäure (LESPIAU und VAVON). DÖPPING erhielt durch Behandeln des Cerins mit Salpetersäure Cerinsäure (C42H34O3) und gab dem in HNO3 unlöslichen Teil den Namen Korkzellulose (C6H10O5). SIEWERT fand krist. Fettsäuren im Alkoholextrakt (2,5% Decakrylsäure: C10H18O2, Eulysin: C24H36O3). Phellylalkohol (Cerin) war zu 1,75% vorhanden. Die Corticinsäure ist ein unreiner Körper.
PAYEN fand, daß der mit Salzsäure, Essigsäure, Kalilauge und Wasser extrahierte, von den «Inkrusten» (bes. Fetten) befreite Kork (der Kartoffel) in Kupferoxydammon löslich ist. Er hält ihn für Zellulose, ebenso WIESNER und HABERLANDT den nach Extraktion mit Chromsäure oder SCHULTZEscher Macerationsflüssigkeit erhaltenen Rückstand. Nach FRÉMY und URBAIN enthält der Kork 43% Cutose (= Suberin), 29% Vaskulose, 12% Zellulose und «Parazellulose» und 15% in Säuren und Alkalien lösliche Stoffe (Cutose + Vaskulose = Suberin, CHEVREUL). V. WISSELINGH fand das Suberin in auf 250–290° erhitztem Glycerin löslich.
Die Fettsäuren untersuchte zuerst KÜGLER. Er fand im Chloroformextrakt neben krist. Cerin, F. 250° (C20H32O), das THOMS als phytosterinartig erkannte und C30H50O2 oder C32H54O2 formulierte, Glycerin und Stearinsäure und eine neue krist. Säure: Phellonsäure (C22H42O3), welche Säuren KÜGLER reichlicher durch Kochen des mit Chloroform erschöpften Korkes mit alkoholischer Kalilauge erhielt. GILSON fand im Kork neben Cerin 44% Fettsäuren (acides subérogéniques) und in diesen 8% einbasische krist. Phellonsäure (F. 95–96°, C22H43O3 GILSON, C22H42O3 KÜGLER, Konstitutionsformel nach V. SCHMIDT s. oben S. 457), deren in Wasser unlösliche Alkalisalze mit Chlorzinkjod rotviolett werden (Kupferphellonat wird braun), 36% amorphe Suberinsäure (halbflüssig, C17H30O3) und sehr wenig krist. Phloionsäure (Nadeln, F. 120–121, C11H21O4 oder C22H40O7 kann fehlen), deren Alkalisalze sich mit Chlorzinkjod nicht färben. V. SCHMIDT, der in dem Chloroformextrakt des Korkes (neben Cerin) ebenfalls Glyceride der Fettsäuren fand, nimmt in der Korksubstanz die Fettsäuren in der Form verseifbarer Anhydride an (s. oben S. 457). Nach ISTRATI und OSTROGOVICH wird Cerin von Friedelin (C43H70O2, F. = 263,5) begleitet. KÜGLER gibt im Korke von Quercus Suber an: 2,9% Cerin, 30,10% Fettsäuren, 2,65% Glycerin, 12% «Lignin», 8% Huminsubstanzen, 22% «Zellulose» (?), 5% Wasser, 0,5% Asche.
Woher die Pentosane stammen, die COUNCLER aus Rinden erhielt, ist zweifelhaft. Möglicherweise enthält die verholzte Mittellamelle ein Xylan (CZAPEK), vielleicht aber stammen sie auch von Nucleoproteïden (des Inhaltes?). Der Stickstoffgehalt des Korkes, der 1,5–3% beträgt und den schon HOFMEISTER (1867) der Membran zuweist, sollte mit Rücksicht auf die bei der Pilzzellulose gemachten Erfahrungen einem erneuten Studium unterworfen werden. Er wird jetzt meist auf die Proteïnkörper des Inhaltes bezogen. Ferner wurden im Kork gefunden: der aromatische Aldehyd des Holzes, das Hadromal (vielleicht als Kohlehydratester, CZAPEK), Vanillin (KÜGLER, BRÄUTIGAM, BÜTTNER, THOMS) und vielleicht auch Coniferin (? KÜGLER) — wenn man Kork erhitzt bemerkt man einen aromatischen Geruch — sowie Gallussäure (DRABBLE und NIERENSTEIN). Die gerbstoffartigen Substanzen (z. T. Phlobaphene, z. T. wohl auch Phoroglukotannide?) gehören wohl dem Inhalte an. Der größte Teil derselben wird übrigens durch das Brühen des Korkes (S. 463) entfernt. Doch zeigt eine Abkochung Gerbstoffreaktion. Der männliche Kork ist so stark gerbstoffhaltig, daß er als Gerbematerial vorgeschlagen wurde.
Über die hier besonders wichtige Mikrohistochemie vgl. oben unter Anatomie.
Bei Einwirkung von HCl, H3PO4, Essig- und Ameisensäure (und CO2) auf ein Gemisch von Formaldehyd und einem Phenol, von Gerbsäure oder Oxybenzoësäure entstehen Kondensationsprodukte, die ähnliche Reaktionen zeigen, wie Kork z. B. unlöslich in Kupferoxydammon und Schwefelsäure und löslich in Kali sind (BAEYER, KLEEBERG, CARO, MÖHLAU und KAHL, DRABBLE und NIERENSTEIN). Eine diesen Kondensationsprodukten, die DRABBLE und NIERENSTEIN Phellemsäure nennen, ähnliche Substanz isolierten die Genannten auch aus Kork. V. SCHMIDT fand, daß, wenn man das Gemisch der aus Kork extrahierten rohen Fettsäuren erhitzt, Wasserabspaltung eintritt und ein Produkt erhalten wird, das ganz indifferent und impermeabel für Gase ist, wie Kork, und daß, wenn man Filtrierpapier mit den Fettsäuren tränkt und auf 140° erhitzt, man ein ganz dem natürlichen Korke gleichendes Produkt erhält.
Die Zusammensetzung des gereinigten Korkes wurde zu C = 67,8, H = 8,7, N = 2,3, O = 21,1% (DOEPPING) oder C = 65,7, H = 8,5, N = 2,3, O = 29,5 (MITSCHERLICH) angegeben. V. HÖHNEL gibt die Zusammensetzung des Suberins zu 74% C, 10% H und 16% O an.
Aus Korkabfällen wird Leuchtgas dargestellt, der dabei entstehende Teer enthält 27% leichte Öle, unter denen sich viel Naphthalin befindet, ferner Benzol und Toluol, 27% schwere Öle, die Phenole nur in geringer Menge enthalten, sowie 11% fluoreszierendes Öl, mit viel Anthracen. Das Teerwasser enthält Essigsäure und Homologe derselben, Methylalkohol, Blausäure, Methylamin und Ammoniak (BORDET).
Die Asche des Flaschenkorkes beträgt c. 0,5% (0,54–0,64% KÜGLER) der Trockensubstanz. Sie enthält viel Mangan (27,7% Mn3O4 KÜGLER) und Kalk (25% CaO), dann 11,3% SiO2. 8,5% K2O.
Das bei der Herrichtung der Korkplatten durch Abkratzen erzielte «Korkholzabschabsel» enthält nach dem Sieben: 44,91% Sand und SiO2, 20,87% CaO, 4,62% MgO, 3.79% Fe2O3, + Al2O3, 5,55% K2O, 1,07% Na2O, 1,88% P2O5, 12,06% CO2, 5,25% Glühverlust. Es wird als Kalidünger empfohlen (MASTBAUM).
Das spez. Gewicht des Korkes gibt ROLLMANN zu 0,12–0,195, MUSCHENBROCK zu 0,24 an. Doch ist bei diesen Versuchen wohl nicht die Luft entfernt worden, denn mit Wasser oder Alkohol gut ausgekochter Kork sinkt in kaltem Wasser unter (FLÜCKIGER), muß also schwerer als Wasser sein. Selbst außerordentlich dünne Korklamellen lassen sich nur sehr schwer (Kochen mit Alkohol) ganz von der Luft befreien (TSCHIRCH).
Das reine Korkgewebe ist wenig hygroskopisch, dagegen ziehen die braunen Lentizellen-Streifen begierig Wasser an (KÜGLER).
Lit. CZAPEK, Biochemie (dort und bei KÜGLER die Lit.). — BRUGNATELLI, Elementi di chim. II. Crells Ann. 1787. — JOHN, Chem. Schrift. IV. — BOUILLON la Grange, Ann. d. chim. 23 (1797), 42. — CHEVREUL, Ann. de chim. 62 (1807), 323, 96 (1815), 141, Schweigg. Journ. 16 (1816), 323. — BOUSSINGAULT, Journ. pharm. chim. 1836. — MITSCHERLICH, Lieb. Ann. 75 (1850). — DOEPPING, Lieb. Ann. 45 (1843), 286. — SIEWERT, Chem. Centralbl. 1856, Journ. pr. Chem. 104 (1868) 118. Zeitschr. Ges. Naturw. 30 (1867). — PAYEN, Compt. rend. 1868. — KOROLL, Quant. chem. Unters. d. Kork- usw. Gew. Diss. Dorpat 1880. — FRÉMY und URBAIN, Journ. pharm. chim. 1882. — KÜGLER, Der Kork von Querc. Suber. Arch. d. Pharm. 1884, 217. Dissertat. Straßburg 1884 (und A. MEYER, Ber. d. d. bot. Ges. 1883). — DE GRAFFIGNY, Le liège. Paris 1888. — GILSON, Le Subérine et les cellules de liège. Diss. Straßb., La Cellule VI (1890), 63 (und in FLÜCKIGER, Arch. Pharm. 1890, 690). — VAN WISSELINGH, Sur le paroi des cellules subéreuses. Arch. Néerland. 12 (1888) und 26 (1893). Chem. Centrbl. 1892 II, 516. — BRÄUTIGAM, Pharm. Centralb. 1898, 685. — BÜTTNER, Ebenda. — THOMS, Pharm. Centrh. 1898, 699. Chem. Centrbl. 1898 II, 1102. — ISTRATI u. OSTROGOVICH, Compt. rend. 128 (1899), 1581. — VON SCHMIDT, Monatsh. f. Chem. 25 (1904), 277 u. Öster. Chem. Zeit 1911, 21. — DRABBLE und NIERENSTEIN, Biochem. Journ. 1907 (Chem. Centralbl. 1907 II, I. 79). — MASTBAUM, Chem. Zeit. 30 (1906), 39. — BORDET, Compt. rend. 92 (1881), 728. — ROLLMANN, Polyt. Centralbl. 27, 465 (1873).
Anwendung. Die Verwendung des Korkes beruht auf seiner Eigenschaft, sich infolge der Dünnwandigkeit der Zellen leicht zusammendrücken zu lassen, gegen Lösungsmittel und Fäulnis relativ resistent zu sein, wegen seines hohen Luftgehaltes auf Wasser zu schwimmen und (z. T. auch wegen der eingeschlossenen Luft) Wärme sowie Schall schlecht zu leiten. Doch wird Kork von konz. Mineralsäuren, den Halogenen, Ammoniak und einigen ätherischen Ölen (bes. Terpentinöl) angegriffen. Die Verwendung des Korkes als Verschlußmittel beruht auf der Eigenschaft der Suberinlamelle für Wasser und Wasserdampf, sowie für die Dämpfe der meisten Flüssigkeiten impermeabel zu sein. Kork ist auch für Gase, z. B. Luft, undurchlässig (WIESNER, Wiener Anzeiger 1879). Zum Teil mag dies auch darauf zurückzuführen sein, daß die Zellen selbst Luft enthalten, die sich nicht verdrängen läßt (TSCHIRCH). Die Undurchlässigkeit des Korkes hängt mit seiner Funktion bei der Pflanze zusammen. Denn die Korkschicht bildet ja den vornehmsten Schutz gegen Verdunstung. Sonst wird der Rohkork auch zu Einlegesohlen, zur Umhüllung von Dampfleitungen, zu Schalldämpfern, zu Belegen für Eisbehälter, zu Schwimmgürteln verwendet — die Korkabfälle zu künstlichen Korkplatten, zu Linoleum und Kamptulikon (Kortizin). Bei der Linoleumbereitung wird Korkpulver mit Linoxin (in Oxydierhäusern oxydiertes Leinöl, s. S. 323) behandelt. Der männliche Kork ist nur zu Schwimmkörpern, Korksteinen u. dergl. verwendbar.
Lit. ED. HANAUSEK, Technologie d. Drechslerkunst 1897 und ERDMANN-KÖNIG, Allgem. Waarenkunde. — T. F. HANAUSEK in Luegers Lexikon.
Geschichte. THEOPHRAST beschreibt (Hist. pl. III, 17, I u. IV, 15, 1) eine Korkeiche φελλός), die er nach Tyrrhenium (d. h. nach Westen) verlegt, und sagt, daß wenn die Rinde φλοιός) entfernt werde, sie in 3 Jahren wieder wachse. φελλός des THEOPHRAST deutet SPRENGEL als Quercus Pseudo-Suber DESF. PAUSANIAS kennt eine Eiche in Arkadien, deren Rinde so leicht ist, daß sie als Ankerzeichen (Bojen) oder als Flossen an Fischnetzen befestigt, auf dem Wasser schwimmt (HEHN). Auch die Benutzung des Korkes zu Schwimmgürteln war den Römern bekannt (Sage von CAMILLUS). Es war PLINIUS bekannt, daß sich die «Rinde» erneuert und er erwähnt die Verwendung des Korkes zu Verschlüssen (obturamenta). PLINIUS sagt: «Suberi minima arbor, glans pessima, rara: Cortex tantum in fructu, praecrassus ac renascens, atque etiam in denos pedes undique explanatus. Usus ejus ancoralibus maxime navium, piscantiumque tragulis et cadorum obturamentis: praeterea in hiberno feminarum calceatu. Quamobrem non infacete Graeci corticis arborem appellant. Sunt et qui feminam ilicem vocant: atque ubi non nascitur ilex, pro ea subere utantur, in carpentariis praecipue fabricis, ut circa Elin et Lacedaemonem. Nec in Italia tota nascitur aut in Gallia omnino». Auf den Gebrauch des Korkes als «Schwimmer» spielen auch AESCHYLOS, PLUTARCH, PINDAR und ARCHIAS an (daher Cortex natarius z. B. bei FESTUS). VIRGIL erwähnt die Verwendung als Dachbedeckung, wozu die Korkplatten noch heute in Algier benutzt werden. VARRO sagt: Die besten Bienenstöcke sind die aus Cortex gemachten. Auch COLUMELLA (I, S. 572) kannte das schlechte Wärmeleitungsvermögen der Korkplatten und empfiehlt sie als Umhüllung der Bienenstöcke, zur Herstellung einer gleichmäßigen Temperatur. «Siva illa (regio) ferax est suberis, haud dubitantur utilissimas alvos faciemus ex cortibus quia nec hieme rigent, nec candent aestate» (De re rustica IX, 6) — wozu sie noch jetzt in Südspanien und Algier benutzt werden. QUINTUS SERENUS SAMMONIACUS (Liber medicinalis) erwähnt einen Trank aus Korkrinde als Blutstillungsmittel.
