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Eskimoleben

Kapitel VI. Kochkunst und Leckerbissen.

Margarethe Langfeldt translation

Ein für uns ziemlich auffallender Zug im täglichen Leben des Grönländers ist, daß er bestimmte Mahlzeiten nicht kennt. Er ißt, wenn er Hunger verspürt, falls nämlich etwas zu essen da ist. Wie oben erwähnt, nehmen die Seehundsfänger oft den ganzen Tag nichts zu sich. Sie können sehr lange fasten, vertilgen dafür einandermal auch erstaunliche Mengen Fleisch, Speck, Fisch u. s. w.

Ihre Kochkunst ist einfach und leicht zu erlernen.

Fleisch und Fische werden teils roh oder gefroren, teils gekocht oder gedörrt verzehrt. Auch läßt man das Fleisch oft eine Art Fäulnis- oder Gährungsprozeß durchmachen; es wird dann Mikiak genannt und ohne weitere Zubereitung gegessen. Ein derartiges, sehr beliebtes Gericht sind verfaulte Seehundsköpfe. Der Speck von Seehunden und Walfischen wird am liebsten roh verzehrt. Allen Kulturleckermäulern graut natürlich schon bei dem bloßen Gedanken, rohen Speck zu verzehren, ich kann ihnen aber sagen, daß er, namentlich ganz frisch, sehr gut schmeckt und einen süßlichen, allerdings auch ein bischen weichlichen Geschmack hat, der an Sahne erinnert, ohne eine Spur von Thranbeigeschmack zu besitzen. Dieser stellt sich erst ein, wenn man den Speck kocht oder brät und wenn er ranzig wird. Es giebt freilich noch Leute, welche glauben, daß der Eskimo ausgeschmolzenen Thran zu trinken pflegt, obgleich schon Hans Egede diese irrige Annahme widerlegt hat. Daß sie es allerdings nicht immer verachten, wenn es sich ihnen bietet, davon konnte ich mich in Godthaab überzeugen. Unsere Magd Rosine sah ich regelmäßig einen Schluck oder zwei aus der Lampe trinken, wenn sie diese morgens putzte oder füllte — und es schien ihr recht gut zu bekommen.

Sie lieben übrigens ein Kompott aus Engelwurz und Thran, das nach Saabyes Beschreibung folgendermaßen zubereitet wird: »Ein Frauenzimmer kaut Speck, spuckt den Saft auf die Stengel und fährt damit solange fort, bis sie, ihrer Meinung nach, genug bekommen haben. Diese eingemachten Stengel müssen eine Zeit lang stehen, worauf sie aus der Sauce genommen und mit großem Appetit als Nachtisch gegessen werden.«

Die Grönländer hatten ursprünglich folgende Vegetabilien: außer Engelwurz (Angelica), Löwenzahn, Sauerampfer, Krähenbeeren (Empetrum nigrum) und verschiedene Tangarten. Eine ihrer größten Delikatessen ist der Inhalt des Renntiermagens. Wenn ein Grönländer ein Renntier erlegt und nur wenig davon mit nach Hause nehmen kann, wird er ihm den Magen ausschneiden, und eine grönländische Dame bittet ihren auf die Jagd gehenden Liebsten stets, ihr den Inhalt des Renntiermagens mitzubringen. Daß sie letzteren so schätzen, erklärt sich wohl daraus, daß sie der Pflanzennahrung bedürfen, und es ist ja auch Primaware, die der Feinschmecker Renntier sich von dem feinsten Grase und Moose aussucht und die dann im Magen eine Art gestovten Gemüses mit scharfer, außerordentlich pikanter Magensaftsauce giebt. Manch einer wird natürlich über dieses Gericht die Nase rümpfen. Er sollte es aber nicht thun, denn ich habe es, mit Erlaubnis zu sagen, probiert und es nicht unschmackhaft gefunden, obgleich es so sauer war wie alte Sattenmilch. Soll es besonders fein hergehen, so thut man noch Speckstücke und Krähenbeeren hinzu.

