Pohlen.
Reading edition
Die Volksmelodien dieser Nation sind so majestätisch und dabey so anmuthig, daß sie von ganz Europa nachgeahmt werden. Wer kennt nicht den ernsten, feyerlichstolzen Gang der so genannten Polonoisen wer nicht den sanftnäselnden Dudelsacksgesang der Polaken? — Ihre Lieder wie ihr Tanz, gehören unter die schönsten und reitzendsten aller Völker.
Der Pohle ist besonders stark auf der Schallmey, der Trompete und dem Horn. Nur halten sie so eigensinnig auf ihren Geschmack, daß sie sehr schwer in den Gang eines modischen Orchesters einzuleiten sind. In keinem Reiche außer England, gibt es mehr, größere und kleinere Orchester, als in Pohlen. Zu Warschau hat in den siebenziger Jahren ein glaubwürdiger Reisender die Bemerkung gemacht, daß über 1500 besoldete Musiker sich daselbst aufhalten. Dieß ist leicht begreiflich, wenn man sich erinnert, daß Warschau der Zusammenfluß aller pohlnischen Großen ist, die sich aus Stolz und Nationalgeschmack beeifern, es einander in der Liebe zur Tonkunst zuvorzuthun. Der König selbst, als ein großer Kenner der Musik, unterhält ein Orchester von ungefähr siebzig Personen, welches Schröder, ein trefflicher musikalischer Kopf, anführt. Die Opern daselbst sind so prächtig, als in irgend einer Fürstenstadt Europens. Das Orchester bestand in mehr als einer Oper, bisweilen aus fünf- bis sechshundert Personen, weil die Großen ihre Musiker dazu herzuleihen pflegen.
Ganz Warschau tönt Jahr aus Jahr ein von Concerten und Hausmusik wieder. Alle Bacchanale werden mit Musik gekrönt, und sogar die Branntweingelage des niedrigen Pöbels durch Gesang und Spiel beseelt. Selbst das allgemeine Elend, das dieses edle Volk vor vielen andern Nationen drückte, hat den Geist der Tonkunst nicht dämpfen können. Da sich jetzt die Pohlen auch auf den theoretischen Theil der Musik legen; so darf unstreitig die musikalische Welt wichtige Vortheile davon erwarten.
