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Eskimoleben

Kapitel XIII. Die Religion der Eskimos. (continued 2)

Margarethe Langfeldt translation

Folgendes Märchen ähnelt asiatischen sowohl wie europäischen Sagen. Ein Renntierjäger sah einmal eine Menge Mädchen in einem See baden. Als er die Kleider der Schönsten an sich nahm, mußte sie ihm folgen und seine Frau werden, während die anderen ans Ufer eilten, ihre Gewänder überwarfen, sich dadurch in Graugänse oder Fischenten verwandelten und fortflogen. Die Frau des Jägers bekam einen Sohn, sammelte nun aber Federn, machte davon zwei Federgewänder, mit denen sie sich und ihren Sohn in Vögel verwandeln konnte, und flog eines schönen Tages, als ihr Mann auf der Jagd war, mit dem Knaben fort. Er suchte sie überall und traf dabei einen Mann, der Holz in Späne zerschnitt. Die Späne verwandelten sich in Fische. Der Mann setzte ihn auf den Schwanz eines großen Lachses, der auch aus einem Spane gemacht war, und befahl ihm, die Augen zu schließen. Darauf brachte ihn der Fisch zu seiner Frau und seinem Sohne[161]. Die amerikanischen Eskimos haben ein ganz ähnliches Märchen. Bei den Samojeden wird erzählt, daß ein Mann auf Reisen ging und ein altes Weib, das Birken fällte, traf. Er half der Alten und ging darauf mit ihr ins Zelt. Dort versteckte er sich, und nun kamen sieben Mädchen, die mit der Alten redeten und dann wieder fortgingen. Die Alte sagte zu ihm: »Dort hinten, wo der Wald am dunkelsten ist, liegt ein See, und in dem wollen die sieben Mädchen baden. Geh hin und nimm einer das Kleid fort.« Er that es. Der Rest hat mit dem grönländischen Märchen nichts gemein, auch ist nicht die Rede davon, daß die Mädchen sich in Vögel verwandeln konnten, es wird nur erwähnt, daß ihre Heimat in der Luft oder im Himmel lag[162]. Dieses Märchen, dessen Aehnlichkeit mit dem grönländischen von Dr. Rink (»Mitteilungen über Grönland«, Heft 11, Supplement, Seite 117) betont wird, gleicht jenem jedoch nicht so sehr, wie ein isländisches, in dem von einem Mann erzählt wird, der eines Morgens früh an der See entlang ging und dabei auf den Eingang einer Höhle stieß. Er hörte drinnen lärmen und tanzen und sah draußen eine Menge Seehundshäute liegen. Eine davon nahm er mit nach Hause. Später im Laufe des Tages ging er wieder an den Eingang der Höhle. Da saß dort ein schönes, junges Mädchen, das ganz nackt war und bitterlich weinte. Sie war der Seehund, dem die Haut gehörte. Er gab ihr Kleider, nahm sie mit nach Hause, heiratete sie später und hatte auch Kinder. Eines Tages aber, als er auf Fischfang war, fand die Frau die alte Seehundshaut. Die Versuchung war zu groß, sie sagte ihren Kindern Lebewohl, hüllte sich in die Haut und stürzte sich ins Meer[163]. — Ueberdies ähnelt das grönländische Märchen auch den beinahe über die ganze Welt verbreiteten Schwanensagen, deren wir in Europa verschiedene haben. Daß es nicht in neuerer Zeit nach Grönland verpflanzt sein kann, beweist die Thatsache, daß Paul Egede es dort schon 1735 hörte. Die Möglichkeit, daß es die alten Nordländer nach Grönland brachten, scheint mir dadurch bekräftigt zu werden, daß Schwanensagen oder ähnliche Märchen in Amerika allem Anschein nach nicht verbreitet waren. So sagt z. B. Powers in seinem Buche über die kalifornischen Indianer, er habe bei ihnen nichts derartiges entdecken können[164].

