Schwaz, Tirol, 29. Mai 1894.
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Liebe Bergliot, Du kannst Dir denken, wie uns Deine Schilderung des 17. Mai ergötzt hat! Und daß ich einen Vertreter von meinem Fleisch und Blut und Temperament hatte, machte mir nicht am wenigsten Spaß.
Hierher kam an dem Tage — ohne an den Tag zu denken! — Z. mit Frau. Wir tranken „Vöslauer Schaumwein“, und vielleicht waren es Zeit und Ort und Stimmung, die es bewirkten; aber der beste Champagner behagt mir nicht so wie dieser. Es ist ein süßes Singen darin, ein Preislied auf Tirol an einem klaren Tag und das Echo dazu. Ihr müßt ihn, falls er aufzutreiben ist, kosten und ihn auf den Tiroler Sommer trinken, obwohl er ein Stück weit von Tirol geboren und gewachsen ist, aber doch in derselben Art Natur, wie man sagt. Z. war völlig der Alte, nur fand ich ihn noch häßlicher, schiefbeinig, buckelrückig, langarmig, und die fette Zunge immer vorne zwischen den Zähnen. Aber wie klug und anhänglich und treu er ist! Seine Frau hat ihn vom Vegetarianismus abgebracht; sie hat die Hosen an. Aber sie ist eine brave Person und so innig anhänglich an ihn, wie bloß eine erlöste Gouvernante es sein kann. Sie ist hübsch, „besonders wenn sie einen Schleier um hat“, fügen Dagny und Mutter hinzu. Für die, die besser sehen als ich, soll sie etwas Angejahrtes haben, wenn sie ihn heruntertut. Sie ist groß, schlank, dunkelhaarig, mit schönen Augen. Nun habe ich es so weit gebracht, daß ich französisch (mangelhaft) sprechen kann über Gott weiß was alles, und bis ich wieder nach Italien zurückkomme, werde ich es ebensoweit im Italienischen gebracht haben. In Rom mußte ich eine ganze Menge der neuesten Belletristik lesen, um mein Urteil abzugeben. Die italienische Jugend ist so naiv, frisch, poetisch, es ist eine Freude, mit ihr zu verkehren. Ich begreife vorläufig nicht, was der Grund ist, daß ihre sozialen und politischen Verhältnisse so bedauerlich im Rückstand sind. Daß kein großer Reformator ersteht. Ich glaube, Italien gibt zum drittenmal der Welt einen neuen Anfang, oder vielleicht besser: zum vierten Male, wenn das Papsttum ebenfalls als solcher gerechnet wird. Die Römerherrschaft, das Papsttum, die Renaissance. Kein andres Volk hat solchen Reichtum besessen, und wenn ich unter der Jugend bin, so habe ich den Eindruck, als sei er noch immer da.
Du mußt Sigurd erzählen, daß sein ganzer Vergleich zwischen Leo dem Dreizehnten und Gladstone in die „Review of Reviews“ aufgenommen ist. Aber sage ihm auch, daß ich nicht gemeint habe, er müsse in einer Berliner Zeitung dem entgegentreten, was sie über mich oder den Kampf in Norwegen gesagt haben; ich schere mich den Teufel um ihre Niedertracht; nein, eine kurze Darstellung dessen geben, um was es sich handelte; denn darüber herrschen nachgerade irrige Anschauungen. Die Schweden sind sehr fleißig gewesen. So schlecht, wie es mit dem Parlamentarismus steht in Europa, und so fest, wie sich der Satz eingebürgert hat, daß die Norweger Wirrköpfe sind, ein Haufen Abnormer — ist die Lage nicht ohne Gefahr.
Die Mutter ist von einem Magenübel geplagt, wozu mitunter starke Rückenschmerzen kommen. Gegen diese gebraucht sie Salicyl, und mit gutem Erfolg, aber die Magenbeschwerden kommen häufig wieder. Heute weint sie vor Schmerzen. Bis dato ist es nichts Ernsteres; Malthe untersuchte sie in Rom; aber es muß ja ernst werden, wenn nichts dafür getan wird. Dann ist es wieder acht bis vierzehn Tage gut, aber kaum länger. Das schlägt auf die Stimmung. Es wäre eigentlich ganz gut, wenn Du eines Tages zu Malthe hingingst. — Bitte Sigurd, mir zu sagen, was er über die Wahlen denkt. Jetzt ist also die Zeit gekommen, da, wie ich erwartete, das Ministerium Steen Kopf oder Schrift spielen würde mit dem schwedischen König, der gleichzeitig der unsre sein soll. Jetzt hätten die Bewilligungen für Konsuln und Diplomaten, die schon in der vorigen Session vorbereitet und angekündigt wurden, abgelehnt werden müssen. Und die Regierung müßte vor die Alternative gestellt sein, entweder zu gehen oder die Wahlen über am Ruder zu bleiben. Dann hätten wir unser Ministerium bis jetzt gehabt und ständen zehnmal besser da in den Wahlen.
Dagny spielt wirklich recht gut. Sie macht im ganzen große Fortschritte.
Peter hat uns alten Käse geschickt, Dikka geräucherten Lachs, wir sind jeden Tag „auf den Fischbrücken des Westlands“ und im Vorratshaus und haben ein so echtes Konterfei von Norwegen, wie kein Gedicht es stärker oder wahrer geben kann. Siehst Du Peter, so umarme ihn, Dikka ebenfalls! —
Erzähl’ auch von Cato! Wir müssen doch von Cato hören! Ihr dürft Cato niemals weggeben, finde ich. Er war Euer erster Hausgenosse, und Zuschauer von Anbeginn des Anbeginns und Zuhörer von Tankreds erstem endlosen Geplärre. Wenn Dagny davon erzählt mit dazupassenden Bildern von Sigurds mannhaftem Zorn, Deiner Verzweiflung und Catos Verzweiflung am ganzen Leben, lachen wir, daß wir uns den Bauch halten.
Mit meiner Arbeit geht es gut jetzt. Björns und Ingeborgs Triumphe in Kopenhagen haben uns furchtbar gefreut. Grüße Sigurd und Tankred, Peters und die alten Ibsens vielmals von
Deinem Freund Vater.