«Die Sitte, Gefäße mit verharztem Kork zu verschließen, stammt, wie es scheint, von den Galliern» (SCHRADER). Sie wird bei CATO, COLUMELLA und HORAZ (cortex adstrictus pice) erwähnt. Doch war das Verkorken bei den Römern selten, die Gefäße mit Holz, Pech, Gips, Kreide oder Wachs verschlossen oder Öl auf die Flüssigkeiten gossen — was bekanntlich in Italien noch heute beim Wein geschieht. «Die Kunst, die enge Öffnung eines Gefäßes mit der elastischen Rinde der Korkeiche zu verschließen, geht in ein hohes Altertum hinauf, und allgemein geworden ist sie erst seit den letzten Jahrhunderten, und zwar sehr langsam. Erst das Aufkommen enghalsiger Glasflaschen, die zuerst im XV. Jahrh. auftreten und die Notwendigkeit, derartige Flaschen gefüllt versenden zu müssen, brachte den Kork in allgemeinen Gebrauch» (HEHN-SCHRADER). Im Mittelalter bediente man sich zum Verschließen von Fässern der Holzpflöcke, bei kleineren Gefäßen der Verschraubung oder des Wachsverschlusses. 1410 führte Danzig Kork aus Lissabon ein (I, S. 811). CLUSIUS sagt 1601 (a. a. O.): «Verum in Hispaniis primum illum praecrassum corticem dum taxat detrahere solent: quo non modo ad cadorum obturamenta, alvearia et nonnulla etiam vasa rustici utuntur, sed etiam ad tuguriorum, parietum, et murorum praetexta, praesertim in ea Baeticae parte, quam Estramaduram vocant, ubi interdum totis pagis aedes magnis suberis fragmentis imbricum loco tectas conspicere licet.»
POMET erwähnt 1694, daß die abgelösten Korkplatten in mit Wasser gefüllten Gräben übereinander geschichtet und mit Steinen beschwert, dann nach dem Ablassen des Wassers getrocknet und zu Ballen vereinigt wurden. Er nennt als besten Kork den spanischen, daneben aber auch schon einen französischen aus der Gascogne und von Bayonne. Die Korkkohle erwähnt POMET unter dem Namen Noir d’Espagne als Malerfarbe. Er gedenkt der Verwendung des Korkpulvers als Blutstillungsmittel und äußerlich bei Hämorrhoiden. VALENTINI (I, S. 912) sagt: «Die Apotheker stopfen und verwehren die Gläser damit.» Im Catologus von Rostock 1659 steht Suber, Pantoffelholz oder Kork 1 Loht = 2 Kr. Die Idee, Wein-, speziell Champagnerflaschen mit Korkstopfen zu verschließen, wird dem Pater Kellermeister der Abtei Haut-Villiers DOM PÉRIGNON (1636–1715) zugeschrieben. Um diese Zeit erlangte die Sitte jedenfalls Verbreitung.
Nach ARTIGAS soll die regelrechte Kultur des Baumes und Gewinnung des Korkes in Spanien erst in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrh., und zwar in Gerona begonnen haben. Catalonien liefert auch heute noch den besten Kork. Von dort breitete sie sich nach Andalusien und Estremadura und die südlichen Provinzen Frankreichs und Portugals aus. Von 1830 an wurden die Korkwälder Algeriens durch die französische Regierung erschlossen, 1847 erreichte die Ausfuhr des Korkes dort bereits 46683 kg. Um diese Zeit wurde auch die Privatindustrie für die Gewinnung interessiert, große Strecken verpachtet und gegen die sehr gefährlichen Waldbrände strenge Verfügungen erlassen, z. B. das Ziehen von Gräben und Beseitigung des Unterholzes angeordnet, schließlich auch die Gewinnung gesetzlich geregelt. Jetzt bildet der Kork einen der wichtigsten Ausfuhrartikel des Landes. Auch in Tunis begann die geregelte Gewinnung mit der französischen Okkupation (1881), die Démasclage 1884 (LAMEY).
ROBERT HOOKE sah zuerst mit seinem sehr einfachen Mikroskope die Zellen des Korkes (Micrographia 1667) und erkannte, daß der Kork zur Rinde eines Baumes gehören müsse, was damals noch nicht bekannt war. JOHNSTON bestätigte das letztere. HOOKE benutzte bei der Beschreibung des anatomischen Baues des Korkes zuerst den Ausdruck «cell» (er verglich ihn mit Bienenwaben). Der Ausdruck wurde dann auf alle «Zellen» übertragen. HOOKE schätzte die Anzahl der Zellen im Kubikzoll auf 1200 Millionen (FLÜCKIGER).
Die ersten Korkstöpselschneidereien (taponerias) sollen c. 1760 in Llagostera bei Gerona entstanden sein. 1789 wurden Korkstöpsel in Stuhr (Oldenburg) geschnitten (FLÜCKIGER). Korkpantoffeln wurden aber schon im XV. Jahrh. in Danzig fabriziert (PABST).
Auf Flaschenkork läßt sich bekanntlich sehr gut schreiben. Die Benutzung des Korkes anderer Pflanzen zum Schreiben finden wir schon im Altertum (vgl. S. 256). Die altindischen Bhûrja- (= Birken) Manuskripte sind auf den Blätterkork der Betula Bhojpattra WALL. geschrieben (DYMOCK). Auch heute wird noch Birkenkork zum Daraufschreiben benutzt, z. B. bei den Tanguten (PRSCHEWALSKI 1878). Ich erhielt 1909 aus Amerika einen auf Birkenkorkpapier geschriebenen Brief und sah 1908 in Frankreich Visiten- und Geschäftskarten auf dünne Flaschenkorkscheiben gedruckt.
Lit. FLÜCKIGER, Pharmakogn. — BECKMANN, Beitr. z. Gesch. d. Erfind. 1790. — HEHN, Culturpfl. 1877. — BLÜMNER, Technol. u. Terminol. d. Gewebe. 1879. — DYMOCK, Mat. med. West. India 1885.
Ersatzmittel. Keine andere Pflanze bildet eine Korkschicht, die technisch wirklich brauchbar und exportfähig ist, da keine den Kork der Korkeiche an Elastizität, Weichheit und Dicke erreicht. Immerhin dienen einige andere Korke an den Produktionsorten zu ähnlichen Zwecken, wie z. B. der Kork von Ulmus campestris var. suberosa. Auch einige Rinden und Hölzer werden gelegentlich in den betreffenden Ländern wie Kork, z. B. zum Verschluß von Calebassen u. dgl. benutzt, so die Rinde von Pinus Merkusii in Johore und die von Melaleuca Leucadendron in Südasien, das schwammige Holz von Anona palustris in Südamerika, das weiche Holz von Ochroma Lagopus SW. in Westindien, das einiger Nyssaarten in Nordamerika (Nyssa aquatica liefert das Tupeloholz), das des Baobab und der Herminiera elaphroxylon in Afrika, sowie das Holz von Bombax, Aeschynomene und Alstonia-Arten in Asien. Endlich wird auch das Holz von Hibiscus tiliaceus, von einigen Erythrinaarten (Erythrina acanthocarpa liefert den Marble-Cork) und Lianen und das Mark von Agaven und Fourcroyen als «Korkholz» benutzt (SEMLER). In Slavonien wird Süßholz für Stöpsel verwendet (HOEHNEL).
Neuerdings wird als Ersatz für Kork das Holz einer Mimose (Mareabaum) vom Tschadsee angegeben, dessen spez. Gew. noch geringer ist als das des Korkes. Aber weder dieses noch der sog. Kaffrarian Marble Cork, der ebenfalls ein Holz ist (JOS. MOELLER), kann den Kork ersetzen, da auch seine Zellen verholzt und nicht verkorkt sind.
Künstlicher Kork von GRÜNZWEIG & HARTMANN besteht aus gepulvertem «Korkholz» und Stärkekleister, dem Leinöl oder Teer zugesetzt wird (vgl. auch oben S. 469). Über künstlichen Kork findet sich eine Zusammenstellung in M. SCHALL, Verfahren z. Herstellung künstlicher Korkmassen. Kunststoffe 1 (1911), 141.
Lit. SEMLER, Trop. Agrikult. — Dingl. polyt. Journ. 250 (1883). — T. F. HANAUSEK in Luegers Lexikon. — HOEHNEL in WIESNER, Rohstoffe. — JOS. MOELLER, Bot. Zeit. 1879, 719 und Pharm. Centralh. 1886, 240. — Tropenpflanzer 1904 u. 1907.
2. Pollenino-Membranindrogen.
Als Anhang an die Suberino-Membranindrogen mag der Pollenino-Membranindrogen gedacht werden, denn die Polleninmembran der Pollenkörner und Sporen ist jedenfalls verwandt mit der Cuticula und diese mit dem Kork.
FOURCROY erkannte bereits 1801 die Ähnlichkeit des Korkes und der Cuticula. MITSCHERLICH erhielt aus beiden die gleichen Produkte, aber in verschiedenen Mengen. (Er verglich Kartoffelkork mit Aloë-Cuticula.) Nach VAN WISSELINGH und FRÉMY sind die Cuticula und die verkorkte Membran nicht identisch. WISSELINGH erhielt z. B. keine Phellonsäure aus der Cuticula und die Fettsäuren scheinen andere zu sein. FRÉMY und URBAIN nannten die «inkrustierende» Substanz der Cuticula Cutose. Es ist nicht nachgewiesen, daß die Cuticula Polysaccharide enthält. Denn die Tatsache, daß die mit Kali anhaltend behandelte Cuticula die Jodreaktion gibt (HOFMEISTER), kann auch anders gedeutet werden (s. oben). Jedenfalls zeigt aber die Cuticula viel Ähnlichkeit mit der Korkmembran (VON HÖHNEL, ZIMMERMANN); sie ist resistent gegen konzentrierte Schwefelsäure (MOHL, MULDER) und auch gegen Fäulnis (BROGNIART), gibt nach Behandeln mit kochendem Kali die Reaktionen mit Jod («ähnlich» wie Cellulose, MOHL), liefert mit Salpetersäure Korksäure und Bernsteinsäure (MITSCHERLICH) und wird von kochender Kalilauge angegriffen (SCHACHT), ist aber dagegen widerstandsfähiger wie Kork (VON HÖHNEL). Sie zeigt gewisse Aldehydreaktionen (GENEAU DE LAMARLIÈRE). Auch lassen sich aus ihr durch Einwirkung heißen Wassers wachsartige Substanzen ausschmelzen (DE BARY). Bei Behandlung mit kochender Lauge soll die krist. Stearocutinsäure (C56H48O8) und die flüssige Oleocutinsäure (C28H20O8) entstehen (FRÉMY u. URBAIN).
Die Wand der Sporen und Pollenkörner, die mit dem Namen Pollenin (BRACONNOT, JOHN) bezeichnet wurde, einem Namen, den ich hier wieder aufnehme, zeigt vielfach die Eigenschaften einer cuticularisierten Membran (BIOURGE), sie ist z. B. unlöslich in konz. Schwefelsäure, Alkohol und Äther. Sie ist jedenfalls eine komplizierte Substanz. Ältere Angaben von einem Stickstoffgehalt des Pollenins bedürfen der Nachprüfung. Bei einigen Pollenkörnern beträgt der Prozentsatz an Pollenin ziemlich viel (beim Pinuspollen z. B. c. 22%, PLANTA).
Lit. BROGNIART, Ann. sc. nat. 1830 u. 1835. — MITSCHERLICH, Lieb. Ann. 75 (1850). — SCHACHT, Lehrbuch. — MOHL, Bot. Zeit. 1847. — MULDER, Phys. Chem. 1844. — HOFMEISTER, Pflanzenzelle. — COHN, De Cuticula. Linnaea 1850. — FRÉMY, Rech. chim. sur la Cuticule. Compt. rend. 1859. — A. WIGAND, Intercellularsubstanz und Cuticula. Braunschweig 1850. — KABSCH, Unters. über d. chem. Beschaff. d. Pflanzengewebe. Pringsh. Jahrb. 1863. — V. HÖHNEL, Öster. Bot. Zeitschr. 1878. — DE BARY, Bot. Zeit. 29. — FRÉMY und URBAIN, Ber. d. d. chem. Ges. 1877, 90, Compt. rend. 93 (1882), 926 u. 100 (1885) 19. Ann. sc. nat. (6) 13 (1882), 360. — AMBRONN, Opt. Verh. d. Cuticula. Ber. d. d. Bot. Ges. 1888. — VAN WISSELINGH, Sur la cuticularisation et la cutine Arch. Néerland. 28 (1894), 373, Over Cuticularisatie en Cutine Ned. Kruidk. Arch. VI. und Verh. d. Akad. Amsterdam 1894. — GÉNEAU DE LAMARLIÈRE, Bull. Soc. Bot. 1903, 268. — CZAPEK, Biochemie (dort die Lit.).
Pollenin: BRACONNOT, Ann. chim. phys. (2) 42 (1829). — JOHN, Schweigg. Journ. 12 (1814). — FRITZSCHE, Pogg. Ann. 32 (1834), 481. — BERZELIUS, Lehrbuch, 3. Aufl. 1837, VI, 474. — PLANTA, Landw. Versuchsstat. 1884 und 1885. — KRESLING, Arch. Ph. 1891, 389. — TH. BIOURGE, Le Cellule 8 (1892) 45.