Führte es uns hier nicht zu weit, so ließen sich noch mehr merkwürdige Uebereinstimmungspunkte zwischen den grönländischen Märchen und Sagen und europäischen, besonders nordischen, nennen. Es zeigt sich also, daß der Verkehr zwischen den alten Norwegern und den Eingeborenen nicht so oberflächlich sein konnte, wie man gewöhnlich annimmt[165].

Was ich hier an Aberglaube anzuführen hatte, scheint uns natürlich ein sinnlos verwirrtes Zeug, von dem frei zu werden nur Vorteil bringen könnte. Versetzen wir uns aber auf den Standpunkt der Grönländer, so möchte es wohl viel weniger sinnlos sein, als unsere christlichen Dogmen. Diese Dogmen müssen sie sich in ihre eigene Ideenwelt übertragen, wenn sie ihnen verständlich werden sollen. Mit anderen Worten: sie müssen sie erst mehr oder weniger heidnisch machen. Diese Umwandlung hat ihnen viel Arbeit gemacht, und wenn sie auch heute noch im Grunde Heiden sind und an ihre alten Sagen glauben, so hat doch die neue Lehre ihre Begriffe verwirrt. Schon allein deshalb könnte man meinen, das Richtigste wäre gewesen, sie ungestört bei ihrem alten Glauben zu lassen. Er gab ihnen, bei ihrem verhältnismäßig armen Ideengehalt, die leichteste Erklärung für ihre Umgebung. Er bevölkerte die Natur mit den übernatürlichen Mächten, deren sie als Trost bedurften, wenn ihnen die Wirklichkeit zu rauh und verwickelt wurde. Und wie charakterisieren diese Mythen den Eskimo! Man nehme nur seinen Wohnplatz im Jenseits. Dort giebt es weder Gold noch Silber, weder prächtige Kleider, noch prunkvolle Säle, wie in unseren Märchen, denn für ihn hat irdischer Reichtum keinen Wert. Dort giebt es auch keine schönen Frauen, blühende Gärten oder dergleichen. Nein, dort oben ist eine Erdhütte, nur etwas größer als die hienieden, und drinnen sitzen die Seligen und verzehren verfaulte Seehundsköpfe. Die Seehundsköpfe liegen in großen Haufen unter den Pritschen und nehmen nie ein Ende. Oder er erträumt sich dort herrliche Jagdgründe mit Massen von Wildpret und vielem Sonnenschein. Unser Paradies mit Engeln in weißen Gewändern, wo die Seelen ringsherum auf Stühlen sitzen, ist ihm ein langweiliges, farbloses Dasein. Er versteht es nicht, es kann keine Sehnsucht in ihm erwecken. Und wir können dem Angekok nicht böse sein, der Nils Egede erklärte, ihm sei das Haus des Tornarssuk oder des »Teufels«, wo er schon oft gewesen, viel lieber; denn »im Himmel ist keine Nahrung zu bekommen, aber in der Hölle giebt es Seehunde und Fische genug«.

Man sollte erwarten, daß den Missionaren[166] bei einem so friedliebenden gutmütigen Volke wie den Eskimos der Sieg über den heidnischen Glauben hätte leicht werden müssen. Aber man kann nicht sagen, daß dies der Fall war. Die Eingeborenen hatten viel gegen die christlichen Behauptungen einzuwenden. So konnten sie z. B. nicht begreifen, daß das Vergehen Adams und Evas »so groß sein und so traurige Folgen nach sich ziehen« konnte, daß das ganze Menschengeschlecht deswegen verflucht sein sollte. »Da Gott alle Dinge weiß, weshalb hat er es denn zugelassen, daß die ersten Menschen sündigten?« Daß diese ihren freien Willen gehabt, schien ihnen geradezu dumm, und hätte Gott die That verhindert, so wären Adams Nachkommen nicht so verderbte Menschen geworden, und Gottes Sohn hätte nicht zu leiden brauchen.

