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Eskimoleben

Kapitel XI. Gerichtspflege, Trommeltanz und Vergnügungen.

Margarethe Langfeldt translation

Ich habe wiederholt versucht, dem Leser einzuprägen, daß die Eskimos friedfertige, gutmütige Leute sind. Nichts scheint mir ein schlagenderer Beweis dafür, als ihre ursprüngliche Rechtspflege.

Wer sich einbildet, daß es den heidnischen Eskimos an jeglicher Gelegenheit gefehlt habe, erlittenes Unrecht dem Urteil ihrer Mitmenschen zu unterbreiten, befindet sich im Irrtum. Ihre Justiz war indessen ganz eigentümlicher Art und bestand in einer Art Duell. Dieses wurde nicht, wie in zivilisierten Ländern, mit scharfen Waffen ausgefochten; der Grönländer ging hierbei, wie in anderen Dingen, vernünftiger vor: er forderte seinen Gegner zu einem Singstreit oder Trommeltanz heraus. Man verlegte ihn gewöhnlich auf den Sommer an die großen Lagerplätze, wo sich viele Leute mit ihren Zelten versammelt hatten. Der Verlauf war der, daß die beiden Gegner sich in einem Kreise von Zuschauern beiderlei Geschlechts einander gegenüber stellten. Auf ein Tamburin oder eine Trommel schlagend, sangen sie nun abwechselnd Spottlieder auf einander. In diesen Liedern, die in der Regel vorher gedichtet, bisweilen aber auch improvisiert wurden, erzählten sie alles, was der Gegner verbrochen hatte, und versuchten, ihn nach besten Kräften lächerlich zu machen. Wer die Zuhörer am meisten über seine Witze oder Anklagen lachen machte, blieb Sieger. Auf diese Weise wurde auch über so schwere Verbrechen wie Mord abgeurteilt. Es mag uns das als eine recht bequeme Strafjustiz erscheinen, aber für dieses Volk mit seinem ausgeprägten Ehrgefühl genügte sie. Das Schlimmste, was einem Grönländer passieren kann, ist, vor seinen Mitbürgern lächerlich oder verächtlich gemacht zu werden, und es ist sogar vorgekommen, daß einzelne einer Niederlage beim Trommeltanz wegen auswandern mußten.

Diesen Trommeltanz giebt es noch auf der Ostküste, und er scheint mir eine sehr nützliche Einrichtung, die ich uns Europäern wohl wünschen möchte. Denn eine schnellere Art, Streitigkeiten beizulegen und die Schuldigen zu strafen, kann ich mir nicht denken.

Leider scheinen die Missionare auf der Westküste anderer Meinung gewesen zu sein. Als einen heidnischen Brauch hielten sie ihn eo ipso für unmoralisch und schädlich, und er wurde mit der Ausbreitung des Christentums unterdrückt und ausgerottet. Dalager sagt sogar: »Es giebt beinahe kein Laster in Grönland, gegen das unsere Missionare heftiger predigen, als diesen Tanz, angeblich, weil dabei alle möglichen Leichtfertigkeiten betrieben würden, besonders von der Jugend.« Dies gefiel ihm gar nicht. Er räumt ein, daß vielleicht einige Unregelmäßigkeiten vorkommen können, meint aber doch, wenn ein Mädchen beschlossen habe, bei dieser Gelegenheit den Pfad der Tugend zu verlassen, so habe sie sich einen recht unruhigen Zeitpunkt und Ort dazu ausgesucht. Man muß ihm beipflichten, wenn er sagt: »Und wahrlich, wenn man bei uns zu gleichem Zwecke und mit gleichem Nutzen tanzte, würde man jeden zweiten Moralisten und Advokaten sich im Handumdrehen in einen Tanzmeister verwandeln sehen.«

Die Folge dieses wenig überlegten Vorgehens ist, daß es in Grönland jetzt wirklich weder Recht, noch Gesetz giebt. Die Europäer können sich natürlich nicht in die Angelegenheiten mischen oder sollen es jedenfalls nicht. Kommt aber einmal ein seltener Fall von schwerem Verbrechen vor, so greifen die dänischen Behörden dennoch ein. Der Erfolg ist manchmal überraschend. Als vor einigen Jahren ein Mann in einer nordgrönländischen Kolonie seine Mutter erschlagen hatte, wurde er zur Strafe auf eine einsame Insel verwiesen. Damit er dort allein existieren könnte, mußte man ihm einen neuen Kajak und einige Lebensmittel für den Anfang mitgeben. Nach einiger Zeit, als die Vorräte verzehrt waren, kehrte er zurück und erklärte, dort draußen nicht mehr leben zu können, weil sich da nichts fangen ließe. Er bezog wieder sein altes Haus, und die einzige Veränderung, die sein Leben dadurch erlitt, daß er seine Mutter erschlagen hatte, war — daß er kostenlos in den Besitz eines neuen Kajaks gekommen war.

