England.
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Auf dieser glücklichen Insel, groß an Menschen aller Art, wo Reichthum aus allen Gegenden der Welt zusammenströmt, und folglich auch die Kunst bezahlt werden kann, wurde die Musik vorzüglich seit den Zeiten der Königinn Elisabeth, immer ungemein hoch geschätzt. Das Parlament setzte 10000 Pfund zur Unterhaltung eines königlichen Orchesters aus, welches stets mit trefflichen Capellmeistern, guten Sängern und ausgezeichneten Virtuosen auf allen Instrumenten besetzt war. Und doch hat England unbegreiflicher Weise! nie eine musikalische Schule hervorgebracht; nie einen großen Componisten, nie einen bedeutenden Sänger, selbst nie einen ausgezeichneten Virtuosen gehabt. Daher sang Klopstock den Triumphgesang vor ihren Ohren ab:
»Wen haben sie, der kühnen Flugs »Wie Händel Zaubereyen tönt? — — Das hebt uns über sie!«
Und doch fehlt es England nicht ganz an Nationalgesang. Ihre Balladen und Volkslieder, die man nun größtentheils gesammelt und mit Musik herausgegeben hat, haben Einfalt und Würde; nur gränzen sie bey weitem nicht an welsche Anmuth und deutsche Herzlichkeit. Die Melodie des Gesellschaftstanzes im zweyviertel Tacte, unter dem Nahmen Angloise in aller Welt bekannt, ist eine Erfindung dieser großen Nation. Die Tactbewegung macht nicht nur die Füße beschwingt, sondern einigt ganze Gesellschaften und die bunten Zirkel der verschiedensten Charaktere zu einem Zweck.
Die Kirchenmusiken zu London sind herrlich besetzt, — wie man vom strömenden Reichthume dieses Volks nicht anders erwarten kann. Die Orgel in der Paulskirche ist eine der prächtigsten der Welt, und wird seit ihrem Bau immer von berühmten Meistern gespielt. — Die Britten sind große Kenner des Contrapunctes, empfänglich für jede schöne Melodie — ohne selbst dergleichen hervorbringen zu können. Da sie bekanntlich die tiefsten Forscher der Wahrheit sind, so haben sie mehr Theoretiker der Musik als Practiker: sie zergliedern zu viel, und suchen mehr den Lichtbegriff der Vollkommenheit, als den dunkeln Begriff der Schönheit.
Dieses Volk ist in der Geschichte das zweyte, welches die Wichtigkeit der Tonkunst so sehr anerkannte, daß es Professoren der Musik auf seinen Akademien besoldet, und Doctoren in dieser Kunst creirt.
Durch diese Veranstaltung sind unter ihnen die Grundsätze der Tonkunst auf das strengste untersucht worden, und nur Deutschland hat hierin die Britten übertroffen.
Newton, dieser Confident des Schöpfers, ist auch in die Harmonik so tief wie in andere Wissenschaften eingedrungen. Sein System ist zwar schwer zu begreifen — aber groß und wahr. Nichts ist tiefsinniger als seine Untersuchungen über den Accord, aus dem er die weitgreifendsten Resultate herleitet. So sagt er z. B. Ich nehme C als den reinsten Ton zum Grundton an. Simpel angeschlagen, liegen in seinen Schwingungen und Vibrationen schon die Quinte und die Terze. Wird die Quinte und Terze besonders angeschlagen; so ist dieß bloß weitere Offenbarung des Grundtons, und mit diesem bilden sie die Trias, die durch das ganze Universum in tausendfachen Nachbildungen abstrahlt und in Myriaden Tönen nachhallt. 1 zeugt immer 8, 8 immer 10, und 12, und so fast ins Unendliche. 8 beugt sich zur kleinen Septime (7) die kleine Septime bringt dumpf durcheinander laufende Dissonanzen hervor; streift in 4. 2. 6. 9. 11 — in halben und ganzen Tönen. Endlich legt sich der Sturm, wenn alles wieder in den Grundaccord aufgelöst ist.
Diese tiefsinnige Bemerkung enthält die ganze Lehre von der Tonkunst in unbeschreiblicher Kürze und öffnet zugleich wunderbare Aussichten ins το παν.
Avison legte sich auf die Aesthetik der Tonkunst, und gab ein meisterhaftes Buch über die Verbindung der Mahlerey mit der Musik heraus. Er hat seine Bemerkungen von den größten Meisterstücken abgezogen und die Schönheit gleichsam auf der That belauscht. Er beweist mit den evidentesten Gründen, daß der Musiker wie der Mahler seinen Contur oder Umriß, sein Colorit oder Farbengebung, sein Giaro obscuro oder Helldunkel, sein Mezzotinto oder Mitteltinten, seine Carnation oder Fleisch, seine Perspective oder Haltung habe. Seine Gründe sind unbezweifelt, und — nach Art seines Volks, in meisterhafter Schreibart ausgeführt. Seine Vergleichungen großer Musiker mit großen Mahlern, können in ihrer Art den Parallelen des unsterblichen Plutarchs an die Seite gesetzt werden. — Dieß vortreffliche Buch ist in der Schweiz so schön übersetzt worden, daß man es wie ein Orginal lesen kann.
