Kapitel IV. Auf dem Meere im Kajak.
Margarethe Langfeldt translation
Man hört so oft, wie der Eskimo der Feigheit beschuldigt wird. Dies liegt gewiß zum großen Teile daran, daß die, die so über ihn urteilen, ihn entweder nur auf dem Lande und bei schönem Wetter auf See beobachtet haben, — und dann ist er zu gutmütig oder zu bequem, um Mut zu zeigen — oder daß sie sich nicht die Mühe nahmen, sich in seine Denkweise hineinzuversetzen. Oft mochte er auch aufgefordert sein, etwas zu thun, was er weder verstand, noch mochte.
Wenn wir unter Mut verstehen, sich wie ein Tiger bis auf den letzten Blutstropfen selbst gegen Uebermacht zu schlagen, den Mut, der sich, wie Spencer sagt, am häufigsten gerade bei den niedrigststehenden Menschenrassen und besonders bei vielen Tieren findet, dann müssen wir einräumen, daß die Eskimos nicht übermäßig viel davon besitzen. Sie sind zu friedfertig und gutmütig, um z. B. wiederzuschlagen, wenn man sie ohrfeigt, und daher haben die Europäer, von Egede und den ersten Missionaren an, sie ungehindert erst prügeln und dann feige nennen können. Doch der streitbare Mut steht in Grönland nicht in hohem Ansehen, und ich fürchte, daß sie uns darum nicht höher achten, weil wir ihn so reichlich besitzen und zeigen.
Von jeher huldigten sie dem christlichen Lehrsatz: »So Dir jemand einen Streich giebt auf Deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar.« (Ev. Matth. 5, V. 39.)
Hieraus zu schließen, daß der Eskimo feig ist, wäre verkehrt.
Um sich den rechten Begriff von dem Werte eines Menschen zu bilden, muß man ihn bei seiner Berufsarbeit gesehen haben. Folgt dem Eskimo aufs Meer hinaus, seht ihn dort arbeiten, und Ihr werdet ihn bald mit anderen Augen ansehen. Denn, versteht man unter Mut, daß man im Augenblicke der Gefahr ruhig seinen Plan macht, wie man die Schwierigkeiten wohl überwinden könnte, und ihn dann mit rascher Geistesgegenwart ausführt, oder daß man einer unvermeidlichen Gefahr und sogar dem sicheren Tode mit unerschütterlicher Selbstbeherrschung entgegengeht, — dann finden wir in Grönland mutigere Männer, als wir zu sehen gewohnt sind.
Der Kajakfang bringt viele Gefahren mit sich. Der Vater kam auf dem Meere um, Bruder und Freund oft gleichfalls, und dennoch geht der Eskimo täglich, im Sturme wie bei Windesstille, ruhig an seine Arbeit draußen in See. Stürmt es gar zu arg, so tut er es vielleicht ungern, denn Erfahrung hat ihn gelehrt, daß bei solchem Wetter manch einer umkommt. Ist er aber einmal draußen, so geht es so ruhig vorwärts, als sei ihm ein Sturm das gleichgültigste Ding der Welt.
Der Kajakfang ist ein herrlicher Sport, ein spielender Tanz mit dem Meer und dem Tode. Man kann nichts Stolzeres sehen, als den Kampf des Ruderers gegen die schweren Wellen, die ihn ganz unter sich begraben. Oder wenn die Boote, draußen vom Unwetter überfallen, den Hafen suchen müssen und gleich schwarzen Sturmvögeln vor dem Winde her heransausen, während ihnen die Wogen wie rollende Berge folgen. Dann wirbeln die Ruder durch Wasser und Luft, der Oberkörper ist leicht vornübergebeugt, und der Kopf wendet sich häufig, nach Sturzwellen ausspähend, halb zurück. Alles ist da Leben und Mut, obwohl die See rings umher einem schäumenden Schlunde gleicht.
Dann taucht vielleicht, mitten im wildesten Spiele, ein Seehund auf: schneller als ein Gedanke fliegt die Harpune durch den hochspritzenden Wasserschaum. Der Seehund entflieht mit der Blase, wird jedoch bald eingeholt und getötet. Und wieder geht es weiter, mit der Beute im Schlepptau — und alles das geschieht mit derselben großartigen Fertigkeit und dem ruhigsten Gesicht, ohne eine Ahnung, daß dies eine Heldentat war.
Da ist er groß. Und wir? Ja, in solcher Umgebung erscheinen wir sehr klein!
Begleiten wir den Eskimo einen Tag auf den Fang.
