Kapitel XII. Begabung. — Kunst. — Musik. — Dichtung. — Erzählungen Eingeborener.
Margarethe Langfeldt translation
Die Grönländer haben scharfen Verstand und zugleich großes Erfindungstalent. Ihre Geräte und Waffen sind dafür, wie wir sahen, ein schlagender Beweis. Daß sie Verstand haben, wurde den Missionaren, namentlich im Anfange, sehr unangenehm fühlbar, wenn sie so dumm waren, sich mit den heidnischen Angekokern aufs Disputieren einzulassen. Wenn sie aber auch mundtot gemacht wurden, so hatten sie dafür doch oft Argumente in der Hinterhand, die schlagender waren, als die der Eingeborenen. Sie führten, wie mein Freund, der Zimmermeister in Godthaab zu sagen pflegte, »eine proppere Faust«, und dieser überließ die grönländische Friedfertigkeit das Feld.
Als Beispiel ihrer guten Anlagen ist anzuführen, daß sie verhältnismäßig leicht lesen und schreiben lernen. Die meisten Christen verstehen sich auf beides, und viele sogar ausgezeichnet; ihre Schreibfertigkeit ist oft geradezu bewundernswert. Selbst die Heiden lernen schnell Domino und Brettspiel, ja sogar das Schach. Mit den Eingeborenen in der Gegend von Godthaab spielte ich oft Dame und wurde manch liebes Mal von der Geschicklichkeit und Berechnung, die sie dabei an den Tag legten, überrascht.
Unsere verschiedenen Fächer scheinen sie sich ziemlich leicht anzueignen. Am schwersten wird ihnen das Rechnen, und nur verhältnismäßig wenige kommen so weit, daß sie ordentlich mit Brüchen rechnen lernen; die meisten haben schon vom Subtrahieren und Addieren ganzer Zahlen übergenug, von Division und Multiplikation garnicht zu reden. Dieser Mangel an Begabung wurzelt sicher in grauer Vorzeit. Die Eskimosprache hat, wie die meisten Natursprachen, ein wenig entwickeltes Zahlensystem. Nur für fünf Ziffern giebt es Worte, und diese werden an den Fingern abgezählt: »1 = atausek, 2 = mardluk, 3 = pingasut, 4 = sisamet und 5 = tatdlimat, welch letzteres annehmbarerweise das ursprüngliche Wort für eine Hand gewesen ist. Soll ein Eskimo weiter zählen, so hilft er sich damit, daß er für sechs den ersten Finger der anderen Hand (arfinek oder igluane atausek), für sieben den zweiten Finger der anderen Hand (arfinek mardluk) u. s. w. nennt. Ist er aber bis zehn gekommen, so hat er keine Hand mehr zur Verfügung und muß daher mit den Füßen aushelfen. Zwölf heißt also zwei Zehen des einen (arkanek mardluk u. s. w.) und siebzehn zwei Zehen des anderen Fußes (arfersanek mardluk u. s. w.). So kann er bis zwanzig kommen, was er einen ganzen Menschen zu Ende (inuk nâvdlugo) nennt. Hier haben die mathematischen Begriffe vieler Eskimos ein Ende, aber wirklich aufgeweckte Köpfe können noch weiter zählen und bezeichnen die Zahl einundzwanzig mit einem Finger des zweiten Menschen (inûp áipagssâne atausek) u. s. w. Achtunddreißig sind z. B. drei Zehen am anderen Fuße des zweiten Menschen (inûp áipagssâne arfinek pingasut), und mit vierzig ist der zweite Mensch zu Ende (inûp áipagssá nâvdlugo). So erreicht man hundert oder den fünften Menschen zu Ende, dann aber kann selbst der begabteste Eskimo mit seiner Sprache nicht weiter kommen.«
Dies ist, wie man begreifen wird, eine etwas schwerfällige Weise, sich auszudrücken, wenn man sich oft in den hohen Zahlen über 20 bewegen soll, was früher dort oben selten vorkam, jetzt aber durch die Einführung des Handels und des Geldes sich leider mehr eingebürgert hat. Es ist daher auch ganz natürlich, daß die Grönländer, trotz ihrer merkwürdigen Widerstandskraft gegen fremde Worte, die dänischen Zahlworte auch für die niedrigen Zahlen immermehr annehmen. Mit deren Hilfe können sie sogar über hundert, von ihnen untritigdlit genannt, hinaus. Doch ich hege den Verdacht, daß es ihnen noch immer schwer wird, eine so hohe Zahl mit einem bestimmten Begriffe zu verbinden. Tausend nennen sie tusintigdlit.
Die primitive Rechenmethode der Eskimos entspricht demjenigen der meisten Naturvölker, da Finger und Zehen ja die natürlichsten Hülfsmittel zu diesem Gebrauche sind. Auch unsere Vorfahren werden auf ähnliche Weise gerechnet haben. Bei aller Unvollkommenheit ist es doch ein großer Fortschritt gegen die australischen Stämme, die nur bis drei, ja, eigentlich nur bis zwei zählen können und blos die Begriffen »eins, zwei und viele« kennen. Daß auch die Vorfahren der Eskimos einst auf dieser Stufe standen, deutet ihre ursprüngliche Grammatik an, in der es einen singularis, einen dualis und einen pluralis giebt; also grade wie im Gotischen, Griechischen, Sanskrit, den semitischen und vielen anderen Sprachen.
Alle Reisenden sind einig im Lobe des Ortssinnes und der topographischen Begabung der Eskimos. Als Kapitän Ommaney 1850 einen Eskimo vom Kap York bat, ihm die Küste zu zeichnen, nahm dieser einen Bleistift, ein Ding, das er noch nie gesehen hatte, und zeichnete die Küstenlinie längs des Smithsundes von seinem Geburtsorte nach Norden mit verblüffender Genauigkeit auf. Er deutete dabei alle Inseln, die größeren Hügel, Gletscher und Gebirge an und versah sie mit ihren Namen.
Dem Kapitän Holm brachten die heidnischen Eingeborenen eine von ihnen in Holz geschnitzte Karte der Ostküste von Angmasalik nach Norden.
Für mein Empfinden haben die Grönländer ausgesprochen künstlerische Anlagen, und wenn ihre Kultur sich wenig nach dieser Richtung hin entwickelt hat, so ist dies, glaube ich, dem harten Kampf ums Dasein zuzuschreiben, der ihnen dazu keine Zeit ließ. Ihre Kunst[45] besteht wesentlich in der Verzierung der Waffen, Geräte und Kleidungsstücke mit Mustern und Figuren, entweder in Holz- oder Knochenschnitzerei oder in Lederstickerei. Die Figuren stellen oft Tiere, Menschen, Frauenboote und Kajake vor, sind aber mehr darauf angelegt, dekorativ oder symbolisch zu wirken, als wirkliche Nachbildungen der Natur zu sein, in der Regel haben sie rein traditionelle Formen angenommen. Einige haben auch religiöse Bedeutung und stellen z.B. den tôrnârssuk — einen ihrer Geister übernatürlichen Wesens — vor. Wenn sie sich wirklich bestreben, die Natur nachzuahmen, zeigen sie einen außergewöhnlichen Formensinn und große Geschicklichkeit, wovon man sich überzeugen wird, wenn man die merkwürdigen Abbildungen sieht, die Kapitän Holm von den Decken und dem Spielzeug auf der Ostküste giebt.