Ein Mädchen war durchaus unzufrieden mit den Antworten, die sie auf derartige Einwände erhielt. »Sie wollte solche Antworten haben, daß sie in ihrem Innern zustimmen und fühlen könnte, dies alles sei wahr, und nun könne sie diejenigen, die gegen diesen Teil unserer Lehre so viel zu sagen hätten, zum Schweigen bringen.« Ebenso fand man, daß Adam und Eva sehr einfältig gewesen sein müßten, da sie sich mit einer Schlange in Unterhaltung einließen, und »furchtbar versessen auf Obst, da sie lieber sterben und leiden, als auf ein paar große Beeren verzichten wollten«. Andere meinten, das sehe den Kavdlunakern (Europäern) ähnlich; denn »die gierigen Leute haben nie genug an dem, was sie haben, und wollen mehr haben, als sie brauchen«. Ein Angekok erklärte es für ein richtiges Pech, daß der große Angekok Christus, der sogar Tote wieder lebendig machen konnte, nicht bei den Eskimos geboren worden sei. Die hätten ihn geliebt, hätten ihm gehorcht und nicht an ihm gehandelt wie die schlechten Kavdlunaker. »Welche verrückte Menschen! den zu töten, der lebendig machen kann!« Da sie die Christen sich streiten und prügeln sahen, hatten sie wenig Vertrauen zur christlichen Lehre und erklärten: »Vielleicht würden wir durch solche Kenntnis auch unmenschlich.« Und sie meinten, es könne nur dann gesittete Europäer geben, wenn sie »einige Jahre in Grönland gelebt und mores gelernt hätten«.

Einige, besonders hartnäckige Zweifler fragten, warum denn Gott, wenn das Christentum etwas so Notwendiges sei, sie nicht früher darin unterwiesen, da dann ja auch ihre Vorfahren hätten in den Himmel kommen können. Paul Egede antwortete, Gott habe vielleicht gesehen, daß sie sein Wort nicht würden angenommen, sondern es verachtet haben; dann aber wären sie noch strafbarer geworden. Darauf erklärte ein alter Mann, er habe viele gute Leute gekannt und selbst einen frommen Vater gehabt, und wenn es vielleicht auch Verräter des Wortes unter ihnen gab, »so waren doch auch Frauen und Kinder da, die immer leichtgläubig sind«. Ein andermal setzte Paul Egede ihnen auseinander, irdisches Gut oder »Lumpenzeug« sei viel zu unwürdig, um in den Himmel zu kommen. Ein Skeptiker entgegnete: »Ich wußte nicht, daß es nicht der Mühe wert ist, daran zu denken, daß wir es im Himmel gut haben sollen. Warum sollen wir denn wünschen, die Erde zu verlassen?«

Als die Bibel übersetzt werden sollte, stellten sich große Bedenklichkeiten heraus. Selbst mehrere der christlichen Grönländer meinten, es würde ihren ungläubigen Landsleuten nicht dienlich sein, etwas von »Jakobs Falschheit und Betrügerei gegen seinen Vater und seinen Bruder, von der Polygamie der Patriarchen und besonders von Simeons und Levis beispielloser Schlechtigkeit« zu erfahren. »Lots Geschichte« erschien ihnen auch ungeeignet. »Ein Auszug des Bedeutendsten wäre gewiß besser für dieses Volk«[167].

Die Sakramente des Altars und der Taufe mußten ihnen natürlich als die ärgste Hexerei erscheinen. Als sie einmal einige Europäer diese Zeremonie vornehmen sahen, »fragte ein Angekok mich,« sagt Nils Egede, »weshalb ich immer auf die, welche hexen wollen, schimpfe; er habe nun doch selbst gesehen, wie der Priester über uns gehext«. Egede fand darauf nur die ziemlich nichtssagende Antwort, dies geschehe »auf Christi Gebot«; mehr brauchte seiner Ansicht nach »der Schafskopf nicht zu wissen«. Als die Missionare einmal einem Eskimo sagten, er sei »Gott für die vielen Kinder, die er ihm gegeben, besonderen Dank schuldig,« antwortete jener erbost: »Das, was Du sagst, daß Gott mir Kinder gegeben, ist eine große Lüge, denn ich habe sie selbst gemacht.« Zu seiner Frau gewandt, fügte er hinzu: »Ist das nicht wahr?«