Schon mehrere Stunden vor Tagesanbruch ersteigt er den Aussichtsberg hinter seinem Wohnorte und hält Umschau, ob das Wetter günstig zu werden scheint. Ist er hierüber mit sich im Reinen, so geht er langsam wieder nach Hause und legt den Kajakpelz an. In der guten alten Zeit bestand sein Frühstück aus einem tüchtigen Schlucke frischen Wassers. Jetzt, da er auch schon etwas von der europäischen Verzärtelung angesteckt worden ist, trinkt er gewöhnlich mehrere Tassen Kaffee, und zwar recht starken. Morgens ißt er nichts, er behauptet, es sitze sich dann unbequem im Kajak, und man arbeite so leichter; auch nimmt er keinen Mundvorrat mit, nur ein wenig Kautabak.

Ausfahrt zum Fang.
Hat er den Kajak an den Strand getragen und liegen die Fanggeräte an ihrem Platz, so kriecht er in das Kajakloch, macht den Wasserpelz sicher am Kajakring fest und sticht in See. Gleichzeitig gehen aus den anderen Häusern des Ortes mehrere mit ihm hinaus. Heute gilt es den Klappmützen, und der Jagdgrund liegt zwei Meilen entfernt bei einigen Bänken draußen im offenen Meere.
Es ist ruhiges Wetter, die Wellen rollen in langen Dünungen auf die Holme zu. Ein leichter Dunst liegt noch zwischen den Inseln über den Engen, durch die sie rudern, und läßt die auf dem Wasser liegenden Seevögel doppelt groß erscheinen. Seite an Seite durchschneiden die Kajake mit leisem plätschern das Wasser, die Ruder tauchen im Takte ein, die Männer unterhalten sich lebhaft mit einander, und hin und wieder bricht einer in heiteres Lachen aus. Bald schleudert dieser, bald jener spielend den Vogelpfeil, um Auge und Arm zu üben. Da kommt einem von ihnen ein Alk in den Wurf: der Pfeil fliegt durch die Luft, und der durchbohrte Vogel sucht, heftig mit den Flügeln schlagend, unterzutauchen, wird aber im nächsten Augenblick auf der Pfeilspitze emporgehoben; er wird losgemacht, der Jäger beißt ihm in den Schnabel und dreht ihm mit einem kräftigen Rucke den Hals um, worauf er hinten auf dem Kajak befestigt wird. Bald verlassen sie die Engen und die Holme, um geradeaus ins offene Meer hinauszurudern.
Nach mehrstündiger Fahrt kommen sie endlich auf dem Fanggebiete an, sehen an verschiedenen Stellen große Seehundsköpfe aus dem Wasser gucken und zerstreuen sich, um der Beute nachzugehen.
Boas, einer der besten Fänger seines Ortes, hat weit hinten eine große Klappmütze erblickt und setzt ihr nach; doch sie ist untergetaucht, und nun muß er beilegen und warten, bis sie wieder zum Vorschein kommt.
Dort! ein wenig weiter nach vorne guckt ein runder, dunkler Kopf aus dem Wasser. Tief auf den Kajak niedergebeugt, rudert Boas mit leichten, lautlosen Schlägen näher an den Seehund heran, der ruhig und unbekümmert daliegt, den Kopf emporstreckt, und sich von der Dünung auf und nieder schaukeln läßt. Doch auf einmal wird das Tier aufmerksam. Es hat den Reflex des Ruders gesehen und starrt nun den Feind mit seinen großen runden Augen an. Der läßt die Ruder sinken und rührt kein Glied, während der Kajak lautlos weiter gleitet. Der Seehund hat nichts Auffälliges entdeckt und verfällt wieder in seine frühere Sorglosigkeit. Er wirft den Kopf zurück, streckt die Schnauze in die Luft und badet sich in der Morgensonne, die auf seinem dunklen nassen Felle glänzt. Unterdessen nähert sich der Kajak schnell. So oft der Seehund hinsieht, hält Boas mit dem Rudern ein und bewegt keinen Muskel, doch sowie das Tier wieder die Augen fortwendet, geht die Fahrt wie ein Strich vorwärts. — Er nähert sich auf Treffweite, legt die Harpune bereit, sieht nach, ob die Leine auf dem Kajakstuhl in Ordnung ist; noch ein Ruderschlag, und der Augenblick ist gekommen — da taucht der Seehund ruhig unter. Das Tier ist nicht erschreckt worden und wird folglich irgendwo in der Nähe wieder auftauchen. Er muß also warten. Das aber nimmt Zeit in Anspruch, denn der Seehund kann unglaublich lange unter Wasser bleiben, und dem Wartenden erscheint die Zeit noch länger. Doch der Eskimo besitzt eine bewundernswerte Geduld: ohne etwas anderes zu bewegen als den Kopf, der sich spähend nach allen Seiten dreht, sitzt er vollkommen regungslos da. Endlich zeigt sich ein wenig nach der Seite hin wieder der Seehundskopf über dem Wasser. Vorsichtig wendet Boas seinen Kajak, ohne von dem Tier bemerkt zu werden und fährt ihm von