I. Kohlehydratdrogen. (continued 2)
Reading edition
Die aufgeweicht kugeligen Früchte sind von einer aus polygonalen Zellen bestehenden Epidermis bedeckt. Das Mesocarp besteht aus großen, zartwandigen Zellen, die bei der Droge tafelförmige Zuckerkristalle und derbe, meist zugespitzte Weinsteinkristalle enthalten. Legt man einen Schnitt durch eine Rosine in Öl, so sieht man die Schnittfläche mit zahlreichen großen Kristallen von Zucker und Weinstein, die in eine weiche hyaline Zuckermasse eingebettet sind, bedeckt. Daneben finden sich kleine Rosetten feiner Nadeln. Legt man einen Schnitt in Wasser, so lösen sich die Zuckerkristalle und man erkennt, daß der Weinstein besonders in der Peripherie liegt. Erwärmt man das Wasserpräparat, so lösen sich auch die Weinsteinkristalle. Die zarten Gefäßbündel sind bisweilen von Kristallkammerfasern begleitet. Die Fruchthöhle erscheint als Spalt. Die birnförmigen, meist zu zwei vorhandenen Samen besitzen eine Epidermis mit dicker Außenwand. Dann folgt ein zartwandiges Parenchym, von dem einige Zellen Oxalatnadeln führen und auf dieses eine breite Zone starkverdickter, radialgestreckter Sclereïden. Zu innerst liegt wieder ein zartes Gewebe (Gitterzellen) und eine innere Epidermis. (Abbild. bei MOELLER). Das Endosperm enthält Aleuronkörner, die entweder eine Oxalatdruse oder ein Globoid enthalten.

Fig. 14.
Die in Griechenland übliche Methode, die Korinthen zu trocknen.
[Aus Les grandes cultures.]
Sie enthalten 60,5–73,5%, im Mittel: 61–64% Invertzucker (KÖNIG) und zwar c. 27% Dextrose und c. 34% Lävulose, meist keinen Rohrzucker oder nur sehr wenig, ferner Weinstein. Im Mittel 1,22% freie Säure auf Weinsäure bezogen und 1,66% Asche. Ferner Apfelsäure und Pectin, die Samen 5–6% Gerbstoff. Das 15–18% der Samen betragende (gelegentlich extrahierte) fette Öl enthält vorwiegend Glyzeride der Erucasäure (C22H42O2), dann auch solche der Stearin- und Palmitinsäure (Fitz). Auf und in den getrockneten Weinbeeren kristallisiert bisweilen Zucker und Weinstein aus. Trauben enthalten auch pro kg 0,32 mgr Salizylsäure, wohl als Methylester (TRAPHOGEN) und etwas Borsäure (NORTON).
Die Einfuhr von Rosinen in Hamburg betrug seewärts in dz 1906: 110688, 1907: 114342, 1908: 99537. Von der Einfuhr 1908 stammte das meiste (67055 dz) aus Kleinasien und Spanien (24382 dz). Beträchtlich war auch noch die Zufuhr aus der europäischen Türkei (3031) und Persien, geringer die aus den russischen Häfen am Schwarzen und Asowschen Meer, aus Griechenland und den Jonischen Inseln, Syrien, Italien, Frankreich, Chile, Australien. Deutschland importierte 1909: 184665 dz Rosinen.
2. Passulae minores, Uvae corinthiacae — Kleine Rosinen, Korinthen — Raisins de Corinthe — Currants — von Vitis vinifera var. apyrena L.
Die etwa erbsengroßen, kernlosen Korinthen kommen aus Griechenland, besonders von den Jonischen Inseln (z. B. Zante), dann auch von Morea. Patras im Peloponnes ist der größte Korinthenhafen. Sie bilden einen Hauptexportartikel Griechenlands und kommen meist in Kisten in den Handel (Fig. 15).
Die Korinthen enthalten im Fruchtfleisch reichlich Weinsteinkristalle. Der rote Farbstoff ist auf die peripherischen Zellschichten beschränkt.

Fig. 15.
Beginn der Verschiffung der Korinthenkisten (10.–15 August).
[Aus Les grandes cultures.]
Sie enthalten im Mittel c. 62% Invertzucker und zwar 31–36% Lävulose und 25–30% Dextrose; im Mittel 1,52% freie Säure (auf Weinsäure bezogen) und 0,4% Apfelsäure, sowie im Mittel 2,61% Weinstein, etwas Borsäure (NORTON) und 1,84% Asche.
Griechenland, das Hauptproduktionsland von Korinthen, wohin die Rosinentraube ungefähr um das Jahr 1600 kam, produzierte 1907: 288300000, 1908: 328500000 venezian. Liter Korinthen (σταφίς) und exportierte 1907: 247238809, 1908: 201333485 venez. Liter. Viel geringer war der Export von Rosinen (Sultaninen, s. oben). Er betrug 1907: 733433, 1908: 15207440 venez. Liter (EMMANUEL). Ein venez. Liter ist = 480 g.
Die Einfuhr von Korinthen in Hamburg betrug seewärts in dz 1906: 80728, 1907: 89682, 1908: 65839. Von der Einfuhr 1908 stammte das meiste (64291 dz) von Griechenland und den Jonischen Inseln. Geringere Mengen kamen von Kleinasien, Italien, Algier. Deutschland importierte 1909: 158604 dz Korinthen.
Pathologie. Prof. ED. FISCHER berichtet über die Schädlinge: Bei der großen Bedeutung, welche der Weinrebe als Kulturpflanze zukommt, ist naturgemäß auch ihren Schädlingen eine ganz spezielle Aufmerksamkeit geschenkt worden. Die Zahl der auf Vitis vinifera nachgewiesenen Parasiten ist daher auch eine besonders große. Wir greifen im folgenden, besonders nach SORAUERS Handbuch der Pflanzenkrankheiten, Editio 3., nur einige der allerwichtigsten heraus und beschränken uns auf solche, die auch auf die Beeren übergehen. Im übrigen verweisen wir auf die phytopathologische Literatur, speziell auch auf VIALA, Les maladies de la Vigne und SEMLER, Tropische Agrikultur.
Plasmopara viticola (BERK. et CURT.), BERL. et DE TONI., ruft auf der Weinrebe die unter dem Namen «falscher Mehltau» oder «Mildew» bekannte Krankheit hervor, die in einer Verfärbung und im Absterben der Blätter besteht, was auch ein Kleinbleiben der Beeren infolge von Nahrungsmangel nach sich ziehen kann. Der Pilz kann aber auch Blüten und jüngere Früchte befallen und bringt letztere zum Verschrumpfen und Abfallen. Bekämpft wird diese Krankheit besonders mit der Bordeauxbrühe (vgl. TSCHIRCH, Das Kupfer vom Standpunkt der Hygiene. Stuttgart 1893).
Uncinula necator (SCHWEIN.) BURR. (U. spiralis BERK. et CURT.), eine Erysiphacee, entwickelt ihr Mycelium auf den Blättern ganz epiphytisch, bloß Haustorien in die Oberhautzellen entsendend. Es sieht daher aus wie ein spinnwebeartiger Überzug, der dann infolge der Conidienbildung mehlig bestäubt erscheint. Diese Conidienform des Pilzes ist längst unter dem Namen Oidium Tuckeri bekannt und die Krankheit wird daher kurzweg Oidium oder echter Mehltau der Rebe genannt. Besonders verderblich wird sie dadurch, daß der Pilz auch auf die jungen Beeren übergeht, die klein bleiben, Risse bekommen und zugrunde gehen. Erfolgreich bekämpft wird diese Krankheit durch Aufstäuben von Schwefelblumen.
Guignardia Bidwellii (ELL.) VIALA et RAWAZ, besonders in der Pyknidenform (Phoma uvicola BERK. et CURT.) bekannt, ruft die sog. Schwarzfäule (Black-rot) der Trauben hervor, bei der die Beeren mißfarbige, später braune Flecken erhalten, dann verschrumpfen und vertrocknen.
Charrinia Diplodiella (SPEG.) VIALA et RAWAZ, mit ihrer Pyknidenform Coniothyrium Diplodiella (SPEG.) SACC., wie die vorige ein Pyrenomycet, ist der Erreger der Weißfäule (White-rot). Die Beeren nehmen dabei erst eine grauweiße Farbe an und trocknen schließlich ebenfalls ein.
Botrytis cinerea PERS., ein grauer Schimmel, wird als Conidienform des Discomyceten Sclerotinia Fuckeliana angesehen. Auf reifen Beeren auftretend ruft er die sog. Edelfäule, auf unreifen die Sauerfäule hervor. Fäulniserscheinungen der Beeren können übrigens auch durch Penicillium hervorgerufen werden.
Gloeosporium ampelophagum (PASS.) SACC. (Sphaceloma ampelinum DE BY.), eine «Imperfecte», ist der Erreger des Schwarzen Brenners oder der Anthraknose, die auf allen Teilen des Weinstockes auftritt und auch die Beeren befällt. Letztere erhalten braune Flecken, schrumpfen und vertrocknen.
Melanconium fuligineum (SCRIB. et VIALA) CAV., ebenfalls eine Imperfekte, ruft ein Verschrumpfen der Beeren hervor, das unter dem Namen «Bitterrot» bekannt ist.
Schädlinge. Häufig finden sich in älteren Rosinen und Korinthen Milben, besonders Carpoglyphus passularum (ISRAEL).
Anwendung. Passulae gehören zu den Früchten der Spec. pectoral. cum fructibus. Abführkorinthen (passulae laxativae) werden durch Einquellen von Korinthen in Wiener Trank und Trocknen bereitet. Früher wurden auch die Weinranken (Pampini vitis) und der Saft (Omphacium) vor der Reife gesammelter Weinbeeren (Agresta) benutzt. Die Pharmazie benutzt meist Valenciarosinen (HANBURY). Gemahlene Traubenkerne sind als Kaffeefälschung beobachtet worden.
Der eingedickte Traubensaft heißt bei IBN BAITHAR thilâ (so auch bei GALEN). Frischer Traubenmost wurde schon von den Alten als Versüßungsmittel benutzt und Traubenzucker stellten schon die Araber aus eingedicktem Traubensaft dar (IBN AL AWAM, IBN BATUTA). Sie wußten bereits, daß er sich von Rohrzucker unterscheide. Er findet sich auch bei PEGOLOTTI, OLIVIER DE SERRES (1600), GLAUBER und JUNCKER (Conspectus chemiae 1730). GLAUBER stellte 1660 aus Most, Rosinen, Kirschen und Birnen körnig-kristallinischen Traubenzucker dar (I, S. 883). Rein erhielt ihn MARGGRAF (I, S. 964). Zur Zeit der Kontinentalsperre bestanden in Frankreich Traubenzuckerfabriken, die aber eingingen, als KIRCHHOFF 1811 die Darstellung des Stärkezuckersirups (Sirop impondérable, Capillairsyrup) entdeckte (VON LIPPMANN).
Geschichte. Die Heimat der Kultur des Weinstockes ist wohl in der Nähe des Caspimeeres, am Oxus und Jaxartes und südlich vom Kaukasus zu suchen. Von dort haben sie vielleicht die Ursemiten nach Westen gebracht, zunächst wohl nach Palästina, Syrien, Phönikien, Babylonien und Ägypten. SCHRADER hält aber nicht die Semiten für die Erfinder der Weinkultur, sondern indogermanische Stämme des westlichen Kleinasiens. Er leitet οἶνος (Wein) von dem indogermanischen voino, vino (= Ranke) ab. Das Wort Wein ist auch indogermanisch und stammt, wie vitis, von dem urindogermanischen uei = sich winden, bezeichnete also zunächst die Rebe (HOOPS). Die Phönikier brachten die Weinkultur dann nach Massilia (Marseille), von dort kam sie nach Spanien. Die Römer brachten sie nach dem Norden. In Afrika baut Tunis und Algerien sowie das Capland Wein. Auch Australien ist jetzt Weinland geworden, ebenso China. In Amerika baut Chili, Argentinien, Peru, Bolivien, Brasilien, Uruguay, Mexiko, ferner Florida, Virginien und Kalifornien Wein. In prähistorischen Tuffsteinablagerungen von Montpellier finden sich Weinblätter (PLANCHON), in Pfahlbauresten Weinbeerensamen (Heer). Wild findet sich Vitis vinifera noch jetzt da und dort in Spanien, so daß anzunehmen ist, daß sie über ganz Europa verbreitet war. In Pfahlbauten der neolithischen und Bronze-Periode sind Traubenkerne oft gefunden worden (Verzeichnis bei BUSCHAN). Schon auf ägyptischen Denkmälern aus der Zeit der V. Dynastie (um 3500 n. Chr.) finden wir Darstellungen von Anbau und Pflege des Weinstockes und Bereitung des Weines. Er hieß dort arp. Die alten Ägypter kannten acht Weinsorten. Der Weinstock muß in prähistorischer Zeit nach Ägypten gebracht worden sein. Ebenso findet er sich auf vielen babylonischen Denkmälern (I, S. 481, 483). Auch in uralten griechischen Gräbern finden sich Darstellungen der Weinernte. Auf dem Schilde des ACHILL wird die Traubenlese geschildert. Kreta, das Eldorado der antiken Heilpflanzenkultur, war in früher Zeit auch ein wichtiges Weinland, da das damalige Klima Italiens der Weinkultur nicht eben hold war (BUSCHAN). Die Weinberge von Burgund und Bordeaux bestanden schon zu STRABOS Zeit, die an der Mosel und am rechten Rheinufer im II. bzw. III. Jahrh. (HOOPS).
Bereits die alten Ägypter trockneten die Weinbeeren und bereiteten Rosinen. Man fand solche — es war besonders Vitis vinifera var. monopyrena — unter den ägyptischen Grabbeigaben (BRAUN, SCHWEINFURTH). Rosinen (inekuun — Körner) sind ein Bestandteil des Kyphi (I, S. 473). Die Rosinen werden auch in der Bibel erwähnt (in Jesaias und Jeremias), sogar bereits kernlose Beeren (sorek). Im Edikt DIOCLETIANS (I, S. 570) stehen «ubae passae fabriles et maximae». Im Mittelalter waren Rosinen nördlich der Alpen ein Luxusartikel. In den mittelalterlichen Heilmittellisten, der Alphita (I, S. 655), bei PLATEARIUS, SERAPION und in den Synonoma BARTHOLOMEI stehen passulae, uva passa, haineb, uva çibib. Rosinen (pansa) finden sich auch im Zollbuch von Barcelona c. 1430 (I, S. 705), die Danziger Liste von 1410 (I, S. 811) führt sie als Einfuhrartikel von Lissabon auf. Passulae enucleatae stehen im Nördlinger Register (I, S. 813). Bei CORDUS (I, S. 801) finden sich passulae enucleatae und mucilago sowie p. laxativae (s. oben). Traubenbeeren finden sich auch im Pen ts’ao kang mu als Heilmittel.
Lit. DELITZSCH, Die Bibel und der Wein. 1885. — WÖNIG, Pfl. d. alt. Ägypt. — HEHN, Kulturpfl. — BUSCHAN, Vorgeschichtl. Botanik. — ROSENMÜLLER, Biblische Naturgeschichte. — HOOPS, Waldbäume u. Kulturpflanzen. 1905. — VOGL, Nahr.- u. Genußm. 1899. — JOS. MOELLER, Mikrosk. d. Nahrungs- u. Genußm. (dort weitere Literatur). — T. F. HANAUSEK, Nahrungs- u. Genußm. 1884. — VILLIERS ET COLLIN, Traité d. altérat. et falsif. 1900. — HOWARD, Microsc. exam. of fruits. U. S. Agric. Dep. Bull. 66. — LAMPE, Bau u. Entw. saftiger Früchte. Zeitschr. f. Naturw. 1886. — SCHULER, Stud. über d. Bau u. d. Zusammens. d. Traubenbeere. Weinlaube 1880. — KÖNIG, Nahrungsm. (dort die chem. Lit.). — FITZ, Ber. d. chem. Ges. 1871. — Man vergleiche auch die Literatur der Unters. d. Nahrungs- u. Genußm. — Über die Rosinenbereitung vgl. auch SEMLER, Trop. Agrikultur.
δ) Zu Roobs oder Pulpen verarbeitete Früchte.
Hierher gehören die Wacholderbeeren, die Fliederbeeren, die Pflaumen, Jujuben, Sebesten und die Blaubeeren, von denen seit der Zeit der Araber Roobs (Robs, Rubbs, I, S. 1062) bereitet wurden, aber nicht immer in arzneilicher Benutzung waren. Bei CORDUS (I, S. 796) stehen auch noch folgende Roobs: R. de Ribes, de Berberis, Nucum, Diamorum, Cerasorum, Diamarenatum; in der Prager Taxe 1659: Roob Myrobalanorum; bei CORDUS unter den Lenitiva et solutiva auch: Medulla sive Pulpa prunorum.
Fructus Juniperi.
Syn. Baccae Juniperi, Galbuli juniperi, Wacholderbeeren, Jachandel-, Johandel-, Kuddig-, Kattick-, Kranewitt-, Enebeer-, Reckholder-, Knirk-Beeren, — Baies de genièvre (franz.) — Juniper berries (engl.) — Bacca di ginepro (ital.) — Jenever bes (holl.) — Katajan marja (finn.) — boróka bogyó (ung.) — ἀρκευθίς (griech.).
In der Alphita und den Sinonoma (I, S. 650): geneure, gost, quikentre, grana juniperi, uva et semen. Bei der HILDEGARD: cedrus und Wacholder, bei ALBERTUS MAGNUS (I, S. 674): Juniperus, in den mittelenglischen Medizinbüchern (I, S. 683): tribulus. Weitere siehe unten unter Etym. und bei KANNGIESSER.