Ihre Kritik der Lehren und des Auftretens der Missionare war manchmal so beißend, daß selbst der verständige, brave Kaufmann Dalager zugeben muß: »Sogar die Dummsten, die weit entfernt von der Kolonie leben, haben mir in dieser Beziehung oft solche Objektionen gemacht, daß mir der Schweiß auf die Stirn trat und ich stöhnen mußte.«

Der Gottesdienst scheint sie anfangs sehr gelangweilt zu haben. Sie wollten lieber von Europa hören und kamen mit vielen naiven Fragen, wie: »Ob der König sehr groß sei? Ob er stark sei? Ob er ein großer Angekok sei, und ob er viele Walfische gefangen habe?« Paul Egede erzählt, wenn sie fanden, sein Vater predige zu lange, gingen sie zu ihm hin und fragten, ob er nicht bald aufhören würde. Er mußte ihnen dann am Arme vormessen, ein wie großes Stück noch fehlte, und wenn ihnen dies gezeigt war, setzten sie sich wieder an ihren Platz und schoben jeden Augenblick die an den Arm gelegte Hand weiter. Sobald der Prediger nach einem Satz eine Pause machte, beeilten sie sich, mit der Hand bis auf die Fingerspitzen hinunterzugleiten. Wenn er aber wieder anfing, riefen sie »Ama«, was »Noch mehr« bedeutet, und schoben die Hand wieder bis auf den halben Arm hinauf. Mir, dem Leiter des Gesanges, hielten sie oft mit einem nassen Seehundsfellhandschuh den Mund zu, wenn ich einen neuen Psalm anstimmte oder ihnen zu lange sang. Das Benehmen der Missionare gegen die Eingeborenen ist nicht immer angemessen gewesen. Ich kann aus ihren eigenen Berichten ein paar Beispiele dafür anführen. »Ich ließ ihn wissen, daß er, falls er sich nicht im Guten überreden ließe, sondern Gottes Wort verachtete, von mir dasselbe Traktement erhalten sollte, das Angekoker und Lügner bekommen haben (nämlich Prügel).« — — »Nachdem ich es lange mit guten Worten und Ermahnungen versucht und alles nichts helfen wollte, griff ich zu meinem gewöhnlichen Mittel, bläute ihn tüchtig durch und jagte ihn aus der Thür«[168]. Ein Mädchen wurde von ihrem »Priester geschlagen, weil sie nicht glauben konnte, daß Gott so strenge sei, wie er ihn darstellte. Er hatte gesagt, alle ihre Vorfahren seien bei dem Tornarssuk und müßten dort ewige Pein erdulden, weil sie nichts von Gott wüßten.« Sie entschuldigte ihre Vorfahren damit, daß sie nie etwas von ihm gehört, der Geistliche aber wurde zornig, und als sie gar sagte, »es sei ihr schrecklich zu hören, daß Gott ihnen für dieses Versehen so fürchterlich zürne, daß er ihnen in Ewigkeit nicht vergeben könne, was doch sonst nur böse Menschen zu thun pflegten,« bekam sie Schläge[169]. Von solchem Auftreten von Landsleuten und christlichen Missionaren einem so friedlichen Volke gegenüber zu hören, mag unseren Ohren unangenehm klingen. Die Thatsache wird aber schwerlich einen besseren Eindruck auf die Eingeborenen gemacht haben. Man muß die Gutmütigkeit der Eskimos bewundern, daß sie nicht darauf verfielen, die Missionare einfach zu vertreiben. Zu deren Entschuldigung kann etwa dienen, daß sie in Europa und in einem roheren Zeitalter, als das unsere ist, geboren sind.

