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Eskimoleben

Kapitel I. Grönland und der Eskimo.

Margarethe Langfeldt translation

Grönland ist auf eigentümliche Weise mit unserem Lande und Volke verbunden. Unsere Vorfahren kamen als die ersten Europäer in dies Land. Auf ihren alten Schuiten machten die alten Vikinger bei Sturm und durch Treibeis die waghalsige Reise nach dem fernen Schneeland, ließen sich dort nieder und machten es zu einer Besitzung der norwegischen Krone. Dann hörte plötzlich der Zuzug von Norwegen auf, und sogar die Kunde von dieser Kolonie ging verloren. Und wieder war es ein Norweger, der das kalte Land entdeckte und dort im Auftrag einer norwegischen Gesellschaft eine neue europäische Kolonisation begann.

Arm ist das Land, das wir den Eskimos raubten, arm an Gold und grünen Wäldern, nackt, entlegen und keinem von Menschen bewohnten Lande gleich. Und doch ist es in seiner Armut schön! Ja, wenn Norwegen schön ist, so ist es Grönland nicht minder. Wer es sah, dem bleibt es in der Erinnerung teuer! Ich weiß nicht, ob es anderen ebenso geht, mir aber verschmilzt es mit der ganzen träumerischen Schönheit des Märchenlandes meiner Kinderjahre, und ich habe dort unsere Natur wiedergefunden in noch größerer und reinerer Gestalt.

Die starke, wilde Natur gleicht einer in Eis und Schnee gehauenen, altersgrauen Sage, die bisweilen so feine weiche Stimmungsbilder enthält, wie ein Gedicht. Sie gleicht dem kalten Stahl, in dem sich die spielenden Farben des Sonnenscheines spiegeln.

Sehe ich Schneefelder und Gletscher, so eilen meine Gedanken nach Grönland, wo die Schneefelder größer sind als bei uns und die Gletscher in ein von Treibeis und Eisbergen erfülltes Meer abfallen. Höre ich lautes Lobsingen über die Fortschritte der Kultur, große Männer und große Thaten, dann sucht mein inneres Auge die weite Schneefläche, die sich starr und weiß von einem Meer zum anderen erstreckt und einst fruchtbare Thäler und Gebirge unter sich begrub. Vielleicht wird uns alle dereinst ewiger Schnee bedecken.

Alles ist dort oben einfach und doch so großartig. Weißer Schnee, blaues Eis, kahle, dunkle Berge wie schwarze Kegel, sturmbewegte, heulende See. Aber wenn ich die Sonne glühend ins Meer sinken sehe, denke ich an das ferne Land, wo die Klippen und Holme der glitzernden See in der untergehenden Sonne rosenrot erscheinen und auf den Eisbergen das herrlichste Alpenglühen dämmert. — Und wenn ich bisweilen das »Almleben« unserer Heimat auskoste, Sennerinnen und weidende Kühe sehe, muß ich an das Zeltleben und die Renntierherden an den Buchten und auf den Bergen Grönlands denken, an balzende Birkhähne, an die mit Weiden bestandenen Moore, Sümpfe, Gewässer und Thäler jener Gebirge, in denen der Eskimo seinen kurzen Sommer verlebt.

Doch nichts auf Erden läßt sich vergleichen mit der grönländischen Nordlichtwinternacht. Sie ist der geheimnisvolle Atem der Natur selbst.

Das Land übt eine unerklärliche Macht auf das Gemüt aus, das Volk des Landes aber ist nicht weniger merkwürdig.

