Kapitel IX. Liebe und Ehe.
Margarethe Langfeldt translation
Der Liebe, dieser die ganze Schöpfung durchströmenden Kraft, begegnen wir auch in Grönland. Die grönländische Liebe ist eine starke, aufrichtige Naturempfindung, einem gesunden Boden entsprossen. Sie hat nicht die vielen zarten Blätter und verwickelten Blumenkronen unserer Kulturgewächse, sondern gleicht der wilden Feldblume, die sich einfach und kräftig in einer ursprünglichen Natur entfaltet.
Sie ist das Gefallen zweier junger Menschen aneinander. Den Mann macht sie nicht schwärmerisch, sondern treibt ihn aufs Meer hinaus zum Fang, stärkt ihm den Arm und schärft ihm das Auge, denn er will tüchtig werden, damit er seine Naja als Frau heimführen und eine Familie versorgen kann. Und die junge schüchterne Naja steht auf dem Aussichtsberge und schaut ihm nach. Sie sieht, wie kräftig und sicher er vordringt, wie gewandt er die Ruder führt, und wie leicht sein Kajak über den Wasserspiegel hintanzt. Warmes Gefühl leuchtet aus ihren Augen, die sehnsuchtsvolle Gestalt wirkt stimmungsvoll. Dann verschwindet er draußen in der Ferne, während sie noch auf die unendliche blaue Fläche, die sich über dem Grabe manch eines kühnen Kajakruderers wölbt, hinausstarrt. —
Endlich kehrt er bugsierend heim, sie eilt an den Strand und hilft mit den andern seine Beute bergen, während er ruhig seine Waffen nimmt und nach Hause geht. Sie blickt ihm bewundernd nach — bald wird die Hochzeit sein können. —
Doch eines Abends kommt er nicht heim; sie wartet und hält Ausguck; alle andern sind schon herein. — Er ist auf dem Meere verunglückt. — Das Auge wird feucht, und große Thränen rollen über ihre Wangen. Sie weint und weint, sie wird es nicht überleben. — Das dauert zwei, vielleicht drei Tage — dann giebt sich der Kummer. — Es giebt ja noch mehr Männer auf Erden, und sie sieht sich nach einem anderen um.
Der Vollbluteskimo verheiratet sich gewöhnlich, sobald er eine Frau versorgen kann. Der Grund ist nicht allemal Liebe, die »Rechte« mag noch nicht gekommen sein, und da scheint es denn häufig deshalb zu geschehen, weil er weiblicher Hülfe bedarf, um seine Felle zu gerben, seine Kleider zu nähen u. s. w. Er verheiratet sich oft schon, bevor er zeugungsfähig ist, und auf der Ostküste ist es etwas ganz Gewöhnliches, daß er drei- bis viermal verheiratet gewesen ist, ehe jener Zeitpunkt eintritt. Später kommen Ehescheidungen seltener vor[24].
Eheschließungen gingen früher in Grönland sehr leicht vor sich. Wollte ein Mann ein Mädchen haben, so ging er in ihr Haus oder Zelt, ergriff sie beim Schopf oder wo er sie am besten packen konnte und schleppte sie ohne weitere Umstände in sein Haus[25], wo er sie auf die Pritsche setzte. Allenfalls schenkte ihr der künftige Gatte noch eine Lampe oder einen neuen Wassereimer, und damit war die Geschichte fertig. Es gehörte jedoch in Grönland ebenso wie an anderen Orten auf Erden zum guten Ton, daß es die betreffende Dame unter keiner Bedingung merken lassen durfte, daß sie den Freier haben wollte, selbst wenn sie noch so verliebt in ihn war. Wie bei uns in Norwegen eine anständige Braut bei der Trauung weinen muß, so mußte sie sich aus Leibeskräften sträuben, jammern und klagen. War sie wirklich wohlerzogen, so weinte und schrie sie tagelang, ja sie lief sogar ihrem Manne fort. Ging die Wohlerzogenheit zu weit, so konnt es, dem Vermelden nach, vorkommen, daß der Mann, wenn er ihrer noch nicht überdrüssig geworden war, ihr mit einem Messer unter den Fußsohlen die Haut aufritzte, um ihr das Fortlaufen unmöglich zu machen. Dann war sie gewöhnlich eine zufriedene Hausfrau, wenn die Wunden geheilt waren.
