Kapitel XIII. Die Religion der Eskimos.
Margarethe Langfeldt translation
Die Religion oder religiöse Idee ist eines der merkwürdigsten Erzeugnisse des menschlichen Geistes. Mit allen ihren der Vernunft widerstreitenden Behauptungen und ihrer verblüffenden Unwahrscheinlichkeit erscheint sie bei flüchtiger Betrachtung unerklärlich. Deshalb sah man sie zu allen Zeiten als eine übernatürliche, göttliche Offenbarung an, die ursprünglich der ganzen Menschheit gegeben war. Doch nachdem man die mehr oder weniger unvollkommenen Religionen der verschiedenen Völker in ihren oft wesentlichen Unterschieden kennen gelernt, zweifelte man an der Richtigkeit einer solchen Auffassung und begann immer mehr darüber zu sinnen, ob die religiösen Vorstellungen nicht dem Menschengeiste selbst zuzuschreiben seien, ob sie nicht ein durch den Einfluß der Umgebung entstandenes Produkt sein könnten.
Das Nächstliegende war, in der Menschheit einen angeborenen Hang zu der gewissermaßen an und für sich etwas Uebernatürliches repräsentierenden Religiosität zu suchen. Eine geheimnisvolle, unerklärliche Ahnung treibt, wie Schleiermacher sagt, den Menschen über die Grenzen dieser endlichen Welt hinaus und führt ihn zur Religion. Nur durch Verkrüppelung dieser Naturanlage kann Religionslosigkeit entstehen. »Der Anfang der Religion selbst aber ist das erste Zusammentreffen des gewöhnlichen Lebens mit einem außergewöhnlichen, die unfehlbare, heilige Vermählung des Universums mit der fleischgewordenen Vernunft zu einer schaffenden, erzeugenden Umarmung.«
Nach und nach wurden die Erklärungen weniger vage und hochtrabend. Peschel und andere mit ihm meinten, die religiösen Vorstellungen seien dem Drange entsprungen, der Ursache und dem Anfang aller Dinge nachzuforschen. Oder genauer, es seien die Ursachen der Bewegung, des Lebens und des Gedankens, die der Mensch mit seinem angeborenen Streben nach Erkenntnis des Absoluten suche. Andere dagegen, wie Max Müller, vertreten die Ansicht, das Sehnen nach dem Unendlichen, das Streben, das Unbegreifliche zu verstehen und das Namenlose zu benennen, sei der tiefe Grundton der Seele, der sich in allen Religionen offenbare. Wieder andere, wie O. Pfleiderer, sehen in dem angeborenen, unerklärlichen Schönheitsdrang, dem ästhetischen Gefühl und der Phantasie des Menschen den ersten Keim religiösen Bewußtseins. Einige wollen sogar die religiösen Begriffe auf den Sittlichkeitstrieb oder das moralische Bewußtsein des Menschen zurückführen. Jedoch, wenn man die Religion der Eskimos, sowie die religiösen Begriffe anderer Naturvölker eingehend studiert, zerfallen alle diese philosophischen Erklärungsversuche in Nichts. In unserer empirischen Zeit ist man immer mehr zu der Erkenntnis gelangt, daß die religiösen Begriffe denselben Naturgesetzen zuzuschreiben sind, die alle anderen Phänomene bedingen. Immerhin schließen wir uns der von David Hume zuerst aufgestellten Behauptung an, daß sie sich hauptsächlich von zwei Gefühlsrichtungen oder richtiger zwei »Trieben«, wie sie jedes Tier hat, ableiten lassen, nämlich: der Furcht vor dem Tode, und dem Wunsche zu leben! Aus dem ersten dieser Triebe entsteht die Furcht vor den Toten, vor der unerbittlichen Natur und ihren gewaltigen Kräften, und auch der Drang, sich vor ihnen zu schützen. Aus dem zweiten entspringt der Wunsch, glücklich zu sein, nebst dem Streben nach Macht und äußeren Vorteilen. Daraus folgt dann wieder, daß die Religionen in ihren ersten Anfängen nicht uneigennützig, sondern selbstsüchtig sind, und daß der Gläubige den Rätseln der Natur und dem Unendlichen nicht so sehr in Betrachtung versenkt gegenübersteht, als vielmehr eifrig bemüht ist, ihnen Vorteile für sich abzugewinnen. Wo z. B. Amuletten und Fetischen Macht übernatürlicher Art zugetraut wird, bedient man sich ihrer und betet sie an.
Es ist eine schwere, um nicht zu sagen, unlösbare Aufgabe, den Anfang der religiösen Begriffe aufzufinden und festzustellen, unter welcher unbestimmten, nebelhaften Form sie entstanden sind, als am Morgen der Menschheit die Begriffe klarer wurden und sich aus dem tierischen Instinkt der Verstand entwickelte. Es wird mit den religiösen Vorstellungen jener Zeit wohl ebenso wie mit den ersten organischen Wesen gewesen sein. Die ersten Gebilde hatten entweder noch keine so bestimmten Formen angenommen, oder ihre Bestandteile waren noch nicht kompakt genug, daß sie hätten Spuren hinterlassen können. Was wir finden, sind schon entwickelte Stufen. Die ersten religiösen Vorstellungen werden nur äußerst unklare, von vielen äußeren Zufällen abhängende Eindrücke gewesen sein, auf die unser Denken ebensowenig zurückschließen kann, wie wir uns das Aussehen der ersten organischen Wesen auszumalen vermögen. Wir können ebensowenig ergründen, auf welcher Stufe der Entwickelung des Menschengeschlechts die ersten vagen Anzeichen religiöser Begriffe auftauchten, wie wir die Frage verneinen können, ob unsere affenähnlichen Vorfahren davon ergriffen worden sind. Es scheint mir nicht einmal sicher, daß den Tieren jegliche übernatürliche Empfindung fehlt. Wir können also nicht erwarten, bei einer der jetzt lebenden Rassen ein vollständiges Fehlen übernatürlicher Begriffe, wie schwach sie auch entwickelt seien, zu finden. Verwundern kann es uns nur, daß sie bei einem so hoch entwickelten Volke, wie den Eskimos, noch immer auf einer so auffallend niedrigen Stufe stehen.
Nach der Kenntnis, die wir von den primitiven Religionen haben, scheint es mir wichtiger, die oben erwähnten Triebe nicht als die eigentliche Quelle der religiösen Anschauungen anzusehen. Es sind danach vielmehr drei Keime oder Momente zu unterscheiden, die den Stoff lieferten, aus dem jene beiden Triebe (die wir in einen, den Selbsterhaltungstrieb, zusammenfassen können), die religiösen Systeme bildeten. Diese drei Momente sind: unsere Geneigtheit, der Natur Persönlichkeit zuzuschreiben; ferner der Glaube an ihren und unseren eigenen Dualismus, sowie an die Unsterblichkeit der Seele; und schließlich der Glaube an übernatürliche Kraft oder Macht gewisser Dinge (Amulette). Um einzusehen, von welcher Bedeutung diese Momente sind, besonders auf einer niedrigen Stufe, müssen wir uns auf den Standpunkt eines Kindes zu stellen suchen, der ja dem des Urmenschen am ehesten entspricht. Das Kind legt der Natur nicht nur gelegentlich eine Persönlichkeit unter; es betrachtet alle leblosen oder lebenden Gegenstände seiner Umgebung als Personen und führt z. B. lange Gespräche mit seinen Spielsachen. Ein mir bekanntes Kind stand eines Tages in der Küche und betrachtete nachdenklich einige in einem Topfe kochende Würste. Plötzlich fragte es die Köchin: »Du, hast Du die Würste tot gemacht?« — Wir werden uns alle aus unserer Kindheit erinnern, daß wir jeden Baum, jeden Berg u. s. w. für etwas persönliches hielten. Dieser Hang, die Natur zu personifizieren, giebt sich, nach Tylor, auch zu erkennen in unserer oft völlig ungereimten Lust, unseren Aerger an leblosen Dingen, die uns irgendwie verletzt oder Schaden gebracht haben, einmal gründlich auszulassen. Als Sverdrup und ich Grönland durchquerten, hatten wir einen Schlitten, der sich schlecht ziehen ließ. Es wäre uns, als wir mit ihm fertig waren, eine wirkliche Genugtuung gewesen, wenn wir ihn zerschlagen oder uns sonst irgendwie an ihm hätten rächen können. Mit dem Kindergemüte unlösbar verbunden ist es auch, in jeder Bewegung oder Veränderung seiner kleinen Welt die Bethätigung eines persönlichen Willens zu sehen.
In der ersten Kindheitsphilosophie des Menschengeschlechtes mag sich diese Auffassung der Naturdinge als lebender Persönlichkeiten ganz natürlich und von selbst gebildet haben. Bäume, Steine, Flüsse, Wind, Wolken, Sonne und Mond wurden lebende Menschen oder Tiere. Die Eskimos glauben noch heute, daß alle Himmelskörper vor ihrer Versetzung an das Firmament lebende Menschen waren.
Doch nach oder gleichzeitig mit diesem Hange mag auch ganz natürlich der Begriff der Doppelnatur, des Dualismus in der Natur und im Menschen selber entstanden sein, das Gefühl eines sichtbaren und natürlichen Daseins und das eines übernatürlichen, unsichtbaren. Stellen wir uns einmal vor, daß ein unwissender Urmensch das Echo seiner eigenen Stimme hörte: mußte er nicht glauben, die Stimme eines anderen Menschen zu hören? Er kannte die Schallwellentheorie ja nicht. Als er aber diese Stimme immer wieder vernahm und doch keinen Menschen finden konnte, mußte er sie natürlich einem unsichtbaren Wesen zuschreiben.
Oder, wenn er den Tau kommen und verschwinden sah, ohne zu wissen, woher er kam und wo er blieb; wenn er die Sterne abends aufgehen und in der Frühe erlöschen sah; wenn er die auftauchenden und sich verziehenden Wolken, den Regen, den Wind, die Strömungen im Wasser betrachtete: mußte da nicht der Gedanke an sichtbare und unsichtbare Zustände in ihm aufsteigen? Als der Ureskimo zum ersten Male einen Gletscher erblickte, ihn als Treibeis das Meer durchschiffen und manchmal gewaltige Eisberge bilden sah: konnte er darin etwas anderes sehen, als das Wirken ein es ihm unsichtbaren Wesens? Ja, er machte ihn selbst zu einem solchen, dessen Abbrechen willkürliche Handlungen waren und das er deshalb fürchtete.
Oder, um etwas ganz anderes anzuführen: wenn ein Urmensch seinen eigenen Schatten oder sein Spiegelbild im Wasser erblickte, die kamen und gingen, die er weder fühlen noch greifen konnte: mußte ihm dabei nicht der Gedanke an etwas Wirkliches, allzeit Sichtbares und etwas Unwirkliches, nur bisweilen Sichtbares kommen?
Also Gründe genug gab es schon für die Entstehung der Vorstellung von dem Dualismus in der Natur, einem sichtbaren und unsichtbaren Dasein. Noch stärker aber wird dieser Glaube an die Zwiefältigkeit der Natur durch den Begriff, den sich der Urmensch von sich selber machen mußte. Wenn er schlief und träumte, er sei auf der Jagd, beim Tanze oder bei Freunden, kurz er schweife in der Fremde umher, und sich dann beim Erwachen in seiner Hütte liegend fand und von seiner Frau oder seinem Kameraden hörte, daß er seine Behausung garnicht verlassen habe, so mußte er natürlich glauben, daß er aus zwei Teilen bestehe. Der eine der beiden konnte ihn nachts verlassen und alles Mögliche erleben, während der andere liegen blieb. Noch existierte für ihn kein Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit, wie ja auch die Sprache mancher urwüchsiger Stämme, nach Spencer, noch heute nur den Ausdruck »ich sah« für »mir träumte, ich sah« kennt. Da er ferner gesehen hatte, daß sein Schatten ihn bei Tage, aber nicht bei Nacht begleitete, war es ganz natürlich, daß er den Teil seiner selbst, der ihn verlassen konnte, Schatten nannte und damit das bezeichnete, was andere Nationen Seele oder auch Geist nennen. Wir werden später darauf zurückkommen, daß der Eskimo den Glauben an die Seele und den Namen dafür auf diese Weise gefunden hat. Der Beweis für seine eigene Verwandtschaft mit allen ihn umgebenden Dingen wurde durch die Beobachtung, daß auch diese, gleich ihm, Schatten warfen, natürlich noch verstärkt.
Als dann der Urmensch dem Tod ins Angesicht sah mußte dies einen tiefen Eindruck auf ihn machen und seinen Glauben an die eigene Doppelnatur noch mehr befestigen. Er sah denselben Leib, denselben Mund, dieselben Glieder vor sich, nur waren sie sonst voller Leben und Bewegung, während sie nun still und starr dalagen. Der Körper mußte also etwas Lebenspendendes einschließen, und dieses Etwas mußte ganz natürlich die Seele sein, die, wie er aus seinen Träumen wußte, den Leib ja verlassen konnte. Daß man die Seele, die den Körper beim Tode verläßt, mit dem dann fehlenden Atem in Verbindung brachte, ist ebenfalls ganz natürlich, und so mag es gekommen sein, daß einzelne Eskimos dem Menschen zwei Seelen: Schatten und Atem zuschrieben. Dieser Glaube an den Dualismus der Seele, der bei einigen Völkern in den Begriffen Schatten und Spiegelbild Ausdruck findet, ist weit verbreitet, und daher stammt auch wohl der Unterschied, den wir zwischen Geist und Seele, Pneuma und Psyche machen.
Es könnte uns natürlich erscheinen, daß ein Urmensch an den gleichzeitigen Tod von Körper und Seele glauben mußte. Manch einer mochte es wohl thun; doch da sie in ihren Träumen wieder mit den Verstorbenen zusammentrafen, mußten sie auch wieder annehmen, daß deren Seele noch lebe. Ueberdies war der Schluß ja auch nicht unnatürlich, daß die Seele den Körper dauernd verlassen könne, da sie ihn ja in Zwischenräumen, im Schlafe und im Fieber, schon häufiger verlassen hatte. So mußte der Glaube an die Fortdauer des Lebens der Seele ganz natürlich entstehen, und da der Gedanke an völlige Vernichtung jedes lebende Wesen wenig anspricht, hat die Unsterblichkeitsidee von jeher in der Brust des Menschen starken Widerhall gefunden.
Da aber die meisten Menschen bange sind vor dem Tode und den Toten und deren Gespenstern nicht gern begegnen wollen, da ferner die Furcht über große Phantasie verfügt, so verlieh man den Verstorbenen übernatürliche Macht; besonders zum Schaden, aber auch zum Helfen. Deshalb versuchen die Lebenden, sich die Toten zu Freunden zu machen. Auf solche Weise entstand der Kultus abgeschiedener Seelen, der in den Religionen der meisten Völker eine so bedeutende Rolle spielt und der, wenn er ihnen auch nicht gerade zu Grunde liegt, doch ein wichtiges Moment aller Religionen, folglich auch derjenigen der Eskimos bildet.
Daß die Geister der Verstorbenen, namentlich bedeutenderer Menschen wie der Hauptleute und Fürsten, mit der Zeit im Volksglauben zu Göttern wurden, kann uns nicht befremden.