Waffen und Geräte waren sicherlich eines der ersten Dinge, auf die sich der menschliche Kunstdrang warf; noch früher aber war wohl der menschliche Körper selbst sein Gegenstand. Ueberbleibsel dieser ersten Kunstform finden wir auch bei den Eskimos, indem die Weiber ihren Liebreiz dadurch zu erhöhen suchen, daß sie sich mit Lampenruß gefärbte Fäden von Sehnen in geometrischen Figuren und Linien durch die Haut der Arme und Beine, auch wohl der Brust und des Gesichtes ziehen.
Merkwürdigerweise scheinen die Grönländer eine Bildschrift, die, wie viele meinen, zum Teil der Kunst zum Ausgangspunkt diente, nicht gekannt zu haben; sofern man nicht die symbolischen Figuren ihrer Ornamente so deuten will. Der einzige Versuch einer wirklichen Bildschrift, den ich bei ihnen entdecken konnte, macht keinen auffallend talentvollen Eindruck. Es war ein Brief an Paul Egede von einem Angekok. Er bestand schlechtweg aus einem Stocke, auf dem mit Ruß und Thran Λ gezeichnet war. Der Angekok hatte dem Ueberbringer noch nachgerufen: »Falls Pania Angekok nicht versteht, was ich meine, so sage ihm, es bedeute ein paar Hosen, die ich vom Kaufmann haben will; er wird es aber schon verstehen.«[46]
Eskimos, die groben europäischer Kunst und Darstellungsweise gesehen haben, können wunderbare Dinge ausführen, ohne daß man sie unterrichtete. Ein Grönländer, Namens Aron, wurde einmal krank und durfte nicht ausgehen. Dr. Rink sandte ihm ein paar Schnitzmesser und einige ältere Holzschnitte. Im Bette liegend, begann er nun die Sagen der Eskimos zu illustrieren, und er zeichnete nicht nur seine Bilder, sondern schnitt auch die Clichés dazu in Holz.
Als Probe ihrer Fertigkeit in der Bildschnitzereikunst bringe ich hier die Abbildung zweier in Holz geschnitzter Köpfe, die mir ein Eingeborener von einer Ansiedlung im Godthaabdistrikte schenkte. Man kann nicht im Zweifel darüber sein, daß der Künstler hier seine eigene Rasse unsterblich gemacht hat.
In musikalischer Hinsicht sind die Grönländer recht begabt. Es ist auffallend, wie leicht sie unsere Musik auffassen und wiedergeben, sei es durch Gesang, den sie sehr lieben, oder auf der Violine, dem Harmonium, der Handharmonika und anderen Instrumenten, die sie selbst schnell spielen lernen. Dies ist um so auffallender, als ihre eigene Musik, die bei den Trommeltänzen gebräuchlich war, wie die der meisten Naturvölker eintönig und wenig entwickelt ist. Sie hat nur wenige Töne, gewöhnlich nicht über fünf, ist aber trotzdem eigentümlich und nicht uninteressant. Sie soll das Rauschen der Ströme nachbilden. Die Ostgrönländer erzählten Holm, daß sie die Toten singen hören, wenn sie an einem Flusse schlafen, und diesen Gesang versuchen sie wiederzugeben.
Das Ursprüngliche ihrer Musik ging natürlich bei der Berührung mit den Europäern mehr oder weniger verloren. Man hört dort jetzt auch viele europäische Melodieen, und es wirkt recht überraschend, wenn droben zwischen Felsen und Gletschern plötzlich Kopenhagener Gassenhauer, wie »Gina, Du schöne Maid, willst Du nicht mit?« ertönen.
Die Grönländer haben einen großen Reichtum an Märchen und Sagen, von denen viele sehr eigenartig sind. Nichts giebt einen so tiefen Einblick in das ganze Seelenleben dieses Volkes, seine Anlagen, Gefühle und Stimmungen, wie der Inhalt dieser Sagen und die Art, wie sie erzählt werden. Man wird darin Darstellungskunst und Phantasie entdecken und außerdem noch einen grotesken Humor, der jedoch natürlich oft in solche Derbheiten ausartet, daß an Druck nicht zu denken war.
Außer dieser Sagendichtung und den Erzählungen merkwürdiger Thaten hatten die Grönländer auch eine Poesie. Die Gedichte waren entweder Spottlieder, die bei den oben erwähnten Trommeltänzen gesungen wurden, oder Beschreibungen verschiedener Dinge und Begebenheiten.
Als der Trommeltanz bei der Einführung des Christentums abgeschafft wurde, verfiel oder veränderte sich auch die Verskunst. Doch noch immer dichten die Grönländer Lieder. Der Inhalt ist oft satirisch und macht die Eigentümlichkeiten der Mitmenschen in mehr oder weniger harmloser Art lächerlich. Derartige Lieder wurden auch auf einzelne Mitglieder der Expedition gemacht, und ich hörte sie oft abends auf dem Koloniewege diese Spottlieder singen, ohne daß es mir gelang, eines davon zu erhalten. — Auf Dr. Rinks Veranstaltung wird seit 1861 in Godthaab ein grönländisches Journal »Atuagagdliutit« herausgegeben. Es wird von Lars Möller gedruckt, einem Eingeborenen, der in Kopenhagen war, um diese Kunst zu erlernen, und der auch Bilder dazu zeichnet und lithographiert. Die Zeitschrift erscheint alljährlich in zwölf Nummern und wird gratis verteilt; die Kosten trägt die allgemeine Landeskasse. Der Inhalt besteht aus Uebersetzungen aus dem Dänischen, sowie aus selbständigen Beiträgen von Eingeborenen über ihren Fang, Reisen u. s. w. Dadurch ist dort oben eine ganz neue Litteratur entstanden.
Ein paar groben von Erzählungen sollen bei dieser Gelegenheit mitgeteilt werden. Die erste ist der Bericht des Eskimos Silas über seine Reise von Umanak im Godthaabsfjorde nach dem Ameralikfjorde zur Unterstützung der vier Mitglieder unserer Expedition, die dort im Oktober 1888 zurückblieben, als Sverdrup und ich nach Godthaab reisten. Der Kolonieverwalter Brummerstedt in Holstenborg hat die Güte gehabt, den Bericht zu übersetzen. Die Uebersetzung ist eine möglichst wortgetreue Wiedergabe des grönländischen Originaltextes. Ich muß noch daran erinnern, daß der Verfasser ein gewöhnlicher eingeborener Fänger ist, der weiter keine Bildung genossen hat, als den Unterricht, der jetzt jedem dort oben zu teil wird.
Erzählung
von den Europäern, die Grönland von Osten nach Westen auf dem Binneneise durchzogen, und von ihrer Ankunft in Ameralik und Godthaab
(geschrieben von Silas aus Umanak).
