Das Muster
Reading edition
Ich hatte einen Onkel in Wien, den Onkel Aloys.
Er war eine Zierde der Familie, er war Großkaufmann.
Und dieses vorbildliche Leben: vier Tage wöchentlich verbrachte er im Kreis der Familie. Samstag, Sonntag, Montag aber — im Sommer, im Winter, ob schön, ob Regen: Samstag, Sonntag, Montag stieg er auf die Rax. Atmete die frische Bergluft ein, schrieb uns regelmäßig eine Ansichtskarte von den Gipfeln — und kam Dienstag früh zurück, gradeaus in die Kontore.
Immer frisch und guter Dinge. Wenn die Tante ihn lobte, wie prächtig er aussehe, da setzte sie auch gleich hinzu:
„Na ja, bei deiner Lebensweise?“
Unlängst legte sich Onkel Aloys hin und war krank zum Sterben.
Eh er aber starb, faßte er mich an der Hand und sprach:
„Lieber Neffe! Ich weiß, du hast ein Frauenzimmer. Aber, glaub mir, es is nichts mit den Frauenzimmern. Sie machen uns alt. — Höre, mein Junge, was ich dir rate: geh drei Tage in jeder Woche in die Alpen. Sieh dir meinen Buchhalter an, wie gut es ihm getan hat! Er ist stark und jung. Seit Jahren hab ich ihn auf die Rax geschickt, meine Ansichtskarten aufgeben. Und sieh mich an: wie elend sie mich gemacht haben — die Stadtluft und die Frauenzimmer ...“
Onkel Aloys tat einen schweren Seufzer und verschied.