Das Wort Gott bedeutet ursprünglich, sowohl bei den Hebräern (il oder el), wie bei den Egyptern (nutar) und vielen anderen Völkern nur ein mächtiges Wesen und wurde auf Helden so gut wie auf Götter angewendet. Und wie es auf Erden besonders mächtige Menschen gab, so mußte es auch in der Geisterwelt besonders mächtige Geister geben, die natürlich Götter par excellence wurden und besonders verehrt werden mußten. Auf diese Weise kommen wir schließlich in dem Augenblick, da in der Geisterwelt eine absolute Monarchie errichtet wird, zu dem Glauben an einen Gott.
Doch neben dieser Ahnenverehrung lag auch ein für die Entwicklung des Aberglaubens äußerst wichtiges Moment in dem Hang des Menschen, gewissen Dingen übernatürliche Kraft zuzutrauen. Auf dem primitiven Standpunkte nutzte man sie zum Anwenden der Macht der Toten oder zu einer Einwirkung auf sie. Auch andere Vorteile versuchte man sich dadurch zu verschaffen, und hieraus hat sich im Laufe der Zeit das Amulettwesen und zum Teil auch die Fetischverehrung entwickelt. Wie der Glaube an die Kraft der Amulette entstehen kann, werde ich weiter unten besprechen.
Ein wichtiges Moment in der Entstehung und weiteren Entwickelung dieser abergläubischen Ideen ist der Einfluß der Medizinmänner (Geisterbeschwörer) oder Priester auf ihre Mitmenschen. Es war selbstverständlich, daß einige, und zwar die klügsten Köpfe, sich besser auf übernatürliche Dinge verstanden, als die große Masse und in näherem Verhältnis zu den Toten standen. Daß sie infolgedessen ihren Mitmenschen helfen konnten, wenn es z. B. galt, die Macht der Toten für den Vorteil des Einzelnen oder des Ganzen auszunutzen, war klar. Und hierdurch erlangte der Priester dann wieder Macht, Einfluß auf das Volk und manche Vorteile materiellerer Art. Deshalb hat es auch jederzeit im Interesse der Medizinmänner und Priester gelegen, die abergläubischen oder religiösen Ideen zu erhalten und zu nähren. Sie erhöhen ihre Macht, wie ihre Einnahmen dadurch, daß sie vorgeben, selber daran zu glauben, ja daß sie neue göttliche Lehren zu ihrem eigenen Besten erfinden.
Bei Völkern wie den Eskimos kommt noch eins hinzu, was einen stark färbenden Einfluß auf den Aberglauben hat: das harte, von Glück und Zufall abhängende Leben, das sie führen, und die Natur, in der sie leben. Daß ein von Jagd und Fischfang lebendes Volk abergläubisch wird, ist eine bekannte Thatsache, für die wir in Norwegen ein schlagendes Beispiel haben. Vergleichen wir nur den Westländer und Nordländer mit dem Ostnorweger. Die ersteren sind hinsichtlich ihres Erwerbes größtenteils auf das Meer angewiesen und abhängig von Wind und Wetter, Fischzügen u. s. w.; einer ganzen Reihe dem Menschen unbekannter Faktoren, die sie mit einem Worte Glück nennen und die ihnen nicht nur ungünstig sein, sondern sogar das Leben kosten können. Daher werden sie unwillkürlich abergläubisch. Es giebt keine Gegend, wo Pietismus und Obskurantismus so fruchtbaren Boden finden wie in Westnorwegen. Kommen wir nun zu dem Ostnorweger, so nehmen wir einen auffallenden Unterschied wahr. Der Ostnorweger sitzt fest auf seiner Scholle, hat freilich auch ein wenig mit Wind und Wetter zu rechnen, sitzt aber auf dem Trockenen und ist daher weniger abergläubisch. Wieviel stärker aber müssen diese aberglaubenerweckenden Einflüsse erst auf den Eskimo einwirken, dessen ganze Existenz von Jagd und Fischfang abhängt! Die beständigen Gefahren und die arktische Natur tragen gewiß nicht wenig zum verschärfen dieser Einflüsse bei. Eine so wilde, großartige Natur wie die grönländische — mit ihren Gletschern, ihren treibenden Eisbergen, Luftspiegelungen, Stürmen und der langen Winternacht mit dem flammenden Nordlicht — gewinnt unwillkürlich Macht über das Gemüt, erzeugt Ehrfurcht und Bangen und nährt die Phantasie. Wir stehen diesen Wundern mit nüchternem Verstande gegenüber, der Naturmensch aber ersetzt, wie das Kind, das fehlende Verständnis durch die Gebilde seiner ungezügelten Phantasie, und so verstärkt und entwickelt sich der Glaube an das Uebernatürliche.
Die Moral, die sich viele mit den religiösen Begriffen eng verbunden denken, hat ursprünglich wenig oder nichts mit ihnen zu schaffen. Sie entspringt, wie ich schon hervorhob, dem Gesellschaftstrieb und hat bei allen primitiven Völkern nichts mit der Religion gemein. Sie haben keinen Lohn im Jenseits für moralischen Wandel.
Die Eskimos sind ein Beispiel hierfür. Wir finden freilich in den grönländischen Sagen Andeutungen, daß das Böse, besonders Hexerei, von den übernatürlichen Mächten bestraft wird. Die Toten können den Lebenden zum Heil die ihnen erwiesenen Wohlthaten vergelten. Die Seelen (oder imue?) der Tiere können es riechen, wenn man ihre Nachkommen allzu grausam umbringt. Die Seele oder der Geist des Ermordeten verlangt, daß sein Tod gesühnt werde (Blutrache). Das den Schwachen zugefügte Unrecht straft sich auf verschiedene Art u. s. f. Doch all das tritt in so unbestimmter Gestalt hervor, daß man es nicht als etwas Ursprüngliches (primäres) ansehen kann, sondern nur als etwas Hinzugekommenes, da die Gesetze und gesellschaftlichen Verhältnisse ganz natürlich in die Sagen hineingemengt werden. Es läßt sich daher als der erste unsichere Schritt der religiösen Begriffe zur Moral bezeichnen. Erst bedeutend später aber haben Religion und Moral einen für beide Teile stärkenden Bund geschlossen. Die Religion erhielt dadurch eine gute Stütze, und die Moralgesetze wirkten tiefer, seit sie sich eines besonderen, höheren oder göttlichen Ursprunges rühmen konnten und dazu noch Belohnungen und Strafen im Jenseits festsetzten.
Es ist ein auffallender Zug aller Religionen, daß sie trotz großer Unterschiede in vielen Hauptpunkten wesentliche Aehnlichkeiten haben, die über die ganze Erde gehen. Dafür giebt es nur zwei Erklärungen: entweder haben alle Religionen einunddieselbe Ursache, oder die religiösen Begriffe sind an einer Stelle entstanden und haben sich von dort aus über die ganze Erde verbreitet. Ich glaube, daß beides zusammenwirkte. Menschliches Gehirn und Nervensystem sind bei allen Rassen erstaunlich gleichgebildet. Die Unterschiede liegen hauptsächlich in der Entwickelung, der wir den Fortschritt der höheren Rassen zuschreiben müssen. Man kann also wohl dasselbe von den Gesetzen des Denkens, besonders bei den tieferen, weniger komplizierten Verhältnissen annehmen, und da die Erfahrungen in gewissem Grade gleich sind, so hat man wohl auch überall dieselben Schlüsse gezogen, ist aber dabei auch allenthalten zu denselben Hauptirrtümern gekommen. Diese Irrtümer liegen nun allen Religionen zu Grunde. Daneben aber haben sich sicher religiöse Vorstellungen auch an einzelnen Orten gebildet und sind dann als Wandersagen und Märchen zu den andern Völkern der Erde gedrungen. Daß sie selbst zu so abgeschieden lebenden Stämmen wie den Eskimos gelangen konnten, werde ich später beweisen.
Die Religion der grönländischen Eskimos ist für alle diese Fragen von großem Interesse. Sie ist so primitiv, daß mir Zweifel aufsteigen, ob sie den Namen Religion überhaupt verdient. Sie besteht aus einer Menge Sagen und vielem Aberglauben, beiden Teilen aber fehlt es an fester, klarer Gestaltung. Die Begriffe des Uebernatürlichen wechseln mit dem Individuellen, und das Ganze macht den Eindruck einer im Entstehen begriffenen Religion, einer Masse unzusammenhängender, phantastischer Eindrücke, die sich noch nicht zu einer bestimmten Weltanschauung krystallisierten. Kurz, ein Standpunkt, wie ihn wahrscheinlich alle Religionen einmal eingenommen haben, bevor sie sich weiter entwickelten.
Wie alle primitiven Völker haben die Grönländer sich die Natur ursprünglich als beseelt gedacht. Jedes Ding, wie Steine, Berge, Hausgeräte u. s. w., hatte seine Seele. Spuren dieses Glaubens finden wir noch heute. Die Seelen der Werkzeuge, Waffen und Kleider begleiten den Abgeschiedenen auf seiner Wanderung nach dem Lande der Toten. Man legt sie deshalb auf oder in das Grab, damit sie dort verfaulen und die Seelen frei werden. Nach und nach hat sich dieser Glaube in der allen Naturvölkern eigentümlichen, unlogischen, verwirrenden Weise mit einem ihm anfänglich grundverschiedenen vermischt; dem nämlich, daß die Seelen der Verstorbenen ihren Wohnsitz in gewissen Tieren, Gegenständen, Bergen u. s. w. aufschlagen können, über die sie sich zu Herren machen und von denen aus sie Ausflüge unternehmen, ja sich sogar den Lebenden zeigen. So entstand der Glaube, daß in jedem Naturgegenstande ein eigenes Wesen wohne, das der Inua (Besitzer) desselben genannt wird; ein Wort, das sehr bezeichnend eigentlich »Mensch« oder »Eskimo« bedeutet.
Nach der Auffassung der Eskimos hat z. B. jeder Stein, jeder Berg, jeder Gletscher, jeder Fluß, jeder See seinen Inua. Selbst die Luft besitzt einen solchen. Das Allermerkwürdigste ist jedoch, daß auch abstrakte Begriffe ihren Inua haben können. Es wird z. B. von den Inue bestimmter Triebe und Leidenschaften gesprochen. Dies mag bei einem Naturvolke überraschen, ist aber leicht zu erklären. Wenn z. B. ein Naturmensch Hunger hat und ein nagendes Gefühl in seinem Innern verspürt, liegt ihm der Gedanke nahe, daß ein lebendes Wesen ihm dies zufüge, und dieses Wesen nennt er den Inua der Eßlust oder des Hungers. DieseInue sind meist unsichtbar, zeigen sie sich aber, so geschieht es, nach Dr. Rink, in Gestalt eines Funkens oder einer Flamme, und ihr Anblick ist sehr gefährlich.
Der Mensch selbst besteht, der alten Ansicht der Grönländer zufolge, aus mindestens zwei Teilen, Leib und Seele, die grundverschieden sind. Die Seele ist nur einem besonderen Sinne sichtbar, den Menschen in besonderer Gemütsverfassung oder von besonderer Begabung (Angekoker) besitzen. Sie hat dieselbe Gestalt wie der Leib, ist aber aus luftförmigem Stoffe. Die Angekoker erzählten Hans Egede, die Seele fühle sich weich an, ja sei eigentlich kaum zu fühlen, als hätte sie weder Knochen, noch Sehnen[51]. Die Ostgrönländer meinen, die Seele sei ganz klein, nicht größer als eine Hand oder ein Finger. Der grönländische Name der Seele ist tarnik. Er ähnelt dem Worte tarrak, das Schatten bedeutet, und es ist mir nicht zweifelhaft, daß es ursprünglich ein und dasselbe Wort war, da ja der Eskimo, wie oben gesagt, Seele und Schatten identifizierte[52]. Dies stimmt völlig mit dem überein, was wir bei andern Völkern finden. Der Bewohner der Fidschi-Inseln nennt z. B. den Schatten, der ihn nachts verläßt, seine schwarze Seele, seine weiße Seele ist das Spiegelbild. Tarrak bedeutet auf Grönländisch Schatten und Spiegelbild, also bezeichnete das ursprüngliche Wort für Seele alle drei Dinge. Nach Cranz[53] meinten einige Grönländer, der Mensch habe zwei Seelen, den Schatten und den Atem (vergl. oben). Es scheint jedoch zu Egedes und Cranzens Zeit der Glaube, daß die Seele am engsten mit dem Atem verbunden sei, am verbreitetsten gewesen zu sein. Die Angekoker hauchten z. B. den Kranken an, den sie heilen oder mit einer neuen Seele begaben sollten.
Als bemerkenswert sei noch erwähnt, daß ein westgrönländischer Eingeborener, der Katechet Hanserak, der Kapitän Holm auf seiner Reise längs der Ostküste begleitete, über den Seelenglauben der Angmagsaliker in sein auf Eskimoisch geführtes Tagebuch schrieb, der Mensch habe »viele Seelen«. Die größten wohnten im Kehlkopf und in der linken Seite des Menschen und seien winzig kleine Menschen von der Größe eines Sperlings. Die anderen wohnten in den verschiedenen Körperteilen und seien nur so groß wie ein Fingerglied. Werde eine von ihnen entfernt, so erkranke der betreffende Körperteil[54]. Ob dies ein allgemein unter den Eskimos verbreiteter Glaube war, geht aus den anderen Berichten leider nicht hervor.
Die Seele ist ziemlich selbständig und kann den Körper auf längere oder kürzere Zeit verlassen. Sie thut es allnächtlich, wenn sie in lebhaften Träumen auf die Jagd oder auf Vergnügungen ausgeht. Sie kann auch daheim bleiben, wenn der Körper auf Reisen ist, welche Auffassung Cranz dem Heimweh zuschreibt. Sie kann ferner verloren gehen oder durch Hexerei gestohlen werden. Dann wird der Mensch krank und muß seinen Angekok bitten, der Seele nachzureisen und sie wiederzuholen. Ist sie aber inzwischen verunglückt oder von dem Tornarssuk eines anderen Angekoks aufgefressen worden, so muß man sterben. Doch kann der Angekok ihm eine neue Seele verschaffen oder eine kranke vertauschen mit einer gesunden, die er von einem Hasen, Renntiere, Vogel oder einem neugeborenen Kinde nimmt.
Zu diesen beiden Teilen des Menschen kommt bei den Grönländern der Ostküste, nach Holm, noch ein dritter: der »Name« (atekata). »Dieser ist so groß wie der Mensch selbst und tritt in das Kind ein, wenn man ihm gleich nach der Geburt den Mund mit Wasser bestreicht und dabei die Verstorbenen ›bei Namen‹ nennt.« Die Kinder aller Grönländer, sogar die der christlichen, erhalten meistens den Namen des Zuletztverstorbenen, falls noch keiner nach ihm benannt ist. Dies geschieht, damit er Ruhe im Grabe habe. Die Ostgrönländer meinen, daß der »Name« bei der Leiche bleiben oder erst durch verschiedene Tiere[55] wandern müsse, bis ein Kind nach ihm benannt werde. Es ist also ihre Pflicht, darauf zu sehen, daß dies geschehe, widrigenfalls es für das Kind die schwersten Folgen haben könnte. Dies hat überraschende Aehnlichkeit mit dem, was mir Professor Moltke Moe mitteilt über den in Norwegen allgemein verbreiteten Glauben, daß die Toten »nach dem Namen gehen«. Eine schwangere Frau träumt, dieser oder jener verstorbene Verwandte komme zu ihr (gehe nach dem Namen), und sie muß nun das Kind nach ihm benennen. Thut sie es nicht, so ist dies eine Unterlassungssünde, die schädlichen Einfluß auf die Zukunft des Kindes haben kann[56]. Bei den Rolossiern in Nordwestamerika sieht die Mutter im Traume den verstorbenen Verwandten, dessen Seele dem Kinde Aehnlichkeit mit ihm verleiht. Auch bei den Indianern steht das Namengeben mit Träumen in Verbindung[57]. Der Name hat in Grönland, wie überall, große Bedeutung. Zwischen zwei Menschen gleichen Namens[58] soll Geistesverwandtschaft bestehen, und die Eigenschaften des Verstorbenen sollen in den nach ihm benannten Lebenden übergehn, der überdies noch verpflichtet ist, den Einflüssen zu trotzen, die den Tod des ersteren verursacht haben. Ist er auf dem Meere umgekommen, so muß der Erbe seines Namens seine Ehre darein setzen, dem Meere im Kajak zu trotzen, welche Anschauung wir auch bei anderen Völkern, z. B. bei den Indianern, finden.