Ein anderes Gericht, an dem gleichfalls mancher Europäer Anstoß nehmen wird, ist das Eingeweide der Schneehühner. Hier halten sie sich nicht nur an den Magen, sondern auch die Gedärme mit ihrem ganzen Inhalt werden im Handumdrehen hinuntergeschluckt. Den Rest des Schneehuhns verkaufen sie für 5 bis 8 oere an einen Händler. Daher sieht man in Grönland auch nie unausgenommene Schneehühner, man schieße sie denn selbst.

Als wir einmal mit dem Grönländer Joel auf einem Jagdausfluge am inneren Ameralikfjorde waren, nahm er eines Tages alle unsere erbeuteten Schneehühner aus. Da ihrer aber weit über hundert waren, konnte er natürlich nicht alle Eingeweide auf einmal verzehren und steckte deshalb den Rest in einen großen Sack. Er beabsichtigte freilich, den köstlichen Inhalt zu Hause mit seiner geliebten Ane Cornelia zu verspeisen, hat ihn aber sicher schon unterwegs aufgegessen, bevor er dort ankam. Man wird mir hoffentlich verzeihen, daß ich nicht sagen kann, wie dieses Gericht schmeckt; es ist das einzige Eskimogericht, das zu probieren ich mich nicht überwinden konnte.

Als andere Leckerbissen kann ich noch die Haut (matak) der verschiedenen Walfischarten nennen; besonders die des Weißfisches und auch die des Potwals gilt für den Gipfelpunkt aller Genüsse. Die Haut wird mit der dicht darunterliegenden Speckschicht abgezogen und ohne weitere Umstände roh gegessen. Der Eskimo verdient meine größte Hochachtung für die Erfindung dieses Gerichtes. Ich versichere den Leser, daß mir noch heute bei dem bloßen Gedanken an Matak mit seinem unbeschreiblich feinen Geschmacke nach Nußkernen und Austern das Wasser im Munde um meine wenigen übriggebliebenen Zähne zusammenläuft — ah! — und dann hat er das vor den Austern voraus, daß die Haut so zäh ist, als kaute man Putzleder, wodurch der Genuß sich bis ins Unglaubliche verlängern läßt. Sogar die Dänen in Grönland lieben diesen Leckerbissen, wenn sie ihn haben können, kochen ihn aber meistens, wodurch er geleeartig wird und der Nußkern- und Austerngeschmack spurlos verschwindet, so daß man ebensogut die Zunge zum Fenster hinaushängen könnte.

Ein feines Gericht, das sich jedoch mit Matak nicht messen kann, ist die rohe Haut der Hellbutte, sie hat indessen ebenfalls den Vorteil, daß sie infolge ihrer Zähigkeit lange vorhält. Ich kann sie mit gutem Gewissen als delikat empfehlen, besonders zur Winterszeit.

Rohe Seehundshaut essen die Eskimos ebenfalls gern mit dem Speck zusammen. Es schmeckte mir nicht so übel, doch konnte ich mich mit den vielen Haaren nicht aussöhnen und erlaubte mir deshalb, sie auszuspucken, nachdem ich verschiedene vergebliche Versuche gemacht hatte, sie hinunterzuschlucken.

Die Eskimos essen das Fleisch der Seehunde, Walfische, Renntiere, Hasen, Vögel und Bären, ja sogar der Hunde und der Füchse. Das Einzige, was sie, meines Wissens, in der Regel verschmähen, ist das Fleisch des Raben. Da dieses Tier sich seine Nahrung zum Teil auf Misthaufen sucht, gilt es, wie alle dort wachsenden Pflanzen, für unrein.

