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Handbuch der Pharmakognosie

I. Kohlehydratdrogen.

Reading edition

Wir beginnen mit den Hexosen-Drogen; da sowohl Triosen wie Tetrosen nicht in den Heilpflanzen vorkommen, und Pentosen in freiem Zustande sehr selten sind. Die ersten faßbaren Assimilationsprodukte der Pflanze sind Hexosen. Der zu den Tetrosen in naher Beziehung stehende Erythrit:

Erythrit
Erythrit

findet sich als Ester der Orsellinsäure in den Roccellaarten. (vgl. Lackmus).

1. Süssstoffdrogen.

A. Drogen, die einen Zucker oder einen verwandten Süßstoff mit sechs Kohlenstoffatomen enthalten.

a) Drogen, die Hexosen als Monosaccharide enthalten.

Die erste Gruppe der Zuckerarten ist die der Hexosen, die in Form von Monosacchariden auftreten. Sie entsprechen der Formel C6H12O6 und sind bald Aldosen (Mannose, Glukose [Traubenzucker, Dextrose, Stärkezucker, Harnzucker], Galaktose), bald Ketosen (Fruktose [Fruchtzucker, Lävulose, Schleimzucker], Sorbinose, Tagatose). Sie sind in einer rechtsdrehenden, einer linksdrehenden und einer inaktiven Form bekannt, was auch in der Formel zum Ausdrucke kommt, z. B.:

Aldosen (Aldohexosen).

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

l-Galaktose.

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d-Galaktose.

[α]

D

= +81°.

Sechsseitige Tafeln.

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l-Mannose.

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d-Mannose.

[α]

D

= +14,25°.

Rhombische Kristalle.

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l-Glukose. Links-Traubenzucker.

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d-Glukose.

Rechts-Traubenzucker, Dextrose. Wasserfrei: [α]

D

= +52,5°, F = 146,5°. Nadeln. Monohydrat: Tafeln oder blumenkohlartige Massen.

Invertzucker = Dextrose + Lävulose.

Ketosen (Ketohexosen).

l-Fruktose. d-Fruktose. Fruchtzucker, Lävulose. [α]D = −91°, F = 95–105°. Krusten, Warzen, Nadeln (sehr süß). l-Sorbinose. d-Sorbinose.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie
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(Über den Nachweis von Ketozuckern vgl. Rosin, Zeitschr. phys. Chem. 1903, 555).

Monosaccharide vom Typus der Hexosen, besonders Dextrose und Lävulose (sehr selten freie Galaktose), finden sich in vielen Früchten reichlich, dürften aber kaum einer wachsenden Zelle fehlen. Ein Gemisch von Dextrose und Lävulose entsteht bei der Aufspaltung des Rohrzuckers (Saccharose s. d.), der ein Kondensationsprodukt dieser beiden Hexosen ist, z. B. durch das Enzym des Speichels der Biene (s. Honig).

Die Rolle, die der Zucker in der Pflanze spielt, ist eine mannigfaltige. Bei den Organen, die den Zucker in so reichlicher Menge enthalten, daß sie zur Darstellung desselben benutzt werden können (Wurzel der Zuckerrübe, Stengel des Zuckerrohrs, Stamm der Zuckerpalmen), ist er in stark entwickeltem Speicherparenchym aufgespeichert, spielt also die Rolle eines Reservestoffes. In kleinen Mengen findet er sich aber in fast allen Organen, da er die Form darstellt, in der die Kohlehydrate wandern. Die Rolle, die er bei den Früchten spielt, ist eine verschiedene. Einmal mag er dort wohl zur direkten Sicherung der Keimung der Samen durch Herstellung eines nährstoffreichen Keimbettes, dann aber wohl als Anlockung von Vögeln dienen, die Früchte zu verspeisen, da Samen, die den Magendarmkanal passiert haben, meist leichter keimen. Durch Kultur ist dann der Zuckergehalt stark vermehrt worden. Das Pektin der Früchte entstammt der Interzellularsubstanz der Fruchtfleischzellen, die ich daher Protopektin genannt habe. Es ist löslich in Zuckerlösung, nicht in Wasser (TSCHIRCH und ROSENBERG). Diese Lösung gesteht in der Kälte zu einer Gallerte. Vielleicht steht die Zuckerbildung in den Früchten zur Pektinbildung, die die Auflockerung des Fruchtfleisches bedingt, in Beziehung.

Die Umwandlung der Reservestärke in Zucker zur Zeit der Blütenstandsbildung läßt sich bei der Sagopalme schön verfolgen, deren Stammstärke zu jener Zeit gelöst und als Zucker zu den Blütenstandsanlagen geschafft wird. Die Stärkekörner zeigen daher mehr oder weniger Auflösungserscheinungen (Korrosionen, vgl. den Artikel Sago).

Quelle des Zuckers in den Früchten ist zum Teil die Stärke, zum Teil sind es vielleicht die in unreifen Früchten reichlich auftretenden Pflanzensäuren (Apfelsäure, Weinsäure, Zitronensäure) oder Tannide. Andererseits sind die Pflanzensäuren wohl auch Stufen des oxydativen Abbaues des Zuckers. Apfelsäure führende Früchte können in kalten Klimaten reifen, aber nicht weinsäurereiche, da die Apfelsäure bei viel niedrigeren Temperaturen in Zucker übergeführt wird.

Lit. EMIL FISCHER, Synthesen in der (Purin- und) Zuckergruppe. Vortrag, Braunschweig 1903 u. die Chemie der Kohlenhydrate und ihre Bedeutung für die Physiologie. Rede, Berlin 1894. Ferner Ber. d. d. chem. Ges. 1890 u. flgd. — VON LIPPMANN, Chemie d. Zuckerarten. 1904. — TOLLENS, Kurzes Handbuch der Kohlenhydrate. — CZAPEK, Biochemie d. Pflanzen.

In der lebenden Pflanze ist der Zucker immer im Zellsaft gelöst. In den Drogen findet sich Fruchtzucker und Rohrzucker oft auskristallisiert.

Der mikrohistochemische Nachweis der Hexosen in den Zellen der Drogen gelingt leicht durch die von SACHS zuerst 1862 auf mikrochemisches Gebiet übertragene FEHLINGsche Reaktion. Man legt den nicht zu dünnen Schnitt 2–10 Minuten in eine konz. Kupfersulfatlösung, spült schnell mit destilliertem Wasser ab und trägt in eine siedende Lösung von Kalihydroxyd in Wasser. In den reduzierenden Zucker enthaltenden Zellen entsteht ein rotgelber Niederschlag von Kupferoxydul. Man kann auch den Schnitt direkt in FEHLINGsche Lösung bringen, das Deckglas auflegen und bis eben zur Siedetemperatur erhitzen (MEYER-SCHIMPER).

Oder man benutzt die von EMIL FISCHER 1890 entdeckte, von SENFT auf das mikrohistochemische Gebiet übertragene Reaktion mit Phenylhydrazin. Man legt das Präparat in ein Gemisch einer Lösung von Phenylhydrazinchlorhydrat und Natriumacetat und erwärmt. Nach dem Abkühlen zeigen sich in den glukosehaltigen Zellen Sphärite von Phenylglucosazon. Die Reaktion tritt aber auch unter Umständen bei saccharosehaltigen Zellen auf.

Die direkte Methode von G. KRAUS, durch Einlegen der Schnitte in Glyzerin oder Alkohol den Zucker in Tröpfchenform zur Ausscheidung zu bringen, hat nur bei sehr zuckerreichen Geweben Erfolg.

Unsicher sind die Reaktionen mit Thymol und Schwefelsäure, sowie mit α-Naphthol und Schwefelsäure, die MOLISCH angab, da sie außer mit Monosen auch mit den Substanzen eintreten, die unter den angegebenen Bedingungen solche abspalten oder Furolderivate bilden.

Zur quantitativen makrochemischen Bestimmung des Zuckers bedient man sich jetzt allgemein der ALLIHNschen Methode oder der Polarimetrie.

Lit. SACHS, Mikrochem. Reaktionen. Sitzungsber. Münch. Akad. 1859. Flora 1862 u. Pringh. Jahrb. III. Abgeändert wurde die Kupfersulfatmethode dann von FLÜCKIGER (Pharmakognos.), SCHIMPER (Anleit. z. mikrosk. Unters. d. veget. Nahr.- und Genußm. 1900), A. FISCHER (Pringsh. Jahrb. 22), ARTHUR MEYER (Mikrochem. Reakt. z. Nachw. d. reduzierenden Zuckerart. Ber. d. d. bot. Ges. 1885), CZAPEK (Sitzungsb. Wien. Akad. 1897) und HOFFMEISTER (Pringsh. Jahrb. 31. 1897). — POULSEN, Botanische Mikrochemie. 1881. — SENFT, Sitzb. Wien. Akad. 1904 u. Über d. mikrochem. Zuckernachweis durch essigsaur. Phenylhydrazin. Pharmaz. Post 1902. — MOLISCH, Zwei neue Zuckerreakt. Sitzungsber. d. Wien. Akad. 97. 1886. Grundr. d. Histochemie d. pflanzl. Genußm. 1891 (vgl. auch Zeitschr. f. physiol. Chem. 1888). — G. KRAUS, Botan. Zeit. 1876. — ZIMMERMANN, Bot. Mikrotechn. 1892.

Invertzuckerdrogen.

Drogen, welche vorwiegend aus Invertzucker bestehen, oder viel Invertzucker enthalten.

α) Mel.

Syn. Honig — Miel (franz.) — Honey (engl.) — Miele (it.) — Miel (span.) — honig (holl.) — hunaja (finn.) — méz (ung.) — d.ᵉbasch (hebr.) — shahad, mahd (hind.) — madhu (= süß), mákshika (sansc.) — Aasl, aaslun-nahal (arab., bei IBN BAITHAR: Asal) — shahad, angabin, engebin (pers.) — μέλι (n.-griech).

Etym. Die Bezeichnungen in den romanischen Sprachen knüpfen an μέλι, mel an. Der Gote übersetzt das griech. μέλι mit milip. — Alle spät. germ. Dialekte haben das heutige Wort Honig, für das sich in den urverwandten Sprachen nichts findet. ahd. honag, honang, mhd. honec, altnord. hunang, schwed. honing, dän. honning, ags. hunig, engl. honey, altnfr. honog, alts. honeg, hanig, niederl. honigh, honing. Auch umgelautete Formen: hünic und hönic, hung (im Berndeutschen). KLUGE bemerkt: der Ursprung steht nicht fest, man hat an gr. κόνις = Staub gedacht; Honig «körniger» (?). Honig ist Neutrum noch bei LUTHER, auch noch bei LESSING. Das erstemal männlich bei KAISERSBERG. Manche Schriftsteller schwanken dann — so GOETHE; jetzt ist das Neutrum erloschen (GRIMM). Über Met bemerkt KLUGE: mhd. mēt, mëte, ahd. mëto, mitu, «Met» = angels. meodo, engl. mead «Met», anord. mjqõr (das germ. mëdur erscheint spätlatein. als medus, vorher afrz. mietz) ein gemeingerman. und weiterhin auch gemeinidg. Wort (idg. medhu): skr. mádhu. «Honig, süßer Trank» gr. μέθυ «Wein» aslov. medu «Honig, Wein», lit. midùs «Met» — medùs «Honig»; ir. mid. Dazu altind. mádhu «süß, lieblich», woraus sich der Wechsel der Bedeutung von idg. medhu «Met, Honig, Wein» erklärt, eigentl. «Süßer», vielleicht berauschende Flüssigkeit.

Herkunft. Die Biene, Apis mellifica L. (Hymenoptera, Trib. Aculeata), die in zahlreichen Varietäten oder Rassen, von denen einige jetzt auch als gute Arten betrachtet werden, über ganz Europa, Afrika und einen großen Teil von Asien verbreitet ist — und zwar nur die Arbeitsbiene — entnimmt («leckt, schöpft») mit ihrer zu einem Rüssel stark verlängerten dreilappigen Unterlippe (Zunge, Fig. 1 S.R.) aus den Nektarien der Blüten zahlreicher Pflanzen (seltener auch aus extrafloralen Nektarien) den von der Pflanze als Anlockungsmittel der Insekten behufs Sicherung der Befruchtung der Blüte gebildeten, vorwiegend Saccharose (Rohrzucker) enthaltenden Saft (Nektar). Diesen Saft invertiert die Biene in dem 45–60 mgr. Flüssigkeit fassenden Vormagen (Honigmagen, Honigblase, Kropf, Fig. 1 H.M.) durch den Speichel der Speicheldrüsen, deren Sekret, da die Drüsen an der Basis des Saugrüssels münden (a in Fig. 1), sich beim Saugen mit dem Nektar mischt und mit diesem in den Honigmagen gelangt, und entleert ihn (zur Fütterung der jungen Brut) in die zuvor aus Wachs gebildeten Waben. Dort wird er weiter konzentriert. Beim Einsammeln des Nektar setzt sich der Pollen der Antheren an die sog. Bürstchen (Borstenreihen an der Innenfläche des Tarsus) und Körbchen (von Borsten umgebene grubenartige Vertiefungen an der Außenseite der Hinterschiene) der Hinterbeine ab und mischt sich beim Entleeren des Honigs in die Wabe zum Teil dem Honig bei. Für 1 kg Honig ist der Besuch von 5600000 Kleeblüten erforderlich (WILSON) im Durchschnitt sonst von 100000 bis 2 Mill. Blüten. Ein Bienenvolk erzeugt c. 10–13 kg Honig.

Honig ist also ein durch die Pflanze gebildetes, durch das Ptyalin des Speichels der Biene umgebildetes Produkt, dem häufig die Pollenkörner der Pflanzen, von denen die Biene den Nektar sammelte, beigemengt sind. Bisweilen läßt sich durch mikroskopische Analyse der Pollenkörner, die übrigens bei geseimtem Honig oft fehlen, feststellen, von welchen Blüten die Bienen den Honig sammelten und in besonders günstigen Fällen sogar, ob der Honig ein Frühlings-, Sommer- oder Herbsthonig ist. Denn die Blütezeit der Pflanzen ist ja innerhalb enger Grenzen festgelegt. Die in amerikanischen Honigen beobachteten Pollenkörner beschreibt YOUNG, die in deutschen gefundenen PFISTER (s. Lit.).

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 1.

Schematische Darstellung der Saugvorrichtung der Biene.

SR. Saugrüssel. K. Kopf. SpD. Speicheldrüsen. HM. Honigmagen (Oesophagus). VK. Verschlußklappe. Das Saugen erfolgt durch rhythmische Kontraktionen und Ausdehnungen des Honigmagens. Bei a tritt der Speichel hinzu (

Tschirch

).

VILLIERS et COLLIN (Altérations et Falsific. p. 842) geben die Pollenkörner folgender Pflanzen als im Honig vorkommend an: Tilia, Origanum, Lavendula, Melissa, Rosmarinus, Linum, Vaccinium Myrtillus u. and. Ericaceen, Salvia officinalis, Verbascum Thapsus, Melilotus, Epilobium, Ledum und Kompositen-Synanthereen (Abbildung a. a. O. und auch in WINTON-MOELLER, Microscopy 1906). Im Honig von Chamonix: Erica, Vaccinium, Rhododendron.

In sog. giftigen Honigen (aus der Schweiz, Mingrelien, Pennsylvanien und Carolina) sollen sich Pollenkörner von Aconitum Napellus und Lycoctonum, Andromeda Mariana, Kalmia angustifolia, latifolia und hirsuta, Azalea pontica und Rhododendron ponticum finden.

Bisweilen kommt es auch vor, daß die Bienen, besonders wenn sie nicht genug Blüten finden, das süße dextrinreiche Sekret der Blattläuse, das diese auf den Blättern absetzen, sammeln. Dieser meist minderwertige Honig heißt Honigtauhonig.

Beschreibung. Honig bildet eine klare, dicke, gelbliche oder gelbbräunliche Flüssigkeit oder eine durch auskristallisierten, im Mikroskope in Form von Tafeln und Blättchen erscheinenden Traubenzucker (Dextrose) mehr oder weniger trübe, weißliche Masse. Farbe und Geruch des Honigs wechselt nach der Provenienz, der Geruch z. B. nach der Art der vornehmlich besuchten Blüten. Honig soll bisweilen auch die anderen Eigenschaften der besuchten Pflanzen annehmen, also wenn diese giftig sind (Ranunculaceen, Aconitum; Ericaceen, Apocyneen, Nerium, Daphne, Azalea, Datura, Rhododendron) giftig werden können. Der in Abyssinien in der Nähe von Kussogärten gesammelte Honig besitzt die täniciden Eigenschaften des Kusso und wird wie Kusso benutzt. KEBLER fand (1896) in giftigem Honig einen Körper ähnlich dem Andromedotoxin. Giftiger (Rhododendron-) Honig ist auch neuerdings wieder in Indien beobachtet worden (AINSLIE), sowie in Pennsylvanien und im Kaukasus und (1905) in Neuseeland (KÜHN). Nach anderen hat die Giftigkeit einer Pflanze keinen oder nur bedingten Einfluß auf die Wirkung des Honig. Das erscheint wahrscheinlich, denn von den Nektarien wird ja wohl nur Zuckersaft aber keine giftige Substanz ausgeschieden. Die Sekrete der Drüsenhaare jedoch wird die Biene beim Besuche der Blüten leicht mit abstreifen und so mag sich wohl eine riechende Substanz oder ein anderer von den Drüsenhaaren gebildeter Körper bisweilen beimengen. PLINIUS bemerkt, daß Thymianhonig sehr gut riecht und schmeckt, überhaupt viel besser ist als z. B. Rosmarinhonig. Auch die Alphita (vgl. I, S. 652) erwähnt einen Mel thimenon. Der corsische Honig roch nach Taxus und stand im Altertum in schlechtem Ruf. In Vorderindien gilt der Honig als der beste, der durch die Bienen von Strobilanthes-Arten und Plectranthus rugosus gesammelt wird (WATT). ELBASRI weiß (bei IBN BAITHAR) zu berichten, daß die Honige, die von Satureja und die von Absynth stammen, eine verschiedene arzneiliche Wirkung besitzen. Letzterer sei auch bitter. Und neuerdings wurde berichtet, daß auch der Eucalyptushonig besondere arzneiliche Wirkung besitzen solle, was sich aber nicht bestätigt hat. Die Blütenhonige sind ebenso wie die Frühjahrshonige heller als die Tannenhonige, die Wald- und Honigtauhonige. Die überseeischen Honige besitzen meist einen wenig angenehmen Geruch und Geschmack und sind auch oft unrein. Aus ungedeckelten Waben ausgeschleuderter Honig ist wasserreicher, daher dünnflüssiger («unreifer Honig»).

