Von der Applicatur, oder dem Fingersatze.
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Bey der richtigen Behandlung dieses ersten Instruments kommt es vorzüglich auf die Applicatur oder den Fingersatz an. Dieser kann für das Genie eigentlich gar nicht bestimmt werden, denn dieses kann Sätze erfinden, die einen neuen Daumenansatz erfordern. Allein für die schon erfundenen durch alle Tonarten gehenden Läufer, läßt sich eine Faustsetzung oder Applicatur denken, die unerreichbar ist.
Wir wollen sie durch alle 24 Töne beysetzen 1. ist der Daumen, 2. der Zeigefinger, 3. der Mittelfinger, 4. der Ringfinger, 5. der kleine oder Ohrenfinger.
Diese vorgesetzte Applicaturen sind wie man sieht, von der Natur abgeschöpft, allein noch lange nicht hinreichend für alle Bedürfnisse der Kunst. Der Künstler ist ein Gott; schafft er neue Tiraden, so muß er auch neue Applicaturen schaffen. Daher sollten alle große Tonsetzer den Fingersatz, wie z. B. Bach, Vogler und andere, durch Zeichen bemerken. Die verschiedenen Winkelzüge der Tonkunst, so wie sie von großen Coloristen beobachtet wurden, müssen auch vom Clavieristen in Acht genommen werden. Hier sind einige der ewigen Grundgesetze, welche den Clavierspieler leiten — und ewig leiten müssen.
1. Zögling des Claviers! lies richtig! — kannst du dieß, so kannst du alles.
Die Kunst zu lesen ist aber so groß, hat so unendliche Modificationen, daß es äußerst schwer ist, über selbige zu stammeln. Doch ich will einige Würfe wagen, und dem ästhetischen Vortrage des Claviers eine Sprache leihen.
2. Erst übe man sich im grammatischen Vortrage und treffe die musikalischen Pulse aufs genaueste. Man umschreibe das Gerippe des Stücks, bestimme alle Gränzlinien der Melodik aufs richtigste, und spreche mit philosophischer Kälte nach, was der Tonsetzer vorsprach. Dann übe man sich im Vortrage selber. Ist er komisch; so schneidet man ab, und leckt mit den Fingern gleichsam die Tasten.
3. Die Faust muß immer brilliant seyn; die Finger halbrund und sanft gebogen. Sobald sie sich strecken; so sind alle Nerven straff, und kein schneller Vortrag läßt sich denken. Ist aber der Vortrag tragisch, so wird nichts abgestoßen, sondern alles abgeschleift. Die Töne zerfließen unter den Fingern: sie beben, zittern, leben, sterben.
4. Coloraturen im Adagio sind Unsinn, so sehr die Mode diesen Unsinn authorisirt. Man glaubt ruhende Tasten durch Schnörkel beseelen zu wollen, aber Schnörkel beseelen nie, sie tödten die Bebung der Träger; der Mordent, der halbe und ganze Triller, die Fermen und die Cadenz müssen mit ausnehmender Grazie vorgetragen werden. Um die Faust brilliant zu erhalten, muß der Daumen immer sein Zauberspiel spielen. Dieser wichtige Finger setzt in Thälern oder in niedern Tasten an, und läßt die andern Finger auf Hügeln tanzen. — In dieser Bemerkung liegt der ganze Zauber der Applicatur.
5. Um aus allen Tönen spielen zu können, muß man sich frühzeitig im Hinaufsetzen und Hinuntersetzen üben. Zum Beyspiel: eine welsche Arie geht aus D dur; wie schnell ist sie in A dur zu verpflanzen, wenn wir uns den Baßschlüssel denken! Daher ist die Wichtigkeit der Schlüssel so groß, daß der wahre Clavierist nie fehlen kann, wenn er sie immer gegenwärtig hat. Ist z. B. C der Grundton, und die Gemeinde zieht um einen halben Ton, so denke ich mir gar leicht die Bezifferung Cis; fällt aber die Gemeinde, so denke ich mir lauter B in der musikalischen Charakteristik. Mit einem Wort: jede Erhöhung oder Vertiefung läßt sich durch Schlüssel bestimmen. Darum hat Vogler ganz Unrecht, wenn er durch sein System so viele Schlüssel aus der Musik ausrottet, und damit allen Clavier- und Orgelspielern, den Zauberstab der Umwandlung — oder des Uebertritts in andere Töne aus den Händen windet.
6. Der Vortrag auf dem Claviere überhaupt theilt sich ein in Solo oder in Begleitung.