Mehr als jedes andere Volk gehört der Eskimo der See und dem Küstenlande an. Am Meere wohnt er, auf ihm sucht er seinen Unterhalt; das Meer giebt ihm alles, was er braucht, und auf ihm macht er alle seine Reisen; im Sommer in seinen mit Fellen überzogenen Booten, im Winter in seinem Hundeschlitten. Darum spielt das Meer im Leben des Eskimos auch die Hauptrolle — und darum ist es auch kein Wunder, daß sein Gemüt ein Bild des Meeres ist. Wie das Meer, verändert sich seine Stimmung, ernst im Sturme, ausgelassen heiter bei Sonnenschein und ruhiger See. Er ist ein Kind des Meeres, leichtsinnig, fröhlich wie die spielenden Wellen, oft aber auch düster wie die schäumende Flut. In seinem Kindergemüte verwischt sich alles schnell. Ist das Unwetter vorüber, so glättet sich ja die See und gleicht nicht mehr dem tobenden Wogenschwalle von vorhin. Die Güter dieser Welt sind hienieden sehr ungleich verteilt. Einigen wird es sehr leicht gemacht, sie können in ihrer Jugend einen Brotfruchtbaum pflanzen und sich damit für den Rest ihres Lebens versorgen, während es den Anschein hat, als sei anderen alles, außer der Kraft zu kämpfen, versagt und als müßten sie der feindlichen Natur Schritt für Schritt jedes Bischen, dessen sie zum Leben bedürfen, erst abtrotzen. Das große Heer der Menschheit hat solchen Völkern bei seinem beständigen Kampfe zur Unterwerfung der Natur die Stellung äußerster Vorposten angewiesen. Zu diesen Vorposten gehört das Eskimovolk, und von allen lebenden Völkern ist es das merkwürdigste. Es liefert den besten Beweis für die eigene Begabung des Menschen, sich den Verhältnissen anzupassen und sich über die Erde zu verbreiten. Der Eskimo bildet den äußersten Vorposten gegen die Todesstille des ewigen Eises, und soweit wir bisher nach Norden vorgedrungen sind, haben wir auch Spuren dieses abgehärteten Volkschlags gefunden.

Die von allen anderen verschmähten Himmelsstriche nahm der Eskimo für sich in Besitz. Durch steten Kampf und langsame Entwickelung lernte er mehr als alle anderen. Wo für die anderen jede Möglichkeit des Lebens aufhört, fängt für ihn das Leben an — er hat sein Land lieben gelernt, es ist für ihn die Welt, in der er »der Mensch« ist, und jenseits deren er dem Untergange verfallen wäre.[1]

Dieses Volk will ich auf den folgenden Blättern schildern, ihm sei mein Buch gewidmet.

So scharf sich der Eskimo im Aussehen, in der Körperbildung, durch seine sinnreichen Gerätschaften und durch seine ganze Lebensweise von allen anderen Völkern unterscheidet, so ähnlich sind die verschiedenen Eskimostämme untereinander. Ein Eskimo von der Behringstraße gleicht dem Grönländer so sehr, daß man keinen Augenblick an der Verwandtschaft der beiden zweifeln kann. Ein Alaska-Eskimo und ein Ostgrönländer verstehen einander ohne Schwierigkeit. Kapitän Adrian Jakobsen, der Grönland und Alaska bereist hat, versichert, daß er sich mit den Brocken der Eskimosprache, die er in Grönland erlernt hatte, in Alaska habe verständigen können. Und doch sind beide Völker durch mehr als sechshundert geographische Meilen voneinander getrennt, eine Entfernung, wie von Christiania bis an die chinesische Grenze oder bis Innerarabien. Solche Spracheinheit bei soweit voneinander wohnenden Stämmen dürfte in der Geschichte der Menschheit einzig dastehen.

Die große Aehnlichkeit aller Eskimostämme, ihre abgesonderte Lage anderen Völkern gegenüber und ihre vollkommenen Geräte scheinen auf eine sehr alte Rasse hinzudeuten, bei der alles in bestimmten Formen erstarrt ist und die sich nur unendlich langsam verändern kann. Andere Umstände sprechen jedoch auch wieder gegen diese Annahme und machen es wahrscheinlicher, daß dieses weit zerstreute Volk ursprünglich ein kleiner Stamm war, der sich erst in neuerer Zeit über die verschiedenen, heute von Eskimos bewohnten Länder verteilte.

Daß diese Einwanderung verhältnismäßig bald stattfinden konnte, ohne doch zu einer Völkerwanderung zu werden, ist leicht erklärlich. Man braucht nur zu bedenken, daß ihre jetzige unwirtsame Heimat, bevor sie sich dort niederließen, garnicht oder doch fast nicht bewohnt war, daß also niemand als die Natur selbst ihrer Ausbreitung Hindernisse in den Weg legte.

Der jetzt von den Eskimos bewohnte Himmelsstrich erstreckt sich von der Westküste der Behringstraße über Alaska, das nördlichste Nordamerika und die zu diesem Kontinente gehörenden arktischen Inselgruppen bis nach West- und Ostgrönland.

Durch seine in jeder Weise abgesonderte Lage hat der Eskimo den Anthropologen viel Kopfzerbrechen gemacht, und die widersprechendsten Ansichten wurden hinsichtlich seiner Herkunft laut.

