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Eskimoleben

Kapitel V. Winterhäuser, Zelte, Frauenboote und Reisen.

Margarethe Langfeldt translation

Im Winter wohnen die Grönländer in Häusern aus Steinen und Rasen. Diese erheben sich anderthalb bis zwei Meter über der Erde, während der Fußboden tiefer liegt. Das Dach ist flach, etwas gewölbt. Solch ein Haus gleicht von außen einem unansehnlichen Erdhaufen.

Die Häuser enthalten nur ein einziges Zimmer, und darin wohnen meistens mehrere Familien, Männer und Frauen, Greise und Kinder. Es ist so niedrig, daß ein mehr als mittelgroßer Mann darin kaum aufrecht stehen kann. Das Zimmer hat, wie das Haus von außen, die Form eines Rechteckes. Die eine Längswand nimmt die ungefähr zwei Meter breite Hauptpritsche ein, auf der die Bewohner des Hauses, d. h. die Verheirateten, alle erwachsenen Töchter und die Kinder beiderlei Geschlechts, schlafen. Hier liegen sie in langer Reihe nebeneinander, die Füße der Wand und den Kopf der Stube zugekehrt.

H. E. Saabye sagt in seinem obenerwähnten Tagebuch, die Ehebetten seien unter der Pritsche aufgeschlagen. Ich habe nichts entdeckt, was darauf schließen ließe, daß dies im Godthaabdistrikte heute noch irgendwo der Fall ist.

Die unverheirateten Männer liegen gewöhnlich auf den kleineren Pritschen unter den Fenstern, die in der entgegengesetzten Längswand angebracht sind, und deren Zahl sich, je nach der Größe des Hauses, auf eines, zwei und auf drei beläuft. Die Scheiben bestanden früher stets aus Darmhaut oder dergleichen, jetzt aber findet man auf der Westküste meistens schon Glasfenster. An den kurzen Seitenwänden befinden sich gewöhnlich auch Pritschen, auf diesen und den Fensterpritschen schlafen etwaige Gäste.

Wohnen — wie man es gewöhnlich trifft — mehrere Familien in einem Hause, so ist die Hauptpritsche durch Holzstützen, die vom Vorderrande der Pritsche bis zur Decke reichen und mittelst niedriger Seitenwände mit der hinteren Wand verbunden sind, in verschiedene Buchten geteilt, von denen jede einer Familie als Schlafzimmer dient. Es scheint uns beinahe unglaublich, wie wenig Raum die Eskimos brauchen. Kapitän Holm beschreibt ein Haus auf der Ostküste, das etwa 27 Fuß lang und 14½ Fuß breit war und in dem acht Familien, zusammen 38 Personen, wohnten. In einer vier Fuß breiten Bucht schlief ein Mann mit zwei Frauen und sieben Kindern. Da darf sich der Einzelne natürlich nicht breit machen.

Die Betten bestehen aus Seehunds- und Renntierfellen. Damit deckten sie sich früher auch zu und lagen, das obenerwähnte Hauskleid abgerechnet, ganz nackt darunter. Heutzutage deckt man sich auf der Westküste meistens mit Federbetten zu.

Früher wurden die Wände mit Häuten bekleidet, und die bloße Erde, zum Teil mit Fliesen belegt, bildete den Fußboden. Jetzt aber, da viel europäischer Luxus eingeführt ist, hat man auf der Westküste schon angefangen, die Wände zu täfeln und die Fußböden zu dielen. Ja, man hat selbst die Sitte angenommen, die Fußböden aufzuwaschen und zwar sogar ein paarmal im Jahre.