Das spez. Gewicht des Honigs beträgt etwa 1,42 (1,406–1,478 MADER). Es wird (nach Pharm. helv.) nicht direkt bestimmt, sondern in Lösung 1 : 2. Diese Lösung soll wenigstens 1,12 spez. Gewicht besitzen.

Guter Honig ist haltbar (durch den Gehalt an Ameisensäure?). Wasserreicher geht leicht in Gärung über (Honigwein, Met, vgl. I, S. 1016) oder wird sauer.

Lit. ARNOLD, Der Honig, dessen Bedeutung, Wert und Verwendung. 1886. — PAULY, Der Honig. 1890. — VON BERLEPSCH und W. VOGEL, Die Bienenzucht auf ihrem jetzigen Standpunkte. Berlin 1899.

Einsammlung. Die Biene bildet entweder in hohlen Bäumen oder an geschützten Stellen (wilde Biene), oder in den Bienenkörben und Bienenstöcken aus sechseckigen, senkrecht gestellten Zellen (Waben, Wachszellen) einen Bau. Dieser wird durch Horizontalschnitte geöffnet, die Waben entdeckelt. Man läßt dann den Inhalt einfach auslaufen (Jungfernhonig, Senkhonig) oder beschleunigt das Ausfließen durch Zentrifugieren (Schleuderhonig), oder Zerkleinern der Waben (Laufhonig), oder Druck und Wärme (ausgelassener Honig, Preßhonig). Der letztere wird meist geklärt (geseimt). Auch die anderen Sorten läßt man oft durch ein Sieb laufen.

Handelssorten. Linden-, Heide-, Fenchel-, Klee-, Raps-, Buchweizenhonig sind ziemlich willkürliche Namen für gute Blütenhonige. Honigtau-, Wald-, Tannenhonig sind weniger gute. Der Handel unterscheidet: Wabenhonig (Scheibenhonig mit den Waben), Schleuderhonig, Leckhonig oder Senkhonig, Preßhonig, Laufhonig, Seimhonig, Landhonig, Stampfhonig. Ferner unterscheidet man noch: Frühjahrshonig (aus den Blüten von Raps, Obstbäumen, Weiden usw.), Frühsommerhonig (aus den Blüten von Klee, Hederich usw.), Hochsommerhonig (aus den Blüten von Linde, Kornblume, Wicke, Bohne usw.), Herbsthonig (aus den Blüten von Buchweizen, Erica usw. gesammelt). Schon DIOSKURIDES sagt: «Den Vorzug verdient der Frühjahrshonig, danach der Sommerhonig, der dickere Herbsthonig (Haidhonig) ist minderwertig». ARISTOTELES dagegen hält den Herbsthonig für den besten. PLINIUS meint, der beste Honig entstehe zur Zeit wo Thymus und Weinstock blühe.

Der Großhandel liefert jetzt viel überseeischen Honig und man unterscheidet jetzt solchen von Chile (Fässer à 70 kg), Havana, Kuba, Mexiko, Californien und Hawai, letzterer in Kanistern à 25 kg, die zu zwei in einer Kiste verpackt sind. Von chilenischen, dem wichtigsten, werden die Sorten weiß steif 00 und 0, blond, gelb und braun angeboten.

Produktion. Europa produziert jährlich c. 80000 t Honig. Deutschland, wo die Imkerei am rationellsten betrieben wird (z. B. in Holstein), allein 20000 t, Spanien 19000 t, Österreich-Ungarn 18000 t, Frankreich (bes. Narbonne) 10000 t. Geringere Mengen liefern Italien, Griechenland, Belgien, Holland, England und Rußland (Polen). Die überseeischen Länder lieferten 1907 c. 3¾ Mill. kg. Besonders viel kam aus Kuba, Chile, San Domingo, Mexiko, Peru, Kalifornien. Valparaiso (I, Fig. 250) ist ein großer Honighafen. 1908 lieferten Kuba 1320 t, Mexiko 370 t, Chile und Peru 700 t, Kalifornien und Nordamerika 56 t, die übrigen Länder 433 t (GEHE).

Die Einfuhr nach Deutschland betrug 1909:

c. 112000 kg aus Kalifornien und Nordamerika

c. 630000 „ „ Chile und Peru

c. 1505000 „ „ Kuba

c. 370000 „ „ Domingo und Haiti

c. 220000 „ „ Jamaika

c. 405000 „ „ Mexiko

c. 331000 „ „ Divers. Ländern

c. 3573000 kg in Summa

Die Einfuhr von Honig nach Hamburg betrug seewärts 1906: 40618, 1907: 40699, 1908: 36746 Doppelzentner (dz). Die Vereinigten Staaten von Nordamerika führten 1909 145691 Gallons Honig ein, hauptsächlich aus Kuba (nämlich 103092 Gall.), Frankreich 1908: 12832 Quintalm. besonders aus Deutschland und Chile.

Chemie. Honig besteht hauptsächlich aus einer konzentrierten wässrigen Lösung von Invertzucker (Frucht- und Traubenzucker), die 65–80% (bei Blütenhonigen meist 65–73%, bei Honigtauhonigen weniger) Invertzucker (nach SIEBEN: 34,7 Dextrose und 39,2 Lävulose) und 15–20% (höchstens 20% nach Schweiz. Lebensmittelb.) Wasser enthält. Daneben finden sich geringe Mengen Rohrzucker (Saccharose, 2–5, höchstens 10%), Dextrine (unt. and. Achroodextrin, bis 4%, besonders viel, bis 10%, im Coniferenhonig), Proteïnsubstanzen (0,15–1,8%), etwas Farbstoff, Ameisensäure (A. VOGEL) und Apfelsäure, sowie 0,1–0,8% (nach RÖHRIG im Mittel 0,214%, aber auch bisweilen unter 0,1 (KREISS), nach UTZ 0,013–0,703%, nach Pharm. helv. IV. 0,3–0,8%) Mineralsubstanzen. Spuren von gummiartigen Substanzen und von Riechstoffen. Im ganzen 1,5% «Nichtzucker». Die saure Reaktion rührt zum Teil von der Ameisensäure her. Sie entspricht 0,04–0,15% dieser Säure. Nach FARNSTEINER beruht aber die saure Reaktion des Honigs in der Hauptsache auf einer nichtflüchtigen Säure (Apfelsäure?). In der Asche finden sich besonders Phosphate (4–10% der Asche, meist nicht über 7%). HEHNER gab (1885) an, daß natürlicher Honig 0,01–0,03% Phosphorsäure enthält, künstlicher nur Spuren.

Die hellen Blütenhonige sind stets linksdrehend, Honigtauhonige und Coniferenhonige, welche dunkle Farbe haben, rechtsdrehend. Rechtsdrehende Naturhonige werden nach Ausfällung des Dextrins inaktiv oder linksdrehend. Die Rechtsdrehung rührt also vom Dextrin her. Die Dextrine, die in Coniferenhonigen vorkommen, scheinen unter sich verschieden zu sein (HILGER) und zu den Stärkedextrinen in keiner Beziehung zu stehen. MONHEIM hält das Honigdextrin für ein Disaccharid.

Daß der Honig einen «besonderen» Zucker (also nicht Rohrzucker) enthält, fand bereits LOWITZ 1792. In Lindenhonig fand MAQUENNE übrigens bis zu 40% Melezitose.

Die FIEHEsche Reaktion zur Unterscheidung von Natur- und Kunsthonig (Rotfärbung des Rückstandes der Ätherausschüttelung mit einer Lösung von Resorcin in rauchender Salzsäure) beruht darauf, daß dem nicht erwärmten Naturhonig ganz oder nahezu ganz das β-Oxy-δ-methylfurfurol, ein Zersetzungsprodukt der Fruktose, fehlt, das sich sowohl im Kunsthonig, wie im Invertzucker und dem Stärkesirup findet (KEISER). Entscheidende Bedeutung kommt ihr nicht zu (LIPPMANN).

Honig enthält immer Enzyme (MARPMANN nimmt drei an: ein proteolytisches, ein invertierendes und ein alkoholbildendes). Dieselben entstammen offenbar den Speicheldrüsen der Bienen (Fig. 1 Sp D). Sie fehlen dem Kunsthonig.

Über die Zusammensetzung des Pollens und Nektars haben WILSON, VON PLANTA und KRESSLING Mitteilungen gemacht. Die Nektare enthalten bald nur Glukose, bald nur Saccharose, bald Glukose und Saccharose in wechselndem Verhältnis. Der Pollen dagegen, soweit untersucht, meist nur Saccharose (KRESSLING). Ameisensäure fehlt im Pollen und im Nektar. Sie wird von der Biene erzeugt. Der HONIGTAU (s. oben) enthält neben Saccharose und Glukose 8–39% Dextrin. Der «Futterbrei» (Futtersaft), welchen die fütternden Arbeiterbienen in die Zellen der Larven der Königinnen, Drohnen und Arbeiterinnen einlegen, enthält viel Stickstoffsubstanz (c. 43%) neben Fett und Glukose (c. 24%). Angaben über den Rohrzuckergehalt der Nektarienflüssigkeiten bei LIPPMANN S. 1047.

Lit. HASTERLIK, Der Bienenhonig und seine Ersatzmittel. 1909 (dort die Literatur). — V. LIPPMANN, Chemie der Zuckerarten. — Schweiz. Lebensmittelbuch 1908 und Deutsche Reichsvereinbarungen. — ELSNER in Realenzyklopädie (Prüfung). — KÖNIG, D. menschl. Nahrungs- u. Genußmittel. 4. Aufl. 1904 (dort die wichtigste chem. Lit.). — BROWNE, Chem. analys. and composition of american honeys, including a microscopical study of honey Pollen by YOUNG U. S. Dep. Agric. Bur. of chemistry 1908 (dort die Honigliteratur 1892–1907). — PFISTER, Forschungsber. 1895 (Pollen). — Ferner: KÜNNMANN und HILGER, Zur Chemie des Honigs. Forschungsber. 1896. — E. BECKMANN, Beitr. z. Prüf. d. Honigs. Zeitschr. Anal. Chemie 35. — V. PLANTA, Bienenzeit. 1878 u. 1879. — BISHOP, Journ. pharm. chim. (5) 10, 459. — Tabelle der Zusammensetz. bei VILLIERS-COLLIN, Altérat. et falsificat. — BENSEMANN, Pharm. Centralh. 1894. — HEFELMANN, Zeitschr. angew. Chem. 1888. — FARNSTEINER, Zeitschr. f. Unters. d. Nahr.- u. Genußm. 1908. — FIEHE, Zeitschr. f. Unters. d. Nahr.- u. Genußm. 1908. — KEISER, Beitr. z. Chem. d. Honigs. Arbeit. d. kais. Gesundheitsamtes. 1909. — KÜHN, Pharm. Zeit. 1905, S. 642 (giftiger Honig). — RÖHRIG, Jahresb. d. Pharm. 1908, S. 435 u. KREISS, Ebenda (Asche). — MARPMANN, Pharm. Zeit. 1903, S. 1010. — MONHEIM, Honigdextrin des Tannenhonigs. Jahresb. d. Pharm. 1903, S. 576. Ferner ist die Literatur d. Unters. der Nahrungs- u. Genußmittel zu vergleichen.

Pathologie. Über Schädlinge berichtet Israël:

Die als Schädlinge auf Arzneistoffen und arzneilichen Zubereitungen gelegentlich auftretenden Milben gehören hauptsächlich zur Familie der Tyroglyphinen. Es finden sich unter diesen scheinbar keine echten Schmarotzer. Sie leben auf sich langsam zersetzenden, faulenden, tierischen und pflanzlichen, namentlich auch zuckerhaltigen Stoffen, und sind deshalb auch oft da zu finden, wo Zuckerlösungen in Gärung begriffen sind. Auch auf fast allen getrockneten Früchten, wie Feigen, Datteln, Rosinen, Pflaumen usw. trifft man sie häufig genug an. Aber nicht allein auf diesen, sondern auch auf allen möglichen anderen trockenen vegetabilischen und tierischen Substanzen und Rohstoffen findet man oft irgend eine Milbenart in einer erstaunlichen Massenvermehrung. Auf diese Stoffe gelangen die Milben gewöhnlich im Zustande der Wanderlarve, durch die Fliegen, welche diese kleinen Tiere an ihren Beinen verschleppen und verbreiten. Auf gärendem Rohhonig findet man nicht selten Glycyphagus domesticus, Tyroglyphus longior und siro (vgl. das Kapitel Pharmakopathologie, S. 380).

Als Schmarotzer leben in den Bienenstöcken (nach ISRAËL):

1. Die Larvenzustände von Meloëarten, besonders die des bekannten, gemeinen Maiwurms Meloë proscarabaeus. Dieser Käfer legt seine Eier in den Sand, die ausgehenden Larven klettern an den Pflanzen empor und gehen in die Blüten. Von hier lassen sie sich von den Bienen selbst, an deren haarige Beinchen sie sich anklammern, in die Stöcke tragen, woselbst sie in eine Zelle kriechen, und zunächst das Bienenei fressen, und ihre weitere, ziemlich komplizierte Hypermetamorphose durchmachen. Die Larve macht nämlich, ehe sie sich endgültig verpuppt, mehrere erhebliche Verwandlungen durch.

2. Die schönen roten Larven der sog. Bienenwölfe, der Käfergattung Trichodes, besonders apiarius. Sie befallen mehr die wilden Bienenarten, besonders die Mauerbiene, seltener die Honigbiene.

3. Die Raupen von Galleria mellonella, der Wachsmotte, welche manchen Stock zum Eingehen bringen. Galleria gehört zur Familie der Pyralidae, einer Unterfamilie der Mikrolepidopteren. Sie fressen lange Gänge durch die Waben und stören den Haushalt der Bienen durch ihre Menge oft bedeutend; auch werden sie gelegentlich Veranlassung zur Entstehung von Faulbrut. Die Bienenmotte ist sehr resistent. Tuberkelbazillen beeinflussen sie z. B. gar nicht.

Beimengungen und Verfälschungen. Verdünnt man den Honig in einem Sedimentierzylinder stark mit Wasser, so setzen sich Pollenkörner und Wachsteilchen am Boden ab und können mikroskopisch diagnostiziert werden (s. oben S. 9). Sie sind regelmäßige Beimengungen. Unzulässig dagegen sind Bruchstücke von Organen der Biene und Bienenbrut, Stärke und Mineralsubstanzen, die sich event. ebenfalls im Sedimente finden. Als Verfälschungen sind zu nennen: Wasser, Stärkezucker, Rohrzucker, Kunsthonig, Dextrin; selten kommen vor: Stärke, Leim, Glycerin, Melasse, Saccharin, Farbstoffe. (Über Honigfälschungen vgl. auch Pharm. Zeit. 1903, 142).

Wer Fälschung des Honigs vornahm, wurde im Mittelalter mit dem Verluste einer Hand oder mit 65 Pfund Pfennigen (!) bestraft.

Prüfung. Außer der mikroskopischen Prüfung ist der Zucker, das Wasser, die Mineralstoffe, die Acidität zu bestimmen und auf Dextrin zu prüfen, sowie das optische Verhalten festzustellen, und zwar vor und nach der Inversion, vor und nach dem Ausfällen des Dextrins mit Alkohol. Eventuell ist Dextrin, Stickstoffsubstanz und Phosphorsäure zu bestimmen und auf Saccharin und Teerfarbstoffe zu prüfen. (Gute Prüfung in der Pharm. helvet. IV, dem Schweiz. Lebensmittelbuche und in SCHMIDT, Lehrb. d. pharmaz. Chemie.) Grenzzahlen s. oben. Honige mit Stärkezucker- oder Rohrzuckerzusatz bleiben auch, wenn das Dextrin mit Alkohol ausgefällt wurde, rechtsdrehend, echte werden inaktiv oder linksdrehend.

Kunsthonig ist meist invertierter Rohrzucker, der mit Naturhonig verschnitten oder mit Honigparfüm parfümiert ist. Er enthält meist keinen Stickstoff, keine Enzyme, keine oder wenig (s. oben) Phosphorsäure und keine Ameisensäure. Aber auch Stärkezucker, der zuerst 1811 von KIRCHHOFF dargestellt wurde, wird als Honig verkauft.

Lit. FIEHE, Über d. Nachweis von Stärkesirup im Honig und in Fruchtsäften. Arb. d. kais. Gesundheitsamtes 32 (1909), Heft 1.