Ich will zuerst von unserer Reise nach Korkuk erzählen: Wir Grönländer, die wir an den Fjorden wohnen, sind stets darauf bedacht, die Fuchsbaue auszunehmen, damit wir durch den Fellverkauf ein wenig Geld in die Hände bekommen. Ende September reisten wir, vier Mann hoch, nach Korkuk. Nämlich ich, Peter, David und mein Pflegesohn Conrad. Conrad hat im Monat Mai vom Vorstande einen Kajak erhalten. Als wir in Korkuk angelangt waren, gingen David und ich den nächsten Morgen auf die Renntierjagd, Peter und Conrad nach den Fuchsfeldern, wo sie wohl Spuren, aber keine Füchse fanden. Da es auch sehr nach Regen aussah, machten wir uns den folgenden Tag wieder auf den Weg nach Hause. Als der Wind abflaute, gingen David und ich quer über die Bucht. Wir sahen einen Fleckenseehund auftauchen, verfolgten ihn, schossen aber mehrere Male vorbei, weil es zu hohe Dünung war. Da wir auch weiter keinen Seehund sahen, ruderte David von mir fort zu den anderen auf der entgegengesetzten Seite der Bucht, während ich dabei blieb, in der Mitte zu rudern. Als ich mich unserem Wohnorte näherte, fiel es mir auf, daß unterhalb der Häuser ein hölzernes Boot lag. Vor unserer Abreise hatte ich gehört, daß die Missionare den Besuch des Verwalters aus Godthaab erwarteten, sobald er in Kornok gewesen wäre. Er war auch wirklich gekommen. Als ich am Ufer anlegte, entdeckte ich zwei Kajake, die nur wenig über die Flutmarke hinaufgezogen waren. Nachher stellte sich heraus, daß zwei Postbeamte in den Kajaken der Seminaristen gekommen waren.
Sowie ich ausgestiegen war, kam auch schon mein Pflegesohn zu mir an den Strand und erzählte mir, daß die Männer, die von der Ostküste nach der Westküste über das Binneneis gegangen waren, glücklich am Ameralikfjorde angekommen seien. Vier von ihnen wären noch dort in der Bucht geblieben und zwei wären in einem Zeugboote in Godthaab eingetroffen.
Als ich dieses hörte, erstaunte ich sehr und sagte gleich: »Hätte ich sie doch nur im Sommer, als ich in Kapisilik Renntiere jagte, getroffen!« (Wir hatten nämlich schon gehört, daß jemand die Reise über das Binneneis wagen wollte.) Darauf sagte ich: »Wie haben sie nur in einem Zeugboote vom Ameralikfjorde nach Godthaab reisen können? Die ganze Küste besteht ja nur aus steilen, unzugänglichen Felswänden. Das ist sehr merkwürdig, wir Grönländer würden den Weg nie in einem solchen Fahrzeuge zurückgelegt haben.«
Ich ging dann in mein Haus, zog den Fellpelz und die Hosen aus und begann zu essen. Bald darauf klopften Kinder an die Fensterscheiben und riefen mir zu, ich solle zu Otto (dem Missionar) kommen. Ich zog schnell die Hosen wieder an, aber die Kinder riefen mir da durch das Fenster zu, daß Otto schon im Begriffe sei, in mein Haus einzutreten. Da es zu lange gedauert haben würde, wenn ich noch meinen Anorak angezogen hätte, ging ich in Hemdärmeln hinaus und traf ihn neben meinem Hauseingange. Als ich heraustrat, sagte er zu mir: »Du kennst ja den Weg nach dem Ameralikfjord. Da die vier Europäer dort zu bedauern sind, sollt Ihr, Du und Peter, der Kajakmann des Vorstehers, ihnen Proviant bringen. Mache Dich also schnell fertig.«
Da ich, wie gesagt, eben erst nach Hause gekommen war, hatte ich gerade keine besondere Lust, gleich wieder abzureisen, sagte aber schließlich doch ja. Es regnete sehr stark, und als die Uhr nachmittags vier war und ich Kaffee getrunken hatte, ging ich, während ich auf die Briefe wartete, in das Zelt der Besatzung des Vorstehers, um etwas Neues zu hören, und der Steuermann erzählte mir, daß zwei von der Expedition Lappen seien. Ich hatte wohl, als ich noch zur Schule ging, von einem Volke namens Lappen gehört, aber von seinen Sitten und seinem Aussehen wußte ich nichts.
Als die Briefe fertig waren und wir (Peter und ich) den Proviant, Spiritus u. s. w. in unsere Kajake gestaut hatten, fuhren wir ab, um womöglich noch vor Einbruch der Nacht das Lothaus zu erreichen, denn es regnete zu heftig, als daß wir unter freiem Himmel hätten liegen können, und es giebt doch keine großen Steine mit Erdlöchern darunter, unter denen man schlafen kann.
Als es anfing, dunkel zu werden, landeten wir dort und gingen in das Haus. Da aber das Dach nicht dicht war, rann der Regen in die Stube. Ich hatte glücklicherweise einen Kaffeekessel und eine Untertasse bei mir. Die Untertasse benutzten wir als Lampe und legten uns dann nieder, um zu schlafen, so gut wir konnten.
Am andern Morgen kochten wir Kaffee, und sobald es hell war, fuhren wir weiter.
Als wir in Itivdlek angelangt waren, trugen wir erst den mitgenommenen Proviant u. s. w. über Land nach der unserem Landungsplatze entgegengesetzten Seite der Landzunge. Dann nahmen wir unsere Kajake auf den Kopf und trugen sie auch dorthin, um uns den Umweg um die Landzunge herum zu sparen. Wir dachten vor Abend in den Ameralikfjord hineinzukommen, da aber der Südwestwind immer stärker wurde und die See hoch ging, kamen wir nur bis an die Nordseite von Kingak; denn ich wagte nicht um die Kingakzunge herumzurudern, weil ich nicht genau wußte, wie sie bei Sturm zu passieren ist, und da mir bekannt war, daß es in der Nähe keine Stelle giebt, wo wir hätten landen können, wenn uns der Wind zu stark wurde.
Wir fanden eine Felsenhöhle, krochen hinein und schliefen dort.
Als es anfing hell zu werden und das Wetter einigermaßen still war, fuhren wir ab, nachdem wir unseren letzten Kaffee getrunken hatten. Nach längerem Rudern kamen wir endlich über die Landzunge, vor der ich mich am meisten gefürchtet hatte, hinaus und wandten uns wieder dem Lande zu. Weil mein Begleiter diesen Weg noch nie gesehen hatte, sagte ich ihm, wie die einzelnen Berge heißen und welchen Weg wir einzuschlagen pflegen, wenn wir auf die Renntierjagd gehen.