In das Haus gelangt man durch einen langen, engen Gang, dessen Fußboden teilweise in die Erde hineingegraben ist und der ebenfalls aus Steinen und Rasen besteht. Von außen steigt man durch ein Loch in ihn hinein. Gewöhnlich ist er so eng und niedrig, daß man in hockender Stellung hindurchkriechen muß, und für große Leute hat das Durchkommen seine Schwierigkeiten. Ich hörte in Sardlok, daß ein allerdings recht dicker Ladenjüngling aus Godthaab an einem engen Punkte des Ganges von Terkels Hause stecken geblieben sei. Da lag er, mit Händen und Füßen arbeitend, und schrie wie besessen, konnte aber nicht von der Stelle. Das Ende vom Liede war, daß vier Knaben beauftragt wurden, ihn aus der Klemme zu befreien. Zwei kamen von hinten und schoben den fleischigsten Teil des Körpers, der bei dem guten Herrn allerdings sehr umfangreich gewesen sein soll, vor sich her, während die beiden andern aus dem Innern des Hauses herbeieilten, um ihn an je einem Arme vorwärts zu ziehen. Alle vier mühten sich im Schweiße ihres Angesichts ab, aber der Dicke saß fest wie ein Werglappen in einem Flintenlaufe, und man wollte schon das Dach abdecken, um ihm freien Durchgang zu verschaffen, als er endlich vorwärts rutschte. Soviel ich mich erinnere, hat nachher ein Fenster eingeschlagen werden müssen, um ihn auf diesem Wege wieder aus dem Haus zu schaffen.

In die Stube kommt man aus diesem Gange durch eine kleine viereckige Oeffnung, die gewöhnlich in der vorderen Längswand angebracht ist und mit einer Thür oder einem Brette geschlossen wird.

Der Zweck dieses Hausganges ist, das Eindringen der kalten und das Entweichen der warmen Luft zu verhindern. Er liegt deshalb tiefer als das Haus, wodurch gleichzeitig etwas Ventilation erreicht wird, da die dicke, schlechte Luft teilweise in ihn hinabsinken und durch ihn entweichen kann.

In den nach altgrönländischem Muster eingerichteten Häusern giebt es keinen Feuerherd. Sie werden durch Thranlampen, die Tag und Nacht brennen, erleuchtet und erwärmt. Daß letztere auch nachts brennen, geschieht nicht nur der Wärme wegen, sondern weil der außerordentlich abergläubische Eskimo sich entsetzlich im Dunkeln fürchtet. Wenn irgendwo Not herrscht, so wird als Beweis für die schlechten Verhältnisse angeführt: »Denkt nur, die armen Leute müssen nachts ohne Lampen schlafen!«

Die Lampen sind große, offene, flache Schalen von Speckstein in Form eines Halbmondes. Auf der rechten Seite liegt der aus Zeug oder trockenem Moos gedrehte Docht. Diese Lampen werden auf einen hölzernen Fuß gestellt, der auf einem kleinen Tisch oder einer Erhöhung an der Vorderseite der Pritsche steht. Gewöhnlich hat jede Familie ihren eigenen Lampentisch. Wohnen nun mehrere Familien zusammen, so kommen auch viele Lampen zusammen, da jede mindestens eine, in der Regel aber mehrere brennt.

Ueber diesen Lampen wurde früher auch in Specksteintöpfen, die von der Decke herabhingen, gekocht. Die Zubereitung der Speisen ging natürlich, wie alles andere, auch in diesem Zimmer »für alles« vor sich.

Auf der Ostküste ist es noch heute so. Auf der Westküste hat die moderne Civilisation insofern eine Aenderung bewirkt, als das Essen dort meistens in einem an der Seite des Ganges angebauten Raume auf einem Herde gekocht wird. Das Brennmaterial besteht aus Torf und Mövenerde — ein sehr feiner Ausdruck für alten getrockneten Mövendung. Auch die alten Specksteintöpfe haben eisernen, die im Kolonieladen feilgehalten werden, Platz gemacht.

Manche Westgrönländer sind sogar so raffiniert geworden, daß sie aus dem Kolonieladen Oefen zur Erwärmung ihrer Stube kaufen. Das Feurungsmaterial ist freilich dasselbe geblieben. Gleichzeitig aber brennen sie noch immer die unentbehrlichen Lampen, wenn nicht aus anderen Gründen, so doch der Erhellung wegen.

Früher fand man in Grönland meistens große, von mehreren Familien bewohnte Häuser. Dadurch wurde die Heizung billiger, und die Bewohner hatten es schön warm, abgesehen davon, daß die Geselligkeit im ganzen auch manche Vorteile gewährte. Hier hat sich der Einfluß der Europäer nicht als gut erwiesen. Sie drangen auf die Verteilung der Familien in einzelne kleine Häuser und setzten große Belohnungen für das Bauen solcher Häuser aus. Sie hielten es für so schön, daß jede Familie für sich selbst lebte! Aber die Häuser wurden schlechter und kälter, es wurde mehr Material zur Erleuchtung und Heizung gebraucht, als sich allemal beschaffen ließ, und das ganze vorteilhafte System geriet in Zerrüttung.

