Aulestad, 12. Dezember 1888.
Reading edition
Liebe, süße Bergliot, Dank für den Geburtstagsgruß und Dank im voraus für die Büste. — Du schreibst, daß ich zu streng bin gegen Dr. N. N. Ja, wieso? Ein besseres, edleres Gemüt gibt es nicht; und eine Begabung, so fein und groß und so reif für allumfassendes Denken, daß sie Seltenes leisten könnte. Und eine Liebenswürdigkeit, eine Süße in Wesen und Augen und Lächeln, die ihn unsterblich macht bei allen, über die er sein Bild ausgegossen hat.
Aber vor lauter Selbstreflexion so unsicher, so zersplittert von eitler Gefallsucht, so eingenommen von seinen eignen Einfällen in Selbstbewunderung und der Bewunderung anderer, daß er vor sich selber nicht mehr zur Ruhe kommt. Und, um immer in günstiger Beleuchtung zu stehen, so unwahr, daß er nicht zwei Personen dasselbe erzählt! Er kann sich große Mühe geben, um etwas zu erreichen; aber hat er es erreicht, so ist er dessen in der Regel überdrüssig. Er kann sich auch um einer Laune willen wegwerfen. Eine derartig unruhige Natur ist nie über den Augenblick hinaus glücklich und wird seine Umgebung mit sich reißen. Ja, ich könnte noch lange so weitermachen. Es gibt wenige Menschen, die ich so lieb haben kann, wie solche einschmeichelnde Begabungen, die die des Geistes und des Herzens in gleich hohem Grade besitzen. Aber während ich ihn genieße, weiß ich, daß er meiner bereits müde ist. Und das Gefühl läßt niemals eine Sicherheit aufkommen.
Es hat mich geärgert, daß Du um Dein Kirchenkonzert gekommen bist. Aber es findet sich wohl etwas anderes für Dich, damit Du den Mut zum Auftreten gewinnst. Du vergißt zu erzählen, wie es mit Deinen Trillern geht? Ob Du es erfaßt hast? Hierzu — besonders aber zu der Fertigkeit, den Ton sicher eine Oktave zu schleudern, — dazu gehört eine Hundearbeit für Deine Art Stimme! Und das erfordert eine raffiniertere Natur als die Deine; denn es liegt wenig oder gar keine Virtuosenbegabung in unserer Familie — von meiner Seite eine alte Bauernsippe, und von Mutters Seite ein Gelehrten- und Handwerkerstamm. Soll sie aber trotzdem erreicht werden, so muß den Mangel an Vererbung die unglaublichste Arbeit ersetzen. Und die unermüdliche und doch vorsichtige Art, wie Du es anpackst, muß, glaube ich, zum Ziele führen. — Danke für Zola! Das ist recht! Kaufe alles, was Aufsehen macht! Hast Du je einen Menschen gekannt wie „die Frau vom Meere“? Was? — Süße Bergliot, laß uns bald von Dir hören.
Dein Freund Vater.