Wir wußten nichts Bestimmtes über den Aufenthaltsort jener Leute, und ich hielt es für das Wahrscheinlichste, daß sie an einem der Zeltplätze am tiefsten Einschnitte der Bucht zu treffen wären. Deshalb ruderten wir den Fjord hinauf und feuerten, als wir dicht bei Ivigtussok waren, vier Schüsse ab, die aber nicht beantwortet wurden. Wir ruderten nun gleichmäßig weiter, — (trafen zwei Seehunde, wollten sie schießen, es glückte uns aber nicht, auf Treffweite heranzukommen, da es zu windig war), — bis wir das Binnenende des Fjordes erreichten, und gaben dann wieder einige Schüsse ab, die auch nicht beantwortet wurden, worauf wir zu fürchten begannen, daß wir die, welche wir suchten, nicht treffen würden.
Bald darauf glaubten wir einen Schuß zu hören, wie wir meinten von Umiviarssuit her. Ich sagte deshalb zu meinem Begleiter: »Laß uns hier bei Umiviarssuit landen und erst die andere Seite des großen Flusses absuchen, ob wir sie nicht dort finden, es wäre ja möglich.«
Nachdem wir unsere Kajake durch den Uferschlamm auf das feste Land gezogen hatten, nahm ich den Brief und meine Flinte; Peter nahm die seine auch mit, damit wir Signalschüsse abgeben konnten. Als ich wieder einmal geschossen hatte (Peters Gewehr war naß und dadurch unbrauchbar geworden), hörten wir endlich einen Schuß in der Nähe und gewahrten große Stiefelspuren; da wir nun nicht mehr daran zweifelten, daß wir die Gesuchten finden würden, waren wir wieder bei guter Laune, namentlich deswegen, weil wir nun die Lappen sehen würden. Doch als wir weiter gingen, fanden wir auch Grönländerspuren. Wir hatten geglaubt, wir würden die ersten sein, die zu ihnen kämen, erfuhren aber später, daß kurz vor uns zwei andere Grönländer bei ihnen angelangt waren. Bald darauf sah Peter ein Zelt, vor dem Leute standen. Er rief Hurrah, und ich schoß vor Freude mein Gewehr ab. Dann suchten wir nach dem besten Wege zum Zelt hinunter und wurden dabei auf Grönländisch angerufen: »Amuinak.« (Kommt geraden Wegs herunter.) Wir erkannten die beiden Grönländer, es waren der Vorsteher Terkel und sein jüngerer Bruder Hoseas aus Sardlok, die eben auch mit Proviant angekommen waren. Wir sahen die beiden Norweger und die beiden Lappen eine Mahlzeit verzehren und von dem ihnen gesandten Kaffee trinken. Sie saßen an einem gedeckten Tisch und benutzten dazu einen ihrer Schlitten.
Als wir bei ihnen ankamen, reichte ich dem einen den Brief, und sowie er ihn in der Hand hatte, gab er ihn dem Manne, der am weitesten von ihm entfernt saß (Kapitän Dietrichson).
Endlich sahen wir nun die Lappen, nach denen wir uns so gesehnt hatten. Wir wunderten uns über ihren Anzug, denn solche Kleidung pflegen die Europäer, die in unser Land kommen, nicht zu tragen. Ihr Schuhzeug glich Schlittschuhen, die Spitzen waren aufwärts gekrümmt, die Stiefel des einen hatten Sohlen, wie die Grönländer sie an ihren haben. Der Aeltere der beiden Lappen hatte Sohlen von Renntierknochen, ebenfalls mit gebogener Spitze. Sie trugen Renntierfellhosen, die sehr stramm saßen, darunter weißwollene Unterhosen, und hatten in ihren Röcken so viele Taschen, daß sich die ganze Vorderseite als Versteck benutzen ließ. Sie trugen auch Halstücher an deren beiden Enden sich je ein Versteck (Tasche) befand.
Der jüngere, Samuel Balto, trug eine hohe Mütze mit vier Hörnern, in denen Federn steckten, und einem roten Bande um die Mitte. Der ältere Lappe, Ole Ravna, hatte eine lange, rote Mütze, die immer spitzer wurde und in einer Troddel endete.
Als die Briefe, die der Verwalter und Otto uns mitgegeben hatten, gelesen waren, bekamen wir zu essen und auch Kaffee, der uns ein großer Genuß war. Darauf folgten wir ihnen in das Zelt, um mit ihnen zu reden. Als wir hörten, daß sie Bücher hätten, suchten wir eins davon aus, das auf Dänisch und Grönländisch gedruckt war, und zwei ebenso beschriebene Zettel. Indem wir diese benutzten, gelang es uns zuletzt, ihnen begreiflich zu machen, was wir ihnen mitgebracht, und sie zu bitten, uns die Sachen holen zu helfen, da wir nicht alles allein tragen könnten.
Da Terkel und sein Bruder nach Godthaab mußten, sollten Peter und ich die Ankunft des Bootes, das die vier Männer auch dorthin bringen sollte, abwarten. Otto hatte mir allerdings gesagt, ich solle gleich wieder nach Umanak zurückkehren, aber ich wollte lieber warten und die Fremden nach Godthaab begleiten, da ich dann höher bezahlt werden würde.
Nachdem wir den beiden, die uns beim Holen der mitgebrachten Sachen helfen sollten, ein Zeichen gegeben hatten, gingen wir mit ihnen, Terkel und seinem Bruder an den Strand und packten dort unsere Vorräte aus. Die beiden freuten sich sehr über die Sachen, und wir hatten ihnen ja auch vielerlei mitgebracht, unter anderem fünf Roggenbrote und zwei Flaschen, in welchen Wein war.
Als wir umkehrten, um alles ins Zelt zu tragen, wünschten wir erst Terkel und seinem Bruder eine glückliche Heimreise und verließen sie dann. Da wir an eine Spur kamen, erzählte ich Kristiansen und Samuel Balto (dem Lappen), daß die Spuren von mir und meinen Gefährten auf der Sommerreise herrührten, als wir hier im Juli Renntiere jagten. Ich zeigte ihnen auch die Akuliarusiarssukberge und sagte ihnen, daß meine damaligen Reisegefährten Conrad und Fredrik hießen und wir dort fünf Renntiere geschossen hätten.
Als wir wieder an das Zelt kamen, fing der Lappe an, Hurrah zu rufen, und ich stimmte mit ein. Als der Herr (Kapitän Dietrichson) sah, was wir mitgebracht hatten, schien er sich auch sehr zu freuen, und nun wurde alles ins Zelt getragen, worauf sie sofort anfingen, in einem großen Topf Kaffee zu kochen.
Als der Kaffee fertig war, tranken wir ihn und aßen uns satt; nachher tranken wir Punsch. Als sie müde waren, sagten sie, wir sollten mit ins Zelt kommen, und gaben uns dort einen Schlafsack, in dem drei Männer liegen konnten, und in diesem sollten wir mit dem alten Lappen schlafen.
Peter aber wollte nicht mit ihm zusammen im Sacke liegen, und ich war auch ein bischen abergläubisch (bange), mit Lappen zusammen zu schlafen; das kommt davon, weil wir Grönländer sonst nie mit Europäern zusammenliegen.
Als Peter durchaus nicht wollte, kroch ich allein in den Sack, konnte aber lange nicht einschlafen, teils weil der Lappe (mein Schlafkamerad) sehr tief atmete, teils weil wir so viel lachten und die drei in dem anderen Sacke sich immerzu neckten. Als sie endlich still waren, schliefen wir auch ein.
