Kapitel III. Der Kajak und die Kajakgeräte.
Margarethe Langfeldt translation
Bei oberflächlicher Betrachtung einzelner Kleinigkeiten im äußeren Benehmen des Eskimo kommt man leicht zu der falschen Annahme, er stehe auf einer niedrigen Kulturstufe. Giebt man sich aber die Mühe, ihn genauer zu studieren, so wird man ihn bald in anderem Lichte sehen.
Es sind heutzutage viele Menschen so von der Größe unserer Zeit erfüllt, daß sie meinen, die täglich von uns gemachten Fortschritte und Erfindungen stellten die begabte weiße Rasse hoch über alle anderen. Diesen Vielen wäre es dienlich, sich einmal die Entwicklung des Eskimovolkes gründlich klarzumachen und sich die Geräte und Erfindungen anzusehen, die es gemacht, um sich inmitten einer nur äußerst beschränkte Mittel bietenden Natur seinen Lebensunterhalt zu schaffen.
Denkt Euch ein Volk auf einer so unwirtlichen, öden Küste wie der grönländischen ausgesetzt — ohne Verbindung mit der übrigen Welt, ohne Metalle, ohne Verteidigungswaffen, ja ohne andere Hilfsmittel, als die, welche es an Ort und Stelle findet. Es sind das Steine, ein wenig Treibholz und dann noch Felle und Knochen. Doch um die Felle und Knochen zu bekommen, müssen die Tiere, denen sie gehören, erst erlegt werden. Wären wir an Stelle der Eskimos und unterstützte uns nicht unser Mutterland, so gingen wir zu Grunde. Der Eskimo hingegen schlägt sich nicht nur durch, er findet sogar sein Glück, und seine Zufriedenheit, und die Verbindung mit der übrigen Welt ist ihm bisher nur zum Schaden gewesen.

Im Kampf mit den Wellen.
Um dem Leser ein Bild zu geben, auf welche Summe von Erfahrungen sich die Kultur dieses Volkes gründet, will ich versuchen, ihre wahrscheinliche Entstehung zu erklären.
Wir wollen also, in Uebereinstimmung mit Dr. Rinks Ansicht, voraussetzen, daß die Vorfahren der Eskimos einst im Innern von Alaska lebten. Außer der Jagd auf dem Lande haben diese Eskimos auch in Kanoes von Birkenrinde auf den Flüssen und Seen Fischfang getrieben, wie es die Alaska-Eskimos und die Indianer des Nordwestens noch heute thun. Später wurde jedoch ein Teil dieser Inlandseskimos entweder vom Fischreichtum des Meeres angelockt oder von feindlichen kriegerischen Indianerstämmen verdrängt und zog in Kanoes die Flüsse hinab nach der West- oder der Nordküste. Je mehr sie sich dem Meere näherten, um so spärlicher wurden die Waldbäume. Sie mußten auf andere Mittel als Birkenrinde sinnen, um ihre Kanoes zu beziehen. Da ist es nicht unwahrscheinlich, daß sie es schon auf den Flüssen mit den Fellen von gefangenen Seetieren versuchten, umsomehr, als man hiervon noch heute bei einzelnen Indianerstämmen Beispiele findet. Doch erst als der Eskimo in der Flußmündung Seegang kennen lernte, kam er darauf, seinem Boote ein Deck zu geben, es dann oben ganz zu schließen und zuletzt noch seine eigenen Felljacken so damit zu verbinden, daß das Ganze wasserdicht wurde. Damit war der Kajak fertig. Doch welchen Fortschritt in ihrer Zeit bedeuten diese Erfindungen, die uns, nun wir sie vollendet sehen, so natürlich und leicht erscheinen! Wieviel Arbeit müssen sie gekostet haben und wie mancher Versuch mag mißglückt sein! An der Meeresküste angelangt, merkten die alten Eskimos, daß ihre Existenz wesentlich vom Seehundsfange abhängen werde. Sie verwandten folglich ihren ganzen Verstand und ihre ganze Kraft darauf, und der Kajak führte zur Erfindung der vielen eigenartigen, bewunderungswürdigen Fanggeräte, die noch immer mehr vervollkommnet wurden. Ein schlagender Beweis für die Behauptung, daß viele von uns Menschen doch im Grunde kluge Tierchen sind.