Eine wirkungsvollere Strafe wenden die Kolonieverwalter bisweilen den Frauen gegenüber an, indem sie ihnen für eine bestimmte Zeit den Besuch des Kolonialladens verbieten.

Der Trommeltanz war außer dem Gerichtstag auch noch ein großes Vergnügen, ja er wurde manchmal nur der Belustigung halber getanzt. Dann sangen die Auftretenden Lieder verschiedenen Inhalts, schlugen dabei auf eine Trommel und bewegten den Körper in den verschiedensten, mehr oder minder burlesken Drehungen und Wendungen. Das hätte die Missionare gleichfalls bedenklich machen sollen. Denn Vergnügungen sind auch notwendig, sie beleben das Gemüt, was für ein Volk, das in einer so harten Natur lebt und so wenige Zerstreuungen hat, gewiß von großer Bedeutung ist. Als eine Art Ersatz dafür haben die Eskimos jetzt von den europäischen Walfischfängern und Matrosen viele europäische Tänze, besonders reels, gelernt, die sie zum Teil ihrem Geschmacke nach veränderten. In den Kolonien dient gewöhnlich die Tischlerwerkstatt, der Speckhausboden oder ein anderer großer Raum als Balllokal, und dort wird so oft getanzt, als es der Kolonieverwalter oder die hohen Herren erlauben, am liebsten jede Woche. An den andern Wohnplätzen tanzen sie auch in den eigenen Häusern.

Solch ein grönländischer Ball mit den vielen Menschen, alten und jungen, die teils tanzen, teils als Zuschauer in dichten Gruppen in ihrer farbenreichen Tracht an den Wänden, auf den Pritschen und auf Bänken stehen, nimmt sich in dem von Thranlampen schwach erleuchteten Raume recht malerisch aus. Es ist ein reiches Gemisch von Schönheit und herrlichen Formen neben auffallendster Häßlichkeit. Und dazu diese übersprudelnde Freude und die außerordentliche, graziöse Tanzfertigkeit. Im reel bewegen sich die Beine oft so flink, daß das Auge ihnen kaum folgen kann. Die Musik bestand früher meistens aus Geigenspiel. Jetzt hat auch die Handharmonika schon angefangen, sich dort einzubürgern.

Die armen Eskimos, die den deutschen Herrnhutergemeinden, deren ein paar im Lande sind, angehören, dürfen nicht tanzen, ja nicht einmal zusehen, wenn andere tanzen, sonst werden sie in den Bann gethan oder von den Missionaren auf das schwarze Brett geschrieben.

Als weiteres Vergnügen ist das Kirchengehen anzuführen. Besonders lustig finden sie das Singen der Kirchenlieder, und die Frauen mögen es so gern, daß sie sich auch bei anderen Gelegenheiten damit ergötzen.

Nicht minder interessant finden die Weiber den Besuch des Ladens. Wenn die Oeffnungszeit herannaht, kann man sie mitten im Winter im ärgsten Schneegestöber in dichten Gruppen längs der Außenwände stehen und auf den Augenblick warten sehen, in dem sich die Thür des Paradieses öffnet und sie hineinstürzen können. Die meisten haben gar nicht die Absicht zu kaufen, sondern verbringen die Stunden, in denen der Laden geöffnet ist, teils damit, daß sie sich alle europäischen Luxusartikel, namentlich Kleiderstoffe und Tücher, zeigen lassen, teils damit, daß sie den Ladendienern den Hof machen, teils mit dem Austausch mehr oder weniger derber Witze, und wohl auch einem wirklichen Einkauf.

Illustration from Eskimoleben

Grönländischer Tanz.

Im Sommer, wenn die Schiffe eben mit Warenvorräten aus Europa angekommen sind, ist der Zudrang außergewöhnlich groß. Dann ist der Laden den ganzen Tag über in förmlichem Belagerungszustand. Die Grönländerinnen lieben, ganz wie ihre Schwestern diesseits des Meeres alles Neue, und dies findet daher, sowie es ankommt, reißenden Absatz. Die Hauptsache ist, wie ich gemerkt habe, daß die Ware neu ist, welchem Zweck sie dient, ist weniger wichtig. So hatte einmal die weise Regierung in Kopenhagen gefunden, die Eskimos seien jetzt soweit vorgeschritten, daß sie wie andere civilisierte Menschen ohne Nachttöpfe nicht mehr auskommen könnten, und demgemäß bestimmt, daß dieses Geschirr dort eingeführt würde. Kaum waren diese merkwürdigen Gefäße angelangt, kauften alle, die es dazu hatten, sich einen oder zwei. Tags darauf kamen die eingeborenen Damen jede mit einem Nachttopf in den Laden, stellten ihn auf den Ladentisch und ließen sich ihre Butter oder ihre Grütze darin einpacken.

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