22. September 1889.
Reading edition
Wahltag in Paris; wenn er bloß gut abläuft.
Lieber, lieber Schatz, Du mußt doch nicht immer die wechselnde Laune eines anderen Menschen so tragisch nehmen, wie Du’s bei Madame Marchesi getan hast, oder es so auffassen, als sei nun alles, was ein anderer sagt, auch seine endgültige Meinung. Du mußt von Dir selbst wissen, wie leicht Deine eigne Meinung wechselt nach Deinen eignen Stimmungen, und selbst die stärksten Menschen sind nicht immer so neutral, so selbständig unbeeinflußt, daß ihr Urteil völlig ihr eignes ist. Stell’ Dir vor, Du kommst bei Madame Marchesi an die Reihe nach einer Stimme, die wie ein Meer von Klang ist? Dann hast Du ja eine „kleine“ Stimme; stell’ Dir vor, daß dieses Meer oder etwas andres Privates sie geärgert hat, — dann sagt sie Dir, daß Du „eine kleine“ Stimme hast. Das hast Du ganz und gar nicht. Zu den „großen“ gehört sie nicht; aber sie wird (wenn sie nie forciert, nie bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angespannt wird, sondern immer in vollem Wohlklang ist) sich überall groß genug anhören, sei es in der Oper oder im Volkskonzert; ihre intensive Klarheit wird es schon mit weit größeren Stimmen aufnehmen können.
Auch ich, wenn ich die Stimme zum erstenmal hörte und von allem Persönlichen in ihr und in Dir absähe, würde sagen, ganz unbedingt sagen: es ist eine lyrische Stimme, keine dramatische. Kannst Du Dich erinnern, wie ich Dir sagte, Madame Marchesi würde zweifellos den Versuch machen, sie für die feinsten Sachen auszubilden? Und Du würdest deshalb jedenfalls zwei Jahre bei ihr singen müssen statt einem? — Sei ganz sicher, — an dem Tage, an dem sie Dich frei von der Leber weg hat singen hören oder überhaupt Dich richtig erfaßt hat — wenn auch nur als Persönlichkeit — wird sie ihre Ansicht ändern. Vorläufig ist es ja auch ganz gleichgültig für Dich, was sie über Deinen zukünftigen Beruf denkt. Richte Du Dich ein, wie es Dir nach Deinem eigenen Gefühl am besten erscheint; nimm Unterricht in Plastik usw.
Die Hauptsache ist ja doch, daß Du Dich vervollkommnest in der Gesangskunst, und das kannst Du am leichtesten, am allseitigsten (jedenfalls was das Technische betrifft) als „lyrische“ Sängerin. Dein Temperament, Deine ganze Veranlagung weisen Dich auf den Weg zur Oper; und den betrittst Du, wann Du selbst es willst, — hast Du erst die ganze Kunst, die ganze, ganze Kunst bis ins Feinste und Letzte weg. Und dahin mußt Du kommen!
Selbst das ärgert Dich, daß sie will, Du sollst ganz im kleinen anfangen. Natürlich geschieht das deshalb, um die Fehler in Deiner Stimme zu packen. Es sind Töne da, die Du nicht so frei nimmst wie andre Töne, die Du quetschst; z. B. mit dem „l“, in das Du ein „i“ oder was Ähnliches hineinbringst, ehe Du es nimmst. Übrigens habe ich nie von einem Musiklehrer gehört, der nicht von seinen Schülern verlangt hätte, sie sollten wieder von vorn anfangen; da ist sicher auch viel Wichtigtuerei mit im Spiel!
Du mußt es bei Dir selbst fühlen, Bergliot, was wir, die Dich hören, wissen: daß in Deiner Stimme etwas ist, das durch seine Klarheit, seinen Ausdruck, seinen Liebreiz bezaubert oder „vertrollt“, wie es auf norwegisch heißt. Und auf dem Ankergrund dieses Bewußtseins sollst Du Deine Arbeit befestigen, daß niemand daran rütteln kann. Du sollst Dich ruhig und sicher rüsten für Deine Fahrt —, wohin sie führt, wird sich schon zeigen. Daß Du aus Deinen ganz besonders schönen Mitteln gemacht hast, was sich daraus machen läßt, darauf kommt es an; denn dadurch hast Du selber Sicherheit und wir anderen Gewißheit. Wenige müßten sich so glücklich und arbeitsfreudig fühlen wie Du, Bergliot.
Hier ist mannigfarbiger Herbst, schöner denn alle andre Jahreszeit. Von den gemütlichen, warmen Stuben aus sehen wir ihn oder wir genießen ihn auf Spaziergängen. Sonntagmorgen; Mutter just aus dem Bett, Großmutters Geburtstag, alle Flaggen gehißt, Sonnenwetter, aber noch im Morgennebel; oben Dagny und Inga im lustigsten Vogelgezwitscher, Großmutter kommt eben strahlend heraus, ich laufe und küsse sie, und wieder hinein zu Dir, um es Dir zu erzählen. Erling, mit dem ich zusammen gefrühstückt habe, ist mit seinen zwei Hunden unten auf dem Schießstand (eben kommt er heim); Hermann Anker hat ihm seinen feinen Hühnerhund „Lord“ geschenkt. Alles auf dem Hofe eingeherbstet, die Felder herbstgrün, Pferde und Vieh draußen zum Morgengetummel; Dienstag kommt die Herde von der Alm zurück; aller Almsegen ist eingebracht.
Dein Freund Vater.