Mit Bogen und Pfeilen zu schießen, wie sie es auf dem Lande getan, ging bei der unbequemen sitzenden Stellung im Kajak natürlich nicht an, sie mußten sich also Schleuderwaffen schaffen.
Die Idee dazu erhielten sie wieder aus Amerika. Sie nahmen zuerst den indianischen Pfeil mit der Steuerfeder, wie sie ihn früher selber zur Landjagd benutzt hatten. Solcher kleinen Harpunen oder Wurfpfeile bedienen sich die Eskimos auf der Südwestküste von Alaska noch heute.
Doch im Norden, längs der Küste, verschwinden die Vogelfedern, und eine kleine, am Pfeilschaft befestigte Blase tritt an ihre Stelle. Man fand, daß solche Mittel notwendig waren, um dem getroffenen Seehund beim Untertauchen und Fortschwimmen Hindernisse in den Weg zu legen. Ferner hielt man es für nötig, die Pfeilspitze so einzurichten, daß sie bei den heftigen Bewegungen des Tieres, um sie abzuschütteln, nicht abbrechen konnte, sondern sich vom Pfeilschafte loslöste (bei c der Figur auf Seite 29) und an dem in der Mitte des Schaftes (b') befestigten Riemen (c—b) hängen blieb, wodurch der Schaft in eine Querlage geriet und dem Tiere beim Schwimmen hinderlich wurde, wenn es mit ihm durchging. Auf diese Weise ist der sogenannte Blaerepil (Blasenpfeil) entstanden, den wir bei allen an der Meeresküste wohnenden Eskimostämmen finden.
Die Blase wird aus einer Möven- oder Scharbenkehle gemacht, die aufgeblasen und getrocknet wird. Am Pfeilschaft ist sie mit einem Knochenstück befestigt, in das ein Loch gebohrt ist, damit man sie aufblasen kann; das Loch wird mit einem Holzpflöckchen verschlossen.
Aus diesem Blasenpfeile hat sich möglicherweise die wichtigste Jagdwaffe der Eskimos, die sinnreiche Harpune mit Leine und Fangblase, entwickelt. Um größere Seetiere fangen zu können, hat man dem Pfeile allmählich eine immer größere Blase gegeben. Dabei aber sah man bald ein, daß sich durch den von der Größe der Blase hervorgerufenen stärkeren Luftwiderstand die Treffweite und die Kraft des Wurfes verminderte. Man machte sie also vom Pfeile los und verband sie nur mit seiner Spitze mittelst eines langen, starken Riemens, der Harpunenleine. Die Harpune, die größer und schwerer gemacht wurde, als der ursprüngliche Blasenpfeil, wurde von nun an allein geschleudert, schleppte aber die Leine mit. Die am anderen Ende der Leine befestigte Blase blieb auf dem Kajakdeck liegen und wurde erst dann ins Wasser geworfen, wenn das Tier getroffen war.

Blasen pfeil.
Nach dem Kajak ist die Harpune mit ihrer ganzen sinnreichen Konstruktion das vorzüglichste Erzeugnis des Eskimogeistes.[7]
Ihr Schaft wird in Grönland aus rotem Treibholz, einer Art sibirischer Föhre, verfertigt, das schwerer ist, als das weiße Treibholz, aus dem man kleinere und leichtere Schleuderwaffen macht. Vorn ist der Schaft mit einer dicken, starken Knochenplatte versehen, an der oben ein gewöhnlich aus Walroßzahn geschnitzter, langer Knochenzapfen sitzt, den ein Riemengelenk so mit dem Schafte verbindet, daß der Zapfen bei starkem Druck oder Stoß von der Seite aus dem Gelenke geht, anstatt abzubrechen. Dieser Zapfen paßt genau in ein Loch in der eigentlichen Harpunenspitze, die ebenfalls aus Knochen gemacht wird — am liebsten aus Walroß- oder Narwalzahn — und die nunmehr stets mit einer Spitze oder vielmehr einem scharfen Blatte von Eisen versehen ist. Die Harpunenspitze hängt durch ein Loch mit der Fangleine zusammen und ist mit Agnorern oder Widerhaken versehen, der sie dort, wo sie einmal eindringt, festsitzen läßt. Ueberdies ist sie so eingerichtet, daß sie im Fleisch in eine Querlage gerät, sobald der Seehund sie abzuschütteln versucht. An dem Schaft wird sie so befestigt, daß man sie auf den obenerwähnten Zapfen steckt. Darauf wird die Leine mit einem in entsprechendem Abstand angebrachten, ebenfalls mit einem Loche versehenen Knochenstückchen an einem Knochenhaken (a) am Harpunenschafte derart angehakt, daß Schaft und Spitze fest zusammen halten.
