Kapitel XVI. Schluß.
Margarethe Langfeldt translation
Wenn wir nun zum Abschluß noch einen Blick zurückwerfen: was haben wir gesehen?
Wir haben ein von der Natur hochbegabtes Volk gefunden, das gut lebte und trotz seiner Fehler auf einer hohen Stufe der Moral stand. Aber durch unsere Kulturarbeit, unsere Produkte und unsere Mission sind seine irdischen Lebensverhältnisse sowohl wie seine Moral und seine Gesellschaftsordnung in betrübender Weise in Verfall geraten, und heute scheint das ganze Volk dem Untergang geweiht.
Und dennoch wurde es, wie wir sahen, rücksichtsvoller und besser behandelt, als je ein anderes Naturvolk. Sollte hierin nicht ein ernster Wink liegen? Und sind nicht, wenn wir uns unter anderen Naturvölkern umsehen, die Folgen der Bereicherung mit den Europäern und den Missionaren überall die gleichen?
Was ist aus den Indianern geworden? Wo sind die einst so stolzen Mexikaner? Wo die hochbegabten Incas von Peru? Wo ist Tasmaniens Urbevölkerung geblieben? Und wie steht es mit den Wilden von Australien? Bald wird keiner von ihnen mehr imstande sein, seine Stimme anklagend gegen die Rasse zu erheben, die ihnen Untergang gebracht hat. Und Afrika? Ja, das soll ja nun auch christlich werden. Wir haben schon damit angefangen, es auszubeuten, und wenn die Neger kein zäheres Leben haben als die anderen, so werden sie auch wohl denselben Weg gehen, wenn erst das Christentum mit voller Musik kommt. Und doch lassen wir uns nicht abschrecken und machen noch immer viel Redens davon, daß wir den armen Wilden die Segnungen des Christentums und der Civilisation bringen.
Ist nicht, wenn wir die Missionen der Gegenwart betrachten, das Ergebnis beinahe überall dasselbe? Denken wir an ein Volk, wie das chinesische, das ja auf einer hohen Kulturstufe steht und von dem man demnach annehmen müßte, es sei vorzüglich für die neue Lehre geeignet. Einer der »aufgeklärtesten Mandarinen Chinas«, der selbst »Christ ist und an europäischen Universitäten studiert hat«, schreibt in den »North China Daily News« einen Artikel über die Mission und ihren Einfluß[177]. Es heißt dort unter anderem. »Ist es nicht im Gegenteil ein öffentliches Geheimnis, daß nur die erbärmlichsten, schwächsten, unwissendsten, ärmsten und bübischsten Leute unter den Chinesen das sind, was die Missionare ›Bekehrte‹ nennen?« »Läßt es sich nicht beweisen, frage ich, daß diese Bekehrten Menschen, die den Glauben ihrer Kindheit fortgeworfen haben, und denen von ihren Lehrern verboten wird, Sympathie für die Erinnerungen und Ueberlieferungen unserer uralten Geschichte zu zeigen, ja, die alles dieses verachten — ist es nicht erwiesen, daß diese Leute sich, wenn sie die Hoffnung auf irdischen Gewinn aufgeben mußten, schlimmer zeigten, als der ärgste Chinesenpöbel? Die Missionare können z. B. ihren Zuhörern erzählen. die Mandarinen seien Idioten, weil sie an Himmelszeichen und ähnlichen Unsinn glauben. Aber den Tag darauf werden sie vielleicht denselben Zuhörern erzählen, daß die Sonne und der Mond wirklich stillstanden, als der Hebräerfeldherr Josua es ihnen befahl.« In betreff der Wohlthätigkeit der Missionare gegen die Eingeborenen und der Linderung von Not und Elend durch sie fragt er: »Läßt sich beweisen, daß diese Hülfe ein Aequivalent für das Geld ist, das die chinesische Regierung allein für den Schutz der Missionare bezahlen muß? Ich glaube, schon die Zinsen dieser ungeheuren Summen würden genügen, um einen weit größeren Stab von geschickten europäischen Aerzten und tüchtigen Krankenpflegerinnen zu besolden.« »Ueberzeugt Euch, wie viel von den Millionen, die barmherzige Menschen in Europa und Amerika für die Chinamission einsammeln, auf die Linderung von Not verwandt wird. Laßt feststellen, wie viel der Unterhalt der Missionare, ihrer Frauen und Kinder, der Bau ihrer prächtigen Häuser und Sanatorien, das Porto und Papier für ihre bücherähnlichen, rosenfarbigen Missionsberichte, ihre Kongresse und viele andere Dinge kosten!« »Ist es nicht ein öffentliches Geheimnis, daß die ganze Mission geradezu ein Wohlthätigkeitsunternehmen zu Gunsten stellenloser Personen in Europa und Amerika ist?« Er fragt ferner, ob jemand daran zweifle, daß die Missionare »mit ihrer hohen Meinung von ihrer eigenen Unfehlbarkeit oft sehr unverschämt und anmaßend sein könnten und daß sie sich in Dinge mischten, die sie gar nichts angingen. Wenn jemand in Zweifel sein sollte, ob die Missionare, im Ganzen genommen, zu Obigem imstande sind, so lese er ihre Schriften und achte auf den darin herrschenden Geist und Ton.«