Etym. Wacholder (KLUGE schreibt Wachholder, beide Schreibweisen sind zulässig) von wach = lebendig (hier = immergrün) und ahd. trâ (engl. tree) ter, tar = Baum; das ol ist eine Ableitungsendung. ahd. Wecholter oder Wachholtern (zugrunde liegt das Wort wëhhalturia oder wëhhaltar), mhd. auch Queckholter (Norddeutschland), von queck = lebendig (hier = immergrün), angels. quicbeam; Wachholder auch vielfach entstellt in weckholter (BRUNSCHWIG, BOCK), wecheltürre, weckelder, wachhilter. Bei HILDEGARD auch: wachelterboum, bei MEGGENBERG: wechalter, im Ortus sanitatis und bei CORDUS: weckholder. Im mnd. wachandel. Im Gothaischen Arzneibuch (I, S. 681): wachandelenbere. Daraus im Niederdeutschen: machandel (Ostfriesland) — Jachandel (oberschles.) aus jach = munter (hier = immergrün) — Rechholder (CORDUS), Reckholder (in der Schweiz) aus reck = regsam (= queck und jach, s. oben) — kattick, kaddie, katachu vom altslav. kaditi = räuchern — kranwit (bei MEGGENBERG) kranawit, kranetwit kraewet, kranawet (Österreich), sogar kranat aus ahd. chrana (= Beere, unwahrscheinlicher aus kran = Kranich oder grôni = grün) und witu (= Holz) — knirk aus knick (= Hecke, niedriges Gesträuch, KANNGIESSER). Im Würzburger Rezept (I, S. 624) steht: aitiolidus = chraneuuito. Der Wacholder besitzt zahllose Volksnamen.
Lit. PRITZEL und JESSEN, Volksnamen. — KANNGIESSER, Etymologie. — PERGER, Studien über die deutschen Namen der in Deutschland heimischen Pflanzen. Denkschr. d. Wiener Akademie. 1860.
Stammpflanze. Juniperus communis L. (LINNÉ, Spec. plant. ed. I, 1040).
Etym. Die Ableitung von Juniperus ist zweifelhaft. ISIDOR. HISPAL. (I, S. 592) glaubt, daß in Juniperus der Begriff πῦρ = Feuer enthalten sei (nach der Form des Strauches oder weil das Holz das Feuer lange unterhält). Andere leiten es von iunix (= Kuh) und parere (= gebären) ab oder bringen es gar mit juvenis und parere (um die Benutzung von Juniperusarten als Abortiva anzudeuten) in Verbindung, noch andere mit dem keltischen Worte jeneprus = rauh. KANNGIESSER bezeichnet die Ableitung BOERHAAVES von junior und pario («da die jüngeren grünen Früchte gezeitigt werden, während die alten schwarzen noch am Strauche hängen») als die wahrscheinlichste. Aus Juniperus entstand dann genévrier (franz.), enebro (span.), genepro (ital.), zimbro (port.), ferner jenever.
Systemat. Stellung. Coniferae, Pinoideae, Cupressineae, Cupressinae (Sectio Oxycedrus). Über die sonst benutzten Arten der Gattung Juniperus vgl. TSCHIRCH, Art. Juniperus in Realenzykl. d. Ges. Pharm. VII, 178.
Die Arten der Gattung Juniperus bilden Bäume oder Sträucher mit in alternierenden, zwei- oder dreigliedrigen Wirteln angeordneten Nadeln oder Schuppen und diöcischen oder monöcischen Blüten (Fig. 16). Die männlichen Blüten werden von an der Basis von Staubblättern inserierten Pollensäcken gebildet, die weiblichen bilden einen kleinen armgliedrigen Zapfen. Die Zapfenschuppen des weiblichen Blütenstandes entstehen durch vollständige Verwachsung der Deck- und Fruchtblätter und erzeugen so einen beerenartigen Zapfen (Beerenzapfen, Galbulus, Scheinbeere), der die 1–3 (selten 4–8) Samen einschließt. Pollen ohne Exineblasen. Ovula frei, nicht in einen Fruchtknoten eingeschlossen (gymnosperm, nacktsamig), aufrecht, Integument krugförmig, an der Spitze offen. Zwei Cotyledonen. Bei der Sectio Oxycedrus sind die Nadelquirle dreizählig. Der Harzbehälter der Nadel (der nicht fehlt wie die Systematiker vielfach behaupten) wölbt sich nach außen nicht vor (wie bei Sabina). Fruchtschuppen mit nur einer seitlichen Blüte. Zapfenschuppen in 1–3gliedrigen Wirteln, von denen nur der obere fruchtbar ist.
Vorkommen und Verbreitung. Juniperus communis L. ist ein durch ganz Europa bis zum äußersten Norden (Nordkap, Länder um die Hudsonsbai), sowie durch Mittel- und Nord-Asien auf offenen Heiden und in Wäldern als Unterholz verbreiteter, an den Seeküsten Bestand bildender, bis in die subalpine Region der Gebirge (im West-Himalaya bis über 4000 m) vordringender, in den Tropen und Subtropen fehlender, aber z. B. in Nord-Italien häufiger, selten geselliger (Lüneburger Heide, Ostpreußen, Ungarn) und dann einen bestimmten Vegetationscharakter (s. unten) bedingender Strauch von niedrigem Wuchs, der aber auch höher (bis 3 m) wird und dann pyramidale Umrisse zeigt, oder gar baumartig (bis 12 m), und dann cypressenähnlich wird (z. B. jenseits der Alpen, in Norwegen). In Ungarn bilden Wacholdersträuche oft undurchdringliche Dickichte. Im Gebirge wird er, besonders auf Torfgrund, bisweilen humifus und die Nadeln breiter und wenig stechend (Sierra Nevada bei 2600 m, auf der Balkanhalbinsel, in Südsibirien). Solche niederliegende, in den Hochalpen, in Schottland, Skandinavien, Nowaja Semlja und Grönland vorkommende Formen werden wohl als Juniperus nana WILLD. (J. alpina GAUD., J. prostrata HORT.) oder Juniperus sibirica BURGSDORF unterschieden, aber auch als gute Arten betrachtet. Aus der Ferne erscheinen diese meist isolierten niedrigen Büsche, die übrigens oft reiche Fruchtbildung zeigen, fast wie eine Herde Schafe (ähnlich den vegetable sheeps Neuseelands). Besonders der Kalk scheint den Wuchs zu hemmen (vgl. KÖRNICKE und ROTH in KARSTEN und SCHENCK, Vegetationsbilder, 5. Reihe, Heft 1 und 2).

Fig. 16.
Juniperus communis
L.
a, b, c, ♂ männliche, e, f, ♀ weibliche Infloreszenz, d Pollen, g Querschnitt durch f, i, k Samen.
[Nach B
ERG
-S
CHMIDT
.]
Wacholder, jetzt neben der Kiefer das weitverbreitetste Nadelholz Europas, muß schon in altgermanischer Zeit in ganz Deutschland gewachsen sein (HOOPS).
Beschreibung der Stammpflanze. Die anfangs glatte Rinde wird schon beim zweijährigen Sproß braun und von ihr lösen sich dann oft Schuppen und Bänder ab. Die jüngeren Internodien sind mehr oder weniger deutlich dreikantig. Die linear-pfriemlichen, abstehenden, linealen, starren, mit einer scharfen Stachelspitze versehenen, oberseits flachrinnigen Nadeln stehen in alternierenden, dreigliedrigen, genäherten Quirlen. Die Blüten stehen in den Achseln vorjähriger Blätter an kurzen Seitensprossen. Die männlichen sind fast sitzend, klein (3–4 mm), eikugelig bis oblong eiförmig. Bei den weiblichen ragen die drei aufrechten Ovula aus der ziegeldachartigen Hülle frei hervor, behüllt mit drei mit ihnen scheinbar alternierenden Fruchtblättern (Fig. 16).

Fig. 17.
Juniperus communis.
Entwicklung des Galbulus.
1. Längsschnitt durch ein Zweiglein und die an seiner Spitze sitzenden Ovula vor der Befruchtung. 2. Dasselbe nach der Befruchtung. Die Fruchtblätter (hbl I) haben sich verdickt und beginnen um die Samenanlagen herum zu wachsen. 3. Die Fruchtblätter sind schon fast um die Samenanlagen herumgewachsen, doch hat sich die terminale Öffnung noch nicht geschlossen. 4. Die Öffnung ist geschlossen. Die kongenitale Verwachsung des Integumentes mit dem Fruchtblatte ist deutlich (links). 5. Reifer frischer Beerenzapfen längs durchschnitten. 6. Derselbe, quer durchschnitten.
[Nach
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Die Entwicklungsgeschichte des Galbulus ist folgende (ausführlichere Angaben bei A. MEYER und in TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas). Fruchtbildende Zweiglein findet man bald in der Achsel aller drei Nadeln, bald nur in der zweier oder einer Nadel des Wirtels. Sie sind mit bis neun dreizähligen Wirteln kleiner Schuppenblätter besetzt. An der Spitze des Zweigleins sitzen die drei Ovula, von denen jedes nur ein Integument besitzt. Der Embryosack (Makrospore) entwickelt sich erst nach erfolgter Befruchtung (Mai, Juni). Im ersten Jahre entstehen nur die Embryoanlagen. Erst im Frühjahr des folgenden Jahres wird der Embryo ausgebildet. Der Beerenzapfen entsteht dadurch, daß die drei Blätter des obersten Hochblattwirtels, die man als Fruchtblätter bezeichnen kann, die zu Samen heranwachsenden Ovula umwachsen und schließlich der dadurch entstehende Becher oben fast ganz zusammenschließt — nur einen dreistrahligen Spalt zurücklassend. So entsteht ein Gebilde, das ganz den Charakter einer Beere besitzt. Der einzige Unterschied ist der, daß, während bei der echten Beere die Ovula von vornherein in einem von den Fruchtblättern gebildeten Fruchtknoten eingeschlossen sind, hier die «Fruchtknotenwand» erst nachträglich gebildet wird. Die Bezeichnung Baccae juniperi kann also, wenn man den Begriff Beere im erweiterten Sinne braucht, aufrecht erhalten werden. Ein Fruchtstand ist der Galbulus keinesfalls, höchstens ein «Samenstand». Am besten ist wohl die Bezeichnung «Beerenzapfen». Die Spitzen der auch seitlich ganz miteinander verschmelzenden Fruchtblätter sind selbst an der reifen Frucht noch als kleine Höcker sichtbar. Die Blätter des zweiten Hochblattwirtels, die man als Deck- oder Vorblätter betrachten kann, verwachsen bisweilen mit der Basis der Fruchtblätter. Die Samenanlagen verwachsen nicht vollständig mit den Fruchtblättern. Die Spitze der Samen bleibt frei und ragt in die terminale Höhle des dreistrahligen Spaltes hinein. An der Basis ist jedoch die Verwachsung so vollständig, daß das Gewebe der Samenschale ganz allmählich in das der Fruchtblätter übergeht (Fig. 17).
Lit. EICHLER in ENGLER-PRANTL, Pflanzenfamilien. — BRANDIS, Forest Flora of northwestern and Central India 1874. — KERNER, Pflanzenleben der Donauländer. 1863. — SCHÜBELER, Pflanzenwelt Norwegens 1875 und Viridarium norvegicum. 1888. — TSCHIRCH, In Real-Enzykl. d. Pharm. VII. — PFITZER, Entwickl. d. Embryos der Coniferen Bot. Zeit. 1871. — STRASBURGER, Die Coniferen u. Gnetaceen. 1872. — A. MEYER, Wissenschaftl. Drogenk. — TSCHIRCH u. OESTERLE, Anatom. Atlas. (Dort und bei MEYER die Entwicklungsgeschichte.) — FLÜCKIGER, Pharmakognosie. — Abbild.: BERG-SCHMIDT Atlas, II. Aufl., Taf. 155 (dort die florist. Liter.). — PABST-KÖHLERS Medizinalpfl., Taf. 53 — und in fast allen anderen Abbildungswerken von Medizinalpflanzen. Die ältesten Abbild. bei den Patres.
Pathologie. Parasitische Pilze scheinen als direkte Zerstörer der Beerenzapfen von Juniperus communis keine große Bedeutung zu besitzen, während auf Blättern und Zweigen sehr zahlreiche Parasiten bekannt sind. Wir erwähnen nur die Gymnosporangiumarten, deren Teleutosporenmycel in den Zweigen perenniert, die Herpotrichia nigra, die mit ihrem Mycel die beblätterten Zweige umspinnt, Exosporium juniperinum, das nach JACZEWSKI (Zeitschr. für Pflanzenkrankheiten XI, 1901) die Nadeln und oft auch den ganzen Strauch zum Absterben bringt, u. andere (ED. FISCHER).
Über die tierischen Schädlinge berichtet ISRAEL:
Falter: Sesia cephiformis OCHS, die Raupe dieses seltenen Glasflüglers lebt in Stengelanschwellungen von Juniperus communis. Bupalus piniarius L., die Raupe dieses häufigen und in Nadelholzrevieren oft schädlich auftretenden Spanners lebt auch an Juniperus communis. Cidaria juniperata L., Raupe an jungen Trieben. Ypsolophus juniperellus L., die kleine Raupe verspinnt die Nadeln zu kleinen Säckchen und höhlt Nadeln und junge Triebe aus.
Außer diesen leben an Juniperus noch eine große Anzahl von Mikrolepidopteren, die aber weniger in Frage kommen.
Einsammlung. Es werden nur die vollreifen Beeren des zweiten Jahres gesammelt und ohne Anwendung von künstlicher Wärme getrocknet.
Wacholderbeeren ziehen leicht Feuchtigkeit an, sie werden daher am besten über Kalk aufbewahrt. Bisweilen kristallisiert Fruchtzucker auf der Oberfläche aus. Das Pulver wird aus über Kalk getrockneten Beeren hergestellt.
Man kann die dem Insektenfraß ausgesetzten Früchte dadurch schützen, daß man sie mit Äther besprengt und in mit Äther ausgespülten, gut schließenden Gefäßen aufbewahrt (IDELSON).
Handelssorten. Wachholderbeeren kommen besonders aus Nord-Italien (Parma), Ungarn, besonders den Karpathen, Frankreich, besonders Südfrankreich und den Departements Jura, Doubs, Savoien, und Deutschland (Ostpreußen, Lüneburger Heide), weniger aus Rußland und Mähren. Der Handel spricht von italienischen, ungarischen und deutschen Wacholderbeeren. Italienische sind in Säcken à 50 oder 60 kg im Handel.
Morphologie der Droge. Die Baccae juniperi sind fast kugelig, kaum schwach dreikantig und besitzen einen Durchmesser von 5–9 (meist etwa 6–8) mm — die indischen und die von Neufundland sind größer —. Außen sind sie tief braunschwarz und meist noch mit einem bläulichen Reif (Wachsüberzug) bedeckt. Nach Abwischen dieses sich leicht abscheuernden Reifes erscheinen sie glänzend. An der Basis sitzt oft noch als kleines Spitzchen der Sproßrest mit den kleinen Hochblattwirtelchen. Etwas seitlich von der Spitze erblickt man die breiten Spitzen der drei Fruchtblätter (s. oben), zwischen diesen mit der Lupe den dreistrahligen Spalt. Bei den Früchten von Juniperus nana, seltener bei Jun. comm., kommt es vor, daß der Galbulus durch Verwachsung von zwei dreizähligen Blattvierteln entsteht, also an der Spitze sechs Nähte sich zeigen. Diese Form hat GÖPPERT als Juniperus commun. var. duplicata beschrieben. Bei Juniperus Oxycedrus ist diese Erscheinung häufig (FLÜCKIGER). Das Innere ist markig-mürbe, grünbräunlich, durch zahlreiche Ölbehälter oft glänzend punktiert. Die drei sehr hartschaligen Samen lassen sich leicht herauspräparieren. Sie sind oval-oblong, stumpf-dreikantig, meist mit einem starken, bisweilen fast flügelartigen Kiele versehen, an der Mikropylarseite zugespitzt, die Spitze nach oben gerichtet. Sie sind bis zu halber Höhe mit der Fruchtschale (Zapfenschuppe) verwachsen, oben frei. Succedane Querschnitte lehren, daß die Samen an der Basis der Frucht vollkommen ringsum, in der Mitte nur außen und oben gar nicht untereinander und mit dem Fruchtblatte verwachsen sind und die Fruchtblätter unten vollkommen, in der Mitte nur an den Rändern, ganz oben gar nicht miteinander verwachsen sind. Sie tragen, in die Testa eingesenkt, an der Basis der Bauchseite 1–2, an der Rückenseite 2–8, meist ungleich große, blasige, rundlich-elliptische, beim Herauslösen meist an dem Samen haften bleibende Ölbehälter. Der gerade Embryo ist in Endosperm eingebettet.

Fig. 18.
Juniperus communis.
Querschnitt durch den reifen Samen und das angrenzende Gewebe des Fruchtblattes. Die Nährschicht (4 und 5) ist bis auf die innere Epidermis (5) obliteriert, ebenso der Nucellarrest (6, 7). Die Nährschicht dringt an den Ecken (x) in die Sclereidenschicht der Samenschale (3) ein. End Endosperm, rad Radicula, scb Sekretbehälter.