Aus nicht fettem Fleische macht sich der Grönländer nichts und zieht daher die Wasservögel den Schneehühnern vor. In einer südgrönländischen Kolonie gab einmal ein erst vor Kurzem ins Land gekommener Pastor ein Gastmahl für einige seiner Gemeindemitglieder, und die Frau Pastorin setzte den Gästen dabei ihr Lieblingsgericht, gebratene Schneehühner, vor. Die Grönländer nahmen fast garnichts, so dringlich die Pastorin auch nötigte. Sie fragte nun, ob sie Schneehühner nicht möchten. »Ja,« lautete die Antwort, »wir essen sie schon, aber nur wenn — Hungersnot ist.«

Was ich bisher angeführt habe, wird wohl hinreichend beweisen, daß die Grönländer durchaus nicht so genügsam im Essen sind, wie allgemein angenommen wird. Bei Hungersnot verzehren sie freilich all und jedes. So soll es, nach Dalager, z. B. vorkommen, daß »sie ihre Zeltfelle in Stücke hacken und davon Suppe kochen«, und man hört oft, daß Frau So und So ihre alten Hosen zu Suppe verkocht hat.

Das Servieren ist auch anders, als die europäische Mode es vorschreibt. Tische giebt es im Grönländerhause nicht; die Schüssel wird mitten auf den Fußboden gestellt, und die Menschen sitzen auf den Pritschen, um von dort herab mit den Gabeln, die Gott ihnen bei der Geburt gegeben, zuzugreifen. Daß die Schüssel sich auf eine Kiste stellen ließe, fällt ihnen nicht ein; das Bücken scheint ihnen beinahe Bedürfnis zu sein. Ein Beispiel hierfür ist die einer jungen dänischen Frau passierte Geschichte. Die Dame wollte gleich nach ihrer Ankunft in Grönland große Wäsche halten und hatte sich dazu einige Eskimofrauen bestellt. Als sie in ihre Waschküche kam, sah sie die Wäscherinnen tief über die auf dem Fußboden stehende Wanne gebeugt waschen, und da ihr diese Stellung sehr anstrengend erschien, gab sie ihnen einige Holzklötze, um den Zuber draufzustellen. Wie sie sich nach einer Weile noch einmal nach ihrer Wäsche umsehen wollte, fand sie zu ihrem großen Erstaunen den Zuber auf demselben Fleck und die Wäscherinnen auf den Klötzen stehend und von dort herab waschend. — Se non è vero, è ben trovato!

Von den vielen Dingen, die wir in Grönland eingeführt haben, lieben die christlichen Eskimos vor allem den Kaffee, und dieser Genuß ist auf der Westküste beinahe zum Laster geworden. Sie bereiten ihn stark und trinken meistens nicht weniger als zwei große Spülnäpfe voll zur Zeit. Das hindert sie indessen nicht, täglich vier- bis fünfmal Kaffee zu trinken, denn »er schmeckt so gut und macht so vergnügt«. Doch sind sie selbst schon hinter seine schädliche Wirkung gekommen, und deshalb erhalten die Jünglinge nur wenig oder garnichts davon, damit sie gute Fänger werden. Der Schwindel, an dem die älteren bisweilen leiden und der sie oft unsicher beim Rudern macht, wird nämlich, wie sie behaupten, zum Teil durch den Kaffee hervorgerufen. Diese Erfahrung deckt sich vortrefflich mit der neueren physiologischen Forschung, die bewiesen hat, daß die gefährlichsten Gifte dieses Trankes, das Coffeïn u. s. w., gerade die Teile des Nervensystems angreifen, von denen das Gleichgewicht des Körpers abhängt.

Illustration from Eskimoleben

Auf dem Angelplatz.

Nächst dem Kaffee stehen Tabak und Kaffeebrot hoch in Ansehen. Auf der Westküste ist Rauch- und Kautabak am beliebtesten, das Schnupfen dagegen ist die Schwäche der Ostgrönländer, sowie des weiblichen Geschlechts der Westküste, und man wird oft unangenehm durch die Entdeckung überrascht, daß eine junge, anmutige Schöne eine gehörige, Nasenlöcher und Oberlippe einpulvernde Prise nimmt. Sie reiben ihren Schnupftabak selber zwischen flachen Steinen aus ungesaucetem Rolltabak, der kleingeschnitten und über der Lampe getrocknet wird. Um ihn ausgiebiger zu machen, wird er manchmal mit geriebenem Speckstein vermischt; aufbewahrt wird er in großen oder kleineren Hörnern. Auf der Ostküste spielt er auch bei einzelnen Ceremonieen eine Rolle. Der Eskimo hat in seiner Sprache kein Wort für »Guten Tag« oder »Willkommen«; statt dessen reicht er dem gerngesehenen Besucher sein Schnupftabakshorn zur Benutzung hin, worauf ihm dieser das seinige darbietet. Beim Abschied wiederholt sich dieselbe Ceremonie.