Der Grönländer fürchtet sich sehr vor dem Aussprechen eines »toten« Namens. Diese Furcht geht, nach Holm, auf der Ostküste so weit, daß, wenn zwei denselben Namen führen und einer stirbt, der Ueberlebende sofort seinen Namen ändert. Falls der Tote nach einem Tiere oder Gegenstande geheißen, wird auch das Wort für diese umgeändert. Infolgedessen ist die Sprache großen zeitweiligen Veränderungen unterworfen, da die ganze Bevölkerung die umgetauften Worte annimmt[59]. Dieselbe Sitte ist sehr verbreitet bei den Indianern in Nordamerika und Patagonien, bei den Zigeunern in Europa, ferner in Ostafrika, auf Madagaskar, in Australien, in Tasmanien, in Neuguinea und auf den Gesellschaftsinseln. Als die Königin Pomare starb, verschwand in Tahito das Wort po (Nacht) aus der Sprache, und an seine Stelle trat das Wort mi[60].
Die Furcht vor dem Nennen der Namen Verstorbener kommt auch in Europa vor, nämlich in Deutschland, auf den Shetlandsinseln[61] und wohl noch anders. Sie wird gewiß auch bei uns zu finden sein. In Grönland, wie bei den eingeborenen Stämmen in Amerika und auf den Sundainseln[62] verändern Kranke, die ebenso heißen wie ein Verstorbener, ihren Namen, um dem Tode ein Schnippchen zu schlagen.
Die Ostgrönländer fürchten sich auch, ihren eigenen Namen zu nennen. Holm sagt, daß sie stets andere baten, an ihrer Stelle zu antworten, wenn sie danach gefragt wurden. Als eine Mutter gefragt wurde, »wie ihr Kindchen heiße, antwortete sie, sie könne es nicht sagen. Ebensowenig konnte der Vater es sagen; er wollte es nämlich vergessen haben, aber vom Bruder der Frau konnten wir es erfahren«[63].
Bei den Indianern spielt der Name eine große Rolle und wird sogar möglichst geheim gehalten, weshalb man den Träger oft mit seinem Beinamen[64] ruft. Bei vielen Völkern geschieht es allgemein, daß man die Namen seiner Verwandten, wie den des Gatten, der Schwiegermutter, des Schwiegersohnes, der Eltern u. s. w., und auch der Könige nicht nennt. Diese Macht des Namens geht bei einigen Völkern ziemlich weit. Als der König von Dahome, Bossa Ahadi, den Thron bestieg, ließ er alle, die den Namen Bossa führten, enthaupten.
Diese Furcht vor dem Namennennen ist allgemein menschlich; wir finden sie in vielen[65] unserer Sagen wieder, und sie ist bei uns, besonders in Westnorwegen[66], Brauch und Sitte. Dies mag daher kommen, daß Name und Gegenstand leicht mit einander verschmelzen. So entsteht der Glaube, daß man, sobald man den Namen weiß, auch den Gegenstand[67] kenne und daher mit dem Nennen des Namens auf den Gegenstand Einfluß gewinne. Ein Mensch kann demgemäß seine Macht verlieren, wenn er seinen Namen verrät. Deshalb wollen die Toten auch nicht, daß ihr Name genannt werde. Nennt man sie doch, so kann dies die Wirkung haben, die Toten aus dem Grabe heraufzurufen oder sie dort zu beunruhigen. Die Grönländer wagen es z. B. auch nicht, den Namen eines Gletschers (puisortok) zu nennen, weil sie fürchten, er möchte es übelnehmen und bersten[68]. Aehnliche Anschauungen sind sehr verbreitet, unter anderen bei den Indianern, indem diese Orte und Flüsse nicht bei Namen zu nennen wagen[69].
Ueber das Leben der Seele nach dem Tode scheinen die Grönländer verschiedener Meinung gewesen zu sein. Einige, die von den Missionaren dumme, vertierte Menschen genannt werden, meinten, mit dem Tode sei alles aus, und es könne kein Leben im Jenseits geben. Die meisten Grönländer scheinen jedoch geglaubt zu haben, daß die Seele, wenn sie auch nicht ganz unsterblich sei, doch den Leib überdauere oder jedenfalls wieder auflebe, nachdem sie mit ihm gestorben. Dann gelange sie entweder an einen Ort unter der Erde oder unter dem Meere, oder auch in die Oberwelt oben im Himmel oder vielmehr zwischen diesen und die Erde[70]. Der erstgenannte Ort gilt für den besten, dort ist ein gutes Land, wo es, nach Hans Egede, »schönen Sonnenschein, gutes Wasser, Tiere und Vögel in Menge« giebt. Es wird manch einen verwundern, daß sie im Gegensatze zu uns ihren besten Ort unter die Erde oder das Meer verlegen. Doch dies scheint mir dadurch leicht erklärlich, daß sie sahen, wie der Himmel und die Berge sich im Wasser spiegelten, und ursprünglich dies für eine andere Welt hielten. Später haben sie freilich entdeckt, daß sie nur das Spiegelbild gesehen. Aber der ursprüngliche Glaube an eine Unterwelt hat sich dennoch erhalten, und es ist gerade charakteristisch, daß diese unter das Wasser verlegt wird und viel Sonnenschein hat; denn die Sonne hat wohl meistens geschienen, wenn sie das Spiegelbild sahen.
Der andere Ort in der Oberwelt ist kälter. Er hat wie die Erde Berge und Thäler, und über ihm wölbt sich der blaue Himmel. Dort leben die Seelen der Abgeschiedenen in Zelten rund um einen See herum, und wenn dieser überfließt, regnet es auf Erden. Hier gibt es viele schwarze Rauschbeeren, auch sind hier viele Raben, die sich den alten Weiberseelen[71] unaufhörlich auf den Kopf setzen, schwer zu vertreiben sind und wohl die Läuse unserer Welt vertreten. Bisweilen kann man bei Nacht die Seelen dort oben mit einem Walroßkopf Fußball spielen sehen. Auf der Ostküste glaubt man jedoch, daß das Nordlicht nur aus den Seelen totgeborener, zu früh geborener, ermordeter oder heimlich geborener Kinder bestehe. »Diese Kinderseelen fassen einander bei den Händen und tanzen einen wirbelnden Rundtanz. Sie spielen Ball mit ihrer Nachgeburt, und wenn sie Waisenkinder sehen, laufen sie ihnen entgegen und werfen sie zu Boden. Sie begleiten das Spiel mit einem pfeifenden, schrillen Laute«[72]. Deshalb heißt das Nordlicht auch Alugsukat, welches Wort auch Abort und heimlich geborenes uneheliches Kind bedeutet. Diese Auffassung der Grönländer scheint nahe verwandt mit dem Glauben der Indianer, die im Nordlichte den Reigen abgeschiedener Seelen sehen[73].
Eine Hölle haben die Eskimos nicht. Die obenerwähnten Aufenthaltsorte der Seelen sind nur mehr oder weniger gut, aber eine Beziehung zwischen den guten oder bösen Thaten des Menschen und dem Ort, an den er nach seinem Tode kommt, giebt es nicht.
Egede[74] behauptet jedoch, in das herrliche Land unter der Erde kämen nur »die Frauen, die im Kindbette starben, die Männer, die im Meere ertrinken, und Walfischfänger, was gewissermaßen eine Belohnung sein soll für das Schlimme, das sie hier auf Erden ausgestanden haben. Alle anderen aber kommen in den Himmel«. Es scheint mir nicht ausgemacht, daß dies der allgemeine Glaube war. Einen ähnlichen finden wir auch bei uns. Eine alte Frau in Telemarken sagte zu Professor Moltke Moe von ihrem Sohne: »Ja Du, seinetwegen kann ich ruhig sein, er ging geradeswegs in den Himmel. Du weißt ja, es steht in Gottes Wort, daß alle, die in See bleiben oder im Kindbett sterben, unmittelbar in Gottes Reich eingehen«[75].
Nach der Aussage einiger scheint es jedoch, als ob auch andere Grönländerseelen in die Unterwelt gelangten. Dies sollte unter anderem von der Behandlung der Leiche abhängen. So sagt Paul Egede (Grönländische Berichte, Seite 147), »daß die Kranken, die in den letzten Zügen liegen, gewöhnlich vorsichtig aus dem Bette gehoben und auf dem Fußboden zum Begräbnisse eingekleidet werden. Das Niederlegen bedeutet gleichsam die Niederfahrt unter die Erde, die sie dem Toten wünschen. Stirbt einer aber, bevor er niedergelegt ist, so muß er in den Himmel.« Auf die Frage, weshalb man einen Hundekopf auf ein Grab gelegt habe, erhielt er die Antwort: »Es ist bei einigen unserer Mitmenschen so Brauch, einem Kinde, wenn es begraben wird, einen Hundekopf mitzugeben, weil er Spuren finden und dem Kinde, wenn es wieder lebendig wird, den Weg in das Land der Seelen zeigen kann. Denn Kinder sind dumm und unverständig und können allein den Weg nicht finden«[76]. Kapitän Holm[77] scheint die Richtigkeit dieser Auffassung (die er übrigens nach Hans Egede anführt) zu bezweifeln, und zwar aus dem Grunde, weil er bei den Ostgrönländern solch einen poetischen Brauch nicht entdecken konnte. Mir scheint dies nicht berechtigt, denn einerseits dürfen wir die so bestimmte Aussage eines Mannes, wie Paul Egede, der die Grönländer und ihre Sprache aus dem Grunde kannte, nicht in Zweifel ziehen, andrerseits aber muß man stets bedenken, wie religiöse Begriffe hin und her schwanken und veränderlich sind. Ueberdies finden wir ja entsprechende Bräuche bei den Indianern. Die Azteken schlachteten bei Beerdigungen einen Hund, banden ihm einen baumwollenen Faden um den Hals und verbrannten ihn oder begruben ihn mit der Leiche. Er sollte den Verstorbenen über die tiefen Wasser des Chiuhnahuapa ins Totenreich[78] führen.
Die Reise in das schöne Land ist jedoch nicht leicht. Egede sagt, unterwegs sei ein hoher, spitzer Steinblock, »den die Toten hinunterrutschen müssen, weshalb der Stein blutig ist«. Cranz behauptet, die Seelen brauchten fünf Tage oder noch länger, um diesen Stein oder diesen Felsen hinabzurutschen, bevor sie weiter könnten. Besonders beklage man die Armen, die diese Reise bei stürmischem Wetter oder im Winter machen müßten, weil die Seele dabei leicht zu Schaden kommen könne. Die Grönländer nannten dies den zweiten Tod, mit dem alles zu Ende sei[79]. Sie fürchteten dies sehr, und die Ueberlebenden hatten in diesen Tagen gewisse Vorsichtsmaßregeln zu beachten, damit die Seele nicht verunglücke. Aehnliche Sagen von vielen Schwierigkeiten auf der langen Reise der Seele nach dem Land der Toten finden wir bei den meisten Völkern[80]. Annehmbarer Weise sollten diese Schwierigkeiten ursprüglich Prüfungen sein, die die Guten leichter überstehen als die Bösen. Da nun bei den Eskimos diese Schwierigkeiten kein Prüfstein für Gut und Böse sind, so scheint damit bewiesen, daß diese Sage mit ihren Ausschmückungen von anderen entlehnt ist, und zwar zunächst wohl von den Indianern. Namentlich erinnert der spitze Stein stark an den »Bergkamin« der Indianer, »dessen schmaler Grat so scharf ist wie das schärfste Messer« und über den der Weg nach Wanaretebe, der Wohnstätte der Seelen, führt[81].
Auch den Tieren scheinen die Grönländer allgemein eine Seele zuerkannt zu haben. Wie die Menschenseele konnte sie den Körper überleben und ins Jenseits reisen, was z. B. aus der im zwölften Kapitel mitgeteilten Bärengeschichte deutlich genug hervorgeht. Es ergiebt sich auch aus der erwähnten Sitte, Hundeköpfe auf Kindergräber zu legen. Natürlich soll die in dem Kopfe wohnende Hundeseele die Kinderseele geleiten. Dies ist übrigens ein unter Naturvölkern allgemein vorkommender Glaube. So meinen die Kamschadalen, daß die Seele jedes Tieres, selbst des kleinsten Flohs in der Unterwelt wieder auflebe.
Der Grönländer kennt viele höhere übernatürliche Wesen. Von denen, die den Menschen am nächsten stehen und von denen diese durch ihre Angekoker am meisten Nutzen haben, müssen zuerst die Tôrnat (Plural von Tôrnak) genannt werden. Es sind die dienstbaren Geister der Angekoker, die ihnen zu ihrer übernatürlichen Macht verhelfen. Man denkt sich darunter oft die Seelen Verstorbener, besonders der Großeltern und Vorfahren. Es können aber auch die Seelen verschiedener Tiere sein, und ebenso anderer übernatürlicher Wesen menschlichen Ursprunges wie die weiter unten zu besprechenden Kivitut oder wirkliche, im Meere oder im Innern des Landes hausende Geister. Auch Seelen abwesender Europäer. Jeder Angekok hatte in der Regel mehrere; einige erteilten ihm Rat, andere halfen ihm in Gefahr, und wieder andere vollzogen seine Zerstörungs- und Rachegelüste. Letztere sandte er aus, um die, deren Untergang er beschlossen hatte, als Gespenster zu Tode zu ängstigen.
