II. Die Karolinger.
Reading edition
Vom Anfang des achten bis zum Anfang des zehnten Jahrhunderts.
§ 1. Neue Anfänge der Geschichtschreibung. Fredegars Fortsetzer. [←]
Ausgaben mit Fredegars Chronik. Uebersetzung von O. Abel ebend. und von 735 an bei Einhards Annalen; vereinigt u. nach der neuen Ausg. v. Krusch berichtigt 1888. — Cauer, De Carolo Martello, Berl. 1846. Breysig, De continuato Fredegarii scholastici chronico, Berl. 1849. Oelsner, De Pippino rege, Vratisl. 1853. p. 24-34 De Chronico Fredegarii continuato. Breysig, Karl Martell S. 112. Hahn, Einige Bemerkungen über Fredegar, Arch. XI, 805-840. G. Monod, Revue crit. 1873, I, 153. Br. Krusch, NA. VIII, 495-515.
Das Haus der Karolinger bewies von Anfang an seine Berechtigung zur Herrschaft dadurch, daß es allein im Stande war, das Reich herzustellen, dem weit vorgeschrittenen Verfall Einhalt zu thun und auf neuen Grundlagen ein neues Zeitalter zu begründen. Auch das Wiedererwachen der Geschichtschreibung knüpft sich an sein Auftreten: mit dem Jahre 687, mit dem entscheidenden Siege Pippins, beginnen die Annalen von St. Amand.
Fredegars Chronik war in Burgund, das Buch von den Thaten der Franken in Neustrien geschrieben, in Austrasien fanden beide ihre letzte Bearbeitung und Fortsetzung. Viel ist über die Beschaffenheit dieser, über die Arbeit der verschiedenen dabei thätigen Personen geschrieben worden; ich halte mich jetzt an die Resultate von Br. Krusch, welcher genauer, als zuvor geschehen war, namentlich auch in Bezug auf die Sprache, die Prüfung durchgeführt hat.
Als unter Pippin das Frankenreich in seiner neuen Gestaltung glänzend befestigt war, unternahm es sein Oheim Childebrand, auch für das dauernde Andenken dieser merkwürdigen Begebenheiten zu sorgen. Er ließ ein Exemplar der alten Chronik des Fredegar sorgfältig abschreiben, aber er oder der von ihm Beauftragte begnügte sich nicht mit einfacher Abschrift: er ließ den Liber generationis weg, und setzte an dessen Stelle den Hilarianus de cursu temporum ein, welchen er in seiner Vorlage an anderm Orte fand, und erweiterte die Stammsage im Hieronymus durch ein Excerpt aus Dares Phrygius. An den Fredegar knüpfte er einen Auszug von cap. 43 bis 52 der Gesta Francorum nebst ihrer 736 geschriebenen Fortsetzung; recht mangelhaft gearbeitet und voll chronologischer Verwirrung, aber bereichert mit Zusätzen, welche das Haus der Arnulfinger hervorheben, während er manches wegließ, was das Haus der Merowinger betraf, das ihn nicht mehr kümmerte; anfangs dürftig, dann von erheblichem Werthe. Das ist die sog. erste Fortsetzung (cap. 1-17) bis zur Mitte von cap. 109, an welche bis cap. 117 incl. die zweite (cap. 18-33) sich reiht, innerhalb welcher stilistische Gründe einen Wechsel des Schreibers (nach cap. 109) annehmen lassen. So weit, bis 752, war unter Childebrands Leitung das Werk geführt, da übernahm dessen Sohn Nibelung[1] die weitere Fortsetzung (cap. 34-54), welche uns in noch schlechterem Latein einen schon ausführlicheren, nach Jahren genau geordneten und wohl theilweise gleichzeitig aufgezeichneten Bericht über die königliche Herrschaft Pippins darbietet.
Als vereinzelte sehr schätzbare Notiz reiht sich an diese Fortsetzer des Fredegar eine Aufzeichnung aus Saint-Denis über die Königsweihe Pippins und seiner Söhne (754) durch Pabst Stephan II[2], welche sich am Schluß einer Handschrift von Werken Gregors von Tours befindet, von anderer Hand mit blasserer Dinte geschrieben und offenbar aus einer älteren Handschrift herübergenommen, und Clausula de Pippino genannt wird[3].
So wie das ganze Reich von den Merowingern an die Karolinger überging, so wurde auch die einzige Chronik der Franken zu einer Familienchronik des karolingischen Hauses. Sie gewinnt dadurch gewissermaßen einen officiellen Charakter und damit eine gewisse Glaubwürdigkeit; andererseits leidet sie aber auch an den Mängeln solcher amtlicher Aufzeichnungen. Je näher die Verfasser den Karolingern standen, je besser sie unterrichtet waren, um so mehr hüteten sie sich auch etwas aufzunehmen, was den Machthabern unangenehm war. Es genügt in dieser Beziehung den einen Umstand hervorzuheben, daß die bedeutenden und gefährlichen Unruhen, welche Grifo, Karl Martels Sohn von der Swanhilde, nach des Vaters Tod erregte, und welche dem Verfasser doch unmöglich unbekannt geblieben sein konnten, hier mit gänzlichem Stillschweigen übergangen werden. Ebensowenig ist andererseits von der ganzen Wirksamkeit des Bonifatius und überhaupt von den kirchlichen Angelegenheiten die Rede. Eine vollständige und unparteiische Uebersicht der Begebenheiten darf man daher bei diesen Fortsetzern des Fredegar nicht suchen[4].
Ebenso wenig unparteiisch, zur Verherrlichung der Arnulfinger geschrieben und namentlich in den ältesten Theilen irreführend, übrigens aber aus guten Quellen geschöpft, reichhaltig auch über Grifo, ist die Geschichte von 687 bis 692, welche den Anfang der Annales Mettenses bildet[5], wo bis 768 eine Compilation aus Fredegar u. a. Annalen sich anschließt. Früher gering geschätzt, ist sie von L. Ranke nachdrücklich in Schutz genommen und ihr Werth ins Licht gestellt[6]. Es kommt hinzu, daß das Fragmentum de Pippino duce[7], welches Bonnell für ein schlechtes Excerpt aus den Mettenser Annalen erklärt hatte, in dem Cod. Arundel. 375 saec. XI. des Brit. Museum aufgefunden ist[8] und, da es nun als Quelle anerkannt ist, ein höheres Alter dieser Darstellung verbürgt.
Natürlich ist es, daß man bei fortschreitender litterarischer Bildung bald sowohl an der rohen Form des Fredegar und seiner Fortsetzer, als auch an dem dürftigen Inhalt dieser Aufzeichnungen Anstoß nahm. Zu Karls d. Gr. Zeit entstand eine Compilation, in welcher die Chronik des Beda verbunden ist mit Zusätzen aus Hieronymus, Orosius, Fredegar und seinen Fortsetzern, den Gestis Francorum und Jahrbüchern, die mit den Lorscher große Aehnlichkeit haben, bis 741. Wir werden auf dieses sowie auf andere ähnliche Arbeiten später zurückzukommen haben.
Mit dem kriegerischen Ruhme vereinigte das karolingische Haus, wie es zu einer hervorragenden Stellung damals fast unerläßlich war, auch den kirchlichen. Klosterstiftungen und klösterlich frommer Lebenswandel schmücken ihren Stammbaum mit Heiligen, wie Gertrud und Begga, und auch dem Ahnherrn, Bischof Arnulf von Metz, wurde mit gutem Recht die dankbare Verehrung der Nachkommen zu Theil. Sein Leben ist auch von einem Zeitgenossen beschrieben worden, und was hier über ihn berichtet wird, ist werthvoll, aber dem Verfasser[9], einem der Mönche, welche den h. Romarich nach Metz begleiteten, als er den weltmüden Bischof 629 nach seiner Einsiedelei in Remiremont abholte, hatte begreiflicher Weise wesentlich den Zweck und Gesichtspunkt, seine kirchlichen Tugenden zu preisen[10].
Als Werk eines Zeitgenossen und Augenzeugen schätzbar ist auch das Leben der h. Gertrud, Pippins I Tochter, der Stifterin des Klosters Nivelle, wo sie am 17. März 659 starb. Ganz ohne Grund von Bonnell verdächtigt, ist ihre Lebensbeschreibung von Friedrich in ihrem Werth erkannt, und von Krusch nach einer Handschrift des achten Jahrhunderts herausgegeben[11].
Einige gute Nachrichten enthält auch das noch zu König Pippins Lebzeiten geschriebene Leben des Stifters des Klosters Laubach oder Lobbes, Ermino († 737) vom Abt Anso[12]. Die schon für diese Zeit nicht unwichtige Lütticher Litteratur werden wir später noch zu berühren Anlaß haben.
Ganz unverändert werden uns ausser diesen sehr wenige Legenden erhalten sein; dafür ist ihre Form zu glatt, zu abweichend von den authentischen Denkmälern. Zum Vorlesen bestimmt und gebraucht, mußten sie der zunehmenden Bildung angepaßt werden, und leicht verbanden sich damit Zusätze und Aenderungen, welche auch den Inhalt berührten.
§ 2. Die Angelsachsen. [←]
Die zahlreichen Missionen der irischen Mönche vermochten doch nichts dauerndes zu schaffen, und auch in der Heimath konnte diese alte vereinzelte Kirche sich der römisch-englischen Uebermacht nicht erwehren. Sie unterlag überall, aber nicht etwa der äußern Uebermacht allein; in jeder Weise wurden die Angelsachsen ihrer alten Lehrer Meister. In den großen Weltchroniken des Mittelalters finden wir kaum eine Erwähnung von Irland; die Reiche der Angelsachsen aber treten auffallend in den Vordergrund für lange Zeit. Das ist der Einfluß des Beda († 735), dessen Schriften diese Angaben entnommen wurden. Einen Mann wie diesen Beda hat die gesammte irische Kirche nicht hervorgebracht; er war der Lehrer des ganzen Mittelalters. Durch mathematische Kenntnisse haben gerade die Schottenmönche sich ausgezeichnet, auf ihren Unterricht mag ein bedeutender Theil der Gelehrsamkeit Beda's sich, wenn auch nur mittelbar, zurückführen lassen, ihm aber war es vorbehalten, durch die Gediegenheit und Faßlichkeit seiner Lehrbücher für Jahrhunderte in jedem Kloster die Anleitung zu den nöthigen astronomischen Kenntnissen zu geben; wo man es verschmähte, tiefer einzudringen, benutzte man wenigstens seine Ostertafeln als unentbehrliches Hülfsmittel der kirchlichen Zeitrechnung, in welcher durch ihn die für leicht übersichtliche Chronologie so förderliche dionysische Era üblich wurde. Sein Martyrologium ist die Grundlage aller späteren Umarbeitungen; seine kleine Chronik von den sechs Weltaltern (bis 726) war überall bekannt, und die Kirchengeschichte Englands (bis 731) wurde um so eifriger gelesen, weil man hierin den Ursprung der eigenen Kirche erkannte, sowie sie andererseits das Bewußtsein dieser Verbindung wach erhielt[1]. Hatten die irischen Missionare nicht durch Frömmigkeit allein, sondern auch durch mancherlei Kenntnisse und Gelehrsamkeit die Bewunderung der Franken erregt, so überragten doch nun die Angelsachsen noch in weit höherem Maße alles, was man bis dahin gekannt hatte.
Ein älterer Zeitgenosse des Beda, ein Northumbrier aus dem Kloster Streoneshalch (Whitby), an Bildung und Wissen ihm weit nachstehend, hat seiner Verehrung für den Begründer des Christenthums in England, Pabst Gregor den Großen, ein merkwürdiges Denkmal gestiftet, indem er, so gut er es vermochte, eine Lebensbeschreibung desselben verfaßte, mit nicht unwichtigen Nachrichten über die Bekehrung seiner Heimath Wundergeschichten und den Preis der Werke Gregors verbindend. Dieses merkwürdige Werkchen ist erst durch P. Ewald in einer alten Sanctgaller Handschrift entdeckt, der wesentliche Inhalt mitgetheilt, und mit grossem Scharfsinn nachgewiesen, dass dieses die von Beda, Paulus Diaconus und Johannes Diaconus benutzte angelsächsische Legende ist[2].
Schon vor Beda hatte auch die angelsächsische Mission begonnen, welche sich hauptsächlich den stammverwandten Sachsen und Friesen zuwandte. Ein charakteristischer Unterschied dieser Mission von der irischen liegt in ihrem Verhältniß zum römischen Stuhl: seitdem S. Augustin, von Gregor dem Großen gesendet, die englische Kirche begründet hatte, war diese in der engsten Verbindung mit Rom geblieben, und von da aus geleitet, wurde die Kirchenverfassung fest und sicher organisirt. Dadurch gewann diese Mission einen ganz anderen Boden, und war nicht der Vereinzelung und der daraus folgenden Verwilderung ausgesetzt, welche den Erfolg der Schottenpredigt auf einzelne Klosterstiftungen beschränkte.
An zuverlässigen Lebensbeschreibungen der älteren unter diesen Glaubensboten fehlt es freilich auch, und ihre Wirksamkeit würde uns in nicht minder zweifelhaftem Dämmerlichte erscheinen, als die der Schottenmönche, wenn nicht die englische Kirche, von der sie ausgingen, in helleren Umrissen vor uns stände, und vor allem Beda uns so manche sichere Nachricht aufbewahrt hätte.
Augustin, der erste Erzbischof von Canterbury, starb um das Jahr 604. Schon sein Schüler Livin soll in Friesland gepredigt haben, seine Lebensbeschreibung aber ist ein späteres betrügliches Machwerk. Da sie fälschlich dem Bonifatius zugeschrieben wird, findet sie sich in der Sammlung seiner Schriften[3].
Auch Wilfrid, Erzbischof von York, der im J. 709 gestorben ist, hat unter den Friesen gepredigt, als er auf einer Reise nach Rom 678 an ihrer Küste landete, um den Nachstellungen des Hausmeiers Ebroin zu entgehen[4]. Besonderes Verdienst um die Mission erwarb sich aber Egbert, der Abt des Klosters Hy, in welchem er die bis dahin dort herrschende irische Weise durch die siegreiche römisch-englische verdrängte. Er entsandte zum Friesenfürsten Radbod den Wigbert[5], und nach dessen Heimkehr im Jahre 690 Willibrord mit elf Gefährten. Dieser, 695 in Rom zum Bischof geweiht, begründete 698 das Kloster Echternach, aber nicht allein als Stätte eines stillen beschaulichen Lebens, sondern als Ausgangspunkt für seine Thätigkeit, und mit Karl Martels Hülfe gelang ihm sodann auch die Stiftung des Bisthums Utrecht, wo er im Jahre 738 als erster Bischof verstorben ist. Sein Leben ist erst lange nach seinem Tode von Alcuin aus fast ausschließlich erbaulichem Gesichtspunkt beschrieben worden[6]; die ältere Lebensbeschreibung, welcher er gewiss wesentlich folgte, von einem Schottenmönch rustico stilo verfaßt, wie die älteste Vita des h. Gallus, ist leider, wie diese verloren, aber sie wurde noch benutzt von Thiofrid, Abt von Echternach (1083-1110), dessen Werk deshalb nicht ohne Werth ist[7].
