Sonntag, 13. Oktober 1889.
Reading edition
Liebe Bergliot, das Haus ist noch immer voll von Gästen; Peter und Laura, Sigurd und Lina, Frau Mejdell, Frau Lunde und Elisabeth Konow sind alle hier.
Daß Du es entgelten mußt, das kann nicht anders sein. Du mußt einen Ersatz dafür in Erlings und Annas Besuch diese Woche sehen. Morgen abend (Montag) reisen sie von Kristiania ab.
Also am Hochzeitstag war gutes Wetter mitten in der Regenzeit. Gutes Wetter, klarer Himmel für die Flaggen. Am Abend vorher waren Sigurd und Lina gekommen und Peter und Laura und Arvesen; so daß das Haus in Festlichkeit erwachte; und die Flaggen verkündigten es sofort; auch Bö hatte geflaggt.
Um halb eins kamen die Gäste, alle in Wagen mit zwei Pferden, Fyksens und Annas Eltern, Konows, Amtmanns, Börresens, der Landrichter und Lundes. Ohne Verzug ging es zur Trauung. Hier im Arbeitszimmer war alles hergerichtet (das beschreibt Mutter). Die Leute vom Gut waren auch da, und als die beiden treuherzigen, lieben, jungen Menschen sich erhoben und „Ja“ sagten, da brachen wir alle, die ihnen die nächsten sind, in Tränen aus, und ich weine jetzt wieder, während ich das schreibe. Die Handlung war feierlich, nicht ein unwahres Wort dabei. Und der alte Mejdell so rührend, und stellte die Fragen an Erling wie an einen Sohn, mit „Du“ und mit solcher Wärme und Teilnahme! Und Anna war so unglaublich niedlich in ihrem schwarzen Atlaskleid und so freudig und so gerührt. Und das waren wir samt und sonders. Wir waren mit einemmal eine Gemeinschaft.
Keines von uns vergißt den Tag; er hinterließ eine Stimmung, von der wir noch heute zehren. — Aber ich muß Dir noch vom Essen erzählen, es war so angeordnet, daß jede einen Tischherrn hatte (Inga, Elisabeth, Cäcilie Mejdell und Dagny die Kätner), da sagte Ole Dokken, wie er so dasaß, mit einemmal zu seiner Dame, Inga, so daß es alle hörten: „Nee, nu muß ich ’n bißchen raus“, und damit ging er ab und kam kreuzvergnügt und harmlos wieder herein. Seitdem heißt es hier im Hause: „Nee, nu muß ich ’n bißchen raus!“ jedesmal, wenn einer aufs Örtchen muß. Und dann muß ich Dir erzählen, daß das Tintenfaß, das beim Unterschreiben des Kontrakts benutzt wurde und ebenso die Feder (eine Goldfeder mit Diamantspitze) meine Jubiläumsgeschenke waren, und wir machten aus, Du und Dagny dürften sie auch benutzen. Und der Brautschleier war Mutter ihrer, und den sollt ihr, Du und Dagny, auch tragen.
Elisabeth, Inga und Dagny machen einen Heidenlärm über mir, ich kann fast nicht schreiben. Nein, ist diese Inga eine Perle! So ein gediegener, verständiger, guter, entzückender Mensch! — Na, ich weiß ja, Du erfährst alles mündlich, also will ich lieber einen langen Spaziergang machen mit Peter und Sigurd, anstatt mit Dir zu schwatzen heute. Mir ist auch so weinselig im Kopf. Dein letzter Brief gab ein Bild davon, daß Du Dich über Deine Fortschritte freust. Erzähl’ etwas von Deinen Klassenkameraden, und wie es dort zugeht. Singt Ihr Euch gegenseitig vor? Wie lange dauert es dann? Ihr müßt also mehrere Stunden hintereinander da sein?
Dein bester Freund, Dein Vater B. B.