Verwendung. Honig war im alten Ägypten das meistgebrauchte Heilmittel. Auch im Koran ist er die allgemeine «Arznei für die Menschen». Er bildete das Constituens des Theriak (I, S. 551) und war ein Bestandteil des Kyphi (I, S. 473). Honig ist jetzt vorwiegend Genuß- und Nahrungsmittel. Große Mengen, besonders überseeischer Honige, verbraucht die Lebkuchenfabrikation. Die Medizin benutzt ihn als gelindes Abführmittel und Geschmackskorrigens, auch wohl zu Mund- und Gurgelwässern. Oxymel Scillae, Hydromel, Mel boraxatum und besonders Mel rosatum sind noch viel benutzte, zum Teil uralte ägyptische Mel-Composita (I, S. 469 und 539). Die äußerliche Anwendung, die im Altertum eine Rolle spielte, ist jetzt nicht mehr beliebt. Reine Lävulose wird jetzt als Nährmittel für Zuckerkranke empfohlen.

Geschichte. Honig war eines der ersten Nahrungsmittel des Menschen. Milch und Honig war die Kost der Götter, die Ambrosia, die Zeus, der Zögling der Honignymphe Melissa, mischte. Mit Honig schläferte Zeus den Kronos ein. Von der heiligen Esche träufelte nach der nordischen Sage der Tau (Hunangsfall = Honigfall) und von ihm nährten sich die Bienen. Auch bei den semitischen Völkern stand Honig in hohem Ansehn. Er durfte zu Speisopfern nicht gebraucht werden. Die griechischen Dichter besangen ihn. Als ältestes Opfer der Griechen nennt PLATO mit Honig bestrichene Früchte.

Im Ägyptischen heißt Honig ʿft (koptisch êbiô und ěfeiô), im Babylonischen dišpu. Er war in Ägypten wohl das ursprüngliche süßende Geschmackskorrigens der Arzneien und der Dattelsirup ist erst durch babylonische Rezepte in die ägyptische Pharmazie gekommen (vgl. I, S. 469).

Schon die ältesten Kulturvölker betrieben die Zucht der Biene und die Gewinnung von Honig und Wachs. Lange bevor der Rohrzucker dargestellt wurde, diente der Honig als allgemeiner Süßstoff, der aber auch medizinisch innerlich und äußerlich benutzt wurde. Schon das Altertum unterschied mehrere Handelssorten. DIOSKURIDES kennt neben attischem Honig (vom Hymettos) solchen von den kykladischen Inseln und von Sicilien, sowie Honig von Sardinien und (giftigen) pontischen Honig, der auch bei XENOPHON erwähnt wird und der von Azalea pontica und Rhododendron ponticum oder von einer Datura (FLÜCKIGER) gesammelt wurde (SPRENGEL). Kap. 101–103 des II. Buches von DIOSKURIDES Heilmittellehre handelt περὶ μέλιτος melitos]. PLINIUS kennt auch Honig, von der Insel Calydna und pelignischen sowie von Creta, Cypern und Afrika, und endlich auch deutschen. Diätetische Honiggetränke der Alten waren: μελίκρατον (Honigmet), ὑδρόμελι (Wassermet, Aqua mulsa), οἰνόμελι (Mulsum), μελίκρατον γάλακτος, ὀξύγλυκον und ὀξύμελι (Oxymel). SUŚRUTA (I, S. 505) nennt hellen und kupferfarbigen Honig und erwähnt aus Honig dargestellte Zuckerarten. Hydromel und Oxymel war eines der beliebtesten Heilmittel des HIPPOKRATES. Gegorener Honig bildete den Met (I, S. 1016).

Daß Honig im Altertum als Konservierungsmittel der Leichen vornehmer Personen benutzt wurde, ist schon oben (I, S. 1013) erwähnt worden. Wie BASTIAN (Die Völker des östlichen Asiens II, 27) mitteilt, ist dies noch gegenwärtig in Birma üblich. «Hohe Herren werden ein Jahr lang für das Leichenbegängnis, das viele Vorbereitungen erfordert, präserviert und um sie frisch zu erhalten, steckt man sie in Honig, als die sicherste Methode, die außerdem die billigste ist, da der geschenkte Honig sich wieder verkaufen läßt».

Nach Nordamerika wurde die Biene 1675, nach Brasilien 1845, nach Australien 1862 gebracht.

V. LIPPMANN, der viele historische Notizen über den Honig mitteilt, erbringt den Nachweis, daß der Honiggenuß sich besonders bei vegetarisch lebenden Völkern entwickelt hat.

Zur Merovinger Zeit bestand der Garten in Deutschland nur aus einigen Obstbäumen und Bienenstöcken (I, S. 619).

In der Frankfurter Lisie von 1450 (I, S. 812) steht propoleos uel on (d. h. das aromatische Vorwachs der Bienen, propolis).

Lit. VON LIPPMANN, Geschichte des Zuckers 1890 (darin eine Geschichte des Honigs als Vorgeschichte des Zuckers).

β) Blüten. Flos Verbasci.

Syn. Königskerze, Wollblume, — Bouillon blanc, molène, bonhomme, herbe de Saint-Fiacre, Cierge de Notre dame (franz.) — High taper, torch-weed, mollein, mullein, wool-blade (engl.) — fiore di verbasco, tasso barbasso, barabasco, barbarastio mignattone, candela regia (ital.) — őkőrfarkkoró (ung.) — φλῶμος (n.-griech.).

Wollkraut, Himmelskerze, Fackelkraut. Fackelblumen, Unser Frauen Heil, Himmelbrand, Manwoll, Marienkerzen, Osterkerze, Wiln, Zöllich. — ahd.: Konigskrone, Konigskarcz, vullena, wullina; — mhd.: bullen, himelbrant, königsworcz, kunigskerz, wislma, wulkraut; — bei BRUNFELS: Bergenkraut — bei BOCK: waldwull — bei FUCHS auch Kerzenkraut.

DIOSKURIDES (I, S. 564) kennt mehrere Arten φλομός, der weiße ist wohl V. plicatum (oder Thapsus?, plicatum ist nach FRAAS in Griechenland häufiger), der schwarze V. sinuatum (= φλομός ἡ μέλαινα des THEOPHRAST). Er bemerkt, daß die Römer den Phlomos: Verbascum (gräzisiert Berbasclum) nennen. (Daraus ist dann Barbascum und Verbascum entstanden.) PLINIUS schöpft aus der gleichen Quelle. Auch der Name Thapsos war in Gebrauch. Ob die φλόμις λεύκη (und ἀῤῥέα) des GALEN V. phlomoides ist, wie DRAGENDORFF will, ist mir zweifelhaft. Es wird wohl eine der südlichen Arten sein (s. unter Paralleldrogen). Die φλόμις ἡ θύαλλις (und ἡ ἄγρια?) des GALEN soll Verbascum limnense? (fehlt im Kew Index) sein. Was der φλόμος des HERMES TRISMEGISTOS («Kraut des Merkur») ist, ist unbekannt. Das gleiche gilt von dem ägyptischen Phlomos heteros (Athal, kerykion, honnu rabdon). Man warf im Altertum Verbascum vielfach mit der Labiate Phlomis zusammen. Bei IBN BAITHAR steht für Verbascumarten: Busir, Sikrân el-haut (= fischbetäubendes Gift), Flumis, Miknasat el-andar, Berbaschka.

Etym. (φλομός vielleicht von φλέγομαι leuchten, φλόξ Flamme, weil Stengel und Blätter zu Lampendochten verwandt wurden (PLINIUS 25, 74), oder weil der Blütenstand (vgl. Fig. 2) wie ein Leuchter, eine Fackel oder eine Kerze aussieht. Darauf deuten auch die Namen Candella regia, Königskerze, Fackelblume, Marien- oder Osterkerze, während andere, wie Wollblumen, Wollkraut, wullina, barbascum (von barba?) auf die Behaarung Bezug haben; wie die arabische Bezeichnung Adân ed-dobb (= Bärenohren). Molène, mullein (von mollis = weich) hat vielleicht auch hierauf Bezug oder auf den Schleimgehalt (?) — Thapsus steht zur gelben Farbe der Blüten, d. h. zu θαψος, θαψία in Beziehung, mit welchem Worte die Griechen nach der Insel Thapsos (Isola degli Magnisi) bei Syrakus (FLÜCKIGER) eine zum Gelbfärben benutzte Umbellifere (Thapsia garganica?) bezeichneten. Aus thapsus und barbascum wurde dann tassus barbassus, ja sogar taxus barbatus (so bei CRESCENZI I, S. 678) gebildet, was ich übrigens für einen Fehler des Abschreibers halte.

Stammpflanze. Verbascum thapsiforme SCHRADER (V. Thapsus L. var. thapsiforme HOOK. fil., V. phlomoides MEY., V. Thapsus POLL., V. cuspidatum SCHRAD., V. Kicxianum DUMORT) und Verbascum phlomoides L.

Systemat. Stellung. Scrophulariaceae, Pseudosolaneae — Verbasceae. — Sectio Thapsus. Euthapsi.

Beschreibung der Stammpflanze. Die meisten neueren Floristen (z. B. SCHINZ-KELLER, Flora der Schweiz, 3. Aufl., 1909) und auch ENGLER-PRANTL (Pflanzenfamilien) trennen V. phlomoides, die wildblumenähnliche Königskerze, von V. thapsiforme, der großblütigen, als Arten.

SCHUMANN bemerkt (in BERG-SCHMIDT, Atlas S. 74): «G. F. W. MEYER hat zuerst die Meinung ausgesprochen, daß V. thapsiforme SCHRADER von V. phlomoides L. nicht spezifisch zu trennen sei; wir können dieser Meinung, die auch FRANCHET und FLÜCKIGER geteilt haben, wohl beipflichten, da sich das aus den Blättern hergenommene Merkmal als kaum genügend erweist, um unserer Pflanze einen anderen Wert als vielleicht den einer Varietät zuzuerkennen».

Jedenfalls sind beide sehr ähnlich und die Blüten beider werden z. B. von Pharm. helvet. IV ausdrücklich zugelassen. Ich halte sie hier auseinander, ohne zu der Frage Stellung zu nehmen.

SCHINZ-KELLER beschreiben V. thapsiforme: 30–180 cm hoch. Laubblätter länglich, elliptisch, gekerbt, gelblich filzig. Jedes Laubblatt bis zum nächst unteren herablaufend. Blütenstiele kürzer als der Kelch. Krone radförmig, doppelt so groß und heller gelb als bei V. Thapsus, sonst aber wie diese.

V. phlomoides, 1–2 m hoch, Stengel aufrecht steif, einfach oder mit einzelnen aufrechten Ästen. Laubblätter länglich-eiförmig, gekerbt, die mittleren und oberen sehr verschieden stark herablaufend. Krone flach, etwa doppelt so groß und blasser als bei V. Thapsus, die zwei längeren Staubfäden 1½–2 mal so lang als ihre herablaufenden Staubbeutel, Narbe am Grunde herablaufend, spatelförmig.

V. Thapsus, das bei uns auch ziemlich verbreitet ist, kommt für uns nicht in Betracht. Es hat viel kleinere Blüten. Dagegen scheinen seine Blüten (common mullein) in Nordamerika benutzt zu werden, wo die Pflanze enorme Höhen (über 7 Fuß) erreicht. Auch V. phlomoides findet sich (wohl eingeschleppt) in den Vereinigten Staaten, z. B. in Massachusetts.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 2.

Verbascum phlomoides

L.

Wie nötig es ist, bei den Pflanzennamen der Drogen die Autoren beizusetzen, zeigte HOLMES (Ph. journ. 1900, 418) an Verbascum. Es gibt fünf V. phlomoides (V. phlomoides L., V. glomeratum BOISS., V. Boerhavi L., V. montanum SCHRAD., V. lasianthum BOISS.) und zwei V. thapsiforme (V. thapsiforme SCHRADER und V. thapsiforme GUSS.).

Die Königskerze ist eine prächtige Pflanze von großer Schönheit. Ihr kerzengerader Stengel mit den großen grauen Blättern und der blütenübersäten langen Infloreszenz machen sie zu einer der charakteristischsten Pflanzen unserer Flora (Fig. 2).

Verbascum thapsiforme SCHRAD. sowohl wie V. phlomoides L. sind zweijährig. Im ersten Jahr entsteht nur eine große Blattrosette, im zweiten die Infloreszenz. Die spiralig gestellten Blätter sind oblong oder schmal umgekehrt eiförmig, meist sitzend, am Grunde mehr oder weniger bis zum nächsten Blatt herablaufend, gekerbt, zugespitzt, durch zahlreiche Büschelhaare dick filzig. (Die abgelösten Wollhaare werden als Zunder benutzt!)

Die Blüten von V. thapsiforme sind zu Dichasien vereinigt, die ihrerseits wieder, an einer langen Infloreszenzachse sitzend, einen sog. Blütenschwanz bilden.

Sie entstehen zuerst einzeln in den Achseln der spiralig angeordneten, zugespitzten, an der Infloreszenzachse herablaufenden Deckblätter (den Hochblättern der Infloreszenz, Fig. 3 D). Die erste Blüte (Fig. 3, 1) hat zwei lanzettliche Vorblätter (α). In den Achseln dieser letzteren entspringen bald 2, bald 4, gleichfalls mit Vorblättern (β) versehene Blüten (3–3, 5–5). Bevor jedoch diese 2, bzw. 4, mit der Blüte 1 ein 3- bzw. 5blütiges Dichasium bildenden Blüten sich entfalten, entsteht zwischen diesem Dichasium und dem Deckblatte D, also unter Blüte 1, eine Beiknospe als Bereicherungssproß. Der Bereicherungssproß ist im einfachsten Falle einblütig. Meist jedoch entsteht zwischen dieser einen Blüte, die zuerst aufblüht (2), und dem Deckblatte noch eine zweite Blüte (4). Jede derselben hat 2 Vorblätter (γ). Bisweilen finden sich aber auch noch in den Achseln der Deckblätter der oberen, älteren Blüte zwei weitere, aber deckblattlose Blüten (6). Diese sind die zuletzt aufblühenden. Infolge des sehr verschiedenen Alters der Blüten blühen von diesen Teilinfloreszenzen meist nur eine oder zwei zu gleicher Zeit. Da sie aber alle nacheinander (in der Reihenfolge der Zahlen) zum Blühen kommen, so steht ein Blütenschwanz von Verbascum thapsiforme von oben bis unten wochenlang in Blüte. Bald öffnet sich hier, bald dort eine Blüte (SCHUMANN und TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas).

Der gamosepale, krugförmige, fünfzählige Kelch ist außen dicht filzig behaart, 6–8 mm lang. Die fünf Zipfel sind eilanzettlich, länglich dreieckig und zeigen aufsteigend-dachziegelige Knospenlage. Er ist zygomorph. Die Haare sind entweder Drüsenhaare mit oft sehr zahlreichen sezernierenden Zellen oder Sternhaare mit 1–4 Etagen (Büschelhaare). Der Gipfelstern ist 3–6strahlig. Dergleichen Haare finden sich auch auf den Laubblättern. Der Fruchtknoten ist eiförmig.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 3.

Oben: Diagramm einer Partialinfloreszenz in der Achsel des Deckblattes D. Die Kreise sind die Blüten. Die Nummern 1–6 bezeichnen die Aufblühfolge. In der Mitte: Eine aufgeschnittene Corolle. Unten: Vollständige Blüte im Längsschnitt.

[Nach

Tschirch-Oesterle

, Atlas.]

Die gleichfalls median-zygomorphe Corolle, die sich sehr leicht ablösen läßt, ist radförmig, 5zählig, sympetal, in der Mediane c. 3,5–4, bisweilen sogar 5 cm breit. An der Basis sind die 5 Blätter zu einer kurzen Röhre verwachsen. Die Zipfel sind fast kreisrund. Sie decken sich dachziegelig in absteigender Präfloration. Der unterste Kronenlappen ist oft erheblich größer als die beiden seitlichen. Die beiden obersten sind oft ⅓ kleiner als die unteren. Im Röhrenteile ist die Corolle dick-fleischig.

Die 5 Stamina sind der Corolle etwas oberhalb der Röhre eingefügt. Sie alternieren mit den Lappen. Sie setzen die Zygomorphie der Corolle in verstärkter Weise fort: die drei oberen sind anders ausgebildet als die zwei unteren. Die drei oberen sind c. 6 mm lang; sie besitzen eine nierenförmige, dem Filament quer aufgesetzte, mit Gipfelspalten aufspringende Anthere und sind von der Mitte an bis zur Spitze des Filamentes so dicht mit langen Haaren besetzt, daß man bei Betrachtung der frischen Blüte von oben den ganzen Schlund von einem Haarfilz erfüllt sieht. Sie dienen also gewissermaßen als Signal für das die Blüte besuchende Insekt, daß weiter unten in der Blüte nichts zu holen ist und weisen es auf die lebhaft roten Antheren hin. Die Haare sollen, nach HERM. MÜLLER, neben dem roten Pollen als Anlockungsmittel der Insekten dienen. «Vielleicht», bemerkt A. MEYER, «scheiden sie irgend einen genießbaren Stoff aus, oder sind selbst eine gute Nahrung». Beobachtungen TUNMANNS sprechen dagegen: es fanden sich niemals abgefressene Haare. So bleiben den Bienen, denn diese sind die hauptsächlichsten Besucher der Königskerze, da auch Nektarien fehlen, nur die roten Pollenkörner, und diese sind es denn auch, welche sie sammeln und als Futter für die Brut verwenden. Die Verbascumblüte gehört zu den «Pollenblüten». Die zwei unteren Stamina sind etwa 10 mm lang, meist ganz unbehaart und tragen die 3–4 mm lange Anthere an der inneren Seite der Spitze des Filamentes. Sie ist mit ihm ein Stück weit verwachsen. So verschieden aber auch ihr Bau von dem der behaarten Stamina ist: der Querschnitt durch die Anthere der langen sieht fast ganz gleich aus wie der Längsschnitt durch die Anthere der kurzen (vgl. den Anatom. Atlas).

