Vorwort.
Margarethe Langfeldt translation
Den Winter über waren wir abgeschieden von aller Welt und ganz auf die Gesellschaft der Grönländer angewiesen. Ich wohnte in ihren Hütten, teilte ihre Arbeit und versuchte, so gut es ging, mich bei ihnen einzuleben und ihre Sprache zu erlernen. Doch leider ist ein Winter viel zu kurz, um dieses merkwürdige Volk, sein Gedankenleben und seine Kultur von Grund aus kennen zu lernen. Dazu gehört ein ernsteres Studium. Nichtsdestoweniger habe ich versucht, meine Eindrücke vom Leben der Eskimos in diesem Buche wiederzugeben, und mich dabei, soweit es mir möglich war, auf die Schriften älterer Grönlandsforscher gestützt. Es giebt ja auch Dinge, die dem Ankommenden mehr ins Auge fallen, als dem langjährigen Beobachter, der sie täglich vor Augen hat.
Sollte man mir auch nicht immer beistimmen, wenn ich mir gelegentlich eine Kritik erlaube oder die Schwäche zeige, ein untergehendes Volk zu beklagen, das, vom Giftstachel unserer Civilisation gestochen, nicht mehr zu retten ist, so tröste ich mich damit, daß dadurch die Lage der Eskimos nicht verschlimmert werden kann, und hoffe, daß man meine Bemerkungen so auffassen wird, wie sie gemeint sind. — Amicus Plato, amicus Socrates, magis amica veritas — die Wahrheit vor allem! Und sollte ich meinen Lesern manchmal unverständlich erscheinen, so möge es mir zur Entschuldigung dienen, daß man nicht unter diesem Volke leben kann, ohne es lieb zu gewinnen. Dazu ist ein Winter lang genug.
An den langen dunklen Abenden, wenn ich in der niedrigen Stube sitzend in die Flamme der Thranlampe starrte, hatte ich viel Zeit, meinen Gedanken nachzuhängen. Da war es mir oft, als sähe ich diese Naturmenschen Schritt für Schritt auf ihren Hundeschlitten und in ihren eigentümlichen Fellbooten aus dem fernen Westen herangezogen kommen. Ich sah sie sich durchkämpfen und ihre sinnreichen Gerätschaften nach und nach vervollkommnen, sah sie sich selber zu großartiger Seetüchtigkeit ausbilden. Jahrhunderte, Jahrtausende vergingen, eine Generation nach der anderen erlag im Kampfe mit der Natur, während die Stärkeren unter ihnen Sieger blieben. Und ich konnte nicht umhin, für ein so tapferes Volk Bewunderung zu empfinden.
Doch hinter den glänzenden Bildern der Vergangenheit erhoben sich zwei andere, Gegenwart und Zukunft, in düsterem, hoffnungslosem Grau.
Auf Grönland lernten die Eskimos die Europäer kennen. Die ersten waren unsere Vorfahren, und die wurden von ihnen überwunden. Doch als wir wiederkamen — diesmal mit dem Christentum und unseren Kulturprodukten — da mußten sie uns als Herren anerkennen, und seitdem geht es mit ihnen bergab. Die Welt zuckt mitleidig die Achseln. Du liebe Zeit,
Was war's denn weiter! 's ist ja einerlei, Wenn so ein Bettler stirbt!«
Und doch haben auch die Eskimos Gefühle wie andere Menschen. Auch sie freuen sich ihres Lebens und der Natur und winden sich blutend unter unseren Eisentritten. Wer daran zweifelt, sehe sie in ihrer Liebe zu ihren Kindern, in ihrem gegenseitigen Mitgefühl oder lese ihre Sagen und Ueberlieferungen.
»Ein großer Seehundsfänger von der Insel Aluk, an der Ostküste, liebte seine Heimat so sehr, daß er sie nicht einmal im Sommer verließ. Es war ihm ein besonderer Genuß, die Sonne morgens aus dem Meere aufsteigen zu sehen. Einmal gelang es seinem Sohne jedoch, ihn zu einer Reise nach dem Westen zu bereden. Als sie aber soweit gelangt waren, daß sie morgens die Sonne über dem Lande statt über der See aufgehen sahen, befahl der Vater sofort, alles zur Heimreise zu rüsten. Als sie endlich wieder auf Aluk ankamen, schlugen sie ihr Zelt auf. Sobald der Tag graute, ging der Alte zum Strand. Anfangs hörten seine Angehörigen noch seine Stimme, dann wurde es plötzlich still, und als sie an den Strand eilten, sahen sie ihn in demselben Augenblicke, als die Sonne aus dem Meer emportauchte, zu Boden sinken. Er war tot. Die Freude hatte ihn getötet.«
Ein Volk, das solche Erzählungen besitzt, ist nicht gefühllos!
Doch jedesmal, wenn ich einen dieser Menschen unter dem Elende, in das wir sie gebracht haben, leiden oder erliegen sah, erwachte in mir der Rest des Gerechtigkeitsgefühles, den die meisten von uns noch besitzen. Und mich erfüllte der heiße Wunsch, die Wahrheit in die Welt hinauszuschreien. Wüßte man es nur bei uns, so müßten ja alle Menschen aus ihrer Gleichgiltigkeit aufgerüttelt werden und gleich wieder gut zu machen suchen, was sie verbrochen.
Armer, junger Mann! Du hast nichts vorzubringen, was nicht schon besser gesagt worden wäre. Das unglückliche Schicksal der Grönländer wie das anderer Eingeborener ist den civilisierten Nationen schon von so vielen Seiten vorgehalten worden, und alles hat doch nichts geändert.
Gleichviel, ich will mein Gewissen erleichtern. Es scheint mir heilige Pflicht, ebenfalls Einspruch zu erheben. Meine Feder ist leider nur schwach. Was ich am tiefsten empfinde, kann ich nicht mit Worten sagen — nie hat mir Dichtergabe mehr gefehlt. Ich weiß, meine Mahnung wird einem Rufe in einer weiten Ebene gleichen, der das Echo der Berge nicht erweckt. Mir bleibt nur die Hoffnung, daß ich vielleicht in einer Brust Mitgefühl für die armen Eskimos und Trauer über ihr Geschick wachrufe.
Godthaab, Lysaker.
November 1891.
Fridtjof Nansen.