Im Winter, wenn alles festgefroren ist, mögen solche Erdhäuser recht gut sein, doch im Sommer, wenn es von den Wänden trieft und das Dach leckt und bisweilen von selbst einfällt, sind sie kein gesunder Aufenthaltsort. In alten Zeiten verließ daher der Grönländer im April, bei Frühlingsanfang, sein Haus und deckte oft sogar das Dach ab, damit die Wohnung bis zum Herbste gehörig auslüften und vom Regen reingewaschen werden könnte — ein recht bequemes Scheuerfest.

Den ganzen Sommer und einen guten Teil des Herbstes hindurch, bis in den September oder Oktober lebten dann die Grönländer in Zelten, und gewöhnlich hatte jede Familie ein eigenes. Dieses Zelt hatte eine eigentümlich halbrunde Form mit einer Eingangsthür an der hohen, flachen Seite. Es ist innen ähnlich wie ein Haus eingerichtet, die Pritsche läuft an der schrägen Hinterwand entlang, der Thüröffnung, die ein Vorhang von halbdurchsichtiger Darmhaut verschließt, gegenüber. Die Wände des Zeltes bestehen aus einer äußeren Schicht von abgehaarten, wasserdichten Häuten, wozu gewöhnlich alte Bootbezüge verwendet werden, und einer inneren Schicht mit den Haaren nach innen gekehrter Renntier- oder Seehundsfelle. In diesen Zelten, die übrigens recht warm sind, gehen die Eskimos nackt, wie bei sich zu Hause.

Unzertrennlich von dem sommerlichen Zeltleben ist das Frauenboot. Dieses bis zu 12 m lange Boot ist von den Europäern so benannt worden, weil es im Gegensatze zum Kajak von Frauen gerudert wird.

Es ist ein offenes Boot mit Holzrippen, außen mit Seehundsfell bezogen, schmal und verhältnismäßig sehr flach. Es rudert sich außerordentlich leicht, aber infolge seiner Form ist es ein unhandliches, schlechtes Seeboot, weshalb die Grönländer auch sofort damit an Land gehen, wenn der Wind sich aufmacht. Ein kleines Segel läßt sich im Vordersteven anbringen und bei günstigem Winde benutzen. Segeln ist übrigens eine Kunst, auf die sich der Eskimo nicht versteht und für die er sich auch nicht interessiert.

In einem solchen Boote wird die ganze irdische Habe der Familie untergebracht, das Zelt, alles Hausgerät, Kinder, Hunde, Frauen u. s. w. Es wird von mehreren bis zu zehn Ruderinnen gerudert und geht, wenn ihrer so viele sind, mit guter Fahrt. Der Hausvater steuert gewöhnlich, und die übrigen männlichen Mitglieder der Familie rudern in ihren Kajaken hinterdrein.

In ihren Frauenbooten zogen die Grönländer den ganzen Sommer hindurch von einem Fangplatz zum anderen und blieben einen oder zwei Monate in den Buchten, in deren Nähe es Renntiere gab. Dort gingen sie auf die Jagd und lebten herrlich und in Freuden.