Als sie zuerst eine Trauung nach unserer Art sahen, fanden sie es sehr anstößig, daß die Braut auf die Frage, ob sie den Bräutigam zum Manne haben wolle, mit Ja antwortete. Ihrer Ansicht nach hätte sie lieber nein sagen sollen, denn sie halten es für eine große Schande für ein Mädchen, Ja zu sagen, wenn eine solche Frage gestellt wird. Als sie hörten, daß es bei uns so Sitte sei, meinten sie, unsere Weibsleute müßten aber auch gar keine Schamhaftigkeit besitzen.
Die oben geschilderte Eheschließungsart ist auf der Ostküste Grönlands noch immer die einzig gebräuchliche, und es kann bei solchen Entführungen ziemlich gewaltsam hergehen. Die Verwandten der betreffenden Dame sehen jedoch ruhig zu, denn das Ganze ist eine Privatsache, und die Neigung der Grönländer, mit ihren Landsleuten in gutem Einvernehmen zu leben, läßt sie sich nur ungern in die Angelegenheiten anderer mischen.
Es kommt natürlich auch vor, daß die junge Dame den Bewerber wirklich nicht haben will. In diesem Falle setzt sie sich so lange zu Wehr, bis sie sich entweder selbst beruhigt oder der Freier verzichtet.
Wie schwer es für den Unbeteiligten ist, ihre wirklichen Wünsche zu erkennen, sieht man an einem merkwürdigen Beispiele, das uns von Graah erzählt wird[26]. Kellitiuk, eine flinke Ruderin seines Bootes an der Ostküste, wurde eines Tages von einem Ostländer, namens Siorakitsok, trotz des heftigsten Sträubens ihrerseits geraubt und in die Berge geschleppt. Da Graah der Ansicht war, daß sie den Entführer durchaus nicht haben wolle, was auch die bestätigten, die ihr nahe standen, so verfolgte er ihre Spur und befreite sie. Einige Tage darauf, als man im Begriffe stand, sich reisefertig zu machen, und das Boot eben ausgesetzt worden war, sprang Kellitiuk hinein, kroch unter die Bänke und deckte sich mit Säcken und Fellen zu. Es stellte sich bald heraus, daß sie dies that, weil Siorakitsok gerade mit seinem Vater, den er als Sekundanten mitgebracht hatte, an der Insel gelandet war. Als Graah sich einen Augenblick entfernte, eilte der Grönländer nach dem Boot und zog seine Angebetete aus ihrem Verstecke hervor. Ueberzeugt, daß sie ihren brutalen Freier wirklich verabscheue, hielt Graah es für seine Pflicht, sie abermals zu befreien. Als er hinzukam, hatte der Freier sie schon halb aus dem Boote gezogen, und der Vater stand auf dem Lande, bereit, ihm zu helfen. Als Graah ihm das Mädchen entriß und ihm Anweisung auf die »schwarze Dorthe«, eine andere Rudererin, die er selbst gern los sein wollte, gab, hörte der Enttäuschte ihn ruhig an, murmelte einige unverständliche Worte vor sich hin und entfernte sich mit erzürnter Miene und drohendem Blick. Der Vater nahm sich das Mißgeschick seines Sohnes nicht weiter zu Herzen, »er half uns, das Fahrzeug beladen,« sagt Graah, »und rief uns ein sicherlich gut gemeintes Lebewohl zu.« Als sie abfahren wollten, war jedoch Kellitiuk nirgends zu finden, obwohl überall auf der kleinen Insel, wo sie sich nur hätte verstecken können, nach ihr gesucht und gerufen wurde, und man mußte ohne sie reisen. Sie hat Siorakitsok also doch gemocht.
Die Vollblutgrönländer sind ebenso schnell mit der Scheidung fertig, wie mit der Heirat. Ist der Mann seiner Frau überdrüssig — das Umgekehrte kommt seltener vor — so braucht er sich nur von ihr zu retirieren, wenn er sich schlafen legt, und dabei kein Wort zu sprechen. Sie merkt dann sogleich die Absicht, sammelt am nächsten Morgen ihre Kleider zusammen und kehrt in aller Stille in ihr Elternhaus zurück, indem sie gewöhnlich thut, als ginge es ihr garnicht nahe. Wie mancher Ehemann bei uns würde wünschen, daß seine Gattin eine Grönländerin wäre!