Dr. H. Rink, der das Studium der grönländischen Natur und des grönländischen Volkes zu seiner Lebensaufgabe machte und in diesem Fache unzweifelhaft die größte Autorität ist, meint, daß die Geräte und Waffen der Eskimos größtenteils aus Amerika stammen. Er hält es für wahrscheinlich, daß die Eskimos ursprünglich als ein Stamm im Innern von Alaska, wo es heute noch Eskimos giebt, wohnten und von dort aus an die Küsten des Eismeeres auswanderten. Er hebt ferner hervor, daß ihre Sprache mit der amerikanischen Ursprache nahe verwandt ist und ihre Sitten und Sagen vieles mit denen der Indianer gemeinsam haben.

Ein Unterschied aber, der die Eskimos unter anderem von den Indianern trennt, ist der Gebrauch der Hundeschlitten. Nehmen wir die Inkaperuaner, die das Lama als Lasttier benutzten, aus, so finden wir bei keinem der amerikanischen Urvölker Last- oder Zugtiere. Hierin nähert sich der Eskimo also mehr den asiatischen Polarvölkern.

Ein näheres Eingehen auf diese verwickelte wissenschaftliche Forschung, in der noch lange nicht das letzte Wort gesprochen ist, würde uns zu weit führen. Nur soviel können wir mit einiger Sicherheit behaupten, daß die Eskimos zuletzt von den Küsten der Behringstraße oder des Behringmeeres — möglicherweise von der amerikanischen Seite — kamen und sich von dort aus Schritt für Schritt nach Osten hin über das arktische Amerika bis nach Grönland verbreiteten.

»Wann« sie sich dauernd in Grönland ansiedelten, wird, meiner Meinung nach, nicht festzustellen sein. Daß dieser Zeitpunkt verhältnismäßig neueren Datums sein muß, habe ich schon angedeutet. Im Gegensatz zu mehreren Forschern halte ich es aber nicht für erwiesen, daß die Eskimowanderungen erst im vierzehnten Jahrhundert, wie die isländischen Sagen behaupten, stattfanden. Wenn ich auch von der Richtigkeit der Thatsache überzeugt bin, daß um diese Zeit der erste ernstliche Zusammenstoß der norwegischen Kolonisten mit den in großen Scharen von Norden kommenden Eskimos oder Skraellingern (Scheusale) stattfand, so schließt dies die Möglichkeit nicht aus, daß sie schon in Westgrönland ansässig waren, bevor der Fuß eines Norwegers den ostgrönländischen Boden betrat. In den ersten vierhundert Jahren der norwegischen Ansiedelung scheinen in Südgrönland (dem Ost- und Westgebiete) keine Eskimos gewohnt zu haben, da ihrer in den Sagen nirgends erwähnt wird. Dagegen wird in diesen Sagen ausdrücklich hervorgehoben, daß die ersten Norweger, die ins Land kamen, Erik der Rote und seine Freunde, sowohl im Ost-, wie im Westgebiete Südgrönlands verlassene Menschenwohnungen, Ueberreste von Booten und steinerne Geräte fanden, die, ihrer Ansicht nach, einem häßlichen Volke, das sie Skraellinger (Scheusale) nannten, gehört haben mußten. Daraus läßt sich schließen, daß dort Skraellinger gewesen, und ihre Hinterlassenschaft beweist, daß sie der Gegend nicht nur einen flüchtigen Besuch abgestattet haben. Es ist nicht unmöglich, daß die Eskimos Hals über Kopf davonliefen, als sie die nordischen Vikingerschiffe heransegeln sahen. Dieselbe Erfahrung machten wir auf der Ostküste. Doch weniger annehmbar scheint mir, daß sie ihre Flucht ungesehen von den Norwegern sollten ausgeführt haben. Ich schließe mich der vielfach ausgesprochenen Ansicht an, daß die Eskimos damals ihre festen Wohnsitze höher hinauf an der Küste hatten, oberhalb des 68. Grades nördlicher Breite. Dort ist noch heute die beste Seehundsjagd und die häufigste Gelegenheit zum Walfischfang. Und da sie von Norden[2] her in das Land gekommen sein müssen, lag hier für sie auch die erste natürliche Station auf ihrem Zuge. Von diesem festen Wohnsitz aus werden sie nach echter Eskimoweise häufig den südlicheren Teil der Insel auf längere oder kürzere Zeit besucht und dort jene zuerstgefundenen Spuren hinterlassen haben. Als sich dann die Norweger dort angesiedelt hatten und später auch Streifzüge nach Norden unternahmen, trafen sie schließlich mit den Eskimos zusammen, was nach Professor Gustav Storms Erachten[3] vor dem zwölften Jahrhunderte geschah.