In Verbindung mit den Tôrnat oder über ihnen steht der Tôrnârssuk, der in der allgemeinen Meinung als ihr direktes Oberhaupt oder doch als ein sehr mächtiger Tôrnak galt. Er war beinahe ein Gott, mit dem der Angekok durch seinen Tôrnak in Verbindung treten und von dem er Rat erhalten konnte. Oft scheinen dem Tôrnârssuk auch böse Dinge nachgesagt worden zu sein, und es ging ihm wohl darin wie allen anderen übernatürlichen Wesen, daß es ganz von dem Angekok abhing, ob er ihn als Nutzenspender oder als Schadenbringer austreten lassen wollte. Der Tôrnârssuk hatte sein Heim in der Unterwelt im Lande der Seelen. Ueber sein Aussehen waren die Begriffe unklar, einige hielten ihn für gestaltlos, nach anderen sollte er einem Bären gleichen, wieder andere stellten ihn als einen einarmigen Riesen dar, und manche behaupteten sogar, er sei so klein wie ein Finger. Ebensowenig scheint man, nach Hans Egede, über sein Wesen völlig ins Reine gekommen zu sein. Während einige ihn für unsterblich hielten, glaubten andere, daß er außerordentlich leicht zu töten sei. So erzählt Egede von den magischen Operationen der Angekoker und ihren Unterredungen mit dem Tôrnârssuk: »Dann aber darf keiner der Anwesenden schlafen, sich den Kopf kratzen oder gar von hinten einen gehen lassen, denn ein solcher Pfeil, sagen sie, kann sowohl den Hexenmeister, wie den Teufel selbst (d. i. den Tôrnârssuk) töten.« Dr. Rink glaubt, hier liege ein Mißverständnis Egedes und der übrigen Missionare vor und im ganzen habe man über das Aussehen, wie über das Wesen des Tôrnârssuk nicht viel gewußt. Die Heiden der Ostküste sind jedoch, wie wir sehen werden, ziemlich genau über ihn unterrichtet.
In diesem Tôrnârssuk haben viele ein höchstes, von den Eskimos angebetetes Wesen sehen wollen, das unserem Gott entspreche. Trotzdem wurde er bei der Einführung des Christentums in den Teufel verwandelt und gilt nun dafür. Ich kann mich des Glaubens nicht erwehren, daß Egede und die ersten Missionare ein wenig Anteil an der Fabrikation seiner Gottesvertretung haben. Sie kamen sicherlich, wie viele Heidenmissionare, mit der vorgefaßten Meinung ins Land, jedes Volk müsse einen Gottesbegriff oder den Glauben an ein höchstes gutes Wesen haben. Davon ausgehend haben sie gewiß die armen Heiden solange mit Fragen über ihren Tôrnârssuk gequält, bis die Antworten danach ausfielen. Dann werden sie soviel von ihrem guten, allmächtigen Gotte geredet haben, daß die Heidenpriester, um nicht zurückzustehen, nun ihrerseits versicherten, sie hätten auch einen solchen Gott. Daß er ein so großer Geist nicht war, wie allgemein betont wird, geht deutlich aus Kapitän Holms Bericht über den Glauben der ostgrönländischen Heiden hervor. Ihr Tôrnârssuk ist eher ein bescheidenes Tier, das im Meere lebt und das sowohl Angekoker, wie gewöhnliche Menschen sehen können und gesehen haben. Sie beschreiben ihn ganz genau, haben sogar zahlreiche Abbildungen von ihm. Er ist so lang wie ein großer Seehund, aber dicker als dieser und hat unter anderem lange Fangarme. Holm ist nach ihrer Beschreibung zu der ketzerischen Ansicht gelangt, daß der Tôrnârssuk ein ganz gewöhnlicher Tintenfisch sei. Er frißt die geraubten Seelen und ist oft ganz rot von Blut. Man kann sagen, wenn dies aus dem ursprünglichen Gottesbegriff hat werden können, so ist er in betrübender Weise heruntergekommen. Dazu giebt es auf der Ostküste nicht nur einen, sondern jeder Angekok hat, nach Holm, seinen Tôrnârssuk. Er hat dort auch einen Gehülfen, den Aperketch, der ein schwarzes, bis zu zwei Ellen langes Tier mit großen »Kneifzangen am Kopfe« ist. Holm sagt ausdrücklich, daß er kein Anzeichen von einem Glauben an die Herrschaft des Tôrnârssuk über die Tôrnat habe entdecken können. Wir werden also von der Macht und Bedeutung, die ältere Verfasser diesem Geiste zuschrieben, ein wenig abziehen müssen[82]. Es scheint mir klar, daß dieser Glaube an den Tôrnârssuk, wie an die Tôrnat von einem Glauben an die Geister oder Gespenster der Vorfahren abzuleiten ist. Dies geht vielleicht auch aus den Worten selbst hervor. Meiner Ansicht nach konnte Tôrnak dasselbe Wort sein wie tarnik oder tarnek (Seele), welches wieder tarrak (Schatten) gleich ist. Eine Stütze für diese Annahme finden wir darin, daß tôrnak auf der Ostküste tartok oder tartak heißt, welches dasselbe Wort wie tarrak ist[83]. Es kommt mir demnach wahrscheinlich vor, daß alle diese Worte ursprünglich nur eines waren, das Schatten, Spiegelbild der Seele bedeutete und auch die Seelen Verstorbener bezeichnete. Nun aber ist Tôrnârssuk sicherlich von Tôrnak abgeleitet und war vielleicht ursprünglich identisch mit Tôrnârssuak, d. h. dem großen oder dem bösen, häßlichen Tôrnak. Damit wäre dann wieder gesagt, daß er ein mächtiger Tôrnak war, der allmählich bei einigen Stämmen zu einer Art Herrschaft über die anderen Tôrnat oder Seelen Verstorbener gelangte.
Daß die Grönländer diese zum Gegenstande besonderen Aberglaubens machten, erklärt die Furcht, die sie noch immer vor den Toten hegen, mehr noch vor deren Gespenstern, die sich oft sehen lassen und sehr gefährlich, aber auch freundlich sein können. Ihre leiblichste Art, sich zu zeigen, ist durch Pfeifen und durch Ohrenklingen. Im letzteren Falle bitten sie um Speise, weshalb man dann in Grönland sagt: »Nimm nach Belieben«, nämlich von meinem Vorrat[84]. Daß ein Gespenst nicht immer gefährlich ist, ergiebt sich aus der Erzählung Nils Egedes[85] von einem Knaben in Godthaab, der, als er einmal mit einigen anderen in der Nähe des Grabes seiner Mutter spielte, plötzlich jemand aus dem Grabe steigen sah. Er und die anderen liefen fort, aber das Gespenst lief ihnen nach, ergriff den Sohn, »hielt ihn fest, küßte ihn und sagte: Sei nicht bange, ich bin Deine Mutter und liebe Dich,« und dergl. mehr. Die Bräuche bei Todesfällen und Begräbnissen zeigen, wie sehr sie sich vor den Toten und besonders deren Seelen oder Gespenstern fürchten. Oft wird den Sterbenden kurz vor dem Tode das Leichenkleid, meistens ihr bestes Gewand, angezogen. Häufig werden ihnen auch die Beine so gebogen, daß die Füße das Hinterteil berühren, und dann werden sie so in ein Fell eingenäht oder eingewickelt. Das letztere wohl deshalb, weil sie so weniger Platz einnehmen und in ein möglichst kleines Grab gelegt werden können, und zwar geschieht dies bei lebendigem Leibe, damit die Ueberlebenden die Leiche nicht mehr als nötig zu berühren brauchen. Die Furcht vor dem Berühren der Toten geht so weit, daß sie (wie oben erwähnt wurde) einem Verunglückenden (z. B. einem Kajakmann, der dem Ertrinken nahe ist) auf keinen Fall Hülfe leisten würden, sobald sie glauben, er sei dem Tode nahe.
Die Toten werden sofort nach dem Abscheiden hinausgebracht, und zwar, wenn sie in einem Hause gestorben sind, durch das Fenster. Sterben sie aber im Zelt, so durch eine eigens für diesen Zweck in die Hinterwand gemachte Oeffnung[86]. Dies stimmt merkwürdig mit der in Norwegen allgemein verbreiteten Sitte, die Leichen durch eine für diesen Zweck gemachte Oeffnung in der Wand hinauszutragen[87]. An beiden Stellen liegt wohl der gleiche Grund vor, nämlich der Seele durch das Schließen dieses Einganges die Rückkehr unmöglich zu machen, was nicht geschehen könnte, wenn die Leiche durch den Hausgang oder die Thür hinausgebracht würde. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Grönländer diese Sitte von den alten Norwegern oder den Isländern in Grönland erhalten haben. Wir finden sie in mehreren Sagen als bei den heidnischen Isländern üblich angeführt. In der »Eyrbyggia«[88] heißt es: »Darauf ließ er hinter dem Toten ein Loch in die Wand brechen und brachte ihn hinaus.« Auch die Sachen der Toten werden sofort hinausgeworfen, damit sie die Lebenden nicht verunreinigen. Dies erinnert an unser Leichenstrohverbrennen, welcher Brauch bei allen uns verwandten Volksstämmen in Europa ebenfalls besteht[89].
Die Ueberlebenden tragen auch ihre eigenen Sachen ins Freie, damit der Todesgeruch ausziehe. Sie werden entweder abends wieder hereingeholt oder bleiben, wie auf der Ostküste, mehrere Tage draußen. Dort tragen die Verwandten des Verstorbenen ihre bisher getragenen Anzüge nicht wieder; man wirft sie fort[90].
Sobald die Leiche draußen ist, zündet eine Frau einen Kienspan an, schwenkt ihn hin und her und sagt: »Hier ist nichts mehr zu holen!« Dies geschieht wohl, um der Seele zu zeigen, daß alle ihre Sachen hinausgeschafft sind.
Der Tote wird entweder begraben oder ins Meer geworfen (falls einer seiner Vorfahren im Kajak umgekommen ist?). Seine Habe, wie Kajak, Waffen und Anzüge, oder bei weiblichen Wesen Nähutensilien, Krummmesser u. s. w., wird auf oder neben das Grab gelegt; ist die Leiche aber ins Meer geworfen, so irgendwo an den Strand. Dies scheint teils deshalb zu geschehen, weil sie Furcht vor den Sachen des Toten haben und sie nicht wieder benutzen wollen, teils auch, weil diese ihnen, wie H. Egede sagt, Veranlassung zum Weinen geben würden, indem der Anblick sie an den teuren Verstorbenen erinnert und »sie glauben daß der Tote frieren müsse, wenn man zuviel um ihn weine«[91]. Diese Vorstellung erinnert auffallend an den zweiten Abschnitt von Helge Hundingstöter, wie er seiner Witwe Sigrun naß, verfroren und bereift begegnet, weil sie um ihn geweint hat. (»Helge schwimmt in Kummertau«.[92]) Man vergleiche auch das bekannte schwedisch-dänische Volkslied »Aage und Else«, worin es heißt:
Wohl jedesmal, wenn Du Dich freust, Nicht denkst an meinen Tod, Füllt sich mein schwarzer Leichenschrein Mit duftenden Rosen, rot. Doch jedesmal, wenn Du Dich grämst, Im Aug' der Thränen Flut, Füllt sich der Sarg, in dem ich ruh', Sogleich mit schwarzem Blut.
Außerdem aber war es gewiß die Meinung der Grönländer, daß der Tote seine Sachen brauche, sei es zu Ausflügen aus dem Grabe, sei es in der anderen Welt. Sie sahen die Sachen verfaulen und glaubten, daß ihre Seelen der Seele des Verstorbenen folgten. Wer den Toten hinausgetragen oder ihn oder etwas ihm Zugehöriges berührt hat, ist für einige Zeit unrein und muß sich nach Vorschrift der Angekoker gewisser Speisen oder Arbeiten enthalten. Dieselben Vorschriften müssen auch alle im Trauerhause Wohnenden beobachten, teils um sich selber nicht zu schaden, teils um der abgeschiedenen Seele die Reise nicht zu erschweren.
Sie müssen eine bestimmte Zeit um den Toten trauern, und sehen sie Bekannte oder Verwandte, die sie seit dem Todesfalle noch nicht getroffen haben, so müssen sie, sobald diese ins Haus treten, zu weinen und zu heulen anfangen, wenn auch noch so lange Zeit seitdem verstrichen ist. Solche Heulscenen sollen recht komisch wirken und sind die reinste Komödie, nach der man sich mit »Essen und Bewirtung« tröstet. Sie haben auch manche andere Trauerbräuche, die oft ziemlich stark in ihr Leben eingreifen können. So die Sitte, daß die, die die Leiche hinausgetragen haben, jahrelang nichts Eisernes anfassen dürfen. Dazu kommt die obenerwähnte Furcht vor dem Nennen des Namens des Verstorbenen.
All das geschieht, wie die Ostgrönländer Holm sagten, »damit der Tote nicht zürne«. Es zeigt, welch großen Einfluß auf dieses Leben sie den Toten zuschreiben, und es liegt danach nichts Unwahrscheinliches darin, daß der ganze Glaube an die Tôrnat und den Tôrnârssuk sich daraus entwickelt habe. Später wird sich indessen auch anderer Aberglaube hineingemischt haben.
Die Grönländer glauben übrigens an eine ganze Heerschar übernatürlicher Wesen. Ich werde hier nur einige wenige nennen.
Die Tiere des Meeres beherrscht eine große Frau, die einige »die Namenlose«, andere aber Arnarkuagssâk nennen, welcher Name nur »altes Weib« bedeutet.
Sie wohnt unter dem Meere, wo sie in ihrer Stube bei einer Lampe sitzt, unter der, wie bei allen Grönländerlampen, eine Schale oder ein umgekehrter Schemel zum Auffangen des herabtröpfelnden Thranes steht. In diesem Thran schwimmen Scharen von Seevögeln, und von hier gehen die Tiere des Meeres aus, wie der Seehund, das Walroß und der Narwal. Sobald sich in ihrem Haar gewisse Unreinlichkeiten angesammelt haben, hält sie die Seetiere von den Küsten zurück, oder diese bleiben, vom Ungeziefer angelockt, freiwillig aus. Dann fällt dem Angekok die schwere Aufgabe zu, die Meerfrau zu besuchen, um sie zu besänftigen oder zu kämmen.