Gelüstet es einen Mann nach der Gattin eines anderen, so nimmt er sie sich ohne weiteres, wenn er der Stärkere ist. Als Papik, ein angesehener, tüchtiger Fänger in Angmagsalik auf der Ostküste, Patuaks junge Frau haben wollte, reiste er nach Patuaks Zelte und nahm einen leeren Kajak mit. Er trat ein, holte die Frau und führte sie ans Ufer, wo er sie in den leeren Kajak steigen ließ und mit ihr fortruderte. Patuak, der jünger als Papik ist und sich mit diesem an Tüchtigkeit und Kräften nicht messen kann, mußte sich in den Verlust seiner Frau finden[27].
Es giebt auf der Ostküste Beispiele, daß Frauen mit zehn Männern verheiratet waren. Utukuluk in Angmagsalik hatte es mit achten probiert und verheiratete sich das neunte Mal mit Mann Nr. 6 wieder.[28]
Besonders leicht geht die Scheidung, solange noch keine Kinder da sind. Hat die Frau schon ein Kind und ist dieses gar ein Knabe, so hat das Eheverhältnis in der Regel mehr Bestand.
Kann ein Mann auf der Ostküste mehr als eine Frau ernähren, so nimmt er noch eine; die meisten guten Fänger haben daher zwei, aber nie mehr.[29] Oft scheint die erste eine Rivalin nicht gern zu sehen, bisweilen aber geschieht es auf ihren ausdrücklichen Wunsch, damit sie mehr Hülfe bei der Hausarbeit hat. Der Grund kann auch ein andrer sein. »Einmal fragte ich eine Frau,« sagt Dalager, »warum ihr Gatte eine Nebenfrau genommen. — Ich bat ihn selbst darum, antwortete sie, weil ich keine Kinder mehr haben mag.«
Die erste Frau scheint immer als die vornehmste angesehen zu werden, selbst wenn der Mann mehr von der zweiten hält.

Jäger, Frau und Mädchen von der Westküste.
Polyandrie kommt nur selten vor. Nils Egede erzählt von einer Frau, die zwei Männer hatte; alle drei aber waren Angekoker.
Mit der Einführung des Christentums wurde die alte, bequeme Eheschließungsart auf der grönländischen Westküste natürlich abgeschafft, und jetzt wird man dort unter ähnlichen religiösen Ceremonien wie in Europa verbunden. Die Braut braucht sich auch nicht mehr so sehr zu sträuben.
Doch bekam man früher eine Gattin nur zu leicht, so wird es jetzt oft schwer genug gemacht. Die Trauung darf nämlich nur ein Prediger vollziehen, die eingeborenen Katecheten, die in den verschiedenen Ansiedlungen seine Stelle vertreten, haben dazu keine Vollmacht. Wohnt man nun an einem Orte, den der Prediger alljährlich nur einmal oder vielleicht nur alle zwei Jahre besucht, so muß man die Gelegenheit wahrnehmen, sich gerade dann eine Braut anzuschaffen. Hat aber ein junger, kräftiger Bursche Lust, sich zu verheiraten, wenn der Prediger schon wieder fort ist, so muß er auf die nötige kirchliche Einsegnung noch ein bis zwei Jährchen warten.
Daß eine derartige Einrichtung zum Eingehen lockerer Verbindungen oder Heiraten ohne kirchlichen Segen führt, würde auch dann unvermeidlich sein, wenn nicht die Grönländer schon von Natur dazu neigten. Ich habe von Beispielen gehört, daß ein Prediger nach zweijähriger Abwesenheit an einem Orte an ein und demselben Tage ein Mädchen konfirmieren und trauen und ihr Kind taufen mußte. Das kann man ein summarisches Verfahren nennen. Jene Einrichtung muß schädlich wirken und den Respekt vor der Amtshandlung, der man wohl zunächst dadurch, daß nur ein Prediger sie verrichten darf, höheren Wert verleihen wollte, gründlich vernichten.
