Januar 1889.
Reading edition
Liebe Bergliot, das „mit Seele singen“ beruht nicht allein darauf, daß man selbst „Seele“ hat, die Gabe poetischer Interpretation von Wort und Musik besitzt, es beruht darauf, daß einer (oder eine) gearbeitet hat. Solange das Technische noch Schwierigkeiten macht, ist es außerordentlich schwer, mehr zu erreichen als das Technische; man hat nicht Zeit zu mehr; man wird gehemmt durch das Bestreben, es „richtig“ zu machen; das übrige muß gehen, wie es will. Aber wenn das Technische überwunden ist, dann beginnt dem der „Geist“ der Sache aufzugehen, der Gefühl dafür hat. Dieses „Gearbeitet-Haben“, so daß man in jedem einzelnen Teil Herr ist über das Technische, und dabei die seelische Offenbarung vom Sinn des Stückes hat, das ist Vorbedingung des „mit Seele Singen“. Wer ungeheuer viel studiert und viel Musik gehört hat, kommt leichter dazu; schließlich ist das Technische in dem Maß überwunden, daß man vom ersten Augenblick an einzig mit dem Geist des Stückes beschäftigt ist; für alle aber gilt es, im Augenblicke der Wiedergabe außerdem „aufgelegt“ zu sein, die Inspiration (Beseelung) des Vortrags aus der Macht des momentanen Gefühls zu schöpfen. Wer ein persönliches Leben lebt, wer gebildet ist, so daß sein (oder ihr) Verständnis feiner und mannigfaltiger ist, legt natürlich mehr hinein, als jemand, der bloß alle Kunstgriffe kennt und alle Variationen bei hundert anderen Künstlern gehört hat. Einzig die ursprünglichen Individuen sind es, die dauernd zu erschüttern vermögen; niemand sonst.
Die „reichen“ Naturen, die, welche das große Talent in den tausend Geschehnissen des Lebens geübt haben, deren Herz weich, deren Verstand scharf, deren Mut sicher geworden ist in Kämpfen ohne Zahl, die meistern sich selbst, wo sie auch stehen, sie beherrschen das „Aufgelegtsein“ wie Geister, die ihnen Untertan sind; denn das allein heißt: in sich selbst zu Hause sein, ohne daß andere einen stören können.
Vor allem, Bergliot, will das „nicht mit Seele Singen“ nur besagen, daß entweder das Stück so schwer ist oder Dir so neu und ungewohnt, daß Du nicht in seinen Geist eingedrungen bist, oder auch, daß Du nicht genügend gearbeitet hast, oder daß im Augenblick etwas Dir im Wege steht, so daß Du nicht all das herausbringst, was Du sonst in das Stück hineinlegst.
Ich rate Dir, versuch’ in den Geist jedes einzelnen Stückes auf Deine eigne Weise einzudringen und Dich nicht eher zufrieden zu geben; niemals aufzuhören bei dem ausschließlich Technischen. Je öfter Du auf diese Weise Dich selbst erwärmt hast, um so wahrer machst Du es zuletzt. Um so leichter fällt es Dir von Stück zu Stück.
Gestern bekam ich einen Brief von Franz Beyer, Griegs bestem Freund und Nachbar, mit den flehentlichsten Bitten, „Olav Tryggvason“ für ihn fertig zu schreiben. Ja, so ist es; alle wollen sie mich ausnutzen, alle, alle. Ich soll bei allem mit dabei sein, für die Interessen aller. — Kürzlich erhielten wir einen ungemein wichtigen Brief von Ejnar, er gibt gute Ratschläge für den Kampf des Tages hier daheim; als ob er von China aus eingreifen könnte! — Björn hat zwei rasend amüsante Sachen im Dagbl. geschrieben unter der Spitzmarke „Ein Zivilist“.
Ja, nun reißen sie mir den Brief weg. Hier ist Schneesturm; man sieht nicht zwanzig Ellen weit. Nett.
Dein Freund Vater.