Dazumal unternahmen sie auch häufig lange Reisen an der Westküste, hinauf und hinab, wie es die heidnischen Ostgrönländer noch heute an der Ostküste thun. Um dem Leser einen Begriff von der Ausdehnung dieser Reisen zu geben, will ich erwähnen, daß Eskimofamilien aus Angmagsalik an der Ostküste (65½° nördl. Br.) mit Kind und Kegel nach den westlich vom Kap Farvel liegenden Marktplätzen und zurück fahren, also eine Strecke von 110 Meilen. Schnell reisen sie freilich nicht; das eine der beiden Frauenboote, die wir 1888 bei Kap Bille an der Ostküste trafen und die südwärts wollten, kam erst zwei Jahre darauf, im Jahre 1890, in Pamiagdluk westlich vom Kap Farvel an, obgleich die Entfernung nur 40 Meilen beträgt und wir sie meiner Ansicht nach mit unseren Booten in acht bis vierzehn Tagen hätten zurücklegen können. Doch sobald die Grönländer an einen Platz kommen, an dem sich viele Seehunde aufhalten, legen sie bei, schlagen ein Lager auf, gehen auf den Seehundsfang und lassen sich's wohl sein. Naht der Herbst oder der Winter, so suchen sie sich eine passende Stelle zum Bau eines Winterhauses und setzen die Reise im Frühling oder im Sommer, wenn das Eis ihnen das Weiterziehen gestattet, fort. Das oben erwähnte Frauenboot hatte auf diese Weise drei Jahre auf der Reise von Umivik nach Pamiagdluk zugebracht und wird wohl kaum weniger Zeit zur Heimreise gebraucht haben. Das andere Frauenboot, das von Kap Bille nach Süden ging, kam bis Nanusek, wo überwintert wurde; dort aber starb der Familienvater, die Hinterbliebenen kehrten um und traten die lange Heimreise nach Angmagsalik an. Und zwar unverrichteter Sache, da sie ihr Ziel, den nicht mehr als 15 Meilen entfernten Handelsplatz, nicht erreichten.

Illustration from Eskimoleben

Schlechtes Wetter.

Das Reisen längs der Westküste ließ sich natürlich viel schneller und leichter ausführen, weil dort das Treibeis nicht hindernd in den Weg trat.

Durch diese Reisen entgingen sie der Gefahr, an den einzelnen Plätzen gar zu abgeschieden zu leben. Sie trafen Leute und verkehrten mit anderen Menschen, den ganzen Sommer über herrschte Leben und Verkehr an den grönländischen Küsten, was auf manche Art vorteilhaft war. Das Gemüt belebte sich neu, die Fanginteressen wurden angespornt, und die Fanggeschicklichkeit entwickelte sich, abgesehen davon, daß der häufige Wechsel des Jagdgebietes auch bedeutend mehr Wild einbrachte.

Das Sommerleben in den verhältnismäßig reinlichen, luftigen Zelten ist, abgesehen von dem Vergnügen, das es, wie man sich leicht denken kann, gewährt, viel gesunder als der Aufenthalt in den dumpfen, stinkenden Erdhütten. Kein Wunder also, daß die schönsten Träume des Grönländers mit dem Frauenboot und dem Zelt verknüpft waren.

Leider sind wir Europäer hier wieder die Ursache einer bedauernswerten Veränderung. Hans Egede klagte freilich sehr darüber, wie schwer es sei, den Grönländern ihr ständiges Umherziehen abzugewöhnen und sie dahin zu bringen, sich an einem Orte dauernd anzubauen, damit er ihnen in Ruhe das Christentum predigen könne. Er schlug sogar vor, man solle sie durch Zucht und Disziplin anhalten, ein seßhafteres Leben zu führen. Wenn dieser fromme Mann, der nur an das für Gottes Reich Notwendige dachte, jetzt lebte, könnte er wohl zufrieden sein: die christlichen Grönländer unserer Zeit begeben sich kaum mehr auf die Reise. Bei der großen Armut, die wir über sie gebracht haben, werden der Seehundsfänger, die imstande sind, sich hinreichend Felle zu Zelt und Frauenboot — und beide Teile sind zum Reisen ja notwendig — zu verschaffen, immer weniger. Dafür aber sehen sich jetzt ihrer immer mehr gezwungen, das ganze Jahr hindurch in den ungesunden Winterhäusern zu wohnen, in denen ihre Gesundheit leidet und die ein ganz vorzüglicher Nährboden für Bakterien und alle möglichen ansteckenden Krankheiten sind. Dazu kommt noch, daß die Männer ihr Fangrevier nicht wechseln können, sondern jahraus jahrein dieselben Stellen aufsuchen müssen. Hierdurch verringert sich die Ausbeute natürlich sehr, die Kost wird entsprechend schlechter, und der unentbehrlichen Seehundsfelle giebt es immer weniger. Ist erst das ganze grönländische Volk auf dieses Niveau, diesen festsitzenden Zustand, der Egede wohl als Ideal vorschwebte, herabgedrückt, dann wird es ihm wahrhaftig schwer werden, sich wieder zu erheben, und es wird kaum noch zu retten sein. Und der Niedergang hierin ist in den letzten Jahren geradezu besorgniserregend gewesen.

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