neuem über den Wasserspiegel entgegen. Da plötzlich wird die Klappmütze aufmerksam, sieht ihn einen Augenblick starr an und taucht unter. Doch Boas kennt die Gewohnheiten der Seehunde von Alters her und rudert nun in voller Fahrt nach der Stelle hin, wo das Tier verschwunden ist. Es dauert auch wirklich nur einige Sekunden, bis der Seehund wieder neugierig aus dem Wasser guckt. Nun ist er in Treffweite; Boas greift zur Harpune, führt sie nach hinten, noch ein kräftiger Ruck — und wie von einer Stahlfeder getrieben, schnellt sie sausend vom Wurfholz ab, die lange Fangleine, die förmlich durch die Luft wirbelt, mitschleppend. Der Seehund macht einen gewaltigen Satz, doch während er den Rücken zum Untertauchen krümmt, fährt ihm die Harpune bis zum Schafte in die Seite. Sein Hinterleib peitscht mit einigen gewaltsamen Schlägen das Wasser zu Schaum, und fort ist er, die Fangleine mit in die Tiefe ziehend. Unterdessen hat Boas das Wurfholz zwischen die Zähne genommen und blitzschnell die Fangblase hinter sich ins Wasser geworfen. Sie tanzt auf der Oberfläche hin, scheint aber bald untergehen zu wollen und thut es schließlich auch. Doch bald kommt sie wieder zum Vorschein, und Boas rudert ihr nach, so schnell die Ruder ihn vorwärts bringen. Unterwegs nimmt er den Harpunenschaft auf, den der Seehund abgeschüttelt hat und der nun emporgetrieben ist. Die Lanze liegt wurfbereit da. Im nächsten Augenblick taucht die Klappmütze wieder auf. Wütend, daß an Entkommen nicht zu denken ist, wendet sie sich gegen ihren Verfolger, stürzt sich zuerst auf die Blase, zerfetzt sie und geht dann auf den Kajak los. Wieder liegt Boas auf dem Anschlage. Das Tier krümmt den Rücken und schießt mit ausgesperrtem Rachen so schnell durch die Wogen, daß das Wasser braust. Jetzt kann ein Fehlwurf dem Fänger das Leben kosten. Doch Boas erhebt mit der größten Gemütsruhe die Lanze und stößt sie mit einem kräftigen Ruck so tief in das offene Maul des Tieres, daß die Spitze aus dem Nacken wieder herauskommt. Die Klappmütze zuckt zusammen, ihr Kopf sinkt, aber im selben Augenblick richtet sie sich lotrecht im Wasser auf. Ein Blutstrom entquillt zischend dem weitgeöffneten Rachen, und sie stößt ein tiefes, wildes Gebrüll aus, während die Blase über ihrer Schnauze zu erstaunlicher Größe anschwillt. Sie schüttelt den Kopf so heftig, daß der Lanzenschaft bebt und hin und her schwankt, kann aber die Lanze weder abbrechen noch abschütteln. Im nächsten Moment stößt Boas ihr die zweite Lanze hinter der einen Vorderfinne durch Lunge und Herz; sie sinkt zusammen — der Kampf ist beendet. Boas rudert dicht an das sterbende Tier heran, und falls es sich noch regt, giebt er ihm mit dem langstieligen Messer den Gnadenstoß. Dann werden die Lanzen ruhig herausgezogen, abgespült und wieder an ihren Platz gelegt, die Bugsierleine mit der Bugsierblase hervorgeholt und, nachdem letztere aufgeblasen, um den Seehund geschlungen, die Harpunenspitze herausgeschnitten und wieder auf den Schaft gesteckt, die Fangleine um den Kajakstuhl gewickelt und die Fangblase hinten auf den Kajak geworfen. Hierauf werden dem Seehunde mit dem dazu bestimmten Riemen die Vorderfinnen am Leibe festgeschnürt und er selbst mit der Bugsierleine längs des Kajaks so festgebunden, daß er sich leicht schleppen läßt. Zu diesem Zwecke wird der Kopf am ersten Riemenpaare auf dem Vorderdecke und der Hinterleib am letzten hinter dem Ruderer befestigt. Jetzt ist Boas mit ihm fertig und sieht sich nach mehr um. Er hat Glück und braucht nicht lange zu rudern, bis er wieder eine Klappmütze erblickt. Sofort befreit er sich von seiner erlegten Beute, die von der Bugsierblase über Wasser gehalten wird, und beginnt die Jagd von neuem. Nach einigem Jagen und gespanntem Warten erlegt er auch dieses Tier, nimmt es in Schlepptau und kehrt nun zu seiner ersten Beute zurück. Die beiden großen Tiere werden rechts und links am Kajak befestigt. Er ist jetzt allerdings schwer beladen und geht nicht mehr so leicht, doch das ist für Boas kein Hindernis, noch mehr zu fangen. Sowie in seinem Fahrwasser eine neue Klappmütze auftaucht, geht die Jagd wieder los, und erlegt er noch mehrere, so wird eine an der anderen festgebunden. Auf diese Weise kann ein Mann bequem vier Tiere bugsieren, ja im Notfall noch mehr.