Wenn nun die Harpune trifft und der Seehund sich überschlägt, geht der Zapfen sofort aus dem Gelenk (siehe a beim nebenstehenden Bild), und die Harpunenspitze mit der Fangleine löst sich vom Schaft, der auf dem Wasser treibt, bis ihn sein Eigentümer wieder auffischt, während der Seehund mit der Spitze im Leibe und der Harpunenleine mit der Blase im Schlepptau weiterschwimmt. Ich glaube, ein jeder muß einräumen, daß sich eine sinnreichere Erfindung aus Treibholz, Knochen und Seehundsfell kaum denken läßt, und man wird überzeugt sein können, daß sie die Arbeit vieler Generationen kostete.

Harpune.
In Grönland giebt es zwei Arten dieser Harpune. Die eine heißt Unâk, ist am Unterende oben nur mit einem beinernen Knopf versehen und ist länger und schlanker als die zweite. Diese heißt Ermangnak und läuft unten in zwei Knochenschienen oder Flügel aus, die jetzt meistens aus Walfischrippen gemacht werden. Sie dienen dazu, die Harpune schwerer zu machen und sie durch die Luft zu steuern. Eine solche ist auf Seite 30 abgebildet.[8] In Godthaab wurde gewöhnlich die Ermangnak gebraucht, doch ich hörte alte Seehundsfänger vielfach darüber klagen, daß sie sich bei Wind schwerer werfen lassen als die Unâk, weil der Wind, sobald er von der Seite kommt, zu sehr in die Knochenschienen greifen und dadurch die Wurfrichtung verändern kann.
Die Fangleine wird aus Haut gemacht, die entweder die große Robbe (blauer Seehund = Phoca barbata) oder ein junges Walroß liefert. Sie ist gewöhnlich 14-16 m lang und einen guten halben Centimeter (etwa 7 mm) breit.
Zur Fangblase wird die Haut eines jungen Ringseehundes (Phoca foetida) genommen. Sie wird abgebälgt, enthaart, am Kopfe, den vorderen und den hinteren Gliedern luftdicht zugebunden und getrocknet.

Vorderende der Harpune.
Zur Aufwicklung der Fangleine gilt der Kajakstuhl, der vor dem Ruderer auf dem Deck angebracht ist. Auf ihm liegt die Leine, gut vor dem beständig über das Deck spülenden Seewasser geschützt, und bereit zum ungehinderten Ablaufen, wenn die Harpune geschleudert wird.
Zum Töten des harpunierten Seehundes wird eine Lanze (Anguvigak) gebraucht. Sie besteht aus einem Holzschaft, der, um möglichst weit fliegen zu können, gewöhnlich aus weißem Treibholze hergestellt ist und vorne eine lange, in ein eisernes Blatt auslaufende Knochenspitze hat. Zu dem Blatte nahm man früher Stein statt Eisen. Die Knochenspitze besteht meistens aus Renntierhorn, oft aber auch aus Narwalzahn oder anderen Knochenarten. Damit der Seehund sie nicht abbrechen kann, ist sie am Schaft mit einem Gelenke, das dem Knochenzapfen der Harpune gleicht, befestigt.

Lanze
Außerdem benützen sie auch den Vogelpfeil (Nufit). Dieser hat gleichfalls einen Schaft von weißem Treibholz. Vorne ist eine lange, schmale Spitze, jetzt von Eisen, früher aus Knochen. Daneben stehen noch mitten auf dem Schafte drei schrägliegende, nach vorne gerichtete Renntierhornspitzen mit großem Widerhaken. Sie rechnen nämlich darauf, daß, falls die vordere Pfeilspitze den Vogel nicht treffen sollte, der Schaft an diesem entlanggleite und dabei eine der Seitenspitzen den Vogel spieße und durchbohre, was auch die gewöhnlichste Art ist, den Vogel zu treffen. Ebenfalls eine Erfindung, die unsereinen zum berühmten Manne machen würde.