Der Fruchtknoten ist eiförmig, etwa 2 mm lang, zweifächerig. Der Griffel ist nur an der Basis behaart, c. 12 mm lang. Die ungleich-großen Narbenschenkel sind nur undeutlich voneinander gesondert. Die Narbenpapillenschicht läuft ein Stück weit am Griffel herab. Die wandspaltig aufspringende Kapsel ist bis 1 cm lang und 8 mm breit. Die Samen sind zylindrisch. Der in Endosperm eingebettete Embryo ist gerade.

Die Droge besteht nur aus der Blumenkrone mit den ansitzenden Staubfäden.

V. phlomoides ist über ganz Mittel- und Südeuropa verbreitet. Sie wächst von Frankreich bis Dänemark und Rußland, von Spanien und Italien bis zur Krim, im Himalaya von Kaschmir bis West-Tibet. V. thapsiforme geht nicht so weit nach dem Süden und findet sich besonders in Mitteleuropa. V. phlomoides ist viel seltener als V. thapsiforme. Beide finden sich oft in derselben Gegend. Beide bilden zahlreiche Bastarde (vgl. PABST-KÖHLER, Medizinalpflanzen). Sie bevorzugen bei uns Wegränder, trockene Hügel und Haiden, sowie steinige, unbebaute Orte und lichte Waldplätze. Sie blühen von Anfang Juli bis Mitte Oktober.

Lit. SCHRADER, Monogr. generis Verbasci. Göttingen 1813/23. — FRANCHET, Étude sur les Verbascum de la France et de l’Europe centrale. Vendôme 1875. — Abbild. von V. thapsiforme in BERG-SCHMIDT Atlas. 2. Aufl. Taf. 26 (dort auch die florist. Lit.); von V. phlomoides in PABST-KÖHLER, Medizinalpfl. Taf. 45. — EICHLER, Blütendiagramme. — WYDLER, Flora 1851, 411. — A. MEYER, Drogenkunde. — HERM. MÜLLER, Befruchtung d. Blumen 1877, 272. — KERNER, Pflanzenleben. — TUNMANN (s. unten). — LAVADOUX (s. unten).

Pathologie. Auf Verbascum kommen verschiedene Parasiten vor, wie Peronospora sordida BERK., Erysiphe Cichoracearum (DC.), Uromyces Scrophulariae (DC.) und andere, doch dürften dieselben für die Blüten keine Bedeutung besitzen (ED. FISCHER).

Über die tierischen Schädlinge berichtet ISRAEL:

1. Käfer. Bruchus marginellus FABR. Larve in den Blütenknospen von Verbascumarten. Cionus scrophulariae L., Cionus verbasci FB. Larven skelettierend auf Scrophularia- und Verbascumarten. Gymnetron teter. FB. Larve an den Blüten und Blättern von Antirrhinum- und Verbascumarten. Gymnetron thapsicola GERM. In Süd- und Mitteldeutschland auf Verbascumarten. Clytus verbasci FABR. Käfer, häufig an Verbascumblüten; ob die Larve in den Stengeln von Verbascumarten lebt, erscheint fraglich. Longitarsus verbasci PANZ. Larve meist in langgeschlängelten Blattminen in den Blättern von Verbascum Thapsus und phlomoides.

2. Schmetterlinge. Melitaea trivia W. V., Raupe, in Süddeutschland an Verbascum Thapsus und anderen Verbascumarten. Gortyna flavago HB. Die Raupe lebt in den markigen Stengeln vieler Pflanzen, auch in Verbascumarten. Cucullia verbasci L., Cucullia scrophulariae W. V. Die schönen Raupen dieser Falter leben von den Blättern, Blüten, Knospen und Samenkapseln der Verbascum- und Scrophulariaarten. Cucullia thapsiphaga TR. Die Raupe dieses seltenen Falters lebt ebenfalls an Verbascumarten. Polia xanthomista HÜBN., Raupe an Verbascum- und Silenearten. Acronycta euphorbiae W. V. Raupe an Plantago-, Euphorbia- und Verbascumarten. Außer diesen leben an Verbascumarten noch eine große Anzahl polyphager Eulenraupen.

Kultur und Einsammlung. Verbascumarten werden in den Bauerngärten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz kultiviert, die sogar hier und da an Drogisten liefern, und sind auch meist ein Bestandteil der Apothekengärten (I, S. 50). Als besondere Kulturorte in Deutschland seien genannt: Horb (Württemberg), Neudorf (Bruchsal), Schweinfurt (Schwebheim, Räthlein), Aken (a. d. Elbe), Ballenstedt (a. Harz), Blaubeuren, Schwarzenfeld (Nabburg), Sonderburg (Alsen). Vgl. I, S. 63.

In Ungarn werden die Blüten von V. phlomoides von wildwachsenden Pflanzen in größerem Maßstabe gesammelt (B. PÁTER), stammen aber auch aus Kulturen. Auch Österreich exportiert Flos Verbasci. Oberösterreich kultiviert die Pflanzen in größerer Menge. In Rußland produziert das Gouvernement Poltawa Flos Verb. russic. Im Gouvernement Moskau werden die Blüten von wildwachsenden Pflanzen gesammelt.

Man sammelt nur die Blumenkrone samt den ihr inserierten Staubfäden im Juli und August an sonnigen Tagen bei trockenem Wetter und trocknet rasch an der Sonne, oder in dünner Schicht ausgebreitet bei künstlicher Wärme, die 30–35° nicht überschreiten sollte, unter Absaugung des Wasserdampfes, jedenfalls bei guter Lüftung. Sonst werden sie (durch Oxydasen) braun. Blüten, deren Enzyme abgetötet wurden, bewahren ihre Farbe (PERROT und GORIS). Da die Blüten leicht Wasser anziehen, bewahrt man sie über Kalk auf. Auch vor Licht sind sie zu schützen. Die Haare werden abgesiebt. 7–8 Teile frische Blüten geben 1 Teil trockene.

Anatomie der Blüte. Im Röhrenteile ist die Corolle außen und innen kahl und glänzend, unten fast farblos, oben gelb. Die Epidermiszellen der Ober- und Unterseite sind etwas palissadenartig gestreckt (Fig. 4). Die Cuticula der Ober- (Innen-) Seite ist wellig gefaltet. Die Epidermen beider Blattseiten (und nur diese) enthalten neben kleinen gelblichen Chromatophoren einen gelben Zellsaft. Der Farbstoff (α-Anthoxanthin) ist in Wasser und Alkohol löslich. Die Epidermiszellen beider Seiten führen, der Außenseite genähert, einen kleinen hellen, stark lichtbrechenden Tropfen (Fig. 4 tro), der sich nicht in Chloral, Essigsäure, Kali oder Alkohol, wohl aber in Salzsäure und Schwefelsäure löst und sich mit Osmiumsäure nicht färbt. Diese Tropfen bedingen den eigenartigen Glanz der Blätter, den KERNER fälschlich als durch (aus Spaltöffnungen hervortretenden) Nektar hervorgebracht ansah. Er verwechselte die glänzenden Epidermiszellen mit Honigtröpfchen. Nektarien finden sich nicht. Die Blattunter-(Außen-)Seite ist durch zahlreiche Etagen-Sternhaare (Büschelhaare) dickfilzig. Diese Sternhaare besitzen 2–3 Etagen. Der Spitzenstern ist 3–6-, die Etagensterne 3–5strahlig.

Das Mesophyll ist im Röhrenteile der Blüte ziemlich mächtig, wird aber in den Kronenlappen wenigschichtig. Es besteht aus einem zartwandigen, bisweilen ziemlich reich durchlüfteten, daher in der Droge weiß erscheinenden Parenchym, dessen Zellen oft noch mit dem Chromatophor verbundene Stärkekörner enthalten. In das Gewebe eingebettet findet man da und dort rundliche oder gestreckte Sekretzellen mit verkorkter Wand, die, in eine homoge oder von zarten Fäden durchzogene Masse eingebettet, sehr kleine Tröpfchen enthalten, die durch Osmiumsäure sich schwärzen und wohl ätherisches Öl sind. Die Kronenröhre ist von 30 Bündeln durchzogen, fünf davon treten in die Filamente der Stamina, je fünf in je einen der Kronenzipfel, sich hier reich verzweigend.

In der Epidermis der Filamente finden sich neben gelbem Zellsaft wulstige rote Chromatophoren (Fig. 5 chro), die durch Schwefelsäure gelb werden, während sich der Zellsaft bläulich färbt. Die Haare der drei oberen Stamina sind ziemlich lang, bleiben aber trotzdem einzellig. Sie sind an der Spitze keulenförmig und zeigen auf der Oberfläche zahlreiche derbe, oft in Reihen angeordnete Cuticularwärzchen (Fig. 5, 2). In der Droge sind sie oft bandartig zusammengefallen oder gedreht. Bisweilen schon in der Droge, besser bei Blüten, die frisch in Alkohol eingelegt wurden, findet man in diesen Haaren eigenartige Sphärokristalle. Dieselben wurden von den früheren Beobachtern ziemlich übereinstimmend für Zucker gehalten. Nach TUNMANNs Ansicht sind sie Hesperidin (s. weiter unten), resp. ein zur Hesperidingruppe gehöriger Körper.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 4.

Verbascum thapsiforme.

1. Querschnitt durch die Kronenröhre an der Basis der Corolle. 2. Querschnitt durch einen Kronenlappen am oberen Teil der Corolle. 3. Flächenansicht der Epidermis der Oberseite der Corolle. 4. Flächenansicht der Unterseite der Corolle.

[Nach

Tschirch-Oesterle

.]

Die Pollenkörner sind rundlich, besitzen eine stäbchenführende Exine, die diese feinpunktiert erscheinen lässt und drei Austrittsstellen für den Pollenschlauch. Sie sind meist mit Tropfen eines roten Öles so stark bedeckt, daß die aufgesprungenen Antheren orangerot erscheinen.

Ähnliche von einigen Autoren auch für Hesperidin gehaltene Sphaerokristalle, wie oben bei den Staubfadenhaaren erwähnt, finden sich außer bei den übrigen Verbascumarten mit weißen Filamenthaaren (LAVADOUX), in allen grünen Teilen von Scrophularia nodosa (VOGL 1896), bei allen Citrusarten, wenn man die frischen Organe einige Zeit in Alkohol legt (SACHS, PFEFFER, TSCHIRCH), ferner in der Epidermis der Blätter von Lythrum salicaria, von Pilocarpus trachylobus HOLMES, P. jaborandi HOLMES, bei Ptelea trifoliata, bei Umbelliferen, z. B. Conium (MODRAKOWSKI, ADOLPH MEYER, TUNMANN, TSCHIRCH), Aethusa (AD. MEYER), Labiaten (Mentha. TSCHIRCH, Hyssopus, TUNMANN, Teucrium, Satureja MITLACHER), Fol. Buccu (FLÜCKIGER, SHIMOYAMA), den Blättern von Vicia Faba und Calamintha acinosa, in den Blumenblatthaaren von Viola tricolor L., in den Blättern von Elaeagnus angustifolia L., in Aleppogallen (HARTWICH), bei Capsella Bursa Pastoris (MIKA), bei Cocculus laurifolius (KRAUS), Solanaceen (Nicotiana, TSCHIRCH), Tilia (TUNMANN) u. and. TUNMANN hält alle diese Kristallbildungen für Körper der Hesperidingruppe. Zucker sind sie nicht. Sie lösen sich nicht in Wasser, Alkohol, Glyzerin, Äther, Chloroform, Chloral, verd. Schwefelsäure, verd. u. konz. Salz- und Salpetersäure, sehr schwer und erst nach mehrtägiger Einwirkung in heißem Anilin, Ammoniak, heißer Essigsäure. Sie sind verschieden leicht löslich in Kalk- und Barytwasser, leicht und mit gelber Farbe löslich in verd. und konz. Kali- und Natronlauge. Für Citrus ist durch TIEMANN und WILL, für Conium durch MODRAKOWSKY makrochemisch der Beweis geliefert worden, daß es sich um Hesperidin handelt.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 5.

Verbascum thapsiforme.

1. Radialer Längsschnitt durch den Rand eines behaarten Filamentes mit den Staubfadenhaaren. 2. Spitze eines Staubfadenhaares. 3. Pollenkörner (oben mit ausgetriebenem Pollenschlauch). 4. Behaarte und unbehaarte Staubfäden.

[Nach

Tschirch-Oesterle

, Atlas.]

Lit. ARTHUR MEYER, Drogenkunde. — TSCHIRCH-OESTERLE, Anat. Atlas. — TSCHIRCH, Anatomie. — LAVADOUX, Rech. sur l’anatom. des Verbascées Thèse. Paris 1902 (dort d. Lit.). Lit. der (Hesperidin-)Kristalle: SACHS, Lehrbuch. — PFEFFER, Bot. Zeit. 1874. — MIKA, Bot. Jahresb. 1878, 20. — TSCHIRCH, Anatomie — TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas. — BORODIN, Sitzungsb. d. Ges. d. Naturf. Petersb. 1883. — MODRAKOWSKI, Poln. Arch. f. Biolog. u. mediz. Wissensch. 1905 (durch TUNMANN). — KRAUS, Bot. Jahresb. 1872. — TIEMANN u. WILL, Ber. d. chem. Ges. 1881, 946 (darin TSCHIRCH, Verbreit. d. Hesp. bei den Citrusarten). — AD. MEYER, Naturf. Ges. Halle 1882. — HARTWICH, Arch. d. Pharm. 1883. — SHIMOYAMA, Ebenda 1888. — VOGL, Pharm. Journ. 1896, 101. — MITLACHER, Zeitschr. d. österr. Apoth. Ver. 1908. - BRAEMER, Assoc. franc. avanc. d. sc. 1893. — TUNMANN, Pharm. Zeit. 1905, Zeitschr. d. österr. Apoth. Ver. 1906, Schweiz. Wochenschr. 1909. — Staubfadenhaare bei verschiedenen Verbascumarten: WESTLING, Om stådarhåren hos svenska Verbascumarter. Svensk. Farmac. tidskr. 1908.

Chemie. Die Flos verbasci enthält c. 10,5% Invertzucker (REBLING: 11%, SCHNEEGANS: 9,2–11,7%), daneben auch etwas Saccharose (SCHNEEGANS), dann Fett, Apfelsäure, Schleim und in Spuren ein flüchtiges Öl (MORIN); in der c. 4–6% (4,2–5,9 HAUKE, 4,8 FLÜCKIGER) betragenden Asche: Kalk- und Kalisalze der Phosphorsäure und Schwefelsäure, Eisen und Silicium. Ferner auch Kaliumacetat (?). In frischen Blüten fand A. MEYER nur wenig reduzierenden Zucker. JANSON fand in den Blüten von V. Thapsus: 2,49% Schleim, 11,76% Kohlehydrate auf Dextrin berechnet, 5,48% Glukose, 1,29% Saccharose, 16,76% Feuchtigkeit, 4,11% Asche und 32,75% Rohfaser.

Die Kapillaranalyse des Auszuges zeigt zu unterst eine hellgelbe Schicht, dann folgt nach oben: graugelblich — ockergelb — hellgelb — gelb — hellbraun — hellgrau. Das Spektrum des kapillaranalytisch abgetrennten gelben Hauptfarbstoffes der hellgelben Zone zeigt (mit dem Quarzspektrographen photographiert) zwei Bänder bei λ = 0,470–0,455 und λ = 0,445–0,425 µ. Die Endabsorption des Ultraviolett beginnt bei λ = 0,388 µ (TSCHIRCH, BUSS und OTTENBERG).

Der Verbascumfarbstoff gehört zur Gruppe der wasserlöslichen Anthoxanthine (α-Anthoxanthin TSCHIRCH, Anthochlor PRANTL, Xantheïn FREMY und CLOËZ). Zerfasert man ein Blumenblatt der Droge in Wasser und setzt viel Kali hinzu, so kristallisieren schöne gelbe, oft zu Rosetten vereinigte, wasserlösliche Nadeln aus (TSCHIRCH). Wäscht man dann das Präparat mit Wasser aus und läßt Schwefelsäure zufließen, so färbt sich das Gewebe erst violett, dann dauerhaft rot. Schwefelsäure allein färbt den gelben Zellsaft erst blau, dann violett, dann rot.

Hesperidin ist bis jetzt nur mikrochemisch nachgewiesen (s. oben). Es ist ein Glykosid, und zwar der Traubenzucker-Rhamnose-Äther des Hesperetins, des Phloroglucinesters der Isoferulasäure:

Hesperetin
Hesperetin

Die Verfärbung der Blüten wird durch Enzyme (bes. Oxydasen) bedingt.

In den Wurzeln von Verbascum Thapsus fand HARLAY neben reduzierendem Zucker (0,21–0,85%) Saccharose (0,21–0,73%).