Inzwischen hat Tobias, ein anderer berühmter Fänger des Ortes, nicht soviel Glück gehabt, wie Boas. Er machte zuerst auf einen Seehund Jagd, der untertauchte und innerhalb Sehweite nicht wieder sichtbar wurde. Dann erblickte er schließlich einen anderen. Doch als er auf ihn losruderte, tauchte plötzlich dicht vor ihm ein Haubenseehund[14] auf und wurde sogleich harpuniert.
Der große Seehund wälzt sich wie ein Verrückter im Wasser. Die Leine wirbelt mit rasender Fahrt ab, bleibt aber unter dem Vogelpfeilwurfholz hängen, das Vorderteil des Kajaks wird von ihr mit unwiderstehlicher Kraft hinabgezogen, und ehe Tobias sich dessen versieht, geht ihm das Wasser auch schon bis unter die Arme. Das einzige noch Sichtbare ist sein Kopf und das Hinterende des Kajaks, das lotrecht auf dem Wasser steht. Es sieht aus, als sei alles verloren; alle, die sich in der Nähe befinden, rudern aus allen Kräften herbei, obgleich sie wenig Hoffnung haben, noch rechtzeitig zu seiner Rettung anzulegen. Doch Tobias ist ein ausgezeichneter Ruderer, er hält sich trotz der verzwickten Lage im Gleichgewichte und läßt sich von dem Seehunde, der alles versucht, um ihn in die Tiefe zu ziehen, durch das brausende Wasser schleppen. Endlich taucht der Seehund wieder auf, und in demselben Augenblicke ergreift Tobias die Lanze und durchbohrt ihm mit tötlichem Wurfe den Kopf. Eine matte Bewegung — und das Tier sinkt zusammen. Die anderen kommen gerade rechtzeitig an, um Tobias seine Beute festmachen zu sehen und ihr Speckstück[15] in Empfang zu nehmen. Sie konnten ihre Bewunderung über diese Geistesgegenwart und Geschicklichkeit nicht unterdrücken und sprachen noch lange davon. Tobias und Boas waren überhaupt die besten Seehundsfänger im ganzen Orte und, wie man mir erzählt hat, in ihrer Jugend so geschickt, daß sie es verschmähten, sich der Blase zu bedienen, und sich statt dessen die Leine um den eigenen Leib oder um den Kajakring schlangen und also den harpunierten Seehund, wenn er nicht gleich tot war, mit sich und dem Kajak, statt, wie üblich, mit der Fangblase, abziehen ließen. Dies gilt den Grönländern für die nobelste Jagdart, und nur wenige bringen es soweit.
Bis jetzt ist das Wetter schön gewesen, glatt wogte das Meer im Sonnenschein, doch im Laufe der letzten Stunden begannen dunkle, drohende Wolkenbänke sich am südlichen Himmelsrande zusammenzuziehn. Kaum hat Tobias seinen Seehund festgemacht, hört er auch schon ein dumpfes Brausen und sieht es im Süden wie Rauch über der See liegen. Das bedeutet Sturm, und der Rauch sind die spritzenden Wogen, die er vor sich hertreibt. Von allen Winden fürchtet der Grönländer den Sturm aus Süden (Nigek) am meisten, weil dieser stets heftig auftritt und die See gewaltig aufrührt.
Jetzt möglichst schnell ans Land! Die keinen Seehund im Schlepptau haben, kommen am leichtesten vorwärts, versuchen aber, mit den anderen zusammenzubleiben. Sie sind noch nicht weit gekommen, da hat der Sturm sie schon eingeholt. Er peitscht das Wasser vor sich her zu Schaum, und die Ruderer fühlen ihn im Rücken, wie einen Riesen, der sie emporhebt und vorwärtsschleudert. Jetzt wird es ernst. Die Wogen erheben sich bald wie turmhohe Wasserberge, brechen und wälzen sich über sie herab. Es geht dem Lande zu, aber mit beinahe ausgesprochenem Seitenwind. Noch liegt es weit ab, man kann vor Spritzwasser nichts sehen, und beinahe jede frische Sturzsee begräbt sie unter sich, so daß man nur einige Köpfe, Arme und Ruderstümpfe über den Schaumkämmen sieht.