Der Weg zu ihr ist gefährlich, und der Angekok muß seinen Tôrnak mitnehmen. Zuerst geht es durch das schöne Land der Seelen in der Unterwelt. Dann kommt ein tiefer Abgrund, über den er nur auf einem großen, eisglatten, sich mit großer Geschwindigkeit drehenden Rade gelangen kann, wobei der Tôrnak ihm behülflich ist. Darauf muß er an einem großen Kessel vorbei, in dem lebendige Seehunde kochen. Schließlich geht es durch eine gefährliche Wache von aufrechtsitzenden und wütend um sich beißenden Seehunden hindurch, oder an einem großen Hund vorbei, der vor dem Hause der Meerfrau steht und bellt, sowie ein großer Angekok sich nähert. Nur ab und zu schläft er ein wenig. Diesen Moment muß man abpassen, was freilich nur die größten Angekoker können. Hier muß der Tôrnak den Angekok wieder bei der Hand nehmen. Denn der Eingang ist breit genug, aber der Weg ist so schmal wie eine Schnur oder ein Messerrücken und führt über einen entsetzlichen Abgrund. Schließlich gelangen sie in das Haus der Meerfrau. Ihre Hände sollen so groß sein wie die Schwanzfinne eines Walfisches, und schlägt sie den Angekok, so ist es mit ihm vorbei. Nach Aussage einiger rauft sie sich die Haare und schäumt vor Wut über solchen Besuch, so daß der Angekok sich mit ihr schlagen muß, ehe sie sich von ihm lausen und kämmen läßt. Nach anderen genügen freundliche Worte und gütliche Ermahnungen. Wenn sein Geschäft abgethan ist, hat der Angekok einen verhältnismäßig leichten Rückweg[93]. Der Mythus erinnert stark an die Reisen in die Unterwelt oder den Hades, die in den europäischen Sagen eine so große Rolle spielen (Dionysos, Orpheus, Herakles u. s. w., vergleiche auch Dante) und zu denen unsere eigene Mythologie in Hermods Helritt, um Baldur zu holen, ein Gegenstück besitzt. Aehnliche Sagen kommen übrigens auch bei den Indianern vor. Nach dem, was Moltke Moe mir mitteilte, erscheint es kaum zweifelhaft, daß die grönländische Vorstellung hier von europäischen Sagen gefärbt oder sogar aus ihnen entstanden ist. Die Vorstellung von dem glatten Rade tritt in den Legenden[94] des Mittelalters auf, und die Brücke, die so schmal ist wie eine Schnur oder ein Messerrücken, finden wir ebenfalls, zum Teil sogar mit denselben Worten, geschildert, wieder in europäischen Sagen aus jener Zeit über Reisen in die Unterwelt. Ein altes, nordenglisches Lied spricht von der »Schreckensbrücke, nicht breiter als ein Faden«. Tundal sieht im Fegefeuer eine schmale Brücke über einem schrecklich tiefen, finsteren, stinkenden Thale u. s. w. Zum ersten Male erscheint diese Höllenbrücke in der Legendenlitteratur in den Dialogen Gregor des Großen aus dem Jahre 594 (liber IV, caput 36)[95]. Doch diese mittelalterlichen Vorstellungen sind zweifellos wieder von orientalischen Traditionen gefärbt. Die Juden reden von einer fadenbreiten Höllenbrücke, und die Muhammedaner glauben, daß alle Seelen mitten in der Hölle über eine Brücke müssen, die dünner ist als ein Haar, schärfer als ein Messer und finsterer als die Nacht[96]. Der »Avesta« zufolge kamen die Seelen der alten Parsen in der dritten Nacht nach dem Tode über die »hohe Hara« — ein die Erde umgebendes, bis an den Himmel reichendes Gebirge — auf dem Wege nach der von zwei Hunden bewachten Tsjinvatbrücke. Diese Brücke erweitert sich und wird, nach den Pehlevischriften, beinahe eine Parasange breit, wenn die Seelen frommer Menschen hinübergehen, zieht sich aber zusammen, wenn Gottlose sie passieren wollen, so daß sie in die unmittelbar unter ihr liegende Hölle stürzen[97].
Eine ähnliche Vorstellung finden wir (vergl. Sophus Bugge, unten angeführt) im alten Volkslied »Draumekvaedi« von der Gjallarbrücke auf dem Weg ins Totenreich. Sie hängt so hoch in der Luft, daß man auf ihr schwindlig wird (»Gjallarbrui, hon henge saa högt i vinde« = Die Gjallarbrück', sie hängt so hoch im Winde). In einigen Varianten des Liedes wird sie ausdrücklich als schmal bezeichnet, indes andere sie als »steil und breit« schildern. In den Edden heißt es von Hermod, daß er über die Gjallarbrücke ritt, die mit glänzendem Gold gepflastert war und unter ihm allein nicht weniger dröhnte, als unter fünf Fylken (250) toter Männer.
Dem Glauben der Grönländer an eine Brücke oder einen schmalen Weg scheinen also diese europäischen oder ursprünglich zum Teil orientalischen Vorstellungen, die ihnen die alten Nordländer brachten, zu Grunde zu liegen. Gleichzeitig aber können sie auch etwas Ursprünglicheres enthalten. So finden wir bei den Indianern den Glauben an eine Schlangenbrücke oder einen sich in der Luft drehenden Baumstamm, der über den Totenfluß in die Totenstadt führt[98].
Der große Hund, der den Eingang zum Hause der Meerfrau bewacht, erinnert ja sehr an Hels furchtbaren, an der Brust blutigen Hund Garm, der vor der Gripahöhle heult. Ein solcher Hund in der anderen Welt ist übrigens eine allgemeinverbreitete Vorstellung. Bei den Indern bewachen zwei Hunde den Weg zu Iamas Wohnung[99], und bei den alten Parsen bewachen zwei Hunde die Tsjinvatbrücke (siehe vorige Seite). Bei den Indianern steht ein großer oder toller Hund jenseits der obenerwähnten Schlangenbrücke.
In europäischen Märchen, besonders in unseren nordischen, kommt oft ein altes Weib vor, das über die Tiere herrscht[100]. Die Alte will gern Mutter genannt, gekratzt und gewaschen werden und freut sich, wenn sie ein Paar Schuhe, ein Stück Tabak oder dergleichen bekommt. Trifft Aschenpüster sie und erweist ihr solche Gefälligkeiten, so erwidert sie dies mit »mütterlicher Fürsorge«, läßt ihm die Tiere helfen oder schenkt ihm etwas. Doch außer diesem gewöhnlichen Motiv, das in vielen unserer Märchen wiederkehrt, läßt sich auch ein bestimmtes Märchen, das von ähnlichen Vorstellungen getragen wird, nachweisen. Aschenpüster kommt mit einem ganzen Gefolge von Tieren, dem Hasen, der Wildkatze, dem Braunbären (Eichhörnchen), dem Raben, dem Wolfe und dem Bären, zu der Bergfrau, um seine geraubte Schwester zu erlösen. Während er ißt, ruft die Bergfrau: »Kratze mich! Kratze mich!« »Du mußt warten, bis ich gegessen habe,« antwortet der Bursche. Die Schwester aber sagt ihm, daß die Hexe ihn zerreißen wird, wenn er es nicht gleich thut. Da läßt er die Tiere sie kratzen, eines nach dem andern. Doch sie ist nicht damit zufrieden, bis die Reihe an den Bären kommt, der ihr alle Läuse wegkratzt. In mehreren Varianten sind es drei Brüder, die nacheinander ihr Glück bei der Hexe versuchen. Die beiden ersten werden von ihr totgeschlagen[101]. Diese Züge nordischer Märchen scheinen schon an und für sich von verdächtiger Aehnlichkeit mit der grönländischen Vorstellung. Namentlich erinnert das Waschen und Kopfkratzen stark an das Haarkämmen, und da wir gleichzeitig finden, das die Arnarkuagssak den westlichen Eskimos unbekannt ist, so scheint die Verbindung klar. Einer grönländischen Sage zufolge war sie die Tochter eines mächtigen Angekok, der sie, als er unterwegs von einem Sturme überfallen wurde, aus dem Frauenboote warf, um sich zu retten. Als sie sich an den Bootrand klammerte, hieb er ihr nacheinander alle Finger und beide Hände ab. Diese verwandelten sich in Seehunde und Walfische, über die sie selbst Herrscherin wurde. Als sie dann unterging, erhielt sie ihren Wohnsitz unter dem Meere. Die Eskimos vom Baffinslande kennen dieselbe Sage von einer Frau namens Sedna, die jedoch ein ganz anderes Wesen ist, als die Arnarkuagssak. Letztere scheint am Mackenzieflusse unbekannt zu sein. »Sollte es sich bestätigen,« sagt Dr. Rink, »daß die grönländische Mythe auch in Alaska unbekannt ist, so müssen wir annehmen, daß sie während der Auswanderung nach Grönland erfunden wurde«[102]. Nach dem Obenerwähnten ist indessen die Annahme natürlicher, daß der Mythus von den alten Nordländern stammt.
Fassen wir alles zusammen, so scheint diese grönländische Gottheit ursprünglich eine altnorwegische Märchengestalt gewesen zu sein. Die Beschreibung der Reise zu ihr stammt wahrscheinlich von europäischen Sagen und Legenden, die von den alten Grönlandsfahrern eingeführt wurden, oder ist doch stark von jenen gefärbt. Daneben kann sie sich auch mit ursprünglicheren eskimoischen Elementen vermischt haben, die aus dem Westen stammen und denen der Indianer gleichen.
Die zur Oberwelt emporfahrenden Seelen kommen auf dem Gipfel eines hohen Berges an der Wohnung einer seltsamen Frau vorbei. Sie heißt Erdlaversissok (d. i. Eingeweideausnehmerin) und hat einen Trog und ein blutiges Messer. Sie schlägt die Trommel, tanzt mit ihrem eigenen Schatten und sagt nichts weiter als: »Mein Hosenschlitz!« oder singt: »Ja, ha, ha, ha!« Wenn sie sich umdreht, sieht man auf ihrer Rückseite einen großen Spalt, aus dem ein magerer Kaulkopf (Cottus gobio) schlenkert. Läßt sie sich von der Seite sehen, so zieht sich ihr Mund so schief, daß das Gesicht in der Quere länglich wird. Bückt sie sich, so kann sie sich selbst den Hintern lecken, und bückt sie sich seitwärts, so schlägt sie mit der Wange auf die Hüfte, daß es nur so klatscht. Kann man sie ansehen, ohne zu lachen, so hat es keine Gefahr. Sobald man aber den Mund verzieht, wirft sie die Trommel hin, ergreift den Frechen und wirft ihn zu Boden. Dann zieht sie ihr Messer, schneidet ihm den Bauch auf und reißt ihm die Gedärme aus, die sie in den Trog wirft, um sie bald voller Gier zu verschlingen[103]. Auch in dieser Erzählung begegnen wir mehreren traditionellen norwegischen Zügen[104]. Die »Unterirdischen« dulden kein Lachen. Das Menschenkind, das sie damit beleidigt, muß schwer dafür büßen. Auch in zwei Namen von der Jotunriesin, die uns die Snorra Edda[105] bewahrt hat, Bakrauf und Rifingafla (das Weib mit dem gespaltenen oder zerrissenen Hinterteil) finden wir ganz denselben Gedanken, der sich in dem großen Spalte der grönländischen Sagengestalt ausspricht.
Auf derselben Reise kommen die Seelen auch am Hause des Mondgeistes vorbei. Der Weg, den sie wandern, wird unter anderem als sehr eng beschrieben, und man sinkt auf ihm bis an die Achseln ein[106]. Dies erinnert an die Sümpfe, die in unserem »Draumekvaedi« in der Nähe der Gjallarbrücke liegen und in denen die Bösen versinken[107].
»Høg'e ae den Gjallarbrui, »ho tisst 'punde skyi hange, »men eg totte tyngre dei Gaglernyrann »gu' baere den, dei ska gange«![108] »Hoch ist ist die Gjallarbrück', »Schwere Wolken unter ihr wehen, »Doch noch schwerer ist das Gaglemoor, »Götter, helft dem, der dort soll gehen!«
In Dänemark kennt der Volksglaube diese Höllensümpfe unter dem Namen Helmoore, Helsümpfe. Anscheinend spüren wir hier also wieder den Einfluß der alten Nordländer, zu denen die Vorstellung von derartigen Strafsümpfen in der Unterwelt durch die kirchliche Visionsdichtung des Mittelalters gelangt sein mag.
Auf See glauben die Kajakmänner sich von dem sogenannten Ignerssuit (Plur. von ignerssuak = großes Feuer) umgeben. Die meisten sind gute Wesen, die den Menschen helfen. Der Eingang ihrer Wohnungen liegt am Strande. »Die erste Erde, die entstand, hatte weder Meere, noch Gebirge, sondern war ganz glatt. Da Ihm da droben die Menschen auf ihr nicht gefielen, zerstörte Er die Erde. Sie barst. Die Menschen fielen in die Spalten und wurden Ignerssuit. Das Wasser überströmte alles. Als die Erde wieder erstand, war sie vollständig bedeckt von einem Eisgletscher. Dieser verschwand allmählich, und vom Himmel fielen zwei Menschen herab, von denen die Erde bevölkert wurde. Jahr für Jahr nimmt der Eisgletscher ab. An vielen Orten sieht man noch Zeichen von der Zeit, da das Meer über den Bergen stand«[109].
In diesem Mythus lassen sich Einflüsse von nicht weniger als vier verschiedenen Seiten verspüren. Die Vorstellung von den Ignerssuit selber, die Menschen gleichen und unter der Erde wohnen, ähnelt der indianischen Sage, nach der die Menschen früher unter der Erde lebten und dann an einer Weinranke, die aus einer Spalte oder Bergklamm emporrankte, auf die Oberfläche der Erde hinaufkletterten. Als ein dickes Weib (oder ein dicker Mann) hinaufklettern wollte, brach die Ranke, und die anderen mußten unten bleiben, während diejenigen, die hinaufgelangt waren, die Erde bevölkerten[110].
Die beiden vom Himmel herabfallenden Menschen entstammen, wie mir scheint, der Schöpfungssage der finnisch-ugrischen Stämme oder doch derselben Quelle wie diese. Bei den Vogulen kommen die beiden ersten Menschen in einer Wiege von Silberdraht vom Himmel. Daß der Himmel die Wiege des Menschengeschlechtes sei, behaupten auch die Mythen anderer finnisch-ugrischer Völker in Asien und Europa[111].
Aehnliche Vorstellungen sind auch zu den Indianern gelangt (vielleicht durch die Eskimos?): so meinten die Huronen, die ersten Menschen seien vom Himmel herabgekommen[112]. Die Anschauung, daß die Erde ursprünglich flach war und dann barst, erinnert auch an die finnisch-ugrische Schöpfungssage, nach der die Erde bei ihrer Erschaffung eine flache, ebene Schale auf dem Wasser bildete, dann aber durch eine Erschütterung (weil Satan sich übergeben mußte) sich wellenförmig bewegte und in diesem Zustand erstarrte, wodurch Berge und Thäler entstanden[113].
Ein drittes Moment bilden die Menschen, die jene erste, flache Erde bewohnten und mit denen Er dort droben so unzufrieden war, daß Er die Erde bersten und das Wasser hervortreten ließ. Es scheint mir kaum zweifelhaft, daß dies einer direkten Einmischung der christlichen oder jüdischen Sintflutsage zu verdanken ist, die selbstverständlich in Grönland von der West- nach der Ostküste gelangt sein kann. Möglicherweise haben sich der Sintflutsage auch noch Einzelheiten einer in ganz Europa und nicht zum wenigsten in Norwegen verbreiteten Sage von der Entstehung der Unterirdischen oder Unsichtbaren (des Huldrevolkes) angeschlossen. Als Unser Herrgott Eva einmal besuchte, wusch sie gerade ihre Kinder. Die noch Ungewaschenen versteckte sie schnell im Keller, in dunklen Winkeln und unter großen Kufen, die anderen aber führte sie Ihm vor. Gott fragte, ob dies alle seien, und als sie bejahte, sagte er: »Saa skal de, som er dulde, bli hulde!« (»So sollen die Versteckten verborgen bleiben!«) Und von diesen stammt das Huldrevolk[114]. Jedenfalls erinnern die Ignerssuit an die Unterirdischen unserer nordischen Volksüberlieferung.
Schließlich haben wir als viertes Moment, das nur aus Grönland selbst[115] stammen kann, die Eisgletscher.
Von anderen Wesen lassen sich noch die sogenannten Binnenlandmenschen anführen, die im Innern des Landes oder auf dem Binneneise wohnen. Einige von ihnen werden Tornit (Plur. von Tunek) oder auch Inorutsit, auf der Ostküste auch wohl Timersit genannt; sie haben Menschengestalt und sind sehr groß, wie einige sagen, 4 m, nach anderen aber so groß, wie ein Frauenboot lang ist, also mindestens 10 m. Ihre Seele allein hat die Größe eines gewöhnlichen Menschen. Sie leben von der Jagd, teils vom Erlegen der Landtiere, teils von der Jagd auf Seetiere. Sie können ungeheuer schnell laufen. Wenn sie auf See sind, brauchen sie keinen Kajak, sondern sitzen im Wasser, und »der Nebel ist ihr Kajak[116].« Seehunde können sie vom Lande aus fangen (mit großen Wurfschlingen), und zwei schwere große Robben oder blaue Seehunde können sie auf dem Rücken in einem Sack von Seehundsleder bis tief ins Innere des Landes tragen. Mit den Menschen stehen sie meistens auf Kriegsfuß, verkehren aber manchmal auch freundschaftlich und tauschen sogar Frauen mit ihnen.