Gleichzeitig mit ihm predigte auch Suitbert, der Stifter von Kaiserswerth, von dem jedoch nur wenig bekannt ist. Als das merkwürdigste Andenken, welches er uns hinterlassen hat, sehr bezeichnend für die höhere und feinere Bildung, welche diese Angelsachsen in der Heimath pflegten und von da ins Frankenreich verpflanzten, galt bisher die schöne Handschrift des Livius, welche er mitgebracht haben sollte, und die jetzt zu den kostbarsten Schätzen der Wiener Hofbibliothek gehört. Doch wird die Inschrift jetzt richtiger anders gelesen, die Bedeutung der Handschrift aber ist nicht geringer, wenn sie aus der Utrechter Schule stammt[8]. Suitberts Biographie dagegen, angeblich von Liudgers Genossen Marchelm oder Marcellinus verfaßt, ist ein grober Betrug späterer Zeit[9].
Unter den Sachsen predigten der weiße und der schwarze Ewald, deren Lebensbeschreibung aus Beda entnommen, aber völlig sagenhaft ist[10]. Später folgte ihnen Liafwin, jedoch erst um 770, nachdem vielleicht schon mancher Glaubensbote vergeblich, und ohne das Andenken seines Namens zu hinterlassen, versucht hatte, das starre Heidenthum der alten Sachsen zu überwinden. Das Leben Liafwins, von Hucbald von St. Amand, ist nicht ohne Werth, aber doch erst in viel späterer Zeit, im zehnten Jahrhundert verfaßt[11].
In Franken finden wir Burchard, den Bonifaz zum ersten Bischof von Würzburg weihte, wo S. Kilian mit seinen Genossen den Boden bereitet hatte. Auch seine Lebensbeschreibung aber ist erst im 9. Jahrh. von einem Würzburger Cleriker verfaßt und völlig werthlos; die wenigen Thatsachen, welche darin berichtet werden, sind theils entstellt, theils mit oder ohne Absicht erfunden[12].
Die erste wirklich gleichzeitige Lebensbeschreibung besitzen wir von Winfrid, dem Stifter der neuen fränkischen Kirche, der alle die einzelnen Pflanzungen seiner Vorgänger zusammenfaßte in eine mächtige Organisation, und ihnen dadurch die Kraft zum dauernden Bestehen gab, der zugleich die alte verfallene fränkische Landeskirche emporrichtete, und so im Verein mit den karolingischen Herrschern das gewaltige Gebäude aufführte, in dem die neu hervorsprießende geistige Bildung für viele Jahrhunderte eine gesicherte Stätte finden sollte, mitten unter allen Stürmen und Drangsalen der kampferfüllten Zeiten. Allein die Schilderung seines Lebens und seiner Wirksamkeit liegt unserer Aufgabe fern; wir müssen uns hier begnügen, auf die ausführliche Darstellung Rettbergs I, 331 ff. zu verweisen, wo auch genauere Nachweisungen über seine Biographen zu finden sind[13].
Sein kirchlicher Name war Bonifatius, ohne Zweifel von bonum fatum abzuleiten, aber nach einer richtigen Bemerkung von Loofs scheinen die Zeitgenossen den Namen vielmehr von bonum fari hergeleitet zu haben[14]. Er besaß eine für jene Zeit hervorragende Bildung, und wir besitzen noch von ihm eine Grammatik und Metrik[15], und nicht ohne Geschick und Gewandtheit verfaßte Gedichte mit der Vorliebe für Akrostichen und andere Spielereien, welche der Zeit und besonders seinen Landsleuten eigen ist[16].
Von weit größerem Werthe für uns ist die Sammlung von Bonifazens eigenen Briefen und den päbstlichen Schreiben an ihn[17]; aber auch die bald nach seinem Tode, vielleicht noch zu Pippins Lebzeiten[18], sicher vor 786 verfaßte Biographie enthält schätzbare Nachrichten, und erhebt sich weit über die früheren Leistungen der Art. Der Verfasser war ein Priester Namens Willibald, wohl ein Landsmann, der bei der Kirche St. Victor bei Mainz lebte, und auf Veranlassung der Bischöfe Lullus von Mainz und Megingoz von Würzburg seine Arbeit unternahm. Lullus besonders versah ihn mit Nachrichten, so wie auch andere Schüler Winfrids, den Willibald selbst nicht gekannt hatte. Dieser ist freilich hinter einer genügenden Behandlung seiner großen Aufgabe zurückgeblieben; anfangs sorgfältig und genau, scheint er bei der großartigen Entfaltung der Wirksamkeit seines Helden, bei den verwickelteren politischen Verhältnissen unter Pippins Regierung zu ermatten, er wird verwirrt und ungenau, übergeht gänzlich die wichtigsten Vorfälle und eilt weiter zu dem Märtyrertode des Bonifaz[19], bei welchem er in frommem Phrasenschwall verweilt. Aehnliche Erscheinungen sind auch in Biographien der späteren Zeit häufig; wo ein Bischof aus dem engen Kreise der Ascetik und bescheidener Pastoraltugenden heraustritt, wo er als Staatsmann zu schildern war, entzieht er sich dem Gesichtskreis seines Biographen. Hier aber ist der Abstand der §§ 30-32 von Anfang und Ende so auffallend, namentlich auch der Mangel aller bestimmten Angaben über Bonifatius Erhebung auf den Mainzer Stuhl, die plötzlich als fertige Thatsache erwähnt wird, sowie über die Stiftung des Klosters zu Fulda so unerklärlich, daß der Verdacht, Lullus Censurstriche möchten hier verwirrend und verstümmelnd eingewirkt haben, kaum abzuweisen ist[20]. Auch der Streit über die Beerdigung des Märtyrers in Mainz oder in Fulda ist mit keinem Wort berührt. Willibalds Sprache ist noch weit entfernt von der Reinheit der karolingischen Latinität, aber er bezeichnet doch schon den Anfang einer besseren Zeit; er hat in der Schule seine Classiker gelesen, und sein Hauptfehler besteht darin, daß er es zu gut machen will, daß er im Streben nach einem gewählten Stil in Verkünstelung verfällt, während er doch in den Grundregeln der Grammatik noch keineswegs sicher ist[21].
Von Lullus, Bonifatius Schüler und Nachfolger, besitzen wir ebenfalls eine Biographie, in welcher kürzlich Holder-Egger ein Werk Lamberts erkannt hat, und welche deshalb als solche später zu erwähnen sein wird. Ihr geschichtlicher Werth ist unbedeutend[22].
Dagegen ist als ein merkwürdiges Denkmal dieser Zeit noch das Leben der beiden Brüder Willibald und Wynnebald zu nennen[23], verfaßt von einer Nonne des Klosters Heidenheim, welches Wynnebald um 751 gestiftet hatte und bis zu seinem Tode (19. Dec. 761) leitete, während Willibald 741 von Bonifaz zum ersten Bischof von Eichstedt geweiht war. Wie diese Brüder, so stammte auch die Verfasserin, welche mit ihnen verwandt war, aus England, von wo sie erst nach Wynnebalds Tod nach Heidenheim kam. Ihr Werk zeigt uns, was auch aus Bonifatius Briefsammlung hervorgeht, wie sehr lebhaft dort auch die Nonnen an den gelehrten Studien Antheil nahmen. Freilich wurde auch sie, wie es leider so häufig vorkam, durch ihre Gelehrsamkeit zu einer sehr gezierten und schwülstigen Schreibart verleitet und vor fehlerhaftem Ausdruck nicht bewahrt; ja der Ausdruck ist, wie er in der neuen Ausgabe nach der ältesten Handschrift hergestellt ist, sogar in unglaublichem Maaße barbarisch, aber gelehrt barbarisch, d. h. mit griechischen und anderen seltsamen Worten beladen. Den Hauptinhalt und den werthvollsten Theil bildet in dem Leben Willibalds der Bericht über seine Pilgerfahrt nach dem gelobten Lande, welcher darin besonders hervortritt und den größten Raum einnimmt. Er ist offenbar nach den Mittheilungen Willibalds am 23. Juni 778 über seine Pilgerfahrten und die daran sich schließenden Umstände aufgezeichnet.
Nach Wynnebalds Tod übernahm seine Schwester Waldburga die Leitung des Klosters zu Heidenheim, von welcher nur im neunten Jahrhundert Wolfhard von Herrieden in dem Werk über ihre Wunder etwas berichtet[24].
Zu diesem Kreise gehören ferner noch Wigbert, den Bonifaz in Fritzlar als Abt einsetzte, Sualo oder Solus, und Leobgyth oder Lioba, die Aebtissin von Bischofsheim[25], deren Biographen Lupus von Ferrières und Rudolf von Fulda später zu erwähnen sein werden.
§ 3. Die Annalen. [←]
In dem Abschnitte, bei welchem wir jetzt verweilen, in den Anfängen der karolingischen Periode, beginnt zuerst ein Zweig der Geschichtschreibung ans Licht zu treten, welcher sich aus den unscheinbarsten Anfängen zu einer wahren Kunstform entwickelte, und dem wir großentheils die festen Grundlagen der älteren Geschichte des Mittelalters verdanken, nämlich die Jahrzeitbücher oder Annalen. Augenscheinlich durch die Mission veranlaßt, kommen sie jetzt an verschiedenen Orten zum Vorschein. Es bedurfte eben keiner neuen Erfindung, um Jahr für Jahr die wichtigsten Ereignisse gleichzeitig mit wenigen Worten aufzuzeichnen; wir haben ähnliches schon aus der römischen Zeit zu erwähnen gehabt, und es mag auch hin und wieder im merowingischen Reiche geschehen sein, aber erhalten haben sich keine Beispiele davon. Einst hatten die Verzeichnisse der Consuln den passendsten Raum dazu dargeboten, jetzt waren es die überall verbreiteten Ostertafeln, deren Rand schon von selbst dazu aufforderte, neben der Jahreszahl kurze Nachrichten einzutragen. Wir finden diese Aufzeichnungen zuerst in England, und die Missionare, denen Beda's Ostertafeln wohl selten fehlten, behielten die heimische Sitte bei. Mit den Ostertafeln selbst wurden nun auch die Randbemerkungen abgeschrieben, und gingen so von einem Kloster ins andere über; bald fing man an darauf Werth zu legen, schrieb die noch ganz kurzen und mageren, völlig formlosen Annalen auch abgesondert ab, setzte sie fort, verband sie mit anderen, und machte sich endlich auch an die Arbeit, die dürftige Kunde über die frühere Vorzeit durch Benutzung anderer Quellen, aus Schriftstellern aller Art, aus der Sage und gelehrter Berechnung zu ergänzen.
Daraus ergiebt sich nun, wie verschiedenartig, von wie ungleichem Werthe der Stoff ist, welchen diese Jahrbücher uns darbieten. Vielfache Fehler konnten schon beim Abschreiben nicht ausbleiben. Der Rand der Ostertafeln hatte häufig nicht ausgereicht; dann waren Bemerkungen unten, oben, an verschiedenen Stellen nachgetragen[1], durch Zeichen auf das betreffende Jahr bezogen, und oft ist es selbst, wenn das Original noch erhalten ist, schwer sich darin zurecht zu finden. Gedankenlose Abschreiber haben dann nicht selten die allergrößte Verwirrung angerichtet, zuweilen gar die Jahreszahlen ganz fortgelassen[2].
Um diese Annalen also mit Sicherheit benutzen zu können, um an ihnen wirklich eine zuverlässige Grundlage für die Zeitrechnung zu gewinnen, kommt natürlich alles darauf an, ihre Herstammung und Abkunft zu erforschen, spätere Zusätze auszuscheiden, ihrem Ursprung so nahe wie möglich zu kommen, wenn man nicht das Original selbst noch aufzufinden vermag.
Das ist es, was für die gesammte Masse der Annalen aus karolingischer Zeit zum ersten Male von Pertz im ersten Bande der Monumenta geleistet worden ist, und zwar in so ausgezeichneter Weise und mit so umfassender Benutzung des bis dahin bekannt gewordenen handschriftlichen und gedruckten Materials, daß hier für alle weiteren Forschungen die sicherste Grundlage gegeben ist[3].
Es ist jedoch gleich hier auf eine Unterscheidung hinzuweisen, welche erst durch die fortgesetzte Beschäftigung mit dieser eigenthümlichen Form der Geschichtschreibung sich immer deutlicher herausgestellt hat. Zu allgemein hat man anfangs, von späteren Zuständen rückschließend, die Klöster für die Ursprungstätte dieser Aufzeichnungen angesehen; man suchte in allen Annalen nach localen Andeutungen, welche in irgend ein Kloster führen. Auch giebt es wirklich viele Annalen, welche sich dazu eignen; sie verbinden in buntem Gemisch die Hausgeschichte mit Vorfällen von allgemeinerer Bedeutung, die aber in diesem Falle keine zusammenhängende Folge darstellen. Findet sich dagegen eine Reichsgeschichte, welche, wenn auch noch so dürftig, doch das Bestreben nach vollständiger Mittheilung dessen zeigt, was vom Mittelpunkt aus gesehen das ganze Reich betrifft, so wird man den Ursprung schwerlich in einem Kloster zu suchen haben, und wenn hin und wieder eine locale Notiz sich findet, ist sie wahrscheinlich, oft nachweisbar, einer Abschrift zugesetzt. Den Klöstern lag ein solcher Gesichtspunkt ursprünglich ganz fern, während der Hof damals noch wirklich den lebendigen Mittelpunkt des Reiches bildete, an dessen Bewegungen und Heerfahrten auch die Bischöfe mit ihren Caplänen fortwährend sich betheiligen mußten. Die Aebte aber, welche in denselben Strudel hineingezogen wurden, waren entweder geradezu Laienäbte, oder sie entfremdeten sich doch durch solch unklösterliches Leben der Genossenschaft der Mönche. Es hat freilich neuerdings H. v. Sybel für die klösterliche Herkunft von neuem das Wort ergriffen[4], und namentlich behauptet, daß man, was in den sog. Königsannalen steht, im Kloster Lorsch recht gut in Erfahrung bringen konnte. Ich gebe das gerne zu, kann mir aber nicht vorstellen, daß schon im achten Jahrhundert der Sinn der Mönche in so hohem Grade den weltlichen Dingen zugewandt war, was doch auch später nur ausnahmsweise der Fall gewesen ist. Nur für wenige Klöster hatten die jährlichen Feldzüge ein unmittelbares Interesse.