Dort kommt eine gewaltige See; schon von fern erglänzt sie schwarz und weiß. Sie türmt sich auf, der Himmel verschwindet fast. Sofort stecken alle an der Luvseite Befindlichen das Ruder unter den Riemen, dann beugen sie den Oberkörper vor, und die Sturzsee bricht über sie herein. Einen Augenblick ist beinahe alles verschwunden. Die im Lee warten gespannt, bis die Reihe an sie kommt. Jetzt rollt das Wasser auch über sie hin, und nun schießen alle Boote wieder mit neuer Fahrt vorwärts. Doch eine solche Sturzsee kommt nicht allein, ihr folgen noch schwerere. Die Kajakmänner legen die Ruder flach über dem Deck nach der Luvseite aus, beugen den Oberkörper vornüber, und wenn der weiße Wasserfall sich mit Donnergetöse über sie ergießt, stürzen sie sich ihm selbst in den Rachen und brechen dadurch seine Gewalt. Wieder sind sie einen Augenblick verschwunden, — da taucht ein Kajak auf, auf dem rechten Kiele — noch einer, aber mit dem Boden nach oben — Pedersuak ist gekentert. Der nächste Nachbar eilt zur Hülfe herbei, da bricht die dritte Sturzsee über sie herein, und jeder muß an sich selbst denken. Es war zu spät — zwei sind gekentert; aber der zweite richtet sich sofort wieder auf, und sein erster Gedanke gilt dem Kameraden, dem er von neuem zu Hülfe eilt. Er treibt seinen Kajak neben den gekenterten, legt sein Ruder über beide, ergreift unter dem Wasser den Arm des Freundes und zieht ihn mit einem Rucke so hoch, daß jener das Ruder fassen kann, und sich dann auch im Nu wieder aufrichtet. Der Wasserpelz hat sich auf der einen Seite ein bischen vom Kajakringe gelöst und ein wenig Wasser eindringen lassen, doch nicht soviel, daß er deshalb nicht weiter könnte. Inzwischen sind die andern herbeigekommen, sie fischen sein verlorenes Ruder auf, und nun kann es wieder weitergehen.

Kajakmann von einem Walroß angegriffen.
Für die Bugsierenden wird es immer schlimmer, sie sind meistens die Letzten, und die großen Seehunde schlagen schwer gegen die Seiten des Kajaks. Sie denken daran, ihre Beute preiszugeben, aber die schwere Welle rollt vorbei, und da wollen sie es noch eine Weile versuchen. Der stolzeste Augenblick im Leben eines Fängers ist der Moment, da er seinen Fang in den Hafen bugsiert und die freudestrahlenden Gesichter seiner Hausgenossen ihn vom Strande anlachen. Schon weit draußen auf See sieht er sie in Gedanken vor sich und freut sich wie ein Kind; kein Wunder, daß er seine Beute nur im äußersten Notfalle fahren läßt.
Nach vielen bösen Sturzseen kommen sie endlich mehr unter Land. Hier giebt ihnen eine kleine Inselgruppe, die nach Süden hin weit draußen liegt, einigermaßen Schutz, die See geht hier weniger heftig, und je mehr sie sich dem Lande nähern, desto besser und schneller geht es vorwärts.
Unterdessen sind die Frauen zu Hause in großer Angst. Als der Sturm ausbrach, liefen sie nach dem Aussichtsberg hinauf oder auf die Landzungen hinaus und standen dort in dichten Gruppen, über das empörte Meer hin nach ihren Söhnen, Männern, Vätern und Brüdern ausspähend. Hier sieht man sie dicht aneinandergedrängt frierend und spähend stehen, bis ihre durch die Angst geschärften Augen die Kommenden als schwarze Punkte am Horizonte entdecken und der ganze Platz von dem Freudengeschrei »Sie kommen! Sie kommen!« widerhallt. Man fängt an zu zählen, wie viele es sind. »Zwei fehlen!« — »Nein, da ist der eine!« — »Nein, alle sind da! Alle sind da!«
Bald fangen sie an, einzelne herauszukennen, teils an der Art zu rudern, teils an der Form des Kajaks, obwohl alle Boote nur wie schwarze Punkte aussehen. Plötzlich ertönt ein wildes Freudengeheul: »Boase kaligpok!!!« (Boas bugsiert); ihn erkennen sie leicht an der Größe. Diese Freudenbotschaft geht von Haus zu Haus, die Kinder laufen umher und schreien es in die Fenster, und oben auf dem Berge lösen sich die Gruppen in einen Freudentanz auf. Dann erschallt wieder ein Jubelruf: »Ama Tobiase kaligpok!!!« (Auch Tobias bugsiert), und auch diese Kunde geht von Haus zu Haus. Von neuem ertönt es: »Ama Simo kaligpok!« »Ama David kaligpok!!« Und wieder stürmen Frauen aus den Häusern den Aussichtsberg hinauf, um aufs Meer hinauszustarren, das sich weiß in weiß gegen die Holme und Klippen abhebt, und auf dem ab und zu zwischen den rollenden Wassermassen elf schwarze Punkte, die langsam näher kommen, zu unterscheiden sind.