Anfangs ging es mit der Bekehrung der Eingeborenen schlecht und langsam. Dann aber machten diese allmählich die Entdeckung, daß die Missionare eigentlich große Angekoker und ihre Zeremonien, die Wassertaufe, Gottes Wort, Sprüche, die christlichen Bücher u. s. w. Zaubermittel waren. Die Zaubermittel schienen vorzüglich geeignet, Krankheiten zu heilen, gegen Not zu schützen, guten Fang und andere Vorteile zu verschaffen. Garnicht davon zu reden, daß die Bekehrung und ein wenig Kopfhängen oft sofortige Frucht einbrachte in Gestalt kleiner Belohnungen seitens der eifrigen Missionare. Sie sagten daher von diesen: »Es sind gute Leute, sie gaben uns zu essen, wenn wir glaubten und betrübt aussahen.« Als ein Vater, dessen Sohn gefährlich erkrankt war, verschiedene Angekoker vergeblich erprobt hatte, beriet er sich mit einem von ihnen, ob er nicht bei dem Geistlichen der Kolonie Trost suchen sollte. Der alte Angekok erwiderte gleichgültig: »Du kannst hierin nach Deinen Gedanken handeln, denn ich bin der Ansicht, daß Gottes Wort und die Worte vernünftiger Angekoker gleich kräftig sind.« Nach und nach wurde das denn auch die allgemeine Ansicht, und da es sich mehrmals so glücklich traf, daß Gottes Wort in ähnlichen Fällen kräftiger als das Wort eines Angekoks zu wirken schien, war es natürlich, daß einige sich taufen ließen. War erst einmal ein Beispiel gegeben, so folgten selbstverständlich viele, besonders, wenn angesehene Fänger vorangingen.

Aber wenn die Grönländer auch dem Namen nach zum Christentume übergingen, hielten sie doch an ihrem alten Glauben fest und thun das sogar heute noch. Es hielt anfangs sehr schwer, ihnen das Falsche in den Erdichtungen und Geschichten ihrer Angekoker nachzuweisen. Wenn ihnen deswegen Vorwürfe gemacht wurden, antworteten sie der Wahrheit gemäß, daß »sie nicht gewohnt seien zu lügen, und deshalb alles glaubten, was man ihnen sage«. Als Beispiel ihrer Leichtgläubigkeit erzählt Nils Egede: »Am 23. Februarius kam eine Dirne weinend zu mir und klagte mir, daß ein altes Hexenweib von ihr gesagt habe, sie sei schwanger. Ich fragte, was dies mich angehe und wie sie sich so betragen könne, denn solches Thun zieme sich nicht für eine Jungfrau. Sie aber antwortete, sie wisse von keinem Manne, und bat mich dann, doch einmal ihren Leib zu befühlen, wie hart der sei. Da ich wußte, daß sie halbgargekochte Erbsen gegessen, sagte ich, dies sei ihr Leiden.« Er gab ihr darauf ein wenig Branntwein und sagte, sie »würde noch vor dem nächsten Morgen mit den Erbsen niederkommen.« Am nächsten Tage kam sie, um sich zu bedanken, und erklärte, »sie habe sich noch nie so geängstigt«. Als er sie fragte, wie sie habe so einfältig sein können, sich dergleichen einreden zu lassen, antwortete sie: »Wir glauben alles.«

Daß sie jedoch nicht alles glaubten, was ihnen die Europäer erzählten, scheint doch unter anderem aus Folgendem hervorzugehen. Einige Grönländer versuchten Nils Egede einzureden, sie hätten auf Discö »einen Bären getötet, der so groß war, daß er Eis, das nie auftaute, auf dem Rücken hatte.« Egede blieb ungläubig. Da erklärten sie ihm: »Wir haben das, was Du uns erzählst, nie angezweifelt, Du aber willst das nicht glauben, was wir Dir sagen.«

Als Beispiel, wie tief die christliche Anschauung geht und wie die Eskimos zum Teil noch heute die Taufe auffassen, sei eines erwähnt. Ein Katechet, also ein zum Geistlichen Ausgebildeter und Stellvertreter des Predigers, taufte vor einigen Jahren in Nordgrönland nicht nur die Kinder seiner Gemeinde, sondern auch die jungen Hunde im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Seine Frau hatte keine Kinder, und diesem Uebelstande glaubte er dadurch abhelfen zu können, daß er sie taufte; das Jahr darauf gebar sie denn auch richtig einen Sohn.