[Nach
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]
Anatomie der Droge. Die Epidermis der Fruchtschale ist außen stark verdickt, an den Seitenwänden getüpfelt. Sie enthalten außer dem großen Zellkern eine braune, körnige, durch Jod gelbbraun, durch Eisenchlorid grünschwarz, durch Kali goldgelb sich färbende Masse, die die tief braunschwarze Farbe der Außenseite bedingt. Die Auffassung (von NESTLER), daß die in und auf der Frucht sich sehr häufig aber nicht immer findenden Fadenpilze [Aspergillus (?), LENDNER fand mindestens drei verschiedene] die Umfärbung der grünen Beeren in Braunschwarz bedingen, ist nicht richtig. Die die Reifung begleitende, sehr rasch eintretende, schon THEOPHRAST bekannte Farbenänderung wird vielmehr bedingt durch den Sauerstoff der Luft und die Wirkung von Peroxyden und Peroxydasen auf den Gerbstoff und die harzartigen Substanzen der Epidermis (LENDNER). Der Außenwand der Epidermiszellen ist ein feinkörniger Wachsüberzug aufgelagert, den man besonders auf den frischen Früchten regelmäßig findet. Spaltöffnungen finden sich meist nur an der Spitze der Frucht. Gegen den Spalt hin werden die Epidermiszellen der Innenseite der Fruchtwand papillös und am Spalt schieben sich die Pupillen zahnartig ineinander. Auf die Epidermis folgt ein schwach kollenchymatisches Hypoderm von einigen Zellschichten. Dann wird das Gewebe rasch sehr lückig und reich durchlüftet. Die großen rundlichen Zellen enthalten einen großen Zellkern und oft noch Chlorophyllkörner (bei der unreifen Frucht auch Stärke). Bei Glycerinpräparaten kristallisiert in diesen Zellen oft Zucker in schönen Tafeln aus. In dieses mürbe Gewebe sind reichlich große, schizogene Ölbehälter eingebettet, die von elliptischer Form in der äußeren Fruchtwand 100–150 mik. weit, im inneren Teile der Fruchtwand eine Weite von 1–2 mm erreichen, also mit bloßem Auge sichtbar sind. Sie gehören alle zur Fruchtwand, sind aber zum Teil der Samenschale so fest eingefügt, daß sie beim Herauslösen der Samen an diesen haften bleiben (Fig. 16). Sie enthalten in der Droge meist einen hellen, zähen Balsam, bei unreifen Früchten ein farbloses Öl, bei alten Früchten eine bisweilen kristallinische Harzmasse. Das Öl verharzt rasch. Bei jüngeren Früchten ist das Sezernierungsepithel und die resinogene Schicht gut sichtbar. Außerdem findet man in dem Gewebe einzeln oder zu Gruppen vereinigt zahlreiche leere, bisweilen verbogene oder verkrümmte Idioblasten (Tonnenzellen MOELLERS) mit verholzter, bisweilen etwas verdickter Wand, behöften Tüpfeln oder (seltener) netzleistenartigen Verdickungen. Man kann dieselben als versprengte, metamorphosierte Tracheiden eines nicht normal ausgebildeten Tracheidensaumes oder Transfusionsgewebes betrachten. Sie sind auch im Pulver durch Anwendung von Phloroglucin-Salzsäure leicht sichtbar zu machen und finden sich auch an den Gefäßbündeln. Die zarten Gefäßbündel sind zahlreich. Drei größere, den Mittelrippen der Fruchtblätter entsprechende sind der Außenwand genähert. Innerhalb derselben finden sich je sechs in einem nach außen offenen Bogen angeordnete kleinere. Sie zeigen strahlige Anordnung ihrer Elemente und führen neben einer Gruppe derber Bastfasern mit meist linksschiefen Tüpfeln zarte Spiralfasertracheïden von meist nur 7–8 mik. Weite.
Die Samenschale zeigt folgenden Bau (Fig. 18). An den inneren Seiten, wo die Samen freiliegen, ist die aus der Epidermis des Integumentes hervorgehende Samenschalepidermis zu sehen. Sie besitzt gegen den Hohlraum hin verdickte Außenwände. Diese Epidermis löst sich frühzeitig von der darunter liegenden Schicht ab und ist beim reifen Samen als zarte Haut oft auf weite Strecken abgetrennt. Unter der Epidermis folgt eine Reihe parenchymatischer Zellen. Dort, wo der Same mit dem Fruchtblatte verwachsen ist, geht sein Gewebe ganz allmählich in das des Fruchtblattes über. Die dritte Schicht der Samenschale ist die Sklereïdenschicht. Sie besteht aus verschieden stark, besonders in den inneren Partien der Schale sehr erheblich verdickten und dort radial gestreckten Sklereïden von verschiedener Gestalt, deren Wand verholzt und geschichtet ist und die reichliche Tüpfel besitzen. Im Lumen führen sie oft einen oder mehrere Oxalatkristalle. An die Sklereïdenschicht schließt sich die Nährschicht an, die beim reifen Samen meist sehr stark obliteriert ist. Dort, wo der Same scharf dreikantig ist, dringt die Nährschicht in Form flügelartiger Zapfen in die Kanten ein. Die innere Epidermis der Nährschicht (innere Epidermis des Integumentes) obliteriert nicht. Das Perisperm ist bis auf eine zarte bräunliche, das Endosperm bedeckende Haut resorbiert, die aus fast ganz obliterierten Zellen besteht. Die Außenwand der Epidermis besteht aus drei Schichten, einer Stäbchenschicht, einer zapfenartig in die Zwischenwände vordringenden derben, gelblichen Zwischenschicht und einer hellen, inneren quellbaren Zelluloseschicht. Die ersten beiden sind cuticularisiert. Das zartwandige Endosperm enthält Öl und Aleuronkörner mit Kristalloid und Globoiden. Der innere Rand des Endosperms besteht aus Quellgewebe. Die gegen die Spitze des Samens gerichtete gerade Radicula und die beiden plankonvexen Cotyledonen enthalten ebenfalls Öl und Aleuron.
Lit. A. MEYER, Wissensch. Drogenkunde (mit Abb.). — TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas. — MOELLER, Pharmakognosie, 2. Aufl. u. Nahrungs- u. Genußmittel. — NESTLER, Über d. Vorkommen von Pilzen in Wachholderbeeren. Ber. d. d. Bot. Ges. 1899. — LENDNER, Bull. scienc. pharmacol. 1903. — Vgl. auch H. MONGIN, Et. anat. de la feuille des Junipérinées Thèse. Paris 1902.
Pulver. Im Pulver walten die Parenchymreste und Sklereïdengruppen vor, sowie Reste der äußeren Epidermis. Auch einzelne Sklereïden sind zu finden, ferner die Zellen des Transfusionsgewebes (s. oben) und abgebrochene Papillen der Innenepidermis der Fruchtschale. Im Ölpräparat findet man die Aleuronkörner.
Lit. KOCH, Mikrosk. Analys. d. Drogenpulv. IV. Taf. XIII.
Chemie. Frische Wachholderbeeren enthalten 7,07% Invertzucker (in der Trockensubstanz 32,88%), keine Saccharose, 6,67% sonstige stickstofffreie Stoffe, 2,79% freie Säure, 0,9% Stickstoffsubstanz und 78,5% Wasser (KÖNIG).
DONATH (und FRANZ) fanden in mährischen Wacholderbeeren: Zucker 29,65% (12,62), wachsähnliches Fett 0,64% (0,094), Harz im Alkoholauszug 1,29% (1,33), ätherisches Öl 0,91% (0,89), Rohfaser 15,83% (29,43), Bitterstoff (Juniperin) 1,37% (0,24), Pektin 0,73 (1,64), Ameisensäure 1,86% (1,5), Essigsäure 0,94% (0,57), Apfelsäure 0,21% (0,43). Alte Früchte enthalten auch Buttersäure. BEHREND fand in italienischen Wacholderbeeren: 25,8% Zucker. In ganz reifen fand FRANZ 26,49%, in halbreifen aber nur 8,46% Zucker. Der amorphe Bitterstoff, das Juniperin von STEER, das sich aus einer Auflösung des Roob und aus dem Dekokte absetzt, ist schwarz, in viel Wasser und in Äther löslich. Es soll (nach VOGT) ein Glukotannid (?) sein oder enthalten. Wahrscheinlich ist auch noch Chlorophyllan darin (TSCHIRCH) und noch anderes. NICCOLET fand ein krist. Harz, welches HENRY D. J. analysierte (C = 75, H = 5%).
Im Durchschnitt liefern italienische Beeren 1–1,5, bayrische 1–1,2, ungarische 0,8–1% ätherisches Öl; ostpreußische, polnische, thüringische und fränkische Beeren geben 0,6–0,9%, schwedische 0,5% (GILDEMEISTER und HOFFMANN). Je wärmer das Klima, umso höher also der Ölgehalt (MAYER). Die ölärmsten sind die von Trondjem und Tjelwestat Orebro (Schweden).
Das meist linksdrehende Öl enthält in dem zwischen 155–162° siedenden Anteile Pinen C10H16 (TILDEN, WALLACH), in der Fraktion 260–275° Cadinen (SCHIMMEL). In dem Anteile 162–260° sind die charakteristisch riechenden Bestandteile enthalten. Ester (KREMEL) sind es hier nicht (SCHIMMEL). Die Verseifungszahl liegt meist bei 3,3–3,7 und steigt selten auf 7,4 und 16,4 (KREMEL). Im Nachlauf fand SCHIMMEL (1895) einen in Nadeln kristallisierenden Körper vom Schmelzpunkt 165–166°. Es ist dies wahrscheinlich der schon früher von BUCHNER, BLANCHET, WANDESLEBEN, ZAUBZER beobachtete Wacholdercampher (Wacholderstearopten), dem WANDESLEBEN die Formel C6H14O6 gibt.
Der Pentosangehalt beträgt 5,96–6,07%. Auch Inosit ist nachgewiesen. Das Wachs, das den Reif der Früchte bildet, besteht aus Cerotinsäure- und Palmitinsäure-Myricylalkohol neben geringen Mengen eines einwertigen Alkohols mit niedrigem Molekulargewicht und Glycerinestern (VOGT).
Der wässerige Extrakt soll nicht weniger als 20% betragen (Ph. austr.). Die Handelsware liefert bisweilen 30–32%.
Der Wacholderbranntwein (Steinhäger, Gin, Genièvre) enthält 42,5–55 Vol.% Alkohol (MANSFELD und FRANZ bei KÖNIG). Über die Herstellung des Wacholderbranntweins vgl. BEHREND, Zeitschr. Spir. Industr. 1890.
Der Aschegehalt der Früchte beträgt meist 3–4,5% und soll 5% nicht überschreiten (Ph. helv. IV). Die Asche ist grünlich.
Wenn die zerquetschten Beeren, behufs Gewinnung des ätherischen Öles, mit Dampf destilliert werden, so bleibt in der Blase eine süße Masse. Sie wird mit heißem Wasser ausgelaugt und im Vakuum eingedickt. Dies ist der Succus oder Roob juniperi (Wacholdermuß, Wacholdersalse, Kaddigmus, Johandelbeersaft, Rob de genièvre). Er riecht kaum nach Wacholderbeeröl, enthält aber bisweilen so viel Zucker, daß dieser reichlich auskristallisiert. Die Pharmakopoeen (z. B. die Helvet. IV) verstehen jedoch unter «Succus juniperi inspissatus» ein aus nicht destillierten Beeren unter nachherigem Zuckerzusatz hergestelltes Extrakt. Will man ein pektinreiches Extrakt, so muß die Extraktion unter gleichzeitigem Zuckerzusatz erfolgen (TSCHIRCH).
Unreife Wacholderbeeren sind nicht süß und enthalten Stärke, die später verschwindet (ASCHOFF), sowie reichlich Peroxydasen (LENDNER). Auch das ätherische Öl unreifer Früchte ist anders zusammengesetzt wie das reifer (BLANCHET und SELL). Die Pharm. brit. läßt das Ol. junip. aus unreifen Beeren destillieren.
Lit. STEER, Analys. d. Früchte v. Jun. com. Sitzungsber. Wien. Akad. XXI und BUCHN. REPERT. VI (1857). — KÖNIG, Nahrungs- u. Genußm. IV. Aufl. — DONATH, Jahresber. d. Ph. 1873. Polytechn. Journ. 1877, Vierteljahrsschr. f. Nahr. u. Genußm. 1892. — FRANZ, Ebenda. — RITTHAUSEN, Landw. Versuchsstat. 1877. — BEHREND, Chem. Zeit. 1890. — VOGT, Dissert. Erlangen 1889. — NICCOLET, Journ. d. pharm. 17 (1831). — Asche bei HAUKE, Zeitschr. d. österr. Apoth. Ver. 1902.
GILDEMEISTER und HOFFMANN, Äther. Öle. — WANDESLEBEN, Jahresb. d. Chem. 1861. — ZAUBZER, Rep. Pharm. 22. — TILDEN, Jahresb. d. Ph. 1877. — WALLACH, Lieb. Ann. 227 (1885). — KREMEL, Pharm. Post 1888. — SCHIMMEL, Berichte 1887, 1890, 1895. — MAYER, Prager Rundschau 1884. — Ältere Lit. in SCHWARTZES Tabellen und GMELINS Handb. d. Organ. Chem. V (1858). Die Ausbeute an Öl ermittelten bereits CARTHEUSER (I, S. 962) und SPIELMANN (I, S. 965). Das Öl untersuchten auch BUCHNER (Repert. 1825), BLANCHET (Lieb. Ann. 1833), DUMAS (ebenda 1835), SOUBEIRAN ET CAPITAINE (ebenda 1840).
Geschmack. Die Wacholderbeere schmeckt eigenartig gewürzhaft, süß mit etwas bitterlichem Beigeschmack.
Verwechslungen. Juniperus Oxycedrus L. (im Mittelmeergebiete bis Kaukasien) hat größere (bis 12 mm), glänzend braunrote Beeren. J. macrocarpa SIBTH. (auch im Mittelmeergebiete) hat noch größere Früchte (12–15 mm). J. phoenicea L., zur Sectio Sabina gehörig (in Südeuropa und dem Orient), hat rote glänzende Beeren von 8–14 mm Durchmesser (das Herb. Sabinae der französischen Apotheken stammt oft von dieser Pflanze. COLLIN). J. Sabina L. hat schwarze, blau bereifte Beeren von 6–8 mm Durchmesser. J. virginiana L. hat dunkelpurpurne Beeren.
Die Früchte von Juniperus macrocarpa SIBTHORP, die die Größe einer Kirsche erreichen, sind sehr süß. Noch besser schmecken die Früchte von Junip. californica, die von den südkalifornischen Indianern in großen Mengen gegessen werden (Am. journ. ph. 1878). Nur die Beeren von Juniperus Sabina sind als Beimischung in Wacholderbeeren wirklich beobachtet worden (TSCHIRCH). Die roten Beeren der Phoenicea sind leicht kenntlich.
Anwendung. Seit alter Zeit gilt Wacholder beim Volke als ein souveränes Universalmittel gegen Wassersucht (wie der Holunder). Wie hoch er geschätzt wurde, zeigt der folgende alte Vers:
Vor Hollerstaud’n und Kranawitt’n Ruck’ i mein Huat und noag (= neige) mi bis halbe Mitt’n.
Auch beim Übertragen der Krankheiten der Pflanzen spielte ehedem der «Herr Wacholder» oder «Frau Kranewitt» eine Rolle (I, S. 1008).
Um Hexen abzuwehren, werden kleine Kinder noch jetzt über Feuer gehalten, in denen man Wacholderbeeren verbrennt. Wacholderräucherungen galten auch als ein wirksames Mittel gegen die Pest:
In den gassen und ringen Ettlich hundert Fewer prinnen Von kranwitholz weyrauch darzu, Damit der lufft sich raynigen thu. (SCHMELTZL 1548.)
Jetzt ist die medizinische Anwendung der Beeren gering. Sie werden benutzt zu Teemischungen und Räucherungen, zu Bädern und Kräuterkissen, zum Genever (s. oben), in der Tierheilkunde zu Kropfpulvern und als Diureticum (GMEINER).
Extrahiertes Wacholderbeerenpulver, wohl aus der Öldestillation stammend, ist als Verfälschungsmittel des Pfeffer beobachtet worden (SPAETH). Es wurde in Posten zu 300 Ztr. im Handel angeboten (WAAGE).
Der serbische Schnaps Wodnijika wird durch Vergärenlassen von Wacholderbeeren mit Senf und Meerrettich gewonnen (I, S. 1018).
Lit. GMEINER, Pharm. Zeit. 1906. — SPAETH, Forschungsber. I 1893. — WAAGE, Verunrein. von Drogen. Ber. d. pharm. Ges. 1893.
Geschichte. Der Wacholder wurde im Altertum zu Räucherungen benutzt (wie auch heute noch), aber es handelte sich dabei wohl mehr um Juniperus Oxycedrus und phoenicea, die auch im südlichen Mittelmeergebiet vorkommen. Diese sind wohl auch in der Bibel (Hiob 35, 4; Könige 19, 4) gemeint. Samen und Beeren von Juniperus phoenicea (hierogl. prt šn, pershou — der Baum hieß in Ägypten ouôn, aoun, annou, arou, arlou —) sind mehrfach in Ägypten gefunden worden (SCHWEINFURTH, vgl. auch I, S. 462). In zahlreichen Rezepten des Papyrus EBERS werden Beeren von Juniperus phoenic. aufgeführt. Juniperus hieß in Ägypten «syrisches Holz», da es aus Syrien eingeführt wurde. Die Vorschrift zu dem berühmten Räuchermittel Kyphi (I, S. 473) enthielt die Früchte dieser Pflanze, die bei THEOPHRAST (I, S. 547) θυία ἄγριον ἀείφυλλον heißt. DIOSKURIDES erwähnt zwei Arten Juniperus: ἄρκευθος μεγάλη (= Junip. phoenicea oder macrocarpa?) und ἄ. μικρά (= Junip. communis [nach DAUBENY I, S. 559] ἄρκευθις nach KANNGIESSER soviel wie «verfluchter Strauch» — wegen der stachligen Blätter). Als Synonyme sind bei DIOSKURIDES in [] (vgl. I, S. 471) Mnesitheon, Akatalis, Zuorinsipet (so bei den Afrikanern = Karthagern), Libium (bei den Ägyptern), Juniperus (bei den Römern, z. B. bei PLINIUS), Joupikelluson (bei den Galliern) genannt. Auch HIPPOCRATES (I, S. 541) verwendete ἄρκευθος (wohl Junip. comm.) neben κέδρος (Junip. oxycedrus). Bei den späteren Griechen finden sich für Jun. commun. die Bezeichnungen κατζαραία, κατζούρον, κατζαρία; für J. phoenic.: κέντρος, κένδρος. Bei IBN BAITHAR heißt der Wacholder ar’ar. Bei SCRIBONIUS findet sich Juniperus (I, S. 577), ebenso bei MARCELLUS (I, S. 590) (hier Juniperum hispanum). Wacholderbeeren stehen auch in MEDDYGON MYDDFAI (I, S. 683), in der Alphita (s. oben), in Circa instans (I, S. 635), im Medicus hortus pauperum des MIZALDUS (I, S. 859), und bei CORDUS (I, S. 799). ACTUARIUS (I, S. 857) unterscheidet Baccae minoris Juniperi (J. comm.) und B. majoris Juniperi (J. phoenic.?).