Bei der Einführung des Christentums wurde natürlich auch die Vielweiberei abgeschafft. Die Missionare verlangten sogar, daß ein Heide, der schon zwei Frauen hatte, sich, wenn er das Christentum annahm, von einer trennte. Im Jahre 1745 hatte ein Eskimo in Fredrikshaab Lust, sich taufen zu lassen, »als aber darüber verhandelt wurde, daß er sich von seiner Nebenfrau trennen müsse, wurde er wankelmütig, da er von ihr zwei Söhne hatte, die er bei dieser Gelegenheit dann auch verloren hätte, und daher sattelte er um und ging seiner Wege«.[30] Das kann man ihm kaum verdenken. Aehnliche Fälle, in denen verlangt wird, daß ein Mann eine seiner Frauen, mit der er vielleicht viele Jahre glücklich gelebt hat, verstoße, kommen noch immer vor, sobald Grönländer von der Ostküste sich auf der Westküste (beim Kap Farvel) ansiedeln und taufen lassen. Auf das Unrecht, das der Mann hierdurch gezwungenermaßen gegen sein rechtmäßiges Weib begehen soll, braucht nicht näher hingewiesen zu werden. Uebrigens erschien es schon Dalager als ein Unrecht, und »inwiefern es gegen Gottes Ordnung streitet, daß ein Mann mehr als eine Frau habe, ist ihm ein Rätsel«.
Jedoch noch heute kommt auch auf der Westküste hin und wieder Vielweiberei vor, und eine zweite Gattin scheint so ziemlich das Erste zu sein, was sich ein tüchtiger Fänger anschafft, d. h. wenn er sich überhaupt auf Weitläufigkeiten einläßt. Ein paar Beispiele davon wurden mir in Godthaab erzählt.
Renatus, der tüchtigste Fänger am Graedefjord, hatte sich in ein junges Mädchen verliebt und nahm sie eines Tages zur zweiten Frau. Das Verhältnis zwischen ihr und seiner ersten Gattin schien indessen gut zu sein, und alles ging in Ruhe und Frieden, bis es dem Missionar[31] zu Ohren kam. Dieser hielt dem Manne vor, daß er sich schwer versündige, und versuchte ihn zu zwingen, die zweite Frau wieder aufzugeben. Das half jedoch nichts. Dann wurde er beim Vorstande in Godthaab[32] verklagt. Renatus stellte sich und ließ sich schließlich dazu bewegen, sich gutwillig zu fügen, und er sandte auch richtig seine Frau nach Kangek (außerhalb des Godthaabbezirkes), wo sie im Hause des Katecheten Simon aufgenommen wurde. Gleichzeitig siedelte er sich jedoch weiter nördlich, in der Nähe von Narsak, an, und da er dadurch teilweise dieselben Fangstellen wie die Kangeker hatte, kam es öfter vor, daß er diese besuchte, wodurch er Gelegenheit fand, mit seiner zweiten Gattin zusammenzutreffen. Als später jedoch viele Klagen aus seinem früheren Wohnorte am Graedefjord einliefen, weil dort große Not herrschte, nachdem er, der beste Fänger des Ortes, fortgezogen, siedelte er wieder dorthin über und hat seitdem anständig gelebt. Dies trug sich vor einigen Jahren zu, die zweite Frau lebt noch in Kangek, wo ich sie selbst gesehen habe. Sie trägt eine grüne Haarbinde als Zeichen, daß die von ihr geborenen Kinder für uneheliche gelten.
Ein anderer tüchtiger Fänger in Lichtenfels hatte sich gleichfalls eine Nebenfrau zugelegt. Als der Missionar davon hörte, ließ er ihn vorladen und versuchte mit eindringlichen Ermahnungen auf ihn einzuwirken, doch ohne Resultat. Der Missionar versuchte es nun schriftlich. Er schrieb strenger und strenger und kam schließlich sogar mit ernstgemeinten Drohungen. Hierauf erhielt er endlich ein Antwortschreiben, in dem nur ein Wort stand: susal, auf gut Deutsch: »Du kannst Dir 'was scheißen!«
Die Stellung der Frau in der Ehe ist in Grönland, wie anderswo auf Erden, verschieden. In der Regel bestimmt der Mann, aber ich habe auch Beispiele davon gesehen, daß er unter dem Pantoffel steht. Das gehört jedoch sicherlich zu den Ausnahmen.