Was von ihrem alten Heidentum heutzutage am meisten in ihrer Phantasie spukt, ist nach meiner Erfahrung der Glaube an die Kivitut oder Gebirgsmenschen (vergleiche weiter oben), die sie sehr fürchten und alle Augenblick zu sehen glauben. Während wir in Godthaab waren, wurden wiederholt welche gesehen. So oft ihnen etwas aus ihren Vorratsverstecken gestohlen wird, hat es natürlich ein Kivitok gethan, und verunglückt ein Kajakmann, ohne daß die Leiche antreibt, so ist er ins Gebirge gegangen und Kivitok geworden. Dieser Glaube scheint in neuerer Zeit sehr überhand genommen zu haben. Ein Katechet tadelt seine Landsleute deswegen in der »Atuagagdliutit« und ruft aus: »Nein, laßt uns von denen, die auf dem gefahrvollen Meere umkommen, nur glauben, daß ihre Glieder auf dem großen Kirchhofe des Meeresgrundes ausruhen und ihre Seelen in ewiger Seligkeit weiterleben!«[170]

Wie eingewurzelt ihre abergläubische Furcht ist, wurde mir einmal auf unheimliche Weise bewiesen. Ich ging in Godthaab eines Abends spät mit einem Brief, den fremde Kajakleute am andern Morgen in aller Frühe mitnehmen sollten, in ein anderes Eskimohaus. Als ich eintrat, lag das ganze Haus in tiefem Schlafe. Die dicht nebeneinander gedrängten Männer und Frauen auf der Hauptpritsche sahen aus, wie Heringe auf einer Trockenplatte. Um nicht mehr als nötig zu stören, wollte ich nur Jakob wecken, den einen unverheirateten Sohn des Hauses, der mir ein guter Freund war und mit dem ich täglich verkehrte. Ich rüttelte ihn und rief ihm »Jakob« ins Ohr. Er schlief ebenso fest weiter, und ich mußte ihn erst lange und nachdrücklich rütteln, ehe er endlich etwas blinzelte und grunzte. Als er mich aber über sich gebeugt sah, wurden seine Augen starr vor Entsetzen. Er fuhr in die Höhe, stieß einen gräßlichen Schrei aus und schlug mit Händen und Füßen um sich. Er schrie immer lauter und zog sich, unausgesetzt fechtend, immer mehr nach der Wandseite der Pritsche zurück. Nun fuhren auch die andern auf der Hauptpritsche in die Höhe und blickten mich ebenso starr und verglast an, während ich Aermster vor Staunen darüber, daß meine friedliche Wenigkeit einen solchen Spektakel verursachte, ganz sprachlos dastand. Endlich wurde ich wieder Herr über meine Zunge, näherte mich Jakob, reichte ihm die Hand und sprach einige beruhigende Worte. Nun aber wurde es noch ärger. Da ich sah, daß alles Reden umsonst war, schwieg ich still und fing an zu lachen, und nun hörte das Geheul ebenso plötzlich auf, wie es begonnen hatte. Jakobs Gesicht färbte sich so rot, als es entfärbt gewesen war, und er murmelte beschämt etwas davon, er habe geträumt, ein Kivitok wolle ihn ins Gebirge schleppen. Ich gab ihm den Brief und machte mich möglichst schnell aus dem Staube. Den nächsten Tag wußte die ganze Kolonie, daß ich der Kivitok gewesen, den man in der Nachbarschaft hatte heulen hören.

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