Es hatte nun wohl den Anschein, als ob man die allmähliche Entstehung der geschichtlichen Ueberlieferung aus den unscheinbarsten Anfängen, die Verbindung verschiedener Aufzeichnungen und ihre nun schon besser gelungene Fortführung deutlich vor Augen habe; man glaubte eben jene ersten Anfänge in ursprünglicher Gestalt zu besitzen, und bezweifelte, daß es in jener Zeit des wenig federfertigen achten Jahrhunderts viel mehr und bessere Aufzeichnungen gegeben habe, als uns noch jetzt vorliegen. Allein die fortgesetzte Beschäftigung mit diesen Annalen zeigt in so hohem Grade Uebereinstimmung derselben in vielen Notizen, während doch andere Sätze sich nur in dem einen Exemplar, zugleich jedoch in anderen ganz entlegenen Annalen finden, auch Spuren alter guter Ueberlieferung, die plötzlich in jüngeren Compilationen auftauchen, daß hier, wie in manchen Fällen aus späterer Zeit, kein anderer Ausweg möglich zu bleiben scheint, als die Annahme verlorener Aufzeichnungen, aus welchen nur Excerpte uns vorliegen; wir besitzen nur Bruchstücke einer einst vorhanden gewesenen reicheren Litteratur, die wir uns aber doch hüten müssen, uns zu bedeutend vorzustellen. Große Vorsicht ist hier nothwendig, und eben diese Vorsicht vermisse ich bei Is. Bernays[5], dessen Zusammenstellungen häufig gerade den entgegengesetzten Eindruck machen, indem nur die notorischen Thatsachen übereinstimmen, im Ausdruck aber die größtmögliche Verschiedenheit geradezu aufgesucht sein müßte. Weit vorsichtiger dagegen ist R. Arnold[6] verfahren, und doch scheint auch dessen Annahme von Hofannalen von 771 oder 772 an eine unbegründete zu sein, indem ihr von Waitz[7] die erheblichsten Gründe entgegengestellt sind. Ein solches Werk müßte deutlichere Spuren hinterlassen haben, und als Regel werden wir doch festzuhalten haben, daß man mühsam die dürftigen Aufzeichnungen zusammen arbeitete, und mit einer uns oft unbegreiflichen Sorglosigkeit häufig einzelne Sätze aus einer zugänglich gewordenen Quelle herübernahm, andere bedeutendere Nachrichten aber unberührt ließ.
Als erste Quellen dieser Art können wir zwar nicht mehr die Ann. S. Amandi und Ann. Mosellani, wie sie uns vorliegen, betrachten, aber doch die etwas reichere Quelle der Ann. S. Amandi bis 769 und die Aufzeichnungen, welche den wesentlichen Inhalt der Mosellani ausmachen, bis 764 (oder 760?) annehmen. Nach Arnolds Ansicht wären diese in oder bei Metz (Gorze?) compiliert und im siebenten Jahrzehnt des achten Jahrhunderts mit eigenen, ziemlich reichhaltigen Zusätzen vermehrt, die bis c. 771 reichten. Dieses nicht mehr vorhandene Werk betrachtet Arnold als die gemeinsame Quelle der Annales Petaviani, die nebenbei bis 737 noch ein Exemplar der Ann. S. Amandi oder ihrer Quelle benutzten, und seit 760 einen officiellen Charakter tragen, der Annales Maximiniani, die nebenher noch andere Quellen benutzten, und wieder eines verlorenen Werkes, das im ersten Theile durch Notizen über Angelsachsen vermehrt war, und fast ganz rein vorliegt in den Ann. Mosellani und den Ann. Laureshamenses. Doch hat in Betreff der Annales Maximiani G. Waitz dieser Annahme sehr entschieden widersprochen und dadurch das ganze künstliche Gebäude erschüttert.
Die Annales S. Amandi[8] haben diese Benennung von Pertz erhalten, weil 782 und 809 Beziehungen auf das Kloster Saint-Amand vorkommen; dem früheren Theile fehlen sie und der Inhalt ist durchaus reichsgeschichtlich. Die Ursprünglichkeit ihrer jetzt vorliegenden Form ist angegriffen, eine verlorene Quelle oder etwas reichere Form angenommen, aber als ein ziemlich treues Abbild dieser eben beginnenden Annalistik werden wir sie doch betrachten dürfen.
Vom ersten Anfang an sind diese Annalen karolingisch. Sie beginnen mit der dauernden Festsetzung dieses Hauses im Besitz der Macht, mit der Begründung einer neuen Ordnung der Dinge, der Morgendämmerung einer besseren Zeit, welche wieder Hoffnungen erweckte und die Seelen nicht mehr mit dem trostlosen Gedanken von dem nahe bevorstehenden Untergange der Welt erfüllte.
Die am Eingang stehende Nachricht von der Schlacht bei Tertri 687 ist nachträglich zugesetzt; die regelmäßig fortgesetzten Aufzeichnungen beginnen erst 708, und auch von da an möchte ich noch nicht behaupten, daß gleich von Anfang an alles gleichzeitig eingetragen wäre; die Form der kurzen und noch sehr dürftigen Bemerkungen, wenn man z. B. zu dem Jahr 708, wo Ostern auf den 15. April fiel, an den Rand schrieb: (Das war damals) als Drogo im Frühjahr starb[9] — deutet eher auf ein späteres Besinnen und Ueberdenken der Vergangenheit. Auch ist das ganz natürlich; so lange der Eindruck noch frisch ist, fühlt man kein Bedürfniß ihn künstlich festzuhalten, und erst später macht sich das Verlangen geltend, die verschiedenen Erinnerungen aus einander zu halten und zu ordnen. Wenn aber nun eine Reihe solcher Aufzeichnungen beisammen ist, dann ändert sich der Gesichtspunkt, man legt Werth auf diese Zusammenstellung und setzt sie um ihrer selbst willen fort, trägt Jahr für Jahr die wichtigsten Begebenheiten ein, um für spätere Zeiten ein Denkmal zu hinterlassen. Jene Annalen nun, welche in ihrer Fortsetzung bis 810 deutliche Beziehungen zu Saint-Amand enthalten, entbehren in ihrem früheren Theile bis 771 und noch darüber hinaus jeder Hinweisung auf dieses Kloster oder dessen Umgegend; sie verzeichnen nur die großen Reichsbegebenheiten, die Feldzüge jedes Jahres und zuweilen einen Todesfall oder einen anderen merkwürdigen Vorfall, so kurz, daß die eigentliche Kenntniß von den Dingen vorausgesetzt wird; an Erzählung ist kein Gedanke, nur an chronologische Ordnung der Erinnerungen. Giesebrecht hält die Aufzeichnung dieser Notizen im Cölnischen für sehr wahrscheinlich und möchte den Schottenmönchen zu St. Martin, Pippins von Heristal Stiftung in Cöln, dieses Verdienst zuschreiben. Allein daß 713 Suitberts Tod, 716 Radbots Vordringen bis nach Cöln erwähnt wird, daß 753 gerade wie in den Annales Mosellani der Tod des Bischofs Hildegar von Cöln, auf dem Feldzug gegen die Sachsen angemerkt wird, das berechtigt uns noch nicht zu einer bestimmteren Annahme über die Herkunft dieser Jahrbücher. Vorzüglich in den Klöstern Belgiens weit verbreitet, sind sie durch Zusätze und Fortsetzungen immer mehr angewachsen, bis sie endlich Sigebert von Gembloux zur Grundlage seiner gewaltigen Chronik dienten, aber in ihren Anfängen weist nichts nach einer bestimmten Gegend. Nichts tritt dagegen so sehr in den Vordergrund, wie die Familie der Hausmeier, und man kann sie daher wohl mit besserem Rechte, als irgend einem Kloster, einem Mitglied der Hofgeistlichkeit zuschreiben.
Ganz denselben Charakter tragen auch die gleichzeitigen Annales Mosellani[10], deren Entdeckung in Petersburg durch Lappenberg ein unerwartetes Licht auf das Verhältniß der ältesten Annalen zu einander geworfen hat, vorzüglich nachdem Giesebrecht in seiner scharfsinnigen Abhandlung über die fränkischen Königsannalen[11] die Folgerungen, welche dem ersten Herausgeber noch entgangen waren, daraus gezogen hat. Weiter ist dann, wie schon oben erwähnt, durch R. Arnold das gegenseitige Verhältniß der Annalen eingehend untersucht.
An der Spitze der Annales Mosellani (welche nach Arnold, wie sie uns vorliegen, schon aus einer Vermischung mit denen von St. Amand hervorgegangen sind) stehen von 704 bis 707 irische Namen. Diese bilden den Uebergang von Bedas kleiner Chronik in der Schrift de temporibus, an welche sie sich anschlossen, zu der Nachricht von Drogo's Tod 708, die auch hier die fränkischen Eintragungen eröffnet. 713 ist der Tod einer englischen Prinzessin, eines Königs von Ostangeln bemerkt, 726 und 729 unbekannte irische Namen. Erwähnt wird ferner 726 der Tod Martins, welcher nach den Ann. Petav. ein Mönch von Corbie und Karls Beichtvater war, 736 Audoins des Bischofs von Constanz, dessen Name so wenig etwas für die Herkunft der Annalen beweisen kann, wie 728 die Erwähnung Haldulfs von Cambrai, der zugleich Abt von St. Vaast war. Dagegen finden sich von 761 an Beziehungen zu Chrodegang von Metz, dessen hervorragende Stellung im Reiche ganz geeignet war, die Abschrift solcher, vielleicht in Metz ursprünglich entstandener Aufzeichnungen und ihre Fortführung zu veranlassen, war er doch am Hofe Karl Martels aufgewachsen und hatte 742 von Pippin das Bisthum erhalten[12]. Pückert hat darauf hingewiesen, daß sein Bruder Gundeland Abt von Lorsch war, was auf das in Lorsch so früh hervortretende Interesse für Geschichte eingewirkt haben mag.
Kaum waren diese ersten Versuche geschichtlicher Thätigkeit gewagt, so begann man auch schon ihren Werth sowohl wie ihre Unvollkommenheit zu empfinden; man copirte sie und bereicherte sie zugleich durch Verbindung der verschiedenen Exemplare, ohne sich jedoch noch eine redigirende Thätigkeit zu erlauben, welche das nothdürftigste Maß überschritten hätte. Diese Gewissenhaftigkeit sowohl wie die ersten Regungen einer combinierenden wissenschaftlichen Thätigkeit liegen uns, wenn wir Arnold glauben dürfen, nicht mehr in dem ursprünglichen Product vor, wohl aber in verschiedenen Ableitungen, vorzüglich in den Annales Petaviani, welche von dem früheren Besitzer der Handschrift ihren Namen haben[13]. Sie verbinden nämlich bis 771 die beiden bisher betrachteten Annalen, an welche sich von da an eine schon wirklich erzählende, völlig gleichzeitige und zuverlässige[14] Fortsetzung bis 799 anschließt, die bei dem Mangel aller localen Färbung wiederum nur für den Königshof, den Mittelpunkt aller Unternehmungen, in Anspruch genommen werden kann. Eine Abschrift, welche nur bis 796 reicht (Cod. Masciacensis), gewährt Zusätze, welche aus dem Martinskloster zu Tours zu stammen scheinen, während die beiden anderen specielle Angaben über die karolingische Familie hinzufügen[15]. Arnold freilich (S. 28) bestreitet die Richtigkeit jener Bezeichnung als gleichzeitig und zuverlässig, weil der Verfasser schlechtes Latein schrieb, worin ich einen Gegengrund nicht zu erkennen vermag. Erheblicher sind einige Ungenauigkeiten, welche er nachweist, und mehr noch die Uebereinstimmung in manchen Angaben und Ausdrücken mit den Ann. Laureshamenses. Aehnliche Spuren in anderen Annalen führen ihn zu der Annahme von verlorenen Hofannalen (S. 52), welche 771 oder 772 nach dem Beginn der Alleinherrschaft Karls angefangen, etwa bis 803 (Ende der Lauresham.) oder 801 (Ende der Guelferbyt.) fortgeführt wurden, ziemlich umfangreich waren, und deshalb in sehr verschiedener Weise ausgenutzt wurden, ihre Spuren aber in vielen Annalen hinterlassen haben. Vielleicht durch die überwiegende Autorität und Verbreitung der sog. Königsannalen (Laurissenses) wäre das ältere Werk in den Hintergrund gedrängt und endlich verloren. Einen geradezu officiellen Charakter und Ursprung will Arnold nicht annehmen, wohl aber Entstehung am Hofe, welche auch mir unzweifelhaft ist. Als Auszug aus diesen Annalen hätten wir also auch den letzten Theil der Petaviani zu betrachten, welcher durch ceremonielle Ausdrucksweise deutlich höfischen Ursprung zeigt. Beginnt diese schon 760, so kann sie auf diese Strecke durch Ueberarbeitung übertragen sein. Doch wird, wie schon erwähnt, von Waitz die Existenz solcher Hofannalen bestritten, und wir werden wenigstens nur mit großer Vorsicht von einem solchen Werke reden dürfen.
Neben dieser Fortführung der Annales Petaviani wurden nun auch jene Ann. Mosellani in gleicher Weise fortgesetzt, ebenfalls schon von dem ersten Hauch der karolingischen Zeit berührt und von räthselhaften Notizen zur Erzählung übergehend; doch lassen auch hier auffallende Uebereinstimmungen anstatt ganz selbständiger gleichzeitiger Aufzeichnung vielmehr Benutzung einer gemeinsamen Quelle voraussetzen. Wenn nun in diesem Theile zweimal der Tod eines Abtes von Lorsch erwähnt wird, so darf das nicht auffallen bei einem Kleriker, der etwa im Gefolge des Bischofs von Metz dem Hoflager folgte; ein Mönch aber hätte wohl schwerlich so ausschließlich seinen Blick auf den König und die allgemeinen Reichsbegebenheiten richten können. Nach dem Jahre 785 sind diese Annalen wiederum durch Abschriften verbreitet; diejenigen, welche Pertz wegen einiger localer Zusätze Annales Laureshamenses genannt hat[16], eine aus gemeinsamer Quelle stammende Nebenform der Mosellani, erhielten von da ab zwei verschiedene ausführliche Fortsetzungen bis 803 und 806; in den Annales Mosellani aber fehlen die Jahre 786 und 787, und die weitere Fortsetzung bis 798 ist um ein Jahr verschoben, also da sie doch offenbar gleichzeitig verfaßt ist, erst nachträglich hier eingetragen.
Eine andere Fortsetzung von 786 bis 796 hat G. Waitz nachgewiesen in den Annalen von 741 bis 811, welche nach dem Fundort der Handschrift von dem ersten Herausgeber, Baron von Reiffenberg, Maximiniani genannt sind[17].