Eine andere Art Binnenlandmenschen sind die Igaligdlit (Plur. von Igalilik), die mit einer ganzen Küche auf der Schulter umgehen. Der Kessel allein ist so groß, daß man einen ganzen Seehund auf einmal darin kochen kann, und besagter Kessel kocht, wo sie gehen und stehen. Eine dritte Art sind die Erkigdlit (Plur. von Erkilek), die nach einigen oben Menschen- und unten Hundegestalt haben, nach anderen aber Menschen mit Hundeköpfen oder Hundeschwänzen sind. Sie tragen ihre Pfeile in einem Köcher auf dem Rücken und gelten als tüchtige Bogenschützen[117]. Den Menschen sind sie Feinde. Ferner seien die Isserkat (Plur. von Isserak) genannt, die »längs blinzeln«, was wohl heißen soll, daß ihre Augen nicht quer, sondern von oben nach unten im Kopfe liegen.
Wie Dr. Rink nachgewiesen hat, läßt sich kaum daran zweifeln, daß diese Binnenlandmenschen, die alle eine hervorragende Rolle in den Sagen der Grönländer spielen, ursprünglich verschiedene Indianerstämme waren, mit denen die amerikanischen Vorfahren der Grönländer teils freundschaftlichen, meist aber feindlichen Verkehr hatten. Schilderungen und Erzählungen dieser Stämme haben sie mit nach Grönland gebracht, und der Schauplatz wurde auch fernerhin in das Innere des Landes verlegt, d. h. in das Innere Grönlands, wo die Menschen dann allmählich zu mythischen Wesen wurden. Das Wort Tunek scheint geradezu »Indianer« zu bedeuten und wird von den Eskimos in Labrador noch heute dafür gebraucht. Die Eskimostämme auf der Westküste von Hudsonsbai nennen die Indianer des Innern Erkigdlit. Daß die Tornit groß und flink sind, paßt gut auf die Indianer, da diese größer als die Eskimos und diesen auf dem festen Lande überlegen sind. Daß die Erkigdlit tüchtige Bogenschützen sind und ihre Pfeile in Köchern tragen, was die Grönländer nie gethan, erinnert ebenfalls an die Indianer, wie auch die Hundebeine und der Hundekopf wohl auf den Glauben der Indianer zurückzuführen sein dürfte, daß sie von einem Hunde abstammen (siehe oben)[118]. Die »längsblinzelnden« Isserkat können recht gut ursprünglich Indianerstämme mit ausgeprägt schiefen oder seltsam geformten Augen gewesen sein. Solche sind ausdrücklich von Reisenden beschrieben worden. Wir haben hier also übernatürliche oder mythische Wesen von greifbar historischem Ursprunge. Den Sagen von den Kämpfen mit ihnen liegen sicherlich gleichfalls bis zu einem gewissen Grade geschichtliche Begebenheiten zu Grunde. Auf dieselbe Weise waren wohl auch die klassischen Nationen mit ihren mythischen Völkern bekannt[119].
Wesen eigentümlicher Art sind die Kivitut (Plur. von Kivitok). Früher waren sie gewöhnliche Menschen, die sich jedoch aus irgend welchem, oft unbedeutendem Grunde mit ihrer Familie oder ihren Hausgenossen erzürnt oder sich von ihnen benachteiligt geglaubt und deshalb die Menschen verlassen. Sie flüchteten in die Berge oder das Innere des Landes, wo sie seitdem einsam leben und sich von Tieren nähren, die sie ohne Waffen nur mit Steinwürfen erlegen. War der Kivitok nur erst kurze Zeit von Hause fort, so steht es noch in seiner Macht, heimzukehren. Gehorcht er aber nicht binnen einer bestimmten Zahl von Tagen der Stimme des Heimwehs, so verliert er die Fähigkeit, zu den Menschen zurückzukehren. Einige meinen, dies geschehe erst nach einem Jahr. Nun erhält er übernatürliche Eigenschaften, wird schnellfüßig, daß er von Berggipfel zu Berggipfel springen kann, zerlegt Renntiere ohne Waffen und trifft alles, wonach er wirft. Er wird groß, kleidet sich in Renntierfelle, bekommt ein schwarzes Gesicht und weißes Haar, wird ferner allwissend oder hellsehend, kann die Menschen reden hören und erlernt die Sprache der Tiere. Dafür aber kann er zu seinem Unglück nicht sterben, und er weint vor Sehnsucht nach den Menschen, die er nicht mehr besuchen darf. Nur selten, namentlich nachts, kann er sich gelegentlich in die Häuser oder die Vorratsspeicher schleichen, um dort etwas Eßbares oder auch ein wenig Tabak zu entwenden. Die aber, die ihm etwas thaten, sind nie vor seiner Rache sicher.
Das Merkwürdige an diesem Glauben ist, daß er sich möglicherweise auf die Wirklichkeit stützt. Nimmt man einzelne kranke oder alte, dem Tode nahe Menschen aus, die sich ins Meer oder von steilen Bergen hinabstürzen, um ihren Leiden ein Ende zu machen, so ist Selbstmord in Grönland so gut wie unbekannt. Dagegen kommt es vor, daß einzelne nur wegen eines kränkenden Wortes ihres Nächsten ins Gebirge gehen und den Menschen wenigstens mehrere Tage entschwunden sind. Ich selbst kenne Grönländer, die dies thaten. Man glaubt jedoch zuverlässige Beispiele zu haben, daß Leute längere Zeit als Kivitok gelebt haben. Vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren fand man in einer Höhe auf der Akugdlekinsel in Nordgrönland Spuren, daß sich dort ein Mensch längere Zeit aufgehalten hatte. Vor dem Höhleneingang fand man einen vielbenutzten Fußpfad, drinnen war ein Feuerherd, ein Loch im Fußboden, das als Vorratskammer gedient hatte, ein weiches Mooslager, Ueberbleibsel von getrockneten Fischen, eßbare Pflanzenwurzeln u. dergl. Einige Schritte weiter fand man eine kleinere Höhle, deren Oeffnung ein Steinblock verschloß. Hier hatte der Kivitok sich selbst begraben, als er den Tod herannahen gefühlt. Als man ihn fand, lag er noch in seinem Fellpelze da. Den Eingang zum Grabe hatte er selbst von innen mit einem Steinblock verschlossen. Die Grönländer erkannten ihn wieder und meinten, er müsse zwei bis drei Jahre als Kivitok gelebt haben. Der Grund, daß er die Menschen verlassen, soll der gewesen sein, daß seine Angehörigen ihn als einen schlechten Fänger verachteten und zurücksetzten. Als dann auch sein kleiner Sohn starb, wurde ihm das Leben zu schwer, und er floh in die Wildnis[120].
Wie Moltke Moe mir nachweist, besteht eine merkwürdige Aehnlichkeit zwischen diesen Kivitut und den in den isländischen Sagen so häufig vorkommenden Utilegumeron oder Ausmärkern, d. h. Uebelthätern, die ins Gebirge flohen und fern von Menschenwohnungen leben. Die große Rolle, die sie in der Volksphantasie spielen, und die mystische Furcht, mit der man sie betrachtet, haben bewirkt, daß sie im Volksglauben sehr bald mit den Trolden, dem Huldrevolke und ähnlichen Sagenwesen verschmolzen, deren übermenschliche Eigenschaften auch ihnen zugeschrieben wurden. So können sie in die Zukunft sehen, wissen, was in der Ferne geschieht, können Nebel hervorzaubern und dadurch den Wandrer irreführen und haben übernatürliche Kräfte[121]. Wie der Kivitok sich bei den Menschen einschleicht, um etwas Eßbares zu stehlen, so raubt der Ausmärker den Einsiedlern Schafe, Speisen und Kleidungsstücke. Der Glaube, daß Menschen durch Absonderung von der menschlichen Gesellschaft zu übernatürlichen Kräften kommen, ist für die Grönländer wie die Isländer gleich charakteristisch. Noch größer wird die Uebereinstimmung, wenn man bedenkt, daß diese Sagen in Grönland wie auf Island einen wesentlichen Teil des Inhaltes der Volksüberlieferung und des jetzigen Glaubens bilden. Bei andern Völkern kommen ähnliche Vorstellungen so gut wie garnicht vor (die Norweger im Westen und besonders im Norden zum Teil ausgenommen). Da scheint mir denn die Schlußfolgerung dringend geboten, daß auch der Kivitokglaube in Grönland von alten Nordländern, oder näher bestimmt, von den Isländern stammt.
Von den seltsamen Wesen der Grönländer ist ferner noch anzuführen der Igdlokok, der einem halben Menschen glich, nur einen halben Kopf, einen Arm, ein Bein und ein Auge hatte. Sehr ähnliche Wesen finden wir bei den Griechen, den Moslemin, den Zulukaffern und den Indianern[122].
Ueber die Erschaffung der Welt hatten die Grönländer sich keine Ansicht gebildet. Die Erde und das Weltall sind entweder von selbst entstanden oder sie sind immer dagewesen und werden immer bleiben.
Ueber die Erschaffung der Menschen oder der Eskimos hatten sie ebenfalls keine klaren Ansichten. Einige meinten, der erste Mensch sei aus der Erde hervorgewachsen und habe sich mit einem Erdhäufchen vermählt. Dies habe eine Tochter geboren, die er dann zur Frau nahm[123]. Das Herauswachsen aus der Erde ist eine ganz gewöhnliche Anschauung, die auch bei uns und auf Island vorkommt[124]. Wir sagen: »Wer mit einend Stock auf die Erde haut, schlägt seine Mutter, und wer auf Gestein haut, schlägt seinen Vater«, was ja an die grönländische Vorstellung erinnert, da der Mann dort gleichfalls einem Felsen entsprungen sein wird.
Ueber die Entstehung der Europäer haben sie eine Sage, die für uns nicht gerade schmeichelhaft ist. Eine Eskimofrau, die keinen Mann lange behalten konnte, verheiratete sich schließlich mit einem Hunde und bekam von ihm mehrere Menschenkinder und mehrere Hündchen. Letztere setzte sie auf eine alte Schuhsohle, schob sie in die See hinaus und rief ihnen nach: »Fahret hin und werdet Kavdlunaker (Europäer)« oder »Von Euch sollen alle anderen Völker stammen«. Daher kommt es, wie die Eskimos sagen, daß die Kavdlunaker immer auf der See leben und ihre Schiffe wie Grönländerschuhe hinten und vorne rund sind. Die anderen Kinder setzte sie auf Weidenblätter und schob sie ins Land hinein, und aus ihnen wurden die Binnenlandmenschen oder Indianer (Erkiligdlit und Tornit)[125]. Ganz ähnliche Sagen finden wir bei den Eskimos auf Baffinsland[126] und auch an der Nordseite von Alaska, wo sie sich indessen nur auf die Indianer und nicht auf die Europäer zu beziehen scheinen. Solche Sagen von hündischer Abstammung (oder Abstammung von Wölfen und Bären) kommen bei vielen Völkern vor, bei Ariern, wie bei Mongolen und amerikanischen Urvölkern[127]. Bei vielen Indianerstämmen spielt diese Sage insofern eine Hauptrolle, als sie glauben, daß das erste Weib sich mit einem Hunde vermählte und sie von diesem Paare abstammen. Ich bin überzeugt, daß die Eskimos ihre Sage dorther erhielten und sie als für die Indianer geltend herübernahmen. Als sie später mit anderen Fremden, wie den Europäern, zusammentrafen, wandten sie jene Sage auch auf diese an. Merkwürdig ist, daß der zum Schiff gewordene Schuh auch in den Baffinsländer Sagen wiederkehrt.
Die Ursache des Todes ist bei den Eskimos ein altes Weib, das sagte: »Laßt diese nach und nach sterben, sonst wird es zu eng auf der Welt.« Nach anderen zankten sich zwei von den ersten Menschen. Der eine sagte: »Laß Tag sein, laß Nacht sein und die Menschen sterben«, der andere aber: »Laß nur Nacht sein und die Menschen leben bleiben«; nach langem Streiten ging es nach den Worten des ersteren. Noch andere erzählen, eine Schlange und eine Laus hätten gewettet, wer zuerst bei den Menschen ankäme. Gewänne die Schlange, so sollten sie immer leben, gewänne aber die Laus, so sollten sie sterben müssen. Die Schlange habe einen großen Vorsprung gehabt, sei unterwegs aber von einem hohen Berg gefallen und habe infolgedessen einen großen Umweg machen müssen. Da sei die Laus früher angelangt, und also hätten die Menschen von nun an sterben müssen[128]. Diese Mythen scheinen schon durch ihre sinnlose oder aus dem Zusammenhange losgerissene Darstellung zu verraten, daß sie aus anderen Gegenden stammen und Bruchstücke älterer Sagen sind, deren ursprünglicher Zusammenhang und Sinn in Vergessenheit geriet. Wenn wir uns umsehen, finden wir auch bei den weit entfernt wohnenden Völkern merkwürdige Ähnlichkeiten[129]. Die zweite Mythe (von dem Zanke) findet sich auch auf den Fidschiinseln, wo sich der Mond mit einer Ratte streitet und will, daß die Menschen sterben und wiederaufleben wie er selbst. Die Ratte aber sagt, sie sollten lieber sterben wie Ratten, und so geschah es. Bei den Indianern zankten sich die Stammväter, zwei Wolfbrüder. Der jüngere sagt: »Wenn ein Mensch stirbt, laß ihn den nächsten Tag wieder kommen, damit seine Freunde sich freuen.« »Nein,« sagt der ältere, »laß die Toten nicht wiederkehren.« Da erschlug der Jüngere den Sohn des Aelteren, und damit kam der Tod in die Welt[130].
In Südafrika giebt es Mythen, die der von der Schlange und der Laus merkwürdig ähnlich sind. Sowohl an der Goldküste, wie bei den Zulukaffern wurde vom ersten großen Wesen ein Tier (ein Chamäleon) mit der Botschaft zu den Menschen gesandt, sie sollten ewig leben und nie sterben. Dann aber bedachte sich das Wesen und schickte ein zweites (den schnellfüßigen Salamander) aus mit dem Bescheid, sie müßten sterben. Da die zweite Botschaft zuerst anlangte, wurde es so. Bei den Hottentotten ließ der Mond den Menschen sagen: »Gleich wie ich, sollt Ihr sterben und wieder aufleben«[131]. Der Hase aber hörte es, eilte voraus und sagte: »Gleichwie ich, sollt Ihr sterben und nicht wieder aufleben.« Diese Mythe gleicht wieder auffallend der obenerwähnten von den Fidschiinseln, und so erhalten wir eine Brücke zwischen der zweiten und dritten grönländischen, die zwei Varianten ein und derselben Sage sein müssen. Die Stammsage muß sehr alt sein, da sie sich so weit verbreiten konnte.