Die Historia Norvegiae berichtet, daß die grönländischen Waidmänner in den unbebauten Gegenden Nordgrönlands kleine Menschen antrafen, denen sie den Namen Skraellinger gaben und die Steinmesser und Pfeilspitzen von Walfischknochen besaßen. — Mit der Zeit begannen jedoch die nördlichen Eskimoniederlassungen an Uebervölkerung zu leiden, und ein Teil mußte sich weiter südlich neue Wohnsitze suchen. Da die Norweger beim Zusammentreffen mit ihnen oft Gewalt gebraucht hatten, scheinen die Eskimos sich gerächt zu haben. Sie griffen 1341 das »Westgebiet« an und sollen diese Kolonie verwüstet (?) haben. 1397 unternahmen sie einen Feldzug gegen das Ostgebiet[4], das im folgenden Jahrhundert gleichfalls von der Bildfläche verschwunden zu sein scheint. Um diese Zeit haben die Eskimos zuerst festen Fuß in Südgrönland gefaßt.

Auch aus den Sagen der Eskimos geht hervor, daß zwischen ihnen und den alten Norwegern Kämpfe stattfanden. Doch aus denselben Sagen ersehen wir, daß sie mit ihnen auch oft in friedlichem Verkehr standen, ja, an einigen Stellen wird sogar mit großer Anerkennung von den alten Norwegern gesprochen. Es ist bei dem jetzigen Charakter der Eskimos auch kaum glaublich, daß sie einen förmlichen Ausrottungskrieg führten, und ein solcher kann jedenfalls kaum die alleinige Ursache des Untergangs der Kolonien gewesen sein. Außer dem inneren Verfall infolge der Loslösung vom Mutterlande, hat wohl auch die Vermischung der Kolonisten mit den Eskimos mitgespielt. Die damaligen Europäer dürften schwerlich unempfänglicher gegen die Reize der Eskimoschönen gewesen sein, als unsere jungen Landsleute heute.

Ueber den Weg, auf dem die Eskimos nach Westgrönland gelangten, herrschen gleichfalls verschiedene Ansichten. Dr. Rink behauptet, die Eskimos seien, nachdem sie den Smithsund überschritten, nicht längs der Westküste nach Süden gezogen, was uns doch am natürlichsten erscheint, sondern nordwärts um die Nordspitze des Landes herumgegangen und dann längs der Ostküste herabgekommen. Von hier aus wären sie dann später über Grönlands Südspitze nach der Westküste gezogen. Diese Annahme gründet sich hauptsächlich darauf, daß Thorgils Orrabeinfostre im Jahre 1000 an der Ostküste Eskimos angetroffen haben soll, während die alten Norweger auf der Westküste um diese Zeit noch keine Ahnung von der Existenz jenes Volkes hatten. Die Handschrift über die Abenteuer jenes Thorgils stammt jedoch aus dem vierzehnten Jahrhundert und steht in direktem Widerspruch mit den übrigen Sagen, aus denen hervorgeht, daß die Eskimos von Norden und nicht von Süden kamen, und daß die Westkolonie vor der Ostkolonie unterging. Denselben Schluß kann man auch aus einer Eskimosage ziehen, in welcher das erste Zusammentreffen mit den alten Norwegern beschrieben wird. »In alten Zeiten,« heißt es da, »als die Küste noch schwach bevölkert war, kam ein Boot mit Reisenden in die Godthaabsbucht. Die Reisenden erblickten dort ein großes Haus, dessen Bewohner sie nicht kannten, weil sie keine ›Kaladlit‹ (Eskimos) waren. Sie waren also zum ersten Male auf die alten Norweger gestoßen. Diese sahen auch zum ersten Male Kaladlit und nahmen sie sehr freundlich auf.« Das geschah also im alten Westgebiet der Norweger, ihrer nördlichsten Kolonie an der Küste. Noch ein anderer Umstand macht, meiner Meinung nach, die Wanderung um Grönland herum unwahrscheinlich. Sollten sie bis an die Nordspitze Grönlands vorgedrungen sein, so müssen sie dort wie die sogenannten arktischen Hochländer (die Eskimos nördlich vom Kap York) gelebt haben. Dann hätten sie natürlich von Jagd gelebt und wohl Hundeschlitten, aber keine Boote besessen, da das in Nordgrönland stets eisbedeckte Meer den Kajak überflüssig macht. Daß sie sich, als sie dann an die eisfreie Küste kamen, neue Boote erbauten, ist an und für sich nicht unmöglich. Aber mehr als unwahrscheinlich klingt es, daß sie die Boote und die zum Fischfang nötigen Geräte hier in so kurzer Zeit in so hohem Grade sollten vervollkommnet haben, nachdem sie so ganz aus der Gewohnheit gekommen, den Fang vom Kajak aus zu betreiben.

