Einleitung.
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Man hat bisher behauptet, nur der mathematische Theil der Tonkunst lasse sich auf Grundsätze bringen; der ästhetische aber liege ganz und gar nicht im Gebiethe der Kritik. Daher haben sich die Werke ersterer Art bis zum Ekel aufgehäuft, und von letzterer besitzen wir kaum einige matte zitternde Versuche. Das Todtengerippe der Musik, ist wie alle Todtengerippe, ekelhaft anzusehen, doch hat es für die kritischen Zergliederer seinen großen Nutzen. Hingegen der ästhetische Theil der Tonkunst, der sich mehr mit der Erfindung der Melodie, als mit der Harmonie und mit Modulation beschäftigt, oder, welches eins ist, der diesem Todtenkörper Carnation und Colorit gibt, ist zwar viel schwerer, aber desto fruchtbarer und angenehmer. Nachstehende Abhandlung ist dazu bestimmt, diesen wichtigen Theil der Kunst zu bearbeiten, und die ästhetischen Grundsätze der Musik so deutlich als möglich darzustellen. Nicht dem Virtuosen und Kenner allein, sondern jedem, der in dieser göttlichen Kunst nicht ganz unwissend seyn möchte, muß ein Versuch willkommen seyn, der ganz deutlich zeigen soll, wie man musikalische Schönheiten auf der That erhaschen und beurtheilen kann. Um die zwey großen Fragen: Was ist das musikalische Schöne? Wie wird dieß Schöne hervor gebracht? soll sich die ganze Abhandlung drehen. —
Der Einwurf, über Töne dürfe man nicht urtheilen; sie müßten blitzschnell mit dem Ohre aufgesaugt und mit dem Herzen empfunden werden; denn jede künstliche Zergliederung vermindere die Täuschung: dieser Einwurf verliert alle Kraft, wenn man bedenkt, daß es sonst auch nicht erlaubt seyn würde, über die Gegenstände der Mahlerey zu urtheilen, deren Eindrücke gewiß eben so transitorisch[3] sind, als die Eindrücke der Tonkunst. Indeß liest man einen Mengs, Hagedorn, Lippert, Füeßli, Addison, D'Argenville, Caylus, Winkelmann, Göthe, Herder, über diese und andere schöne Künste mit Entzücken. Es kommt daher alles darauf an, ob man die Schönheiten der Tonkunst selbst im Innersten fühle? Ob man wenigstens auf einem Instrumente Meister sey? ob man philosophisch über diese Kunst nachgedacht habe; und ob man endlich die Gabe besitze, eine Folge von Tönen zu haschen, und in schickliche Worte einzukleiden; dem Phantasieschwunge und Herzensergusse des Tonsetzers zu folgen und dem Leser zu zeigen, warum dieser Tonsatz wirklich schön sey? Vor allen Dingen aber muß der musikalische Aesthetiker den Wirkungen der Tonkunst sorgfältig nachspüren, und nach richtigen Principien zu zeigen wissen, warum dieser oder jener Gang so große und einschneidende Wirkungen hervor bringe, und warum ein anderer Satz kraftlos vom Herzen der Menschen abgleite?