Alle diese Schleuderwaffen lassen sich, wie angedeutet, vom Federpfeil der Indianer ableiten. Doch um seine Waffen weiter und mit größerer Wucht schleudern zu können, hat der Eskimo eine Erfindung gemacht, durch die er sich von allen seinen Nachbarn, den asiatischen wie den amerikanischen Stämmen unterscheidet. Diese Erfindung ist das Wurfholz. Dieses vorzügliche Instrument, das die Länge und die Kraft des Armes in hohem Grade vergrößert, indem es wie eine Schleuder wirkt, ist merkwürdigerweise nur an wenigen Stellen der Erde bekannt. Wahrscheinlich nur an dreien. Erstens, in sehr primitiver Form, bei den Australnegern, zweitens im Lande der Coni und Puru am oberen Amazonenstrome, und drittens bei allen Eskimostämmen[9], die es zu seiner höchsten Entwicklung gebracht haben. Die Annahme, daß das Vorkommen des Wurfholzes an so verschiedenen Stellen auf gemeinsamen Ursprung hinweise, ist wohl kaum zulässig, und somit können wir das der Eskimos als eine eigene, von ihnen selbst gemachte Erfindung ansehen. In Grönland wird das Wurfholz gewöhnlich aus rotem Treibholz gemacht. Es ist etwa einen halben Meter lang (vierzehn in meinem Besitz befindliche Wurfhölzer haben eine Länge von 42-52 cm), am unteren, breitesten Ende 7 bis 8 cm breit und ungefähr 1½ cm dick. Seitlich sind am unteren breiten Ende Kerben zum Anfassen, an der einen Seite für den Daumen, gegenüber für den Zeigefinger.[10] Auf der oberen flachen Seite ist längs des ganzen Holzes eine Rinne für den Pfeil oder die Harpune. Es giebt zwei Wurfholzarten. Die eine dient hauptsächlich zum Abschnellen des Blasenpfeils und des Vogelpfeils. Sie hat oben am Schmalende einen Zapfen, der genau in eine Vertiefung des am Hinterende des Pfeils angebrachten Knochenknopfes paßt (vergleiche die beiden folgenden Illustrationen.) Mit der zweiten Art schleudert man die Harpune und die Lanze; sie hat im oberen Schmalende ein Loch, in das ein schräg nach hinten gerichteter Zapfen an der Seite des Harpunen- oder Lanzenschaftes hineinpaßt, und dazu noch ein Loch weiter unten im Griffe, in das ein zweiter, gradeherausstehender Zapfen faßt. (Siehe Illustration auf Seite 36.) Wurfhölzer dieser Art werden weiter nördlich, z. B. in Sukkertoppen, auch zum Schleudern des Vogelpfeils gebraucht.

Wurf mit Vogelpfeil (a).
Im südlichsten Grönland und auf der Ostküste finden wir aber noch ein Wurfholz, das zum Schleudern der Ernangnak oder Flügelharpune dient. Diese Form hat am oberen schmalen Ende einen Zapfen wie das Vogelpfeilwurfholz, und der Zapfen paßt in eine Vertiefung zwischen den Knochenflügeln der Harpune, dagegen sind am unteren Ende des Wurfholzes, dicht am Griffe, ein oder zwei Löcher, in welche die oben beschriebenen Knochenzapfen an der Seite des Harpunenschaftes hineingreifen.
Soll die Harpune oder der Pfeil mit dem Wurfholz — gleichviel welcher Art — geschleudert werden, so faßt man den Griff des Wurfholzes und führt es mit der Waffe zusammen in horizontaler Armhaltung wurfbereit rückwärts (siehe Illustration a). Indem man es dann aber kräftig wieder nach vorne schnellt, löst sich das untere Ende des Wurfholzes von der Harpune oder dem Pfeile los, während man mit dem oberen Ende, das noch an seinem Zapfen oder Knopfe festhält (siehe Illustration b und die folgende), die Waffe auf bedeutende Entfernung hin mit großer Treffsicherheit fortschleudert. Eine außerordentlich einfache und wirkungsvolle Erfindung.

Wurf mit Vogelpfeil (b).
Außer den genannten Waffen hat der Eskimo, wenn er auf den Fang ausgeht, hinten auf seinem Kajak noch ein Messer liegen, dessen Schaft 1 Meter 30 Centim. und dessen spitze Klinge 20 Centimeter lang ist. Mit ihm wird dem Seehunde oder dem erbeuteten Seetier der Gnadenstoß gegeben. Vorn auf dem Kajak liegt ein kleineres Messer. Es dient zum Einstechen von Löchern in die Haut des Seehundes, um die Knochenstücke der Bugsierleine hindurchzuziehen, die der Eskimo stets mitnimmt, und mit der der zu bugsierende Seehund an der Seite des Kajaks festgemacht wird. Zu diesem Zwecke nimmt er auch eine oder mehrere Bugsierblasen mit, die sich aufblasen lassen und die den Seehund über Wasser halten.