Ursprünglich scheint die Frau bei den Eskimos als das Eigentum ihres Gatten betrachtet worden zu sein. Auf der Ostküste kommt es vor, daß bei der Heirat ein förmlicher Handel vor sich geht, indem ein junger Mann dem Vater für die Erlaubnis, die hübsche Tochter heimzuführen, eine Harpune oder dergleichen bezahlen muß, ebenso wie umgekehrt gute Fänger von den Vätern dafür bezahlt werden, daß sie die Töchter nehmen, während letztere einwilligen müssen, sobald der Vater es will.[33] Auf der Ostküste geschieht es auch oft, daß zwei Fänger übereinkommen, ihre Frauen auf kürzere oder längere Zeit auszutauschen; bisweilen wird die eingetauschte Frau behalten. Zeitweiliger Frauentausch kommt sicherlich noch heute auch auf der Westküste vor, besonders wenn sie im Sommer der Renntierjagd halber im Binnenlande in Zelten hausen. Dann nehmen sie sich viele Freiheiten, die von den Missionaren nicht kontrolliert werden können.
In der Regel leben die Eheleute in außerordentlich gutem Einvernehmen. Ich habe nie gesehen oder gehört, daß zwischen Mann und Frau ein unfreundliches Wort fiel. Das entspricht der allgemeinen Erfahrung; schon Dalager sagt: »Je länger Eheleute zusammenleben, desto liebevoller schließen sie sich aneinander an, und im Alter gehen sie miteinander um wie unschuldige Kinder.« Sie sind im ganzen äußerst rücksichtsvoll gegen einander, auch kann man sie einander liebkosen sehen. Sie sollen sich nicht nach unserer Art küssen, sondern die Nasen auf einander pressen und sich zuschnupfen. Wie das gemacht wird, kann ich leider nicht beschreiben, da mir die nötige Praxis abgeht.
Auf der Ostküste scheint das eheliche Verhältnis ebenfalls sehr gut zu sein, doch kommen dort, wie Kapitän Holm behauptet, auch blutige Auftritte vor. Als Sanimuinak eines Tages mit einer jungen Frau (der obenerwähnten Utukuluk mit den neun Männern) zu seiner Gattin Puitek ins Haus kam, wurde diese böse und schalt ihn aus. Hierüber geriet er in Wut, ergriff sie beim Haarknoten und schlug ihr mit der geballten Faust auf den Rücken und ins Gesicht. Schließlich nahm er ein Messer und stach sie damit ins Knie, so daß das Blut hoch aufspritzte[34]. Nach Holm wurde einmal auch ein Mann von seiner Gattin tüchtig durchgeprügelt. — Derartige Fälle gehören aber bei diesem friedliebenden Volke zu den Ausnahmen.
Innige Liebe zu einander hegen die Ehegatten wohl nur ausnahmsweise, wie denn tiefe Empfindungen dort oben im ganzen nicht oft vorkommen. Stirbt der eine, so tröstet sich der andere in der Regel recht bald. »Verliert ein Mann seine Frau«, sagt Dalager, »so wird ihm nicht von vielen seines Geschlechtes kondoliert. Die Frauenzimmer aber setzen sich zu ihm auf die Pritsche und beweinen die Tote, wozu er schluckst und sich die Nase putzt.« Einige Tage darauf fängt er schon wieder an, sich wie in seinen Junggesellentagen fein zu machen, besonders werden sein Kajak und seine Waffen aufgeputzt, als dasjenige, womit ein Grönländer stets am meisten paradiert. Wenn er nun in so glänzender Equipage andere Grönländer auf See anspricht, dann sagen sie: Gebt acht, da kommt ein neuer Schwager. Hört er dies, so schweigt er still und lächelt dazu. Es gehört sich, daß die zweite Frau eines Witwers über ihre eigene Unvollkommenheit klage und die Tugenden ihrer Vorgängerin preise, »und hieraus ersieht man, daß die Grönländerinnen ebenso gewiegt sind, interessierte Rollen zu spielen, wie andere ihres Geschlechtes in zivilisierten Ländern«.
Der Hauptzweck der grönländischen Ehe ist unbedingt die Kindererzeugung. Daher werden, wie zu Zeiten des alten Testamentes, unfruchtbare Weiber geringgeschätzt und Ehen, die keine Nachkommen bringen, oft aufgelöst.
Durchschnittlich sind die Grönländer reiner Rasse wenig fruchtbar. Zwei bis vier Kinder in jeder Ehe ist die Regel, wenn auch Beispiele von sechs bis acht, ja noch mehr, vorkommen.
Zwillinge sind selten, und die Frauen fragten mich oft, ob es wirklich wahr sei, daß man im Lande der Langbärtigen (Norwegen) Zwillinge gebäre. Als ich darauf antwortete, daß dort nicht nur Zwillinge, sondern auch Drillinge, ja sogar Vierlinge das Licht des Tages erblickten, lachten sie laut und meinten, unsere Frauen seien ja wie die Hunde, denn Menschen und Seehunde brächten immer nur ein Junges auf einmal zur Welt.