Als wir am nächsten Morgen aufgewacht waren, gegessen und Kaffee getrunken hatten, wollte ich gern auf die Renntierjagd gehen, denn das Wetter war gut, und ich mag nicht faullenzen. Da Peter sagte, er habe noch nie ein Renntier gesehen, wollte ich ihn mitnehmen, er aber wollte nicht mitkommen, weil sein Gewehr noch nicht trocken war. Ich ging also allein im Laufe des Vormittags, obwohl es ein Sonntag, der siebente Oktober, war. An meinem Winterwohnorte Umanak wäre ich an einem solchen Tage schwerlich auf Erwerb ausgegangen, aber ich wollte den Fremden gern etwas Fleisch verschaffen, wenn es auch nur ein Hase wäre.
Im Gehen fiel mir ein, daß es Sonntag und der Feiertag ja Gott dem Herrn geweiht sei, und ich betete da schnell: »Gieb uns unser täglich Brot« u. s. w. Möchten doch alle Christen, wenn sie auf Erwerb ausgehen, ohne Bedenken also beten! Ich erklomm langsam den Berg, und als ich beinahe oben angelangt war, sah ich in eine Spalte hinein und meinte, dort etwas niedergeduckt sitzen zu sehen. Da ich glaubte, es seien Renntiere, blieb ich eine Zeitlang still sitzen und guckte hinunter. Als sich dort aber gar nichts rührte, zweifelte ich an der Richtigkeit meiner Vermutung und begann hinabzuklettern, um zu sehen, was es eigentlich war; als ich weiter unten war, sprang eine ganze Herde auf, darunter ein sehr großer Bock mit seinen Kühen und mehrere andere. Ich ärgerte mich so über mich selbst, daß ich sagte: »Ich Dummkopf, weshalb habe ich die Augen nicht aufgemacht, nun habe ich mir durch meine Blindheit wieder selbst geschadet!«
Sie liefen anfangs ziemlich schnell, blieben aber bald stehen. Ich verhielt mich ganz ruhig und behielt sie im Auge. Nach einer Weile liefen sie den Berg, auf dem ich mich befand, hinunter. Als sie mit allen Kälbern vorbeigelaufen waren, ging ich hinterdrein, um zu sehen, wo sie blieben, und sah sie nun unterhalb des gegenüberliegenden Berges. Als sie näher kamen, die Leitkuh in ziemlicher Entfernung von mir voran, und der Bock, mir etwas näher, hinterdrein, schoß ich auf diesen, obwohl ich die Kuh lieber gehabt hätte, und traf ihn. Aber die Kugel verletzte ihn nur am Bug. Ich lud zum zweiten Male, lief ihnen nach und traf ihn nun so, daß er tot hinfiel; um die übrigen Renntiere kümmerte ich mich nicht mehr, da ich glaubte, sie doch nicht einholen zu können.
Als ich das Tier abgehäutet und einen Teil des Fleisches unter Steinen versteckt hatte, wickelte ich das, was ich mitnehmen wollte, in das Fell und machte mich auf den Heimweg, ohne mich weiter umzusehen, ob noch andere Renntiere in der Nähe seien. Unterwegs sah ich erst ein großes weißes und dann noch ein sehr großes braunes Renntier über den Weg laufen. Beide aber schienen mir zu weit entfernt, um sie zu schießen.
Als ich unten am Berge ankam, war es schon Nachmittag geworden. Als ich mich dem Zelte näherte, wollte ich erst einen Schuß abfeuern, wie wir Grönländer zu thun pflegen, wenn wir ein großes Renntier erlegt haben. Da die im Zelte aber Europäer waren und ich nicht viel Pulver hatte, ließ ich es sein. Draußen vor dem Zelte war niemand, weshalb ich mich ruhig verhielt. Peter kam zuerst heraus, und als er mich sah, fragte er, ob ich ein Renntier hätte, und als ich diese Frage bejahte, ging er in das Zelt und verkündete dort die Neuigkeit, so gut er es konnte, worauf sie alle herauskamen und mich anstarrten.
Ich trat nun zu ihnen hin, und sie freuten sich sehr, ja außerordentlich, als ich ihnen eine Keule gab und sagte, sie sollten sie kochen. Leutnant Dietrichson gab ich etwas Mark und Fett, weil ich gemerkt hatte, daß er anfing, mich lieb zu haben. Als ich gegessen und Kaffee getrunken hatte, erzählte mir der alte Lappe, der das Renntierfleisch kochte, daß er selbst dreihundert Renntiere besitze.
Obwohl es noch lange nicht gar war, aßen sie schon davon und wollten, daß Peter und ich mit aus dem Topfe essen sollten. Ich gab ihnen noch mehr Fleisch, das auch gekocht wurde, und so weiter, bis keiner von uns einen Bissen mehr essen konnte.
Als wir uns schlafen legten, fingen sie wieder an sich gegenseitig zu necken, und da ich sehr müde und schläfrig war, sagte ich zu Peter: »Nun fangen sie wieder an und ich bin so müde; sie müssen doch wissen, daß heute Sonntag ist.« Und ich sagte zu ihnen: »Heute ist Feiertag!«
Als sie endlich schwiegen, stimmten Peter und ich Kirchenlieder an, die wir gelernt hatten. Da waren sie mäuschenstill, und der jüngere Lappe sang auch ein frommes Lied.
Als wir erwacht waren, gingen Peter und ich aus, um den Rest des Renntierfleisches zu holen, und als wir uns dem Zelte wieder näherten, hatte sich der Himmel schon wieder bezogen. Wir legten das Fleisch in unsere Kajake, aber sowie wir dort anlangten, kamen uns auch die beiden Lappen nach, und ich gab ihnen noch ein großes Stück zum Kochen und ging mit ihnen nach dem Zelte. Nachher erhielten sie auch noch den Rücken und den Hals des Renntiers zum Verspeisen.
Der Aufenthalt dort wurde uns aber gründlich verleidet, da es zu regnen begann und durchaus kein Boot kommen wollte, um uns zu holen. Was uns am meisten verdroß, war, daß unser Schuhzeug, obwohl wir zwei Paar mitgenommen hatten, ganz entzwei war, so daß wir zuletzt Kamiker anziehen mußten, die auf denselben Fuß zugeschnitten waren.
Wir begannen schon davon zu sprechen, daß wir, sowie das Wetter es erlaubte, sehen wollten, aus dem Fjord herauszukommen, und wir sagten den Europäern, wir wollten die Nacht in unseren Kajaken zubringen, weil wir des Morgens nicht so lange schlafen möchten, wie sie es zu thun pflegten, da dieses bei uns Grönländern weder Sitte, noch Brauch sei. Da sie auch nichts dagegen einwendeten, gingen wir an den Strand, um in unseren Kajaken zu schlafen.