Den Rob führten die Araber des Mittelalters in die Medizin ein. Das destillierte Wacholderbeerenöl wird erwähnt in SALADINS Compendium aromatariorum 1488, bei RYFF (I, S. 875), CORDUS (I, S. 801), in SCHNELLENBERGS Arzneybuch. Königsberg 1556, in FLACCUS, Estimatio materiae medicae. Berol. 1574, in dem Frankfurter Catalogus von 1582 (I. S. 817), bei VAN HELMONT (Ortus medicinae 1648) u. and. In dem Braunschweiger Register 1521 (I, S. 814) steht Ol. de granis juniperi neben Ol. junypery. Bei OTHO CREMONENSIS findet sich Classa (Resina juniperi).
Lit. BUSCHAN, Vorgeschichtliche Botanik. 1895. — SCHWEINFURTH, Die letzt. botan. Entdeck. — UNGER, Streifzüge etc. — GILDEMEISTER-HOFFMANN, Ätherische Öle.
Fructus Sambuci.
Syn. Baccae Sambuci, Holunder-, Holler-, Holder-, Aalhorn-, Elder-, Elhorn-, Schipken-, Fliederbeeren, Hutscheln, — Grana aktes im Mittelalter, — im Gothaer Arzneibuch: vleder, — in den mittelengl. Medizinbüchern (I, S. 683): hyldre. — Baies de Sureau (franz.) — Black elder fruit (engl.) — Sambuco (ital.) — Vliervrucht (holl.). — Selja puun marja (finn.) — Bodza bogyó (russ.) — καρπός ἀκτῆς (n.-griech.).
Bei DIOSKURIDES, HIPPOKRATES, THEOPHRAST, GALEN: ἀκτή, auch wohl ἄκεα, ἄκτεος. Nach DIOSK. bei den Galliern: skobien, den Dakiern: seba. Bei den Arabern des Mittelalters (RHAZES, IBN BAITHAR): aktha (chamân, sabukat), in Japan: set-kotz-mo-kah.
Etym. Sambucus wohl vom äol. σάμβυξ oder σάνδυξ (= roter Farbstoff oder zum Rotfärben dienende Pflanze; nach dem Saft der Beeren). Die Ableitung vom persischen sambuca (einem dreieckigen Saiteninstrument), scheint mir zweifelhaft (zufälliger Gleichklang?). Im Mittelalter auch Riscus, Ruscus. — Holunder (besser wie Hollunder) wohl von hohl (wegen des hohlen Markes) und tar, ter = Baum (PERGER: holantar, engl. the hollowtree, der hohle Baum, hohl-ter) oder nach der Göttin HOLLA (FREYA), der der Baum geweiht war, oder von halt (= brechen, holder also Brechholz, wegen der Zerbrechlichkeit des Holzes), ahd. holuntar, holenter, mhd. holar, ellaer, holunder, holder, mnd. holdern. Er hat uralte Kultbeziehungen (vgl. das Kap. Pharmakoethnologie I, S. 1008 u. 1009) — Elder von ags. eller, ellarn = anzünden, weil durch die ausgehöhlten Zweige das Feuer angeblasen wurde (KANNGIESSER). Nach GRASSMANN hat Eller und Hollunder die gleiche Wurzel al, gotisch alan (= wachsen, sich erheben). Weitere Volksnamen bei PRITZEL-JESSEN. Die befremdende Bezeichnung Ahornbeeren ist aus Aalhornbeeren korrumpiert, dies aus ellarn (s. oben). Wie es kam, daß der Name Flieder auch auf die Syringe übertragen wurde, ist unbekannt. Flieder ist der niederdeutsche Name von Sambucus nigra. Er stammt wohl von fleder (= flattern).
Stammpflanze. Sambucus nigra L., (LINNÉ, Spec. plant. ed. I, 269). Caprifoliaceae, Sambuceae, Sect. Eusambucus.
Der schwarze Holunder ist ein Strauch oder Baum von bis 6 m Höhe mit borkiger Rinde, dekussierten Ästen, die im Jugendstadium rund, grün und von Lentizellen bedeckt sind. Ältere Äste enthalten ein großes Mark, das sich leicht in toto herauslösen läßt und dann das bei Herstellung mikroskopischer Schnitte vielbenutzte Holundermark bildet. In den Gärten finden sich viele Spielarten, die durch die Teilung der Blätter, ganze oder teilweise Panachirung oder Chlorose sich unterscheiden (laciniata, argentea, aurea, virescens, monstrosa) oder weiße Früchte besitzen (leucocarpa).
Die Pflanze ist fast durch ganz Europa bis Taurien und Kaukasien verbreitet — auch vielfach kultiviert — und geht in den Alpen weit hinauf, bleibt aber meist den Hütten benachbart. Selten sieht man dort und auch im Tal Hollunder frei. Er lehnt sich gern an die Hauswand oder sucht doch deren Nähe.
Sambucus nigra ist ein Bestandteil der Bauerngärten Deutschlands, Österreichs, Frankreich und der Schweiz, alles Länder, die unter KARLS DES GROSSEN Szepter vereinigt waren.
Lit. Abbild. BERG-SCHMIDT Atlas (dort auch die Florenliteratur). — PABST-KÖHLERS Medizinalpfl. und HAYNE, Arzneigew. IV t. 16. — Beschreib. in LUERSSEN, Med. pharm. Bot. S. 1112.
Beschreibung der Droge. Der halbunterständige Fruchtknoten der Holunderblüte (s. d.) ist meist drei- (seltener zwei-)fächerig. Er enthält drei (zwei) hängende, anatrop-epitrope Ovula. Er entwickelt sich zu einer Drupa (Steinbeere) mit drei (zwei) Samen. Die Frucht ist rundlich-oval, bis 6 mm lang, violettschwarz, oben genabelt. Das Fruchtfleisch ist purpurrot. Die einsamigen Steinkerne sind bräunlich, runzlig, außen gewölbt. Der gerade Embryo ist in Endosperm eingebettet.
Die Früchte haben einen eigentümlichen Geruch und bitterlich säuerlich-süßen Geschmack. Sie reifen im August und September. Beim Trocknen verlieren sie ⅔ des Gewichtes und schrumpfen stark.
Pathologie. Parasitische Pilze als Zerstörer der Früchte von Sambucus nigra sind uns nicht bekannt (ED. FISCHER).
Anatomie. Das Epicarp besteht aus großen, einen violettbraunen Inhalt führenden isodiametrischen oder etwas gestreckten Zellen, die infolge einer groben Faltung der Cuticula gestreift erscheinen (Fig. 19). Die Falten laufen in sehr regelmäßigen Abständen. Spaltöffnungen finden sich nur vereinzelt. Das Mesocarp besteht aus mehr oder weniger dickwandigen Zellen, deren Interzellularsubstanz oft verschleimt ist. Es scheint sich hier um einen besonderen Fall von Pektinmetamorphose zu handeln. Die Zellen führen einen braunen Inhalt. Das Gewebe ist von zarten Bündeln durchzogen. Das Endocarp (die Steinschale der «Steinkerne») ist sehr hart, zeigt buckelige Erhebungen, die Steinkerne erscheinen daher grobrunzelig. Zu äußerst liegt eine Reihe von kurzen, verbogenen und ineinander eingeschobenen, radial gestreckten, ungleich hohen Sklereïden mit verzweigtem, spaltförmigem Lumen (Fig. 20). Die stark verdickten Sklereïden besitzen unregelmäßigen Umriß und sind miteinander verzahnt. Dann folgt eine Schicht von ein bis zwei Reihen in der Längsrichtung des Samens gestreckter Bastfasern, dann eine ebenfalls ein- bis zweireihige Bastzellreihe, die rechtwinklig zu vorgenannten gestreckt ist. Die Anordnung der mechanischen Elemente in sich kreuzenden Schichten und Verzahnung der Zellen ist bei Frucht- und Samenschalen häufig und erhöht die Festigkeit bedeutend. Auch die Fasern der inneren Schichten sind unter sich und mit den Sklereïden verzahnt. Die Samenschale der (aus hängenden, anatrop-epitropen, mit nur einem Integumente versehenen (BOCHMANN) Ovulis hervorgehenden) Samen besteht nur aus einer obliterierten Nährschicht (Fig. 20, 1, 5). Embryo und Endosperm enthalten reichlich in Ölplasma eingebettete Aleuronkörner, bei denen man sowohl Kristalloide wie Globoide findet (Fig. 20, 4).

Fig. 19.
Sambucus nigra
.
Oben: Querschnitt durch die Randpartie der Frucht. Das Mesokarp in Pektin-Schleimmetamorphose. Unten: Flächenansicht der Epidermis der Frucht.
[Nach
Tschirch-Oesterle
, Atlas.]

Fig. 20.
Sambucus nigra
.
1. Querschnitt durch das Endokarp und den Rand des Samens. 2. Flächenschnitte durch das Endokarp. (Die Zahlen korrespondieren mit 1.) 3. Bastzelle aus Schicht 3 isoliert. 4. Aleuronkörner links in Alkohol, rechts nach Zusatz von Wasser.
[Nach
Tschirch- Oesterle
, Atlas.]
Lit. TSCHIRCH-OESTERLE, Anatom. Atlas (dort das Detail). — TSCHIRCH, Pectin und Protopectin. Ber. pharm. Ges. 1907. — ROSENBERG, Über die Pectinmetamorphose. Diss. Bern 1908. — BOCHMANN, Bau u. Entw. offiz. Sam. u. Früchte. Dissert. Bern 1901. — ARTHUR MEYER, Drogenkunde.
Chemie. SCHEELE fand Apfelsäure, aber keine Zitronensäure, ENZ (1859): gärungsfähigen Zucker, ätherisches Öl, Bitterstoff, roten Farbstoff, Baldriansäure, Propionsäure (?), Essigsäure, Weinsäure, Apfelsäure, Gerbsäure, Wachs, Gummi, Harz. KUNZ und ADAM fanden (1901) Zitronensäure, aber keine Apfelsäure. «Hinsichtlich des Fliederfarbstoffes sei bemerkt, daß verschiedene Arten Sambucus sich spektralanalytisch verschieden zu verhalten scheinen. Gewisse Arten geben mit Alaun einen deutlichen Streif gleich dem Malvenfarbstoff, während andere ein abweichendes Verhalten zeigen» (VOGEL). Der Farbstoff ist eisengrünend. Er wird durch Bleizucker lackmusblau gefällt, durch Alkalien blau, durch Säuren rot. Er tritt aus den trockenen Beeren, die an Alkohol, neben etwas (spektralanalytisch leicht nachweisbarem) Chlorophyll, nur einen gelben Farbstoff abgeben, in Wasser leicht mit violettroter Farbe über. Der mit Wasser aus der Droge hergestellte rote Auszug gibt nach dem Ausfällen der Schleimsubstanzen mittels Alkohol im Spektrum ein dunkles Band bei D etwa von λ = 0,560–0,620 und Trübung des Blau. Unabsorbiert wird nur Rot durchgelassen. Setzt man zur Lösung etwas Ammoniak, so treten zwei Bänder auf, ein dunkleres zwischen λ = 0,610 und 0,660 und ein helleres zwischen λ = 0,570 und 0,590 (TSCHIRCH). Der unbekannte schweißtreibende Bestandteil der Blüten findet sich auch in den Früchten. SACK und TOLLENS fanden in den Beeren Tyrosin. Der Pentosangehalt beträgt 1,20–1,22. Das Öl der Samen hat einen widerlichen Holundergeruch und Geschmack. Neuere Untersuchungen über die Kohlehydrate der Beeren fehlen.
Die Beeren von Sambucus Ebulus haben ähnliche Zusammensetzung (ENZ).
In der Rinde (das Fluidextrakt derselben nennt LÉMOINE Sambucin) und den Blättern findet sich neben Gerbstoff, abführend wirkendem Harz und einem Riechstoff ein krist. Alkaloid (MALMÉJAC), in den Blättern Sambunigrin (ROSENTHALER). Die Rinde, die Blätter und Wurzeln wurden im XVI. Jahrh. mehr verwendet als die Beeren und die Blüten (s. d.).
Lit. SCHEELE, Schriften 2, 378. — JOHN, Tabellen. — ENZ. WITTSTEINS, Vierteljahrschr. VIII (Jahresb. d. Pharm. 1859, S. 36). — VOGEL, Spektralanalyse. — MALMÉJAC, Journ. pharm. chim. 1901. — GOVAERTS (Blätter, Rinde) Trav. Soc. Ph. d’Anvers 1880. — SACK und TOLLENS, Ber. d. d. chem. Ges. 1904. — SACK, Dissert. Göttingen 1901. — KUNZ u. ADAM, Zeitschr. Österr. Apoth. Ver. 1901, 244. — VAN DEN DRIESSEN, Ned. Tijdkr. 1900. — ALFRED BLANC, l’Hièble (Monographie), Montpellier 1905. — Über die Blätter von Sambucus nigra vgl. MITLACHER, Aus dem Arzneischatze des Volkes. Pharm. Post. 1908 (dort die Literatur). — Historisch interessant: MARTIN BLOCHWICH, Anatomia (d. h. hier «Chemia») Sambuci or the Anatomie of the Elder. 1670.
Anwendung. Die Fliederbeeren geben gepreßt einen Saft, aus welchem man das Holunder- oder Fliedermus, die Fliederkreide, Holundersalse, Rob, Roob oder Rubb sambuci bereitet. Dieses Fliedermus findet sich schon bei den arabischen Ärzten, getrocknete Holunderbeeren dann in den Taxen des XVI. Jahrh. und später. Die niederl. Pharmakopoee hat Fruct. samb. recentes (versche vliervruchten). Den ausgepreßten Saft der Blätter von S. nigra benutzte HIPPOKRATES als diätetisches Abführmittel.
Geschichte. In steinzeitlichen Niederlassungen (z. B. Moosseedorf bei Bern) sowie in den bronzezeitlichen Terramaren Parmas sind Samen von Sambucus nigra gefunden worden (HEER). Bereits der Mensch der Steinzeit scheint die Holunderbeeren zum Färben und zur Musbereitung benutzt zu haben. Die Benutzung von Sambucus acinos zum Färben (der Haare) erwähnt auch PLINIUS. Von den alten Deutschen wird berichtet, sie hätten nicht nur ihr Antlitz, sondern auch die Götterbilder mit Holdersaft gefärbt (LOHENSTEIN). Bei den alten Preußen war der Holunder heilig und durfte nicht verletzt werden (GRIMM). Vgl. auch den Vers bei Juniperus (S. 52). Sambucus findet sich als Bestandteil der geweihten Kräuterkränze (I, S. 1009). Auch beim Übertragen der Krankheiten auf Pflanzen spielt der «Herr Flieder», die «Frau Holler», «Frau Ellhorn» beim Volke eine Rolle (vgl. I, S. 1008). Akte (ἀκτῆ) findet sich bei HIPPOKRATES, THEOPHRAST und GALEN. Bei SCRIBONIUS LARGUS (I, S. 578) steht sabucum und sambucum. In der Alphita, den Sinonoma, Circa instans, den Tabulae magistri Salerni steht: Sambucus (actis) hellarne, Ebulus, Kameactis Sambucus — man warf also vielfach (auch im Altertum schon) Sambucus Ebulus und nigra zusammen. Der Name Akte ging dann auf den Attich, d. h. Sambucus Ebulus über. Attich ist aus Akte umgebildet. Bei der HILDEGARD (I, S. 671) steht nur der Holderbaum; bei HARPESTRENG (I, S. 684) Sambuca; im gothaischen Arzneibuch (I, S. 679): elhorn, alhorn und holunder. Bei CORDUS steht Sambucus (flos et cimacum) neben sampsuchus, das als Maiorana gedeutet wird. (Vgl. auch KÜHN, Der Holunder in der alten Arzneikunde. Mediz. Klinik 1907, Nr. 33.)
Paralleldrogen. In Nordamerika wird der sog. amerikanische Holunder, Sambucus canadensis L., in der gleichen Weise benutzt (JACKSON, MOOSBRUGGER). Die mehr rötlichen Früchte sind süßer; in Brasilien: Sambucus australis CHAM. et SCHL.; in Sibirien: Sambucus racemosa L. (weitere in DRAGENDORFF, Heilpflanzen).
Die Beeren von Sambucus Ebulus L., des Zwergholunder (χαμαιάκτη der Griechen, Ebulum der Römer, nabsakat der Araber, hatich bei HILDEGARD), purgieren (Bestandteil des Kneipp-Tee). Sie sind kleiner, viersamig, mit deutlicher hervortretendem Kelchrest. Sambucus Ebulus ist in allen Teilen mehr oder weniger giftig. Die Beeren des Zwergholunder werden in Rumänien zum Färben des Weines benutzt (Analyse und Spektrum des Farbstoffes bei RADULESCU).
Lit. JACKSON, Pharm. Journ. 1906. — MOOSBRUGGER, Amer. Journ. ph. 1895. — RADULESCU, Bul. Soc. sc. Bucaresc. 1899. (Ber. d. pharm. Ges. Jahrber. 1899). — HOLM. Sambucus canadensis. Merck Rep. XVIII, 259 (1909).
Fructus Pruni.
Syn. Pflaumen, Zwetschen, Zwetschgen, Quätschen, Brunellen. Prunibaum (bei der HILDEGARD), — pruneau noir, prune de Damas (franz.), — prunes (engl.) — pruim (holl.) — luumu (finn.) — δαμάσκηνον (n.-griech.) — bei IBN BAITHAR: idschás.