Lycopodium.
Syn. Sem. lycopodii, Sporae lycopodii, Hexenmehl, Bärlappsamen, Bärlappsporen, Streupulver, Blitzpulver, Erdschwefel, Alpenmehl, Blumenstaub, gelber Puder, Pillenmehl, Schlangenmehl, Wurmmehl, Pöschpulver, Puderbleiweiß, Steinpulver, — in der Schweiz: Zäpflimehl, Tröcknipulver, — lycopode, souffre végétal (franz.) — earth-moss seeds, vegetable sulphur, clubmoss (engl.) — nikt, heksemel (schwed.) — ulvefoed (dän.) — wolfsklaauw (holl.) — licopodio (ital.) — spori plauna (russ.) — plavuň (böhm.) — widlak (poln.).
Bärlapp, Wolfsklaue, Wolfsranke, Teufelsklaue, Krähenfuß, Druden-Fuß oder Kraut, Johannisgürtel, Schlangenmoos, Zigeunerkraut, Blitzkraut, Hexenkraut, Briszweig, Gäbali, Gertel, Gertlein, Kohlerkraut, Kosen, Rimpe, Saukraut, Sausanne, Zigeunerkraut (PRITZEL-JESSEN); — in der Schweiz: Freselmehlkraut, Kolbenmoos, Lienle, Wolle, Schäbel — mousse terrestre, griffe, patte ou pied de loupe, plicaire — im Tessin: erba scaretta, musco terrestre. — In England: common club moss, stagshorn. — Im Mittelalter: bryon (?), soldana (?) — bei BOCK: Muscus terrestris, Beerlap, Bärlappen, Teuffesklawen, Seil- oder Gürtelkraut, Neunheyl, Neungleych, Weingrein, Harschar — bei CORDUS: Katzenleiterlein, Minzengrün, chamaepence — bei GESNER: Tüfelsschlüssel, muscus ursinus, pes ursinus — bei CAMERARIUS: Dehnkraut — bei TABERNAEMONTANUS: Löwenfuß, pes leoninus, pes lupinus. Weitere Namen in NEMNICH, Polyglotten-Lexikon.
Stammpflanze. Lycopodium clavatum L. Spec. pl. ed. I, 1101 (Lyc. officinale E. NECK., Meth. musc. 150, L. inflexum SW.). In zahlreichen Varietäten (z. B. tristachyum mit weit abstehenden Blättern, curtum u. and.), von denen einige (L. trichiatum, L. venustulum, L. inflexum) auch als Arten betrachtet werden.
Etym. Der Name Lycopodium findet sich zuerst bei DODONAEUS (Pemptad. 1583, 469), der hinzufügt i. e. pes lupi. Es ist also eine griechische Übersetzung von Wolfsfuß, Wolfsklaue, gebildet aus λύκος (= Wolf) und πόδιον (= Füßchen). Auch TABERNAEMONTANUS hat Lycopodium. — Clavatum (= keulenförmig, clava = Keule) nach der Form des Sporangienstandes. Bereits bei CASPAR BAUHIN steht muscus terrestris clavatus, bei LOBELIUS muscus clavatus = pes leoninus. — Die Bildungen Wolfsfuß, Wolfsklaue, pied de loupe, pes lupinus, Löwenfuß, pes leonis, pes ursinus, Bärlappen, Drudenfuß, Teufelsklauen sind abgeleitet von den einen zottigen Eindruck machenden beblätterten Laubsprossen, — muscus terrestris, Schlangenkraut, von der Eigenschaft am Boden zu kriechen. TABERNAEMONTANUS sagt «Mooss oder Beerlap», benutzt also beides als gleichbedeutend. (Über mos vgl. S. 264.) — Bärlapp = Bärenpfote (lappo = Hand, Pfote). — Hexenmehl wohl wegen des plötzlich an der Ähre auftretenden und verstäubenden Sporenmehls, auch andere Namen (Drudenfuß, Teufelsklauen) verraten in die Pflanze hineingelegte mystische Beziehungen.
Systemat. Stellung. Pteridophyta — Lycopodiales — Lycopodiaceae — (Lycopodium Sectio Clavata).
Die Gattung Lycopodium umfaßt etwa 100 Arten, die über die ganze Erde verteilt sind.
Beschreibung der Stammpflanze. Auf einem kleinen, sehr vielgestaltigen, mit Wurzelhaaren besetzten thalloidischen Vorkeim (Prothallium), der die Antheridien und Archegonien trägt, also die geschlechtliche Generation darstellt, und der sich sehr langsam, erst in 7–12 Jahren, und ziemlich tief im Boden heranbildet, entsteht nach Befruchtung der Eizelle des Archegoniums aus dieser die junge Pflanze, die ungeschlechtliche Generation. Der auf der Erde oft zwischen Moos kriechende, mit dichotom verzweigten fädigen Wurzeln im Boden befestigte Stengel kann 1 m lang werden. Er verzweigt sich ziemlich reich. Ein Teil der aufstrebenden oder aufrechten, 5–15 cm langen Äste ist bis zur Spitze dicht mit spiralig gestellten, 3–4 mm langen, lanzettlichen, in eine hyaline Spitze auslaufenden Blättern besetzt. Ein anderer Teil läuft in die meist lang (8–18 cm) gestielten, ährenartigen, gelblichen, walzenrunden, 3–6 cm langen, 3–4 mm breiten Sporangienstände («Blüten») aus, die zu 1–4 (meist 1–2, in warmen Ländern auch mehr wie 4) an der Spitze des mit wenigen Blättchen besetzten Stieles angeordnet sind.
Die Sporophylle (Fruchtblätter, Deckblätter, Tragblätter, Bracteen) sind 3 mm lang, ebenso breit, eiförmig, am Grunde fast herzförmig, am Rande durch Vortreten einiger Randzellen fein gezähnt und laufen oben in eine lange farblose Borste aus, so daß der Sporangienstand behaart erscheint. Die Sporangien sind ¼ schmäler als die Sporophylle und sitzen auf der Blattoberseite.
Die Anlage der Sporangien erfolgt bereits, wenn das Sporophyll sich noch in meristematischem Zustande befindet. Eine an der inneren Seite der Blattbasis gelegene Zellgruppe streckt sich senkrecht zur Blattfläche. In dieser Protuberanz wird nach Innen zu durch perikline Teilung der Oberflächenzellen das Archesporium abgeschieden. Es sind meist drei nebeneinanderliegende Reihen (c. 20 Zellen), welche das Archespor bilden (BOWER). Während aus diesen, und zwar besonders aus den mittleren und inneren, durch lebhafte Zellteilungen das Gewebe der Sporenmutterzellen hervorgeht, dehnt sich die äußere Hüllzelllage durch antikline Zellteilungen aus, das Sporangium wölbt sich vor und wird durch Wachstum des Basalgewebes emporgehoben. Das letztere treibt Vorsprünge in die sporogenen Massen, die die Ernährung erleichtern. Die äußere Hüllzelllage wird dann durch perikline Zellteilung mehrschichtig. Die innerste Schicht teilt sich dann nochmals und scheidet nach innen die plasmatischen Tapetenzellen ab. Schließlich ist das ganze sporogene Gewebe mit Ausnahme des Scheitels des Sporangiums von der Tapetenschicht umgeben. (SADEBECK in PRITZEL, Lycopodiaceae, Fig. 370, ENGLER-PRANTL, Pflanzenfam.) Die Entwicklung der Sporen aus den Sporenmutterzellen stimmt hier, wie bei allen Pteridophyten, mit der der Mikrosporen (Pollen) der höheren Pflanzen überein: Es entstehen aus dem Kern der Sporenmutterzellen zwei Tochterkerne und durch Teilung dieser vier Enkelkerne, die sich mit einer Membran umgeben und zu Sporenzellen werden. Nach der hierauf erfolgenden Lostrennung von den Schwesterzellen findet die Ausbildung der Sporenhülle und damit zugleich auch diejenige der Sporen statt (SADEBECK).

Fig. 155.
Lycopodium clavatum.
A
Ast in natürl. Größe,
a
Blatt vergrößert,
b
Sporophyll mit geöffneten Sporangien,
c
–
e
Sporen in 900fach. Vergr. [nach
Luerssen
]
B
Prothallium mit jungem Pflänzchen von
Lyc. annotinum
[nach
Fankhauser
].
Das Sporangium ist ein tangential gestreckter, nierenförmiger, einfächeriger Sack, der mit einem dicken, bündelfreien Stielchen der Basis des Sporophylls ansitzt. Die Wand des Sporangiums ist oben zweischichtig, unten bis fünfschichtig. Die Zellen der äußeren Schicht sind mit Verdickungen an den inneren und seitlichen Wänden versehen. Das Sporangium ist ganz mit gleichartigen gelblichen Sporen erfüllt und springt im Juli oder August durch einen tangential über den Scheitel laufenden Spalt in zwei muschelförmige Klappen auf. Die Verstreuung der Sporen erfolgt durch den Wind. Die Sporen sind mit einem Netzwerk kleiner Leisten bedeckt, über welches ein Häutchen ausgespannt ist, das nicht benetzbar ist. «Durch diese Vorrichtung wird die Spore befähigt, durch die Hohlräume des Bodens tief in die Erde zu gleiten; bei dieser Wanderung wird aber die Membran allmählich abgerieben und die unter ihr befindlichen Kammern, welche benetzbar sind, werden frei gelegt. Ist dieses Ziel erreicht, so haftet die Spore an den Bodenteilchen und findet so eine bleibende Stätte, an welcher die Keimung erfolgt» (SCHUMANN). Aus der Spore geht das Prothallium (s. oben) hervor.
Vorkommen. Die Pflanze findet sich in Mittel- und Nordeuropa, Sibirien, Japan, Nord- und Südamerika, Südafrika, auf den Marianen und Sandwichinseln und in Australien, ist also über die ganze Erde verbreitet. Sie findet sich in Europa mit Ausnahme der Steppengebiete auf Haiden, in lichten Wäldern, an trockenen Stellen der Moore, auf Bergabhängen, buschigen Wiesen und besonders in Nadelwäldern an etwas frischeren Stellen (in der Schweiz in moorigen Wäldern besonders auf kieshaltigem Boden), in den wärmeren Gegenden besonders im Gebirge, in den Tropen nur dort, in Europa bis 2000 m.
Übersicht über die deutschen Lycopodium-Arten in LUERSSEN, Med. pharm. Botanik.
Lit. PRITZEL, Lycopodiaceae in ENGLER-PRANTL, Pflanzenfam. (dort weitere Lit.). — SADEBECK, Gefäßkryptogam. in Schenks Handb. d. Botan. 1879. — LUERSSEN, Mediz. pharm. Bot. I. — DAVID ET WEBER, Et s. l. Lycopod. en gen. et en part. sur le Lycop. clav. Soc. synd. d. pharm. d. l. côte d’Or Bull. 15 (1896). Jahresb. d. Pharm. 1897, 140. — Der Vorkeim der Lycopodien wurde von FANKHAUSER in Bern entdeckt (Bot. Zeit. 1873). Vgl. darüber ferner BRUCHMANN, Über d. Prothallien u. d. Keimpflanz. mehrerer europäisch. Lycopodien u. zwar über die von Lycopodium clavatum, L. annotinum, L. complanatum und L. Selago. Mit 7 Taf. Gotha 1898. — Abbild. in BERG-SCHMIDT, Atlas II. Aufl. t. 157. — PABST-KÖHLER, Medizinalpfl. t. 49. — NEES VON ESENBECK, t. 13. — BENTLEY-TRIMEN, Med. pl. t. 299 und vielfach anderwärts.
Pathologie. An den Sporangienähren von Lycopodium clavatum kommen mehrere Ascomyceten vor: Helotium Sommierianum P. MAGN., Mollisia Lycopodii LE BRET. et MALBR., Sphaerella Lycopodii PECK. — In den Sporophyllen von Lycopodium annotinum treten die Perithecien von Leptosphaeria Crepini (WESTD.) DE NOT. auf; die befallene Ähre wird durch den Pilz sehr auffällig geschwärzt; in den Sporangien sind die Sporen zwar noch zu finden, aber sie erscheinen abgestorben und zwischen ihnen ziehen sich die Mycelhyphen des Pilzes hin. (ED. FISCHER.)
Einsammlung und Handel. Lycopodium wird besonders in vielen Teilen Rußlands (besonders im Gouvern. Wladimir) gesammelt (I, S. 101), dann in beschränktem Maße in der Schweiz [Kanton Bern, Emmenthal, Entlebuch, I, S. 98, Zug, Schwyz (SCHÜRMANN)], in Deutschland (besonders in den Gebirgen), in Österreich und Schweden. Rußland exportierte 1910: 8000 Pud. (FERREIN). 1910 sank ein russischer Dampfer, der einen großen Teil der Lycopodiumernte an Bord hatte und die Preise stiegen daher. Frankreich bezog 1897 c. 8000 kg Lycopodium via Deutschland. Bisweilen (z. B. 1910) litten die Pflanzen unter Frühjahrsfrösten oder zu starker Sommerhitze, dann war die Ernte gering, die Preise stiegen auf das Doppelte und die Fälschungen (s. unten) wurden wieder häufiger (1909). Auch die russische Revolution brachte Preisschwankungen. Die Sporangienstände werden im August und September gesammelt, auf Tellern oder Schüsseln an der Sonne getrocknet, ausgeklopft und dann durch ein Haarsieb von den Beimengungen (Sporophylle, Stengel usw.) befreit. In Rußland wird das Lycopodium zunächst in Säcke aus fester, ziemlich feiner Leinwand getan, diese werden umgeben von groben Hanfsäcken, und diese stecken in Bastmatten aus Schilf geflochten mit Tauen umschnürt. So ist ein Verstäuben ausgeschlossen. Diese «Bauernware» enthält c. 10% Verunreinigungen, Bruchstücke von Stengeln und Blättern (WEIGEL 1905). Sie wird von den Drogenhäusern durch mehrmaliges Sieben gereinigt. Für pharmazeutische Zwecke ist nur prima doppelt oder dreifach gesiebtes sog. «leichtflüssiges» Lycopodium zu benutzen. Dies Lycopodium ist in Säcken à 50 kg und Kisten à 10 Pack. à 10 kg im Handel (GROSSMANN).