Das ist die Geschichte von Grönland in anderer Auflage. Der Unterschied ist nur, daß die Chinesen, wenn sie sich den Missionaren, die sie nicht hergebeten haben, widersetzen, nicht geohrfeigt und mit dem Tauende geprügelt werden. Wenn sie aber in der Erkenntnis des drohenden Unglücks »die fremden Mächte bitten, im Interesse Chinas, wie auch Europas und Amerikas die Missionare zurückzurufen«, und die Missionare, falls ihre Bitten nichts nützen, mit Gewalt vertreiben wollen, dann rufen diese Herren, die gekommen sind, das Evangelium des Friedens zu verkünden, ihre Regierungen um Schutz an. Und es werden ihnen Kanonenboote und Truppen geschickt, ein vernichtendes Feuer von Projektilen und Kartätschen wird auf die Eingeborenen gerichtet, und auf die Waffen ihrer Landsleute gestützt, verlangen die frommen Missionare eine gehörige Entschädigung für den Schaden, den sie an Gut und Habe erlitten haben. Wohl deshalb, weil geschrieben steht: »Ihr sollt nicht Gold, noch Silber, noch Erz in Euren Gürteln haben; auch keine Tasche zur Wegfahrt, auch nicht zween Röcke, keine Schuhe und keinen Stecken« (Matthäus 10, V. 9-10).
Wir kennen sicher dieselbe Rasse wieder, die China, als es sich gegen das zerstörende Gift »Opium« wehrte, durch einen blutigen Krieg zwang, seine Häfen dem Opiumhandel zu öffnen, damit die Europäer Geld verdienten, während die chinesische Gesellschaft untergraben wurde. Dies war von Anfang bis zu Ende eine so schändliche Niederträchtigkeit, daß keine Sprache Worte dafür hat. — Die Eskimos haben leider nur zu recht, wenn sie die Europäer für ein ehrloses, verderbtes Volk halten, das nach Grönland kommen müßte, um Moral zu erlernen.
Und sind die Resultate der Missionen anderswo besser? Wohl kaum.
Kürzlich erschien eine Statistik der in Indien begangenen Verbrechen, aus der hervorgeht, daß die meisten auf die Europäer fallen; dann kommen die bekehrten Indier, dann die Anhänger des Brahmanismus, und ganz zuletzt erst die Buddhisten. Aus Afrika liegt mir keine Statistik vor, aber nach allem, was ich hörte, kann man auch dort nicht mit den Ergebnissen der Missionen prahlen. Und für diese Heidenmission in Afrika und Indien opfert auch unser Land alljährlich Hunderttausende. Haben wir es denn so reichlich, daß man dieses Geld daheim nicht nützlicher anwenden könnte? Es ist ein hübscher Gedanke, die armen Wilden, die man niemals sah und deren Not man nicht kennt, zu unterstützen. Sollte es aber nicht noch hübscher sein, den vielen Elenden zu helfen, deren Not wir Tag für Tag vor Augen haben? Wenn wir schon durchaus Gutes thun wollen, warum nicht mit dem Nächstliegenden beginnen? Ist dann in der Heimat allen geholfen, so kann man noch immer auf Reisen gehen und zusehen, ob auch anderswo jemand unserer Hülfe bedarf.
Es ist durchaus nicht meine Meinung, daß jede Mission schädlich wirken muß. Ich glaube aber, daß eine Mission, um wirklich gut zu sein, Anforderungen stellt, denen die heutige Zeit nicht mehr gerecht werden kann. Denn erstens bedarf es dazu einer solchen Anzahl edler, aufopfernder und bedeutender Männer, wie man sie nicht auf einmal findet — wir treffen einen oder zwei, vielleicht auch drei, aber keinen festen Stab — und zweitens strömt im Kielwasser der Mission unvermeidlich soviel Schlechtes über das eingeborene Volk herein, daß die beste Mission dem ebensowenig abhelfen kann, wie es in der Macht der Missionare steht, ihm den Eingang zu verschließen. Es läuft also schließlich wieder auf dasselbe Resultat hinaus.
Werden uns denn nicht einmal die Augen aufgehen für das, was wir da thun? Werden sich nicht einmal alle wahren Menschenfreunde von Pol zu Pol zu einem gemeinsamen erdrückenden Protest aufschwingen gegen dieses ganze Unwesen, diese selbstgerechte, skandalöse Behandlung anderer Kulturen und anderer Glaubensbekenntnisse?
