2. Dezember 1888.
Reading edition
Liebe Bergliot, das ist ein schöner Vorsatz, an dem Du festhalten mußt, uns jeden Montag zu schreiben. — Deine Briefe machen uns immer Freude. Von allem, was Du erzählst, hat nichts mich so gefreut, wie daß Du nicht lange aufbleibst abends. Wenn Du daran festhalten kannst, wenigstens als Regel, so daß das andere zur seltenen Ausnahme wird, so hast Du darin ein Kräftigungsmittel, besser als die meisten anderen. — Du erzählst nichts davon, wie Du lebst. Du ißt doch gut bei „Deiner alten Dame“ — und genug? Erzähl’ mir das besonders, und verdient sie es, dann grüße sie herzlich. Für Dein Geld, d. h. für das, was Du selbst verdienst, mußt Du Musik hören; für Deinen Unterhalt und Deine Kunst sollst Du genug bekommen. — Ich möchte gerne hören, ob Frau Lürig dafür einsteht, daß das, was so eine deutsche (oder französische) Sängerin Dir sagt, auch wirklich so gemeint ist; nicht bloß gesagt als Aufmunterung oder Schmeichelei. Ist Frau Lürig der Ansicht, die andere habe wirklich das gemeint, was sie sagt, dann wünschen auch wir es zu erfahren. — Was wirst Du in dem Kirchenkonzert singen? Ich habe es nicht recht verstanden. Und was ist es für eine Kirche? Das macht mir viel Freude. — Gestern, an Mutters Geburtstag, machten wir eine Spazierfahrt in unserm, mit blauem Samt ausgeschlagenen Breitschlitten, mit unserm Bärenfell und zwei Pferde vor, und Erling kutschierte. Aber Mutter hat solche Angst jetzt vor dem Fahren, daß ich sie kaum wiederkenne. — Ich lasse Dir Ibsens neues Buch schicken; es scheint großzügig zu sein und auch milder als die vorhergehenden. Ich habe eine patriotische Freude an dem Glück, das er macht als bahnbrechender Dramatiker. — Mir selbst geht es gut mit dem Schreiben augenblicklich; Du wirst seinerzeit Freude daran haben, wenn Du es liest. — Im übrigen herrscht hierzulande eine Reaktion und eine Engherzigkeit, die alles übersteigt, was ich bisher für möglich gehalten habe. Aber wir müssen wieder lichtere Zeiten zuwege bringen. Jeder, der durch Kunst Schönheit und Lebensfreude in unser Leben legt, arbeitet dafür. Wir werden unsre Zeitgenossen erleuchten und erwärmen, und so beharrlich darin sein, daß wir durch den Dunst und Staub vermodernder Vorzeitsüberbleibsel des Glaubens und der Sitten und der materiell und pietistisch versauerten Erde strahlend durchdringen.
Dein Freund Vater.