Lit. GEHE, Handelsberichte. — CAESAR und LORETZ, Handelsb. — WEIGEL, Pharm. Centralh. 1905. — SCHÜRMANN, Schweiz. Wochenschr. 1908.
Beschreibung der Droge. Lycopodium bildet ein feines, blaßgelbes, sehr bewegliches, geruch- und geschmackloses, nicht hygroskopisches Pulver, das in die Flamme geblasen verpufft (auch Farnsporen und Kamala verpuffen ähnlich), langsam erhitzt aber ruhig abbrennt. Es muß beim Ausgießen leicht «strömen» und darf nicht feucht sein. Da die Sporen ein mit Wasser nicht benetzbares Häutchen besitzen, (s. oben), so schwimmen sie auf dem Wasser, trotzdem ihr spez. Gewicht höher ist. Sie sinken aber darin unter, sobald man sie mit Wasser kocht oder mit Alkohol benetzbar macht.
Anatomie. Die Lycopodiumsporen sind tetraëdrisch mit gewölbter Basis und drei flachen oder — seltener — etwas eingesunkenen Pyramidenflächen (Fig. 155 u. 156). Das Exosporium zeigt ein Leistenwerk von fünf- bis sechsseitigen Maschen, das besonders schön hervortritt, wenn man Schwefelsäure zum Präparat hinzufließen läßt. An den Ecken der Leistenmaschen finden sich kleine Knötchen. Am Rande der Spore erscheinen die Leisten als kleine Stacheln, deren Spitzen durch ein sehr zartes, in der Mitte eingesunkenes Häutchen (s. oben) verbunden sind. In der Nähe der Kanten der Pyramidenflächen verschwinden die Leisten meist ganz oder werden unregelmäßig. Die Größe der Sporen beträgt 25–40, meist 30–35 mik. Durch Kali werden die Sporen gelb, wäscht man dann aus und läßt Jodschwefelsäure zufließen, so färbt sich das Exosporium braun, das diesem innen als zartes Häutchen anliegende Endosporium blau. Zerdrückt man das in Schwefelsäure liegende Präparat, so tritt aus jeder Spore ein Öltropfen hervor.
Lit. Abbild. in fast allen Lehrbüchern der Pharmakogn., z. B. in KOCH, Atlas IV, VOGL, Atlas t. 58, MOELLER, Lehrbuch und Atlas, KARSTEN-OLTMANS, Lehrbuch, BERG Atlas, LUERSSEN, Med. pharm. bot. etc. etc.
Chemie. Die Sporen enthalten c. 45% Pollenin und 47,4 (FLÜCKIGER), 48,5 (BUKOWSKY) bis 49,34% (LANGER) fettes Öl. Dieser Prozentsatz ist nur bei Chloroformextraktion der unter Alkoholzusatz mit Sand zerriebenen Sporen zu erhalten, Äther liefert auch nach 10 Tagen nur 40,9%. Unzerkleinerte Sporen geben an Chloroform nur 2–4% ab (daraus erklärt sich die frühere Angabe von BUCHOLZ: Öl 6%). Das sauer reagierende Öl von der Konsistenz des Olivenöls setzt sich (nach LANGER) aus 80–86,67% einer flüssigen Ölsäure, wechselnden Mengen Glycerin und eines Gemisches fester Fettsäuren zusammen. Die flüssige Lycopodiumölsäure (C16H30O2) betrachtet LANGER als α-Dekyl-β-Isopropylakrylsäure. Zu etwas abweichenden Resultaten kam BUKOWSKY. Er fand im Öl frischer Sporen neben 0,3% Phytosterin (C25H42O. F. = 132–133°, CADETS Wachs?), 80% Ölsäure (C18H34O2), 3% Arachin-, Stearin- und Palmitinsäure und 2% Lycopodiumsäure (C18H36O4, isomer mit der Dioxystearinsäure), sowie 8,2% Glycerin. Das von ihm untersuchte Öl war neutral, erstarrte noch bei −22° nicht und ähnelte dem Mandelöl. Die Lycopodiumölsäure LANGERS und Myristicinsäure konnte er nicht finden. Er vermutet, daß sie Umsetzungsprodukte sind und LANGER, dessen Öl sauer reagierte, alte Sporen untersuchte. Es bleibt zu untersuchen, ob LANGERS mit Ölsäure homologe Lycopodiumölsäure: C16H30O2, die er schreibt, aus Ölsäure, C18H34O2, die bald CH3.(CH2)13C = CH.CH2COOH (SAYTZEFF), bald CH3(CH2)7.CH=CH.(CH2)7COOH (BARUCH) geschrieben wird, hervorgehen kann, was mir bei obiger Formel sehr unwahrscheinlich erscheint. Identisch ist sie damit nicht, denn LANGER erhielt aus seiner Ölsäure bei der Oxydation Dioxypalmitinsäure, BUKOWSKY aus der seinigen Dioxystearinsäure. Eine neue Untersuchung des Öls von RATHJE ergab (wesentlich in Bestätigung von LANGER): 81% Lycopodiumölsäure, 3,2% Lycopodiumsäure (Dioxystearinsäure), 1,13% Stearinsäure, 0,85% Palmitinsäure, 2% Myristicinsäure, im Mittel 7,8% Glycerin, 0,43% Unverseifbares, 0,03% anorganische Substanz. Das Fett ist bei den Sporen Reservestoff.

Die Sporen enthalten auch c. 3% Zucker (BUCHOLZ, REBLING), darin 2,1% Saccharose (LANGER). Stärke fehlt (entgegen der Angabe von RIEGEL, FRITSCHE und WINKLER). Kocht man Lycopodium mit Wasser und dampft die Flüssigkeit ein, so erhält man einen gallertigen Rückstand, der sich mit Jod grünlich färbt (WINKLER). Der Stickstoffgehalt beträgt 1,48% (ALCOCK, 1,021–1,075% BUTLER, 0,857% LANGER). Die trockene Destillation liefert eine «ammoniakalische» Flüssigkeit. Beim Kochen mit Kali entsteht Methylamin (LANGER). Dies dürfte das flüchtige Alkaloid gewesen sein, das FLÜCKIGER bei Destillation eines Auszuges von 8 kg Lycopodium mit Ätznatron in sehr geringer Menge erhielt. [In Lyc. complanatum fand BÖDEKER das alkaloidische Lycopodin (C32H52N2O2), in Lyc. Saururus ADRIAN und BARDET Piliganin (C15H24N2O), ein amorphes Alkaloid.]
Lycopodium oxydiert, da es Sauerstoff zu aktivieren vermag, mit Alkohol maceriert, diesen zu Acetaldehyd (LANGER). Schmelzendes Kali bildet einen Körper mit fäkalem Geruch und eine mit Protokatechusäure verwandte Substanz. RIEGEL gibt auch Zitronensäure, Apfelsäure, Leim, Harz und Gummi an (?). Lufttrockenes Lycopodium verliert bei 100° nur 4% Feuchtigkeit (FLÜCKIGER). Sein spez. Gewicht beträgt 1,062 (FLÜCKIGER).
Schon NEUMANN gibt in seiner Chymia medica (1752) an, daß Lycopodium verbrannt «nur ein leichtes Gewebe, so überaus wenig wäget» zurückläßt. Der Aschengehalt ganz reiner Sporen beträgt denn auch nur 1,15–1,16% (LANGER) oder höchstens 1,5% (EVELL), die Handelsware enthält aber meist mehr. D. A. V und Pharm. helv. IV limitieren die obere Grenze zu 3%, ebenso HAUKE, der 1,11–4,8% (meist 1–3% wie CAESAR und LORETZ) in der Handelsware fand. CAESAR und LORETZ empfehlen (1910) zur Aschenbestimmung das Lycopodium mit Sand gemischt zu glühen und vor Schluß 5–10 Tropfen rauchende HNO3 und dann Oxalsäure zuzufügen. Die rein weiße Asche der Sporen enthält Tonerde (CADET) und zwar 15,30% Al2O3 (LANGER; BUCHOLZ gibt 8,5% an, nach FLÜCKIGER soll sie tonerdefrei sein).
Die Lycopodien gehören zu den «Aluminiumpflanzen» (CADET, JOHN, RITTHAUSEN). Das Kraut von Lycopodium clavatum enthält in der Asche nach SOLMS (1856) 27%, nach ALDERHOLDT (1852) 26,65%, nach CHURCH (1888) aber nur 15,24%, L. complanatum nach ALDERHOLDT 51,85 bez. 57,36%, L. complanatum var. Chamaecyparissus nach SOLMS 54%, L. alpinum nach CHURCH 33,5, L. Selago 7,29%, L. cernuum 16,09%, Al2O3. Aluminium ist sonst bei Pflanzen nicht gerade häufig, doch findet es sich in der Asche vieler Flechten (Variolaria, Cetraria islandica, S. 270) und Moose und in Spuren in vielen anderen Gewächsen (vgl. WOLFF, Aschenanalys. Besonders aluminiumreich sind die Blätter von Symplocos lanceolata (c. 50%) und das Holz von Orites excelsa (36–45%), vgl. RADLKOFER). Aluminium fehlt in anderen Gefäßkryptogamen, z. B. den Farnen (außer einigen Baumfarn), in Equisetum, Salvinia, Marsilia und Selaginella (CHURCH), aber auch einige Lycopodien enthalten es nur in Spuren. Es findet sich bei den Lycopodien in löslicher Form, wohl an organische Säuren gebunden, als Malat (RITTHAUSEN) oder als Tartrat (AROSENIUS).
Ferner wurde in der Asche der Sporen gefunden: 45,7% P2O5, 18,41% Fe2O3, 9,3% K2O, 5,1% Na2O, ferner SO3, CaO, MgO (je c. 1%) und 0,22% Cl nebst Spuren Mn (LANGER).
Lit. NEUMANN, Chymia medica 1704. — BERGIUS, Mat. med. 1782 (beschreibt die trockene Destillat.). — BUCHHOLZ, Taschenb. f. Scheidekünstler 1807, GEHLENS Journ. VI, 573. — WICHMANN, Arch. Pharm. 35, 38. — FRITSCHE, Poggend. Ann. 32, 481. — JOHN, Handwörterb. d. Chem. 3, 231. — SCHWARTZE, Tabellen I (1819). — WINCKLER, Buchn. Rep. 34, 58. — FLÜCKIGER, Pharmakogn. I. bis III. Aufl. — REBLING, Arch. d. Pharm. 84 (1855), 11. — KAMP (Lyc. chamaecyp.) Lieb. Ann. 100, 300. — LANGER, Bestandth. d. Lycopodiumsporen. Arch. Ph. 1889, 241 u. über die Lycopodiumölsäure ebenda S. 625 (Diss. Erlangen 1889). — BUKOWSKY, Bestandt. d. Lycopodiumöls. Dissertation Dorpat 1889 u. Pharm. Zeit. f. Rußl. 1889, 359. — A. RATHJE, Neuere Unters. d. Fette von Lycopod. etc. Arch. Ph. 1908, 692. — ALCOCK, Pharm. Journ. 1906, 23, 100. — BUTLER, in FLÜCKIGER Pharmakogn. — BÖDEKER, Arch. d. Pharm. 1881, 304. — ADRIAN, Jahresber. d. Ph. 1886, 60. — ARATA u. CANZONERI, Pharm. Zeit. 1892, 409. — Asche: CAESAR-LORETZ, Handelsber. 1897 u. and. — H. EVELL, Jahresber. d. Pharm. 1892, 10. — HAUKE a. a. O. — Aluminium: RITTHAUSEN, Journ. prakt. Chem. 53 (1851), 413. — ALDERHOLDT, Lieb. Ann. 82 (1852), 111. — SOLMS-LAUBACH, Lieb. Ann. 100 (1856), 297. — CHURCH, On the occurence of Aluminium in certain Vascular Cryptogams. Proc. Royal Soc. 44 (1888), 121 (Pharm. Journ. 1889, 846). — FLURI, Einfluß v. Aluminiumsalzen auf das Protoplasma. Diss. Basel 1908. — RADLKOFER, Über Tonerdekörper im Pflanzenreich. Ber. d. bot. Ges. 1904.
Verfälschungen. Fast regelmäßig findet man im Lycopodium sehr kleine Mengen von Fragmenten der Sporangienwand, die durch ihre knotig verdickten Zellen sofort auffallen. Sofern diese nur in sehr geringer Menge vorhanden sind, ist das Lycopodium nicht zu beanstanden. Bruchstücke von Stengeln und Blättern, besonders faserige, dürfen nicht anwesend sein, auch nicht in Spuren.
Von organischen Verfälschungen sind neuerdings beobachtet: Stärke verschiedener Herkunft (seit 1896 in jedem Jahr, DÖLL), Mehl (1909), Weizenstärke (DÖLL, KOCH 1908), Reisstärke, Kartoffelstärke (DÖLL, auch in Amerika 1899, in Deutschland 1908, bis 30%), Dextrin (1904), Buchsbaumpulver (PERROT 1907), Harzpulver (1904) und besonders Pinuspollen (WEIGEL 1904, 1899 bis 20% beobachtet). Neuerdings (1908) haben die Fälschungen mit Stärke und Pinuspollen wieder auffällig zugenommen (CAESAR und LORETZ), da Locopodium teuer ist. Ferner werden angegeben verschiedene Mehle, z. B. Erbsenmehl (PEREIRA), und nicht näher bezeichnete Stärkesorten [bis 20% (1909), bis 50% (1891) BROWN], mit Methylorange gefärbte Maisstärke, Curcumapulver, Holzmehl (PEREIRA), Wurmmehl, Kolophonium und andere Harze und andere Pollenkörner, besonders von Corylus, Larix, Cichorium, Cannabis (von mir nie beobachtet).
Von den anorganischen Verfälschungen steht Talcum obenan, das auch neuerdings (1904) oft beobachtet wurde (Stärke und Talcum werden schon 1826 erwähnt!). Dann werden genannt: Kreide (SCRIBA), Gips (HANBURY), Magnesia, Schwefel (WALPLEY), Baryumsulfat (?), Sand.