Endlich steuern die ersten Kajake in die Bucht vor dem Orte. Es sind die, die keinen Seehund haben. Leicht und sicher jagt einer nach dem andern auf den flachen Strand, hoch auf dem Rücken der Wellen tanzend. Sie werden von den Frauen, die die Boote höher aufs Ufer hinaufziehen müssen, in Empfang genommen.
Dann folgen die Bugsierenden. Sie müssen etwas vorsichtiger zu Werke gehen, sie machen ihre Beute los und sorgen erst dafür, daß sie den Frauen am Strande zugeworfen wird. Darauf landen sie selber. Einmal aus dem Kajak gestiegen, kümmern sie sich, wie auch die Zuerstgekommenen, nur um sich selbst und ihre Geräte, die an ihren Platz über der Flutmarke getragen werden. Auf ihre Beute werfen sie keinen Blick, — alle fernere Arbeit damit liegt den Frauen ob.
Unterdessen gehen die Männer in ihr Haus, legen die nassen Kleider ab und das Hauskleid an, das in der Heidenzeit, wie wir gesehen haben, ein wenig luftig war, jetzt aber etwas sichtbarer geworden ist.
Nun essen sie endlich ihr Frühstück. Aber wirklich satt werden sie erst, wenn die heimgeführte Beute zerlegt, gekocht und in einer großen Schüssel auf den Fußboden gesetzt wird. Dann verschwinden unglaubliche Mengen Fleisch und Speck in ihrem Magen.
Sobald der Hunger gestillt ist, nehmen die Frauen, wie immer, etwas vor, Näharbeit oder dergleichen, indes die Männer der wohlverdienten Ruhe pflegen oder ihre Waffen putzen, die Harpunenleine zum Trocknen aufhängen u. s. w. Dann beginnen die Fänger von den Tagesereignissen zu sprechen, und die ganze Familie hört andächtig zu, besonders die Knaben. Die Darstellungsweise ist nüchtern und frei von Aufschneiderei oder dem Bestreben, in den Hörern eine übertriebene Vorstellung von den überwundenen Schwierigkeiten zu erwecken, wozu wir Europäer bei dergleichen Gelegenheiten häufig neigen dürften.
Dabei aber hat sie in ihrer eigentümlichen Breite etwas Lebhaftes und Malerisches. Die Eskimos begleiten ihre Rede mit erklärenden Handbewegungen, und »wenn sie in ihrer Erzählung soweit gekommen sind,« sagt Dalager, »daß der Todesstoß exprimiert werden soll, so schwingen sie den rechten Arm in die Luft und strecken den linken Arm, der das Tier bedeutet, geradeaus«. Worauf die Demonstration gewöhnlich folgendermaßen lautet: »Als ich nach dem Pfeile greifen wollte, sah ich mich nach ihm um; da lag er; ich griff nach ihm; ich faßte ihn; ich hielt ihn nun ganz fest in der Hand, er balancierte u. s. w., was allein einige Minuten dauern kann, ehe die Hand zum Zeichen des entscheidenden Stoßes herabsinkt, wobei der Erzähler aber nicht vergißt, mit der Linken die letzten Zuckungen des Seehundes zu markieren«.
Andrerseits werden oft die merkwürdigsten Begebenheiten mit wenigen Worten abgethan. Bei jeder Gelegenheit aber macht sich ein drastischer Humor geltend, der von den gespannten Zuhörern unfehlbar mit schallendem Gelächter belohnt wird. Es ist das Muster eines glücklichen Familienlebens.
So vergeht der Tag für den Eskimo. Es liegt in derartigen Erlebnissen nichts Außergewöhnliches. Und doch haben sie für den Eskimo eine große Anziehungskraft. Sein Dichten und Trachten ist mit dem Meere verknüpft, das harte Leben draußen auf den Wellen ist ihm der Inhalt des Daseins, — und muß er zu Hause bleiben, so wird das Herz ihm schwer. — Doch wird er alt, ja dann ist das Lied aus. — Ueber dem Alter liegt stets ein Wemutschleier, nirgends aber so sichtbar wie in Grönland. Dort haben die guten Alten auch einst Tage der Jugend und der Kraft gesehen — Zeiten, da sie die Stützen ihrer Gesellschaft waren, — jetzt sind sie nur noch eine lebende Erinnerung an Vergangenes und müssen sich von anderen ernähren lassen. — Doch wenn die Jungen mit ihrer Beute von der See kommen, schleppen sich die Greise zu ihrem Empfang ans Ufer, ja, wenn es nur meine Wenigkeit war, die kam, so freuten sie sich doch sichtlich, mir beim Landen behülflich sein zu können. — Und wenn der Abend kommt, dann können sie erzählen; ein Erlebnis nach dem andern wird aus dem Gedächtnis hervorgeholt, erhält neues Leben und entflammt die Jungen zur That.