Als wir am nächsten Morgen ins Zelt kamen, fragten sie, ob wir gut geschlafen hätten, und als wir ja sagten, bedankten sie sich. Nach dem Abendessen sagten wir gute Nacht und gingen wieder an den Strand, fest entschlossen, am nächsten Morgen, falls das Wetter es erlaubte, abzufahren, da es uns zu ungemütlich war, auf Schuhen in solchem Zustande herumzulaufen.
Das Wetter war am nächsten Morgen denn auch sehr schön, der Himmel klar und blau, und wir machten uns reisefertig, stauten das Fleisch fort u. s. w. Da hörten wir plötzlich draußen auf dem Fjord einen Schuß, gerade als die Sonne aufging. Wir wußten nicht genau, ob wir recht gehört oder nicht, aber bald darauf hörten wir wieder einen und dann noch mehrere. Ich beantwortete sie mit meiner Flinte, eilte nach dem Zelte und sah von dort hinten auf dem Fjorde zwei Boote mit einer ganzen Menge Menschen.
Dieser Anblick machte uns sehr froh, da wir schon gefürchtet hatten, daß sie ausbleiben würden.
Als wir alle versammelt waren, konnten wir ein Boot und ein Frauenboot erkennen und freuten uns, weil wir nun ja wußten, daß wir alle nach Godthaab kommen würden. Der Lappe Balto kochte Kaffee, und als dieser fertig war, trank ich davon und wollte gehen. Doch da Peter mich zurückrief, kehrte ich wieder um. Es stellte sich heraus, daß sie wünschten, ich sollte erst mit ihnen allen essen. Wir aßen uns denn auch gehörig satt und tranken Kaffee dazu.
Als sie sich zur Abreise rüsteten und die Bootsleute alle Sachen an den Strand trugen, gingen wir wieder nach unseren Kajaken. Nachdem wir dort alles reisefertig gemacht, sah ich mich nach den Booten um und entdeckte, daß sie schon über den Fjord fuhren. Wir ruderten ihnen nach und erreichten nun die entgegengesetzte Seite (Sonnenseite) der Bucht. Dort trank die Besatzung wieder Kaffee und aß, worauf wir die Reise fortsetzten, denn, obgleich die Ruderer die ganze letzte Nacht nicht geschlafen hatten, wollten sie doch weiter. Erst als wir bei Nûa (Landspitze) waren, erklärte die Besatzung des Frauenbootes, daß sie dort Zelte aufschlagen und übernachten wollten, hauptsächlich, weil der Fellbezug ihres Bootes zu naß geworden. Das Boot war zu lange im Wasser gewesen, ohne daß sie es zwischendurch hatten trocknen lassen, und wir meinten alle, es wäre gefährlich, das Boot nicht ein wenig trocknen zu lassen und die Löcher im Bezuge nicht zuzunähen. Ich blieb die Nacht über da, um ihnen am Abend das Boot ans Land ziehen und es am Morgen wieder ins Wasser bringen zu helfen.
Um Mitternacht ging ich aus dem Zelte ins Freie und sah, daß es windstill war. Es schien mir am besten, abzureisen, während Stille herrschte, weshalb ich die anderen weckte und ihnen sagte, es sei besser, jetzt zu fahren. Während der Kaffee gemacht wurde, beluden wir das Boot und reisten dann weiter.
Bald darauf näherten wir uns Nunangiak, und der Wind fing jetzt an, sich ein wenig aufzunehmen. Als sie nachher bis Tuapagssuak gekommen waren, ging ich voraus, um nachzusehen, wo das Holzboot geblieben war, da ich nicht wußte, wo jene sich befanden, ob sie die Reise fortgesetzt oder für die Nacht Zelte aufgeschlagen hatten. Ich hatte nämlich schon Heimweh, ich war ja auch lange von Hause fort. Im Sommer bin ich ja manchmal ziemlich lange fort, wenn ich auf Erwerb ausgehe, habe dann aber stets einen Kameraden aus meinem Orte, der mich begleitet. Als es ganz hell zu werden begann und ich nach Tuapârssunguit gelangte, erblickte ich dort das Boot und ein Zelt. Sie waren eben aufgestanden, und als ich am Ufer anlegte, kam Peter zu mir hinunter und zog mich aufs Land. Er erzählte mir, daß Thee gemacht werde. Es war ja auch sehr kalt und wehte sehr frisch östlich von Ameralik her. Wir tranken nun Thee und aßen, und die Europäer freuten sich, als sie mich wiedersahen.
Nachdem wir gespeist hatten, fuhren wir ab, und als wir Kingigtorssûp erreichten, fingen Kristiansen und ich an, uns anzulachen, weil wir jetzt hofften, noch an demselben Tage in Godthaab zu sein. Als wir an die Landspitze von Urkusigssap kamen, gingen Peter und ich voran, um dem Führer der Expedition einen Brief zu bringen, den sie geschrieben hatten. Als wir uns Godthaab näherten, vermuteten die Einwohner dort, daß wir kämen, weshalb sie sich versammelten.
Als wir anlegten und ihnen sagten, daß die anderen in der Nähe seien, kamen immer mehr Leute herbei. Die Grönländer sehnten sich am meisten nach den Lappen, und als sie hörten, daß ich ein großes Renntier geschossen, wurden sie ganz eifrig, und ich hörte von ihnen allen nichts weiter als Rufe nach einem Stückchen Talg.
Als Peter nach seinem Hause ging, begleitete ich ihn. Ich beneidete ihn darum, daß er schon so weit war. Dort tranken wir Kaffee und gingen dann zum Verwalter, weil wir glaubten, wir würden gleich bezahlt werden. Bald darauf hörten wir rufen, daß die Lappen sich näherten (d. h. von den Häusern aus gesehen werden könnten), und ich ging nun nach dem Hause des Vorstehers Lars Heilman, bei dessen Frau ich Kaffee trank. Ich pflege nämlich in diesem Hause zu schlafen, wenn ich in der Kolonie übernachte. Nachdem ich Kaffee getrunken hatte, ging ich mit all den anderen Menschen hin, um sie am Ufer anlegen zu sehen. Da sich die Europäer und die Grönländer versammelt hatten, stand dort eine große Menschenmenge. Nach und nach kam das Frauenboot, das die Sachen der Reisenden brachte, und da sie auch mein Renntier in das Boot gelegt hatten, ging ich näher ans Ufer hinan, um mein Eigentum in Empfang zu nehmen. Nachdem ich etwas davon an die Grönländer verteilt hatte, verkaufte ich den Rest vorteilhaft. Für das Fleisch, das die Europäer im Fjorde verzehrt hatten, erhielt ich fünf Kronen, für die Reise dorthin zwanzig Kronen, für den Renntierkopf drei Kronen und für das Fell vier Kronen und fünfzig Oere. Für den Rest erhielt ich ungefähr achtzehn Kronen.
Als ich alles Geld erhalten hatte, dachte ich stark daran, mir einen Stutzen zu kaufen. Dies war lange meiner Wünsche Ziel gewesen, aber ich hatte bisher nicht genug gehabt, um ihn mir kaufen zu können. Ich habe freilich einen alten Stutzen, 1874 tauschte ich die Schrotflinte des Volontärs (Irmingers, der im Kajak umkam) gegen ein älteres Stutzgewehr aus. Diesen Irminger (der im Kajak umkam) werden die Südgrönländer gewiß noch kennen. Als er umkam, war ich bei ihm.