Als Substitution wurde besonders Pinuspollen beobachtet. Das «ungarische» (oder «österreichische») Lycopodium, das sich 1904 im Handel fand, bestand ganz aus Pinuspollen (MITLACHER). Pinuspollen wird in den Karpathen in ziemlichen Mengen gesammelt (VOGL). Ferner: gepulvertes österreichisches Fichtenharz (GALLOIS 1906), gepulverter Bernstein (VAN ITALLIE), ein Sklereïden, Bastfasern und Kork enthaltendes Rindenpulver (VAN ITALLIE). 1904 tauchte in Amerika unter dem Namen Lykopodine ein dem echten Lycopodium äußerlich ähnlicher «Lycopodiumersatz» auf, der aus Talcum, Dextrin und Harzpulver bestand.
Die meisten Verfälschungen und Substitutionen sind leicht mit dem Mikroskop zu erkennen (Fig. 156), die Stärkesorten und Mehle durch ihre Formen (vgl. S. 153 bis S. 198) und auch durch die Jodreaktion, das Dextrin (nicht im Wasserpräparat! vgl. S. 200) mittelst Jodglycerin, das Curcumapulver an den gelben Kleisterballen, die Holz- und Rindenpulver an den geformten Elementen. Das Talcum bildet farblose eckige Kristallsplitter, der sublimierte Schwefel rundliche, zu Ketten oder Massen vereinigte dunkle, strukturlose oder kristallinische Körper.
Der Pollen der Abietineen (speziell der von Pinus silvestris wird gesammelt) ist oval und besitzt nicht genau an den beiden Seiten angefügte Luftsäcke (Fig. 156), die von der an diesen Stellen blasig aufgetriebenen Exine gebildet werden und die von halbkugeliger Gestalt und mit netziger Oberflächenzeichnung versehen sind. Das Pollenkorn selbst enthält Öltropfen. Die Größe beträgt je nach der Pinus- oder Abies-Species 54 bis 126 mik. Alkoholische Fuchsinlösung färbt sofort violett, Lycopodium erst beim Erwärmen (VOGL).

Fig. 156.
Mit Pinuspollen (pp), Coryluspollen (p) und Roggenstärke (a) vermischtes
Lycopodium
(s).
[Nach V
OGL
.]
Der Pollen von Corylus Avellana (Fig. 156) ist kugelig, glatt und an der äquatorialen Zone an drei etwa gleichweit von einander entfernten Stellen mit breiten stumpfen, am Scheitel mit einem Loche in der Exine versehenen Papillen versehen. Die drei Poren (Austrittsstellen des Pollenschlauches) treten besonders bei Behandeln mit Essigsäure und beim Eintrocknen gut hervor. Der körnige Inhalt erscheint dreistrahlig. Unterhalb der Poren ist die Intine kreisförmig von der Exine abgehoben. Rings um den Porus ist die Exine schwach wulstig verdickt. Durchmesser 26–30 mik. Der Pollen von Typha besteht aus Gruppen von zu vieren miteinander verbundenen Pollenkörnern (Tetraden). Die Pollenkörner von Cichorium zeigen eine stachlige Exine. Die Pollenkörner von Cannabis sativa sind rundlich und besitzen drei deutliche Austrittsstellen für den Pollenschlauch. Die Pollenkörner von Larix decidua sind eiförmig (MOELLER).
Die Pollenkörner sind sämtlich tiefer gelb gefärbt als Lycopodium. Eine kleine Menge von Stärkekörnern kann in das Lycopodium zufällig dadurch hineingelangen, daß es in Rußland bisweilen in Mehlsäcken versandt wird, oder daß in den Drogenhäusern Stärkestaub hineingelangte. 1% kann man tolerieren. Nach dem Kochen mit Wasser darf letzteres durch Jodwasser nicht blau werden (CAESAR und LORETZ). Auch einige Pinuspollenkörner können zufällig hineingelangen, da ja die Pflanze in Nadelholzwäldern wächst (doch stäubt die Kiefer viel früher als die Lycopodiumarten).
Die anorganischen Beimengungen erhöhen den Aschengehalt, verraten sich aber auch schon teils im Mikroskop, teils beim Vermischen des Lycopodium mit Wasser oder Chloroform. Reines Lycopodium schwimmt auf Wasser, mineralische, in Wasser unlösliche Beimengungen sinken zu Boden. Auch auf Chloroform und Schwefelkohlenstoff schwimmt reines Lycopodium. Der Schwefel verrät sich durch die beim Verbrennen entstehende schweflige Säure. Die Harze lösen sich in Alkohol oder Alkoholäther.
Lit. CAESAR-LORETZ, Handelsb. — Journ. of pharmac. 1898. — GALLOIS, Journ. pharm. chim. 1906, 242. — PERROT, Bull. sc. pharm. 1907, 350. — MITLACHER (1904). — WEIGEL, Pharm. Centralh. 1904. — BROWN, Bull. of ph. 1891, 10. — PEREIRA, Heilmittellehre. — Abgebildet sind Pinuspollen in MOELLER, Lehrbuch, VOGL, Atlas, BERG, Atlas, PLANCHON-COLLIN u. and., Larixpollen bei MOELLER, Cannabispollen ebenda, Cichoriumpollen ebenda, Coryluspollen bei VOGL.
Anwendung. Als Streupulver (allein und mit Salicylsäure oder Zinkoxyd) bei Intertrigo, zum Aufstreuen auf wunde Stellen, besonders bei Kindern, usw. eignet sich Lycopodium gut, da es leicht haftet, mit Wasser nicht benetzbar ist und nicht zusammenballt. Die gleichen Eigenschaften und seine Indifferenz empfehlen es auch als Konspergierungsmittel der Pillen.
Zum Bestreuen der Pillen wird es in den Apotheken so viel benutzt, daß der Staub der Apotheke und alle Geräte und Utensilien derselben immer Lycopodiumsporen enthalten. Dies muß beachtet werden, wenn man aus der Apotheke bezogene Objekte mikroskopisch untersucht. (Ein Botaniker beschrieb einmal die Lycopodiumsporen als den Dauerzustand eines Schleimpilzes [!], den er in aus einer Apotheke stammendem Fleisch gefunden hatte und den er wegen der Netzleisten der Sporen: Haplococcus reticulatus nannte [!]).
Mit Salpeter gemischt dient es zur chinesischen Moxa. Die innerliche Anwendung, z. B. bei Dysurie, Blasenkatarrh, besonders als Emulsion (Linctus diureticus HUFELAND), in Pastillenform usw. kommt kaum noch in Betracht. Etwas verbraucht die Gießerei zum Ausstreichen der Formen. Eine große Menge L. (zuweilen Hunderte von Kisten) verbraucht die Feuerwerkerei besonders an den Nationalfesten, z. B. in Nordamerika. Die Sitte stammt aus Persien (OLEARIUS, Persian. Reiß-Beschreib.). Herba Lycopodii wird kaum noch (als Diuretikum) benutzt. Das Kraut von L. Selago ist ein russisches Volksheilmittel. Es wirkt drastisch und abortiv. Auch das Kraut von L. Saururus wirkt drastisch. (Vgl. HUSEMANN, Arzneimittellehre).
Geschichte. Das etwas bitter schmeckende Kraut (Herba Lycopod. s. Musci clavati) war früher als das Sporenpulver besonders beim Volke in Gebrauch und ist noch da und dort (Polen) Volksheilmittel, ebenso wie Herba Selaginis s. musci erecti s. cathartici (von L. Selago), das auch gegen Ungeziefer benutzt wird. (Weitere Angaben über arzneilich verwendete Lycopodien in DRAGENDORFF, Heilpflanzen.) Vielleicht ist die Herba terrestris, pes pulli der Alphita ein Lycopodium. Die patres botanices sowie DODONAEUS, TABERNAEMONTANUS, BAUHIN, PARKINSON, RAY benutzten die ganze Pflanze und ein daraus destilliertes Wasser. JOH. RAY (I, S. 911) bespricht sie und ROLFINK († 1677) rühmt sie als Antiepilepticum. Die erste Abbildung der Pflanze findet sich in BOCK, Hist. stirp. 1552 p. 555 (vgl. I, S. 327, Fig. 316), weitere bei TABERNAEMONTANUS (I, S. 847), bei CORDUS u. and. LONICERUS sagt (Nat. histor. op. nov. 1551) von den Sporangienständen, «asparagos», sie seien «leves et molles, ceu farina aut pulvere conspersos, mox decidentes, quos pro flore licebit sumere», erkannte sie also bereits als «Blüten». Der von CLUSIUS (Rarior. pl.) abgebildete Muscus terrestris lusitanus ist vielleicht auch ein Lycopodium (oder eine Selaginella?). DODONAEUS tadelt den groben Mißbrauch Lycopodium clavatum in den Apotheken für Spica celtica (Saliunca = Valeriana celtica L.) zu geben. Schon ANGUILLARA (Semplici 1561) erwähnt eine «Spica celtica commune» mit Früchten «simili al Pepe lungo», welche statt der echten Spica celtica gebraucht werde. Darin ist wohl (mit BERG) Lycopodium zu erblicken.
Die erste Angabe über medizinische Anwendung der Sporen zum Bestreuen von Wunden findet sich bei SCHRÖDER in dessen Pharmacop. medico-chymica 1649 (FLÜCKIGER), doch findet sich L. weder in DALE, Pharmacologia London 1693 (HANBURY), noch in der BERLU-Liste (I, S. 950), noch in der Londoner Pharmacopoee, noch bei POMET. Wohl aber steht Sem. Lycopodii in der Taxe von Ulm 1664, Franckfurt 1669 und 1718, Basel 1701, im Gießener Catalogus 1688 als Synonym auch Muscus terrestris, in der Taxe von Schwäbisch-Hall 1700: Beerlapp- oder Gürtelkrautsamen (vgl. die Taxen im I. B.), muß also schon damals viel benutzt gewesen sein. Der Preis des Sem. Lycopodii betrug (Reform. d. Stadt Frankfurt 1718) 1 Lot = 4 Kr.
Der Züricher Stadtarzt JOH. MURALT († 1733) rühmte L. gegen Intertrigo (DIERBACH). BERGIUS erwähnt 1782 das Farina Lycopodii s. Pollen gegen Excoriatio und VALENTINI sagt (im Museum 1704), G. W. WEDEL ausschreibend, dem wir eine Monographie: De musco terrestri clavato Jenae 1702 verdanken: «Es heilet auch allerley Räudigkeit, Verwundungen, Rothlauff, Jucken an heimlichen Örtern, absonderlich wenn die kleine Kinder allda wund werden». Besonders durch WEDELS Dissertation scheint man auf die Lycopodiumsporen, die auch innerlich bei zahlreichen Krankheiten angewendet wurden (vgl. in NEUMANN Chymia medica) aufmerksam geworden zu sein. Die merkwürdigen Eigenschaften des L. — ein staubfeines trockenes Pulver, das fast keine Asche gibt, das zur Hälfte aus Öl, das man doch nicht extrahieren konnte, besteht und im Lichte rückstandslos verpufft! — haben den Chemikern viel zu schaffen gemacht. BERGIUS z. B. nennt es eine «vera cera cruda»; LÉMERY sagt, es habe viel sal essentiale, NEUMANN, daß die partes resinosae mit den partibus oleosis «surschagiret» sind. Doch erkannten schon LÉMERY, KÖNIG und NEUMANN, daß wirklich Öl darin enthalten ist.
Paralleldrogen. Ähnlich wie die Sporen von Lyc. clavatum, die die meisten Pharmacopoeen ausdrücklich verlangen, können auch die Sporen anderer Lycopodien, die alle tetraëdrisch sind, aber zum Teil eine andere Skulptur des Exosporiums zeigen, gebraucht werden und werden dort, wo die Arten häufiger vorkommen, auch ebenso benutzt. — Pharmacop. american. läßt sie auch zu —. So z. B. die beiden in Norwegen ebenso benutzten Lycopodium complanatum L. (L. Chamaecyparissias A. BR.). Sporen fast gleich wie bei L. clavat. Breite 28–30 mik. und Lyc. annotinum L., Netzleisten sehr weitmaschig (Fig. 157, 2), Breite etwa wie bei L. clav. Kleine Sporangienähren haben: L. Selago L. mit getüpfeltem Exosporium (Fig. 157, 3), Breite 24–33, meist 27–30 mik. L. inundatum L.: Exosporium mit welligen Leisten. L. alpinum L. und L. dendroideum MICH. (Nordamerika, MAISCH). Die Sporen von L. phyllanthum haben Tüpfel, die von L. densum Stacheln. In Deutschland ist nur L. clavatum häufig, in der Schweiz auch L. Selago, in Skandinavien auch L. complanatum und annotinum (SCHÜBELER), seltener sind in Deutschland L. annotinum, alpinum, inundatum und complanatum.
Lit. FLÜCKIGER, Pharmakogn. — MAISCH, Jahresb. d. Ph. 1870, 34. — SCHÜBELER, Pflanzenwelt Norwegens. — Abgebildet sind bei PRITZEL in ENGLER-PRANTL, Pflanzenfam. I, 4, 587 die Sporen von Lycopod. phyllanthum, densum und inundatum.

Fig. 157.
1.
Lycopodium clavatum.
2.
L. annotinum.
3.
L. Selago.
[Aus Kommetar Svenska Farmak.]