Ich meine, die natürlichste Erklärung ist, daß die Eskimos über den Smithsund kamen, den sie überschritten haben müssen, und dann an der Westküste entlang und über die Südspitze nach der Ostküste zogen. Ob sie schon vor der Ankunft der Norweger auf der Ostküste waren, wissen wir nicht. Auf ihrem Wege vom Smithsunde nach Süden trat ihnen freilich in dem Melvillegletscher (ungefähr auf 76° nördlicher Breite) ein großes Hindernis entgegen, da dieser direkt ins Meer fällt und die Küste eine ganze Strecke weit nicht von Inseln beschützt wird. Aber einerseits konnten sie längs des inneren Randes des Treibeises in ihren Fellbooten vordringen, und andererseits waren die Schwierigkeiten für sie gewiß auch nicht größer, als es die bei einer Wanderung nördlich um das Land herum gewesen wären. Gegen diese Annahme läßt sich freilich einwenden, daß die Ostgrönländer Hundeschlitten haben, welche an der Südwestküste des fehlenden Eises wegen nicht in Gebrauch sind. Bedenkt man jedoch, wie verhältnismäßig schnell die Eskimos in ihren Frauenbooten reisen, wie häufig sie in früheren Zeiten längs der Küste hin- und herzogen, und daß auf der ganzen Westküste immer Hunde gehalten wurden, so wird auch dieser Einwand beseitigt.

Die gegenwärtige Verbreitung der Eskimos über die Westküste Grönlands erstreckt sich vom Smithsunde bis zum Kap Farvel. Ihre Zahl beläuft sich im dänischen Teil der Küste auf nahezu Zehntausend. Auf der Ostküste giebt es, nach dem, was wir durch die dänische Frauenbootexpedition unter Kapitän Holms Führung (1884-1885) erfahren haben, bis nach Angmagsalik (66° nördlicher Breite) hinauf Eskimos. Ihre Anzahl betrug Herbst 1884 im ganzen fünfhundertachtundvierzig. Die Eskimos erzählten Kapitän Holm, daß weiter nördlich ihres Wissens keine Eskimos mehr ansässig seien. Sie selber machten jedoch häufig Reisen nach Norden, manchmal bis an den 68. oder 69. Breitengrad, und vor einigen Jahren hätten zwei Frauenboote auch diesen Weg eingeschlagen, ohne daß man je wieder etwas von ihnen gehört habe. Ob nördlich vom 70. Breitengrade auf der Ostküste keine Eskimos mehr wohnen, ist noch nicht festgestellt. Clavering fand, wie bekannt, 1823 ein paar Familien auf dem 74. Grade nördlicher Breite, doch nach jener Zeit hat man dort keine mehr gesehen, und die deutsche Expedition, die an dieser entlangzog und dort überwinterte, fand wohl Hütten und Geräte, aber keine Menschen und nahm daher an, daß letztere dort ausgestorben seien. Dies kommt mir jedoch kaum wahrscheinlich vor. Die Eskimos sind eine sehr zähe Rasse, und es mag andere Gründe haben, daß man sie nicht antraf. Sie können grade um diese Zeit weiter nach Norden oder nach Süden gezogen sein. Vielleicht wohnen sie auch sehr zerstreut, und man ist zufällig nicht auf sie gestoßen. Es bleibt nämlich immer zu bedenken, um welch ungeheuere Strecken eines sehr zerklüfteten Landes es sich hier handelt. Meiner Ansicht nach können dort an der Küste noch immer Eskimos wohnen, und wir wollen hoffen, daß die dänische Expedition, die, wie bekannt, jetzt dort oben ist, mit ihnen zusammentrifft. Durch ihre abgeschiedene Lage, die jede direkte oder indirekte Verbindung mit der zivilisierten Welt unmöglich gemacht hat, müßten sie in ethnologischer Hinsicht zu den interessantesten aller lebenden Völker gehören.

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