Etym. Prunus aus dem Griechischen übernommen, sicher aber wohl aus Kleinasien stammend, wo es für Prunus domestica benutzt wurde. Nach SCHMIDT ist das ahd. phrûma (so noch im XI. Jahrb.) pflûmo, mhd. phlûme, durch thrakische oder illyrische Vermittlung direkt aus dem griechischen προῦμνον und nicht aus dem lateinischen prûnus, prunum entstanden. Im Griechischen auch: προῖνος (ein wilder Obstbaum) oder πρῶμος (= frühzeitig, da seine Früchte im Hochsommer reifen). Nach KLUGE ist dagegen Pflaume schon vor der ahd. Zeit aus dem latein. prûnum, prûna entlehnt. Das r des latein. Wortes ist ein l geworden, wie bei morus in Maulbeerbaum; ndl. pruim hat noch das r, ebenso frz. prune, ital. prugna, span. pruna; nicht mehr angls. plúme, engl. plum.
Zwetsche hat wohl ursprünglich Quetsche geheißen (Quetschen, Quetsch noch heute in Thüringen, am Rhein, in Hessen) wegen des daraus bereiteten Muses (— auch in Paris hörte ich für Pflaumenmus: quètche —), oder weil sich der Kern leicht herausquetschen läßt, oder von slav. sweska (?).
Viel mehr deutsche Volksnamen besitzt Prunus insititia, die heimische Pflaume, die im Mittelalter auch cinus, cinum, prinus, pruna, spinellum genannt wurde. Solche Namen sind: Bilse oder palse (von balgan = aufgeschwollen, bauchig?), kriech, kriecher, krigen (von chrieh, franz. crêque = stechend, ahd. chrezzan = kritzen), spilling (spinellum = Dörnlein), braume, haber, kickerling, marunken, pelzkirsche, prume, schlucken, spelje, zibarten, zipperli u. v. a. (vgl. PRITZEL-JESSEN).
Stammpflanze. Prunus domestica L. (LINNÉ, Spec. plant. ed. I, 475), mit zahlreichen Varietäten, — DON kennt 270 — bes. wohl P. d. var. Juliana DC.
Rosaceae, Prunoideae, Untergatt. Prunophora.
Einige (LINNÉ, LINK, DE CANDOLLE) halten alle Pflaumen für Varietäten von Prunus domestica, andere (DIERBACH) leiten die runden Pflaumen von Prunus sativa FUCHS, die länglichen von Prunus damascena CAMER. ab, noch andere (KOCH) halten Prunus insititia L. für die Stammart der runden, Prunus domestica für die der länglichen. Zu den runden Pflaumen, mit kurzem dicken Steinkern, gehört die Mirabelle und die Reineclaude, zu den länglichen Zwetschen mit langem platten Steinkern die Damaszener und Brignoler. Nur diese blauen länglichen Pflaumen werden medizinisch verwendet. In Japan wird Prunus triflora ROXB. kultiviert. ASCHERSON und GRÄBNER halten (mit FOCKE, BOISSIER, RADDE) P. domestica L. (P. damascena DIERB., P. domestica subsp. oeconomica C. K. SCHNEIDER) für eine eigene Art, die zwar P. insititia verwandt, aber doch gut von ihr geschieden ist.
Nach ENGLER sind die heutigen Pflaumenarten von verschiedenen Stammarten abzuleiten. Prunus insititia L. (Kriecherpflaume) ist im Kaukasus und Kleinasien heimisch, geht aber bis Nordafrika und nach Süd- und Mitteleuropa. Prunus cerasifera EHRH. (Kirschpflaume) stammt nach ihm von der in Turkestan und überhaupt in Vorderasien heimischen, in Persien angebauten P. divaricata LEDEB. Die Zwetsche im engeren Sinne (P. oeconomica BORKH.) gehört zu P. domestica L., die im Kaukasus, auf dem Talysch und Elbrus sehr verbreitet ist. Ob die Reineclaude (P. italica BORKH.) eine selbständige Art ist oder nicht, will ENGLER nicht entscheiden.
Kultur und Handel. Die umfangreichsten Pflaumenkulturen finden sich in Bosnien und Serbien, wie überhaupt in den österreichisch-türkischen Grenzländern. Dort — in dem Dorado des Slibowitz — findet man ganze Zwetschenwälder, und von dort werden gedörrte Pflaumen in alle Länder exportiert. Neuerdings kultiviert Nordamerika viel Pflaumen.
Deutschland importierte 1907: 392469 dz getrocknete Zwetschen vorwiegend aus Serbien (135115) und Nordamerika, dann aus Frankreich und Österreich.
Pathologie. Neben Sclerotinia cinerea (s. unter Prunus Cerasus), die auch hier vorkommt, ist Exoascus Pruni FUCK. der wichtigste Krankheitserreger des Zwetschenbaumes. Sein Mycel entwickelt sich in den Früchten, welche dadurch eine ganz abnorme Entwicklung erfahren: sie sind verkrümmt, abgeplattet oder stark verlängert, weißlich oder rötlich gefärbt und ungenießbar, es unterbleibt auch die Differenzierung von Steinkern und fleischigem Exocarp. Diese deformierten Früchte werden als «Narren», «Taschen» oder «Hungerzwetschen» bezeichnet. An ihrer Oberfläche entstehen die Asci des Pilzes. (ED. FISCHER.)
Die tierischen Schädlinge s. unter CERASUS.
Beschreibung. Die frisch blaue, eirunde, mit einer seitlichen Rinne versehene Pflaume besitzt eine wechselnde Größe. Sie schrumpft beim Trocknen stark zusammen und wird außen fast schwarz, das Fruchtfleisch braunrot. Sie ist eine Drupa und schließt einen plattgedrückten Steinkern ein, dieser den Samen. Die den Farbstoff führenden Epidermiszellen der Fruchtschale zeigen oft noch die Teilungen der Mutterzellen. Die Epidermis besitzt einen Wachsüberzug, aber keine Haare. Oft finden sich auf der Oberfläche der Droge Zuckereffloreszenzen. Das Fruchtfleisch besteht aus Parenchymzellen. Die Gefäßbündel führen Spiral- und Netzleistengefäße. Das Endocarp besteht aus Sklereïden. Die Tonnenzellen der Samenschale (Abbild. bei WINTON) sind ziemlich klein, etwa von der Größe der Tonnenzellen bei der Aprikose. Das Endosperm ist schmal. Die Hauptmasse des Samens bilden die Cotyledonen.
Chemie. Frische Pflaumen enthalten im Durchschnitt (Zusammenstellung bei KÖNIG) 78,6% Wasser, 14,71% (8,43–25,62) Invertzucker (in der Trockensubstanz der Frucht 68,74%), 0,77% freie Säure (auf Apfelsäure berechnet). Der Pentosangehalt beträgt 0,54% (WITTMANN). Das Fleisch der getrockneten Zwetschen enthält 23,28–59,20%, im Durchschnitt 43,15% Invertzucker (in der Trockensubstanz im Mittel 60,3%), im Mittel 2,44% freie Säure (auf Apfelsäure berechnet), Im Fruchtsaft der Pflaume wurde auch Saccharose (0,51–2,81%) gefunden (s. bei KÖNIG), in trockenen Zwetschen 9,33–13,2%. Die Samen enthalten c. 44,5% Fett. Die Asche der ganzen Frucht beträgt 3,17, die der Kerne 2,5, die des Fruchtfleisches 4,2% (auf Trockensubstanz berechnet). Analysen der Asche bei KÖNIG B. I, S. 862.
Die Samen enthalten ein Blausäure abspaltendes Glykosid und ein hydrolytisches Ferment. Aus den gegorenen zerstampften Früchten wird in Elsaß-Lothringen und anderwärts ein Zwetschgenbranntwein (Slibowitz, Slivovica) dargestellt, der c. 43,5–52 Vol.% Alkohol und 0,2–3,3 mg Blausäure in 100 ccm enthält. (Über seine Zusammensetzung vgl. WINDISCH, Arb. d. kais. Gesundheitsamt. 1898). Wie der Zuckergehalt der Pflaumen einem großen Wechsel unterworfen ist, so zeigt auch der Alkoholgehalt der Zwetschgenbranntweine große Schwankungen.
Durch Einkochen des mit Wasser zerquetschten, durch ein Sieb getriebenen Fruchtfleisches zu einem dicken Brei wird das Pflaumenmus (Zwetschenmus, Pulpe de pruneau, Pulpa prunorum, Rob pruni) dargestellt, das seit Jahrhunderten als mildes Abführmittel benutzt wird. Es enthält c. 24,5% Invertzucker, c. 8,8% Saccharose und c. 1,7% Pectin. Ein sirupus de prunis steht im Kalender des HARIB aus dem Jahre 961 (I, S. 612).
Schädlinge der Droge. Auf getrockneten Pflaumen finden sich oft Milben, z. B. Glyciphagus prunorum (ISRAËL).
Geschichte. Der königliche Garten des NEBUKADNEZAR enthielt nach dem Alfabet des BEN SIRA auch Pflaumen, achwānijjôt (J. LÖW). — Prunus insiticia, die Kriecherpflaume (vom germ. krik, SCHRADER), ist die europäische Pflaume, die schon für die vorgeschichtliche Flora Mitteleuropas nachgewiesen ist, nämlich in Pfahlbauten der neolithischen, Bronze- und Eisen-Periode (BUSCHAN). Unter κοκκόμηλον (von κοκκό-μηλον = Kernobst, vielleicht steckt aber in κόκκος ein orientalisches Wort) — die Schlehenpflaume hieß βράβυλον — verstand DIOSKURIDES sowohl diese heimische Pflaume, die heute noch in Griechenland coromelea heißt, wie auch die Syriens, besonders die von Damaskus, d. h. die nach der Zeit des CATO von dorther nach dem Westen gebrachte und von den Römern schon zur Zeit des PLINIUS in vielen Spielarten kultivierte Damascenerpflaume (Prunus domestica), deren Kultur sich zunächst im Orient entwickelt hatte (ENGLER). Die Römer warfen beide durcheinander. Auch noch bei der HILDEGARD (I, S. 670) scheint der Name Prunibaum beide zu umfassen, wie übrigens ja auch unser Wort «Pflaume» alle Arten umfaßt, die runden und die langen. Das Wort prunus bei ALBERTUS MAGNUS (I, S. 675) scheint sowohl für Prunus domestica wie P. armeniaca benutzt worden zu sein. Die Ausgrabungen bei der Saalburg zeigten, daß bereits in den ersten christlichen Jahrhunderten dort Pflaumen, Zwetschen und Kirschen von den Römern gebaut wurden. Das östliche Deutschland erhielt die Damascener Pflaume vielleicht aus den österreichisch-türkischen Grenzländern über Ungarn, Siebenbürgen und Mähren, wo sie jedenfalls schon vor 400 Jahren viel kultiviert wurde (RELING und BOHNHORST). Wie alt die Kultur in Serbien und Bosnien ist, ist unbekannt. Vielleicht bestand sie schon vor der slavischen Einwanderung (?). «Aus Beeren, an denen der Nordosten reich ist, ein Getränke zu machen, ist ein altslavischer oder osteuropäischer Nationalzug, der schon von HERODOT in seiner Beschreibung des hinterskytischen Landes angedeutet wird» (HEHN). Ein Prunarius steht sowohl im Kapitulare KARLS wie im St. Galler Klosterplan (I, S. 622). Das war aber nicht die Damascener Pflaume. In der Alphita (I, S. 656) steht pruna alba et nigra, in den Tabulae: pruna immatura et damascena, bei SERAPION: anas.
Die Pflaume spielt nicht in der Volksmedizin, wohl aber in der Volkserotik eine große Rolle, wie schon viele ihrer Volksnamen (Bockshoden, Geishoden, Hengsthoden, Tittlespflaumen, Spönling) zeigen. (Weiteres siehe bei AIGREMONT, Volkserotik.)
Lit. ENGLER, in HEHN Kulturpflanzen, VII. Aufl. 1902. — BUSCHAN, Vorgeschichtl. Botanik. — WINTON-MOELLER, Microscop. of vegetable foods 1906 (dort die weitere Lit.) — BORDZILOWSKI, Entwickl. d. beerenart. u. fleischig. Früchte. Kiew. Naturf. Ges. 1888. — KÖNIG, Nahrungs- u. Genußm. (dort die chem. Literatur). — Abbild.: HAYNE, Arzneigew. IV. t. 43 und NEES VON ESENBECK, Pl. med. t. 319.
Fruct. jujubae.
Syn. Baccae Jujubae seu Zizyphi, Rote Brustbeeren, Zieserleinsbaumbeeren, Judendornbeeren, — jujube (franz.) — jujube (engl.). — Ein Lotus der Alten (s. Geschichte). — Griech.: ζίζυφα, ζίνζυφα, ζίτζυφα (davon der Gattungsname der Pflanze). — Bei den späteren Griechen: hanab — n.-griech.: καρπός ζιζύφων — bei AVICENNA: Hunen und Zufaizef. — Schon bei SERAPION: iuiubes — Indian jujube: bér, beri (hind.) — badara, kola (sansc.), — sidr, aunnábehindi (arab.), sider wa nabk (IBN BAITHAR) — kunár (pers.) — tao n’hon (in Annam). (Die Früchte des Sidr bei IBN BAITHAR: dhâl) — Common jujube: pitni bér (hind.) — unnah (arab.) — bei IBN BAITHAR: unnāb — sinjid-i-jiláni (pers.). — Zizyphus (und Rhamnusfrüchte) heißen im Chines. Swan-tsau, Nan-tsau, tsau-pʿi.
Stammpflanzen und Paralleldrogen. Die in Deutschland und Frankreich benutzten spanischen oder französischen Brustbeeren (Common jujube, Große J., Welsche Hahnbutten, jujubier commun) stammen von Zizyphus vulgaris LAM. (Z. sativa GÄRTN., Z. flexuosa WALL., Rhamnus Zizyphus L.), kultiviert in Spanien und Südfrankreich. Die weniger süßen kleinen italienischen und nordafrikanischen von Zizyphus Lotus LAM. (Z. nummularia W. et A., Rhamnus nummularia BURM.), kultiviert in Ägypten, Italien und Südspanien. Die ostindischen Jujuben (Indian Jujube, Chinese date) von: Zizyphus Jujuba LAM. (Z. mauritiana HAM., Z. Sororia SCHULT., Rhamnus Jujuba L.), heimisch im indomalaiischen Gebiet bis nach China, kultiviert in Vorderindien, Persien, China und nach VOLKENS auch in Togo (Notizbl. d. Berl. Bot. Gart. 1909). Weitere Paralleldrogen sind: Zizyphus Oenoplia MILL. (Indien), Z. Spina Christi WILLD. (Ägypten, Palästina). Weitere in DRAGENDORFFs Heilpflanzen.
Systemat. Stellung und Beschreibung. Rhamnaceae, Zizypheae. Zizyphus vulgaris ist ein ursprünglich in China heimischer, jetzt im ganzen südlichen Europa und Nordafrika kultivierter und oft verwilderter Strauch oder Baum von 5–7 m mit dornigen Nebenblättern. Die glänzend zinnober- bis braunrote ovale, in Juli-August reifende Frucht von der Größe und der Form einer großen Olive (2–3 cm), ist eine Drupa. Sie schrumpft beim Trocknen stark und enthält einen oblongen Steinkern mit einem oft geschrumpften oder geschwundenen Samen. Innerhalb des derben lederigen Epicarp liegt ein außerordentlich weiches, markiges, reichdurchlüftetes Fruchtfleisch (Mesocarp, «Sarcocarp»), dessen Zellen da und dort Kristalldrusen führen. Das Endocarp ist steinhart. Es besteht zu äußerst aus einer breiten Schicht Sklereïden und einer schmalen inneren Faserschicht. Von den zwei Fächern ist meist nur eins ausgebildet. Die Früchte des z. B. in Tunis weit verbreiteten Z. Lotus, die kleinen Jujuben, sind kleiner, oft nur halb so groß. Die meisten großen Jujuben kommen jetzt aus der Provence sowie von den Iles d’Hyères, die kleinen aus Italien. Jujuben sind, besonders wenn ausgetrocknet, sehr dem Insektenfraß (Anobium paniceum) ausgesetzt.
Chemie. Jujuben enthalten so reichlich Zucker, und zwar sowohl Hexosen wie Saccharose (TSCHIRCH u. ERIKSSON), daß sie im Innern oft einen zähen Sirup führen und ein Schnitt durch das Fruchtfleisch (unter Öl betrachtet) übersät ist mit Zuckerkristallen. Ferner sind darin Schleim, Malate und Tartrate nachgewiesen. Schon GEOFFROY teilt eine pyrochemische Analyse mit. Im Holz von Z. Lotus fand LATOUR die krist. Ziziphussäure und Ziziphogerbsäure.
Anwendung. Jujuben «thun bei Husten etc. nicht mehr als inländische süßschleimige Dinge» (GREN 1799). Sie fanden sich in älteren Brustsirupen und Loochs oft in Gesellschaft von Datteln, Rosinen und Sebesten (s. d.) In der Pharm. gall. war früher ein Rob jujubae (Pulpa de jujubis) aufgeführt und die Jujuben sind ein Bestandteil der Quatre fruits pectoraux, einiger älterer Brusttees und and. (fruits béchiques, pâtes pectorales). Die säuerlich süß, frisch fast apfelartig schmeckenden Früchte von Ziziphus Jujuba werden in Indien, die von Z. vulgaris in Südeuropa gegessen. Auf Z. Jujuba bildet die Lackschildlaus einen «Stocklack» (s. d.).