3. Mycino-Membranindrogen.
Früher nahm man gestützt auf die Tatsache, daß sich die in Kupferoxydammon unlöslichen (FRÉMY) Pilzzellmembranen (Fungin BRACONNOT, Metazellulose FRÉMY) nach Behandeln mit Kali durch Jodschwefelsäure violett färben, an, daß ihre Substanz aus einer «inkrustierten» Zellulose bestehe, die DE BARY «Pilzzellulose» zu nennen vorschlug. Ich habe den Komplex der Inkrusten 1888 als Mycin bezeichnet (entsprechend dem Lignin und Suberin). Diese Auffassung ist jetzt verlassen. Nach STAEDELER, WINTERSTEIN, GILSON, WISSELINGH und WESTER enthalten die Zellmembranen der verschiedensten Pilze Chitin, eine Substanz (von ODIER 1823 so benannt), die bei den niederen Tieren weit verbreitet ist und z. B. in den Panzern und Flügeldecken der Insekten und Crustaceen, in der Haut der Seidenraupe und den Knorpeln der Sepien einen Hauptbestandteil bildet. Die quantitativen Bestimmungen WESTERS zeigen jedoch, daß das Chitin in den Pilzzellmembranen noch von anderen Substanzen begleitet sein muß, denn er fand den Chitingehalt z. B. bei Secale cornutum zu 5% und bei Hymenomycetenfruchtträgern zu 5–7%. Zellulose scheint der Begleiter aber nicht zu sein (WESTER). TANRET nennt ihn Fungose (C6H10O5)6 (?). Die Chitinmengen scheinen übrigens zu schwanken, denn während GILSON und ESCOMBE nur 0–10% Glukosaminchlorhydrat aus Secale cornutum erhielten, erhielt IWANOFF 20–40% davon. Keinesfalls ist die jetzt viel verbreitete Ansicht, daß Pilzzellmembranen nur aus Chitin bestehen, richtig. Gefunden wurde Chitin von WINTERSTEIN und GILSON in Agaricus campestris, Boletus edulis, Polyporus officinalis u. and. von GILSON und TANRET in Aspergillus, Bovista, Cantharellus und Claviceps purpurea, von WISSELINGH und WESTER in zahlreichen anderen Pilzen (und auch einigen Flechten) mit Ausnahme der Myxomyceten und Bakterien. Neuerdings wurde es aber auch in Bakterien aufgefunden.
Wir dürfen jetzt annehmen, daß das Chitin und auch noch das bei der Behandlung mit Kali aus ihm neben Essigsäure hervorgehende Chitosan (Mycosine GILSON) hochmolekulare, der Stärke und dem Glykogen, deren Jodreaktion das Chitosan teilt [es wird durch Jod und verd. (1%) H2SO4 tief violett], analoge Polysaccharide sind, die aber stickstoffhaltig und am Stickstoffe acetyliert sind (LEDDERHOSE, FRÄNKEL und KELLY, GILSON, SUNDWICK, SCHMIEDEBERG). Es kommt also dem Chitin kaum die einfache Formel C18H30N2O12, vielleicht eher die höhere Formel C60H100N8O38 (SUNDWICK) zu, und auch das Chitosan muß komplizierter als C14H28N2O10 zusammengesetzt sein. Jedenfalls entstehen beim Behandeln der Pilzzellmembranen mit Salzsäure zunächst mehr oder weniger große Mengen des von d-Glukose:

abzuleitenden d-Glukosamins:

und schließlich ein Chitose genannter Zucker, den E. FISCHER als hydriertes Furanderivat auffaßt, und:

schreibt. Das synthetisch aus d-Arabinose dargestellte d-Glukosamin ist, wie neuere Untersuchungen zeigten, identisch mit dem aus Chitin erhaltenen (E. FISCHER und LEUCHS). OFFER betrachtet das Chitin als ein polymeres Monoacetyldiglukosamin.
VAN WISSELINGH schreibt mir (1911): «Im Widerstreit mit früheren Ansichten kommt bei den Pilzmembranen im allgemeinen keine Cellulose vor. Nur in einigen Fällen findet sich diese Wandsubstanz bei den Pilzen, nämlich bei den Myxomyceten, Peronosporeen und Saprolegnieen. Das Vorkommen von Chitin bei den Pilzmembranen ist dagegen eine sehr allgemeine Erscheinung. Wenn man die Bakterien, die Saccharomyceten und die drei obengenannten Familien nicht berücksichtigt, so findet man bei den Pilzen fast ohne Ausnahme Chitin in den Zellwänden. Auch bei Plasmodiophora Brassicae (Myxomyceten) kommt diese Wandsubstanz vor. In keinem einzigen Falle sind Chitin und Cellulose nebeneinander in den Pilzmembranen nachgewiesen. Dagegen fehlen in einigen Fällen beide Stoffe in der Zellwand, nämlich bei Bakterien, Saccharomyces Cerevisiae, Fuligo septica und Cetraria islandica. Neben Chitin und Cellulose kommen noch mehrere Stoffe in den Pilzmembranen vor. Wahrscheinlich gehören dieselben zu den Kohlehydraten; im allgemeinen sind sie aber noch wenig bekannt, auch fehlen noch charakteristische Reaktionen für ihre Nachweisung.»
Fettsäuren sind bis jetzt aus den Pilzzellmembranen, die übrigens (s. Mikrochemie) eine sehr verschiedene Zusammensetzung zeigen, nicht isoliert worden, so daß sie also von den Korkmembranen stark abweichen. Nach WINTERSTEIN enthalten die Membranen einiger Pilze auch Eiweiß; nach ihm sind vielleicht in ihnen mucinähnliche Stoffe in Verbindung mit Kohlehydraten enthalten. WINTERSTEIN isolierte aus Boletus edulis und Polyporus betulinus Paradextran (liefert bei der Hydrolyse Traubenzucker). Auch IWANOFF nimmt bei Hutpilzen neben Chitin stickstofffreie Zellmembranstoffe in der Membran an. Alles in allem betrachtet scheint in der sog. Pilzzellulose ein Mittelglied zwischen den Kohlehydraten und Eiweißstoffen vorzuliegen, in dem besonders polymere Amidoglukosen eine Rolle spielen.
Über den mikrohistochemischen Nachweis des Chitins teilt mir VAN WISSELINGH (1911) Folgendes mit. «Chitin kann mit großer Schärfe mikrochemisch nachgewiesen werden. Die zu prüfenden Objekte werden im Ölbade in zugeschmolzenen Röhrchen auf 160 oder 180° mit konzentrierter Kalilauge erhitzt. Hierdurch wird das Chitin in Chitosan umgesetzt. Nach Abkühlung werden die Objekte mit absolutem oder mit 95proz. Alkohol sorgfältig ausgewaschen und in destilliertes Wasser gebracht, worauf hintereinander Jodjodkalilösung und sehr verdünnte Schwefelsäure (0,5% J und 1% H2SO4) hinzugefügt werden. Chitinhaltige Zellmembranen und chitinhaltige Teile von Zellmembranen sind dann schön rotviolett gefärbt. Nach der Erhitzung mit Kalilauge färben chitinhaltige Membranen sich mit Chlorzinkjod blau. Diese Reaktion ist jedoch weniger scharf als die mit Jod und Schwefelsäure. Das Auswaschen mit Alkohol dient dazu, um einem Zerfließen der Präparate vorzubeugen, welches stattfindet, wenn man sie von der Kalilauge unmittelbar ins Wasser überträgt. Chitosan ist löslich in verdünnter Salzsäure (2½proz.) und in sehr verdünnter Essigsäure. Mit konzentrierter Kalilauge erhitzte Membranen lösen sich unmittelbar in diesen verdünnten Säuren, falls sie ausschließlich aus Chitosan bestehen. Chitin leistet einer Erhitzung in Glycerin auf 300° Widerstand, während viele andere Wandsubstanzen und Bestandteile des Zellinhalts zersetzt und entfernt werden. Diesem Prozeß kann man die Umsetzung des Chitins in Chitosan vorhergehen lassen, falls es nötig ist zur Verschärfung der Reaktion andere Substanzen zu entfernen.»
Lit. LEDDERHOSE, Ber. chem. Ges. 9 (1876), 1200, Zeitschr. phys. Chem. 2 u. 4. — STÄDELER, Lieb. Ann. 111, 21. — WINTERSTEIN, Zur Kenntn. d. in d. Membr. d. Pilze enth. Bestandt., Zeitschr. f. phys. Chem. 19, 521 u. 21, 134. Ber. d. chem. Ges. 26, 3098, 27, 3113; 28, 167 u. 1374. Ber. d. Bot. Ges. 11, 441 und 13, 65. — GILSON, Ber. d. chem. Ges. 28, 821. Rech. chim. sur la membr. cellul. d. champignons, La Cellule 1894 und Bull. soc. chim. 1894. Compt. rend. 1895. — SUNDWICK, Zeitschr. f. phys. Chem. (1881), 5, 385. — SCHMIEDEBERG, Arch. exper. Path. 28, 355. — FRÄNKEL und KELLY, Sitzungsb. d. Wien. Akad. 1901. — OFFER, Bioch. Zeitschr. 1907. — TANRET, Bull. soc. chim. III, 17, 921. — VON WISSELINGH, Mikrochem. Unters. über d. Zellwände d. Fungi. Zeitschr. f. wiss. Botan. 31, 619. (Dort auch die mikrochem. Reaktion auf Chitin.) — WESTER, Studien über d. Chitin. Dissert. Bern 1909 (dort weitere Literatur) und Verbreit. u. Lokalisat. d. Chitins im Tierreiche. Zoolog. Jahrb. 1910. — E. FISCHER u. TIEMANN, Ber. d. chem. Ges. 27 (1894), 138. — E. FISCHER, Ebenda 35 (1902), 3789, 36 (1903), 24 und 2587. — Weitere Lit. in CZAPEK, Biochemie, RÖHMANN, Biochemie und in ZELLNER, Chemie d. höh. Pilze.
Fungus igniarius.
Agaricus quercinus praep., Fungus quercus, Fungus s. boletus chirurgorum, Feuerschwamm (daher igniarius von ignis = Feuer), Wundschwamm, Blutschwamm, Zunder (daher fomentarius von fomentum = Zunder) — agaric de chêne, amadou (franz.) — surgeons agaric, touchwood, german tinder (engl.) — vuurzwam (holl.) — esca (ital.) — tapló (ung.).
Die Stammpflanze muß zu Fomes FRIES und nicht zu Polyporus gezogen werden, da der Fruchtkörper von Anfang an holzig, derb und dauerhaft und konzentrisch gefurcht ist.

Fig. 158.
Fomes fomentarius.
A Hut von oben gesehen. B Hut median-längsdurchschnitten. C Röhrenhymenium von unten gesehen.
[Nach
Luerssen
.]
Fomes fomentarius (L.) FRIES, Syst. mycol. I, 374 (Polyporus fomentarius FRIES, Boletus fomentarius L., Agaricus fomentarius LAM.) ist ein zu den Hymenomycetinae, Polyporaceae — Polyporeae, Sectio Fomentarii, gehöriger, in Europa, Sibirien (bis über den Polarkreis), Nordamerika und auf Malakka vorkommender Pilz, der, ein echter Parasit, auf Laubbäumen, vorwiegend auf Buchen (und Birken) vorkommt.
Die Infektion des Baumes erfolgt stets durch Wunden. Das Mycelium verbreitet sich vorwiegend zwischen Rinde und Holz und erzeugt schließlich, von der Mitte des Stammes nach oben fortschreitend, den mehrere Jahre andauernden Hymenialkörper (den Hut). Dieser ist hufförmig-polsterartig, an der Peripherie halbkreisförmig oder halbelliptisch, sitzt mit sehr breiter Fläche ungestielt dem Stamme an und wird an der Anheftungsstelle bis 50 cm hoch, 30 cm breit und 25 cm tief. Auf der Rückenfläche (Oberseite) ist er entfernt konzentrisch gefurcht, kahl, nackt, anfangs rußfarbig oder bräunlich-grau, dann perl-grau mit welligen, ungleich dicken, parallelen Zonen; auf der Bauchseite ist er flach oder schwach vertieft; bräunlichgrau, später rostbraun. Innen weich, flockig, rostfarbig-gelbbraun mit c. 3 mm dicker, sehr harter, zäher, dauerhafter, aus Paraplectenchym (Pseudoparenchym) bestehender Rinde. Die Hymenialschicht liegt auf der Unterseite. Sie läßt sich leicht abtrennen. «Unter der Rinde liegt eine etwas umfangreichere, weichere rostbraune Schicht, auf welche eine dicke atlasglänzende, zartflockige und sammetweiche, hellzimtfarbene Schicht, welche parallel zur Hymenialschicht gezont ist» (BERG-SCHMIDT) folgt. Diese geht allmählich in die unterste, dunklere, dichtere, grobflockige Basalschicht des Hutes über. Diese drei Schichten bilden das Plectenchym. Nur die mittlere liefert den Feuerschwamm. Die Hymenialschicht (Schlauchschicht), die nun nach unten hin folgt und meist umfangreicher ist als der obere Hutkörper, besteht aus dichtem Plectenchym und ist von zahlreichen, vertikal verlaufenden, 0,5 mm weiten Röhren (Röhrenhymenium) durchzogen (daher Polyporus von πολύς und πῶρος), in welche die Basidien hineinragen, von denen je vier ellipsoidische Basidiosporen abgeschnürt werden. Die Hymenialschicht zeigt den Jahreszuwachsen entsprechende Zonen.
In den Fruchtkörpern dieses und anderer Baumpilze leben die Larven vieler Käferarten, z. B. [Cistelae, Melandryidae, Mordellidae] Mycetochares bipustulata ILL., Eustrophus (Mycetophagus) dermestoides FABR., Orchesia micans. PAYK., Hallomenus binotatus QUENS. u. a. (ISRAËL).
Der auf verschiedenen Laubhölzern, besonders Weiden, wachsende, in Europa, Sibirien, Nord- und Südamerika, Afrika und Australien vorkommende Weidenschwamm, Fomes igniarius (L.) FRIES (Polyporus igniarius FR., Boletus igniarius L.) besitzt einen meist kleineren, flacheren, reichlicher gezonten, am Rande gewulsteten Hut (Abbild. bei HENNINGS), der im Alter rissig wird und dessen rostbraune holzige Schwammschicht viel härter ist als die des F. fomentarius, daher einen schlechteren Feuerschwamm liefert, übrigens meines Wissens jetzt nirgends mehr darauf verarbeitet wird. Das gleiche gilt von den Fruchtträgern von Fomes marginatus (Polyporus marginatus FR.). Dagegen soll F. applanatus verwendbar sein (FLÜCKIGER). Der Fruchtkörper von Fomes igniarius ist anfangs kugelig-knollig, später huf- oder polsterförmig, 6–20 cm lang, bis 10 cm dick, erst mit flockigem, gelbbraunem Filze, später kahl mit harter, grauer oder schwärzlicher Rinde, mit konzentrischen Furchen und stumpfem Rande (HENNINGS). Weitere Polyporeen bei SYDOW in Realenzyklopäd. d. Pharm., bei LUERSSEN und HENNINGS.
