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Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst

Skizzirte Geschichte der Musik.

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Die Tonkunst ist so alt als die Welt. Man könnte eben so wohl den Menschen ein singendes Geschöpf, als mit Aristoteles ein redendes Geschöpf nennen. Alle Menschen werden mit einer Anlage zum Gesang geboren. Nur wird diese Anlage mehr oder weniger ausgebildet, oder gewisse Gebrechen an den Werkzeugen der Stimme, oder eine ganz unmusikalische Erziehung verhindern diese Ausbildung der natürlichen Anlage bey den meisten. In einer Gemeinde von tausend und mehreren Menschen wird kaum ein Einziger gefunden werden, der nicht vom Strome des Tempelliedes mächtig ergriffen und auf seinen Wogen mit fortgewälzt wird. Es ist also kindisch und ganz und gar gegen die Würde der Menschheit, wenn man mit einigen alten musikalischen Geschichtschreibern annehmen wollte: der Mensch hätte das Singen von den Vögeln gelernt, oder Musik sey nachahmende Kunst. Das ewige Einerley des Vogelsanges ist zu ermüdend, als daß die Menschen anders als in gewissen launigen Stunden auf die Nachahmung desselben verfallen könnten. Die Schwalbe auf unserer Dachrinne zwitschert noch heute wie zu Adams Zeiten; die steigende Lerche singt noch jetzt über dem Haupte des Pflügers, wie sie sang über dem Haupte Abels des Schäfers; und die Nachtigall gluckt zu unseren Zeiten nicht anders als sie dem (ersten) liebenden Paare aus dem Schattenhain Edens zugluckte. Hingegen welche unendliche Veränderungen hat die Tonkunst unter dem Menschengeschlechte erlitten! Wie richtet sich der Geschmack nach allen Himmelszonen! Vom kunstlosen Volksliede einer Grasnymphe, bis zur Bravourarie einer Mara oder Gabrieli, — welche Abstufung; welcher Tonwechsel! Und vom Dorffiedler bis zu einem Lolli oder Cramer hinauf, — welche Verschiedenheit des Geschmackes, der Fertigkeit! Auch hier zeigt sich der Mensch in der hohen Würde, die ihm der Schöpfer anschuf. Die sieben Töne liegen zwar auch in der Kehle der Vögel; aber was hat der Mensch aus diesen sieben Tönen gemacht! Er ahmt damit das Säuseln des Frühlingslüftchens, wie das Heulen des Nachtwindes, und den waldbeugenden Sturm nach. Er liebt, er zürnt, er klagt, er tobt; raset, bethet, verflucht; er lacht, er weint, er mischt sich ins Halleluja der Engel und ins dumpfe Getöse der Harfen des Todes vom Donner gespalten — und dieß alles mit sieben Tönen!!

Das Göttliche der Tonkunst ist also ganz unverkennbar. Dem Menschen ist das musikalische Genie angeboren, nur von der Cultur hängt es ab, wie weit dieß sein musikalisches Genie kreisen soll. Wir haben noch heutiges Tages unzählige Beyspiele, daß Menschen mit der Gabe, den Alt, Tenor oder Baß zu einer Melodie aufzufinden, geboren werden. Das Bauernmädchen secundirt ihrer Freundinn, ohne zu wissen, daß dieß der Secund sey. Der Handwerker summt seinen Strohbaß zum Liede seines Weibes, ohne jemahls in einer Singschule die Verhältnisse des Basses erlernt zu haben. (Im Capitel vom musikalischen Genie soll dieser Punct weitläufiger aus einander gesetzt werden).

Unstreitig ist also die Gesangmusik lange vor der Instrumentalmusik hergegangen; denn die Untersuchung tongebender Körper ist zu schwer für das Kinderalter der Menschheit. Der Gesang hingegen ist so natürlich, und entquillt so frey und so kunstlos unseren Herzen, daß jedes Gefühl von Heiterkeit oder von süßer Schwermuth, oder jeder leidenschaftliche Drang hinreichend ist, uns die Lippen zum Gesang zu öffnen. Ganz gewiß hat also das erste Menschenpaar schon gesungen; ihre Abkömmlinge hallten ihre Töne nach, und erst nach vielen Jahrhunderten war es einem Jubal vorbehalten, den Grund zur Erfindung der Instrumentalmusik zu legen. Die Schallmey oder die Hirtenflöte, und die Leyer wegen ihrer simpeln Zusammensetzung gehören mit Recht unter die ersterfundenen Instrumente; und wenn die heilige Schrift von Jubal sagt: von ihm sind herkommen die Pfeifer und Geiger, so ist gewiß die Hirtenflöte und Leyer, und ganz und gar nicht unsere Geige darunter zu verstehen. Denn welchen Reichthum menschlicher Erkenntnisse erfordert nicht die Geige, so wie wir sie heutiges Tages besitzen! Die Symmetrie des Bauches, der Stimmstock, die äußerst simple Stimmung, der Einfall, einem verächtlichen Schafdarm durch einen mit Colophonium bestrichenen Roßschweif, himmlische Töne zu entlocken, ist sicher erst in weit spätern Zeiten reif worden.

Gewiß aber ists, und es kann aus der Natur der Menschheit unumstößlich erwiesen werden, daß schon vor der Sündfluth die Tonkunst unter dem Menschengeschlechte sehr stark getrieben worden; und schwerlich hat Bodmer in seiner Noachide, diesem göttlichen Gemählde der ersten Welt, die Schilderung vom Zustande der Musik in diesem Zeitalter übertrieben. Gleich nach der Sündfluth findet man wieder Spuren der auflebenden Tonkunst. — Die Chaldäer, und sonderlich die Phönicier haben sehr früh schon die Tonkunst mit dem Gottesdienste verbunden. Sie übten den Gesang in großen Chören, und begleiteten ihn sonderlich mit blasenden Instrumenten von mannigfaltiger Erfindung. Ihre so genannten Trompeten waren von Erz, noch häufiger aber von Thon; wie solches aus der Einfalt dieser Erfindung dargethan werden kann. — Noch höher stieg die Musik bey den Aegyptiern. Der Weihgesang der Isis und des Osyris wurde von mehrern tausend Priestern abgesungen, und außer dem schallenden Krummhorn, der Trommel, der Cymbel, welches aus Stahl verfertigt und mit einem eisernen Schlägel geschlagen wurde, noch mit einem Instrumente begleitet, das so lautschallend war, daß es den Gesang von vielen Tausenden trug und hob. In Paris, London, Rom und andern großen Kunstsammlungen findet man einige von diesen Instrumenten von so ungeheurer Größe und Weite, daß sie kein Mensch mehr anblasen kann, (vielleicht auch weil nur das Mundstück dazu fehlt). Einige dieser Blasinstrumente haben fünf bis sechs, einige noch mehr Löcher, wodurch Mannigfaltigkeit in den Ton gebracht werden konnte. Da der Geschmack der Aegyptier in allen Stücken ungeheuer groß war; so könnte man auch ohne historische Beweise darthun, daß sie in der Musik das Gigantische liebten, — wovon übrigens alle Schriftsteller zeugen, die die ägyptische Geschichte abgehandelt haben[4].

Die Musik der Meder und Perser war Anfangs ernst und majestätisch, verfiel aber mit der Nation gar bald in Weichlichkeit. Die Perser und Meder singen für Weiber, sagt Xenophon; sie machen die Seele nicht stark, sondern entnerven sie. Daher liebten die Perser zu den Zeiten des Darius Codomannus, die weiche girrende Flöte, wozu ein reitzendes Mädchen sang, und allerley wollüstige Stellungen unter dem Gesange machte.

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