Die Eskimos glauben ungefähr von allem, was sie sehen, daß es von ihren Landsleuten stamme. Fische und andere Seetiere entstanden dadurch, daß ein alter Mann Späne von einem Baum hieb, sich damit zwischen die Beine strich (»sudore testiculorum«) und sie dann ins Wasser warf, wo sie zu Fischen wurden. Der Haifisch entstand auf andere Art. »Eine Frau wusch sich einmal das Haar mit Urin, und als ihr ein Windstoß das Tuch, mit dem sie sich abtrocknete, entführte, wurde aus dem Tuch ein Haifisch; daher riecht das Fleisch dieses Fisches nach Urin[132].«
Die Himmelskörper waren einst gewöhnliche Eskimos, die hier auf Erden lebten und aus irgend einem Grunde an den Himmel versetzt wurden. Die Sonne war eine schöne Frau, die mit ihrem Bruder, dem Mond, in einem Hause wohnte. Sie wurde allnächtlich von einem Manne besucht, wußte aber nicht, wer es war. Um dahinter zu kommen, schwärzte sie ihre Hände mit Lampenruß und strich ihm damit über den Rücken. Als es hell wurde, stellte sich heraus, daß es ihr Bruder gewesen; sein schöner, reiner, weißer Renntierpelz war angeschwärzt, und davon kommen die Flecken im Monde! Die Sonne ergriff nun ein Krummmesser, schnitt sich eine Brust ab, warf sie ihm hin und sagte: »Wenn Dir mein ganzer Leib gut schmeckt, so friß diese.« Damit zündete sie ein Stück Lampendocht an und eilte hinaus, der Mond machte es ebenso und lief ihr nach, aber sein Docht erlosch, und deshalb sieht er glühend aus. Sie liefen einander nach, in die Luft hinauf, und dort sind sie geblieben[133]. Das Haus des Mondes liegt an der Straße der Seelen nach der Oberwelt und hat auch ein Zimmer für seine Schwester, die Sonne. Dieser Mythos scheint vom Westen zu stammen. Bei den nordamerikanischen Indianern sind Sonne und Mond Geschwister, und auch bei den Indianern am Amazonenstrom finden wir ganz dieselbe Mythe, nur ist dort der Mond ein Weib, das seinen Bruder, die Sonne, im Dunklen besucht. Dieser macht ihre schimpfliche Leidenschaft dadurch offenkundig, daß er ihr seine geschwärzte Hand aufs Gesicht drückt. (Vergleiche auch die Mythen aus Australien und dem Himalaya auf nächster Seite.) Bei den Inkas in Peru waren Sonne und Mond gleichzeitig Bruder und Schwester und Mann und Frau. (Vergleiche auch Iris und Osiris der Egypter.)[134]
Das Merkwürdige an der Sonne ist, daß sie vorn schön, hinten aber nur ein Knochengerippe sein soll[135]. Das erinnert auffallend an unsere schönen Huldren, deren Rückseite hohl ist, und es scheint mir, als müßte es eine europäische, vorzugsweise nordische Vorstellung sein, die wohl die alten Nordländer mit nach Grönland brachten. Daß die Sonne hinten ein Gerippe ist, hat für die Ostgrönländer seinen Grund darin, daß ihr, wenn sie am tiefsten steht, also am kürzesten Tage, der Hintere mit scharfen Werkzeugen zerschnitten wird, weshalb sie wieder steigen muß. Die ganze Rückseite ist schon fortgeschnitten und nur das Knochengerüst geblieben[136].
Der Mond hat seiner alten Natur noch nicht entsagt, er kommt noch immer oft auf die Erde herab und geht dort auf galante Abenteuer aus. Alle weiblichen Wesen müßten sich vor ihm hüten, dürfen nicht bei Mondschein allein ausgehen, sollen nicht in den Mond sehen u. s. w. Die erotische Natur des Mondes scheint sehr alten Datums. In Australien ist er ein Kater, der ein Verhältnis mit der Gattin eines anderen hatte und deshalb beständig wandern muß. Bei den Kasias im Himalayagebirge begeht der Mond allmonatlich die unverzeihliche Sünde, sich in seine Schwiegermutter zu verlieben, die ihm Asche ins Gesicht wirft und so die Flecken im Monde verursacht[137]. Einer slavonischen Sage zufolge war der Mond der Mann der Sonne, wurde ihr aber untreu und verliebte sich in den Morgenstern, wofür er der Quere nach zerspalten wurde[138]. Bei den alten Griechen und Römern war der Mond allerdings weiblichen Geschlechtes, aber die liebe Luna war auch nicht frei von erotischen Neigungen. Ueberdies bringen die Eskimos den Mond auch mit der Kälte in Verbindung. Wenn er an einem Walroßzahne schnitzt und die Splitter auf die Erde hinabwirft, schneit es, und ebenso, wenn er in ein Rohr pustet. Er fährt, wenn er die Erde besucht, im Winter stets im Schlitten über das Eis. Daß der Mond mit der Kälte und dem Winter in Verbindung gebracht wird, ist ja ganz natürlich, da er im Winter und bei Nacht regiert. Als strenge und kalte Natur ist er begreiflicherweise Mann, während die Sonne erst weiter südlich, wo sie mit ihrer Hitze quält, zum Manne wird.
Das Donnern besorgen zwei alte Weiber, die sich um eine trockene, steife Haut streiten und je an einem Ende zerren. In der Hitze des Gefechtes stoßen sie ihre Lampen um, und dann blitzt es. Der Nebel entstand zuerst durch einen Tornarssuk, der soviel trank, daß er platzte[139]. Hinsichtlich der Ursache des Regens haben sie, außer der erwähnten Anschauung noch eine andere, die von der Ostküste stammt. Der Regen wird dort von einem Wesen hervorgebracht, das Asiak heißt und im Himmel wohnt. Bei anhaltend trockenem Wetter pflegten die Angekoker früher zu ihm zu reisen und ihn um Regen zu bitten. Wenn sie an sein Haus kamen und hineinguckten, saß seine Frau gewöhnlich auf der Pritsche, Asiak selber aber gut zugedeckt dicht an der Wand. Sie mußten die Frau inständig bitten, ehe sie endlich sagte: »Heute Nacht hat er sich wie gewöhnlich ein bischen naß gemacht.« Dabei schüttelt sie das kurze Bärenfell, auf dem er sitzt, sodaß es davon herabtropft, und dann regnet es auf Erden[140]. Schon der Umstand, daß die Angekoker um Regen bitten müssen, dessen die von Jagd und Fischfang lebenden Eskimos ja überhaupt nicht bedürfen, scheint zu verraten, daß dieser Mythos aus anderen Gegenden stammt, in denen Ackerbau getrieben wurde. Unmöglich ist es wohl nicht, daß dieser Asiak, wie Holm meint, identisch ist mit einem der vielen Regengötter der amerikanischen Urbevölkerung, die auf den Gipfeln hoher Berge oder an ähnlichen Orten wohnten und bei den Mayas in Yucatan z. B. Chac hießen. Aber der ganze Mythos mag auch noch weiter von Westen herstammen. Der Regen wird übrigens garnicht selten als Urin aufgefaßt. Bei den Kamtschadalen begegnet uns diese Idee als direkter, roher Glaube. Wenn es regnet, lassen nach ihrer Meinung die Luftgötter ihr Wasser. Wenn der neugriechische Volksglaube den Regen mit dem Ausdrucke [Greek: katouraei ho theos] (»Gott pißt«) bezeichnet, so ist das eine alte Anschauung, die schon Aristophanes benutzt hat. Er läßt eine seiner Personen in den »Wolken« sagen, er habe früher geglaubt, daß, wenn es regne, Zeus [Greek: dia koskinou oureei] (durch ein Sieb pisse). Das ist derselbe Gedanke, der in mehr oder weniger abgeschwächter Form, meist mit humoristischem Anstriche, in verschiedenen deutschen, norwegischen, vlämischen u. s. w. Sprichwörtern Ausdruck findet. Seinen Grund hat er in einem uralten primitiven Glauben, den man auch bei vielen anderen Völkern, z. B. den alten heidnischen Arabern, ja sogar bei den Juden aufspüren kann[141].
In ihrem Glauben oder Aberglauben wurden die Eskimos, wie noch heute auf der Ostküste, von ihren Priestern oder Geisterbeschwörern, den Angekokern (Angakok, Plur. Angakut) unterwiesen. Es waren die klügsten und bedeutendsten, aber oft auch die verschlagensten Männer ihres Volkes. Sie behaupten, mit Geistern sprechen zu können, in die Unterwelt wie in den Himmel zu reisen, Tornassuk und übernatürliche Wesen zu beschwören und von ihnen Offenbarungen zu erhalten u. s. w. Hauptsächlich wirken sie auf ihre Landsleute durch ihre Geisterbeschwörungen und verdanken ihren Einfluß wesentlich den Seancen, die vorzugsweise im Winter stattfinden, wenn die Eskimos in Häusern wohnen. Dabei löscht man die Lampen aus und verhängt die Fenster mit Fellen, so daß es im Zimmer völlig dunkel ist. Der Angekok selbst sitzt auf dem Fußboden. Er macht nun einen entsetzlichen Spektakel, von dem das ganze Hans erbebt, verändert seine Stimme, brüllt und schreit, spielt den Bauchredner, stöhnt, klagt, trommelt, winselt, intoniert ein schneidendes Höllengelächter und versucht alle möglichen Künste. Damit bringt er seine Landsleute zu dem Glauben, er werde von den verschiedenen Geistern, die er beschwören soll, auch wirklich besucht, und sie seien es, von denen der Lärm herrührt.
Um Angekok zu werden, bedarf es, wie zu erwarten, einer langen Lehrzeit, oft voller zehn Jahre. Der Lehrling muß häufig längere Zeit die Einsamkeit[142] aufsuchen und mehrere Tage hintereinander einen Stein in der Richtung der Sonnenbahn auf einem anderen reiben, wodurch er einen Berggeist beschwört. Bei dessen Anblicke stirbt er vor Schrecken, lebt aber nachher wieder auf u. s. w. Hierdurch erlangt er nach und nach seine Tornat. Er darf nicht eher davon sprechen, was er werden will, als bis er ausgelernt hat, dann aber muß es auch geschehen. Soll er ein richtiger Erzangekok werden, so muß er womöglich von einem Bären gepackt und an den Strand geschleppt werden, wo dann ein Walroß erscheint, ihn mit den Zähnen an seinen Genitalien packt, bis an den Horizont trägt und ihn dort auffrißt. Darauf gehen seine Knochen nach Hause, begegnen unterwegs den Fleischfetzen und wachsen mit diesen wieder zu einem ganzen Menschen zusammen. Jetzt ist er ein patentierter Angekok.
Der Einfluß dieser Angekoker hing natürlich von ihrer Geschicklichkeit ab. Sie scheinen indessen nicht ausschließlich Betrüger gewesen zu sein, sondern haben möglicherweise zum Teile selber an ihre Hexenkünste geglaubt. Vielleicht waren sie oft ehrlich davon überzeugt, wirkliche Offenbarungen zu haben, obwohl Egede nicht glaubt, daß sie »irgendwie wirkliches Commercium oder Gemeinschaft mit dem Teufel« gehabt.
Krankheiten können sie durch Hersagen von Zauberformeln, Einsetzen einer neuen Seele oder dergleichen heilen. Zu den von ihnen geheilten Krankheiten rechnet man auch die Uebelstände, daß ein Mann keine Seehunde fangen und eine Frau keine Kinder bekommen kann.
In letzterem Falle unternimmt der ostgrönländische Angekok noch heute, wenn er hinreichend tüchtig ist, eine Reise nach dem Monde, von wo er der Frau, die dann schwanger wird, ein Kind hinabwirft. Nach dieser beschwerlichen Reise hat der Angekok das Recht, bei der Frau zu schlafen[143]. Diese Reise nach dem Monde steht natürlich mit der obenbesprochenen erotischen Natur dieses Herrn in Verbindung. Auch bei den Indianern wird der Mond mit der Fortpflanzung in Verbindung gebracht.
Man muß den Angekok gut bezahlen, wenn seine Heilkünste Erfolg haben sollen. Andernfalls gelingt natürlich nichts. Selbstverständlich ist nicht er es, der die Geschenke erhält, sondern der Tornak; er nimmt sie nur für diesen in Empfang.
Durch ihre Verbindung mit der übernatürlichen Welt haben die angesehenen Angekoker eine Art Herrschaft über ihre Landsleute, die sich fürchten, ihnen zuwiderzuhandeln, was ja böse Folgen haben könnte. Wie unsere Priester, wenn sie tüchtige Kerle waren, nicht nur Gottes Diener waren, sondern sich auch auf die Magie verstanden und Macht über den Teufel hatten, so waren auch die Angekoker nicht einseitig. Sie thun allerdings meist Gutes, können daneben aber auch Böses thun, indem sie anderen die Seele rauben und sie von ihrem Tornarssuk auffressen lassen oder ihre Tornat aussenden, um ihre Feinde tot zu ängstigen u. s. w. Wir finden also auch bei den Eskimos Anfänge eines Pfaffenregimentes.
In solchen Bosheiten, wie andere durch Zauberei zu töten, ihnen die Waffen so zu verhexen, daß sie zum Fang untauglich sind, und ähnlichem, übt sich jedoch meist nur eine andere Klasse von Menschen, die sogenannten Ilisitsoker, die sowohl männlichen, wie weiblichen Geschlechtes sein können[144]. Diese Hexen und Hexenmeister sind allgemein verhaßt. Man hielt und hält sie für die Urheber alles Bösen, namentlich des Todes und der Krankheiten. Kam eine alte Frau in den Verdacht, Ilisitsok zu sein, so wurde sie ohne Gnade und Barmherzigkeit totgeschlagen. Dies kann uns nicht in Erstaunen setzen, wenn wir daran denken, wie unsere Vorfahren — die Geistlichkeit an der Spitze — ihre Hexen verbrannten. Während die Angekoker in Gegenwart anderer Leute mit den Geistern verkehren, findet der Verkehr der Ilisitsoker mit den übernatürlichen Mächten in tiefster Heimlichkeit und nur zum Schaden anderer statt. Sie müssen heimlich bei einem älteren Ilisitsok in die Lehre gehen und den Unterricht teuer bezahlen. Mit welchen übernatürlichen Mächten sie in Verbindung stehen, scheint man nicht zu wissen. Wahrscheinlich sind es ganz andere als die Verbündeten der Angekoker, und ihre Namen werden geheim gehalten. Ihre Teufelskunst wendet verschiedene Mittel an, wie Menschenknochen, Leichenfleisch, tote Tiere, Schlangen, Spinnen, Wasserkäfer u. s. w. Ihr wirksamstes Mittel aber ist die Tupilekfabrikation. Ein solcher wird in aller Heimlichkeit aus verschiedenen Tierknochen, Fell, Stücken von dem Fange oder dem Anorak des Mannes, dem er Verderben bringen soll, und ähnlichen Dingen hergestellt. Alle Zuthaten werden zusammengebunden oder in ein Fell gewickelt. Nun wird der Tupilek durch Zauberlieder, die über ihm gesungen werden, lebendig gemacht. Darauf setzt sich der Ilisitsok auf einen Steinhaufen dicht an der Mündung eines Flusses ins Meer. Er dreht seinen Anorak um, so daß die Rückseite nach vorne kommt, drückt sich den Hut vors Gesicht und läßt sich von dem Tulipek zwischen den Beinen saugen. Dadurch wächst dieser, und sobald dieser groß ist, gleitet er ins Wasser hinab und verschwindet. Er kann sich in verschiedene Arten von Tieren und Ungeheuern verwandeln und soll dem Manne, gegen den er ausgesandt ist, Unglück und Tod bringen. Mißlingt es aber, so wendet er sich gegen den, der ihn ausgesandt hat[145].