Lit. REBLING, Zuckergeh. mehrer. Arzneikörper. Arch. Pharm. 1855, 11. — MORIN, Journ. chim. med. 1827, 231; Arch. Pharm. 1827, 91; Chem. Unters. d. Blumen v. V. Thapsus. — JANSON, The flowers of Verbascum Thapsus. Am. journ. pharm. 1890, 600. — SCHNEEGANS, Zuckergehalt d. Flor. verbasci, Journ. Pharm. f. Els. Lothr. 1898, 17. — PLANCHON-COLLIN, Drog. simpl. I 554. — TSCHIRCH, Vergleich. spektralanalyt. Unters. d. natürl. u. künstl. gelben Farbst. mit Hilfe d. Quarzspektrographen, Ber. d. d. Bot. Ges. 1904, 414. — BUSS, Beitr. z. Spektralanal. einig. etc. Farbstoffe, Forschungsber. 1896. — OTTENBERG, Spektralanalyt. mit d. Quarzspektrogr. vorgen. Unters. reiner u. kapillaranalyt. abgetr. Farbst. Diss. Bern 1904. — HARLAY, Journ. pharm. 1905, 49.

Geruch und Geschmack. Die frischen Blüten riechen widerlich betäubend und schmecken bitterlich rettigartig. Die trockenen Blüten riechen ganz angenehm nach Honig und Veilchen und schmecken süßlich, etwas schleimig.

Verwechslungen. Die Blüten von V. Thapsus sind erheblich kleiner, mehr glockenförmig nicht flach ausgebreitet. Auch V. Lychnitis ist kleinblütig. V. nigrum hat violette Staubfadenhaare.

Geschichte. Seit undenklichen Zeiten betrachten die Irländer Flos verbasci und namentlich die frischen Blätter der Pflanze als unfehlbares Mittel gegen Phtise. Die Blätter werden übrigens auch bei Asthma geraucht.

Im Mittelalter wurden besonders Blätter und Samen benutzt. Bei SCHRÖDER (Pharm. med. chym. I, S. 890) werden die Blätter und Wurzeln, dann aber auch die Blüten erwähnt. MURRAY (I, S. 952) verwendete besonders die Blätter der Pflanze. Angebaut scheint sie damals nicht zu sein. Sie fehlt im St. Galler Klostergarten (I, S. 622) und bei MACER (I, S. 626).

HILDEGARD (I, S. 669) erwähnt sie als Wullena (Blandonia). Die mittelenglischen Medizinbücher (I, S. 683) nennen sie Moleyn. In der Alphita (I, S. 642) steht: barbastus flosmos. Hier wie bei BARTHOLOMAEUS, in Circa instans und den Tabulae (I, S. 660) auch tapsus barbatus, herba luminaria (daraus wurde dann Königskerze) flosmos, molena; bei SIMON JANUENSIS (I, S. 664) flommos vel flosmus, tapsus barbatus; im Nördlinger Register (1480): tassi barbasii; im Braunschweiger Inventar (1522) (I, S. 815): tapsus verbatus. In der Taxe von Worms 1582 steht: Flor. verbasci, Thapsi verbati, Wullkrautblum, Königkertzblumen. Vor dem XV. Jahrh. scheinen die Blüten in Deutschland nicht arzneilich benutzt worden zu sein.

Paralleldrogen. Im Süden von Europa werden die Blüten ähnlicher Verbascumarten benutzt; in Portugal: Verbascum crassifolium H. et L.; in Italien: V. densiflorum B.; in Spanien: V. macranthum H. et L. (FLÜCKIGER); in Amerika: V. Thapsus. Auch in Vorderindien wird diese Art, die im Himalaya von Kaschmir bis Bhután vorkommt und dort phúlla oder gidar tamákú (= Schakaltabak) heißt, benutzt, aber vorwiegend die Blätter und die Samen (Pharmacogr. ind.). Auch in Frankreich scheint V. Thapsus bevorzugt zu werden (PLANCHON-COLLIN).

Über die Verwendung von Verbascumarten als Fischgifte vgl. unter Saponindrogen. Die Blütenkrone kommt hierbei nicht in Betracht.

Bassiablüten.

Ein zu den Sapotaceen gehörender, im indischen Jungle häufiger Baum, Bassia latifolia (hind. Mahwá, mahulá, janglîmohvâ. sansc. madhuka, d. h. süß; oben S. 8) liefert in Indien (Wälder von Monghyr in Zentralindien und Satpurakette im Westen) pro Baum mehrere hundert (150–200) kg fleischige Blütenblätter, die bis 60 Liter Alkohol geben. Die Blütenblätter schwellen erst nach dem Verstäuben an (POISSON). Sie fallen dann von selbst ab und sind leicht zu sammeln. Sie tauchen von Zeit zu Zeit im Handel auf und gehen besonders nach Frankreich, England und Amerika. Sie schmecken sehr süß, rosinenartig. Sie enthalten nur Invertzucker (LIPPMANN), bis 50 (CASTLE and RICE) oder 63% (POISSON) und liefern (besonders in Guzerat und Radschputana) gegoren Alkohol. Obwohl die Religion den Hindus und Mohammedanern den Alkoholgenuß verbietet, wurden doch allein in Vorderindien im Jahre 1907/08 9 Mill. Gallonen Schnaps für die einheimische Bevölkerung fabriziert, vorwiegend aus Bassiablüten (Mowrah [Mahua] flowers). Es geschieht dies z. B. in Dadar und auf der Halbinsel Urann bei Bombay, wo allein 19 Destillerien liegen.

Lit. V. LIPPMANN, Ber. d. chem. Ges. 1902 (dort die Lit.). — WATTS Dictionary. — LOCKWOOD, Notes on the mahwa tree Journ. Linn. Soc. XVII, 1879. — CASTLE AND RICE, The Mahwatree New. Rem. 1879 (Bot. Jahresber. 1879, 336). — SOUBEIRAN, Journ. pharm. 1881. — POISSON, Bull. soc. bot. de France 1881. — Tropenpflanzer. 1909.

γ) Früchte und Fruchtstände. Caricae.

Syn. Feigen — fîga (althd.) — vîge, veyg (mhd.) — figues (franz.) — figs (engl.) — fichi (ital.) — vijg (holl.) — fiige (ung.) — viikuna (finn.) — die Frucht: σῦκον, der Baum: συκῆ (n.-griech.).

Die hieroglyphischen Zeichen für Feige sind auf S. 468 wiedergegeben. Die Frucht hieß tab, der Baum meist nouhi nel tab, d. h. Sykomore mit Feigen, der Feigenbaum wird auch geschrieben db (deb, deba, dab, dabei), die Feige: neh ent bet, die kleine Feige: kund — Griech. σῦκον (bei DIOSKUR.) auch συκῆ z. B. bei THEOPHRAST (τὰ ἐρινᾶ σῦκα = wilde Feigen), die unreife Feige: Olynthos (bei GALEN) — Lat. Ficus (z. B. bei PLINIUS, CELSUS) und Caprificus — tînâ, tênâ (aram.) — tîn (arab.) — teʾēnē (hebr.) — anjér (hind, bengal. pers.) — wu-hua-kuo (chines.) = Frucht ohne Blüte, wörtlich: Nicht-Blüte-Frucht.

Stammpflanze. Ficus Carica L. (Kulturfeige) bildet unzählige Kulturvarietäten (bei Neapel: leucocarpa, dottata, colombra, polymorpha, pachycarpa, deliciosa, hypoleuca GASPARINI).

SEMLER nennt folgende Spielarten: San Pedro (in Sizilien: Fico di San Pietro) in Italien und Dalmatien; braune türkische, klimahart; braune oder schwarze Ischia; weiße Ischia; Igo Breba in Spanien; Angelica; Nerii; Ottalo in Sizilien; weiße Genua; weiße Smyrna; weiße adriatische in Dalmatien, Italien und Kalifornien; Gentile in Kalifornien. Nicht alle diese Sorten eignen sich zum Dörren, einige liefern nur Tafelfeigen.

Etym. Carica (so z. B. in der Alphita, Caricae bei PLINIUS eine Sorte Feigen) nach der Landschaft Karien gegenüber Rhodos. Feige ist indirekt aus Ficus umgebildet, dies vielleicht aus συκῆ (?). Doch sind beide vielleicht semitischen Ursprungs, συκῆ von schiqmâ, Ficus von pagg abzuleiten. Feige, wie andere südeuropäische Baum- und Fruchtarten, aus dem roman.-lat. hier spez. aus dem nordital.-provenz. Figa, daraus auch frz. Figue.

Systemat. Stellung. Moraceae, Artocarpoideae-Ficeae Sect. Eusyce. Die Gattung Ficus (LINNÉ, Gen. Plant.) hat etwa 600 Arten. DRAGENDORFF führt 61 als benutzt auf. Vgl. auch MOELLER, Art. Ficus in d. Realenzykl. d. ges. Pharm. V.

Beschreibung der Stammpflanze. Die Kulturfeige ist ein großer Strauch oder ein viel verästelter Baum (Fig 6 u. 7), der 8–9 m hoch werden kann. Sie besitzt, da die Äste eigentümlich, erst nach Außen, dann nach Innen, gebogen sind, besonders wenn unbelaubt, ein sehr eigenartiges, rundlich bizarres, unheimliches Aussehn. Die unbelaubte Feige ist daher auf weite Strecken hin kenntlich. Die ziemlich großen rauhen, blaugrünen Blätter sind eigenartig gelappt, drei-fünflappig («Feigenblatt»), und wechselständig. In ihren Achseln entstehen eigenartige krugförmige Receptacula, deren Innenwand von den Blüten ausgekleidet ist und die oben ein Ostiolum (Auge) besitzen. Diese Blütenstände entwickeln sich zur «Feige», die also keine Frucht, sondern ein Fruchtstand ist. Da man die Blüten von außen nicht sieht, hat der Chinese die Feige «Frucht ohne Blüte» genannt (s. oben) und auch ALBERTUS MAGNUS sagt: «fructum autem profert sine flore». Die Cauliflorie der Feige, die schon PLINIUS erwähnt, ist auch hier wie bei vielen tropischen Ficusarten zu finden (Fig. 7). Oft sieht man am Stamm und den dickeren Ästen zahlreiche Fruchtstände dicht beieinander aus der Rinde hervortreten. Alle Teile sind von ungegliederten Milchröhren durchzogen.

Nachdem sich die Ansicht von SOLMS, daß der wilde Feigenbaum (Caprificus, ἐρίνεος, Caprifico, Profico) und die Kulturfeige (Ficus, σῦκον), die beide schon im Altertum gut voneinander unterschieden wurden, als zwei verschiedene Rassen zu betrachten seien, von denen die Kulturfeige aus der wilden Feige hervorgegangen sei, als irrig erwiesen hatte, nimmt man jetzt auf Grund der Beobachtungen von FRITZ MÜLLER an den Feigen Südamerikas allgemein an (und auch SOLMS stimmt dem jetzt bei), daß, wie schon LINNÉ wollte, der Caprificus die männliche, die Kulturfeige die weibliche Feige darstellt. Der Caprificus ist durch völlige Sterilität zweier Blütengenerationen und sehr dürftigen Samenertrag der dritten infolge von Bildung sog. Gallenblüten fast rein männlich, die Kulturfeige durch Fehlen der männlichen Blüten rein weiblich. Die Befruchtung wird durch die Feigeninsekten vermittelt, von denen namentlich Blastophaga grossorum GRAVENHORST (Cynips Psenes L.) eine Chalcidide, und zwar das weibliche Tier als Inquilin fungiert und den Pollen überträgt. Die Gallenblüten (SOLMS) entstehen dadurch, daß die weibliche Blastophaga durch den hier kurzen Griffel in den Fruchtknoten ein Ei legt (GASPARINI). Die Inquilinen kommen also nur in den kurzgriffligen Gallenblüten auf den männlichen Pflanzen zur Entwicklung, finden beim Verlassen der Feige reifen Pollen vor und tragen denselben in die weiblichen Feigen der weiblichen Pflanzen, in denen sie natürlich, da die Blüten hier langgrifflig sind, nur die Befruchtung vollziehen, ohne daselbst Eier ablegen zu können.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 6.

Ficus Carica

belaubt.

[Nach

Hamilton

.]

Die überwinternden «Mamme» des Caprificus enthalten nur weibliche Gallenblüten, und demnach die überwinternde Generation der Blastophaga, die sich später entwickelnden Profichi dagegen in den unteren Zweidritteln Gallenblüten für die Inquilinengenerationen, im oberen Drittel in der Nähe der Mündung zahlreiche, monatelang Pollen erzeugende männliche Staubblüten. Innerhalb der Infloreszenz des Caprificus herrscht proterogynische Dichogamie (GASPARINI).

Da nun die Pollenreife der Staubblüten des Caprificus und die Konzeptionsfähigkeit der Narben der weiblichen Blüten der Kulturfeige zusammenfällt, ist eine Befruchtung der letzteren durch Vermittelung der Insekten gesichert.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig 7.

Ein kleinasiatischer Feigenbaum kurz vor der Ernte.

[

W. Tiedemann

phot.]

Aber es kommt bei der Feige weniger auf die Befruchtung der Blüten als auf die Ausbildung der fleischigen Receptaculums an. Beides scheint bei der Kulturfeige nicht in direkter Beziehung zueinander zu stehen (CAVOLINI), wie ja auch bei vielen Obstsorten Samenbildung und Fruchtentwicklung unabhängig voneinander ist. Wir kennen ja kernloses Obst. Immerhin findet man in den Handelsfeigen so gut wie immer ausgebildete Samen; von dem Tiere allerdings nur sehr selten eine Spur. Es wird zwar angegeben, daß die Weibchen der Blastophaga, nachdem sie sich den Weg durch das Ostiolum mit vieler Mühe, oft unter Zurücklassung der Flügel, gebahnt, den Krug der Infloreszenz nicht wieder verlassen, da sie den Rückweg wegen der nach Innen gerichteten Schuppen des Ostiolumrandes nicht antreten können. Das kann aber nicht richtig sein. Sie müssen in der Mehrzahl der Fälle wieder ausschwärmen, denn in den Handelsfeigen findet man sie in der Regel nicht vor. Ich habe viele Feigen untersucht und nie ein Insekt oder Reste desselben darin gefunden.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Die Feigenkultur im Mittelmeerdrogenreich. [Aus Ravasini, Die Feigenbäume Italiens, Bern 1911.]

⇒ GRÖSSERES BILD

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Beziehungen der drei Feigentypen zueinander nach

Tschirch

und

Ravasini

.

Erklärung der Zeichen: —— Wege der Insekten. ······· Pollenübertragung.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

eßbare Fruchtstände.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

männliche Blüten.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

weibliche Blüten.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Gallenblüten.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

sterile weibliche Blüten. (

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

) vereinzelte weibliche Blüten. (

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

) vereinzelte männliche Blüten.

[Aus Ravasini, Die Feigenbäume Italiens, Bern 1911.]

⇒ GRÖSSERES BILD

Für das Gelingen der Befruchtung scheint die Kaprifikation (ἐρινίασμα), d. h. das Einhängen von blühenden Caprificuszweigen bzw. Kränzen in die Krone der Kulturfeige (oder Zwischenpflanzen von Caprificus) nicht erforderlich zu sein, obwohl dieselbe noch jetzt in Algerien, Tripolis, Syrien, Kleinasien, Griechenland und den griechischen Inseln, Malta, Sicilien, einem Teile von Unteritalien, besonders Neapel, Calabrien z. T. (Catanzaro), in Spanien (Andalusien, Valencia, Estremadura, Murcia) und Süd-Portugal geübt wird. Denn die Länder, die sie nicht oder nicht mehr üben — Ägypten, Mittel- und Norditalien, Sardinien, Corsica, Nordspanien, Südfrankreich, Tirol, die Canaren und Azoren — erzeugen nicht minder gute und nicht weniger Feigen, doch scheint sie bei einigen Kulturrassen nötig, wie Versuche in Kalifornien gelehrt haben.

Die Kaprifikation ist sehr alt und wohl eine Erfindung der Semiten Syriens und Arabiens. Die beiden üblichen Formen schildert schon PLINIUS. «Man setzt daher den Caprificus, den wilden Feigenbaum, dahin, wo der Wind nach den Feigengärten zieht, damit derselbe die ausfliegenden Insekten auf die Feigenbäume bringe. Noch ein anderes Mittel hat man ausfindig gemacht; man legt nämlich jene, wenn man sie anderswoher bringt, zusammengebunden auf den zahmen Baum». Auch THEOPHRAST (die wesentliche Quelle des PLINIUS) bespricht die Kaprifikation bereits. Beiden ist eine Beziehung zu den Insekten bereits klar; ebenso dem ARISTOTELES. Doch erkannte erst LINNÉ 1744 die Bedeutung der Insekten für die Fortpflanzung und die Bildung reifer Samen bei Ficus (hier lange vor SPRENGEL!).

SOLMS meint, daß die Kaprifikation «eine in längst vergangenen Zeiten notwendig gewesene, jetzt kaum mehr nützliche, durch die lebendige Überlieferung von Generation zu Generation bis zum heutigen Tage in gleicher Form konservierte gärtnerische Operation» sei.

Ob bei Ficus Carica nicht auch Parthenogenese stattfindet, bleibt zu untersuchen. Sie erscheint möglich, da z. B. bei Ficus Roxburghii weder ein Eiapparat noch Antipoden normal entwickelt werden und der Embryo aus dem Nucellargewebe entsteht (CUNNIGHAM). Die Sache ist nicht schwer zu entscheiden. Man braucht ja nur unreife Feigen in einen gut schließenden Gazebeutel einzuschließen, darin reifen zu lassen und zu untersuchen ob auch dann reife Früchte gebildet werden.

Eine andere Operation ist das Ölen, das ogliazione der Italiener, das Verschmieren des Ostiolums mit Öl — man bringt mit einem Strohhalm einen Tropfen Olivenöl auf das Ostiolum —. Es war bereits den alten Juden und auch dem THEOPHRAST bekannt. Es wird noch heute in Italien, Syrien, Spanien und der Provence geübt und bringt die Fruchtstände früher zur Reife.