Oft geht es beim Seehundsfange gefährlicher zu, als ich es oben schilderte. Man kann sich vorstellen, daß man sich bei dem eingezwängten Sitzen im Kajak, das nicht viel Bewegung erlaubt, weder hintenüber noch nach rechts werfen darf. Greift nun eine verwundete Klappmütze plötzlich von dort an, so gehört Geschicklichkeit und Geistesgegenwart dazu, ihr zu entgehen oder so schnell zu wenden, daß sich der Todesstoß führen läßt, ehe das wütende Tier den Kajak zertrümmern kann. Nicht viel besser ist es, wenn man von unten angegriffen wird oder das Tier plötzlich dicht neben dem Kajak auftaucht; denn es bewegt sich mit Blitzesschnelle und ist ebenso mutig wie stark. Stürzt es sich erst einmal auf den Kajak und bringt ihn zum Kentern, so bleibt wenig Hoffnung auf Rettung. Oft greift es dann entweder den Mann unter dem Wasser an, oder es steigt auf den gekenterten Kajak und reißt Löcher in seinen Boden. In solcher Lage ist außergewöhnliche Selbstbeherrschung vonnöten, um die rechte Kaltblütigkeit zu bewahren, damit man sich schnell wieder aufrichtet und den Kampf mit dem wutschnaubenden Gegner von neuem aufnimmt. Dennoch kommt es vor, daß ein so zum Kentern gebrachter Kajakmann die Klappmütze trotz alledem als Beute heimführt.
Ein noch schlimmerer Gegner ist das Walroß. Wenn ein solches gejagt werden soll, vereinigen sich gewöhnlich mehrere Fänger, damit einer dem andern im Notfalle beistehen kann. Doch oft genug wagt sich auch einer allein an dieses Untier heran.
Das Walroß ist, wie bekannt, ein großes, bis zu 5 m langes Tier mit dicker, zäher Haut, einer dicken Speckschicht, außerordentlich harter Hirnschale und ungeschlachtem Körper. Man muß schon einen sicheren, starken Arm haben, um es erlegen zu können. Sobald ein Walroß angegriffen wird, pflegt es auf seinen Gegner loszugehn, und es kann ihn mit seinen scheußlichen Fangzähnen grauenhaft zurichten. Sind andere Walrosse in der Nähe, so umringen sie sofort den Kajak und greifen alle gleichzeitig an.
Selbst die norwegischen Walroßjäger mit ihren Flinten, Aexten und Lanzen und ihren großen, festen Booten haben vor dem Walroß gehörigen Respekt.
Welch ein Wagestück muß es da sein, im zerbrechlichen Eskimoboot ein solches Tier nur mit den leichten Wurfgeschossen des Eskimos und allein anzugreifen! Für den Eskimo aber ist ein solches Unternehmen eine alltägliche Begebenheit. Er kämpft seinen Streit mit dem gefährlichen Gegner aus; die Lanze wurfbereit in der Hand, erwartet er ruhig den Angriff des Tieres und jagt ihm, alle Vorteile kaltblütig berechnend, im rechten Augenblicke die Lanze in den Leib.
Beim Walroßfang ist Kaltblütigkeit die Hauptsache, denn die unvorhergesehensten Schwierigkeiten können sich dabei herausstellen; nur das erklärt die vielen Unglücksfälle. Bei Kangamiut griff vor einigen Jahren ein Walroß einen Kajak von unten an, wobei der lange Zahn des Tieres durch den Boden des Kajaks drang, die Hüfte des Mannes durchbohrte und sogar noch ein Loch in das Verdeck stieß. Die Kameraden eilten dem Unglücklichen zu Hilfe, er machte sich von dem Tiere los, und es gelang ihm trotz des Leckes mit Hülfe der Freunde ans Land zu kommen.
Außer diesen Tieren greift der Eskimo von seinem kleinen Boote aus auch den Walfisch an, und zwar den Ardluk oder Speckhauer, eine besonders gefährliche Art. Mit seiner Stärke, Gewandtheit und seinen greulichen Zähnen kann dieser, wenn er einmal zur Offensive übergeht, den Kajak im Nu zersplittern. Vor ihm fürchten sich selbst die Eskimos, was sie jedoch nicht abhält, ihn, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet, anzugreifen.