Wurf mit Harpune.
Um die Beschreibung vollständig zu machen, sei auch noch das Knochenmesser angeführt, das, besonders im Winter, zur Kajakausrüstung gehört und hauptsächlich zum Abkratzen des Eises von den Kajakwänden gebraucht wird.
Nach der beigefügten Zeichnung wird man sich einen Begriff davon machen können, wie alle Waffen auf dem Kajak angebracht sind, wenn der Eskimo auf den Fang geht (a Kajakloch, b Fangblase, c Kajakstuhl mit aufgewickelter Harpunenleine [e], d Harpune, an ihrem Platze hängend, f Lanze, g Kajakmesser, h Blasenpfeil, i Vogelpfeil und k das Wurfholz des letzteren).
Doch das Wichtigste fehlt noch: die Beschreibung des Kajaks selbst.
Innen hat der Kajak ein Holzgerippe. Dieses Gerippe, von dem man sich hoffentlich nach der beigefügten Zeichnung eine Vorstellung machen kann, wurde früher stets aus Treibholz gemacht, und zwar am liebsten aus weißem, dem leichtesten. Zu den Rippen nahm man auch wohl Zweige von Weidengebüsch, das an den inneren Fjorden wächst. Heutzutage kauft man in den Kolonien an der Westküste oft europäische Tannen- oder Fichtenbretter aus dem Kolonieladen zum Kajakbau, obwohl man das Treibholz, hauptsächlich seines leichten Gewichtes halber, noch immer für viel geeigneter hält.

Kajak von oben
gesehen.

Kajak
gerippe.
Dieses Holzgerippe wird außen mit Leder überzogen, vorzugsweise mit der Haut des Grönlandsseehundes (phoca groenlandica) oder dem Fell der Klappmütze (Cystophora cristata). Letzteres ist nicht so dauerhaft und wasserdicht. Bekommt man aber das Fell einer jungen Klappmütze, deren Haut noch nicht so große Poren hat, so gilt auch das für gut. Erlauben es die Vermögensverhältnisse, so nimmt man die Haut des blauen Seehundes (phoca barbata), die für die beste und stärkste gilt. Da aus ihr aber auch die Harpunenleinen gemacht werden, ist sie eigentlich nur auf der Süd- und Ostküste in genügender Menge vorhanden, um allgemein zum Kajakbeziehen genommen werden zu können. Seltener Verwendung findet das Fell des großen Ringseehundes (Fleckenseehund) [Phoca foetida].
Die Behandlung der Kajakfelle wird später (im achten Kapitel) besprochen werden. Am liebsten bezieht man den Kajak gleich, solange die Häute noch frisch sind. Hat man sie schon trocknen lassen, so müssen sie ein paar Tage sorgfältig eingeweicht werden, ehe das Beziehen vor sich gehen kann. Sie müssen so naß und dehnbar wie möglich sein, damit sie sich richtig strammziehen lassen und getrocknet so straff wie ein gespanntes Trommelfell sitzen. Gerben, Kajakbeziehen und Nähen der Häute ist Frauenarbeit. Sie ist nicht leicht, und wehe, wenn der Bezug schlecht oder nicht straff genug sitzt! Das halten sie für eine große Schande.
Soll ein Kajak bezogen werden, so kommen alle oder wenigstens sehr viele Frauen des Ortes zusammen, um dabei zu helfen. Dies gilt ihnen für ein großes Vergnügen, weil sie zum Lohn für ihre Arbeit vom Kajakbesitzer gewöhnlich mit Kaffee traktiert werden. Die Bewirtung variiert je nach den Vermögensverhältnissen zwischen 25 Oere und einer Krone und drüber.