Auch diese hat Arnold als Auszug aus den von ihm angenommenen Hofannalen in Anspruch genommen und gerade auf sie großes Gewicht gelegt; er glaubte nicht, daß dieser Annalist so viele verschiedene Annalen, wie Waitz annahm, benutzt und doch wieder so viele wichtige Dinge, die auch darin standen, übergangen haben könne. Allein hier ist ihm Waitz scharf entgegengetreten, indem er nachwies, daß die Ableitung aus verschiedenen Elementen sich durch das Verhältniß zu anderen Quellengruppen mit voller Sicherheit darthun läßt. Aufgeklärt wurde die ganze Sachlage freilich erst durch die neue von Waitz gegebene Ausgabe und die Sonderung der Annalen von der Chronik bis 741, an welche sie sich anschließen und zu deren Fortsetzung sie bestimmt zu sein scheinen. Diese, schon oben S. 129 kurz erwähnt, wird später zu besprechen sein. Die Annalen sind eine um oder bald nach 811 verfaßte Compilation, zu welcher die Gesta Pontificum Romanorum (doch noch nicht die Vita Leonis III) mit verschiedenen Annalen in ziemlich freier Weise, mit einigen willkürlichen Zusätzen, verbunden sind. Als solche hier benutzte Annalen sind nachgewiesen die Mosellano-Laureshamenses, d. h. die gemeinsame Quelle beider, und die Petaviani noch 778, vielleicht 779, dann die Laurissenses mit Zusätzen aus einer unbekannten Quelle, bis 811, wo ein Abschnitt derselben, das Ende einer Bearbeitung, wahrscheinlich ist. Eigenthümlich aber ist von 786 bis 796 die Benutzung von Annalen, welche wegen besonders hervortretender Berücksichtigung von Baiern dort geschrieben zu sein scheinen, und welche wie B. Simson zuerst bemerkt, ebenfalls und ebensoweit in den Annales Xantenses benutzt sind. Ebensoweit reicht auch die von Arnold nachgewiesene Verwandtschaft mit den Juvavenses minores, welchen die Mos. Laur. fremd sind; sie tritt aber auch schon früher, schon 743, und überall da hervor, wo nicht die Mos. Laur. Quelle sind, so daß also die Existenz einer anderen, den Laurissenses majores verwandten Redaction fränkischer Annalen anzunehmen ist, an welche die Fortsetzung von 786 bis 796 sich anschloß. Berührung ist auch mit den Ann. Juvav. maj. und S. Emmerammi maj. vorhanden, welche nach Waitz von den Maximiniani direct oder mittelbar abhängig sind[18]. Wir werden auf dieses Werk noch zurückkommen.
Andere gleichzeitige Aufzeichnungen, welche nach dem Fundort der Handschrift Guelferbytani genannt werden, beginnen erst mit Pippins Regierung 741. Sie weisen durch die Folge der Aebte deutlich auf das 727 gegründete Kloster Murbach in den Vogesen, und verfolgen die Reichsbegebenheiten nicht so gleichmäßig wie jene anderen Annalen, welche wir mit ihnen gemischt bis 768 in den Annales Alamannici und Nazariani wiederfinden, deren Anfang von 708 an ebenfalls den Annales Mosellani entnommen ist. Von 771 bis 790 folgt hier eine weitere Fortsetzung, von ganz allgemeinem Charakter, welche in den Annales Nazariani am vollständigsten erhalten, im Wolfenbüttler Codex allein noch bis 805 weitergeführt ist[19], während die Annales Alamannici eine selbständige Fortsetzung 790 bis 799 erhielten[20]. Diese Annalen verbreiteten sich weithin durch die Klöster Schwabens und gelangten auch nach Hersfeld, wo an diesen Anfang Lamberts Geschichtswerk sich anlehnte, während auf den aus gleicher Quelle stammenden Reichenauer Annalen Hermann der Lahme seine Chronik erbaute.
Besonders merkwürdig sind die von Pertz in einer Handschrift des Klosters St. Germain-des-Prés entdeckten Annalen[21], welche im Anfang des neunten Jahrhunderts aus einer älteren Handschrift abgeschrieben sind, und wie gewöhnlich zur Eintragung der dortigen Annalen benutzt wurden. An der Spitze stehen hier ganz kurze Annalen von Lindisfarne (643-664), einem Bisthum auf einer der kleinen Inseln an der Ostküste von Northumberland, jetzt Holyisland bei Berwick, welches von Hy aus begründet war. Darauf folgen von 673 bis 690 Notizen aus Canterbury. Nach Pertz' Vermuthung war es Alcuin, welcher diese Handschrift mit sich an Karls Hof brachte, wo er von 782 bis 787 (792) die Namen der Orte eintrug, an welchen Karl in diesen Jahren das Osterfest feierte. Daran haben nun die Mönche von St. Germain ihre eigenen Annalen gefügt[22], als deren Grundlage jetzt Annalen von Saint-Denis bis 887, mit einer Fortsetzung 919-997 erkannt sind[23]. Jene Notizen über die Osterfeier von 782 bis 787 aber finden wir auch in einer anderen Handschrift wieder, jedoch ohne die Bemerkungen aus Canterbury. Dieses Exemplar nämlich hat Arn, der Freund Alcuins, nach Salzburg mitgenommen; die Orte der Osterfeier sind hier bis 797 genannt, und dann schließen sich Salzburger Nachrichten daran[24]. In Salzburg selbst hatte man damals aber bereits einheimische ältere Annalen, deren Spuren sich in den späteren Jahrbüchern vorfinden[25]. Scheinbar bieten sich uns in diesen viel reichere und vollständigere Aufzeichnungen dar, allein es läßt sich mit Bestimmtheit nachweisen, daß diese erst im zwölften Jahrhundert nach Vermuthungen und gelehrter Berechnung zusammengestellt wurden, um die Dürftigkeit der alten Annalen zu ergänzen. Wie bedeutende alte Quellen aber verloren, und so lange sie noch vorhanden waren, unbeachtet geblieben sind, zeigen uns die von Riezler nachgewiesenen, sehr wichtigen Fragmente, welche Aventin aus einem Buch von „Herzog Thessels Kanzler mit Namen Crantz“ gerettet hat[26].
Namen aus Lindisfarne finden wir auch an der Spitze der Jahrbücher von Fulda und von Corvey; letztere stammen aus der angelsächsischen Stiftung Werden oder aus Münster, aber die 809 beginnenden Notizen reihen sich den alten Namen des siebenten Jahrhunderts nur ganz äußerlich an[27]. Anders in Fulda, wo diese irischen und angelsächsischen Namen nur in zwei Abschriften an die Spitze gestellt sind, im Original aber schon um 760 der Rand der Ostertafel mit den leider fast ganz erloschenen Notizen von angelsächsischer Hand versehen wurde, welche seit 790 von anderen Händen fortgeführt von 742-822 reichen. In einer anderen, jetzt Casseler Handschrift, finden sich diese Annalen bis 814 angereiht an einen Kaiserkatalog, dem auch jene altenglischen Annalen eingefügt sind; diese, ohne die Kaiser, und eine Fortführung bis 833 hat auch die dritte, jetzt Münchener Handschrift aus St. Emmeram[28]. Hier also, wie in so vielen ähnlichen Fällen, sehen wir recht deutlich, wie auch die mangelhaftesten Aufzeichnungen sich verbreiteten und als werthvoll betrachtet wurden, bessere also, auch nachdem sie schon in größerer Anzahl vorhanden waren, doch wenig Verbreitung gefunden haben müssen.
Die weitere Entwickelung dieser Annalen gehört einem späteren Abschnitte an; hier waren, wenn auch manchmal schon vorgegriffen wurde, vorzüglich nur die ersten Anfänge zu betrachten, welche noch im höchsten Grade dürftig und armselig sind, wie sie denn auch in ihrer ursprünglichen Gestalt als Randbemerkungen zu Ostertafeln durchaus nicht den Anspruch machen für litterarische Erzeugnisse zu gelten. Erst der lichteren Zeit des großen Karl gehört der Gedanke an, diese Notizen mit anderen Nachrichten zu einem Ganzen zu verbinden, und sie dann mit Absicht und Bewußtsein als gleichzeitige Aufzeichnung der Geschichte weiter zu führen.
§ 4. Karl der Große. Allgemeines. [←]
Bethmann, Paulus Diaconus Leben und Schriften, Arch. X, 247-334. C. F. Baehr, De litterarum studiis a Carolo Magno revocatis ac schola palatina instaurata, Heidelb. 1855, 4. Desselben Geschichte der römischen Litteratur im Karol. Zeitalter, Carlsr. 1840. Phillips, Karl der Grosse im Kreise der Gelehrten, im Almanach der Kais. Akad. d. Wiss. 1856. S. 173-221. (Vermischte Schriften III, 93 ff. 415 ff.) F. Dahn, Urgeschichte der germ. u. rom. Völker IV (1889). Litteratur unter Karl d. Großen. Dümmler, Gedichte aus dem Hofkreise Karls des Großen in Haupts Zeitschrift XII, 446 bis 460. S. auch Waitz in Schmidts Zeitschrift für Geschichte II, 48 ff. Bernhardy, Grundriß der römischen Litteratur § 61. Wilh. Scherer, Ueber den Ursprung der deutschen Litteratur, Berl. 1864, vgl. Centralblatt Sp. 572. M. Büdinger, Von den Anfängen des Schulzwanges, Zür. 1865. Ger. Meyer von Knonau, Ueber die Bedeutung Karls d. Gr. f. d. Entwicklung der Geschichtschreibung im 9. Jahrh. Züricher Probevorlesung 1867. — Jahrbücher des Fränk. Reichs unter Karl d. Gr. I. v. S. Abel 1866 (2. Ausg. v. Simson 1888). II. von B. Simson 1883. Dümmler, Poetae Latini aevi Carolini, I. 1881, II. 1884.
Eine lange Zeit der Finsterniß liegt hinter uns. Nur geringe und dürftige Spuren haben uns Zeugniß gegeben, daß auch in diesen traurigen Jahrhunderten das Bedürfniß historischer Aufzeichnungen nicht ganz erstorben war; wir haben gesehen, daß mit der beginnenden besseren Ordnung der Dinge, der Herstellung des Reiches durch die karolingischen Hausmeier, auch einiges Leben auf diesem Felde sich regte, daß lebensfähige Keime zum Vorschein kamen. Aber noch ist fast alles namenlos; seit Venantius Fortunatus und Gregor von Tours ist uns nirgends eine bedeutende Persönlichkeit entgegengetreten. Das Frankenreich stand noch immer an Bildung weit zurück hinter seinen Nachbarn, als Karl der Große zum Throne gelangte, und die erste Hälfte seiner Regierung war auch noch viel zu sehr vom Kriegeslärm erfüllt, als daß er seine Aufmerksamkeit viel nach dieser Seite hin hätte wenden können. Doch hat er in Italien schon im Jahre 776 den Grammatiker Paulinus[1] mit einem Landgut beschenkt, und wir finden diesen an seinem Hofe in Gemeinschaft mit Petrus von Pisa, befreundet mit Alcuin, der Angilbert als ihren gemeinsamen Zögling bezeichnet. Wahrscheinlich 787 wurde er zum Patriarchen von Aquileja erhoben. Verschiedene Gedichte kirchlichen Inhalts haben sich von ihm erhalten und ein Buch der Ermahnung, das er an den trefflichen Herzog Herich von Friaul richtete, welcher mit ihm in treuer Freundschaft verbunden war und dessen Tod 799 er eine tiefgefühlte Todtenklage widmete. Am 11. Januar 802 ist er selbst gestorben.
Ohne Zweifel hat der Aufenthalt in Italien die Veranlassung gegeben, daß Karl aufmerksam wurde auf die unverkennbare Ueberlegenheit, welche den Italienern ihre höhere geistige Bildung verlieh; er faßte den Entschluß seine Franken von dem Joche der Unwissenheit zu befreien, und von da ab finden wir ihn unablässig bemüht, mit allen Mitteln nach diesem Ziele zu streben[2]. Der feste Grund geordneter äußerlicher Verhältnisse und einer neu gekräftigten, von sittlichem Eifer erfüllten Kirche war bereits vorhanden, und auf diesem Boden gediehen die Pflanzungen Karls mit dem überraschendsten Erfolge.
Schon regte sichs auch im Frankenreich. Adam, Haynhards Sohn aus dem weinreichen Elsaß, Abt von Masmünster, copirte 780 zu Worms des alten Grammatikers Diomedes Werk de oratione et partibus orationis, und widmete es dem Könige in Versen, die metrisch freilich mangelhaft, übrigens aber leidlich sind[3]. Im folgenden Jahre 781, als Karl das Osterfest in Rom feierte, und Pabst Hadrian seinen Sohn Pippin aus der Taufe hob, begann Godesscalc jenes Wunderwerk der Kalligraphie, das auf Purpurpergament mit Uncialschrift ganz in Gold und Silber geschriebene Evangeliarium, welches Karl und Hildegard zum dauernden Andenken dieser Feier anfertigen ließen. Providus ac sapiens, studiosus in arte librorum heißt Karl in den Versen, durch welche Godesscalc seinen Namen verewigt hat[4].
In diesem denkwürdigen Jahre traf auch Karl in Parma mit Alcuin zusammen, den er schon früher als Boten des Yorker Erzbischofs kennen gelernt hatte, und veranlaßte ihn an seinen Hof zu kommen; von demselben Heereszuge brachte er Paulus Diaconus und den Grammatiker Peter von Pisa mit nach Frankreich[5]; er lehrte am Hofe Grammatik, unter welcher Bezeichnung die ganze Beschäftigung mit der lateinischen Litteratur verstanden wurde. In Freundschaft mit Paulus wechselte er scherzhafte Verse mit ihm, und Karl selbst genoß seinen Unterricht und bediente sich seiner, wenn er an diesem poetischen Verkehr theilnahm. Aus Spanien flüchtig, wie es scheint, kam Theodulf zu Karl, dessen geistreiche und formgewandte Dichtungen das lebhafteste Bild von Karls Hof gewähren, während er als Staatsmann und Bischof von Orléans eine bedeutende Wirksamkeit entfaltete. Sein Gedicht an Karl nach dem Sieg über die Avaren 796 gewährt uns die eingehendste Schilderung des Hofes[6], während das lange und ausführliche Gedicht an die Richter[7] für die Zustände der Zeit ungemein lehrreich ist, und sein Capitulare[8] die Ermahnungen und Vorschriften für die Geistlichkeit seines Sprengels enthält, welche uns die reformatorischen Bestrebungen dieser Zeit zeigen. Unter Ludwig in Ungnade gefallen und der Theilnahme an Bernhards Aufstand beschuldigt, verlor er sein Bisthum und ist um 821 gestorben.
Eine etwas sagenhafte Nachricht über Computisten und Grammatiker, welche Karl aus Rom in sein Reich berief, giebt Ademar von Chabanne (SS. IV, 118). Schotten aus Irland hat er, wenn wir dem Mönch von St. Gallen glauben dürfen, schon früher an sich gezogen[9]; hervorragend unter ihnen ist Dungal, der unter Waldo's Obhut zu Saint-Denis lebte, und 810 an den Kaiser über die Sonnenfinsterniß dieses Jahres schrieb, vielleicht derselbe, welcher 825 in Pavia lehrte und 827 gegen Claudius schrieb[10]; einer von ihnen lebte am Hofe in heftiger Feindschaft mit Theodulf und Angilbert. Joseph, schon in England Alcuins Schüler und mit Liudger befreundet, richtete an Karl als König einige sehr gekünstelte Verse mit Akrostichen[11]. Er ist vor Alcuin, also vor 804, gestorben.