Geschichte. Lotus war ein antiker Sammelbegriff. Der indische Lotus ist Nelumbium speciosum, der ägyptische Lotus: Nymphaea Lotus, der kyrenäische Lotus: Zizyphus Lotus (THEOPHRAST). THEOPHRASTS großer Lotus von Kyrene (λωτός λιβυκός d. PLINIUS): Celtis australis, die Lotusbirne: Diospyros Lotus; der Lotusklee: Trifolium fragiferum und Melilotus messanensis (WÖNIG). WÖNIG hält also nur den kyrenäischen Lotus für Zizyphus Lotus. «THEOPHRAST kennt vom kyrenäischen Lotus zwei verschiedene Spezies: die eine in Form eines Baumes, birnenartig, die zweite unter dem Namen Paliurus strauchartig (Hist. plant. IV, 3). Die letztgenannte Art hat POLYBIUS (Athenaeus XIV, 65) genau beschrieben und aus seiner Beschreibung ist ersichtlich, daß unter derselben keine andere Pflanzenart als Zizyphus Lotus W. gemeint sein kann, wie auch DESFONTAINES in einer besonderen Abhandlung erwiesen hat. (Mem. de l’acad. Paris 1788.) Dieser Zizyphus wird allgemein für den in HOMERS Dichtungen erwähnten Lotusbaum der Alten (λωτός des THEOPHRAST) angesehen. Er ist zugleich der Melilotus des STRABON (XVII, 3), aus dessen Früchten man nach HERODOTS Mitteilungen den lybischen Wein bereitete, der ein Lieblingsgetränk der ärmeren Bevölkerung Alexandriens bildete». Der zweite afrikanische Lotus ist Celtis australis. Die συρικά, Serika des GALEN war wohl auch ein Zizyphus. Unsicher bleibt, ob der Paliurus des STRABON Zizyphus Spina christi (aus dem wohl die Dornenkrone Christi hergestellt wurde, I, S. 491) ist; der ägyptische Pflaumenbaum des PLINIUS ist vielleicht Diospyrus Lotus. Nach welchem Lotus die Lotophagen benannt wurden, wissen wir nicht. Im Papyrus EBERS findet sich (nach LÜRING und JOACHIM I, S. 475) von Zizyphus Lotus außer der Frucht (für ein Pflaster) das Harz, das Holz, die Späne, ein Brod und ein Pulver. (Eine in einem ägyptischen Grabe gefundene Frucht, ehedem für Diospyros Lotus gehalten, wurde als Mimusops Kummel HOCHST. erkannt). Den Römern wurde der Brustbeerenbaum (Z. Lotus) erst gegen Ende der Regierung des AUGUSTUS bekannt. Zu dieser Zeit brachte ihn der Konsul SEXTUS PAPIRIUS aus dem Orient, der ursprünglichen Heimat, nach Italien. Der Brustbeerenbaum muß aber schon zu des PLINIUS Zeit in Italien gut bekannt gewesen sein, denn PLINIUS vergleicht die Blätter des Baumes Cypros mit denen des Ziziphus, also mit etwas Bekanntem. Jujuben stehen auch bei COLUMELLA, bei GARGILIUS MARTIALIS (I, S. 573) u. and. Die Araber bedienten sich der Früchte viel (vgl. IBN BAITHAR und das botan. Lexikon Kitâb aš-šaģar, um 980) und ebenso das Abendland. In der Alphita findet sich Jujube (hunen, zufaizef); bei BARTHOLOMAEUS (I, S. 650) poma Sancti Johannis, Jugibe in der Frankfurter Liste (1450), jujubae und jujibe bei CORDUS (I, S. 799). Jetzt sind sie ziemlich in Vergessenheit geraten. Jujuben gehören zu den Drogen erster Klasse («Fürsten») des ältesten chinesischen Pen tsʿ ao, des Shen nung Pen tsʿ ao king (I, S. 515). Sie sind dort seit Jahrtausenden bis auf den heutigen Tag hochgeschätzt.
Lit. JUSSIEU, Gen. plant I, 3798. — LAMARCK (Encyclop. und Diction.) t. 185, F. 1. — Flor. Brit. Ind. I, 632. — WATT, Diction. econ. prod. VI, 4. — Pharmacographia indica. — Abbild. bei WEBERBAUER in ENGLER-PRANTL, Pflanzenfamilien. — POMET (I, S. 941) gibt eine phantastische Abbildung der Pflanze, eine etwas bessere in VALENTINIS Museum I und in HÉRAIL, Traité de pharmacol., Fig. 66. — Abbild. von Z. vulgaris: HAYNE 10 t. 43 und Düsseldorfer Atlas 16 t. 22. — Abbild. von Z. Jujuba: RHEEDE 4 t. 41 und RUMPHIUS 2 t. 36. — GEOFFROY, Materia medica, p. 346. — SEMLER, Trop. Agrikultur. — WÖNIG, Die Pflanzen im alten Ägypten. 2. Aufl. 1886. — LATOUR, Journ. pharm. 1858, 420.
Sebesten.
Die früher sehr viel, oft (vgl. GEOFFROY) in Verbindung mit den Jujuben benutzten schwarzen Brustbeeren oder Sebesten (bei THEOPHRAST: μύξα, bei PAUL. AEGINETA: μυξάρια, bei ACTUARIUS: Sebesten) stammten von Cordia Myxa L. Sie finden sich schon im Papyrus EBERS (I, S. 463).
Fructus myrtilli.
Syn. Baccae Myrtillorum, Heidelbeeren, Blaubeeren — Baies d’Airelles-myrtille (franz.) — Bilberries, Blueberries (engl.) — Bacca di mirtillo (ital.) — blauwe boschbessen (holl.) — mustikka (finn.) — καρπός μυρτίλλων (n.-griech.).
Schwarze Besinge, Bäsinge, — Bickbeere, Gandelbeere, Haselbeer, Heiti (in Bern), Kranbeere, Paudel- oder Roßbeere, Puckelbeere, Setbeer, Wolpere (in Siebenbürgen), Köhteken (= Kuhzitzen); — bei d. HILDEGARD: waltbeere und heydelbeere, — bei BOCK: Staudelbeeren, bei CORDUS: Heidel; — im athd.: Heitbere, Heitperi, im mhd.: boschbesie, brounber, heudelbeeren, kräckelbäsin, heverbesin.
Etym. Die gewöhnlichen Ableitungen von Vaccinium durch Korruption aus ὑακίνθιον oder von vacca (= Kuh) verwirft KANNGIESSER und leitet, wie mir scheint, mit Recht das Wort von bacca, baccinium (= Beerenstrauch) ab, da Umlautungen von b in v häufig sind (vetonica in betonica, valeriana in Baldrian, barbascum in Verbascum) — Myrtillus ist Diminutiv von Myrtus, weil das Sträuchlein einer kleinen Myrthe ähnlich. — Heidelbeere = Heidebeere; — Blaubeere wegen der Farbe. — Auf die dunkle, fast schwarze Farbe deuten auch die Bezeichnungen Bickbeere (holl. pik = pechschwarz), bleuets, maurets (Dunkelbeeren), brambelles, brimbelles, blaeberry, mustikka u. and. Auch die russische Bezeichnung tscherinka bedeutet Schwarzbeere. — Besie, Besing, Bei von bhan, bhâs (= glänzend).
Stammpflanze. Vaccinium Myrtillus L. (LINNÉ, Spec. plant. 349).
Systemat. Stellung und Beschreibung der Stammpflanze. Ericaceae, Vaccinioideae — Vaccinieae (Sectio Myrtillus).

Fig. 21.
Vaccinium Myrtillus.
Gipfel der Frucht. K. Kelch, verwachsen mit der (FW) Fruchtknotenwand. CSt. Ansatzstelle der Korolle. D. Diskus. Gr. Griffelansatz. S. Same.
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Tschirch.
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Die Heidelbeere ist circumpolar in Mittel- und Nordeuropa, in Asien (mit Ausschluß Innerasiens), in Kanada und dem mittleren Nordamerika bis Colorado südwärts verbreitet. Die Heidelbeere ist ein höchstens 30–50 cm hoher kahler Strauch mit eiförmig-rundlichen Blättern und einzeln achselständigen Blüten. Die Blüten besitzen einen unterständigen Fruchtknoten, der an den Seiten mit dem fleischigen Kelche vollständig verwächst und nur an der Spitze frei bleibt (Abbild. in ENGLER-PRANTL, Pflanzenfam. IV. 1, S. 24). Hier liegt ein kleiner Diskus und diesem sind Corolle und Staubfäden inseriert (Fig. 21). Die Frucht ist also, da sich an der Bildung der Fruchtschale auch der Kelch beteiligt, keine echte Beere, besitzt aber, da die «Verwachsung» von Kelch- und Fruchtblättern eine vollständige ist, ganz Beerencharakter (Steinbeere MÜLLER). Die durch Albinismus zustande kommende weißfrüchtige Form, Vaccinium Myrtillus L. var. leucocarpum HAUSM., kommt für uns nicht in Betracht.
Die Früchte reifen im Juli und August, werden mit hölzernen Kämmen oder Rechen «abgebürstet» und in der Sonne getrocknet. 6½ Teile frische geben 1 Teil trockene.
Handelssorten. Heidelbeeren kommen aus verschiedenen Gegenden Deutschlands, z. B. dem Fichtelgebirge, Bayern, Böhmen, Schlesien, aus Rußland. In Rußland liefern die Gouvernemente Wladimir und Moskau, sowie Polen Myrtilli.
Die Blätter von Vaccin. Myrtillus und besonders V. Arctostaphyllos bilden den sog. «kaukasischen Tee», ein Surrogat des chinesischen Tees (s. I, S. 1023).
Beschreibung. Die Heidelbeeren sind vier- oder fünffächerig, kugelig, etwa erbsengroß oder kleiner, blauschwarz, bereift. Sie schmecken säuerlich-süß, etwas herb und enthalten einen dunkel-violettroten Saft. An der Spitze liegt eine durch den unregelmäßigen Kelchsaum gerandete wulstige Scheibe, der Diskus, in dessen Mitte man die Ansatzstelle des Griffels bemerkt (Fig. 21). Durch Trocknen schrumpfen die Beeren stark. In Wasser gelegt, geben sie sofort Farbstoff ab und schwellen auf. Jedes Fach enthält zahlreiche kleine glänzende, gelbe bis gelbbraune, kurz geschnäbelte Samen mit netzadriger Oberfläche. Ihre Größe beträgt meist 1 mm.
Die Epidermis der Fruchtschale (d. h. des mit ihr verwachsenen Kelches, s. oben) besteht aus polygonalen Zellen, die blauen Zellsaft enthalten. Spaltöffnungen mit vier Nebenzellen, zwei großen und zwei schmalen, der Spalte parallelen finden sich nur an dem Kelchsaum an der Spitze der Frucht. In das Parenchym der Fruchtschale sind oft zu Nestern vereinigte Sklereïden eingebettet und auch die innere Epidermis der Fruchtschale und der Scheidewände ist teilweise sklerotisiert. Die Parenchymzellen enthalten den Farbstoff im Zellsaft gelöst und da und dort Oxalatkristalle. Die kleinen Bündel sind kollateral. Die «Verwachsung» von Kelch und Fruchtschale ist so vollständig, daß in der reifen Frucht keine Grenze zwischen beiden zu sehen ist. Die Epidermis der Samenschale besteht aus innen und an den unteren Teilen der Seiten verdickten und dort getüpfelten Zellen ohne Schleimmembranauflagerungen (Unterschied von der Preißelbeere). Die übrige Samenschale besteht aus der obliterierten Nährschicht, deren Seitenwände schief gestellt sind. Der Embryo ist in Aleuron führendes Endosperm eingebettet.
Pathologie. Über die pflanzlichen Schädlinge berichtet Prof. ED. FISCHER: In den Früchten von Vaccinium Myrtillus bildet Sclerotinia baccarum (SCHROET.) REBENT. ihr Sklerotium aus. Es stellt dieses ein hohlkugeliges Gebilde dar, welches sich an Stelle der Gewebe des Pericarpes ausgebildet hat und äußerlich wie eine schmutzig-weiße Heidelbeere aussieht. Für das Nähere vgl. WORONIN, Über die Sclerotienkrankheit der Vaccinien-Beeren. Mém. Acad. des sciences de St. Pétersbourg, Ser. VII, T. 36, 1888). Vgl. auch SENFT, Pharm. Post 1903.
Über die tierischen Schädlinge berichtet ISRAEL: An Vaccinium Myrtillus lebt eine sehr große Zahl von mehr oder minder polyphagen Falterraupen (Spinner, und besonders Eulen) aus den Gattungen Acronycta, Hadena, Mamestra, Agrotis, Anarta usw. Von Spannern ist es besonders eine Anzahl von Cidaria- und Acidaliaarten, die sich von den Blättern der Vacciniumarten nähren. Auch die Zahl der Mikrolepidopteren, die an Heidelbeeren leben, ist sehr groß.
Chemie. Heidelbeeren enthalten (nach FRESENIUS, MARTINI, MARGOLD, KULISCH und OMEIS) 4,78–6,28% Invertzucker — in der Trockensubstanz 21,29 bis 30,67% Zucker (nach KAYSER 20,13, nach BLAU 20,89%) — und keinen Rohrzucker (OMEIS fand solchen nur in unreifen Früchten), 1–1,92% freie Säure auf Apfelsäure berechnet und als solche wohl auch vorhanden (in trockenen Beeren gibt KAYSER 7,02% auf Weinsäure berechnet an). SCHEELE fand Apfelsäure und Zitronensäure in fast gleicher Menge und c. 0,5% Pektin. Der Pentosangehalt beträgt 0,76 bis 1,28%. Die Asche beträgt im Durchschnitt 0,71%. OMEIS und HORNBERGER fanden darin neben Eisen c. 2% Manganoxyduloxyd. Die Kerne und Schalen betragen c. 11,5 bis 13%. NYGÅRD gibt 4,5% Wasser und 2,88% Asche (der bei 105° getrockneten Droge) an.
Der Zuckergehalt der Beeren steigt während des Reifungsprozesses von 0,42 auf 1,90 und schließlich 5,06% (OMEIS). Bei reifen Beeren stellt sich das Verhältnis der Säure zum Zucker durchschnittlich wie 1 : 3.
SCHLEGEL fand im frischgepreßten Heidelbeersaft 3,92–5,57% Invertzucker, 0,15–0,74% Alkohol, 6,92–9,29 Extrakt, 0,20–0,22% Asche, Gesamtsäure (auf Weinsäure berechnet) 1,11–1,13%, flüchtige Säuren (auf Essigsäure berechnet) 0,023–0,032%. Auch Inosit ist im Safte der Heidelbeere gefunden worden (NACKEN). Benzoësäure, die NESTLER in Vaccinium Oxycoccus auffand, findet sich in V. Myrtillus nicht.
Der Farbstoff der Heidelbeeren ist im Zellsaft gelöst. Er ist löslich in Wasser und Alkohol, unlöslich in Äther, Benzol, Chloroform, Schwefelkohlenstoff. Aus neutraler und saurer Lösung geht er in Amylalkohol (SPÄTH). Er gehört zu den Anthocyanen und zwar zur Gruppe des Weinrots (WEIGERTS). Er wird durch Eisensalze dunkelbraunrot, durch Alkalien grün, durch Säuren rot, reduziert FEHLINGsche Lösung beim Sieden und soll die Zusammensetzung C10H12O8 (?) besitzen (NACKEN). Er wird durch Kalkmilch grüngrau gefällt. Er ist spektralanalytisch nicht mit dem Weinfarbstoff identisch, wie ANDRÉE meinte, sondern davon verschieden (VOGEL), welche Verschiedenheit besonders nach Zusatz von Ammoniak und Alaun hervortritt. Der Farbstoff verändert sich aber beim Trocknen der Beeren (vgl. VOGEL). Der Auszug frischer Heidelbeeren, der Blau und Rot durchläßt, zeigt ein Band bei bE, das durch Ammoniakzusatz nach D rückt, nach Alaun- und Ammoniakzusatz findet man ein breites Band d½ D bis b. Nach HEISE soll der Farbstoff aus zwei Körpern bestehen, von denen der eine, rotbraune, in saurem Wasser löslich ist, der andere, rotviolette, der die Hauptmenge bildet, nicht. Der letztere spaltet sich bei der Hydrolyse mit verdünnten Säuren in Glukose und den zuerst genannten Farbstoff. Der Farbstoff passiert den Magendarmkanal fast ohne resorbiert zu werden. Er färbt daher die Faeces und geht auch in den Urin über.
Die wirksame Substanz ist unbekannt. WINTERNITZ hält den Farbstoff dafür, andere (MÜLLER und BLAU) den Gerbstoff (Chinagerbsäure?), von dem BLAU angibt, daß er zu 7,28% der Trockensubstanz darin vorkomme. Nach NACKEN soll der Gerbstoff ein Glykosid sein. Seine wässrige Lösung wird durch Eisenchlorid grün.
Ob der von ROCHLEDER und SCHWARZ in den Blättern verschiedener Ericaceen (bes. Ledum) aufgefundene, von THAL in den Blättern und Zweigspitzen von 29 Arten der Gattungen Erica, Rhododendron, Pyrola, Vaccinium (auch V. Myrtillus), Azalea, Gaultheria, Clethra, Eriodyction, Ledum und Epigaea nachgewiesene glykosidische Bitterstoff Ericolin (C34H56O21?) wirklich auch in den Früchten vorkommt, wie ich angegeben finde, erscheint mir noch zweifelhaft. Die Blätter enthalten auch Chinasäure (SIEBERT und ZWENGER). Vgl. auch SENFT, Über d. Zersetz. d. Arbutins in Fol. Myrtilli Pharm. Post 1903.
Verfälschungen kommen kaum vor. Die Beeren von Vaccinium uliginosum L. (Rauschbeere) sind größer, außen heller, weniger sauer. Sie dürften wohl die gleiche Wirkung haben. Die Beeren von Vaccinium Vitis idaea. L. sind rot, wenig saftig, herbe, durch Zitronensäure und Apfelsäure sauer. Bei ihnen nimmt der Gehalt an Zitronensäure während des Reifungsprozesses zu. Er erreicht 2,5%.