Lit. MIQUEL, Prod. Monogr. ficuum. Hookers London Journ. of Bot. VII. — GASPARINI (Publikationen meist in der Acad. di Napoli) und CAVOLINI Opuscoli (beide zitiert bei SOLMS). — TOURNEFORT (I, S. 905). — Graf SOLMS-LAUBACH, Die Herkunft, Domestikation und Verbreitung des gewöhnlichen Feigenbaumes. Abhandl. d. Göttinger Ges. d. Wissenschaft. 28. 1881 (auch separat 1882). Dort die Literatur. Ferner: Die Geschlechterdifferenzierung bei den Feigenbäumen. Bot. Zeit. 1885 (Ref. in Bot. Jahresber.). — TREUB, D. weibl. Organ u. d. Embryogenese bei Fic. hirta. Ann. jard. bot. Buitenz. 1902. — FRITZ MÜLLER, Caprificus und Feigenbaum. Kosmos XI, 1882 (Ref. Bot. Jahresber.) — KING, Observ. on the genus Ficus Journ. Linn. Soc. 24 u. Ann. roy. bot. gard. Calcutta 1887. — SCHWEINFURTH, Bull. de l’Herbier Boissier 1896. — WESTWOOD, Descript. of the insects infest. the seeds of Ficus Carica Transact. Entomol. Soc. 1882. — G. MAYR, Feigeninsekten. Zool. Bot. Ges. Wien 1885 (Ref. in Bot. Jahresb.). — P. MAYER, Zur Naturgesch. d. Feigeninsekt. Mitt. Zool. Stat. Neapel III 1882. — MAYER u. FRITZ MÜLLER, Zur Naturgesch. d. Feigeninsekt. Kosmos XII. Ref. Bot. Jahresber. — TSCHIRCH und OESTERLE, Anatom. Atlas. — HEHN, Kulturpfl. u. Haust. — CUNNIGHAM, Rundschau 1900, XV. 51. — Abbildungen in BERG-SCHMIDT, Atlas. Erste Auflage, BENTLEY-TRIMEN, Medicinal plants und in ZIPPEL-BOLLMANN, Wandtafeln.

Pathologie. Über die pflanzlichen Schädlinge der Feige berichtet Prof. ED. FISCHER: Unter den Pilzen, welche die Fruchtstände der Feige befallen und zerstören, sind besonders folgende Arten zu nennen:

Colletotrichum Carica STEVENS et HALL. (Zeitschrift für Pflanzenkrankheiten XIX 1909, p. 65); bringt die Fruchtstände zum Faulen und vorzeitigem Abfallen.

Cercospora Bolleana (THÜM.) tritt auf Blättern und Fruchtständen auf, letztere zu vorzeitigem Abfallen bringend.

Auch eine Botrytis ist beobachtet worden, welche die Fruchtstände durchwuchert, hier ihre Conidien bildet und sich von da auf die Zweige verbreitet.

Das Fruchtfleisch reifer Feigen des Handels ist zuweilen von einer schwarzen, etwas schmierigen Sporenmasse durchsetzt, die einem Pilze angehört, welchen REICHARDT (Verhandl. zoolog. botan. Gesellsch. Wien XVII 1867) für eine Ustilaginee angesehen und Ustilago Ficuum genannt hatte. HENNINGS (Hedwigia XXXIV 1895) zeigte jedoch, daß es sich um eine Aspergillacee handelt, die Sterigmatocystis Ficuum (REICH.) P. HENN. heißen muß.

Vorkommen und Kultur. SCHWEINFURTH hält die noch jetzt in Südarabien und Nordabyssinien vorkommende Ficus palmata FORSK. (F. pseudocarica HOCHST.) für die Stammform, aus der die Kulturfeige entstand. Die Urheimat der Feige sucht SOLMS in Südarabien. Von dort wird sie dann nach Idumaea, Coelesyrien und Syrien, sowie nach Babylonien und Ägypten gebracht und dort domestiziert worden sein. Ficus Carica existierte aber bereits in der Quartär- und Diluvial-Periode im westlichen Teile des Mediterrangebietes. Ein Ficus findet sich sogar in der Kreide Grönlands. «Sie hat sich schon in vorhistorischen Zeiten von Osten nach Westen verbreitet, als sie noch nicht Kulturpflanze geworden war» (HEHN). In frühgeschichtlicher Zeit war die Kultur der Feige wohl auf Syrien, Ägypten, Arabien und Babylonien beschränkt. Die Feigenkultur erstreckte sich dann später vom nordwestlichen Indien und den ostarabischen Steppen über die Länder am Caspimeer, das obere und mittlere Mesopotamien, Syrien, Palästina und Kleinasien. Durch Kultur ist die Feige dann (s. Geschichte) wohl durch die Semiten Syriens über das ganze Mittelmeergebiet verbreitet worden, hat dann später die Alpen überschritten und ist bis nach England vorgedrungen. Am Südrande der Schweizer Seen, in Südtirol und in der Provence hält sie an geschützten Stellen über Winter aus, ebenso in Südengland und den Inseln des Kanals. Auch in China, Nordwest-Indien, Dekkan, Beludschistan, Kalifornien, Canada, Mexiko und Chile wird sie jetzt kultiviert; in Kalifornien seit 1901 in steigender Menge. Ausgedehnteste Feigenkulturen finden sich in Kleinasien im Distrikt Aidin am Menderes Tehay (Mäander), große Feigengärten auch bei Ayazlúk (Ephesus). Sehr gute gedeihen bei Yenishehír (südöstlich von Isnik-Gölii), am Sabándja-See und am Golf von Ismid, sowie bei Anádoli-Kavák am Bosporus; ferner vom unteren Kyzyl Yrmák ab östlich, vorzüglich bei Trapezunt, endlich bei Malátia (SEMLER). Brasilien kultiviert von den Feigen besonders Fig blanc, albicone, napolitai und negretto. Vgl. auch Handelssorten.

Die Feige gehört in das Mediterrane Drogenreich (I, S. 441). Sie ist ein ausgesprochen subtropisches Gewächs. In den Tropen kultivierte Bäume liefern weniger gute Früchte.

Lit. RITTER, Erdkunde von Asien VII. Berlin 1844. — HEHN a. a. O. (dort weitere Literatur). — SOLMS a. a. O. — BUSCHAN, Vorgeschichtl. Botan. 1895. — SEMLER, Trop. Agrikultur.

Einsammlung. In der Achsel der Blätter entwickeln sich an vorjährigen Trieben schon zu Ende des Winters, meist vereinzelt, die im Juni reifenden Frühfeigen (Grossi, Profichi, Orni). Später kommen dann in den unteren Blattachseln die Sommerfeigen (Forniti, Mammoni). Sie entwickeln sich im August und reifen im November. Und schließlich kommen die über den Winter dauernden, in April-Mai des nächsten Jahres reifenden Spätfeigen (Cratiri, Mamme) zur Reife. Die Feigen werden meist an der Luft und Sonne auf Horden getrocknet.

Die Feige bleibt bis zur Vollreife am Baum. Das «Dörren» muß sehr sorgfältig, entweder an der Sonne oder in eigenen Dörrapparaten bei 40–50° erfolgen. SEMLER empfiehlt die Feigen vor dem «Dörren» kurze Zeit in eine Pottaschelösung (1 : 14) zu tauchen, um ihre Haut geschmeidiger zu machen. Das Pressen der Feigen geschieht in eigenen, sehr einfachen Pressen. Gepreßte Feigen haben einen höheren Preis. Sie sind weniger den tierischen Feinden ausgesetzt.

Lit. ROSSI, Sulla prod. d. fichi secchi in Italia. Ann. scol. sup. d’agricolt. Portici Napoli 1881. — SEMLER a. a. O.

Handelssorten und Verpackung. Schon im Altertum kannte man viele Sorten. Vorzügliche Feigen lieferte Caunus, nordöstlich von Rhodus, und Caria (Karien) im Südwesten Kleinasiens, woher noch heute Feigen und wie damals in Holzschachteln zu uns kommen. Dann waren auch die attischen berühmt. PLINIUS erwähnt lydische, afrikanische (Ruspina), alexandrinische, rhodische, tiburtinische, herkulanische, chalcidische Feigen, und auch solche, die nach LIVIUS und POMPEIUS benannt waren, sowie Feigen von der Insel Ebusus und den Marrucinen, im ganzen 29 Sorten. In der Tariffa des PASI (1540, I, S. 703) werden Fighi di Schiavonia, di Levante, di Italia und del Ponente erwähnt.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 8.

Ankunft eines kleinasiatischen Feigentransportes aus dem Innern des Landes auf der Station.

[

W. Tiedemann

phot.]

Die besten aber nicht sehr haltbaren Feigen des heutigen Handels sind die Smyrnafeigen (türkische Feigen), die aus Kleinasien, besonders aus der Ebene von Aidin, Innovasi, Nasli, Sultan Hissar stammen und aus Smyrna exportiert werden. Sie sind groß, plattgedrückt rund, sehr süß, von Honiggeschmack und haben eine dünne gelbliche Haut. Man unterscheidet drei Untersorten: Eleme [ellémé (türk.) = von Hand gepflückt] und Erbegli (Erbeili) — beide in runden Holztrommeln, Schachteln (Schachtelfeigen) oder Kistchen mit Lorbeerblättern bedeckt — und Roba mercantile in Fässern, locker, ungepreßt. Die Feige ist die vornehmste Quelle des Reichtums von Smyrna, das den Feigenhandel beherrscht. 1901 betrug der Export 20 Mill. kg.

Die im Innern Kleinasiens geernteten und am Produktionsorte getrockneten Feigen werden in Säcken verpackt, auf den Rücken der Kamele zur nächsten Bahnstation der kleinasiatischen Bahnen (Fig. 8) und von dort nach Smyrna gebracht, das Hauptstapelplatz und Ausfuhrhafen für die kleinasiatischen Feigen ist. Hier werden sie gewogen, gereinigt und sortiert, gewisse Sorten auch mit gepulvertem Fruchtzucker bestreut.

Die kleineren griechischen Feigen (Fraccazani, Corfu) sind weniger süß, derbhäutiger und haltbarer. Sie werden besonders von Kalamata, am Meerbusen von Messenien, von Andros und Syros exportiert und kommen entweder als Kranz- oder Moreafeigen, Caricae in coronis — gepreßt und auf Cyperushalme oder Bastschnüre gezogen — oder locker in Fässer gepackt in den Handel.

Die italienischen Feigen werden meist lose in Körbchen versandt (Korbfeigen). Man unterscheidet: Neapolitaner, Calabrische, aus Cosenza (in Calabria citeriore), Sicilianische, Puglieser und Genueser Feigen. Sie sind kleiner und weicher als die griechischen, aber weniger haltbar.

Die türkischen, griechischen und italienischen Feigen kommen meist über Triest und Fiume.

Die Tiroler Feigen stammen aus Südtirol (Trient, Rovereto). Nach dem Packmaterial — Lorbeer- oder Rosmarinblätter — heißen sie Lorbeer-, Laub- oder Rosmarin-Feigen. Die Dalmatiner, Istrianer oder Triester Feigen in Fässern sind sehr süß, aber nicht haltbar (Faßfeigen).

Die südfranzösischen, spanischen und portugiesischen Feigen sind den kalabrischen ähnlich und kommen meist über Hamburg. Marseille liefert viel Feigen, etwa von der Größe der Cosenzafeigen.

Die Türkei und Griechenland exportierten 1907: 30 Mill. kg Feigen im Werte von 90 Mill. Piaster (Griechenland allein: 14 Mill.), Italien im gleichen Zeitraum 14 Mill. kg, Spanien 1906: 4 Mill. kg.

Gehandelt werden die türkischen Feigen in Smyrna und Stambul, die italienischen in Catania, Bari und Genua, die griechischen in Patras.

Einfuhrhäfen sind besonders Marseille, London und Triest, ein Hauptpunkt des Feigenhandels.

Die in Vorderindien gezogenen Feigen werden nicht exportiert. Sie sind weniger gut als die Mittelmeerfeigen.

Die ägyptischen Feigen (Eselsfeigen, Pharaofeigen, Adamsfeigen) sind die walnußgroßen Fruchtstände der Sycomore (Ficus Sycomorus L.). Sie kommen aus Ägypten und Palästina.

Die indische Feige ist keine Feige, sondern die Frucht von Opuntia vulgaris MILLER (Opuntia Ficus indica). Die Paradiesfeigen sind Bananen.

Lit. J. MOELLER, in Realenzyklop. d. ges. Ph. III. — FLÜCKIGER, Pharmakogn. u. and.

Die Einfuhr an Feigen in Hamburg betrug in Doppelzentner (dz) 1906: 32226, 1907: 21770, 1908: 27966. Die meisten des Jahres 1908 stammten aus Kleinasien (15886 dz), dann folgt Griechenland und die Jonischen Inseln (5600) und Spanien (4689). Weniger kamen aus Triest, Algier und Italien, unbedeutende Mengen aus Frankreich, Arabien, den Verein. Staaten und der europäischen Türkei sowie den russischen Ostseehäfen. 1909 importierte Deutschland: 73594 dz. Feigen, vorwiegend aus Griechenland und der Asiat. Türkei, dann aus Italien, Algerien und Spanien. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika führten 1909: 15235513 Pounds Feigen ein, vornehmlich (c. 13 Mill.) aus Kleinasien und (c. 1 Mill.) aus Griechenland. Italien exportierte Fichi 1907: 142511, 1908: 164417, 1909: 183953 Quint.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 9.

Ficus Carica

.

Längsschnitt durch einen Fruchtstand und weibliche Blüte.

[Nach

Tschirch-Oesterle

, Anatom. Atlas.]

Morphologie und Entwicklung der Droge. Die Fruchtstände der Feige entstehen im typischen Falle zu zweit in der Achsel eines Laubblattes als seitliche Bildungen an der axillaren Laubknospe (Anatom. Atlas Taf. 28, Fig. 1 u. 17). Sie sind zunächst von der hinfälligen Stipulartute des Tragblattes umhüllt. Für gewöhnlich wird jedoch nur ein Fruchtstand entwickelt und der zweite verharrt im Stadium einer kurzen Knospe. Jeder Fruchtstand wird von einem Involukrum behüllt, das an der Basis der reifen Feige noch gut erhalten ist und aus drei schuppenartigen Blättern besteht: dem Vorblatt des Achselknöspchens und den Vorblättern des Blütenstandes. Der Blütenstand wird als eine flache Schale angelegt, an deren Rande schuppenartige Blättchen sitzen, Bildungen aus denen später die Schuppen werden, mit denen das Ostiolum verschlossen wird, und an deren Boden sich die Blütenanlagen finden. Mit fortschreitender Entwicklung wird die Schale immer tiefer und endlich zum Kruge (Receptaculum, Hypanthium, Frucht- oder Blütenboden). Dieser besitzt an seiner Spitze ein nicht ganz in der Mitte angeordnetes Ostiolum, das solange die Feige unreif ist von Schuppen geschlossen ist, deren äußerste schopfartig nach oben gerichtet sind, um die Insekten zunächst vom Besuche abzuhalten. In diesem Stadium ist die junge Feige noch ziemlich rundlich und grün. Sie milcht stark, wenn man sie verletzt, schmeckt widerlich und riecht unangenehm. Das derbe weiße Gewebe des Receptaculums enthält Stärke. Die die ganze Innenwand des Kruges auskleidenden Blüten sind bei der Kulturfeige für gewöhnlich rein weiblich, langgrifflig, kurzgestielt mit einem einseitig vorgewölbten Fruchtknoten, der einen Griffel mit zwei langen Narben trägt und meist drei Perigonblättern versehen (Fig. 9). Zwischen ihnen liegen auf dem Krugboden Haare (Anat. Atlas Taf. 28, 6, 8, 18). Die reife Feige hat eine mehr weniger schlanke, birnförmige, übrigens wechselnde Gestalt und Größe und eine grünlich-violette Farbe, die aber auch in bräunlich, rötlich, violett oder blauschwarz übergehen kann. Auch farbig gestreifte oder bereifte Sorten sind bekannt. Bisweilen platzt die Feige und läßt dicken Zuckersaft austreten (FLÜCKIGER). Das Ostiolum der reifen Feige ist durch nach unten gerichtete Schuppen geschlossen, die den Insekten den Weg nach Innen weisen. Das Gewebe des Receptaculums ist hyalin weich, zuckerreich und stärkefrei geworden. Der Geschmack ist nunmehr schleimig süß. Beim Verletzen tritt kein Milchsaft mehr aus. Der Inhalt der Milchröhren ist erstarrt, nicht mehr flüssig. Noch stärker sind die Veränderungen im Innern des Kruges. Aus den Blüten haben sich kleine gelbe, fast kugelrunde Früchtchen entwickelt, die ganz eingebettet sind in ein gelbliches, hyalines «Fruchtmuß», das durch eine tiefgreifende Pektin-Schleimmetamorphose der Krugwand, der Blütenstiele, Perigonblätter, Griffel und Narben, sowie der äußersten Schichten der Früchtchen gebildet wird und reichlich Zucker enthält. Immerhin findet man in der reifen Feige noch Reste, besonders der Narben, der oben erwähnten, jetzt dickwandiger gewordenen Haare, auch wohl einzelner Perigonblätter mit ihren Randhaaren und natürlich die etwa 2 mm großen Früchte. Die Frucht ist eine Drupa.

Die Feigen kommen entweder einfach getrocknet oder gepreßt in den Handel. Die gepreßten werden von oben her zu Scheiben zusammengedrückt, so daß auf der einen Seite etwas seitlich von der Mitte das Ostiolum, auf der anderen der Stielansatz sichtbar ist.