Ich kaufte mir also einen Stutzen und werde den alten meinem Pflegesohne geben, damit er sich im Schießen üben kann. Er ist 17 Jahre alt, und für uns, die wir am inneren Ende der Fjordes wohnen, ist es wichtig, ein Gewehr zu haben, sowohl der Renntiere, wie der Seehunde und anderer lebender Wesen halber. Ich übernachtete in Godthaab, aber ich war nicht recht vergnügt, da mich die Mitglieder der Expedition immer quälten, ihnen das Fell des Renntieres, das ich geschossen hatte, zu verkaufen, während ich es eigentlich am liebsten selber behalten hätte, da es ein Schönes, dichtes Fell war, auf dem es sich im Winter, wenn es kalt ist, gut liegt. Ich erlegte ja allerdings im August ein großes Renntier, doch sein Fell war so dünn, daß ich es nicht als kâk (Unterlage auf der Pritsche) zurechtmachen ließ. Als sie dreimal gekommen waren, um es zu kaufen, mochte ich nicht länger nein sagen und verkaufte es ihnen. Ich sagte dann dem Verwalter, ich wolle einen Stutzen kaufen, und bekam auch einen. Als ich mit dem Einkaufen fertig war, wollte ich abreisen, da ich mich sehr danach sehnte, nach Hause zu kommen. Aber der Nordostwind zwang mich, noch eine Nacht in der Kolonie zu bleiben, da ich bei Kasigianguit nicht vorbeizugehen wagte, teils des Windes wegen, teils, weil ich so vielerlei im Kajake mitnehmen mußte. Am Morgen des nächsten Tages war, als ich aufstand, besseres Wetter, und der Wind hatte sich gelegt. Ich fuhr dann über den Ausbau Kôrnok nach meinem Wohnorte.
Die folgende Erzählung ist für den noch immer starken Aberglauben der Eskimos bezeichnend und auch für das nächste Kapitel von Interesse. Frau Signe Rink hat mir die Uebersetzung zur Verfügung gestellt.
»Endlich komme ich nun mit dem, was ich schon so lange zur ›Unterhaltungslektüre‹ beitragen wollte. Ich gebe nicht viel, aber was ich gebe, das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen. Es handelt von den komischen Bräuchen beim Bärenfang in gewissen südlichen Gegenden, welche Sitten kaum anderswo bekannt sind. Es war im Jahre 1882-83 bei Augpilagtut unweit Pamiagdluk[47]. Bei Augpilagtut stehen zwei Grönländerhäuser. In einem wohnen drei Seehundsfänger mit ihren Familien, nämlich Benjamin mit dem Beinamen Akâtit, Isak, der auch Umangûjok heißt, und Moritz. Im andern lebt Matthäus, den wir meistens Ulivkakaungamik oder den »Vollgepfropften« nennen, weil »vollgepfropft« seine stehende Redensart ist. Er war damals schon über Siebzig, aber doch noch ein guter Fänger, und hatte überdies wiederholt ganz allein einen Bären erlegt.
Es begab sich an einem Sonntag, an dem die anderen Fänger alle in See waren, daß wir, die Daheimgebliebenen, in Matthäi Hause Betstunde hielten. Nach der Betstunde kam Benjamins Sohn, der gleich nach beendetem Gottesdienste ins Freie gegangen war, hereingestürmt und sagte: ›Draußen steht ein Bär und frißt unsern Speck auf!‹
Diese Nachricht erschreckte mich eben so sehr, wie sie mich erfreute; der alte Matthäus aber zitterte förmlich vor Freude und rief: ›Bedankt sei, wer eine so gute Nachricht bringt! Ich will gleich hinaus und den Bären totstechen!‹ Ich sah ihn an und glaubte, er würde sich nun schnell ein passendes Werkzeug dazu aussuchen, ein langes Messer oder etwas dergleichen, aber weit gefehlt! Die Waffe, mit der er sich versehen hatte, guckte kaum aus seiner geballten Hand hervor. ›Was soll das bei dem Pelze und der dicken Speckschicht des Bären nützen,‹ dachte ich. Uebrigens erlaubten die Frauenzimmer des Hauses ihm nicht, sich mit dem Bären einzulassen, und klammerten sich alle an ihn an, um ihn zurückzuhalten, und ich half ihnen dabei. Sie (die Frauenzimmer) lösten auch alle ihre Haarknoten auf und schüttelten ihr Haar aus, damit der Bär sie für Männer halten und zurückhaltender sein sollte. Unsere heidnischen Vorfahren trauten dem Bären nämlich Menschenverstand zu.
Da wir fürchteten, es könne dem Bären einfallen, durch die Darmhautscheiben ins Zimmer zu steigen, mußte ich darauf bedacht sein, mir irgend eine Waffe zu verschaffen, und fragte deshalb nach der Axt. Natürlich aber hatten sie die Axt den Leuten im anderen Hause geliehen. Da erblickte ich ein Krummmesser, das auf dem Ipak[48] neben der Thranlampe lag, und ergriff es zugleich mit einem Holzstabe von einem Kajakkiele, den ich als Schaft an dem Messer befestigen wollte. Kaum aber hatte ich beides in der Hand, als mir jemand von hinten zurief: ›Gieb her, ich habe doch noch ganz andere Kräfte als Du!‹ Es war kein andrer, als die verwitwete Tochter des alten Matthäus. Sie entriß mir beide Teile.