Burney, Doctor der Musik, — hat sich durch seine musikalische Reisen und sonderlich durch seine Geschichte der Tonkunst in ganz Europa bekannt gemacht. Zwar enthalten seine Reisen einen Reichthum von richtigen und gediegenen Bemerkungen, und verrathen ungemein viel musikalische Kenntnisse: allein seine Urtheile sind zu brittisch, d. i. zu kühn, und oft ganz und gar unrichtig. Ebeling, der Uebersetzer dieser Reisen, und Reichard haben ihm dieß aufs nachdrücklichste bewiesen, und seine Irrthümer, auch oft seine Verleumdungen großer Männer mit deutschem Muthe gerügt. Burney reiste viel zu schnell und flüchtig, als daß er mit philosophischer Kälte hätte Beobachtungen anstellen können. Uns Deutschen läßt er bey weitem nicht die gehörige Gerechtigkeit widerfahren. Er räumt uns bloß Kunstfertigkeit und Fleiß ein, spricht uns aber das musikalische Genie ab — eine Verleumdung, welche durch die ganze Geschichte der Tonkunst, zur Ehre unsrer Nation widerlegt wird.
Seine musikalische Geschichte, woran er zwanzig Jahre lang sammelte und schrieb, enthält zwar einen schwelgenden Aufwand von Gelehrsamkeit, wozu derjenige leicht gelangen kann, der Geld genug hat; allein das Werk wimmelt von Irrthümern; sein Urtheil ist nicht original, sondern meist französisch und sein ästhetisches Gefühl will gar nicht viel sagen.
Eschenburgs Uebersetzung dieses Werks hat inzwischen viele von diesen auffallenden Fehlern hinweggewischt.
Hawkins, einer der größten jetzt lebenden Professoren der Musik. Er schrieb mehr denn zwanzig Jahre an seiner Geschichte der Tonkunst, die in vier Quartanten zu Oxford herauskam und bereits ins Deutsche übersetzt ist, unstreitig das wichtigste Werk, was über diesen Gegenstand jemahls geschrieben worden. Die ausgebreitete Gelehrsamkeit dieses Mannes, sein unbeschreiblicher Reichthum an Materialien, indem er sein ganzes Leben hindurch an musikalischen Schriften und Instrumenten einen Vorrath zusammen brachte, der über 100000 Reichsthaler geschätzt wurde; sein tiefdringender Geist, seine körnige Schreibart und hauptsächlich seine Unparteylichkeit, — machen ihn zu einem Classiker ersten Rangs in der Geschichte der Tonkunst.
Die Concerte zu London sind allgemeiner, als in irgend einer Stadt der Welt. Man kann sie in öffentliche und Privatconcerte eintheilen. Die öffentlichen sind groß und außerordentlich stark besetzt: wer Kraft fühlt, läßt sich da hören. Wenn man sich erinnert: daß Händel und Bach diesen Concerten vorstanden; so hat man genug zu ihrem Ruhme gesagt. Das königliche Orchester besteht etwa aus siebzig bis achtzig Personen, worunter vollwichtige Meister sind.
Unzählige kleinere Orchester gibt es so wohl zu London selbst, als in den Provinzen. Jeder Mylord, jeder große Handlungsfürst hält seinen musikalischen Hof, worunter oft Leute vom ersten Range sind. Die deutschen Künstler werden von den Britten so gesucht, daß sich unsere Virtuosen hundertweis expatriirt haben um daselbst ihr Glück zu machen. Die Opernbühne zu London ist eine der reichsten und besetztesten der Welt. Die ersten Tonsetzer, Sänger, Sängerinnen und Virtuosen in allen Instrumenten lassen sich im Göttersaale der brittischen Oper hören. Gabriele verdiente sich 1782 einen einzigen Winter hindurch; wo sie sich auf dem Schauplatz zeigte, 30000 fl. deutsches Geld. — Hier möchte man zum Himmel blicken, und über die parteyische Wage seufzen, womit Menschenverdienste abgewogen werden. Mancher Weise verdarbte schon in England sein sieches Leben, indeß der weiche Trillerschläger Tausende verpraßte. So tief ist auch der Britte, der so hoch gerühmte europäische Denker, in den Schlamm der Sinnlichkeit versunken!
Der Notenverlag in England ist außerordentlich stark. Alle Meister der Welt haben hier Gelegenheit, unter den anlockendsten Vortheilen vor das Publicum hinzutreten, und entweder mit Jupiters Vogel Sonnenstrahl zu trinken, — oder wie ein Johanniswürmchen, mit Phosphorus getränkt, zu leuchten.