Lit. PAYER, Organographie p. 275, tab. 60. — EICHLER, Blütendiagramme. — TSCHIRCH und OESTERLE, Anatom. Atlas, Taf. 28.

Anatomie der Droge. Die Wand des Hypanthiums ist bedeckt von einer aus polyedrischen Zellen bestehenden Epidermis, in der sich da und dort Spaltöffnungen und ziemlich viele, meist aber nur kurze, derbe, kegelförmige Haare befinden (Fig. 10). Dann folgt eine Zone von Parenchym, dessen Zellen Oxalatdrusen enthalten und darauf die die Milchröhren führende Schicht. Weiter nach Innen liegen die Gefäßbündel. Die innerste Zone ist meist obliteriert. Die Milchröhren sind verhältnismäßig dünnwandig, 15–45, meist 20–30 mik. weit und sehr reich verzweigt. Sie gehören zum Typus der einfachen ungegliederten und enthalten ziemlich große (4–7 mik.) Guttakörnchen isoliert oder zu Ballen zusammengeflossen, die nur in Chloroform löslich sind. Die Gefäße sind meist Spiralgefäße, selten Netzleistengefäße. Sie besitzen eine Weite von 15–22 mik., sind also in der Regel enger als die Milchröhren (Unterschied gegenüber der Cichoriumwurzel s. d.).

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 10.

Ficus Carica

.

Succedane Flächenschnitte durch die einzelnen Schichten des Hypanthiums von der Epidermis (1) bis in die inneren Partien.

[Nach

Tschirch-Oesterle

, Anatom. Atlas.]

Von der Fruchtwand gehen die äußersten parenchymatischen Schichten mit in der Pektin-Schleimmetamorphose, dem das ganze Innere des Kruges anheimfällt, zugrunde. Erhalten bleibt meist nur die dritte Schicht in Form kleiner verdickter isodiametrischer Zellen und die innerste Schicht, die aus kurzen, stark verdickten Brachysklereïden besteht (Fig. 11). Die Samenschale besteht aus obliterierten Zellen und ist zusammengefallen. Der Embryo ist stark gekrümmt, Radicula und zwei Cotyledonen sind deutlich. Er ist eingebettet in Endosperm. In ihm und im Embryo finden sich reichlich, in Ölplasma eingebettet, Aleuronkörner, die Kristalloide und Globoide enthalten.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 11.

Ficus Carica

.

Querschnitt durch die Randschicht eines herauspräparierten Früchtchens [Die äusseren Schichten (1–2) sind zu Grunde gegangen.

[Nach

Tschirch-Oesterle

, Atlas.]

Lit. TSCHIRCH, Angew. Anatomie, Fig. 611. — TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas. — J. MOELLER, Mikroskopie d. Nahrungs- u. Genußmittel. 2. Aufl. 1905 (dort weitere Literatur). — Bei MALPIGHI (Opera 1687) findet sich ein guter Längsschnitt durch das Receptaculum. Er sah bereits die Milchröhren.

Pathologie der Droge. Häufig finden sich in trockenen Feigen Milben, besonders Carpoglyphus passularum, Glyciphagus prunorum u. and. (ISRAËL, s. I, S. 380).

Chemie. Getrocknete Feigen enthalten neben etwa 5,5% Pektin 27–62 (70?), meist etwa 51% Zucker, wie es scheint nur Invertzucker (Dextrose + Lävulose) und keinen Rohrzucker (Saccharose). Auch nach der Inversion bleibt der Zuckergehalt etwa gleich (DIETERICHS). Der Traubenzucker kristallisiert oft aus und bedeckt als Kruste die Oberfläche. Ein Liter frisch ausgepreßter Feigensaft enthält 128 g Zucker (BALLAND). Die unreife Feige enthält sehr wenig Zucker aber reichlich Stärke, die reife ist stärkefrei. Der Inhalt der Milchröhren, der beim Anschneiden unreifer Feigen ausfließt und diesen einen unangenehmen Geschmack verleiht, erhärtet beim Reifen und enthält dann zahlreiche ziemlich große Kautschukkörner, die aus Gutta bestehen (s. oben). Die Samen enthalten fettes Öl und Aleuron. Der Aschegehalt beträgt 1,3%. Die Asche enthält 0,06% Borsäure (HOTTER 1895). Frische Feigen enthalten oft 86% Wasser, trockene c. 30%. Da die Feige über 6% Eiweiß enthält, ist sie sehr nahrhaft.

Das peptonisierende Ferment Cravin, das sich im Milchsafte der ganzen Pflanze findet, ist nicht identisch mit Papayotin (MUSSI). Schon PLINIUS und DIOSKURIDES wußten, daß der Milchsaft unreifer Feigen, der im Altertum viel medizinisch angewendet wurde, Milch zum Gerinnen bringt.

Lit. Ältere Analyse von BLEY (in PEREIRA, Heilmittellehre). — FLÜCKIGER, Pharmakognosie (DIETERICHS). — KÖNIG, Chem. d. Nahrungs- u. Genußmittel. 4. Aufl. 1903/04. — ALBINI, Ber. d. d. chem. Ges. 1871. — BALLAND, Journ. pharm. 1876. — CARLUCCI u. ROSSI, Bot. Jahresb. 1881. — MUSSI, Orosi 1890. — Eine Analyse d. Milchsaftes: Magaz. f. Pharm. XX. — Über den Milchsaft vgl. auch BOUCHUT, Journ. d. pharm. 1880. — HANSEN, Bot. Jahresber. 1881 u. 1885. — Zusammensetzung des Feigenkaffees bei KÖNIG.

Geruch und Geschmack. Der Geruch ist schwach und nicht unangenehm. Der Geschmack stark süß, schleimig. Die frische Feige schmeckt weichlich, fade süßlich und wirkt abführend.

Aufbewahrung. Länger als ein Jahr bewahrt man Feigen nicht auf. Sie werden nach dieser Zeit trocken und unansehnlich und bedecken sich mit einer Schicht ausgewitterten Traubenzuckers (Kristalle abgebildet im Anatom. Atlas).

Es kommt vor, daß Feigen, um ihre Haltbarkeit zu erhöhen, mit Mehl (bes. Kastanienmehl) bestreut werden (E. HANAUSEK in ERDMANN-KÖNIG Waarenkunde).

Verwendung. Die Feige wird jetzt fast nur noch in der Volksmedizin als erweichendes Mittel benutzt. Feigenpflaster (?) kannten schon die Juden aus der Zeit des Jesaias und die Schola Salernitana lehrt:

Zertruckte Feigen legt auf Kröpffe, Schwielen, Beulen, Sie helfen und thun die zerbroch’ne Beine heylen.

Doch ist die Feige jetzt nur noch Bestandteil einer Spec. pectoral. cum fructibus. Bei den Arabern gilt sie als Aphrodisiacum (Signatura?). Die abführende Wirkung, die sie wie alle Zuckerdrogen besitzt, ist in drastischer Weise in BOCKS Kräuterbuch dargestellt (vgl. I, S. 323, Fig. 313). Die frischen Feigen sind im Süden ein beliebtes Nahrungsmittel und Obst. Aus gegorenen Feigen wird neuerdings, z. B. in Kleinasien, viel Alkohol destilliert. Auch Feigenwein wird im Orient bereitet.

Geröstet bildet die Feige den Feigenkaffee, der ein Kaffeesurrogat ist und auch bisweilen dem Kaffee zugesetzt wird, um den Geschmack zu verbessern (Karlsbader Kaffee). Er ist ziemlich teuer und es finden sich daher Fälschungen im Handel, besonders Cichorien mit eingebetteten Klee oder Cruciferensamen, die aber leicht mikroskopisch erkannt werden können. Auch Kornkaffee, geröstete Birnen und Carobben kommen als Fälschungen des Feigenkaffees vor. Der in Spanien und Portugal benutzte Feigenkäse ist ein gepreßtes Gemenge aus Feigen, Mandeln, Haselnüssen, Pistazien und Gewürzen.

Geschichte. Die Feige ist eine der ältesten Kulturpflanzen. In der westlichen Hälfte des Mittelmeergebietes schon am Ende der Pliocen vorhanden, ist sie dann ausgestorben und in vorhistorischer Zeit vom Osten her wohl durch die Phönikier wieder in das Gebiet eingeführt worden (LLOYD), zunächst aus Syrien nach Griechenland und Italien, von da nach Spanien und Gallien. In einem babylonischen Hymnus der Bibliothek von Nippur aus dem Jahre 2000 n. Chr. wird die Feige erwähnt: «süßer als Trauben und Feigen» (Cuneiform Texts of the Brit. Mus. XV. pl. 1). In dem Alfabet des BEN SIRA (XI. Jahrh. die Liste selbst älter) steht eine Liste von Pflanzen im Garten des NEBUKADNEZAR, die auch Feigen (tᵉēnīm) enthält. Sie haben übrigens auch einen assyrischen Namen: tittu. Auf assyrischen Denkmälern findet sich der Feigenbaum oft neben Dattel und Weinstock. (Ich halte wenigstens die in I, Fig. 371 mit Salix (?) bezeichnete Pflanze für eine Feige), so daß die Angabe HERODOTS (V. Jahrh. n. Chr.), Babylonien erzeuge keine Feigen, nicht richtig sein kann. HERODOT behauptete ja auch, Ägypten liefere keinen Wein, und doch kennen wir unzählige Darstellungen des Weinbaus und der Weinbereitung auf ägyptischen Denkmälern von der ältesten Zeit an. Ebenso häufig findet sie sich auf ägyptischen Denkmälern (WÖNIG). Feigen finden sich schon unter der Totenspeise eines Grabes aus der XII. Dynastie (2400–2600 n. Chr. SCHWEINFURTH). Kein Zweifel besteht, daß in Ägypten in ältester Zeit (2400–2200 n. Chr.) die Feigenkultur in Blüte stand (Fig. 12), ebenso in Syrien, hier vielleicht in noch älterer. In der Bibel ist sie neben dem Weinstock Symbol des Überflusses. Im jüdischen Altertum war Feige und Wein in Mischkultur. Die alten Inder kannten die Feige ebenfalls (I, S. 507). Der Anbau der Feige in Italien scheint in die Zeit der griechischen Kolonisation zurückzureichen (nach SOLMS ist er älter und gehört die Feige dem ältesten römischen Sagenkreise an). Der erste Anbau in Griechenland fällt in die späthomerische Zeit (HEHN), etwa IX. oder VIII. Jahrh. Nach Griechenland wurde mit der Feige die Kaprifikation gebracht. Die Römer übernahmen diese nicht, sondern pflanzten zunächst den Feigenbaum durch Stecklinge fort. DIOSKURIDES, der ebenso wie PLINIUS und IBN BAITHAR eine Menge von Krankheiten nennt, die durch Feigen geheilt werden — auch HIPPOKRATES bediente sich der Feige als Heilmittel — erwähnt auch den wilden Feigenbaum und die Aschenlauge des Feigenbaumes. Auf dem Forum romanum standen mehrere heilige Feigenbäume. Zur Zeit des PLINIUS wurden schon 29 Feigensorten gezüchtet.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 12.

Altägyptische Darstellung der Feigenernte.

Aus einem Gemälde der Westwand des Grabes Nr. 2 in Beni-Hassan, XII. Dynastie, 2400 bis 2200 n. Chr.

[Nach

Wönig

.]

In Ägypten war der Feigenbaum dem OSIRIS, in Griechenland dem DIONYSOS heilig sowie dem phallischen HERMES und dem PRIAPUS, bei den Römern der JUNO. Feigen spielten bei den Dionysien eine große Rolle. Bei den Römern war die Feige Symbol der vulva, bei den Hellenen des penis. Die sehr starke Erotik, die sich mit der Feige verknüpft, ist von südlichen, oft sehr alten Vorstellungen ausgegangen (AIGREMONT). Die Feige ist im Orient das Symbol der Fortpflanzung und wegen der zahlreichen Früchtchen auch Symbol der Fruchtbarkeit. Bei dem Feste der Thargelien waren die beiden φαρκμακοί, die als Sühnopfer zum Tode geführt wurden, der eine mit weißen, der andere mit schwarzen Feigen behangen (HEHN). Bei SCRIBONIUS LARGUS (I, S. 577) findet sich Caprificus und Ficus arida (getrocknete Feigen). Im Edikt des DIOCLETIAN (I, S. 570) finden sich frische und getrocknete, karische, pressae und duplices (gespaltene). Die Scriptores rei rusticae (I, S. 573) widmeten der Feige oft lange Kapitel und sie findet sich auch auf pompejanischen Wandgemälden und unter den Pflanzenresten Pompejis (I, S. 575). Sie wurde von den Römern als Heilmittel hoch geschätzt, ebenso von den Arabern. IBN BAITHAR (I, S. 608) widmet ihr ein großes Kapitel. KARL DER GROSSE wünschte ihre Anpflanzung (I, S. 620). Doch fehlt sie im St. Galler Klostergarten (I, S. 622); wohl aber kennt die HILDEGARD den Feikbaum oder Fickbaum. Im VIII. Jahrh. waren F. in Südfrankreich bekannt (I, S. 714). Im mittelniederdeutschen Gothaer Arzneibuch (I, S. 681) steht: vige, vyge. Die Alphita (I, S. 644) führt Caricae siccae auf. Über die Alpen muß sie ziemlich früh gekommen sein. GESNER (I, S. 846) beschreibt Feigenbäume in Straßburg. Nach England wurde sie unter HEINRICH VIII. von Kardinal POLE gebracht, doch scheint sie schon im XIII. Jahrh. dort kultiviert worden zu sein. Der mittelalterliche Drogenhandel umfaßte auch die Feige (s. Brügge). Schließlich sei bemerkt, daß die Feige auch im Pents’ao kang mu (I, S. 519) steht, also auch in der chinesischen Medizin verwendet wurde.

Die Krankheiten des Feigenbaums beschrieb schon der Rhizotom KLEIDEMUS (THEOPHRAST, Caus. plant. 3, 12).

Lit. HAMILTON, Botanique de la bible. 1871. — SOLMS a. a. O. — AIGREMONT, Volkserotik. — FLÜCKIGER-HANBURY, Pharmakographia (dort weitere histor. Literatur). — SCHWEINFURTH, Ber. d. d. bot. Ges. 1884 und Ägyptens Beziehungen. — SCHWENDENER, Kulturpflanzen. Vortrag. — UNGER, Botan. Streifzüge 1857. — MOLDENKE, Bäume Ägyptens. Diss. Straßburg 1887. — WÖNIG, Pflanzen d. alten Ägypten. 1886. — HEHN, Kulturpflanzen u. Haustiere. 7. Aufl. 1902. — BUSCHAN, Vorgeschichtl. Botanik. 1895.

Dactyli.

Dattel — datte (franz.) — date (engl.) — datil (span.) — dattero (ital.) — dadel (holl.) — datolya (ung.) — taateli (finn.) — φοῖνιξ (n.-gr.).

Syn. und Etym. Bei den Assyrern musuḳḳan (sumerisch-akkadisch = himmelhäuptig). bnr (ägypt. die hieroglyphischen Zeichen I, S. 468 u. 470), — Palma (PLINIUS), P. Carioti (SCRIB. LARG.), Dactyli (lat.), — φοῖνιξ (griech. DIOSKUR., ARRIAN, GALEN), φοινικοβάλανοι (HIPPOKR.), — Nachl, Tamr, Ruthab, Busr (arab.) — el oder tāmār (hebr.), davon wohl tamar indie! — Im Chinesischen heißt die Palme: Wu-tau-tsze (d. h. Fünf-Lasten) oder Fau-tsau (d. h. fremde Pflanze). — Die Frucht: tsau. — Dattel, bei HERESBACH (1570): Daktel, mhd. datel, tatel, tatele, aus it. dattilo, dies aus δάκτυλος. «Die Fiederblättchen der Dattel sind fingerförmig» (KLUGE) oder (was wahrscheinlicher) nach der Fingerform der Früchte oder von aramäisch daqual, diplâ = Palme. «Palma» war ursprünglich Chamaerops humilis, wurde aber später bis ins Mittelalter ganz allgemein der Name der Dattelpalme, später dann auf alle «Palmen» übertragen.

Stammpflanze und Systemat. Stellung. Phönix dactylifera L., mit 50 bis 80, nach anderen sogar 150 Kulturrassen. — Palmae, Coryphinae — Phoeniceae.

Beschreibung. Die dioecische Dattelpalme bildet große schlanke Bäume (ihr hebr. Name tâmar bedeutet «schlank und hochgewachsen»), die bis 20 m hoch werden können (I, Fig. 212, 217, Taf. 19) und die der Landschaft in Afrika das charakteristische Gepräge geben. Die wilde Urform ist nicht bekannt. Die Stammform, aus der die Kulturdattel entstand, ist vielleicht Phoenix spinosa (FISCHER). Danach wäre das tropische Afrika Urheimat der Dattelpalme. Die Dattel ist seit Urzeiten in Kultur und die Kultur hat erst die süßen Früchte erzeugt oder sie verbessert. Die babylonischen Nabatäer gelten für die Erfinder der Dattelveredelung (I, S. 479). Da die Dattelpalme zweigeschlechtlich ist, so wird die Befruchtung dadurch gefördert, daß man (es geschah dies schon zur Zeit der alten Babylonier) die männlichen Infloreszenzen, noch wenn sie geschlossen sind, in die Baumkronen der weiblichen Pflanzen hängt, «sobald sie beim Pressen ein dem Reiben von angefeuchtetem Mehl ähnliches Geräusch hören lassen». Der Pollen fällt dann bald aus und bewirkt die Befruchtung. Die Blüten stehen oft zu 200 in großen Infloreszenzen vereinigt zwischen dem terminalen Blattschopf. Die Zahl der in jedem Blütenstand zur Reife kommenden Früchte schwankt zwischen 80 und 200. Die Früchte reifen nach fünf Monaten, meist im Juli, August, September und Oktober. Für den Handel sammelt man sie etwas vor völliger Reife und läßt sie an der Sonne nachreifen. Die vollreife Dattel wird leicht breiig. Die Dattelpalme liefert Früchte vom 5. Jahre an, doch zahlreiche erst vom 15., das Maximum erreicht sie im 30. Jahr, das Ende im 95. Ein Baum kann 50–70 kg Datteln liefern. Die Früchte sind von gelblicher, gelbrötlicher oder gelbbräunlicher Farbe.