Die Grönländerinnen gebären gewöhnlich leicht. Als Beispiel dafür, wie wenig Umstände sie in dieser Beziehung machen, sei angeführt, was Graah mitteilt. Als er auf seiner Reise längs der Ostküste den Bernstorffsfjord passierte, sollte eine der Frauen entbunden werden. Sie legten eilig an einem kahlen Berge auf der Nordseite des Fjordes an. Während der Entbindung streckte sich der Ehemann auf dem Berge aus und schlief ein, wurde aber bald mit der freudigen Nachricht erweckt, daß er einen Sohn bekommen habe. Wie schon erwähnt, gilt dies für ein Glück, während eine Tochter etwas Gleichgültiges ist. »Auch äußerte Ernenek (so hieß der Mann) dadurch seine Zufriedenheit, daß er der Frau schmunzelnd ein »ajungilatit« (Du bist nicht übel) zurief. Wir setzten unsere Reise mit unserem neuen Passagiere unverzüglich fort[35].
Doch auch bei diesem Naturvolke kommen bisweilen schwere Entbindungen vor. Egede erwähnt einer eigentümlichen Ceremonie, die seiner Zeit in derartigen Fällen vorgenommen wurde. Er sagt: »Sie halten der Gebärenden ein Nachtgeschirr über den Kopf in der Einbildung, daß die Entbindung dann leichter und schneller gehe.« Eine solche Verwendung dieses Möbels dürfte einzig dastehen.
Die heidnischen Grönländer töten alle Mißgeburten, die für nicht lebensfähig gehaltenen kranken Kinder und alle Kleinen, deren Mutter bei der Geburt stirbt, falls keine andere Frau sie säugen kann. Gewöhnlich werden sie ausgesetzt oder ins Meer geworfen[36]. So grausam dies den Ohren vieler europäischer Mütter auch klingen mag, so geschieht es ja doch aus Mitleid, und es läßt sich nicht leugnen, daß es vernünftig ist; denn lebt man unter so harten Lebensbedingungen wie die Grönländer, so ist es geboten, einen Sprößling, der nie etwas leisten, sondern immer nur auf Kosten anderer leben wird, überhaupt nicht aufzuziehen[37]. Aus ähnlichen Gründen sind auch Leute, die schon so alt geworden, daß sie sich nicht mehr erhalten können, wenig geachtet, und ihr Fortgang wird gern gesehen.
Die grönländischen Kinder werden sehr lange gesäugt. Drei bis vier Jahre lang ist nichts Ungewöhnliches, doch habe ich auch Beispiele von zehn bis zwölf Jahren gehört. Ein Europäer in Godthaab erzählte mir, er habe einen zwölfjährigen Helden in seinem Kajake beutebeladen heimkehren und ins Haus zu seiner Mutter stürmen sehen, wo der junge Fänger zwischen ihren Knieen stehend ein Stück Schiffszwieback verzehrte und dazu sein Getränk aus der mütterlichen Brust sog.
Die Kinder der christlichen Grönländer werden natürlich getauft und erhalten bei dieser Gelegenheit auch Namen. Die ursprünglichen grönländischen Namen sind indessen unter dem Einflusse der Missionare beinahe ganz verschwunden. Statt ihrer nimmt man alle möglichen alt- und neutestamentlichen, und es giebt wohl keine Stelle auf Erden, wo man das gesamte Personal der Heiligen Schrift, vom seligen Vater Adam an bis auf Petrus und Paulus, so vollzählig vertreten findet, wie dort. Unser berühmter Freund Dalager scheint diesen Mißbrauch der Bibel als Namensbuch nicht gemocht zu haben, und darum »fragte ich einmal«, sagt er, »einen gewissen Missionar, weshalb ein Grönländer seinen früheren Namen, der ja natürlich und gut sein könnte, nicht behalten dürfe. — Es klingt schlecht, antwortete er, wenn man einen Christen wie einen Seehund oder Seevogel ruft. — Ich lächelte hierzu und sagte, es gebe doch bei uns zu Lande manchen Ravn (Rabe), Hög (Habicht) und Krage (Krähe), die für gute Menschen passieren.« Mir scheint, ich muß dem Manne hierin recht geben.