Vielleicht gehört zu ihnen auch Dicuil, in dessen 825 verfaßter Schrift de mensura orbis terrae[12] der von Harun an Karl geschenkte Elephant erwähnt wird. Er verfertigte auch Verse grammatischen Inhalts und ein poetisches Handbuch der Astronomie in 4 Büchern, welches er in den Jahren 814 bis 816 vollendete und Kaiser Ludwig überreichte. Dieses ist bis jetzt noch ungedruckt geblieben.
Auch Baiern hatte unter den Agilolfingern, in enger Verbindung mit Italien, bereits einen höheren Grad der Bildung erreicht. Herzog Odilo hatte Cassinenser Mönche nach Mondsee berufen, und Reichenauer nach Nieder-Altaich; von hier entnahm Tassilo den ersten Vorsteher seiner herrlichen Stiftung Kremsmünster. Vor allem aber glänzte Freising unter seinem Bischof Arbeo oder Aribo (764 bis 783) durch die Pflege der Wissenschaft[13]. Aribo selbst verfaßte in ungelenker und schwülstiger, aber von angestrengtem Studium zeugender Schreibart die Lebensbeschreibungen der alten Glaubensboten Emmeram und Corbinian, deren wir oben (S. 123) schon gedachten; als Diaconen aber finden wir an seiner Kirche Arn und Leidrad, und auch diese folgten einem Rufe des großen Frankenkönigs. Arn erscheint in den Freisinger Urkunden zuletzt 778; 782 erhielt er die Abtei von St. Amand. Leidrad schrieb noch 782 eine Urkunde für Tassilo[14], dann finden wir auch ihn im Frankenreiche wieder, wo er neben Theodulf das Amt eines königlichen Sendboten verwaltete, und von 799 bis 813 dem Bisthum zu Lyon vorstand, welches er dann seinem Schüler Agobard überließ, um sich in das Kloster des h. Medardus zurückzuziehen, wo er am 28. Dec. 816 gestorben ist. In Lyon war Claudius bei ihm und begann seinen Commentar zur Genesis, den er an des jungen Ludwigs Hof in Aquitanien vollendete, in Casanolio palatio bei Poitiers, wo 811 Faustinus das Buch abschrieb[15].
So zog also Karl um das Jahr 782 von allen Seiten die Träger wissenschaftlicher Bildung an sich und arbeitete von nun an unablässig und unverwandt hin auf eine Wiederherstellung der antiken Cultur, deren Herrlichkeit seinen Geist erfüllte[16]. Wie er die alten Kunstwerke nach Aachen führte und seine Bauten nach den Regeln des Vitruv und den Mustern der Kirchen zu Ravenna und Rom ausführen ließ, so ließ er auch die alten Schriftsteller nach den alten Handschriften mit der sorgsamsten Genauigkeit abschreiben. Staunend bewundern wir die Prachtwerke seiner Kalligraphen, und nichts ist vielleicht so charakteristisch für das was man damals erstrebte, wie diese Handschriften[17] mit ihrer Uncialschrift, ihren vollkommen nach antiken Mustern nachgeahmten Verzierungen und Bildern. Ja so wie Eigil von Fulda Modelle der antiken Säulen sich verschafft hatte, welche Einhard benutzte, so wurden auch Sammlungen alter Inschriften mit größter Sorgfalt zusammengestellt und die Siglen der Juristen gesammelt und erklärt[18].
Am Hofe hatte sich aus alter Zeit immer eine Hofschule erhalten[19]. Diese wurde durch Karl neu belebt; er selbst, seine Kinder, seine Hofleute, nahmen an dem Unterrichte und den Uebungen Theil. Es erwuchs daraus neben der eigentlichen Schule eine förmliche Akademie, welche Karl und seine vertrauteren wissenschaftlichen Freunde zu regelmäßigen Sitzungen vereinigte[20]. In ähnlicher Weise wie an den arabischen Höfen dieser Zeit, wurden hier poetische Episteln gewechselt, wissenschaftliche Aufgaben gestellt und beantwortet, Räthsel aufgegeben und gelöst. Alle führten hier Namen aus der Vorzeit, in denen heidnische und christliche Erinnerungen in seltsamer Mischung erscheinen. So hieß Karl selbst David, Alcuin Flaccus, Einhard Beselecl nach dem kunstreichen Erbauer der Stiftshütte, Riculf Damoetas, Beornrad von Sens Samuel, Angilbert Homer; Audulf der Seneschalk und der Kämmerer Meginfrid führten die idyllischen Namen Menalcas und Thyrsis. Naso nannte sich selbst ein Dichter Modoin oder Muadwin, der von 815 bis nach 840 Bischof von Autun gewesen ist. In sehr ungelenken Idyllen feierte er David, den Kaiser, als Friedensfürsten und bewarb sich um dessen Gunst[21]. Die Standesverschiedenheiten der Gegenwart wurden durch solche Verhüllung auf diesem Gebiete in den Hintergrund gestellt. Nicht zu bezweifeln ist, daß Karl selbst eine für jene Zeit nicht unbedeutende Bildung sich angeeignet hatte, aber Einhards ausdrückliches Zeugniß, daß es ihm nicht mehr gelingen wollte, schreiben zu lernen, dürfen wir doch auch nicht unterschätzen. Seine gelehrten Briefe an Alcuin schrieben, gewiß nach seiner Anweisung, die palatini pueri[22].
Man wird durch dieses Treiben erinnert an die platonische Akademie zu Florenz, allein es ist zwischen beiden doch ein großer Unterschied. Karl lag der Gedanke fern, die Litteratur nur wie einen Gegenstand des Luxus zu seinem Vergnügen zu pflegen; sein Briefwechsel mit Alcuin zeigt uns, daß seine Akademie auch praktisch wichtige Fragen behandelte, und oft einem Ministerium der geistlichen Angelegenheiten ähnlich wird. Der Herstellung des alten Glanzes und der Reinheit der Kirche mußten alle seine gelehrten Freunde mit ernstlicher Arbeit dienen[23]. Allein das war doch auch wieder nur eine Seite der Bestrebungen des Königs; ihm war es voller Ernst, sein ganzes Volk auf eine höhere Stufe der Bildung zu heben, und deshalb legte er überall Schulen an, und sorgte unermüdlich für die Pflege und Hebung derselben[24]. Sogar von Alcuin trennte er sich aus diesem Grunde, und verlieh ihm 796 die Abtei des heiligen Martin zu Tours, wo er von nun an als Leiter einer blühenden Schule wirkte. Fast alle bedeutenderen Bisthümer und Abteien des Frankenreiches erhielten von hier aus ihre Vorsteher, und wo in der nächsten Folgezeit von litterarischer Thätigkeit etwas zu melden ist, da können wir mit Sicherheit darauf rechnen, einen Schüler Alcuins zu finden. Weit genug erstreckte sich der Wirkungskreis dieser Schule; doch errichtete Karl für die entfernteren Theile seines Reiches auch eigene Mittelpunkte, welche von seinem Scharfblick Kunde geben, wie alles was er gethan. In Italien besaß Pavia schon von Alters her gefeierte Lehrer, und diese Schule erhielt jetzt neuen Glanz durch den Schotten Dungal[25]; ihr Fortleben und bleibendes Gedeihen bezeugt der erst später durch Bologna verdunkelte Ruhm der Rechtschule von Pavia.
Ein echt karlischer Gedanke war die Stiftung des Erzbisthums Hamburg an der Nordgrenze seines Reiches, die jedoch erst unter seinem Nachfolger zu Stande kam; aber gerade in den fernsten Osten ließ er Alcuins ebenbürtigen Freund, Arn, den Abt von St. Amand, ziehen, dem Tassilo 785 das Bisthum Salzburg verlieh[26]. 798 errichtete er hier dann ein Erzbisthum, welches bestimmt war, ein fester und segensreicher Mittelpunkt in politischer, kirchlicher und litterarischer Beziehung zu werden. Arn erfüllte seine Mission in vollem Maße; aus den Urkunden wie aus den Briefen Alcuins an ihn[27] tritt uns das Bild des bedeutenden, nach allen Richtungen thätigen Staatsmannes und Kirchenfürsten klar entgegen, und wenn ihm auch zu schriftstellerischer Thätigkeit kaum Zeit blieb, so zeugen doch seine Bemühungen für die Sammlung eines Bücherschatzes durch Abschriften von seiner Sorge für Schule und Lehre[28], wobei ihm von 797 bis 801 Alcuins Schüler Wizo hülfreich zur Seite stand. Die feindliche Erhebung des mährischen, dann des ungrischen Reiches, die Errichtung selbständiger Metropolen im Osten, haben Salzburg nicht zu seiner vollen Entwickelung gelangen lassen, doch auch in dieser Beschränkung ist die Stiftung des bairischen Erzbisthums von den bedeutendsten Folgen gewesen.
Ein wunderbarer Erfolg krönte diese Bemühungen Karls, und er hatte das Glück, die Früchte seiner Mühen noch selbst zu erleben. Wie ein Phänomen in dunkelster Nacht erscheint plötzlich die Litteratur des neunten Jahrhunderts; nicht nur Geistliche, auch Laien schrieben Bücher, was seit Jahrhunderten nicht vorgekommen war, und Jahrhunderte lang nicht wieder vorkommt[29].
Denn von Dauer war dieser Glanz nicht; er verschwand fast eben so plötzlich wie er gekommen war, aufs neue bedeckte Finsterniß das Land, aber gerade in dieser Finsterniß bewährte sich die feste Begründung von Karls Schöpfungen. So viel auch wieder verloren ging, es blieb noch immer genug übrig, um als Grundlage für alle Folgezeit zu dienen. Wir haben schon oben bemerkt, daß Karl sein Werk nicht erst begann, daß er den Boden vorbereitet fand durch die Befestigung und Ordnung des Staates, durch die Herstellung der Kirchenzucht, und daß er nur dadurch im Stande war, so fest zu bauen. Es regten sich auch bereits einige Keime litterarischer Thätigkeit, als er auftrat, aber ihre rasche und glänzende Entfaltung ist doch ganz sein Werk, und nicht mit Unrecht sagte man im Mittelalter von ihm, daß er den Sitz der Studien von Rom nach Paris verpflanzt habe[30]. Zu einer Zeit, wo die Pariser Universität als der Mittelpunkt der Wissenschaft betrachtet wurde, galt er für den Stifter derselben. In dieser Form sprach sich der richtige Gedanke aus, daß Karl der Stifter einer neuen Culturperiode gewesen war.
§ 5. Alcuin. [←]
Alcuini Opera ed. Frobenius (Froben Forster, Fürst-Abt zu St. Emmeram), 4 Bände, fol. Ratisb. 1777. Danach bei Migne, C. CI. Neue Ausgabe der Briefe u. hist. Schriften nach Jaffé's Vorarbeit von Dümmler und Wattenbach, Bibl. VI. 1873. Alcuins Leben von F. Lorentz, Halle 1829. Monnier, Alcuin et Charlemagne, Paris 1853. 1863. J, Bass Mullinger, The schools of Charles the Great and the restoration of education in the ninth century, London 1877. A. F. Théry, l'École et l'Académie Palatines. Alcuin, Amiens 1878. Dümmler, Art. Alcuin, Allg. D. Biogr. I, 343-348. K. Werner, Alcuin u. sein Jahrh. 2. Ausg. 1881. Ganz fabelhafter Brief über die Herkunft der Beneventaner unter Alcuins Namen NA. I, 169-172. — Vgl. Ebert II, 12-36. Cantor, Gesch. f. Mathematik I, 712-721. Hauck II, 119-145.
Alchuine, wie die ursprüngliche Form lautete, oder Alcuin, nannte sich gern in mehr lateinisch klingender Form Albinus. Verwandt mit Willibrord, dessen Leben er auch beschrieben hat, wurde er um das Jahr 735 in York geboren. Seine Bildung verdankte er der ausgezeichneten Domschule in seiner Vaterstadt unter der Leitung Egberts, der seit 732 Erzbischof war, und Aelberts, der Alcuin mit sich nach Rom nahm, als er nach der Sitte dieser Angelsachsen dahin reiste, um Handschriften auf dem dortigen Markte zu erwerben, der noch immer bedeutend und damals wohl der einzige im Abendland war. Im Jahre 766 wurde Aelbert zum Erzbischof erhoben, und Alcuin folgte ihm in der Leitung der Domschule. Der Auftrag, für Eanbald das erzbischöfliche Pallium vom päbstlichen Hofe zu holen, führte ihn 781 wieder nach Rom, und auf dieser Reise war es, wo er zu Parma mit Karl zusammentraf, an den er schon früher einmal eine Botschaft gebracht hatte[1], und von ihm die Einladung erhielt, welche ihn vermochte, im folgenden Jahre mit seinen Schülern Wizo[2], Fridugis[3] und Sigulf[4] an Karls Hof zu kommen; die Einkünfte der Abteien zu Ferrières und des heiligen Lupus zu Troyes sicherten ihm hier eine ansehnliche Stellung, während er in der Hofschule vor alten und jungen Zuhörern seine Vorträge hielt. Auch hier war es durchaus nicht allein auf dilettantische Belehrung der Hofleute abgesehen, sondern die vielen Söhne vornehmer Franken, welche nach alter Sitte zur Erziehung an den Hof gebracht wurden, erhielten hier allen Ernstes ihre Ausbildung zu Staatsmännern und Bischöfen. Nach Alcuins eigener Angabe war sein vorzüglichster Beweggrund nicht etwa wissenschaftlicher Eifer, sondern die Sorge für Aufrechterhaltung der kirchlichen Orthodoxie im Frankenreiche[5], wie denn überhaupt der kirchliche Standpunkt bei ihm durchaus maßgebend ist.