Früher wurde hier auch auf die großen Walfischarten Jagd gemacht. Dies geschah jedoch von den großen Frauenbooten aus, deren Besatzung dann aus vielen Personen, Männern und Weibern bestand. »Zu dieser Jagd,« sagt Hans Egede, »schmücken sie sich wie zu einer Hochzeit, sonst schwimmt ihnen der Walfisch fort, denn er kann keine schmutzigen Kleider leiden.« Der Walfisch wurde vom Vordersteven aus harpuniert, brachte aber dann manchmal das Boot durch einen Schlag mit dem Schwanze zum Kentern oder zertrümmerte es sogar. Die Männer waren dabei jedoch so dreist, daß sie auf den Rücken des Tieres sprangen, sobald seine Bewegungen matter wurden, und es dann durch Lanzenstiche töteten. Diese Art von Jagd kommt heutzutage nur noch selten vor.
Doch nicht nur die Jagd auf große Seetiere bringt Gefahr, auch beim gewöhnlichen Fischfang, wie beim Fangen der Helbutte, ist die Möglichkeit des Verunglückens nicht ausgeschlossen. Hat man nicht dafür gesorgt, daß die Angelschnur richtig liegt, oder verwickelt sie sich, oder versagt eine Vorrichtung, wenn jene starken Fische beim Aufziehen der Tiefe zustreben, so kentert der schmale Kajak nur zu leicht. So haben schon viele ihren Tod gefunden.
Wir wollen uns indessen nicht zu lange bei den Schattenseiten aufhalten! Hoffentlich ist es mir gelungen, dem Leser von dem Fängerleben des Eskimo draußen auf dem Meere einen Begriff zu geben, der ihn vielleicht überzeugt, daß es diesem Volke, wenn es drauf ankommt, ebensowenig an Mut, wie an Ausdauer und kaltblütiger Selbstbeherrschung fehlt.
Der Eskimo besitzt aber mehr. Trifft ihn einmal ein Unglück, so zeigt er eine geradezu großartige Abgehärtetheit und Geduld. Ich will als bezeichnend dafür nur folgendes kleine Beispiel anführen, einen der vielen Berichte, die die Grönländer selber über ihre Erlebnisse in ihrer Zeitung »Atuagagdtutit« veröffentlichen:
»Ein Kajakmann aus Tornait auf der Fischerhalbinsel stach an einem Februartage im Jahre 1876 in der Richtung nach Norden in See. Als er auf seinem gewöhnlichen Fangplatze anlangte, tauchte ein Seehund vor ihm auf; er zog sein Gewehr aus dem Kajakriemen, um zu schießen, dabei ging der Schuß los und ihm quer durch den Unterleib. Sobald er sich ein wenig besonnen hatte, stieg er aus und legte sich auf eine Eisscholle; da aber begann es, aus Norden zu wehen, und eine Welle nach der andern ergoß sich über ihn, weshalb er wieder in seinen Kajak steigen und südwärts rudern mußte. Man muß sich jedoch« — so heißt es — »über die Abgehärtetheit des Mannes wundern, der so schwer verwundet durchs offene Meer nach Hause rudern konnte. Man denke nur, er ging auf der Außenseite der Inseln herum, erreichte den Hafen, zog den Kajak ans Land und stellte ein Merkzeichen dabei auf; dann aber sank er besinnungslos am Eisrande des Ufers hin, denn er war nicht mehr imstande, die Häuser, die eine Strecke vom Landungsplatze entfernt waren, zu erreichen. Als man ihn später dort fand und seinen Kajak untersuchte, war es allen unerklärlich, daß er noch lebte, nachdem er all das Blut, das auf dem Boden des Kajaks stand, verloren hatte. Als sie ihn ins Haus getragen hatten, war jedermann überzeugt, daß er die Nacht nicht überleben würde, er starb jedoch erst nach drei Tagen! Er zeigte nicht die geringste Furcht vor dem Tode, sondern sprach nur davon, daß er zu den Begnadeten gehöre!«[16]

Kajakmann, einem kenternden Kameraden zu Hilfe eilend.
Viele ähnliche Züge ließen sich von diesem Volke erzählen. Mit Leiden und Gefahr ist sein Erwerb verknüpft, und doch giebt der Eskimo sich ihm mit Lust und Liebe hin. Hätten die Eskimos ihre Geschichtsschreiber gehabt, so würde ihre Geschichte aus einer ganzen Reihe solcher Begebenheiten bestehen, und dann würde mancher Zug von rührender Aufopferung und Nächstenliebe bekannt sein. Wie manche Heldenthat ist dort der Vergessenheit anheimgefallen! So ist das Volk, das man schlecht und feige genannt hat, und auf das herabzusehen wir Europäer uns für berechtigt halten.