Die Westgrönländer bereiten ihren Kautabak auf eine für uns überraschende Weise. Lange dänische Porzellanpfeifen werden mit Rauchtabak, auf den Wasser gegossen wird, halbvoll gestopft und dann mit trockenem Tabak bis zum Rande gefüllt. Man raucht nun so lange, bis die Glut an der Feuchtigkeit erlischt. Dann wird die Asche ausgeklopft, aller ölige Saft aus dem Kopf, dem Rohre, dem übergelegten Deckel u. s. w. abgekratzt und mit den schon durch den Rauch gut durchsauceten Tabaksresten am Boden des Pfeifenkopfes gemischt, und der Kautabak ist fertig. Dieses starke Konfekt wird besonders als Kajakproviant sehr geschätzt.

Glücklicherweise hat die Regierung verboten, den Eskimos Branntwein zu verkaufen. Die im Lande wohnenden Europäer dürfen sich aber ihren Bedarf kommen lassen und die Grönländer damit traktieren. Man giebt ihnen namentlich dann welchen, wenn sie auf den Booten der Europäer bei Sommerreisen als Besatzung fungieren, sowie nach jedem Handel, den man mit ihnen abschließt. Ferner ist es so weise eingerichtet, daß die Kifaker oder in Diensten des dänischen Handels Angestellten jeden Morgen ihren Schnaps bekommen, während die Fänger, die tüchtiger sein müssen und deshalb über den Kifakern stehen, nur dazu gelangen, wenn sie den Europäern Dienste leisten oder ihnen etwas verkaufen.

Alle, Männer wie Frauen, sind leidenschaftliche Branntweintrinker. Nicht, weil er gut schmecke, vertrauten sie mir oft an, sondern weil es so herrlich sei, betrunken zu sein. Betrunken waren sie denn auch, sowie sich eine Gelegenheit erbot; doch war dies glücklicherweise nicht so häufig der Fall. Daß der Rausch wirklich der Zweck dieses Genusses war, scheint schon daraus hervorzugehen, daß die Kifaker garnicht sehr auf den Morgenschnaps erpicht waren, weil man »davon nicht betrunken werden könne«. Aus diesem Grunde kamen oft mehrere dahin überein, daß einer einen Morgen sämtliche Schnäpse trank und am Tage darauf die Reihe an den zweiten kam. Hierdurch konnten sie sich in bestimmten Zwischenräumen einen ordentlichen Rausch verschaffen. Kamen jedoch die Vorgesetzten dahinter, so wurde ihnen freilich das Handwerk zu legen gesucht.

Ganz den bei uns im allgemeinen bestehenden Verhältnissen entgegen fanden die Grönländerfrauen in der Regel ihre Männer reizend, wenn diese berauscht waren, und amüsierten sich köstlich über den Anblick. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich allerdings erklären, daß sie mir mit wenigen Ausnahmen viel weniger abstoßend und bedeutend friedfertiger in diesem bacchantischen Zustande erschienen, als man es bei uns zu Hause in ähnlicher Verfassung gewöhnlich ist.

Bei der Ankunft der Europäer im Lande kannten die Eingeborenen die Wirkung des Branntweines noch nicht. Als das Weihnachtsfest herannahte, fragten sie Niels Egede, wann seine Leute »toll« würden; sie hielten nämlich die »Tollheit« für eine notwendige Folge des Festes, und sie war ihnen ein Ausgangspunkt für ihre Zeitberechnung geworden. Später erfuhren sie, die Tollheit rühre von dieser Flüssigkeit her, die sie deshalb Silaerúnartok oder das, wovon man seinen Verstand verliert, nannten; jetzt aber nennen sie sie gewöhnlich Snapsemik.

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