Im Jahre 789 kehrte Alcuin nach England zurück; aber die heftigen Streitigkeiten über Adoptianismus und Bilderverehrung veranlaßten Karl, ihn von neuem dringend einzuladen, und die inneren Unruhen, welche England zerrissen und Alcuin sogleich wieder in die ihm verhaßten politischen Händel verflochten hatten, machten diesen geneigt, seine Heimath zu verlassen. Er erschien 794 auf dem zu Frankfurt gegen Felix und Elipand versammelten Concil als Abgesandter der englischen Kirche und bewährte sich durch mehrere Schriften als tapferer Streiter gegen die Irrlehren[6]; noch zog es ihn zurück in sein Vaterland, aber die Ermordung Ethelreds 796 verleidete ihm die Heimkehr, und von nun an widmete er sich ganz dem Frankenreiche. Nach Iterius Tod erhielt er 796 die Abtei des heiligen Martin zu Tours, der er bis zu seinem Tode, am 19. Mai 804, vorstand. Dem unruhigen Getreibe des Hofes fern, entfaltete er hier die segensreichste Thätigkeit und bildete eine außerordentliche Zahl von Zöglingen, welche im ganzen weiten Reiche Karls neue Stätten wissenschaftlicher Thätigkeit begründeten. Seinen Schüler Wizo schickte er nach England, um Bücher zu holen, die er zu Tours durch zahlreiche und sorgfältige Abschriften vervielfältigen ließ. Zugleich aber blieb er in fortwährender Verbindung mit Karl, der ihm das größte Vertrauen schenkte. Als unschätzbares Denkmal ist uns seine Briefsammlung erhalten, welche zu den wichtigsten Quellen für die Geschichte dieser Zeit gehört, wenn gleich der stoffliche Inhalt geringer ist, als wir wünschen möchten. Die größte Masse ist aus den letzten Jahren, in welchen Alcuins Frömmigkeit immer mehr überhand nahm, und fromme Ermahnungen sind in hohem Grade vorherrschend. Eben diese gaben in jenen Zeiten Anlaß, sie als Vorbilder zu sammeln und abzuschreiben; es zeugt aber von der hohen Bedeutung des Mannes, daß nicht wie bei anderen Briefsammlungen, die Hauptmasse einem Conceptbuch des Verfassers entstammt, sondern wie Sickel nachgewiesen hat, seine Schüler und Verehrer, ein Arno, Adalhard, Angilbert, dazu Angelsachsen es gewesen sind, welche die ihnen zugänglichen Briefe sammelten und dadurch vor dem Untergang bewahrten[7].
Viel und gern versuchte Alcuin sich auch in Gedichten, welche freilich sehr incorrect, aber doch nicht ohne Leichtigkeit im Ausdruck und gefällige Anmuth sind[8]. Sie bieten uns manchen Einblick in die Zustände der Zeit, und das umfangreichste darunter, über die Bischöfe der Kirche zu York, reich an schönen Stellen und belebt durch die warme Liebe zur Heimath, gewährt mannigfache Belehrung über die Stiftschule zu York und Alcuins Leben vor seiner Berufung nach Frankreich[9]. Seine übrige schriftstellerische Thätigkeit dagegen war mehr auf Theologie, Philosophie[10] und Grammatik[11] gerichtet als auf Geschichte. Sein lateinischer Stil, der noch sehr fehlerhaft ist und von seinen eigenen Schülern bald übertroffen wurde, fand bei seinen Zeitgenossen hohe Bewunderung; und auf Bitten Angilberts bearbeitete er das Leben des h. Richarius, auf den Wunsch des Abtes Rado[12] das Leben des h. Vedastus. Bei beiden beschränkte er sich auf Glättung und Ausschmückung der überlieferten Darstellungen, und der erbauliche Zweck ist die Hauptsache, wie nicht minder auch in dem schon oben (S. 132) erwähnten Leben des h. Willibrord. Daß man ihm auch ein Leben Kaiser Karls zugeschrieben hat, beruht auf einer Verwechselung mit Einhard.
In seinen alten Tagen versank Alcuin mehr und mehr in Frömmelei, und das Studium Vergils, den er selbst einst eifrig nachzuahmen gestrebt hatte, verwarf er später als höchst gefährlich, wenigstens für Mönche[13].
Fast zwanzig Jahre waren schon seit Alcuins Tod vergangen, als auf den Wunsch eines Abtes, wahrscheinlich des Abtes Alderich von Ferrières, der unter Alcuin dort Mönch geworden war, und 829 das Erzbisthum Sens erhielt, nach Benedicts von Aniane Tod (11. Feb. 821), ein Schüler Sigulfs, dem nach Alcuins Tod die Abtei zugefallen war, es unternahm, das Leben Alcuins zu beschreiben. Gesehen hatte er selbst ihn nicht mehr, aber Sigulf hatte ihm viel erzählt, und das ist, außer dem Briefwechsel über den Adoptianismus, seine einzige Quelle. Daher ist es nicht zu verwundern, daß wir hier viel von Alcuins Frömmigkeit, von Askese und von Wundern finden, keineswegs aber ein Bild seiner fruchtreichen Thätigkeit in den Jahren seiner Kraft. Erbauung für Mönche ist der Zweck des Büchleins, und dem entspricht es leider nur zu sehr. Doch finden sich darin auch manche nicht unwichtige Nachrichten vorzüglich über seine Jugendzeit, welche wir dankbar annehmen müssen. Die Sprache ist im damaligen Schulgeschmack gesucht und mit frommem Schmuck überladen[14].
§ 6. Paulus Diaconus. [←]
Sein Leben ist erst genauer bekannt geworden durch die von Lebeuf entdeckten und in der Dissertation sur l'histoire de Paris 1739 herausgegebenen Gedichte. Bethmann, Paulus Diaconus Leben und Schriften, Archiv X, 247-334. Bethmann, Die Geschichtschreibung der Langobarden, ib. 335-414. Langob. Regesten, nach Bethmanns Nachlaß bearb. v. Holder-Egger, NA. III, 225-318. L. Ranke, P. D. Ges. Werke LI, 77-92. F. Dahn, Des Paulus D. Leben u. Schriften, 1876 (die Gedichte in sehr schlechten Texten). Vgl. die Anz. von G. Waitz, GGA. 1876 S. 1513-1523. Ebert II, 36-56. Bursian, Gesch. d. Philol. I, 19. Balzani S. 66-90. Pasq. Del. Giudice 1880, wiederholt in: Studi di storia e diritto (1890) S. 1-43. — Die Gedichte Poet. Lat. I, 27-86, vgl. NA. IV, 102-112. 573. X, 165. XVII, 397-401. Traube, Karol. Dicht. S. 62. 63. NA. XV, 199 (Die Verse „Multa legit“ zu streichen). Ein grammat. Gedicht Poet. lat. I, 625-628, vgl. II, 698. Der Lobgesang auf den h. Mercur kann nach Dümmler nicht von P. D. herrühren, vgl. Dahn S. 17.
Wie die Gothen, so bewahrten auch die Langobarden ihres Volkes Urgeschichte, die alten Sagen, die Großthaten der Väter, besonders aber, worauf sie den größten Werth legten, die Folge und Verwandtschaft der Geschlechter, in ihren Liedern, die sich mündlich vom Vater auf den Sohn vererbten. Sie aufzuzeichnen, keine leichte Arbeit, mochte überflüssig erscheinen, so lange sie noch im Volke lebten; doch gegen das Ende des siebenten Jahrhunderts, um 670 hat ein Langobarde aus ihnen die Geschichte seines Volkes entnommen, und der Langobarden Herkunft, wie man davon sagte und sang, in kurzen und schlichten Worten berichtet; in Umrissen nur, nicht in ausführlicher Erzählung, aber was er uns giebt, ist unberührt von der fremden Gelehrsamkeit, welche die gothischen und fränkischen Sagen entstellt hat[1]. Man hatte darin doch etwas mehr als in dem kahlen Königsverzeichniß, welches König Rothar 643 seinem Gesetzbuch vorangestellt hatte; des Volkes Aelteste, welche das Recht sprachen und das Andenken der Vergangenheit festhielten, trugen darum auch dieses Schriftchen in ihr Rechtsbuch ein, wie wir das so häufig wiederfinden in den Handschriften des Mittelalters, bei den Gesetzen der Westgothen und Franken so gut wie beim Sachsenspiegel.
Es gab freilich damals bereits auch eine andere Geschichte der Langobarden, verfaßt von dem Knechte Gottes Secundus, Abt in Trient († 612), aller Wahrscheinlichkeit nach, wie R. Jacobi bemerkt, demselben, welcher in Pabst Gregors I Briefe vorkommt[2]; wir kennen sie aber nur, weil Paulus ihrer gedenkt, und sie scheint wenig Verbreitung gefunden zu haben. Ein so frommer Mann römischer Abkunft erzählte schwerlich von Wodan und Freia, und mit der römischen Bildung haben die Langobarden sich nur sehr langsam befreundet. Ein Römer scheint es auch gewesen zu sein, der im Jahre 641 die oben S. 84 erwähnte Fortsetzung des Prosper verfaßte. Von litterarischer Thätigkeit im langobardischen Reiche finden sich weiter keine Spuren, man müßte denn etwa des Abtes Jonas von Susa Schriften, deren wir schon oben (S. 118) gedachten, dazu rechnen, der aber auch ein Romane war. Sonst liegt noch ein um 698 verfaßtes rhythmisches Gedicht in rohester Form vor, in welchem ein Magister Steffan den König Kunincpert feiert, der das Schisma von Aquilegia beendigt hatte; auch seiner Vorfahren, die Arianer und Juden verfolgten, wird rühmend gedacht[3]. Nicht minder roh in der Form ist eine bald nach 738 verfaßte rhythmische Beschreibung von Mailand, worin König Liutprand und Bischof Theodor gepriesen werden[4].
Die Grammatiker jedoch, welche trotz aller Ungunst der Zeiten ihre Thätigkeit in Italien immer fortgesetzt hatten, fanden allmählich auch unter den Langobarden Schüler, und als deren Herrschaft sich ihrem Ende nahte, da hatten sie dem fremden Volke bereits seinen Geschichtschreiber erzogen, der, wie Jordanis, nach dem Sturze des Reiches wenigstens das Andenken desselben für die Nachwelt bewahrte.
Paulus, des Warnefrid Sohn, aus einem edlen Langobardengeschlechte, das im Friaul begütert war, um 720 geboren, wurde wahrscheinlich nach alter deutscher Sitte am Hofe des Ratchis (744-749) zu Pavia erzogen; als seinen Lehrer nennt er den Grammatiker Flavianus, dessen er noch in seinem hohen Alter mit Liebe gedenkt[5]. Auch dem König Desiderius soll Paulus lieb und werth gewesen sein, und wenn auch die Zeugnisse dafür unzuverlässig sind, so ist es doch an sich sehr wahrscheinlich, daß er in der königlichen Kanzlei Beschäftigung fand und eben dadurch in ein so nahes Verhältniß zu der Herrscherfamilie trat. Im J. 763 verfaßte er rhythmische Verse über die sechs Weltalter, welche akrostichisch die Worte Adelperga pia enthalten[6], den Namen der Tochter des Desiderius, welche seine Schülerin war; dieser und ihrem Gemahl Arichis war er mit der wärmsten Anhänglichkeit und Freundschaft ergeben, und an ihrem Hofe zu Benevent fand er eine Zuflucht nach dem Falle des Reiches von Pavia, wenn er nicht schon früher die Königstochter dahin begleitet hatte. Für sie verfaßte er hier seine Römische Geschichte bis auf Justinian, deren wir schon oben (S. 52) gedachten[7]. Er hatte der wißbegierigen Königstochter den Eutrop zu lesen gegeben, in welchem sie aber jede Erwähnung der jüdischen und christlichen Geschichte vermißte. Deshalb versah er das Werk mit Zusätzen und mit einer Fortsetzung aus verschiedenen Quellen, und das Geschick nebst der umfassenden Litteraturkenntniß, womit er diese Arbeit ausführte, hat lebhafte Anerkennung bei Th. Mommsen gefunden, auf dessen Anordnung die Ausgabe von H. Droysen die Gestalt von Zusätzen zum Eutrop erhalten hat[8]. Den zusammenhängenden Text des Paulus dagegen finden wir in der Octavausgabe.
Um diese Zeit dichtete Paulus auch für Arichis die Inschriften, womit dieser seine glänzenden Bauten zu Salerno schmückte, und die Grabschrift auf die Königin Ansa[9], welche 774 nach Frankreich abgeführt war, und deren Todesjahr unbekannt ist. Noch feiert er darin Adelchis als die Hoffnung der Langobarden.
Wann Paulus in den geistlichen Stand eingetreten ist, dem er seinen Beinamen Diaconus verdankt, wissen wir nicht; ebenso wenig, wann er in dem großen Mutterkloster des Abendlandes zu Montecassino das Mönchsgelübde abgelegt hat; vielleicht führte ihn dorthin die Anhänglichkeit an König Ratchis, der hier als Mönch seinen Weinberg baute, vielleicht die Noth nach der Confiscation der Güter seiner Familie. Das stille Klosterleben aber gewann bald einen solchen Reiz für Paulus nach den traurigen Zeiten, die er durchlebt hatte, daß er die heilige Stätte wohl nicht wieder verlassen haben würde, wenn nicht die politischen Ereignisse ihm auch hier keine Ruhe gelassen hätten.
Im Jahre 776 nämlich war im Friaul ein Aufstand gegen die Franken ausgebrochen, dem vielleicht Paulus selbst nicht fremd war, und wohl ohne Zweifel war dies die Veranlassung, weshalb sein Bruder Arichis gefangen fortgeführt wurde und sein Vermögen verlor. Lange scheint sich Paulus jeder Annäherung an die Franken enthalten zu haben; als aber Karl 781 nach Rom gekommen war, und in der Ordnung der italischen Verhältnisse seine Mäßigung und Milde bewährt hatte[10], da richtete Paulus, sechs Jahre nach jenem Ereigniß, eine Elegie an den König, worin er ihn um Gnade für seinen Bruder bat[11]. Damit begab er selbst sich zum Könige, und schrieb am 10. Januar 783 von den Ufern der Mosel einen Brief an seinen Abt Theudemar[12], worin er noch den festen Entschluß ausspricht, in sein Kloster, nach welchem lebhafte Sehnsucht ihn erfüllte, heimzukehren, sobald er den Zweck seiner Fürbitte erreicht habe. Er rühmt aber sehr die gute Aufnahme, welche er gefunden habe. Es war gerade die Zeit, in welcher Karl die Gelehrten aller Länder an seinem Hofe versammelte, und Paulus ließ sich doch bestimmen, einige Jahre an dieser ersten frischen Entfaltung litterarischer Thätigkeit sich zu betheiligen. Noch haben sich Verse erhalten, welche in Karls Namen Peter von Pisa an ihn richtete[13], wo in scherzhafter Uebertreibung seine Gaben und Kenntnisse gefeiert werden. Eben wolle er seine Tochter nach Griechenland verheirathen, sagt Karl, und Paulus solle ihre Begleiter in dieser Sprache unterweisen. Bescheiden und aufrichtig lehnt Paulus die Lobsprüche und den Auftrag ab, und ebenso wenig wird er, was ihm in ähnlicher Weise zugemuthet wurde, die Bekehrung des Dänenkönigs Siegfried versucht haben. Einige Kenntniß der griechischen Sprache, welche man bei der Nachbarschaft nicht gut entbehren konnte, hatte er, wie er selbst sagt, in der Schule erworben, aber weit wird dieselbe nicht gereicht haben. Er dichtete aber Grabschriften für die Königin Hildegard († 783) und für deren so wie für Pippins Töchter, und verfaßte auf Karls Befehl die Homiliensammlung, welche der Unwissenheit der Geistlichen in wirksamer Weise zu Hülfe kam[14]. Diese wird er jedoch, wie Dahn nachgewiesen hat, erst in Montecassino ausgearbeitet haben.
