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Briefe aus Aulestad an seine Tochter Bergliot Ibsen

4. Mai 1890.

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Liebes Kind, Dank für Deinen langen Brief! Ja, jetzt ist er gekommen — in wenigen Tagen — voller, voller Sommer, alle Fenster und Türen auf, Sonne über dem Altan, Hähnekrähen und Vogelsang den lieben langen Tag, und Glocken und Hammerschlag und der Klang der Egge an den kleinen Steinen.

Also vermissen wir auf Aulestad jetzt nur noch eines, und das ist unser Pariser Singvogel. Das beherrscht in dem Grade meine Stimmung, daß ich nur mit der größten Überwindung an Dich schreiben kann. Du bist nicht dort, sondern hier. Und die Briefe sterben aus Sehnsucht nach dem Menschen.

Ich habe eben ein Buch bekommen: „Pepitas Hochzeit“ von Heidenstam (einem Schweden), das völlig übereinstimmt mit meinem Aufsatz „Die neue Kunst“. Ich möchte wissen, was z. B. von Garborg übrigbliebe, wenn die poetische Kraft, mit der hier geschildert wird, ausschlaggebend würde? Da würden nicht viele von diesen Matt in Matt-Kopien bestehen können. — Ich bin durchaus einverstanden, wenn geschrieben wird, daß jeder, was die Kunstform anlangt, seine eigene Art haben dürfe; — seine poetische Fülle, das Wesen und der Reichtum seiner Persönlichkeit seien es, die über den Eindruck entscheiden. Bin ganz einverstanden — nur nicht mit der Leichtfertigkeit. Man darf nicht um den Augenblick die Zukunft verkaufen. Ich verstehe auch die nicht, die, um fröhlich zu sein, absolut Punsch brauchen. Ich antworte immer: ich kann genau so fröhlich sein wie ihr, ohne daß ich Punsch trinke. Auch verstehe ich nicht, daß nicht zwei Verschiedengeartete fröhlich sein und sich aneinander freuen können, ohne daß sie sich sofort in die Haare geraten müssen. Wird nicht gerade durch die Kraft der Selbstbeherrschung die Freude etwas, das unser Leben bereichert, das Wesen der Persönlichkeit stärkt und die Selbstachtung und die Achtung anderer in eins verwandelt? Gib Dich hin da, wo Dein Herz Heimat und Zukunft gewählt hat; sei fröhlich ohne diese letzte Hingebung überall da, wo Menschen für dasselbe leben wie Du. — Übrigens sind das Dinge, über die man nicht zu streiten braucht, das Blut entscheidet hier; die Starken (weil sie selbstbeherrschend gewesen sind) erzeugen Starke, die Schwachen (weil sie Schweine gewesen sind) erzeugen Schwache. Und die Welt gehört den Starken.

Hier ist das allerherrlichste Wetter, Du! Aber wirst Du Dich auch hier wohl fühlen können ohne irgendwelche Abwechslung vier Monate im Jahr? Ich hätte an Sansots schreiben sollen; na, ich hol’ es nach. Sag’ ihnen, daß Ernest Tissot mir soeben ein Buch geschickt, das er herausgegeben hat: „Les évolutions de la critique française“. Es ist ausgezeichnet. Die Librairie académique Didier hat es herausgegeben. Das ist der Tissot, über den ich Sansots geschrieben habe, weil er an mich schrieb; er wünschte eine Studie über meine Werke zu schreiben. Ich sagte ihm zu, schien es.

Meine geliebte Bergliot, wir sehnen uns zu hören, was Du beschlossen hast. Du freust Dich selbst so sehr, daß auch wir unsre Freude auf das Wiedersehen aussprechen dürfen.

Dein Freund Vater.

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