Jetzt schlug die Wanduhr[49] Elf, und gleich würde der verwünschte Bär gieriger aussehen. Ich lief gleich hin, um das Schlagwerk anzuhalten, machte es aber in der Aufregung ungeschickt; der Spektakel wurde immer größer, bis ich mich endlich soweit gefaßt hatte, daß ich das Lot abhaken und das Geräusch dämpfen konnte. Die Frauen hingen noch immer an Matthäus, um ihn zurückzuhalten. Da begann plötzlich die Mutter des Jungen, der uns die Ankunft des Bären gemeldet hatte, ihre Hosen bis übers Knie hinabzuziehen und schwankend im Kreise herumzugehen, wobei sie ein paar Heuhalme zusammenflocht. Dies geschah, wie die anderen sagten, um die Kraft des Bären zu schwächen und ihn leichter zum Umfallen zu bringen. Unterdessen gelang es dem alten Matthäus sich loszureißen, ich lief ihm nach und holte ihn ein, als er noch nicht ganz aus dem Gange heraus war. Er tuschelte und flüsterte mir zu: »Sei still — er geht jetzt nach der See hinunter.«
Matthäus hatte seine Flinte im Kajak auf dem zur Ebbezeit freiliegenden Strande, und als der Bär am Kajak vorübergegangen war, kroch der Alte vorsichtig auf allen Vieren auch dorthin. Ich blieb vor dem Hause stehen und sah von dort aus, wie sich der Bär auf einmal brummend nach ihm umdrehte, und dies erschreckte mich so, daß ich in das andere Haus flüchtete und dort in der Eile buchstäblich zur Thür hereinfiel. Während ich auf dem Fußboden alle Viere von mir streckte, sah ich durchs Fenster[50], wie der Bär und Matthäus einander unverwandt anstarrten und nur noch der Kajak zwischen ihnen war, Matthäus Fratzen schneidend und der Bär tief brummend, mit weitaufgerissenem Rachen und sichtlich entschlossen, gleich zuzubeißen. Matthäus stemmte den Fuß fest gegen den Kajak, legte an, ohne die Augen ein einziges Mal von dem Bären abzuwenden, und drückte dann ab. Jetzt eilte ich hinaus und sah ihn das Tier mit der Seehundslanze durchbohren, darauf rief er laut nach dem Hause hinauf, wir möchten so gut sein, uns unseren Ningek (Schmackhappen) zu holen. Die gerufenen Frauenzimmer blieben im Eifer, an einander vorbeizukommen, in dem engen Teil des Hausganges stecken und demolierten ihn zum Teil. Als sie bei dem Bären ankamen, tauchten sie die Hände in seine Todeswunde und tranken von dem warmen Blute, wobei jede gleich den Teil des Tieres, den sie geschenkt haben wollte, nannte. Dann kam endlich die Reihe an mich, von dem Blute zu trinken, was ich auch that, indem ich mir den einen Schinken als Anteil ausbat. Da wurde erklärt, daß alles, was Gliedmaßen heiße, schon versprochen sei und ich überdies versäumt hätte, den Bären gleich bei meiner Ankunft anzurühren. Es war wirklich dumm, daß ich daran nicht gedacht hatte. Die Mutter des Knaben, der den Bären zuerst gesehen hatte, eilte nun ins Haus und kam mit einer Tasse Wasser wieder, aus der wir alle einen Schluck trinken mußten, obgleich keiner von uns durstig war; hierdurch sollte ihr Sohn beständiges Glück auf der Bärenjagd gewinnen, und das Bluttrinken hatte dem ganzen Bärengeschlechte zeigen sollen, daß die Menschen seine Todfeinde sind. Ehe der Bär zerlegt wurde, klopften alle auf seinen Pelz und riefen: »Du bist fett, fett, schön fett!« Doch das geschieht nur, weil aus Höflichkeit angenommen wird, daß der Bär wirklich fett sei. Als wir dem unseren aber zu Leibe gingen, stellte es sich heraus, daß er ein wirklich außergewöhnlich mageres Tier war.
Als der Kopf ins Haus gebracht wurde, ging ich mit, da ich wußte, daß mit ihm allerlei Künste würden vorgenommen werden. Er wurde dann auch zuerst auf den Ipak gestellt, mit dem Gesicht nach Südosten, worauf man ihm das Maul und die Nasenlöcher mit Lampenfettabfall und Speck verstopfte und ihm schließlich den Schädel mit allerlei Kleinigkeiten, wie zugeschnittenen Schuhsohlen, Sägespänen, Messern, Glasperlen u. dergl. verzierte. Die südöstliche Richtung giebt den Weg an, auf dem die Bären mit dem »großen Eise« um die Südspitze des Landes herumzukommen pflegen. Die Salbe in den Nasenlöchern soll den Bären, den man fangen will, daran hindern, die Nähe der Menschen zu wittern, und mit dem Lampenfett im Maule will man ihm einen Liebesdienst erweisen, da er als ein großer Liebhaber alles gebräunten Fettes bekannt ist; die Dinge aber, mit denen sie den Bärenkopf schmücken, beziehen sich auf den alten Glauben, daß die Geister ihrer Vorfahren ihnen den Bären geschickt haben, um ihnen dadurch solche Dinge zu verschaffen, und da nach altheidnischer Rechnung die Bärenseele fünf Tage zur Heimreise brauchte, so aß man den Kopf eines Bären auch nie vor Ablauf dieser Zeit, da die Bärenseele sonst unterwegs sterben mußte und die Gaben der Familie dadurch verloren gehen konnten. Sogar die Stelle, wo der Kopf abgeschnitten ist, wird sorgfältig verbunden, damit sich die Seele nicht unterwegs verblutet. Ich nenne jetzt alles dieses Abgötterei, aber die Heiden glaubten in alten Zeiten, daß alle Dinge, sowohl leblose, wie lebende, eine Seele hätten. Doch dies darf man nicht mit der unsterblichen Seele des Menschen verwechseln. Daß nun die Leute, die hier so tief im Süden wohnen, noch in unseren Tagen, da doch seit der Einführung des Christentums schon so lange Zeit verflossen ist, noch so fest an den alten Bräuchen hängen, kommt wohl daher, daß fast kein Jahr vergeht, ohne daß sie mit den Heiden von der Ostküste zusammentreffen.
Im Jahre 1885 verließ ich Augpilagtut. Ich kann nicht bestimmt behaupten, daß es nicht auch in Pamiagdluk noch einzelne Familien geben mag, die dem alten Bärenglauben noch anhängen. Jedenfalls aber thun es nicht mehr alle — Isaks nun schon ganz gewiß nicht — und an den Orten, die der Kolonie näher liegen, hat man kaum von diesen Bräuchen sprechen hören.
Man hatte mir nicht mitgeteilt, an welchem Tage der Bärenkopf gekocht werden sollte, und ich war daher sehr überrascht, als ich plötzlich zum Mittagessen aufgefordert wurde. Ich schnitt mir ohne weiteres die Schnauze ab, da aber bekam ich etwas zu hören, und sie wurde mir sofort wieder aus der Hand gerissen. Dies aber nahm ich wirklich übel, das leugne ich nicht, und ich sagte ihnen gerade heraus, daß ich keine Spur von alledem glaubte, selbst wenn sie mich für noch so dumm hielten. Doch sie versicherten sehr ernsthaft, daß ich von nun an nie einen Bären würde fangen können, worauf ich ihnen antwortete, daß sie darin wohl Recht behalten würden, weil ich nämlich so kurzsichtig sei, daß ein Bär mich lecken könne, ehe ich ihn überhaupt sehen würde.
Außerdem giebt es noch folgende Bräuche: Sehen sie eine Bärenspur im Schnee, so müssen sie ein wenig von dem Schnee essen, dann gelingt es ihnen sicher, den Bären zu fangen, falls er auf demselben Wege zurückkehren sollte. Die kleinen Knaben müssen die Nieren der gefangenen Bären verspeisen, damit sie mutig und stark und tüchtige Bärenfänger werden. Auch hüten sie sich in den oben erwähnten fünf Tagen ängstlich davor, klirrende Geräusche hervorzubringen, da der Bär jeglichen Klingklang hassen soll.
Matthäus sagte mir, der Bär, den ich ihn töten sah, sei sein elfter gewesen und er habe sich garnicht gefürchtet, weil er hier seine Flinte zur Hand gehabt. Früher aber habe er einmal einen auf dem Eise kriechen sehen und sei, nur mit der Lanze bewaffnet, auf ihn losgegangen. Doch wie lange dies her sei, wisse er nicht mehr, sagte er.«