Anwendung. Medizinische Anwendung fanden die Heidelbeeren vielfach. Sie finden sich z. B. in SCHROEDERS Pharmakopoeia (I, S. 890), in MURRAYS Apparatus medicaminum (I, S. 952). Als Antidiarrhoicum und bei Eczemen (äußerlich) und zu Mundspülungen empfahl sie neuerdings WINTERNITZ (in den Blättern f. klinische Hydrotherapie 1891 u. 1895). Vielfach wird das sog. Myrtillin, d. h. das Extractum myrtillorum WINTERNITZ und der Heidelbeerwein benutzt. Die Blätter wurden neuerdings (1892) gegen Diabetes empfohlen.
Heidelbeeren sind auch ein beliebtes Weinfärbemittel. Deutschland liefert davon nach Frankreich wohl besonders zu diesem Zwecke. Dann werden aber auch baies de myrtille zur Alkoholdestillation nach Frankreich eingeführt.
Geschichte. Heidelbeersamen und Fragmente der Früchte sind in steinzeitlichen Niederlassungen nur selten (Robenhausen) gefunden worden (HEER). Die Pfahlbauer benutzten die Früchte also jedenfalls nicht viel. Des PLINIUS (XVI, 31) Vaccinia scheint V. Myrtillus gewesen zu sein. Er setzt sie in Gegensatz zu einer gallischen Art (Vacc. Vitis idaea?), die zum Färben der Kleider der Sklaven benutzt wurde. In der Alphita (I, S. 653) steht Mirtus und Mirta; cujus semen: mirtillus, bei BARTHOLOMAEUS auch bloberi. Auch LONICERUS hat Mirtillus; bei CORDUS (I, S. 800): Myrtillorum succus et bacca; in der Frankfurter Liste (1450): mirti; im Nördlinger Register (I, S. 813): mirtus.
Lit. MÜLLER und BLAU, Fruct. myrtilli. Pharm. Post. 1902. S. 461. — (dort anatom. Abbild. u. auch die medizin. Literatur). — LAMPE a. a. O. — GARCIN, Rech. histogen. d. pericapes charnus. Ann. scienc. nat. 1890. — KÖNIG, Nahr.- u. Genußm. — FRESENIUS und MARTINI, Ann. Chem. u. Pharm. 101. — MARGOLD, Jahresber. f. Agrik. Chem. 1861/62. — KULISCH, Zeitschr. angew. Chem. 1894. — OMEIS, Chem. Centralbl. 1889. — SCHLEGEL, Jahresb. d. Pharm. 1908. — NACKEN, Zur chem. Charakt. d. Heidelbeersaftes. Forschungsber. 2 (1895). — ANDRÉE, Arch. d. Pharm. 1880. — HEISE, Pharm. Centrh. 35. — H. W. VOGEL, Chem. Zeit. 1888 und Spektralanalyse 1889 (dort die Spektren). — SPÄTH, Zeitschr. Unters. d. Nahrungs- u. Genußm. 1899. — GAUTIER, Bull. soc. chim. 25 (Arch. d. Pharm. 9, S. 486). — MÜNZBERGER, Zeitschr. d. Öster. Apoth. Ver. 1893, 370. — R. KAYSER, Repert. d. analyt. Chem. III, 182. — OMEIS, Studien über die Entwickl. d. Frucht d. Heidelbeere. Mitt. pharm. Inst. Erlangen, II. Heft (Pharm. Centrh. 1889). — ROCHLEDER u. SCHWARZ, Sitzungsb. d. Wien. Akad. 9 u. 11. — THAL, Pharm. Zeitschr. f. Rußl. 1883. — NEVINNY, Rauschbeeren und Heidelbeeren. Zeitschr. f. Hyg. u. Infektionskr. 1908, 95. — Analysen der Heidelbeeraschen bei KÖNIG, I, S. 862.
ε) Frische zu Sirupen verarbeitete Früchte.
Nicht als Drogen, sondern nur im frischen Zustande werden verwendet: Kirschen, Maulbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Moltebeeren. Dieselben können auch zu den Säuredrogen gestellt werden, da sie, wie bereits SCHEELE fand, aliphatische Säuren enthalten (s. d. chem. Zusammensetzung), stehen aber richtiger hier an dieser Stelle.
Fructus Rubi idaei.
Syn. Himbeere, Himpbeer (bei BRUNSCHWIG), Hindbeere (bei GESNER), Hindelbeere, Hinkbeere, Entabeer, Höntabeer, Hünkbeer, Ampe, Maline. Im althd. findet sich hintperi, hint-bẹri; im mitthd. hintbẹr auch haiper; heorotberge, herutbeg, hindberige (angels. hier Erdbeere und Himbeere bedeutend) — hind-berry (engl.) — hind baer (norw.), bei CORDUS: himpen (die Frucht: himper) — frambroise (franz.) — raspberry (engl.) — framboos (holl.) — lampone (ital.) — vattu (finn.) — erdei málna (ung.) — καρπός ἰδαίας βάτου (n.-griech.) — fuh-pwʿan-tsze (chin.).
Etym. DIOSKURIDES sagt: «βάτος ἰδαία ἐκλήθη μὲν διὰ τὸ πολλὴν ἐν τῇ Ἴδη γεννᾶσθαι». Ebenso äußert sich PLINIUS. Himbeere (so z. B. schon bei BOCK), angeblich = Hindbeere, d. h. Hindin- oder Hirschkuhbeere, soviel als Waldbeere, vielleicht aber von hünk = Honig oder von Hain (?). — Ampe von Ampornola. — Maline von slav. malina. — Raspberry von rasp = raspeln, schaben, kratzen, wegen der stachligen Zweige (KANNGIESSER). Auch der spanische Name zarza idea erinnert an die Stachlichkeit. — Framboscia (1537) bei RUELLIUS [daraus framboise (franz.) und framboos (holl.)] aus dem deutschen Brombeere umgebildet. Über Rubus vgl. unter Rubus fruticosus.
Stammpflanze. Rubus idaeus L. (LINNÉ, Spec. plant. edit. I. 492), Mit zwei Varietäten var. viridis AL. BR. und var. anomala ARRH. (auch wohl noch: var. denudatus SPENNER, β. spinulosus MÜLL. und γ. trifoliatus BELL SALTER).
Systemat. Stellung. Rosaceae — Rosoideae — Potentilleae — Rubinae, Sectio Idaeobatus.
Rubus idaeus ist eine Circumpolarpflanze. In lichten Wäldern, an Hecken, steinigen Berghängen durch ganz Europa (mit Ausnahme der südlichsten Teile) vorkommend, geht die Pflanze in Norwegen bis zum 70. Breitengrade, in Asien bis Nordsibirien hinauf und steigt auch in Skandinavien noch bis 1200 m an den Bergen empor. Sie findet sich auch in Grönland und auf Sacchalin. Sie wird auch vielfach in Gärten kultiviert (neuerdings auch amerikanische Mischlinge mit Rubus occidentalis L.), aber niemals durch Samen fortgepflanzt. Die in Amerika kultivierte Himbeere ist nach BAILEY ein Sprößling des dort einheimischen Rubus strigosus MICHX., der mit der europäischen Himbeere (R. Idaeus L.) verwandt ist (WINTON).
Pathologie. Über die Feinde der Himbeere und der Brombeerarten, die sich nicht ohne Zwang trennen lassen, berichtet ISRAEL:
1. Käfer: Byturus fumatus FB., Himbeermade. Die Larven dieses Käferchens leben in den reifenden Himbeeren, welche sie ausfressen. Haltica rubi FABR. Soll auf Rubus idaeus leben. Anthonomus rubi HERBST. Dieser Blütenkäfer lebt vorzüglich auf Rubus- u. Prunusarten.
2. Falter: Argynnis daphne W. V., A. paphia L. Raupen an Rubus- und Violaarten. Syrichthus malvae L. Raupe an Fragaria und Rubusarten. Thecla rubi L. Raupe an Rubusarten, Sarothamnus und Genistaarten. Bembecia hylaeiformis LASP., Himbeer-Glasflügler. Die Raupe dieser Sesie lebt in den Wurzeln und unteren Stengelteilen der Himbeerbüsche, dieselben ausfressend. Man findet die Raupe häufig im Frühling in den vorjährigen Stengeln, die sich leicht ausreißen lassen. Callimorpha dominula L., C. hera L. Raupen an Rubusarten, Nesseln und Salweiden usw. Arctia caja L., Raupe ziemlich polyphag, auch an Rubusarten. Gonophora derasa L., Thyatira batis L., Raupen an Rubusarten, nicht überall häufig; derasa mehr in den Mittelgebirgen. Acronicta leporina L., A. rumicis L., Raupen an Rubusarten, Waldweiden und vielen niederen Pflanzen. Xanthia fulvago L., Raupe an Rubus- und Salixarten usw. Gnophos obscuraria HÜBN., Raupe an Rubusarten.
Auch sonst leben gelegentlich an Rubusarten sehr viele polyphage oder fast polyphage Raupen von Spinnern, Eulen, Spannern und Mikrolepidopteren, die hier nicht alle mit den Namen angeführt werden können. Überhaupt sind die Blätter von Rubusarten ein sehr beliebtes Futter, welches von sehr vielen Raupen angenommen und gerne gefressen wird. Im Frühlinge gesammelte, überwinterte Raupen, von denen man oft die Futterpflanze nicht kennt, die aber meist nicht sehr wählerisch im Futter sind, nehmen sehr oft Rubusarten als Futter an, und lassen sich damit zum Imago erziehen.
3. Fliegen: Lasioptera rubi HEEG. Diese kleine Fliege legt ihre Eier in die noch krautartigen Schößlinge der Himbeerbüsche. Durch den Fraß der jungen Maden entstehen längliche Anschwellungen (Stengelgallen), die man sehr häufig an Himbeerstengeln wahrnimmt. Im Frühling fliegen die fertigen Insekten aus den mittlerweile verholzten Gallen aus.
4. Schnabelkerfe: Aphis rubi KALT. an Rubusarten, besonders an den Blättern, seltener auch an den krautartigen Stengeln.
Beschreibung. Die Himbeere ist keine Beere, sondern eine Sammelfrucht, die aus einer Gruppe von Fruchtknoten hervorgeht, die in einer Blüte vereinigt sind. Jedes einzelne Früchtchen ist eine Drupa mit saftigem Mesocarp und sklerotischem, beim Herauslösen des Samens an diesem als grubige Hülle haften bleibendem Endocarp. Die 20–50 Einzelfrüchtchen liegen auf dem Fruchtboden so dicht nebeneinander, daß sie sich gegenseitig abplatten. Sie sind behaart und tragen noch den c. 4 mm langen, etwas unter dem Fruchtscheitel inserierten Griffel. Die schön rote (seltener gelbliche) Sammelfrucht löst sich als hohles, halbes Ellipsoid von dem an dem Stiel bleibenden Fruchtboden ab, der an seiner Basis die Reste des Kelches und der Stamina trägt. Die abgelöste Himbeere sieht aus wie ein umgestülpter Topf und die chinesische Bezeichnung fu-pau-tsze heißt denn auch «umgeworfene Schüssel».
Die Himbeere reift im Juli oder August. Nur die roten werden verwendet, die weißen und gelben sind Albinoformen. Die aromatischeren, duftreicheren Waldhimbeeren werden bevorzugt.

Fig. 22.
Rubus strigosus.
I. Sammelfrucht in nat. Gr. II. Querschnitt durch ein Früchtchen. Epi Epidermis. Hy Hypoderm. Mes Fruchtfleisch. F Steinschale (Endocarp). S Samenschale. R Raphe. E Endosperm. Em Embryo. III. Steinkern in natürlicher Größe. IV. Derselbe 8fach vergr.
[Nach A. L.
Winton
.]

Fig. 23.
Rubus strigosus.
Steinschale und Randschicht des Samens im Querschnitt. End Endocarp. S Samenschale. E Endosperm.
[Nach A. L.
Winton
.]
Lit. BAILEY, the evolution of our native fruits. London 1898. — FLÜCKIGER, Pharmakognosie. — ARECHOUG (Über d. Abstam. u. d. Verwandtsch. d. Rub. idaeus). Journ. of bot. 1873 (Bot. Jahresber. 1874). — Abbild. in BERG-SCHMIDT, Atlas d. offiz. Pfl. 2. Aufl. Taf. 64 (dort die florist. Lit.). — PABST-KÖHLER, Medizinalpfl. Taf. 43. — HAYNE, Arzneipfl. III t. 8 u. and. — Über die schwierige Gattung Rubus vgl. auch FOCKE in Engler-Prantl, Pflanzenfam.
Anatomie. Das Pericarp ist von einer aus polygonalen Zellen bestehenden Epidermis bedeckt, die Spaltöffnungen und an den freien Flächen der Frucht lange einzellige Haare in großer Zahl trägt, die so stark verfilzt sind, daß sie der Oberfläche ein sammetartiges Aussehn verleihen. Unter der Epidermis liegt eine Schicht kollenchymatischer Zellen. Das Mesocarp (Fruchtfleisch) besteht zu äußerst aus kristallführenden, vorwiegend aber aus radial gestreckten dünnwandigen Parenchymzellen, das sklerotische Endocarp aus zwei Schichten, einer die höckerige Beschaffenheit der herausgelösten «Steinkerne» bedingenden, ungleich breiten, äußeren Schicht, die aus längsgestreckten und einer schmalen inneren Schicht, die aus vorwiegend quergestreckten Zellen besteht. Die Richtungen der Zellen der beiden Schichten kreuzen sich also.
Die zarte Samenschale ist stark zusammengefallen, besonders in der Nährschicht. Nur die Epidermen pflegen gut erhalten zu sein. Das Perisperm, der Nucellarrest, bildet eine schmale helle Zone. Das Endosperm dagegen ist mehrere Zellreihen dick. Die kleine Radicula liegt an der Spitze des Samens. Die großen oblongen, plankonvexen, fleischigen Cotyledonen bilden die Hauptmasse des Samens.
Der erhalten bleibende lange Griffel ist am Grunde verbreitert und dort behaart. Die Epidermis ist kleinzellig, das Gewebe enthält Oxalatdrusen.
Lit. TSCHIERCKE, Beitr. z. vgl. Anat. u. Entwicklungsg. einiger Dryadeenfr. Zeitschr. f. Naturw. 1886. — WINTON, Beitr. z. Anat. d. Beerenobstes. Zeitschr. Unters. Nahr.- u. Genußm. 1902 (auch Rep. Connect. Agr. Exp. Stat. 1902) (mit zahlr. Abbild.). — MOELLER-WINTON, Nahrungs- u. Genußm. 2. Aufl. (mit Abbild.). — VILLIERS ET COLLIN, Altérat. et Falsific. d. subst. aliment. 1900. — MARPMANN, Beitr. z. mikrosk. Unters. d. Fruchtmarmelad. Zeitschr. angew. Mikrosk. 1896.
Chemie. Die frischen Früchte liefern c. 70 (67–78)% Saft, der sich durch Gärung klärt. Frische Himbeeren enthalten im Mittel 4,38–4,7% Invertzucker (das Verhältnis von Lävulose zu Dextrose ist wie 4,6:2,5), keinen oder wenig (0,72 bis 2%, BUIGNET: 0,95%) Rohrzucker, Apfel- und Zitronensäure: 1,48% freie Säure (auf Apfelsäure berechnet). Auch Ameisensäure ist nachgewiesen und sehr kleine Mengen Salicylsäure (wohl als Methyläther, TRAPHOGEN), 1,45% Pektinsubstanzen, 2,08% Pentosane, 0,32% Asche (enthält viel Kali und Phosphorsäure, GOESSMANN). In der Trockensubstanz finden sich im Mittel 35,82% Zucker. Waldhimbeeren sind ärmer an Zucker als Gartenhimbeeren. Sie enthalten davon nur c. 2,8–3,5% (GALLENCAMP, ZERVAS, SEIFFERT). Im Himbeersaft werden neuerdings Zitronensäure (0,65–0,75%) und Weinsäure (0,18–0,22) angegeben (KAYSER 1906). PABST erklärte Apfelsäure und Zitronensäure als vorherrschend. SCHEELE fand Zitronensäure und Äpfelsäure etwa in gleichen Mengen, BLEY im Verhältnis 8 : 13. Das Aroma (der Riechstoff) scheint ein Fettsäureester zu sein.
Aus dem destillierten Aqua Rubi idaei scheiden sich Flocken ab, die ausgeäthert in kleinen Blättchen erhalten werden können, die in Alkohol und Äther und auch in Wasser und Kalilauge sich lösen (BLEY).
Die fast regelmäßig im Himbeersaft auftretende Nachtrübung ist auf mikrokristallinische Abscheidung von Ellagsäure zurückzuführen (KUNZ-KRAUSE und SCHWEISSINGER).
HEFELMANN fand in frischen Preßsäften sächsischer und werderscher Himbeeren im Mittel 0,437% Asche, die Alkalinität der Asche war = 5,64 ccm Normallauge. Das Verhältnis von Asche zur Alkalinität sinkt nicht unter 1 : 10 herab (BEYTHIEN und WATERS). Die freie Gesamtsäure betrug 1,561% (auf Apfelsäure berechnet). Der Alkoholgehalt 2,99%. PABST fand im Liter Saft 46 g Lävulose und 25 g Dextrose.
Die freie Säure beträgt in vergorenem Himbeersaft im Mittel 1,836% (auf Apfelsäure berechnet), die flüchtige Säure, auf Essigsäure berechnet, im Mittel 0,359% (SPÄTH), die Asche 0,515%.
