Juni 1889.
Reading edition
Liebe Bergliot, wir sind ganz entsetzt, daß Du in dieser Sonnenhitze von Pontius zu Pilatus rennst nach Zeugnissen; im nächsten Brief bist Du wohl gar bei Präsident Carnot und Madame Marchesi gewesen. Vom Champ de Vincennes nach tour d’Eiffel und Mad. Viardot! Und Du behauptest, Du seiest nervös? Das glaube ich; das wird man von weniger! Allein die arme Madame Lürig läßt Du sitzen und sich die Nägel kauen. Und im übrigen heidi — in einem cours triomphal! Hast Du nie Deinen alten Drachen mit oder ihren Hund oder ihr Dienstmädchen? Läufst Du allein umher? Nein, es ist ja wahr, Mad.selle Breslau war ja einmal mit, und ein andermal eine geheimnisvolle englische Dame, und in Vincennes Cavling, jedesmal weranders! Ich hoffte, von Sansots zu hören; aber nicht ein Wort! — Du bist so betriebsam geworden, daß, wenn jemand mir erzählte, Du hättest vor Ambroise Thomas gesungen in Gegenwart des Schahs von Persien, ich es für ganz wahrscheinlich halten würde. Du endigst mal als Operndirektrice; der unternehmende Geist Deiner Mutter ist in Dir wiedergeboren, und sie hätte eigentlich das Bon marché oder Les grands magasins du Louvre leiten sollen. — Unsre Töchter werden sicher noch mal unsern Jungens die Butter vom Brote nehmen; denn nun glaub’ ich, auch Dagny wird Künstlerin, — entweder Schauspielerin oder Schriftstellerin, oder beides. Auch sie fängt an, diese nervöse Unverzagtheit an den Tag zu legen, die Du hast. — Ja, im Ernst — ich fange an, auch in Dagny so was zu ahnen. — Mein süßes Mädel, in ein paar Tagen bist Du hier; und ist das Wetter wie jetzt, so kommst Du wie im Schlafe angeschwommen. Gib Dich nicht dazu her, den Leuten an Bord was vorzusingen, so daß wir den ganzen norwegischen Klatsch hören müssen, lang eh Du selber kommst! Mein Rat; aber tu Du, wie Du willst. Das Piano bereits in Lillehammer; jetzt schaffen wir es hier herauf, daß es dasteht, wenn Du kommst. — Arvesen hat angekündigt, daß ein amerikanischer Freund von Arve hierher kommt und Arve selber. — Ich freue mich nicht auf all den Klimbim. Je älter ich werde, desto weniger. Im übrigen ist die Luft so voll Elektrizität, daß ich kaum arbeiten kann. — Mutter berichtet wohl von Erlings Unfall. Mir imponiert es mächtig, daß er es wagt, sich einem scheu gewordenen Pferd entgegenzuwerfen und es zum Stehen zu bringen. Dazu gehört ein Mut, wie ihn nicht viele haben; und denk Dir, er hatte sich dabei an dem anderen Pferde die Hand so abgeschunden, daß er mit dem roten Fleisch das tolle Tier anpackte, das ihm mit dem Wagen auf einem Rad entgegenkam! Tapferer Bengel! Ja, wenn dies also der letzte Brief ist, ehe Du kommst, — Dank für all Deine Montagsplaudereien, liebe, süße Bergliot! Und mach’ die entsetzliche Hitze dafür verantwortlich, daß Du wieder nichts bekommst als Unsinn.
Dein Freund Vater.
Ich habe nicht von Erling berichtet, weil ich nicht zuhause war und es nicht gesehen — sondern bloß gehört habe und nicht genau weiß, wie es zuging.