Feuerschwamm wird besonders in den Karpathen in Siebenbürgen (im Szekler Lande und im Comitat Haromszék im Südosten), dann im Gouvernement Archangelsk, aber auch in Böhmen, Ungarn (Temesvar), Galizien, Kroatien, Thüringen (früher c. 1000 cwts jährlich, FLÜCKIGER), im Harz und Schwarzwald (Todtnau im Wiesenthal), bei Ulm und Fredeburg (Westfalen), sowie in Schweden gesammelt und verarbeitet. Die mittlere lockere Schicht «Zunderschicht» des im August und September gesammelten Fruchtkörpers (s. oben) wird mit einem Messer herausgeschnitten, in Wasser oder schwache Aschenlauge oder verd. Natron- oder Kalilauge eingeweicht, durch Waschen gereinigt, getrocknet und durch Klopfen der auf Steine aufgelegten Stücke mit hölzernen Hämmern in eine weiche Platte verwandelt, die dann meist noch gewalzt wird. Diese «Felle» erreichen (aber jedenfalls nur in seltenen Fällen) eine Länge von 110 cm, eine Breite von 50 cm und eine Dicke von 1,5 cm (FLÜCKIGER). Man fertigt aus Feuerschwamm auch Kleidungsstücke, Mützen, Westen.
Der Wundschwamm des Handels besteht aus sehr langen, 2,5–5,5 mik dicken, geraden oder wellig gebogenen, locker durcheinander geschlungenen Hyphen mit sehr dünner, bräunlicher Membran, zwischen denen keinerlei Substanzen sich abgelagert finden und die auch nahezu inhaltsleer sind.
SCHLOSSBERGER und DÖPPING geben dem Zellstoff des Feuerschwamms die Zusammensetzung 45,37% C, 6,82% H. Der Fruchtträger enthält Methylpentosane (WICHERS und TOLLENS), ein Fett, das eine hohe Säurezahl besitzt (ZELLNER). Ferner wurde gefunden: eisenbläuender Gerbstoff 0,6% und in einem jungen Fruchtträger ein glykosid-(salicin-)spaltendes Ferment (BOURQUELOT). Die Asche beträgt 1,09% (FLÜCKIGER).
Polyporus igniarius enthält Oxalsäure (BOUILLON LAGRANGE), Apfelsäure (derselbe, BRACONNOTS acide fongique, Schwammsäure), eisenbläuenden Gerbstoff. Die Polyporsäure scheint ein pathologisches Produkt zu sein, sie findet sich jedenfalls nicht regelmäßig (STAHLSCHMIDT). ZELLNER fand in Polyporus igniarius Ergosterin, Harz, Fettsäuren, Fumarsäure (?), Mannit, Glukose, Phlobaphene, gummiartige Kohlehydrate und sehr wenig Eiweißkörper, von Fermenten ein fettspaltendes, ein diastatisches, ein glykosidspaltendes und ein Cellulose lösendes. Die Membranen geben, mit HCl destilliert, Furol, enthalten also wohl Pentosane. Bei Destillation mit Alkalien liefert der Pilz Amanitol und Aminbasen (sehr wenig). Asche 7,85–8,67. (Darin 23,82% K2O, 23,93% CaO, 19,91% SO3 6,67% MgO, 2,29% SiO2, 2,85% Fe2O3 + Al2O3, 1,78% P2O5, 0,87% Na2O, 0,42% S als Sulfid.) CaSO4 war reichlich vorhanden, die Tonerde in wasserlöslicher Form.
Als Blutstillungsmittel wird Feuerschwamm jetzt vielfach durch Eisenchloridwatte ersetzt. Die Wirkung beruht wohl auf einer kapillaren Aufsaugung des Blutserums und dadurch bedingter rascher Gerinnung des Blutes infolge Verklebung der Blutkörperchen. Die Hyphen bilden sehr feine Röhren. Als Blutstillungsmittel wurde früher auch der ebenfalls Fungus chirurgorum genannte saprophyte Bovist (Lycoperdon caelatum BULL.) benutzt.
Zur Darstellung des Zunder, der seit Einführung der Zündhölzer nur noch in Gebirgsdörfern da und dort benutzt wird, wird der Schwamm mit Salpeter getränkt. Ein solcher Schwamm ist als Blutstillungsmittel unverwendbar. Daher muß der Schwamm stets auf Salpeter geprüft werden. Guter Wundschwamm muß weich und dehnbar sein, angezündet ohne Knistern und ohne Funkensprühen verglimmen und leicht und reichlich Wasser aufnehmen. Das ausgedrückte Wasser muß rückstandslos verdunsten und darf keine Salpeterreaktion (mit Diphenylamin) geben. Feuerschwamm hält auch nach dem Ausdrücken leicht das doppelte Gewicht Wasser zurück.
Die Verwendung eines «Schwammes» beim Feuermachen erwähnt PLINIUS (16, 77) mit den Worten: «teritur ergo lignum ligno, ignemque concipit attritu, excipiente materia aridi fomitis, fungi vel foliorum facillimo conceptu.» — «Fungus» findet sich auch bei SERAPION (I, S. 605).
Lit. Abbild. in BERG-SCHMIDT, Atlas II. Aufl., t. 160 (dort die Liter.), PABST-KÖHLER, Arzneipflanzen, t. 139, LUERSSEN, Med. pharm. Botan., HENNINGS in ENGLER-PRANTL, Pflanzenf., HARTWICH in HAGERS Pharm. Praxis, BERG, Anatom. Atlas, VOGL, Atlas. — FLÜCKIGER, Pharmakogn. — BOUILLON-LAGRANGE, Ann. d. chim. 51, 75. — BRACONNOT, Ebenda 79 und 87. — SCHLOSSBERGER u. DÖPPING, Lieb. Ann. 52 (1844), 106. — BOURQUELOT, Bull. soc. myc. 1894. — ZELLNER, Monatsh. f. Chem. 29, 1171 und Chemie d. höh. Pilze 1907.
4. Silico-Membranindrogen.
Die Abteilung der Bacillariaceen (Diatomeen) ist unter anderem dadurch ausgezeichnet, daß die bekanntlich eine ganz außerordentlich mannigfaltige Zeichnung zeigenden (Fig. 159, vgl. auch Fig. 107 u. Fig. 108) Membranen der Zellen der sehr kleinen Pflanzen sehr reich an Silicium sind. Daneben findet sich aber ein Membranin, das nicht Zellulose zu sein scheint. Wenn man nämlich das Silicium mit Flußsäure entfernt, so färbt sich der Rückstand mit Jodschwefelsäure auch dann gelb, wenn man zuvor mit Kalilauge oder SCHULTZEscher Flüssigkeit behandelt (PFITZER). Wie das Silicium gebunden, ob eine «Silicozellulose» oder, was wohl das wahrscheinlichere ist, ein Kieselsäureester vorliegt, wissen wir nicht. Jedenfalls kommen auch Alkalien in der Schale vor, denn wenn man ohne zuvor mit Säuren zu kochen direkt verascht, bekommt man oft ein Glas. Kocht man aber mit Salpetersäure oder SCHULTZEschem Gemisch aus und glüht dann, so bleibt die Schale mit allen ihren, auch den feinsten Skulpturierungen erhalten. Das gleiche finden wir bei den Kieselguren, deren organische Substanz durch Fäulnis zerstört wurde. Wir können also die Kieselgurdiatomeen, die längst ihre Chromatophoren, ihr Plasma und die organische Grundsubstanz ihrer Membranen nicht mehr besitzen, auch heute noch nach der Struktur ihrer nunmehr vorwiegend aus Kieselsäure bestehenden Schalen diagnostizieren.

Fig. 159.
Häufiger vorkommende Diatomeen.
a
Surirella splendida
,
b
Meridion circulare
,
c
Nitzschia linearis
,
d Nitzschia acicularis
,
e
Epithemia Zebra
,
f
Tabellaria fenestrata
,
g
Synedra Ulna
,
h
Gomphonema acuminatum
,
i Rhoicosphenia curvata
,
k
Cocconema cistula
,
l
Navicula stauroptera
,
m
Stauroneis phoenicenteron
.
[Aus
Hager-Mez
, Das Mikroskop.]
Lit. Siehe unter Kieselgur. Über die Verkieselung der Membran höherer Pflanzen vgl. MOHL, Bot. Zeit. 1861 und SACHS, Flora 1862, sowie MILIARAKIS, Die Verkieselung lebender Elementarorgane bei den Pflanzen. Diss. Würzburg 1884.
Kieselgur.
Der Kieselgur (Infusorienerde, Bergmehl, Infusorienmehl, Kieselmehl, Diatomeenpelit) des Handels bildet ein leichtes, sehr feines, weißes oder grauweißes Pulver, das, wie die mikroskopische Untersuchung lehrt, so gut wie ausschließlich aus den zum Teil ganzen, zum Teil zertrümmerten Kieselschalen von Diatomeen (Bacillariaceen) besteht, die keine organische Substanz mehr enthalten. Nur selten finden sich die Nadeln des Süßwasserschwammes darunter. Er findet sich in bisweilen ziemlich mächtigen Lagern in Böhmen (Biliner Polierschiefer, Franzensbader K.), in Ungarn (Zabresta), in Toskana (Castel del Piane bei Santa Fiora) und in Deutschland (Lüneburger Heide, im Habichtswald, bei Kassel, am Hochsimmer in der Nähe des Laacher Sees, bei Altenschlürf und Steinfurth im Vogelsgebirge), in Finland (Lillhagshyön, Degernfors), Schweden (Drepenäre), Norwegen, Rußland, in Amerika (New York, Oregon, Nevada, Virginien und bes. Kalifornien). Richmond, Berlin und Königsberg stehen zum großen Teil auf stellenweise 23 m mächtigen Kieselgurlagern. Das Lager bei Ebstorf in der Lüneburger Heide ist 13 m, das in Zabresta 5 m mächtig. Die mächtigsten sind die von Fremont in Oregon (U. S. A.). Dort, wo wir nur aus Diatomeenschalen bestehende Kieselgurlager finden, können wir sie kaum für Sedimente von Süß- oder Salzwasserseen halten — die meisten Diatomeen sind Süß- oder Salzwasserbewohner —, da ihnen sonst wohl die Kieselreste anderer Organismen und anorganische Schlammbestandteile beigemengt wären, sondern diese sind wohl Produkte großer Quellen, die nur eben die Oberfläche naß erhielten.
Die Kieselgurlager enthalten, da die Diatomeen sehr klein sind, ganz ungeheuere Mengen dieser Organismen. Nach BRUN sind in einem Kubikmillimeter 8000, nach SCHUMANN in einem Kubikfuß 3 Billionen Diatomeen enthalten. Schon ein Kubikmeter enthält also schwindelerregende Mengen. Die ältesten Diatomeenformen reichen bis zur Kreide und ins Tertiär, die meisten sind viel jünger (Alluvium, Diluvium).
Der meiste Kieselgur, der in Deutschland technisch und in der Medizin verwendet wird, stammt aus den Lagern der Lüneburger Heide, wo sich verschiedene Fundstellen finden (Oberohe, Ebstorf, Hützel im Luhetal), deren Zusammensetzung nicht stark voneinander abweicht. Von dort werden jährlich 300–400 Doppelladungen exportiert.
Ein aus der Lüneburger Heide (von Oberohe oder Ebstorf) stammendes Muster, das Dr. KELLER-ESCHER in Zürich vor einiger Zeit bezog, bestand aus folgenden Arten: Synedra (S. Ulna dominiert, sie findet sich massenhaft), Fragilaria, Gomphonema, Melosira, Navicula, Epithemia, Cymbella, Amphora, Stephanodiscus und Cocconeïs.
Nach einer mir 1911 von O. MÜLLER-Berlin gesandten Bestimmung besteht der Kieselgur von Lüneburg aus: Melosira granulata (EHR.) Ralfs, Melosira crenulata. KG. (italica), Melosira arenaria MOORE, Melosira (crenulata var.) tenuis KG., Synedra (Ulna var.) splendens KG., Cymbella Ehrenbergii KG., Cymbella (Cocconema) lanceolata EHR., Cymbella cistula. HEMPR. u. var. maculata, Cymbella cuspidata KG., Epithemia sorax KG., Epithemia Hyndmanni W. SM., Epithemia turgida (EHR.) KG. und var. granulata GRUN., Cymatopleura (elliptica var.) hibernica W. SM., Campylodiscus hibernicus EHR., Surirella Campronii BRÉB., Surirella biseriata (EHR.) BRÉB., Surirella elegans EHR., Cyclotella operculata var. major KG., Pinnularia viridis u. var. KG., Pinnularia major KG., Navicula sculpta EHR., Eucyonema ventricosum KG., Gomphonema constrictum var. capitata EHR., Amphora ovalis KG., Stephanodiscus astrasa (EHR.) GRUN., Navicula gastrum (EHR.) DONK., Navicula elliptica KG., Cocconeïs pediculus EHR., Epithemia zebra (EHR.) KG. u. var. proboscoidea GRUN., Cymatopleura elliptica (BRÉB.) W. SM.
Ganz ähnlich ist nach KELLER ein Lager bei Celle zusammengesetzt: Synedra (bes. Ulna), Amphora, Cocconeïs, Cymbella, Epithemia, Eucyonema, Fragilaria, Gomphonema, Melosira, Navicula und Stephanodiscus.

Fig. 160.
Kieselgur von Eger nach
Ehrenberg
.
Die runden Scheiben sind
Campylodiscus Clypeus
Ehrbg., die schiffchenähnlichen Schalen
Anomoeonis
(
Navicula
)
sculpta
Pf. (in der Mitte) und
bohemica
Pf. (oben und unten).
[Aus
Pfitzer
, Bacillariaceen in Schenks Handb. d. Botanik.]
Beide Lager, das in der Lüneburger Heide und das von Celle, sind Süßwasserablagerungen.
Eine Infusorienerde von Eger (Franzensbad) enthält hauptsächlich Campylodiscus Clypeus EHRB. und Navicula (Anomoeoneis sculpta und bohemica (Fig. 160), daneben (nach KELLER) Cymbella und Nitzschia.