Der Farbstoff ist nicht näher untersucht. Er ist in der Pflanze im Zellsaft gelöst, gehört also zur Gruppe der Anthocyane MARQUARTS und zwar zur Gruppe des Weinrots. Er ist mit dem Weinrot selbst verwandt (PABST). Der Himbeerfarbstoff gibt im Spektrum zwei nicht scharf getrennte Bänder, eins bei E und ein zweites zwischen b und F, die aber bald zu einem breiten Bande zwischen D½ E und F zusammenfließen (V. LEPEL). Ausgepreßter Himbeersaft entfärbt sich mit der gleichen Menge Salpetersäure (spez. Gew. 1,2) gemischt erst nach 2–3 Tagen. Äther, Essigäther, Amylalkohol, Chloroform nehmen den Farbstoff nicht auf. Bleiessig gibt mit Himbeerpreßsaft einen starken grünen Niederschlag, das Filtrat ist schwach gelblich. Vergleiche zwischen den Reaktionen der Farbstoffe der Himbeeren, Kirschen und Heidelbeeren stellten VAN DEN DRIESSEN-MAREEUW, SPÄTH u. and. an (vgl. Jahresber. d. Pharm. 1900, S. 588). Über Nachweis von fremden Farbstoffen im Himbeersaft vgl. RIEGEL (Pharm. Zeit. 1897, S. 247).
Der mit Wasser verdünnte Himbeersirup gibt, der Kapillaranalyse unterworfen, eine untere, schwach schmutzigviolette, c. 2,8 cm breite und eine darüber liegende, fast farblose, steif anzufühlende Zone. Nach Zusatz von etwas Fuchsinlösung erhält man eine 3 cm breite, schmutzigviolette Zone, darüber 0,15 cm lebhaft fuchsinrot mit violettem Stich, 1,1 cm hell fuchsinrot und zu oberst 5,5 cm rötlicher Schein (GOPPELSRÖDER).
In den Himbeerkernen sind 14,6% eines fetten, stark trocknenden Öles enthalten, welches Linolsäure, Linolensäure, Ölsäure und Isolinolensäure enthält (KRIŻIŻAN).
Lit. KÖNIG, Nahr.- u. Genußm. — BLEY, Arch. Pharm. (2), 13 (LII). — REICHARDT (SEYFFERT), Arch. Pharm. (3) 12 (1879). — Analysen von GALLENKAMP (1854) und ZERVAS (1855) in Jahresber. d. Chem. 1857, S. 636. — GOESSMANN, Amer. Chem. Journ. 1. — BUIGNET, Ann. chim. et pharm. (3) 61 (1861). — TRAPHOGEN und BURKE, Journ. Amer. chem. soc. 1903 (Pharm. Zeit. 1903, S. 323). — HEFELMANN, Zeitschr. f. öffentl. Chem. 1905. — BEYTHIEN u. WATERS, Zeitschr. f. Unters. d. Nahr. u. Genußm. 1905. — V. LEPEL, Über d. Verhalt. v. Fruchtsäften verschied. Alters gegen Reagent. Zeitschr. Anal. Chem. 1880 (dort auch die Spektren der Reaktionen). — H. W. VOGEL, Spektralanalyse. — (Farbstoff) PABST, Bull. soc. chim. 1885 und VAN DEN DRIESSEN, Ned. Tijdschr. 1900. — KUNZ-KRAUSE u. SCHWEISSINGER, Apoth. Zeit. 1907, S. 825.
Über Himbeersaft vgl. die zahlreichen Arbeiten in den Zeitschriften für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel.
Geschichte. Aus den Pfahlbauten sowohl der neolithischen wie der Bronze-Periode kennen wir Steinkerne der Himbeeren (BUSCHAN). Die Himbeeren und Brombeeren der Pfahlbauer stammten jedenfalls von wildwachsenden Pflanzen (HOOPS). — βάτος war bei den Griechen die Himbeere und die Brombeere, βάτος ἰδαία (bei DIOSKURIDES) vielleicht die Himbeere (FRAAS), benannt nach dem Berge Ida (entweder der Psiloriti auf Candia, wo aber jetzt keine Himbeeren mehr wachsen, oder der Kaz dagh in Nordwest-Kleinasien, FLÜCKIGER). βάτος ἀκανθώδης des THEOPHRAST war möglicherweise auch Rubus idaeus, jedenfalls βάτος ὀρθοφυής. Rubus idaeus steht schon bei PLINIUS, ob aber damit unsere Himbeere gemeint ist, wie FRAAS will, ist fraglich. Bei den arabischen Schriftstellern fehlt sie, ebenso bei der HILDEGARD (I, S. 667) und bei ALBERTUS MAGNUS (I, S. 672). Der Rubus der Alphita ist wohl die Brombeere (s. d.). Ob die Griechen und Römer unsere Himbeeren benutzten, ist nicht ganz sicher. Das Mittelalter beachtete sie nicht. CORDUS (Dispensatorium I, S. 800) benutzte die Früchte (Mora Rubi idaei) neben Maulbeeren und Erdbeeren zum Rob Diamoron. Der Syr. rubi idaei scheint zuerst von GESNER (Epistolar. medicin. libr. III, vgl. I, S. 847) dargestellt worden zu sein, den seine herrliche Farbe, sein höchst angenehmer Geschmack und Geruch entzückten (vgl. FLÜCKIGER, 3. Aufl. S. 862). Die Pflanze beschrieben BOCK, FUCHS, CORDUS. BOCK gab eine Abbildung. In BAUHINS Pinax heißt sie Rubus idaeus spinosus.
Fructus Rubi fruticosi.
Syn. Brombeere — baie de ronce (franz.) — blackberry (engl.) — braambes (holl.) — heggi málna (ung.).
Brämel, Bramel, Brambla, Brombesing, Haiper, Swartjebeere; angels.: brēmbelaeppel, braemelberian, blace berian, — arab.: ullaik, ʿullaiq, ollaik (bei IBN BAITHAR). Dieser Name umfaßt aber wohl, ebenso wie bâthus, thut elwahschi, auch die Himbeere; — brema, brama (HILDEGARD), kratzen, bramenbeer (CORDUS), prumen, brambernstruch (Ort. san.), prauper (MEGENBERG) — chin.: hiuen-tiau-tsze.
Stammpflanze und systemat. Stellung. Rubus fruticosus L. mit vielen Spielarten, oder in verschiedene Arten aufgelöst. Rosaceae, Rosoideae — Potentilleae — Rubinae.
Etym. Rubus im Latein. Kollektivum für verschiedene (dornige) Sträucher; vielleicht von ῥάπτειν stechen, unwahrscheinlicher von reber = rot, denn nur die unreife Frucht der Brombeere ist rot; aber auch das franz. ronce ist wohl verwandt mit rouge = rot; mures ist wohl von μαυρός schwarz, wegen der schwarzen Farbe der reifen Frucht, abzuleiten. Das Gleiche sagt das englische blakeberien, blackberry (KANNGIESSER). Der Name Brombeere von mhd. brame = Dorn deutet auf die dornige Beschaffenheit, ebenso das englische bramble und das niederländische brambezi. — mhd. brâmber, ahd. brâmberi, eigentlich die Beere «einer Dornart», ahd. brâmo, mhd. brâme (auch «Dornstrauch» überhaupt, KLUGE). Im Mittelalter finden sich auch die Namen morus rubi, citromora, batus (in der Alphita = Rubus ferens mora, bedegar) mora bati, mora silvatica, dumus, genesta, Morabati, Vepres.
Rubus fruticosus, die europäische wilde Brombeere, die über Europa und Asien verbreitet ist, findet sich in Nordamerika weder wild noch in Kultur. Dort wird sie vertreten durch Rubus villosus AIT. (kriechende Brombeere, Taubeere), Rubus canadensis L. (dornenlose Brombeere) und Rubus nigrobaccus BAIL. (große oder Buschbrombeere, gemeine amerikanische Buschbrombeere). Rubus nigrobaccus var. sativus BAIL. ist der Stammvater der meisten Gartenvarietäten.
Beschreibung. Die Brombeere ist der Himbeere (s. d.) ähnlich gebaut, doch sind die Früchtchen kahl und dem Fruchtboden angewachsen. Die Brombeer-Sammelfrucht löst sich also nicht so leicht von diesem ab wie die Himbeere. Die Epidermiszellen der Fruchtwand sind gestreckt. Die Griffel sind kürzer (c. 2 mm lang) und kahl. Sie verbreitern sich an der Basis nicht. Die «Steinkerne» sind meist (doch schwankt dies nach den Spielarten) etwas kürzer und dicker als bei der Himbeere, was schon HEER zur Unterscheidung der Pfahlbaufunde benutzte. WINTON gibt umgekehrt an, daß sie größer seien.
Die Sammelfrüchte von Rubus caesius L. bestehen meist nur aus wenigen Früchten. Sie sind blauschwarz und hellblau bereift. Die geruchlosen, säuerlichen Sammelfrüchte von Rubus saxatilis bestehen aus 3–7 ziemlich großen, scharlachroten Früchten.
Pathologie s. bei Rubus idaeus.
Chemie. Frische Brombeeren enthalten im Mittel 5,3% Invertzucker, wenig (0,48%) oder keinen Rohrzucker, 0,77% freie Säure (auf Apfelsäure berechnet), 1,44% Pektinstoffe. In der Trockensubstanz finden sich im Mittel 40,17% Zucker.
Der Blackberry-Farbstoff ist in seinen Reaktionen von KRAEMER studiert worden (vgl. The origin and nature of color in plants. Proc. amer. philos. soc. XLIII.).
Die Brombeeren enthalten auch sehr kleine Mengen Salicylsäure, wohl als Methylester (TRAPHOGEN und BURKE).
Geschichte. Einige nehmen an, daß der brennende Busch (seneh) des Moses ein Brombeerstrauch gewesen sei (ROSENMÜLLER). Da der Strauch in Griechenland häufig ist, war er HOMER, THEOPHRAST und DIOSKURIDES bekannt. βάτος; (= Dornstrauch) umfaßte auch die Brombeere. βάτα heißt sie noch im heutigen Griechenland. Batus seu Rubus findet sich auch in den Spuria MACRI (I, S. 626). PLINIUS erwähnt die Brombeere. PALLADIUS gibt (De re rustica XIV) eine Vorschrift für Brombeergelée. Aus den Pfahlbauten der neolithischen Periode kennen wir Brombeersteinkerne. Bei SCRIBONIUS LARGUS (I, S. 578) und CELSUS (I, S. 588) steht Rubus. Morus fructus, Mora rubi, blakeberien, Rubus ferens mora in der Alphita (I, S. 657) waren wohl Rubus fruticosus, ebenso batus der Sinonoma. In SERAPIONS Tabula steht Rubus neben Rubus canis, bei ALBERTUS MAGNUS heißt die Brombeere Ramnus (!), bei HILDEGARD steht brema. Der Succus mororum Rubi des CORDUS ist Brombeersaft. Das im ganzen Mittelalter sehr geschätzte, auch in KARLS Capitulare erwähnte Getränk moratum wurde aus Brombeeren, Honig und Wein bereitet mit einem Zusatz von Gewürzen (FISCHER-BENZON, Gesch. uns. Beerenobstes. Bot. Centralbl. 1895).
Lit. GODFRIN, Etude histol. sur les Tégum. semin. d. Angiosp. Soc. d. scienc. Nancy 1880. — WINTON, Beitr. z. Anatom. d. Beerenobstes. Zeitschr. Unters. d. Nahr.- u. Genußmittel 1902 u. Connect. Agric. Exp. Stat. 1902. — LAMPE a. a. O. — TRAPHOGEN u. BURKE, Pharm. Zeit. 1903, S. 323. — MOELLER-WINTON a. a. O. — KÖNIG a. a. O. — Die ältere chem. Literatur in JOHN, Tabellen.
Fructus Cerasi acidi.
Syn. Sauerkirsche, Weichselkirsche, Morelle. — cerise (franz.) — cherry (engl.) — ciliegia (ital.) — zure kers (holl.) — kirsikka (finn.) — καρπός ὀξίνων κερασίων (n.griech.).
Etym. Kirsche mhd. Kirse, alam. chriesi (s in sch umgebildet), ahd. Kirsa «stammt sicher nicht aus lat. cerasum, sondern, wie die verwandten roman. Worte, aus einem ceresia», mlat. cerésea. Die Entlehnung des hd. fällt wohl vor das VII. Jahrh. (KLUGE). Im Gothaer Arzneibuch (I, S. 680) steht noch Kersebere. Weichsel ist (nach HOOPS) der alte vorrömische deutsche Name der einheimischen Vogelkirsche, der auch nach Einführung der römischen Kulturkirsche an der wilden Kirsche haften blieb.
Stammpflanze und systemat. Stellung. Prunus Cerasus L. (LINNÉ, Spec. plant. edit. I, 474). Rosaceae, Prunoideae. Untergattung Cerasus (Mischling von Süß- und Sauerkirsche?).
Man unterscheidet von der sauren Kirsche zwei Varietäten (von EHRHART 1792 als Arten betrachtet und wohl auch als Cerasus acida GÄRTNER und Cerasus austera LEIGHT unterschieden): α. acida EHRH. (Glaskirsche) mit farblosem Safte (Unterarten und Varietäten in ASCHERSON-GRÄBNER Synopsis) und β. austera EHRH. (schwarze, saure Kirsche). Die saure Kirsche (Pr. Cerasus) wächst sicher wild in Transkaukasien, wird aber auch in Macedonien, am Bithynischen Olymp und am Kaukasus angegeben. In Mitteleuropa ist sie verwildert. Ihre Kultur erstreckt sich über Europa und die Vereinigten Staaten. Die wilde süße Kirsche (Pr. avium) war schon in vorgeschichtlicher Zeit in Europa heimisch (ENGLER).
Beschreibung. Die Kirsche ist ein relativ kleiner Baum mit gerundeter Krone. Die Langtriebe der sauren Kirsche sind unfruchtbar, die gestielten Früchte werden an der Spitze von in den Blattachseln stehenden gestauchten Kurztrieben erzeugt. Die Blüte besitzt nur einen Fruchtknoten. Aus ihm entsteht eine niedergedrückt kugelige Steinfrucht von meist braunschwarzer Farbe und purpurrotem Mesocarp. Das sklerotische Endocarp umschließt den Samen und bildet mit ihm den kugeligen harten «Steinkern» der Früchte. Der Same besteht aus den zwei plankonvexen Cotyledonen und einem kurzen Würzelchen.
Pathologie. Prof. ED. FISCHER berichtet über die pflanzlichen Schädlinge: Auf Prunus Cerasus ruft Sclerotinia cinerea (BON.) SCHROETER ein Absterben der Laubtriebe und Blütenstiele hervor, kann aber auch Fäulniserscheinungen der Früchte bewirken. Es entwickelt sich dabei eine Nebenfruchtform des Pilzes in Gestalt von grauen Schimmelpolstern (Monilia cinerea BON.) (siehe WORONIN, Über Sclerotinia cinerea und Sclerotinia fructigena, Mém. Acad. St. Petersbourg Ser. VIII, T. 10, 1900).
Gnomonia erythrostoma (PERS.) AUERSW. befällt zwar fast nur die Süßkirsche, seltener die Sauerkirsche. Es entwickelt sich dieselbe auf den Blättern und Früchten, letztere in ihrer Entwicklung hemmend und zum Absterben bringend, und überwintert in den am Baume hängen bleibenden dürren Blättern, wo im Frühjahr seine Ascosporen reifen, und aufs neue Blätter und Früchte befallen. Besonders intensiv trat diese Krankheit in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts im Altenlande bei Hamburg auf (B. FRANK, Die jetzt herrschende Krankheit der Süßkirschen im Altenlande. Landwirtschaftliche Jahrbücher XVI, 1887).
Fusicladium Cerasi RABENH. bringt auf den noch grünen Kirschen mißfarbige Flecke hervor und kann zur Folge haben, daß sie im Wachstum zurückbleiben und abdorren. — Fäulniserscheinungen an Kirschen werden auch durch ein Gloeosporium hervorgerufen.
Über die tierischen Schädlinge von Prunus-Arten (Prunus armeniaca L., spinosa L., cerasifera EHRH., domestica L., insititia L., avium L., cerasus L., chamaecerasus JACQ., mahaleb. L., padus L., Persica vulgaris MILL,) berichtet ISRAËL:
Die Zahl der auf Prunusarten lebenden Insekten ist sehr groß. Als die wichtigsten Insekten seien folgende angeführt.
1. Käfer: Phytoëcia cylindrica L. Larve in dürren Zweigen von Obstbäumen, auch in alten Ballonkörben. Saperda scalaris L. Larven in frischen Trieben von Kirschbäumen und anderen Laubhölzern. Liopsus nebulosus L. Die Larve dieses Bockkäfers lebt im Splinte von Kirschbäumen, auch in anderen Obstbäumen. Anthonomus druparum L. Die Larven dieses Rüsselkäfers leben in den Blüten und Früchten von Prunus cerasus u. Pr. padus. Magdalinus cerasi L., M. pruni L. und andere Magdalinusarten leben als Larven unter der Rinde abständiger Schlehen, Kirschen, Quitten, Pflaumen, Äpfel und anderer Obstbäume, auch oft in trocknen Ästen. Phyllobius pyri L., P. argentatus L., P. oblongus L. und andere Phyllobiusarten schaden als fertige Rüsselkäfer den Kirschen- und Pflaumenbäumen oft sehr durch das Benagen und Ausfressen der Knospen. Rhynchites cupreus L., R. bacchus L., R. alliariae L. und andere Rhynchitesarten leben als Larven in den unreifen Früchten von Kirschen, Pflaumen, Äpfeln, Traubenkirschen, Aprikosen, Mispeln, Ebereschen usw. usw. Rhinosimus planirostris FABR., Larven in dürren Zweigen von Kirschen, Pflaumen, Aprikosen, Schwarz- und Weißdorn. Eccoptagaster pruni RATZB., E. rugulosus RATZB., Larven dieser Splintkäfer gerne in Apfel-, Pflaumen-, Quitten-, Pfirsich- und anderen Obstbäumen, auch Kirschbäumen. Polygraphus pubescens FABR. Larve im Splinte von Kirschbäumen, auch oft in verschiedenen Koniferen. Bostrychus chalcographus L., B. dispar. FABR. und andere Borkenkäfer leben nicht nur in Nadelhölzern, sondern auch in rückgängigen Laubhölzern des Waldes und der Gärten. Valgus hemipterus L., Larve in Prunusarten und Weiden; auch in Johannisbeerstöcken.