In der Mitte des Kajakdeckes ist ein Loch, nur gerade so groß, daß ein Mann seine Beine hineinstecken und sich setzen kann. Seine Hüften füllen die Oeffnung beinahe vollständig aus. Es bedarf daher einer gewissen Uebung, um einigermaßen gewandt in den Kajak hinein- und wieder aus ihm herauszukriechen. Oben umschließt das Loch der Kajakring, ein gebogener Holzreifen. Er erhebt sich 3 bis 3½ cm über das Deck des Kajaks, und über ihn wird der Wasserpelz, auf den ich später zurückkomme, gezogen. An den Sitz werden über die Rippen des Kajakbodens ein oder mehrere Stücke alter Kajakhäute und ein Stück Bärenfell oder ein anderes weichhaariges Fell gelegt, um einen einigermaßen bequemen und weichen Sitzplatz herzustellen.
Gewöhnlich baut jeder Fänger seinen Kajak selbst und nimmt dabei so genau Maß am eigenen Körper, als wollte er sich einen Anzug schneidern. Ein Kajak für einen Grönländer von Durchschnittsgröße ist in der Gegend von Godthaab etwa 5½ m lang. Die Breite des Deckes beträgt vor dem Kajakring, wo sie am größten ist, ungefähr 45 cm oder etwas mehr, am Boden aber ist er bedeutend geringer. Sie richtet sich natürlich nach der Hüftenbreite des Kajakmannes und wird gewöhnlich genau so bemessen, daß er gerade darin Platz hat. Uebrigens muß ich noch bemerken, daß an der Godthaabsbucht, z. B. in Sardlok und Kornok, die Kajake länger und schmaler waren, als die Boote draußen an der offenen Meeresküste, wie in Kangek. Wahrscheinlich, weil der stärkere Seegang da draußen festere und leichter zu regierende Kajake verlangt und ein kurzer, breiter auch besser schaukelt und weniger Spülwasser nimmt.

Querschnitt des Kajaks.
Die punktierte Linie stellt den Bezug vor.
Der Kajak pflegt zwischen Boden und Deck 12-15 cm hoch zu sein, vor dem Kajakringe ist er einige Centimeter höher, um das Einsteigen zu erleichtern und den Schenkeln des Sitzenden Raum zu geben. Der Kajakboden ist ziemlich flach und bildet zwei sehr stumpfe Winkel (von ungefähr 140°) nach der Mitte zu. Nach vorne und hinten verschmälert er sich proportionsmäßig und läuft an beiden Enden in eine Spitze aus. Einen Kiel hat er nicht, dafür aber auf der Unterseite an beiden Enden gewöhnlich einen Beschlag von Knochenschienen, meistens aus Walfischrippen, der dazu dient, den Kajakbezug beim Landen vor Beschädigung durch scharfe Eisstücke und spitze Steine zu schützen. Beide Kajakspitzen sind gewöhnlich teils zum Schutz, teils zur Verzierung mit einem Beinknopf versehen.
Oben auf dem Verdeck sind meist sechs Querriemen vor und drei bis fünf hinter dem Kajakring angebracht. In diese Riemen werden alle zum Fange nötigen Waffen und Geräte gesteckt, so daß sie sicher liegen und zur Hand sind. In diese Riemen sind Knochenstücke eingedrückt, teils um sie zu befestigen, teils auch, um sie etwas über das Verdeck zu erhöhen, damit sich die Waffen schneller hineinstecken lassen, und schließlich wohl auch, um den Kajak zu zieren. An einigen dieser Riemen wird die erlegte Beute befestigt. Besteht sie aus Federwild, so werden die Vögel mit dem Kopf unter den Riemen gesteckt. Ist es aber ein Seehund, Wal oder Wels, so wird die an dem Tiere befestigte Bugsierleine durch einen Riemen gezogen. Kleinere Fische werden überhaupt nicht festgemacht, sondern bleiben entweder lose auf dem Verdeck liegen oder werden in den hinteren Raum gestaut.
Ein Kajak ist so leicht, daß er mit allem Zubehör ohne Mühe oft mehrere Meilen über Land auf dem Kopfe getragen werden kann.
Zum Rudern bedient man sich eines zweiblattigen Ruders, das in der Mitte festgehalten und abwechselnd rechts und links eingetaucht wird, wie die Ruder unserer spitzen Kähne. Dieses Ruder ist wahrscheinlich aus dem einblattigen Kanoeruder der Indianer entstanden. Bei den Eskimos an der Südwestküste von Alaska finden wir noch heute nur letztere; erst nördlich von Yukonriver stößt man auf zweiblattige Ruder, aber auch dort sind die einblattigen noch überwiegend. Noch nördlicher und weiter östlich, längs der amerikanischen Küste, kommen beide Arten vor, bis schließlich östlich von Mackenzie das zweiblattige Ruder die Herrschaft behält.