Liebe Bergliot, jetzt bekommst Du den „Professor“! „Die Unversöhnlichen“ von Garborg ist gar nichts wert. — Wir lesen täglich Kiellands Blatt; es ist geschmeidig, flüssig und klug geschrieben. Er ist offenbar für Politik veranlagt. Gerade jetzt zeigt er sichere Gewandtheit, während seine ganze Familie sich insolvent erklärt hat; es sieht aus, als wollten sie wieder festen Fuß fassen, und dabei wird er von allen seinen mannigfaltigen Kräften als Leiter einer Zeitung unterstützt. Vielleicht glückt es. „Monogamie und Polygamie“ ist in 11000 Exemplaren verkauft und verkauft sich ständig weiter, also Gift für Bohémiens.
Meine liebe Bergliot, die Sache mit Deinem Heimweh ist wohl auch ein bißchen Verzärtelung, weil Du niemanden hast, an den Du Dich anschließen kannst. In dieser Hinsicht ist Paris auch sonderbar; man kann jahrelang dort leben und kommt nirgendwo hinein. Oder es ist unsre eigne Schuld. Ich schrieb an Sansot, er solle Dich aufsuchen, vielleicht tut er es. — Danke dem lieben Werenskjold für seinen Brief. Dank’ ihm für all seine Güte und Treue in dem alten, schweren Jahr, ihm wie seiner Frau! Ich bin so überbürdet mit Briefen und so gedankenleer, mitten in meiner Schreiberei, daß es ihm nicht ein Jota nützte, wenn er einen Brief von mir bekäme. Nicht ein Jota. — Denke Dir, jetzt ist es erwiesen, daß noch bis ins vorige Jahrhundert Frauen in allen Handwerken vertreten waren (wie noch heute in Frankreich!); die Bürgerbriefe wurden auf Mann und Frau ausgestellt, und sie hatte Spielraum für ihre Talente; erst in diesem letzten Jahrhundert ist sie auch hier herausgedrängt worden. Gleichzeitig ist nachgewiesen, daß sie in der ersten christlichen Kirche Pfarrer war, die Sakramente austeilte, taufte, und daß sie erst im 7. Jahrhundert und im Mittelalter überhaupt so gewaltig unrein und sündig wurde, daß sie mit etwas so Heiligem nicht mehr betraut werden konnte. Und zwei Arten von Einflüssen waren es, die diese Ausschließung verursachten, ein heidnischer von dem Griechen Aristoteles her, der „das Männliche“ so hoch hielt, und ein christlicher (eigentlich ein Einfluß, der durch das Judentum in das Christentum kam), wonach die Asketen (die Selbstquäler) das Weib verfluchten. — Aber nun sind wir in dem großen Revolutionsjahr, nun soll es anders werden!
Dein Freund Vater.
Liebe Bergliot, nur ein paar Worte in aller Eile! Herzlichen Dank für Deine treffenden Briefe, die uns jedesmal so viel Neues erzählen. Du hast doch wohl das siebente und achte Heft von Darwin gelesen. Ist „Die Entstehung der Arten“ ein Weltereignis ersten Ranges, so ist ein so lebensvoller Einblick in die Werkstätte, wo sie geworden ist, einzig in der Weltliteratur. Dieses sei die Einleitung für Deine Lektüre. Es sollen Dir ein paar Bücher von hier zugeschickt werden unter der Bedingung, daß Du sie an Ejnar weiterschickst. Auch werde ich für Dich etwas aus dem „Dagblad“ herausschneiden, das ich übersetzen ließ und zurechtgestutzt habe.
Wir bekommen lange prächtige Briefe von Ejnar, und Du kannst Dir denken, wie es uns freut. Er ist also ebenso frei von aller Art Verlobung wie Du. So kommt sie — falls sie kommen soll — um so reifer und überlegter, so daß Rücksicht auf eine gesunde Familie und gutes moralisches und intellektuelles Erbe genommen wird. So etwas darf nicht länger auf gut Glück und Zufall beruhen. Jonas Lies Buch ärgert mich, weil er mit seinem Talent sich zum Stile Krohgs und Jägers herabgelassen hat, der nur Eintagswert besitzt und einen dürftigen Stoff wie die englischen Blaustrumpf-Romane in die Länge zieht. Das hier sollst Du Werenskjold wortgetreu vorlesen. Und ihn sollst Du grüßen wie meinen Bruder, und sie sollst Du umarmen und küssen von mir. Peters älteste zwei Mädels sind hier zu Besuch bei den zwei jüngsten. Sie sind ganz prächtig allesamt, und ich denke bei mir selbst — wenn auch in unserer Familie Fehler sein mögen wie in den meisten —, stolz und innerlich wahr ist sie von Grund aus. — Wie herrlich es jetzt hier ist, das spottet jeder Beschreibung mit Feder und Pinsel; das mußt Du Werenskjold sagen. Noch ist der norwegische Winter nicht geschildert, nicht vom Landschafts- noch Figurenmaler, und am allerwenigsten vom Klein- oder Stillebenmaler. Nein, bloß ein winziges Stück umzäunten Hofes mit Aussicht auf die Baumstämme eines Hügels, wo sie so dicht stehen, daß der Schnee nicht auf den Boden durchschlüpfen kann! Grüß’ Inga!