Es wird eine Zeit kommen, da unsere Nachkommen uns strenge verurteilen und dieses Unwesen, das uns mit den Grundsätzen der christlichen Lehre übereinzustimmen scheint, als tief unmoralisch bezeichnen. Dann wird auch die Moral soweit entwickelt sein, daß nur die tüchtigsten, geeignetsten Persönlichkeiten entsendet werden, und daß sie sich anfangs damit begnügen müssen, das Leben und die Kultur eines fremden Volkes gründlich zu studieren und zu untersuchen, ob es wirklich unserer Unterstützung bedarf. Ist das der Fall, so wird man sich fragen, auf welche Weise am besten unsere Hülfe eingreift. Ist das Resultat jener Untersuchungen aber die Einsicht, daß man dort doch nichts Gutes ausrichten kann, dann wird man den Plan auch wieder fallen lassen. Doch freilich, ehe wir erst soweit sind, werden die meisten fremden Völker wohl vernichtet sein, wenn sie es nicht heute schon sind.
Fragen wir schließlich, ob es für das grönländische Volk denn gar keine Rettung giebt. Alle, die die Verhältnisse kennen, werden einräumen, daß daran nur zu denken wäre, wenn sich die Europäer nach und nach aus Grönland zurückzögen. Sich selbst überlassen und den fremden, verwirrenden Einflüssen nicht weiter preisgegeben, würde man sich zu den alten Verhältnissen vielleicht nach und nach wieder zurückfinden können, und dann könnte die grönländische Gesellschaft auf Rettung hoffen. Diese Möglichkeit ist aber jedenfalls noch auf lange Zeit hinaus nur ein schönes Luftschloß. Denn erstens widerstritte es der Eitelkeit eines europäischen Staates, einen einmal angefangenen Zivilisationsversuch wieder aufzugeben, den er mit großen Zahlen in das Kreditkonto seiner im Jenseits abzulegenden Rechnung eingetragen hat, und zweitens dürften, falls die Dänen auf ihre Kolonien verzichteten, auch die Schiffe anderer Nationen mit den Eingeborenen keinen Handel treiben und ihnen europäische Produkte, namentlich Branntwein, zuführen.
Doch, abgesehen von der Berührung mit uns, droht den Eskimos auch die Gefahr, daß die Zahl der Seehunde in beunruhigendem Grade abnimmt. Dies rührt nicht von dem Fang her, den die Grönländer selber treiben. Ihre Ausbeutung verschwindet gegen die Hunderttausende von neugeborenen Jungen, welche europäische und amerikanische Robbenjäger alljährlich auf dem Treibeis bei Newfoundland erschlagen. Auch hier also schädigt die weiße Rasse den Eskimo. Doch selbst, wenn er dies wüßte, kann er es nicht hindern, denn seine Stimme reicht nicht weit. Und doch ist es eine Jagd, ohne die unsere Gesellschaft sehr gut bestehen könnte, für ihn aber ist der Seehund — das Leben! So ist denn dieses liebenswürdige Volk unvermeidlich dazu bestimmt, entweder ganz unterzugehen oder zu einem Schatten dessen, was es einst war, herabzusinken. Der Grönländer aber ist heiter und vielleicht glücklicher, als die meisten von uns; er erkennt sein Unglück nicht und haßt uns nicht, sondern ist freundlich zu uns und freut sich, wenn wir zu ihm kommen.
Grönland war einst eine gute Einnahmequelle für den dänischen Staat. Die Zeit ist vorbei. Jetzt kosten der königlich-grönländische Handel und die Mission jährlich große Summen, und es wird noch immer schlimmer werden. Kann man erwarten, daß der dänische Staat auf die Dauer das so fortgehen läßt? Wäre es nicht richtiger und besser, wenn er beizeiten seine abseits wohnenden Handelsleute zurückriefe, die einzelnen Kolonien eingehen ließe und die Läden und Häuser den Eingeborenen zur Verteilung überwiese? Ja, meiner Ansicht nach sollte man die Warenbestände einpacken, sie und die Kaufleute an Bord der neun Schiffe des grönländischen Handels bringen und mit allem heim nach Dänemark segeln. Einmal wird es doch geschehen müssen, dann aber wird vielleicht niemand mehr zurückbleiben, um Grönland zu bevölkern. Die erstarrte Leblosigkeit des Binneneises wird sich hinziehn bis zum Meere, und an den menschenleeren Ufern wird nur das wehmütige Flöten der Möven noch zu hören sein. Die Sonne wird auf- und niedergehen und ihren Strahlenglanz an ein verlassenes Land verschwenden. Nur vereinzelt berührt dann ein fremdes Schiff die öden Küsten. — — — Aber in den langen Winternächten werden die Toten ihren glänzenden Reigen tanzen über dem ewigen Todesschweigen ihres Schneelandes. — —