Die Grönländer hängen mit außergewöhnlicher Liebe an ihren Kindern und thun alles, was sie ihnen an den Augen absehen können, besonders wenn es Knaben sind. Diese kleinen Tyrannen regieren gewöhnlich das ganze Haus, und die Worte des weisen Salomo: »Wer seinen Sohn liebt, der züchtige ihn«, finden hier keine Anerkennung. Sie halten ja überhaupt jede Züchtigung für unmenschlich und selbstverständlich für noch etwas Schlimmeres, wenn ihr eigenes Fleisch und Blut dabei in Frage kommt. Nicht ein einziges Mal habe ich einen Eskimo seinem Kinde ein hartes Wort sagen hören. Bei dieser Erziehung sollte man erwarten, daß die Kinder unmanierlich und unartig würden. Das ist aber keineswegs der Fall; obwohl ich in vielen Eskimohäusern auf der Westküste verkehrt habe, ist mir nur ein einziges Mal eine ungezogene Eskimorange begegnet und dies war in einer mehr europäischen als grönländischen Familie. Wenn die Kinder größer und verständiger waren, genügte stets eine freundliche Aufforderung seitens des Vaters oder der Mutter, damit sie das unterließen, wozu sie keine Erlaubnis hatten. Nie habe ich Eskimokinder, sei es im Hause oder im Freien, sich erzürnen, schimpfen oder gar schlagen sehen. Ich habe ihnen oft beim Spielen zugesehen, auch oft genug mit ihnen Fußball (ein eigenes, von ihnen erfundenes, dem englischen foot-ball sehr ähnliches Spiel) gespielt, und dabei haben, wie bekannt, Knaben oft Grund zum Zanken, aber nie sah ich einen heftig werden, ja, ich sah nicht einmal ein unfreundliches Gesicht. Wo könnte das in Europa vorkommen! Den Grund dieses auffallenden Unterschiedes zwischen grönländischen und europäischen Kindern kann ich nicht feststellen. Zum wesentlichen Teile liegt er wohl in der außerordentlich friedfertigen und gutmütigen Gemütsart der Grönländer. Etwas dürfte es auch dem zuzuschreiben sein, daß die Eskimomutter stets mit ihren Kindern in denselben Räumen lebt und sie draußen auf ihrem Rücken im Amaut mit zur Arbeit nimmt. Sie giebt sich also viel mehr mit ihnen ab, und es entsteht ein festeres Zusammenleben zwischen Eltern und Kindern in Grönland, als in Europa.
Daß die Eskimobuben sich hin und wieder damit amüsieren, die Enten und Hühner des Kolonialverwalters oder des Predigers mit Steinen zu werfen, muß man ihnen nicht zu sehr anrechnen und ebenso wenig, daß sie vielleicht einmal in den Garten des Verwalters einsteigen und dort pflanzen ausreißen oder zertreten. Es sei daran erinnert, daß Achtung vor Grundbesitz oder das Gebot, daß man nicht alles fangen oder nehmen darf, was auf der Erde wächst oder sich da bewegt, außerhalb ihrer ursprünglichen Begriffe liegt. Selbst wenn es ihnen eingeprägt wird, erhalten sie keinen scharf ausgeprägten Begriff davon; denn dies ist und bleibt ihnen etwas, das die fremden, zugezogenen Europäer, ohne dazu das Recht zu besitzen, im eigenen Interesse einführen wollen.
Damit Auge und Arm geübt werde, giebt der vernünftige Grönländer seinen Söhnen, während sie noch ganz klein sind, schon kleine Vogelpfeile und Harpunen als Spielzeug. Und hiermit oder in Ermangelung dessen mit gewöhnlichen Steinen kann man die drei- und vierjährigen Fänger sich an kleinen Vögeln und allem ihrer Jagdlust Würdigem, was ihnen vor Augen kommt, üben sehen. Daß sie zeitig anfangen, den Kajak zu besteigen, habe ich schon erwähnt.
Es ist für die grönländische Gesellschaft natürlich von größter Wichtigkeit, daß die Knaben zu tüchtigen Fängern erzogen werden; denn davon hängt ihre ganze Zukunft ab.
Die Mädchen werden gleichfalls früh an ihren Beruf gewöhnt. Sie lernen nähen und müssen der Mutter im Hause zur Hand gehen.