Vorkommen. Die Dattelpalme, «einer der wertvollsten Nutzbäume der Welt», «der König der Oasen», ist über Arabien, Ägypten, Nubien, die Oasen der Sahara, Algerien, Tunis und Marocco (Atlashochland) verbreitet. Sie geht westlich bis zu den Canaren und Capverdischen Inseln, östlich bis Iran, dem persischen Meerbusen bis zum Indus. Zentrum und Heimat der Kulturdattel ist wohl Arabien. Elche in Spanien liefert noch gute Datteln. In Nizza und San Remo reift die Dattel an geschützten Stellen — sie hält noch −5° C. aus —, nicht diesseits der Alpen. «Sie senkt ihre Wurzeln in das Wasser und ihre Krone in das Feuer», d. h. sie braucht Grundwasser und heißes Klima. Ihr assyrischer Name mussuḳḳan bedeutet «himmelhäuptig». Beled-el-Dscherid, d. h. Dattelland, hieß früher der Südabhang des Atlas-Systems, jetzt wird damit das südliche Tunis bezeichnet. Fezzan ist ganz auf Dattelkultur angewiesen. Das Niltal ist eine ungeheuere Datteloase. Die Zahl der Dattelpalmen in Algier übersteigt 4 Millionen. In Ägypten, Algier und Tunis ist die Dattelpalme ein wichtiges Steuerobjekt. In Arabien, das viele Datteloasen hat, ist Dschidda ein großer Dattelmarkt, ebenso die Bahreininseln, «Datteln nach Bahrein tragen» lautet ein arabisches Sprichwort, d. h. soviel wie «Eulen nach Athen tragen». Persien besitzt ausgedehnte Palmenhaine, besonders in Laristan. Sie bildet überall Dorfwäldchen. Sie braucht eine mittlere Jahrestemperatur von 24–25° C.

Pathologie. Über pflanzliche Schädlinge berichtet Prof. ED. FISCHER: Das Fruchtfleisch der reifen Datteln wird häufig von einem Parasiten zerstört, den CORDA als eine Ustilaginee angesehen hatte, der aber nach PATOUILLARD und DELACROIX (Bull. soc. mycol. France T. VII, p. 118) eine Aspergillacee ist und Sterigmatocystis Phoenicis (CORDA) PATOUILL. et DELACROIX genannt werden muß. Im Niltale trägt die Krankheit den Namen Mchattel. Man beobachtet sie zuweilen auch an Datteln, die in Kistchen nach Europa spediert werden.

Handelssorten. Die Dattel ist Charakterdroge der Südprovinz des mediterranen Drogenreiches (I, S. 441). Die meisten Datteln kommen jetzt aus Arabien, Persien und Ägypten. Algerien und Tunis liefern sehr gute Datteln. Die besten Datteln sind die afrikanischen. Sie sind fast walzenrund, fingerförmig, etwa 2–3 cm lang, weich und sehr süß. Man schätzt das Einkommen aus der in Afrika besteuerten Dattelpalme in Ägypten auf M. 10–20 pro Baum. Haupthandelsplatz für türkische Datteln ist Basra. Einfuhrhäfen sind besonders Marseille, dann Genua, Hamburg und London.

Man findet sie im Handel locker in Kistchen in Reihen gelegt oder zu Ballen (Blöcken) gepreßt.

Die unter türkischer Oberhoheit stehenden Länder produzierten 1907: 51 Mill. kg im Werte von 34 Mill. Piaster.

Die Einfuhr von Datteln nach Hamburg betrug seewärts in dz. 1906: 21813, 1907: 14156, 1908: 24717. Von der Einfuhr 1908 stammten die meisten (15177 dz.) aus Arabien, viel lieferte auch Persien (3921) und Großbritannien (2943, aus den britischen Kolonien und Ägypten). Geringer war die Einfuhr aus Frankreich, Marokko, Syrien und Kleinasien. Die Vereinigten Staaten führten 1909: 21869218 Pounds Datteln ein, die Mehrzahl (beinahe 19 Mill.) aus der asiatischen Türkei.

Anatomie. Das Pericarp ist von einer Epidermis bedeckt. Unter ihr liegt eine Schicht kleinzelligen Parenchyms. Dann folgt scharf abgesetzt in einer Zone stark tangential gestreckter, dünnwandiger Parenchymzellen die Sklereïdenschicht, die aus rundlichen oder stark radial gestreckten Zellen besteht, die oft zapfenartig nach Innen vorspringen. Dann folgt eine Zone größerer Parenchymzellen und dann die Region der Inklusen. Größere rundliche Parenchymzellen führen hier je einen hellen, stark lichtbrechenden, weichen, runden Körper, der sich Reagentien gegenüber ähnlich verhält, wie die Inklusen von Ceratonia und Diospyros (TICHOMIROW). Die Dattelinklusen färben sich mit Eisenchlorid blaugrün bis schwarz, mit Vanillin-Salzsäure rot. Sie enthalten ein in Wasser unlösliches Phloroglukotannid. Das Endocarp löst sich leicht als Silberhaut ab. An der Stelle, die der Samenrinne (s. unten) entspricht, ist es als Leiste vorgestülpt. Zwischen ihm und dem Fruchtfleisch findet man bisweilen Zuckerkristalle (VOGL, Nahrungsm. Fig. 136). Der Same ist gestreckt, beiderseits zugespitzt, an der einen Seite mit einer Rinne versehen. Die dünne Samenschale besteht aus einer mehrzelligen äußeren hellen und aus einer einreihigen braunen Schicht, die auch in die Rinne eindringt. Die Zellen sind schwach verdickt und getüpfelt. Das Endosperm ist hart, hornig, läßt sich aber mit dem Messer schneiden. Es besteht aus strahlig angeordneten, radial gestreckten, stark verdickten und reich getüpfelten Zellen, die reichlich Aleuronkörner enthalten. Der kleine Keimling liegt in der Mitte der konvexen Längsseite.

Chemie. Die Dattel enthält im vom Kern befreiten Fruchtfleisch 28–66, im Durchschnitt c. 47% Invertzucker (20,7–39,3% Dextrose und 22,1–22,4% Lävulose) und, wie es scheint, keinen Rohrzucker (BONASTRE gab 1832 welchen an). Der Dattelhonig enthält 39,3% Dextrose, 32,4% Lävulose, 3,3% Pektin. Der Dattelsirup 29,7% Dextrose und 22,1% Lävulose. Die aus Dattelhonig (s. unten) auskristallisierende Masse besteht aus 83,4% Dextrose und 11% Lävulose (GRIMBERT). Die Dattel enthält ferner in Prozenten: 20,8 Wasser, 6,6 Eiweißstoffe, 11,3 Pektose und Gummi, 0,2 fettes Öl, 5,5 Rohfaser, 1,6 Asche. Asche der Samen: 1,1%. Die Samen enthalten viel Reservezellulose, eine Hemizellulose, die beim Keimen gelöst wird und Cytase (NEWCOMBE). Sie liefern bei der Hydrolyse Galaktose und Mannose, enthalten also Galaktane und Mannane.

Verwendung. Die Dattel ist vornehmstes Nahrungsmittel der Stämme in ganz Nordafrika. Jede Karawane hat einen Dattelvorrat. Die Elemente des genügsamen Fellah sind: Sonne, Nil, Dattel und Prügel. Der geröstete Kern wird in Algerien und auch sonst als Kaffeefälschungsmittel benutzt. In Europa werden Dattelkerne zur Fälschung der Gewürze angewendet. Dattelkerne (Dactylorum ossa seu nuclei) finden sich in der Braunschweiger Taxe von 1574 (I, S. 816), wurden also jedenfalls damals als Arzneimittel benutzt. Die schlechteren Dattelsorten werden zur Alkoholfabrikation benutzt. Datteln aus Maskat werden z. B. in Vorderindien in großen Massen auf Schnaps verarbeitet. Die Fabriken in Urann gehören Parsi.

Medizinische Anwendung findet die Dattel in Europa kaum noch, doch ist sie Bestandteil der quatre fruits pectoraux. Dattelsirup wird in Afrika als Pectorale benutzt. (Im übrigen vgl. DRAGENDORFF, Heilpflanzen.)

Im Innern von Algerien wird aus einer sehr zuckerreichen Dattelart (Gharz) Dattelhonig (dibus) und Dattelsirup in der Weise bereitet, daß man die Früchte auf Palmzweighorden übereinander häuft und der Sonne aussetzt. Es fließt dann ein sirupdicker Saft aus, aus dem bisweilen Zucker reichlich auskristallisiert. Dattelhonig (mel phoenicinum) wird bereits im Edikt DIOCLETIANS (I, S. 570) erwähnt. Um Zucker aus der Dattelpalme zu gewinnen, macht man tiefe Einschnitte am oberen Stamm. In Jessore bei Calcutta wird noch jetzt viel Zucker aus dem Palmsaft bereitet. Dattelwein (duschab), den bereits die Bibel, HERODOT und PLINIUS erwähnen, wird noch heute dargestellt (vgl. I, S. 1017); ebenso Dattelbranntwein (in Ägypten und Indien). Datteln wurden und werden im Orient bisweilen als Geld benutzt (I, S. 186).

Geschichte. Schon in altsumerischer Zeit war die Dattel im Zweistromlande bekannt (I, S. 476). Sie ist ein Bestandteil zahlreicher Keilschriftrezepte, ebenso wie der Palmwein (Dattelwein I, S. 485). Die Dattelpalme findet sich auf den ältesten Darstellungen von Pflanzen, die auf uns gekommen sind, z. B. auf assyrischen Denkmälern (I, Fig. 371 u. 372), dort oft mit dem Weinstock zusammen. Berühmt war der königliche Dattelgarten von Babylon: Bagou; STRABO (I, S. 532) berichtet, daß die Dattel für die Babylonier Brot, Kuchen, Wein, Essig, Honig und Mehl gewesen, daß sie die Blätter zu Flechtwerk, die Kerne als Viehfutter und geglüht als Kohle für Schmiede benutzt hätten. Auf ägyptischen Denkmälern findet sich die Dattelpalme schon im III. Jahrtausend n. Chr. (I, Fig. 467). Sie scheint zur Zeit der X-XI. Dynastie (2560–2380 n. Chr.) dort in Kultur genommen worden zu sein (WÖNIG). Sie findet sich auch unter sehr alten Grabbeigaben (Verzeichnis bei BUSCHAN). Im Papyrus EBERS wird die Dattel, auch die unreife, Dattelhonig, -Wein und -Kuchen als Heilmittel erwähnt. Dattelwein und Dattelhonig waren schon zur Zeit des alten Reiches Heilmittel. Ein uraltes, noch heute gültiges, ungeschriebenes Kriegsrecht verbietet das Umhauen der Dattelpalme. Die Dattel (tamār) und ihr Honig (dibs) waren auch bei den Juden in Anwendung (I. Mose 43). Nach den griechischen Inseln kam sie um das Jahr 1000 n. Chr. (HEHN). Um das Jahr 700 n. Chr. kam sie nach Attica und Korinth (SCHWENDENER). Auf dem italienischen Festlande ist sie 291 n. Chr. nachzuweisen (BUSCHAN). Eingehend gedenkt ihrer THEOPHRAST (I, S. 547), der auch die künstliche Befruchtung beschreibt und über die Ertragsfähigkeit orientiert ist. Er rühmt die kölesyrischen. Berühmt waren auch die syrischen sowie die von Jericho, welche Stadt Palmyra (hebr. Tadmor) hieß, d. h. Dattelstadt. PLINIUS unterscheidet verschiedene Sorten (die königlichen, die Syagren, Margariden, Sandaliden, Karyoten, Nikolaen, Adelphiden, Paleten, Dactylen). Im Periplus wird φοῖνιξ aus Persien und Gedrosien erwähnt (I, S. 535), als Ausfuhrhafen Barygaza. Im Pen tsao kang mu (I, S. 519) finden sich persische D. Für die Chinesen war der Dattelbaum eine «fremde Pflanze» (s. oben S. 35). In der Liste des SERAPION (I, S. 606) finden sich dactili (Rorab). Die HILDEGARD erwähnt den Datilbaum (I, S. 671). Datteln (Dactyli ping., dattuli) finden sich auch bei CORDUS (I, S. 798).

Lit. BAILLON, Monographie des palmiers. Paris 1895. — DRUDE, Palmen in Engler-Prantl. — MARTIUS, Verbreit. d. Palm. in d. alt. Welt. Münch. gel. Anzeig. 1839. — SEEMANN, Die Palmen. Deutsch von BOLLE 1863. — WÖNIG, Pfl. d. alt. Ägypt. — BUSCHAN, Vorgeschichtl. Botanik. 1895. — SCHWENDENER, Kulturpflanzen, Vortrag. — SCHWEINFURTH, Pflanzengeogr. Skizze d. ges. Nilgebietes. Peterm. geogr. Mitth. 1868 und (Über d. Kultur d. D.) Gartenflora 1901. — CURTIS, Nil-Skizzen eines Howadji. Deutsch v. SPIELHAGEN 1857. — FISCHER, Die Dattelpalme, vgl. auch FISCHERS Karten in Peterm. Geogr. Mitt. Ergänzungsh. 64. 1881. — SEMLER, Trop. Agrikultur. 2. Aufl. I. — HASSACK, Schönheit u. Nutzen d. Palmen. Vortrag, Wien 1898. — Morph. Abbild. in HÉRAIL, Traité de pharmac. 1901, p. 64. — Die Keimung der D. in SACHS’ Lehrb. d. Bot. S. 444. — WILLKOMM, Südfrüchte. Samml. gemeinverständ. Vortr. 1877. — PLANCHON-COLLIN, Drogues simples. — HANAUSEK, Zeitschr. d. Österr. Apoth. Ver. 1892. — VOGL, Nahrungs- u. Genußm. (anatom. Abbild.). — TICHOMIROW, Die Johannisbrotartigen Intrazellular-Einschließ. im Fruchtparench. mancher süßen Früchte usw. Bull. Soc. des Naturalist. de Moscou 1905. — KÖNIG, Nahrungs- u. Genußm. 4. Aufl. 1903. — GRIMBERT, Journ. pharm. chim. 1889, p. 485. — VINSON, the Endo- and Ektoinvertase of the date. Journ. Am. Chem. Soc. 1908.

Passulae.

1. Passulae majores — Uvae passae — Große Rosinen, Zibeben — Raisins secs, R. passés ou de Malaga (franz.) — Raisin (engl.) — rozijn (holl.) — rusina (finn.) — mazsolaszöllö (ung.). Die Weinbeere heißt arab. ’Eneb, die Traube ägypt. elel, árer, aarer-t und die Rosinen zmtn.

Vitis vinifera L., Vitaceae, Vitoideae, in sehr zahlreichen Kulturformen. (Sowie die amerikanische Rebe: Vitis Labrusca L. u. and.) Ursprüngliche Heimat vielleicht im Südkaukasus.

Illustration from Handbuch der Pharmakognosie: Zweiter Band. Spezielle Pharmakognosie

Fig. 13.

Der größte Rosinenmarkt der Erde, Savannah in Georgien.

[Aus Les grandes cultures.]

Etym. Vitis ist sehr verschieden gedeutet worden. «Vitis a vino, idque a vi» (VARRO), «Vitis dicta quod vim habeat citius radicandi» (ISIDOR), auch von vincire (= binden) — Vinum, vin, wine, wijn etc. in allen Kultursprachen (s. auch unter Geschichte).

Die reifen getrockneten Beeren, die sehr große Mannigfaltigkeit in Gestalt, Größe und Farbe besitzen, kommen aus Spanien, Frankreich, Griechenland, Kleinasien in den Handel. Die besten sind die Smyrnäer (Elemé [s. Caricae], Chesme), sowie die Valencia-Rosinen (Spanien). Die Sultaninen sind die größten, die Malagatraubenrosinen (Muscateller) sehr fleischig, meist noch an den Stielen. Die Zibeben sind hartfleischig, dunkel, oft zusammengeklebt. Rosinen werden in Kisten oder Fässern versandt. Besonders Malaga und Valencia sind Verschiffungshäfen für Rosinen. Beide Häfen verschiffen zusammen 3 Millionen Kisten (à 25 engl. Pfund). Dreiviertel der Rosinenausfuhr entfällt auf Malaga. Die Malagarosinen sind groß, fleischig und sorgfältig sortiert. Auch Kalifornien produziert jetzt steigende Mengen Rosinen. Savannah in Georgien ist einer der größten Rosinenhäfen der Welt (Fig. 13). Die Methoden der Trocknung sind verschieden. Entweder wird die Traube direkt in der Sonne getrocknet oder zuvor in heißes Wasser getaucht, oder künstliche Wärme benutzt. Die Valencia-Rosinen werden, um ihre Haut zarter zu machen, vor dem «Dörren» in ein aus Rebenasche hergestelltes Laugenbad getaucht.

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