In eben dieser Zeit schrieb Paulus auch auf Bitten des Bischofs Angilram von Metz die Geschichte von dessen Vorfahren auf dem Stuhl des heiligen Clemens[15]. „Mit besonderer Ausführlichkeit behandelte er darin die Familie und die Ahnen Karls des Großen, vielleicht,“ wie Bethmann sagt, „auf dessen eigenen Wunsch oder wenigstens ihm zu Gefallen, und nicht undeutlich blickt die Absicht durch, die Thronbesteigung der Karolinger zu rechtfertigen und sie als ein durch Heilige gleichsam legitimes Herrscherhaus darzustellen.“ Doch hat gegen diese Auffassung Bonnell[16] nicht unerhebliche Gründe geltend gemacht, und nur die Verherrlichung des Ahnherrn Arnulf im Anschluß an dessen ältere Lebensbeschreibung bestehen lassen.
Paulus gab in diesem Werke das erste Beispiel und Vorbild der Bisthumsgeschichten. Auch eine Biographie Gregors des Großen hat Paulus nach seiner eigenen Angabe geschrieben[17]; daß er aber auch derjenige Paulus gewesen wäre, welcher eine kritisch verbesserte Auswahl aus Gregors Briefen an Adalhard schickte, ist mindestens sehr unsicher[18]. Dagegen bemerkt Dümmler, daß er wohl der in einem Schreiben Hadrians I (Bibl. IV, 274) erwähnte Paulus grammaticus sein könne, welcher Gregors I Sacramentar für Karl von ihm erbeten hatte.
So wahrhaft und innig auch die Liebe gewesen zu sein scheint, welche den langobardischen Mönch mit dem Besieger seines Volkes verband, auf immer ließ er sich doch nicht am Hofe fesseln. Die immer zunehmende, endlich bis zum Kriege gesteigerte Feindschaft zwischen Arichis und Karl mag ihm wohl zuletzt den Aufenthalt daselbst vollends verleidet haben, obwohl sein persönliches Verhältniß zum Könige auch durch diese Vorfälle nicht gestört wurde. Doch finden wir ihn 787 wieder in Montecassino, wo er die schöne Grabschrift für den am 25. August verstorbenen Fürsten Arichis verfaßte[19]. Den Abend seines Lebens widmete er von nun an in ungestörter Ruhe frommen Betrachtungen und der Geschichte seines Volkes. Er schrieb eine ausführliche Erläuterung der Klosterregel[20] und verfaßte die sechs Bücher seiner Geschichte der Langobarden[21], die er leider unvollendet hinterlassen hat. Er erfüllte damit das schon in der Widmung der Römischen Geschichte der Adelperga gegebene Versprechen, sie bis auf seine Zeit fortzusetzen.
Als einen bedeutenden Historiker können wir Paulus freilich nicht betrachten. Die Sprache weiß er in seinen Gedichten mit Leichtigkeit und Anmuth, wenn auch nicht fehlerfrei, zu behandeln[22] und in der Erzählung zieht uns ihre schmucklose Einfachheit an. Von der gesuchten Gelehrsamkeit und Ueberkünstelung so wie von der barbarischen Rohheit des siebenten Jahrhunderts ist er frei, und für sein Zeitalter ist seine gelehrte und sprachliche Bildung außerordentlich hoch anzuschlagen[23]. Allein historische Kunst oder tiefere Auffassung dürfen wir bei ihm nicht suchen. In der Geschichte der Bischöfe von Metz berichtet er anfangs die fabelhafte Localtradition, ohne ein Urtheil darüber auszusprechen, als Sage, dann schöpfte er seine Nachrichten aus Gregor, Fredegar und dem Leben Arnulfs; was er aus der neueren Zeit hinzufügt, ist wenig bedeutend, wie denn auch dieses ganze Werk über einen ihm fernliegenden Gegenstand, auf den Wunsch seines Gönners verfaßt, zu keinen höheren Ansprüchen berechtigt.
Anders verhält es sich mit der Geschichte der Langobarden. Leider reicht sie nur bis zum Tode Liutprands (744), und es fehlt uns also die Darstellung der Zeit, welche der Verfasser selbst durchlebt hat. So weit er aber mit seiner Arbeit gekommen ist, finden wir auch hier nur einfache Erzählung, zusammengesetzt aus der mündlichen Ueberlieferung und schriftlichen Quellen, wie der Origo, Gregor von Tours, Beda, den Leben der Päbste u. a. m.[24]. Aus diesen nimmt er ganze Stücke auf, ohne sie eigentlich zu einem Ganzen zu verarbeiten; in der Kritik, sogar in der Sorgfalt und Genauigkeit bei Benutzung seiner Gewährsmänner erscheint er schwach, höchst verwirrt in der Chronologie, und obwohl seine eigentliche Aufgabe die Volksgeschichte der Langobarden ist, nimmt er ohne rechtes Maß doch auch fernerliegendes auf. Läßt er aber demnach als gelehrter Geschichtschreiber viel zu wünschen übrig, so entschädigen uns doch dafür andere sehr wesentliche Vorzüge, die einfache Klarheit seiner Darstellung, die lautere Wahrheitsliebe, die ihn von allem in ungeschminkter Geradheit berichten läßt, die Wärme des Gefühls für sein Volk, welche sich auch ohne ruhmredige Verherrlichung besonders in der Aufzeichnung der alten Sagen kundgiebt. Sehen wir nun aber vollends auf den materiellen Werth seiner Geschichte, so ist derselbe unbedenklich als ganz unschätzbar anzuerkennen, wir verdanken ihm eben die Bewahrung jenes reichen, durch keine spätere Gelehrsamkeit verfälschten Sagenschatzes, und über die Geschichte der Langobarden, was er aus dem Secundus von Trident und anderen verlorenen Quellen schöpfte sowohl wie die Aufzeichnung mündlicher Ueberlieferung: rettungslos würde alles dieses nach dem Sturze des Reiches dem Untergang verfallen sein, wenn nicht des alten Mönches Hand es mit treuer Liebe aufgezeichnet hätte.
§ 7. Angilbert. [←]
Angilberti Carmina ed. Dümmler, Poet. Lat. I, 355-381; vgl. NA. IV, 140-142. Die älteren Drucke, gesammelt bei Migne XCIX, 849-854, dadurch veraltet. Herm. Althof: Angilberts Leben und Dichtungen (übersetzt). Wiss. Beilage z. Progr. des Realprogymn. u. Progymn. zu Münden. Bes. Abdr. Hann. Münden 1888. Traube, O Roma nobilis (Abh. d. Münch. Akad. I. CI. XIX, 2) S. 326-331. Verz. seiner Gedichte. Ein Abt Angilbert von Corbie zugeschriebenes Gedicht ihm zugesprochen. Ders., Karol. Dicht. I, 51-60 gewinnt Gedichte Angilberts aus denen des Bernowin (Poet. Lat. I, 413-425), der sich als Plagiator A.'s Gedichte angeeignet hat.
Wie Paulus am langobardischen, so war Angilbert, der ebenfalls aus vornehmem Geschlechte stammte, am fränkischen Hofe aufgewachsen[1]. Wohl wenig jünger als Karl selbst, war er mit diesem durch innige Freundschaft verbunden und stand zu der ganzen königlichen Familie im vertraulichsten Verhältniß. Er scheint sich schon früh mit wissenschaftlichen Studien beschäftigt und eine ansehnliche Stellung in Karls Kapelle erlangt zu haben. Als Alcuin an den Hof kam, ergriff er mit demselben Eifer, wie sein königlicher Freund, die Gelegenheit zu höherer Ausbildung; er wurde ein Schüler Alcuins, des Paulinus und Peters von Pisa, und nahm an der Akademie den lebhaftesten Antheil; hier erhielt er wegen seiner poetischen Begabung den Namen Homer. Aus dieser frühen Zeit der achtziger Jahre haben sich einige, in der Form zum Theil noch sehr unvollkommene Gedichte erhalten, welche Dümmler kürzlich aus einer gleichzeitigen Handschrift herausgegeben hat[2]. In dem einen, welches aus versus serpentini besteht, grüßt Angilbert mit seinen Genossen Angelram und Riculf den nach Italien heimgekehrten Lehrer Peter von Pisa, und sendet zugleich ein von ihm erbetenes Gedicht Karls des Großen an ihn. In dem Gedicht eines räthselhaften Fiducia an Angelram werden Angilbert und Theodulf als divini poetae erwähnt. Diese Verse scheinen früher angesetzt werden zu müssen, als Angilberts Sendung nach Italien, wo ihm, gewiß ein Zeichen hohen Vertrauens, eine bedeutende Stellung am Hofe des Kindes Pippin in dem neugewonnenen italienischen Königreiche anvertraut wurde. Auch war er mit Alcuin schon vorher befreundet[3].
Zurückgekehrt trat Angilbert wieder in den Kreis seiner alten Freunde ein, und genoß in hohem Grade Karls Vertrauen, der ihn 796 in einem Briefe an Leo III manualem nostrae familiaritatis auricularium, in dem an ihn selbst gerichteten Brief seinen auricularius nennt[4]. Er gehörte zur königlichen Kapelle, und auch seine Würde am italienischen Hofe war vielleicht schon eine geistliche[5]. Wie bedeutend und einflußreich seine Stellung gewesen ist, zeigen die wichtigen Gesandtschaften an den römischen Pabst, welche ihn noch dreimal (792, 794, 796) nach Italien führten; auch soll er im Jahre 800 den König nach Rom geleitet haben, und im Jahre 811 unterzeichnete er Karls Verfügung über seinen Schatz zu Gunsten der Kirchen seines Reiches.
Noch hatte sich am fränkischen Hofe aus Karl Martels Zeit die Sitte erhalten, daß die Einkünfte reicher Abteien zum Unterhalt der Hofleute verwandt wurden, und auch Angilbert war 790 Abt von Centula oder Saint-Riquier in der Picardie geworden[6]. Er betrachtete aber diese Würde nicht als eine bloße Pfründe, sondern stellte es sich vielmehr zur Aufgabe, dieses Kloster so herrlich wie möglich auszustatten. Unterstützt durch Karls fürstliche Freigiebigkeit, mit Hülfe königlicher Baumeister und Künstler, baute er es von Grund aus neu, und auch hierher kamen antike Säulen und Marmorstücke aus Italien. Angilbert selbst hat darüber einen Bericht geschrieben, der fast vollständig in Hariulfs Chronik aufgenommen ist[7]. Die vollendete Kirche schmückte er in glänzendster Weise mit jedem Zubehör des prachtvollen Kirchendienstes; namentlich ließ er sich, wie Arn, die Pflege der Bibliothek angelegen sein und bereicherte diese mit 200 Büchern. Vielleicht das köstlichste unter diesen für die Mönche von Centula war das Leben ihres Stifters, des h. Richarius, welches auf Angilberts Bitten sein Freund Alcuin nach den gesteigerten Anforderungen der Zeit neu bearbeitete[8]. Im Jahre 800 hatte Angilbert die Freude, seinen königlichen Freund in den Mauern seines Klosters als Gast zu empfangen, der bei ihm am 19. April das Osterfest feierte, und wie er diesem Zeit seines Lebens in treuester Freundschaft zugethan war, so folgte er ihm auch am 18. Februar 814 im Tode nach.
Daß Angilbert nach solchen Verdiensten um das Kloster später daselbst als Heiliger verehrt ward, versteht sich von selbst[9]; Anscher, sein Biograph im zwölften Jahrhundert, weiß auch viel von seinem strengen und erbaulichen Wandel zu erzählen, allein das war gleichfalls so unvermeidlich, wenn man nach Jahrhunderten über das Leben des Stifters berichtete, daß darauf durchaus kein Gewicht zu legen ist. Einem Staatsmanne Karls des Großen stand mönchische Askese übel an, und Angilberts Thätigkeit scheint mehr auf eine tüchtige praktische Wirksamkeit gerichtet gewesen zu sein; unmöglich ist es aber nicht, daß er in seinen alten Tagen sich getrieben fühlte, für ein früher allzu freies Leben Buße zu thun. Hatte er sich doch schon von Alcuin einreden lassen, daß die Schauspiele, an denen er so viele Freude hatte, sündlich wären, und wenn auch Alcuin seinen Wandel im übrigen würdig und angemessen nennt[10], so wissen wir doch von einem Verhältniß, welches den mönchischen Sittenpredigern nicht gefallen konnte, so wenig es auch an Karls Hofe auffallen und Anstoß erregen mochte. Denn Angilbert war der glückliche Geliebte von Karls schöner Tochter Bertha, die ihm zwei Söhne, Nithard und Harnid, geboren hat: ein Verhältniß, welches vielleicht durch eine naheliegende Verwechselung Anlaß gegeben hat zu der bekannten Sage von Eginhard und Emma[11]. Die Thatsache ist unzweifelhaft; Nithard, der eigene Sohn, erzählt sie, und wir haben Einhards ausdrückliches Zeugniß dafür, daß Karl sich nicht entschließen konnte, eine von seinen Töchtern zu verheirathen. Daß er ihnen dafür um so größere Freiheit gestattete und daß manches anstößige Verhältniß an seinem Hofe geduldet wurde, ist ebenfalls bekannt genug. Wie Hariulf, der 1088 seine lehrreiche Chronik von Centula vollendete, diesen Umstand behandelt hat, wissen wir nicht, da gerade hier zwei Blätter aus der Handschrift ausgeschnitten sind; der Interpolator sagt kurz, daß Angilbert die Bertha zur Ehe erhalten habe und mit ihr den Ducat des Küstenlandes[12]. Wahrscheinlich aber war die Darstellung hier ähnlich wie in der zweiten Biographie, welche nebst drei Büchern Mirakel von dem Abt Anscher verfaßt ist, um die Canonisation Angilberts zu erwirken. Im Jahr 1110 hatten die Wunder an dem vergessenen Grabe Angilberts neu begonnen, und Anscher überreichte das Werk dem Erzbischof Radulf von Reims, vielleicht auch dem Pabste, um die Heiligsprechung zu erreichen. Ungeachtet dieses Zweckes aber erzählt er unbefangen, gewiß alter Ueberlieferung folgend, daß Bertha in heißer Liebe zu Angilbert, der schon zum Priester geweiht war und ein Bisthum erhalten sollte, entbrannte; ungern habe Karl nachgegeben. Angilbert aber, ausgestattet mit dem Ducat, den Anscher schon nach den Begriffen seiner Zeit als ein Herzogthum auffaßt, schlägt die Dänen[13] mit S. Richarius Hülfe, wird dann Mönch und führt zur Buße das strengste Mönchsleben, während Bertha ebenfalls zu Saint-Riquier den Schleier nimmt. Das ist nicht richtig, noch bei der Zusammenkunft Karls mit Pabst Leo zu Paderborn 799 erscheint Bertha in voller weltlicher Herrlichkeit, und hat nach Einhards Zeugniß bis zu des Kaisers Tod den Vater nicht verlassen; auch 826 bei der Ankunft des h. Sebastian finden wir sie bei ihrem Bruder in Soissons. Da sie ferner erst um 780 geboren ist[14], war Angilbert schon Abt, als sie sich in ihn verliebte, und daß er auch noch viel später, noch im J. 800 nach Karls Osterfeier in St. Riquier, sein Familienleben am Hofe nicht aufgegeben hatte, zeigt uns das anmuthige Gedicht, welches zuerst von Docen an dem Dichternamen Homer als ein Werk Angilberts erkannt ist[15], ein Gruß an Karl und den engeren Kreis der Seinen aus der Ferne. Hier gedenkt er nach der Schilderung der königlichen Pfalz und ihrer Bewohner, zuletzt auch seines nahe gelegenen Hauses mit dem Garten, in welchem seine Knaben spielen; die zärtlichste Liebe und Sorge spricht sich darin aus, aber von der Mutter ist keine Rede. Dagegen begrüßt er unter Karls Töchtern Bertha mit besonderer Verehrung[16], und die Weise, wie er den König als seinen süßen David, dessen Kinder als seine Lieben grüßt, deutet auf ein sehr vertrauliches Verhältniß.