Die Tupileker erinnern so sehr an den bei uns und in Island verbreiteten Glauben an Gand und Sendinger, daß es kaum einem Zweifel unterliegt, daß die Grönländer diese Idee von unseren Vorfahren in Grönland bekommen haben. In Island sind die Gand auch eine Art Kobolde, Fabelwesen, die von Zauberern ausgeschickt werden und sich in alle möglichen Gestalten verwandeln. Wenn es ihnen nicht gelingt, den zu vernichten, gegen den sie ausgesandt sind, kehren sie zurück und töten ihren Urheber. Sie können aber auch, in Grönland sowohl wie in Island, von anderen Zauberern oder Hexen aufgeschnappt und ihrer Macht beraubt werden[146].
Rink sieht in diesen Ilisitsokern und ihrer Verbindung mit gesetzlosen Mächten einen möglichen Ueberrest eines älteren oder ursprünglichen Glaubens in Grönland, der von den Priestern des neuen Glaubens, den Angekokern, verfolgt wird[147]. Also vollständig übereinstimmend mit der Thatsache, daß unser Hexen und Zaubern Ueberreste alten Heidentums gewesen und deshalb heftig von den Christen verfolgt worden. Vieles scheint für Dr. Rinks scharfsinnigen Schluß zu sprechen. Mir kommt es jedoch möglich vor, daß, wie der Tupilek von dem Glauben der alten Nordländer an Gand oder Sendinger herstammt, sich auch das ganze Hexenwesen von ihnen herschreibt. Es scheinen mir gleiche Punkte genug vorhanden, um eine solche Vermutung zu rechtfertigen[148]. Der Glaube an die Macht des Bösen, Pakt mit dem Satan, Schwarzkunst u. s. w., also an das gesamte Zauberwesen, war seit jeher stark im Aberglauben unseres Volkes, ich hätte beinahe gesagt, stärker als der Gottesglaube selbst. Und so ist es durchaus nicht unnatürlich, daß dieser Glaube es war, was zuerst auf die Eskimos in ihrem Verkehre mit unseren Vorfahren überging. Diese schnelle, bequeme Art, übernatürliche Macht zu erlangen, mußte sie ja besonders ansprechen. Soweit ich habe erfahren können, spielt das Hexenwesen bei den Eskimos der Westküste keine bedeutende Rolle, wenn es dort überhaupt existiert.
Es bleibt noch der Amulettglaube der Grönländer zu besprechen. Amulette benutzt fast jeder. Es sind in der Regel Gegenstände von Tier- oder Menschengestalt. Ueber diesen werden Zauberlieder gesungen oder gemurmelt, und die Eltern geben sie ihren Kindern, wenn sie noch klein sind. Junge Leute können, dem Rate älterer folgend, auch selber Amulette für sich finden. Die Amulette werden das ganze Leben hindurch getragen, und zwar in der Regel auf dem bloßen Leibe oder in den Kleidern. Die Männer tragen sie z. B. in eigens dazu bestimmten Beutelchen von Seehundsfell, in die sie eingenäht werden, auf der Brust und die Weiber oft im Haar. Andere werden in das Dach des Hauses oder die Zeltwand gesteckt, aber auch im Kajak aufbewahrt, was ihn am Kentern hindern soll. Meistens hat jeder Mensch mehrere. Man schreibt ihnen die Macht zu, gegen Zauberei und Geisterschaden zu schützen, in Gefahr zu helfen und dem Besitzer gewisse Eigenschaften zu verleihen. Einzelne lassen sich auch als »Haut« verwenden und erinnern dadurch an den Gestaltwechsel unserer alten Mythologie (Falkengewand u. s. w.). Hat z. B. ein Mann einen Vogel oder Fisch als Amulett, so kann er sich durch dessen Anrufung in einen solchen verwandeln, oder er kann die Gestalt von Holz, Tang u. s. w. annehmen, wenn entsprechende Stücke sein Amulett bilden. Der Amulettglaube ist bekanntlich über die ganze Erde verbreitet und läßt sich von den primitivsten Völkern bis zu den zivilisiertesten hinauf verfolgen. Bei den Eskimos stammt er freilich aus sehr früher Zeit und ist vielleicht der primitivste ihrer jetzigen religiösen Begriffe. Mir scheint der Ursprung dieses Volksglaubens erklärlich. Manchmal ist es natürlich ein rein äußerer Zufall, z. B. die Wahrnehmung, daß ein Mann, der im Besitze eines besonderen Gegenstandes ist, stets Glück beim Fangen hatte. Meist aber liegt der Grund doch tiefer. Sieht z. B. ein Mensch, daß ein Vogel wie der Falke unglaublich leicht davoneilt, um sich beißt, angreift u. s. w., so schreibt er jedem Teil dieses Tieres, und besonders dem Kopfe mit der darin wohnenden Seele, dem Schnabel und den Krallen etwas von diesen Fähigkeiten zu. Binden unfruchtbare Frauen sich Stücke von den Schuhsohlen der Europäer um, zu dem Zwecke, Kinder zu bekommen, so ist dies keine unnatürliche Ideeenverbindung. Da sie sehen, daß wir fruchtbar sind, meinen sie, durch diese Schuhsohlen, die einem von uns als Unterlage gedient, werde auch unsere Kraft »in ihre Kleider übergehen und ihnen in gleichen Fällen Dienste leisten«[149]. Wenn ein Knabe, der Blut hustet, und dessen ganze Familie brustschwach ist, als Amulett einen Seehundsblutpfropfen[150] bekommt, der ihm in den Anorak vor der Brust eingenäht wird, so ist der Grund deutlich erkennbar. Es ist dieselbe sympathische Uebertragung, die eine so große Rolle im Volksaberglauben aller Länder spielt. Oft nehmen sie als Amulett Stücke von den Anzügen oder Sachen ihrer Vorfahren, und zwar in der Regel von den Großeltern. Dies hat seinen Grund wohl darin, daß sie glauben, die Geister der Toten könnten sie beschützen und sie selber seien leichter imstande, mit ihnen in Verbindung zu treten, wenn sie etwas von ihrem Eigentume bei sich tragen. Es giebt auch Beispiele von kleinen weiblichen und männlichen Figuren als Amuletten[151]. Der Uebergang vom Amulettglauben zum Fetischdienste oder richtiger zur Abgötter- und Bilderverehrung scheint mir nicht gerade groß.
Uebernatürliche Hülfe haben die Grönländer auch durch ihre Zauberformeln. Sie werden gegen Krankheit, gegen Feinde, in Gefahr u. s. w. angewendet und haben ungefähr denselben Einfluß wie die Amulette. Man tritt durch sie noch weniger mit den Geistern in Verbindung. Auf welche Art sie eigentlich wirken, weiß man nicht, ja man kennt nicht einmal die Bedeutung der Worte, die gebraucht werden, da es uralte Formeln sind, die von Geschlecht zu Geschlecht durch Kauf überliefert werden. Sie werden heimlich erlernt und müssen sofort und sehr teuer bezahlt werden, wenn sie kräftig sein sollen. Man sagt sie langsam in gedämpftem, geheimnisvollem Tone[152] her, und allem Anschein nach stehen sie irgendwie mit dem Hexenwesen in Verbindung. Sie erinnern wunderbar an unsere alten Böterinnen und deren oft sinnlose Zaubersprüche. Vermutlich haben wir hier die Reste alter, von außerhalb eingeführter Bräuche, deren ursprüngliche Bedeutung verloren gegangen ist. Nach Rink[153] kann man Zauberformeln auch dadurch erlernen, daß man einer Vogelstimme lauscht.
Außer diesen Formeln bedient man sich der Zauberlieder. Die Worte dieser Lieder sind auch den Grönländern von heutzutage verständlich, und sie dürfen in Gegenwart anderer gesungen werden.
Nach Rink scheint es, als würden in solchen Zauberformeln und besonders in den Liedern gewöhnlich die Seelen verstorbener Verwandter oder Vorfahren des Sängers um Hülfe angerufen, namentlich die der Großeltern. Aus Holms Berichten geht nichts derartiges hervor. Mir erscheint es jedoch nicht unwahrscheinlich, daß sie gleich den Amuletten oft in einer gewissen Verbindung mit den Toten stehen, also der Anfang (oder ein Ueberbleibsel) einer entwickelteren Totenverehrung sein können. So beschwor z. B. der Vater, wenn ein Junge zum ersten Mal in den Kajak gesetzt wurde, in einem Zauberliede die Seelen seiner verstorbenen Eltern oder Großeltern zum Schutze seines Sohnes.
Ein Opfern an übernatürliche Mächte tritt bei den Grönländern nur wenig hervor. Das Gewöhnlichste ist, daß sie um einen guten Fang den Inue des Meeres, den sogenannten Kungusutarissat (Plur. von Kungusutariak), die Fuchsfleisch und Fuchsschwänze sehr lieben, etwas derartiges opfern, so oft sie Füchse erbeuten. Ebenso opfern sie auf Reisen gewissen Vorgebirgen, Gletschern oder dergl., die sie für gefährlich halten, um unbeschädigt vorbeizukommen. Die Opfergabe, meist Speise und Trank, oft aber auch Perlen und andere von ihnen geschätzte Dinge, werfen sie gewöhnlich vor den gefährlichen Stellen ins Meer.
Außer diesen religiösen Zeremonien haben die Grönländer noch andere, namentlich gewisse Lebensregeln mit Fasten, Enthaltsamkeit und dergl., die zum Beispiel Weiber vor und nach der Entbindung beobachten müssen. Auf alles dieses einzugehen, würde uns jedoch zu weit führen.
Aus dieser Uebersicht über die religiösen Begriffe der Grönländer geht hervor, daß sie nicht so unberührt von äußeren Einflüssen geblieben sind, wie man bisher gerne glaubte. Einflüsse von verschiedenen Seiten her lassen sich nachweisen. Wir haben Mythen gefunden, deren Wiege im fernen Inneren Asiens zu suchen ist, ja wir fanden solche, die unzweifelhaft Grönland, Südafrika und die Fidschiinseln verbinden[154]. Zwischen den Wanderungen solcher Mythen liegen lange Zeiträume. Uns interessiert es natürlich am meisten, Spuren zu finden, nach denen das erste Auftreten unserer Vorfahren in Grönland sich nicht darauf beschränkte, einige Steinruinen zu hinterlassen, sondern auch dem geistigen Leben der Eingeborenen seinen Stempel aufdrückte. Ich habe hier noch einige Beispiele anzuführen von wunderbaren Ähnlichkeiten mit europäischem, besonders nordischem Aberglauben, der wahrscheinlich durch unsere Vorfahren dorthin verpflanzt wurde.
Die Grönländer glauben, daß Kinder, die heimlich geboren werden und gleich nach der Geburt sterben oder umgebracht werden, gefährliche Gespenster (Angiak) werden. Sie suchen sich unter anderem einen Hundekopf, den sie als Kajak benutzen, um ihre Verwandten zu verfolgen und zu töten. Ihre Rache trifft entweder die später von der Mutter noch geborenen Kinder oder auch z. B. den Bruder der Mutter, der sie durch die Mißbilligung ihres Betragens dazu zwang, im Geheimen zu gebären. Manchmal verfolgen sie auch Leute in Gestalt einer Feder, eines Fausthandschuhs oder dergleichen[155]. Die ganze Vorstellung gleicht sehr dem in Norwegen allgemein verbreiteten Utburdenglauben. Die Utburden sind Kinder, die heimlich zur Welt gebracht und getötet wurden, also keinen Namen haben. Sie finden keine Ruhe im Grabe und müssen entweder ihre Mutter oder Leute, die an ihrem Grabe vorübergehen, in Gestalt eines sichtbaren oder unsichtbaren Gespenstes verfolgen[156]. Die Aehnlichkeit zwischen der norwegischen und der grönländischen Vorstellung ist so groß, daß man es wohl als wahrscheinlich annehmen kann, sie sei durch die alten Norweger nach Grönland gebracht worden[157].
Gehen wir über zu den Märchen der Eskimos, so finden wir auch hier viele Aehnlichkeiten mit den norwegischen und europäischen. Wir haben z. B. in Norwegen ein noch ungedrucktes Märchen[158] von drei Schwestern, die außerordentlich heiratslustig waren. Die eine sagte: »Ich möchte mich zu gern verheiraten, wäre es auch nur mit einem Fuchs«; die zweite erklärte, sie sei schon mit einem Bock zufrieden, und die dritte wollte sogar ein Eichhörnchen nehmen. Da kamen ein Fuchs, ein Bock und ein Eichhörnchen und nahmen je eine Schwester zur Frau. Der Vater der Schwestern besuchte später seine Schwiegersöhne. Als er zum Eichhörnchen kam, bat dieses seine Frau, den Kessel über das Feuer zu hängen. Dann gingen sie alle drei aus und kamen an einen Fluß, wo das Eichhörnchen untertauchte und eine Forelle herausholte. Als der Vater nach Hause kam, bat er seine Frau, den Topf ans Feuer zu rücken und mit ihm zu kommen. Als sie an den Fluß kamen, wollte der Mann untertauchen, wie er es beim Eichhörnchen gesehen hatte, ertrank aber dabei. Dieses Märchen finden wir in Grönland in zwei Märchen geteilt wieder. In dem einen sind es zwei Schwestern, die am Ufer entlang gehen und sich dabei einen Walfisch und ein Eichhorn zum Manne wünschen. Die Tiere erscheinen auch prompt und holen sie[159]. Im zweiten ist es ein altes Ehepaar, das allein mit seiner Tochter lebte. Eines Tages kam ein großer, unbekannter Mann, sagte, er wohne nach Süden hin in der Nähe, und hielt um die Tochter an. Er bekam sie und bat dann beim Abschiednehmen den Schwiegervater, ihn zu besuchen. Der Alte that es denn auch. Als er ins Haus trat, hängte die Tochter den Kessel über das Feuer, und der Mann ging hinaus ins Freie. Der Alte sah ihm vom Fenster aus nach, erblickte aber nur eine Scharbe (Carbo), die aufs Wasser hinausflog, untertauchte und mit einem Kaulkopf wiedererschien. Gleich darauf brachte der Schwiegersohn einen Kaulkopf, der gekocht und dem Alten vorgesetzt wurde. Bei seiner Heimkehr bat dieser seine Frau, den Topf über die Lampe zu hängen, ruderte dann mit ihr eine Strecke weit vom Lande ab, band sich erst einen Stein um den Hals, darauf einen Riemen um den Leib und sagte schließlich zu seiner Frau: »Ich will untertauchen; wenn ich am Riemen ziehe, mußt Du mich wieder aufholen!« Er sprang aus dem Boote und sank unter; als ihn die Frau aber wieder aufzog, war er schon ertrunken[160]. Die Aehnlichkeit zwischen diesem Märchen und dem letzten Teile jenes norwegischen ist so groß, daß der gemeinsame Ursprung sich kaum bezweifeln läßt. Es ist aber möglich, daß es nicht durch die alten Nordländer, sondern durch Hans Egede und seine Leute oder auch in noch späterer Zeit nach Grönland kam.