Dein Freund Vater B. B.
Liebe Bergliot, rasend wenig Zeit; aber ich muß mich schriftlich darüber ärgern, daß Du zur Belustigung der Skandinavier mitbeiträgst, was nie etwas anderes gewesen ist als undankbar, und niemals zu etwas anderem geführt hat als zu schlechter, ekelhafter Kritik und Feindseligkeit und Mißgunst. Es war ja doch abgemacht, daß etwas Derartiges nie vorkommen sollte. Und jetzt stehst Du mitten drin, und ich bin sicher, Du hast hinterdrein nur Ärger davon. — Nun liegt nur wenig Schnee noch längs der Wege unten auf dem Moor, sonst alles kahl. Wir haben die Maurer gehabt, die Kuhstall- und die Pferdestallmauer frisch verputzt, den Keller aufgebrochen, den inneren mit dazu genommen und zum Weinkeller gemacht, man geht längs der Mauer gegen Süden hinein, gleich unterhalb der winzigen Kammer, in der das Piano steht. Der Wein liegt unter der Stube, wo Keilhau und Arve schliefen. Nun kommen die Maler, und da sollen die Gesindestube und Oles Zimmer in stand gesetzt werden. — Mit meinem Schreiben geht es gut augenblicklich und ich bin in blendender Stimmung. — Jedesmal, wenn ein Brief von Dir kommt, ist das unser Höchstes! Ist es aber bloß Gewäsch, so sitzen wir da wie die begossenen Pudel! Also das mußt Du zu vermeiden suchen. — Erbärmlicher als es jetzt seit einer Weile hierzulande war und ist in Moral und Politik, kann es nicht sein, sollte man denken. Doch ich habe schlimmere Zeiten erlebt. Ich habe das unredliche Regiment der Rechten erlebt, mit bloß einem Drittel des Volkes, die aber doch die Macht nicht aus den Händen geben wollte, ehe sie Bürgschaft dafür hatte, daß sie auch weiterhin die Macht behielte, wenigstens das zu verhindern, was sie nicht zu fördern wünschte. Und was wir schrieben, war Dreck, und wofür wir arbeiteten, war Sünde, und wir selber waren schlechte Kerle. Ich werde in mein Grab steigen müssen als ein schlechter Mensch — in der Vorstellung eines Drittels der Leute, mit denen ich in meinem Vaterland zusammenlebe. Das ist, was mich betrifft, das Ergebnis des langen Kampfes. Und gerade als wir gesiegt hatten, und die herrschende Mehrheit waren, spaltete sich auch dieser Haufe in zwei Teile; und wiederum sieht ein Drittel von ihnen mich für einen schlechten Kerl an. So steht es. — Der Hof bringt nichts ein, weder unter dem einen Verwalter noch unter dem andern. Ich muß Löhne und Maschinen und Saatkorn zu all dem andern bezahlen; der Hof wirft nur das Essen und die Kleider ab. Auf die eine oder andre Weise muß hier Wandel geschaffen werden. — Hier daheim ist es sehr gemütlich; das neue Gesinde einfach entzückend, und es geht so gut, — wenn es sich bloß auch lohnte! Aber für Dich in Paris bezahlen, und den Hof hier, und dann die Schuldenlast darauf, das wird etwas zu viel für Deinen Freund und Vater. Trotzdem — es geht schon! — Ja, leb wohl denn! Gute Fortschritte, keine skandinavischen Narrenspossen, Arbeit und gute Musik, voilà!
Dein Freund Vater.