Von italienischen Erden sind im Handel:
Monte Amiato (Süßwasserdiatomeen), bestehend aus (etwa 12 Spezies) Navicula, Epithemia, Cymbella, Synedra, Cymatopleura, Amphora, Stauroneis, Cyclotella, Fragilaria und Melosira (KELLER).
Santa Fiora (Süßwasserdiatomeen), bestehend aus Amphora, Cocconeïs, Cymatopleura, Cymbella, Epithemia, Fragilaria, Gomphonema, Melosira, Navicula, Pleurosigma, Stauroneis, Synedra, Tabellaria (KELLER).
Als Beispiel einer Meereswasserdiatomeenablagerung sei das Tripelgestein von Richmond in Virginien erwähnt (Fig. 161), das Coscinodiscus Gigas, Actinoptychus biternarius, ferner Aulacodiscus, Paralia marina, Actinocyclus, Grammatophora, Navicula, Pleurosigma und Hemiaulus enthält (PFITZER).
Bei der Untersuchung eines Kieselgur ist zu beachten, daß die Diatomeen eine «Schalenseite» und eine «Gürtelseite» besitzen, also je nach seiner Lage dasselbe Objekt ein verschiedenes Aussehn zeigt.
Im Handel findet man jetzt folgende Sorten: Extra weiße calcinierte, Rosa calcinierte, Weiße geschlämmte und geschlämmte und calcinierte Infusorienerde (PROLLIUS).

Fig. 161.
Tripelgestein von Richmond in Virginien.
1
Coscinodiscus Gigas
Ehrbg., 2
Actinoptychus biternarius
Ehrbg., 3
Aulacodiscus
sp., 4, 5
Paralia marina
Heib., 6
Actinocyclus
sp., 7, 8
Grammatophora
sp., 9
Navicula gemina
A. S., 10
Pleurosigma
sp., 11
Hemiaulus
sp.
[Aus
Pfitzer
, Diatomeen in Schenks Handb. d. Botanik.]
Für medizinische Zwecke wird besonders die Terra silicea calcinata praecipitata (d. h. geschlämmte und calcinierte) benutzt.
Die im Handel befindliche weiße (nicht die grüne!) Infusorienerde besteht fast nur aus Kieselsäure.
Der weiße (und grüne) Kieselgur der Lüneburger Haide z. B. enthält 97,3 (79,8)% Kieselsäure, 1 (1,9)% Tonerde, 1 (2,6)% Eisenoxydul, 0,3 (0,4)% Magnesia, 0,2 (0,3)% Kalk, 0,2 (15!)% Wasser und organische Substanz. Im grünen Kieselgur, der ungeglüht für unsere Zwecke unverwendbar ist, findet sich auch eine Spur Phosphorsäure.
Die Verwendung des Kieselgur beruht darauf, daß die hohlen Schalen oder Schalenfragmente so rasch jede Feuchtigkeit kapillar aufsaugen, daß z. B. ein auf ein Kieselgurstäbchen fallender Tropfen Wasser sofort aufgesaugt wird. Von Wasser nimmt Kieselgur ⅕ des Gewichtes auf. Auch Gase und Dämpfe werden von Kieselgur rasch absorbiert (z. B. Closetgase, FRANK). Kieselgur wird deshalb in der Medizin als aufsaugendes und daher austrocknendes Mittel in der Dermatologie benutzt, ferner zur Bereitung von Streupulver, Desinfektionspulver, Zahnpulver, als Verbandmittel.
Brom darf über See nur in Form von Bromkieselgurstäbchen versandt werden, d. h. das Brom muß von solchen Stäbchen, die meist 8–10 mm dick sind, aufgesaugt werden. Denn das Platzen einer Flasche mit 1 kg Brom könnte zum Erstickungstode der Besatzung führen. Diese Bromkieselgurstäbchen haben sich auch zur Desinfektion von Aborten bewährt.
Der Dynamit ist von Kieselgur aufgesogenes Nitroglycerin und die Kieselgurplatten dienen ähnlich wie die unglasierten Tonteller zum Trocknen von Niederschlägen. Kieselgur ist auch vorzüglich geeignet zum Klären trüber Flüssigkeiten (Soxhlet; SCHWEISSINGER). Man streut es auf das Filter oder verrührt die Flüssigkeit damit.
Auch die Eigenschaft des Kieselgur Wärme schlecht zu leiten wird benutzt (Isoliermassen für Dampfleitungen, Eisschränke und Trockenkästen — Beschläge von Retorten), sowie die Eigenschaft sehr fein und dabei doch sehr hart zu sein, die ihn als Poliermittel von Goldwaren empfiehlt. Und endlich dient er auch als Ersatz des Quarzes in der Glasfabrikation. (Weitere Anwendungen bei ANDÉS.)
Im dreißigjährigen Kriege sowie noch 1719 und 1733 in Wittenberg diente das «Bergmehl» als Zusatz zum Mehl und auch in Schweden und Finland wird es (nach BERZELIUS) ebenso benutzt. Es besitzt natürlich keinen Nährwert und wirkt nur ähnlich wie die Kleie, darmreizend, also die Ausnutzung der eigentlichen Nährstoffe fördernd.
Die Bacillariaceen, von LEEUWENHOEK (1702) entdeckt (er sah Synedra Ulna), von EHRENBERG zu den Tieren, von KÜTZING zu den Pflanzen gestellt, sind wegen der zierlichen Zeichnung ihrer Schalen jetzt auch beliebte Testobjekte zur Prüfung der mikroskopischen Objektive (bes. Pleurosigma).
Lit. SCHÜTT, Bacillariales in ENGLER-PRANTL, Pflanzenfam. (mit vielen Abbild.). — PFITZER, Die Bacillariaceen in SCHENKS Handb. d. Botan. — BRUN, Les diatomées des Alpes et du Jura 1879. — ANDÉS in LUEGERS Lexikon der Technik. — PROLLIUS in Realenzyklopaed. d. Pharm. — Chem. Analysen auch im Artikel Kieselgur in FEHLINGS Handwörterbuch (1878). — Abbildungswerke: A. SCHMIDT, Atlas der Diatomeenkunde. Leipzig 1874–1877. — VAN HEURCK, Synopsis des Diatom. de Belgique 1880/81 und Treatise on the Diatomaceae 1896.
5. Carbono-Membranindrogen.
Wenn pflanzliche Membranen unter Luftabschluß der Zersetzung anheimfallen, so vollzieht sich an ihnen ein langsamer Carbonisierungsprozeß. Der Wasserstoff und der Sauerstoff und ein Teil des Kohlenstoffes gehen als Wasser und Kohlensäure fort und die Membran reichert sich immer mehr an Kohlenstoff an: sie beginnt sich zu bräunen und wird schließlich schwarz. Dieser Carbonisierungsprozeß, der also ein langsamer innerer Verbrennungsprozeß vom Charakter der trockenen Destillation ist, läßt sich in seinen einzelnen Phasen an der Kohlenbildung verfolgen. Während die Zellulose 44,4% Kohlenstoff enthält, finden wir im Torf 56–60%, in der Braunkohle 60–70%, in der Steinkohle 75–90% und im Anthracit c. 94%. Auch die Zellinhaltsbestandteile werden zum Teil verbrannt, aber ebenfalls nicht vollständig. Denn wie wir aus der Leuchtgasfabrikation ersehen, treten unter den Produkten der trockenen Destillation der Kohle auch Ammoniak und Schwefelverbindungen auf, die als aus den Plasmaresten der schon vor Jahrhunderttausenden von Jahren abgestorbenen pflanzlichen Zellen entstanden zu denken sind.
Tafel XI.

Schwitzender Kohlenmeiler in Thüringen.
(Aus Regel, Thüringen.)
⇒ GRÖSSERES BILD

Fig. 162.
Slavischer Kohlenmeiler.
[Aus
Heusler
, Technologie.]
Der sich im Laufe sehr langer Zeiträume unter dem Drucke der darüber liegenden Erdschichten nur sehr langsam vollziehende Carbonierungsprozeß wird außerordentlich beschleunigt, wenn man die pflanzlichen Organe der trockenen Destillation unterwirft. Dies geschieht bei der Darstellung der Holzkohle in den Holzmeilern — man unterscheidet stehende (Fig. 162) und liegende und gemauerte (Fig. 163) Meiler — oder in Retorten. Die Meiler werden mit einer Lehmdecke versehen und dann bei b (Fig. 162) angezündet. Zunächst verdampft das Wasser («Schwitzperiode», Taf. XI), dann treten unten helle Dämpfe aus (Periode des «Treibens»). Das «Zubrennen» ist beendigt, wenn der austretende Rauch blau ist. Bei der Darstellung der Meilerkohle gehen die nebenher auftretenden Teerprodukte und der Holzessig verloren — nur beim gemauerten Meiler werden sie unten bei K (Fig. 163) abgelassen —, bei der Retortenholzkohle werden Holzteer, Holzessig und roher Holzgeist (Methylalkohol und Aceton) gewonnen. Das Produkt ist, abgesehen von den Aschebestandteilen, fast reiner Kohlenstoff. Das was wir hier in einer Phase sich vollziehen sehen — die Überführung der Zellulosine in Kohlenstoff —, vollzieht sich bei den Steinkohlenpflanzen in zwei Phasen. In der ersten werden die Pflanzenteile im Laufe der Jahrhunderttausende in Steinkohle, in der zweiten bei der trockenen Destillation diese in Coaks übergeführt, der, abgesehen von den Aschebestandteilen, auch fast reiner Kohlenstoff ist.

Fig. 163.
Gemauerte Meilerstätte.
[Aus
Heusler
, Technologie.]
Immerhin enthält die käufliche Holzkohle, Carbo ligni (Charbon végétal, Carbone vegetale), nicht selten außer Kohlenstoff noch Kohlenstoff-Wasserstoff-Sauerstoffverbindungen, so daß D. A. V und Pharm. helv. IV vorschreiben, daß sie in bedecktem Tiegel so lange geglüht werden solle als noch Dämpfe entweichen. Erst eine so behandelte Holzkohle erfüllt dann die Forderung, daß sie an Weingeist nichts abgeben, sowie siedendes Wasser nicht färben darf (Teerprodukte) und ohne Flamme vollständig bis auf 2% (Pharm. helv.) bzw. 5% (D. A.) Asche verbrennen soll.
Stellt man durch die Holzkohle nach geeigneter Präparation Dünnschliffe her, so findet man die Membranen geschwärzt und es zeigt sich, daß die guten Holzkohlesorten aus Laubhölzern dargestellt werden. Pharm. helv. verlangt ausdrücklich Laubholzkohle, besonders Carbo Tiliae. Die Carbo Belloci ist Carbo Populi. Auch Brotkohle (C. panis) wird benutzt. Die Meilerkohle ist meist Fichtenholzkohle. (Vgl. auch NETOLITZKY, Mikrosk. Unters. d. Kohlepulv. Pharm. Post 1903.)
Die Benutzung der Holzkohle beruht auf ihrer Eigenschaft übelriechende Gase (wie überhaupt Gase) und viele andere Stoffe zu absorbieren. Sie dient daher als Desinfektionsmittel zum Aufstreuen auf putride Wunden, zu Zahnpulvern und innerlich bei Gasbildung im Magen, und muß in gut verschlossenen Gefäßen aufbewahrt werden. Sie dient auch zur Räucherkerzenfabrikation.
Die Carbo animalis, Tierkohle, Fleischkohle (meist aus 3 Teilen Kalbfleisch mit 1 Teil Kalbsknochen dargestellt) und die Carbo ossium, Knochenkohle, Spodium (aus Knochen bereitet) besitzt diese Eigenschaften in noch ausgeprägterem Maße, besonders die, von den, im Gegensatz zur Holzkohle, hier sehr erheblichen Mengen anorganischer Bestandteile (die 3⁄5 resp. 8⁄10 ausmachen können) befreite Tierkohle dient als Entfärbungsmittel, nimmt aber auch Alkaloide und Bitterstoffe aus den Lösungen auf und absorbiert reichlich Gase. (ROSENTHALER und TÜRK, Über die absorbierenden Eigenschaften verschiedener Kohlensorten. Arch. Pharm. 1906, 517.)
Carbo animalis wird neuerdings (1909) gegen Vergiftungen durch Pilze, sowie andere pflanzliche Gifte (MUCK), sowie auch bei Eiterungen und granulierenden Knochenwucherungen bei Knochentuberkulose empfohlen (MERCKS Jahresbericht 1911). Die alte Medizin unterschied viele Kohlen: Hirundines ustae (Schwalbenkohle), Talpae ustae (Maulwurfsk.), Cuculi usti (Kuckucksk.), Carbo picae (Elsterkohle), Cinis bufonum, Soleae ustae u. v. a.
An dieser Stelle mag auch die Torfwatte (vgl. auch S. 276) und der Torfmull eingereiht werden, deren Rohmaterial besonders an der Nordseeküste, in Friesland und Holland gewonnen wird. Man unterscheidet nach der Provenienz und den darin vorkommenden Pflanzenteilen: Moortorf (bes. Sphagnumarten), Heidetorf (bes. Erica tetralix), Wiesentorf (Gräser, z. B. Eriophorum, dann Carex, Scirpus), Holztorf (bes. Erlen, Weiden). In den Mooren wird Torfstreu (grob — der von dem Brenntorf abfallende Grus) und Torfmull (feines Torfpulver) dargestellt. Die Torfwatte wird durch Verarbeitung von besonders lockerem, langfaserigen Obertorf gewonnen. Sie dient als Packmaterial, als Wärmeisolierungs-, Konservierungs- und Desinfektionsmittel und besonders in der Verbandstofffabrikation. Torfstreu saugt das achtfache ihres Gewichtes Wasser auf, die Torfwatte das zwanzigfache.
Über die Anatomie vgl. ROYER, L’ouate de tourbe et ses applications, Trav. lab. mat. méd. Paris 1910.
Das zu Moosbinden benutzte Torfmoos ist dagegen nicht in diese Gruppe zu ziehen. Es ist das unveränderte, noch nicht carbonisierte, meist aus Sphagnumarten (Sph. cymbifolium, acutifolium u. and.) bestehende gewaschene und getrocknete Moos der Torfoberflächen, das aber auch das dreizehnfache seines Gewichtes Wasser aufzusaugen vermag.