Ruder.
Die Aleuten scheinen merkwürdigerweise nur das zweiblattige Ruder zu kennen[11], und soviel ich weiß, ist dies auch bei den asiatischen Eskimos der Fall[12].
Bei schönem Wetter zieht der Kajakmann den sogenannten Halbpelz (Akuilisak) an. Ein Kleidungsstück aus wasserdichtem, enthaartem Fell, mit Sehnen zusammengenäht. In den unteren Rand ist eine Zugschnur oder richtiger ein Zugriemen eingenäht, der so angezogen werden kann, daß der Pelzrand gerade um den Kajakring paßt. Einige Mühe kostet es, ihn über diesen Ring zu streifen. Aber dann ist er auch so festzuschnüren, daß der Halbpelz den Kajak wasserdicht verschließt. Der obere Rand reicht dem Ruderer bis unter die Arme und hält sich hier durch Achselbänder oder Riemen, die über den Schultern liegen und nach Belieben durch einen einfachen Verschlußmechanismus, eine Knochenschnalle, verlängert oder verkürzt werden können. Die Knochenschnalle ist bei aller Einfachheit so sinnreich, daß wir einen so guten Verschluß mit all unseren Metallspangen und -Schnallen nicht herstellen könnten.

Halbpelz.
p>Ueber die Arme werden lose Fellärmel gezogen, die am Oberarm und am Handgelenk festgebunden werden und den Arm beim Rudern trocken halten. Wasserdichte, lederne Fausthandschuhe mit besonderen Daumen bedecken die Hände.
Der Halbpelz genügt, um das Innere des Kajaks vor kleineren Wellen zu schützen. Bei hohem Seegang aber muß man den Wasserpelz (Tuilik) anziehen, der beinahe ebenso wie der Halbpelz zugeschnitten ist und ebenfalls um den Kajakring schließt. Nur nach oben zu ist er länger und mit Aermeln und einer Kapuze versehen. Er wird rund um das Gesicht herum und an den Handgelenken zugeschnürt, und mit ihm kann der Kajakruderer den größten Sturzseeen trotzen. Ja, er kann sogar kentern und sich wieder aufrichten, ohne naß zu werden und ohne einen Tropfen Wasser in den Kajak zu bekommen.

Wasserpelz.
Man kann sich denken, daß es nicht leicht ist, in einem Fahrzeug, wie dem Kajak, zu sitzen, ohne zu kentern, und daß dies mit einiger Uebung erlernt sein will. Einer meiner Freunde wollte den Kajak, den ich aus Grönland mitgebracht hatte, probieren und kenterte dabei viermal binnen zwei Minuten; kaum hatten wir ihn wieder aufgerichtet, so sahen wir ihn schon wieder Kopf stehn, den Boden des Kajaks nach oben.
Doch hat man erst die nötige Uebung, so kann man sich auch mit Hilfe des zweiblattigen Ruders bei jedem Wetter wunderbar schnell durch das Wasser bewegen, und der Kajak ist ohne Vergleich auf der ganzen Welt das beste einsitzige Boot.
Man muß freilich seine Lehrzeit früh antreten, wenn man ein tüchtiger Kajakruderer werden will. Die grönländischen Knaben üben sich vom sechsten Jahre an im Boot ihres Vaters, und wenn sie zehn bis zwölf Jahre alt sind, giebt der tüchtige grönländische Fänger jedem Sohn einen eigenen Kajak. So war es wenigstens früher. Ja, Lars Dalager sagt über diesen Punkt: »Wenn sie acht bis zehn Jahre alt sind, müssen sie schon an solide Geschäfte gehen und in ihrem kleinen Kajak draußen auf See arbeiten.«
Von dieser Zeit an geht der junge Grönländer beständig auf den Fang aus. Anfangs beschäftigt er sich nur mit Fischerei, erst später erlernt er den schwierigen Seehundsfang.
Sehr wichtig ist für den Kajakruderer die Fähigkeit, sich nach dem Kentern selbst wieder aufzurichten. Dies geschieht, indem man mit einer Hand das eine Ende des Ruders umspannt, mit der andern aber das Ruder möglichst in der Mitte packt und es längs der einen Seite des Kajaks nach oben hebt, wobei das freie Ende nach der Vorderseite des Kajaks zeigen muß. Darauf führt man das Ruder hastig seitwärts[13] nach außen, so nahe wie möglich an der Oberfläche des Wassers, und beugt den Oberkörper tief auf das Verdeck herab. Ist man noch nicht ganz oben, so ist noch ein Wricken mit dem Ruder nötig.
Ein tüchtiger Kajakmann kann das Ruder zum Aufrichten völlig entbehren. Er hilft sich ebenso gut mit dem Wurfholz, ja sogar mit einem Arme. Der Gipfel der Geschicklichkeit besteht darin, daß man dabei nicht einmal die Hand flach hält, sondern sie ruhig ballt. Ich sah die Eskimos oft zum Beweise, daß sie dies wirklich könnten, vor dem Kentern einen Stein in die Hand nehmen und damit wieder emporkommen.
Ein Eskimo erzählte mir von der außerordentlichen Geschicklichkeit eines gewissen Fängers in dieser Hinsicht. Er könne sich nach rechts aufrichten — nach links — mit Ruder — ohne Ruder — mit Wurfholz — ohne Wurfholz — mit ausgestreckter Hand — mit geballter Faust, ja, das einzige, womit er sich nicht aufrichten könne, sei — die Zunge. Und dabei streckte mein guter Eskimo seine eigene Zunge heraus und schnitt abscheuliche Grimassen, um mir zu veranschaulichen, welche ungeheure Anstrengung es kosten würde, sich mittelst eines so unbequemen Werkzeuges in die Höhe zu arbeiten.
Früher mußte jeder einigermaßen tüchtige Kajakruderer auf der Westküste sich in jeder Lage »aufrichten« können und konnte es auch. Seit aber die europäische Zivilisation und damit der Verfall hier ihren Einzug hielten, geht es auch in diesen Dingen den Krebsgang. Immerhin findet man es noch an vielen Stellen, und ich kann aus eigener Anschauung behaupten, daß in Kangek bei Godthaab die meisten Seehundsfänger es konnten. Auf der Ostküste scheint, nach Kapitän Holms Aussage, diese Geschicklichkeit noch allgemein zu sein, aber jedenfalls nicht so, wie früher auf der Westküste. Das ist sehr wohl begreiflich, da es an der Westküste wenig Eis und viel hohen Seegang giebt, während im Osten das umgekehrte Verhältnis herrscht.
Ein Kajakmann, der sich in jeder Lage aufrichten lernte, kann jedem Wetter trotzen. Kentert sein Kajak, so ist er gleich wieder oben. Er spielt mit den Wellen und durchstreift sie wie ein Seevogel. Bei schwerem Seegang legt er die Seite des Kajaks bei und das Ruder flach aufs Deck, beugt sich vornüber und läßt sie über sich hinrollen. Oder er wirft sich ihnen auch wohl seitwärts entgegen und richtet sich wieder auf, wenn sie über ihn hingerollt sind. Das schwerste Seemanöver, von dem ich hörte, sollen einige Fänger bei tobender See ausführen, indem sie beim Stehen der Sturzwellen freiwillig kentern und sich erst wieder aufrichten, wenn die Wellen über den Boden des Kajaks hingegangen sind. Eine kühnere Art von Seetüchtigkeit ist schwerlich denkbar.
Kann man sich nicht selber aufrichten, so ist, falls keine Hülfe in der Nähe ist, mit dem Augenblicke des Kenterns alle Hoffnung auf Rettung aus. Und man kentert so leicht. Eine Sturzsee genügt, und auch das Festhaken der Leine beim Harpunieren eines Seehundes kann dazu führen. Es geschieht aber auch ebenso oft bei stillem Wetter oder durch eine einzige unvorsichtige Bewegung.
Heutzutage finden alljährlich viele Eskimos ihren Tod auf diese Weise. Als Beispiel sei angeführt, daß im Jahre 1888 im dänischen Südgrönland von 162 Todesfällen (worunter 90 Personen männlichen Geschlechtes) 24 oder etwa 15% (also mehr als ein Viertel der männlichen) durch Ertrinken beim Kajakkentern verursacht wurden.
Im Jahre 1889 kamen auf 272 Todesfälle (worunter 152 Personen männlichen Geschlechtes) wieder 24 oder ungefähr 9% Ertrunkene. Dies bezieht sich auf eine Bevölkerung von 5614, von denen 2591 Männer sind.