Aehnlicher Art wie dieses ist ein anderes Gedicht Angilberts, verfaßt als er 796 nach Italien eilend, dem siegreichen jungen Könige Pippin in Langres begegnete; er schildert die Freude des Wiedersehens, die ungeduldige Erwartung am Hofe, und voraus schauend die zärtliche Begrüßung des jungen Helden im Kreise der Seinen[17].
Geglaubt hat man, daß uns auch noch aus einem größeren Werke Angilberts ein Bruchstück erhalten sei. Sein Dichtername Homer, den ihm Karl selbst 796 beilegt, in dem Briefe, welcher die wichtigsten Aufträge für seine römische Gesandtschaft enthält[18], deutet auf große Erwartungen, die sich an ihn knüpften, die Erwartung, daß er Karls Thaten in einem Epos feiern werde. Wenn wir daher einem solchen Epos wirklich begegnen, so ist wohl die Vermuthung gerechtfertigt, daß kein anderer als Angilbert der Verfasser sein könne. Hegewisch hat deshalb bereits diese Vermuthung ausgesprochen, und Pertz das Gedicht unter Angilberts Namen herausgegeben[19]. Allein der Abstand von Angilberts Werken in der Beherrschung der Sprache und der Behandlung des Verses zu Gunsten dieser Dichtung ist doch zu groß, um beide demselben Verfasser zuschreiben zu können. Auffallend ist es, da wir doch im Ganzen über diese Zeit so genau unterrichtet sind, von einem so bedeutenden Werke gar keine Erwähnung zu finden. Vermuthlich ist es unvollendet geblieben, und deshalb weder vollständig erhalten, noch hinlänglich beachtet, um von anderen genannt zu werden. Doch würde Angilberts Dichtername Homer wenigstens eine Hindeutung enthalten, die für andere, wie Theodulf, den Dümmler vermuthungsweise genannt hat, gänzlich fehlt. Ein Citat freilich ist uns jetzt bekannt geworden: in der oben S. 156 angeführten Ecloge des Naso wird ein Dichtergreis eingeführt, den er Micon nennt, und dieser verwendet einen Vers aus jenem Epos zum Preise des Kaisers (p. 389, v. 74). Doch kann er ihn sich ebenso wie so manchen Vergilvers angeeignet haben. Vorher spricht Naso von dem Dichterruhm des Alcuin, Theodulf, Einhard, und setzt hinzu: "Nam meus ecce solet magno facundus Homerus Carminibus Carolo studiosis saepe placere." Daß aber nun dieser Homer eben der Micon sei, darauf deutet nichts, und wir dürfen es kaum annehmen. Wir ersehen hieraus nur, daß schon wenige Jahre nach der Kaiserkrönung das Gedicht vorhanden war. Sicher war der Verfasser ein Mann von ungewöhnlichem Geiste und großer dichterischer Begabung, der sich den Unterricht der Hofschule mit bestem Erfolge zu Nutze gemacht hat. Dafür zeugt die fleißige, man muß wohl sagen übermäßige, Benutzung des Vergil, Ovid, Lucan, und wie B. Simson nachgewiesen hat[20], Venantius Fortunatus, zu denen Manitius noch mehrere hinzugefügt hat, welche ihm an sich so wenig zum Vorwurf gemacht werden kann, wie Einhard die Nachahmung des Sueton, und bei seinen Zeitgenossen gewiß eher Bewunderung als Tadel erregte, wenn er auch in übergroßem Eifer nach dem Vorbild von Karthago sogar von Hafenbauten bei Aachen dichtete. Auch zu Karls Akademie muß der Dichter gehört haben, da er ihn immer David nennt, was ein anderer sich gewiß nicht hätte erlauben dürfen, und die lebendige Schilderung verräth sowohl den Augenzeugen als auch einen Mann, der Karls Hofe nicht fern stand, was freilich bei einem so ausgezeichneten Dichter ohnehin mit voller Sicherheit anzunehmen ist.
Erhalten ist uns der Anfang des dritten Buches oder vielleicht das ganze, 536 Verse, vermuthlich ein Stück, welches seiner besonderen Schönheit wegen einzeln in eine Blumenlese aufgenommen war, denn es steht mitten zwischen anderen Bruchstücken. Die Geschichte der Gegenwart episch zu behandeln, ist stets ein Mißgriff, und immer werden es die einzelnen Schilderungen sein, welche einem solchen Werke seinen Reiz verleihen. Aber auch die Anlage ist hier doch sehr geschickt entworfen. In voller Pracht wird Karls Hofhaltung uns vor Augen geführt; eine Lobrede auf den großen König eröffnet das Buch, dann werden die Bauten zu Aachen und eine große Jagd mit reichen Farben und lebendiger Anschaulichkeit geschildert: mit besonderer Vorliebe verweilt der Dichter bei den Töchtern Karls, zu denen wohl kein anderer Dichter der Zeit in so nahem Verhältniß stand wie Angilbert. In der Nacht läßt dann der Dichter den König im Traume die Mißhandlung erblicken, welche der Pabst Leo 799 in Rom erfuhr; er weicht darin von der Wirklichkeit ab, aber wenn man einmal die Geschichte episch behandeln will, so ist eine solche Wendung geschickt genug, um ohne lange Vorbereitungen die Hauptereignisse einander nahe zu rücken[21]. Ohne von den umständlichen Gesandtschaften, welche in der Wirklichkeit dazwischen lagen, berichten zu müssen, gelangt so der Dichter sogleich zu der Zusammenkunft Karls mit dem Pabste im Lager bei Paderborn, welche den eigentlichen Gegenstand seiner Darstellung bildet.
Niemand wird dieses Fragment aus der Hand legen, ohne zu bedauern, daß uns von diesem Werke nicht mehr erhalten ist; es weht uns darin gleichsam die frische Luft jenes kraftvollen Lebens an, und wir fühlen uns auf einen Augenblick entrückt aus der einförmigen Atmosphäre der geistlichen Chronisten, ja selbst der seelenlosen Schulpoesie. Ueber den Verfasser aber werden wir uns bescheiden müssen, unsere Unwissenheit zu bekennen.
§ 8. Einhard. [←]
Pertz, MG. SS. II, 426-430. Baehr S. 200-216. O. Abel, Kaiser Karls Leben von Einhard, S. 1-18. Eug. Bacha bei Kurth: Dissertations acad. Liège 1888. Opera ed. Teulet, Par. 1840, 1843, 8. 2 Bände. Jaffé, Bibl. IV, 487-506; vgl. die zweite Ausgabe der Vita Caroli M. cur. W. Wattenbach, 1876. Vita Caroli ed. Waitz, 1880. Ebert II, 92-104. Bursian, Gesch. d. Philol. S. 21. M. Manitius, Einharts Werke und ihr Stil, NA. VII, 517-568. Nachtrag VIII, 193. XI, 64-73.
Dem Kaiser Karl wurde das Glück zu Theil, so lange die Herrschaft zu führen, daß er noch selbst den Erfolg seiner Bestrebungen und Einrichtungen erlebte. Haben wir bisher mit den Männern uns beschäftigt, welche er als Gehülfen seiner Thätigkeit an sich zog, seinen gleichaltrigen Zeitgenossen, so haben wir dagegen jetzt in Einhard den ersten der jüngeren Generation zu betrachten, der schon ganz unter dem Einfluß von Karls Zeitalter erwachsen war, und selbst den schönsten Beweis gab für den gesegneten Erfolg dieses Strebens. Kein mittelalterlicher Schriftsteller ist den classischen Vorbildern, welchen sie nacheiferten, so nahe gekommen; er erfreut sich deshalb eines guten Namens und findet selbst vor philologischen Augen Gnade.
Und doch zeigt sich auch gerade darin wieder eine Gefahr der damaligen Richtung; so viel anziehendes Einhard auch hat, es fehlt ihm die frische Natürlichkeit anderer, er schreibt fast wie Sueton, aber es war nicht das richtige Ziel des Mittelalters, zu schreiben wie Sueton, so wenig wie am Beginn der neueren Zeit diejenigen das Höchste erreicht haben, welche fast wie Cicero schrieben.
Man hätte in die Gefahr kommen können, nichts als ein mattes Abbild der römischen Kaiserzeit darzustellen, wenn nicht doch dagegen das widerstrebende Element der Kirche immer geschützt hätte, welches sich in dieser Form nicht fesseln lassen konnte, und das unvertilgbare frische Leben der Völker, welches nicht ruhte, bis es sich seine eigenen neuen Formen geschaffen hatte.
Für das Leben Einhards haben wir die werthvollste Bereicherung unserer Kenntniß dem Prologe Walahfrids zu Kaiser Karls Leben zu danken, dessen früher bezweifelte Echtheit durch die Auffindung der Kopenhagener, einst Kirschgarter Handschrift gesichert ist; daraus ist er fehlervoll Arch. VII, 372, correcter von Jaffé herausgegeben[1], und mit Benutzung desselben hat Jaffé in sorgfältigster Weise Einhards Leben neu bearbeitet. Eine zweite Handschrift in Freiburg i. Br. hat B. Simson entdeckt und die Varianten mitgetheilt[2].
Einhard — denn so, nicht Eginhard, wird der Name von seinen Zeitgenossen urkundlich geschrieben[3] — ist um das Jahr 770 in Ostfranken im Maingau von edlen Eltern[4] geboren, und erhielt seine früheste Erziehung im Kloster Fulda[5], zu dem er auch immer in freundschaftlicher Beziehung blieb: noch bewahren sechs von ihm unter Abt Baugulf (779-802) geschriebene Urkunden, wenn gleich nicht im Original erhalten, das Andenken an jene Zeit. Darunter ist eine Schenkung der Ehegatten Einhart und Engilfrit, höchst wahrscheinlich seiner Eltern; zwei vom 19. April 788 und vom 12. September 791 dienen zur Zeitbestimmung[6]. So sehr zeichnete er sich durch seine Fähigkeiten und Fortschritte aus, dass Abt Baugulf ihn an den Hof des Königs schickte, denn dieser, das wußte Baugulf, trachtete eifrigst danach, die fähigsten und gelehrtesten Männer aus dem ganzen Reiche um sich zu versammeln. In der Hofschule also vollendete er seine Ausbildung, und erwarb sich bald die Anerkennung, welcher beim ersten Anblick seine kleine Gestalt hinderlich war. Homuncio nennt ihn deshalb Walahfrid, nam statura despicabilis videbatur. Und Theodulf sagt 796 in dem oben erwähnten Gedicht an Karl v. 155 ff. von ihm:
Nardulus huc illuc discurrat perpete gressu: Ut formica tuus pes redit itque frequens, Cujus parva domus habitatur hospite magno, Res magna et parvi pectoris antra colit. Et nunc ille libros operosus[7], nunc ferat et res, Spiculaque ad Scotti nunc paret apta necem.
Denn von der Bissigkeit dieses Schottenmönchs (vgl. oben S. 153) hatte er nicht minder als Alcuin und Theodulf selbst zu leiden. Alcuin aber verfaßte folgende scherzhafte Verse als Inschrift auf Einhards Haus:
Parva quidem res est oculorum cerne pupilla, Sed regit imperio vivacis corporis actus. Sic regit ipse domum totam sibi Nardulus istam: Nardule, dic lector pergens, tu parvule salve!
Und für seine Hausthür:
Janua parva quidem et parvus habitator in aede est.
Seine volle Anerkennung für Einhard aber spricht er in diesem hübschen Epigramm aus:
Non spernas Nardum, lector, in corpore parvum, Nam[8] redolet nardus spicato gramine multum: Mel apis egregrium portat tibi corpore parvo.
Als schon in späteren Jahren 829 Walahfrid Kaiser Ludwigs Hof schilderte, schrieb er von Einhard (mit dem Lemma de Einharto magno)[9]:
Nec minor est magni reverentia patris habenda Beseleel, fabre[10] primum qui percipit omne Artificum praecautus opus: sic denique summus Ipse legens infirma deus, sic fortia temnit. (I. Cor. 1, 27.) Magnorum quis enim majora receperat umquam, Quam radiare brevi nimium miramur homullo?
Daß aber auch Einhard zu den Dichtern des Hofes gehörte, erfahren wir erst aus jenem Gedicht des Naso, wo es zugleich mit hoher Anerkennung seiner hervorragenden Stellung von ihm heißt:
Aonias avide solitus recitare Camenas Nardus ovans summo praesenti pollet honore.
Durch seine Klugheit und Gelehrsamkeit, sowie durch seine Rechtlichkeit und Treue erwarb sich Einhard das vollste Vertrauen Karls, der fast keinem seiner Räthe so rücksichtslos seine geheimsten Gedanken mittheilte; den jüngeren Mann liebte er wie einen Sohn, und Einhard erwiderte diese Zuneigung mit der hingebendsten Verehrung[11]. Ganz besonders zeichnete sich Einhard auch durch seine Kunstfertigkeit aus, durch seine Kunde der Baukunst, welche er durch eifriges Studium des Vitruv und der alten Denkmäler auszubilden suchte, und durch Geschicklichkeit in mancherlei Arbeit. Er erhielt deshalb unter den Hofgelehrten den Beinamen Beseleel, nach dem kunstreichen Werkmeister der Stiftshütte, und wurde vom Kaiser zum Aufseher seiner großartigen Bauten ernannt[12]. Auch in anderen wichtigen Angelegenheiten bewies ihm der Kaiser sein Vertrauen; er sandte ihn im Jahre 806 an den Pabst, um dessen Zustimmung zu seiner Anordnung über die Reichstheilung zu erlangen, und 813 war es Einhard, dessen Rath und Bitte Karl bestimmt haben soll, seinen Sohn Ludwig zum Kaiser zu ernennen. Da ist es denn nicht zu verwundern, daß er auch bei diesem sehr in Gunst stand; die großen Bauten hörten auf, aber nun wurde dem kunstreichen und gelehrten Manne eine ganze Reihe der ansehnlichsten Abteien übertragen. Allein mehr als diese zog ihn der abgelegene und einsame Fleck Landes zu Michelstadt im Odenwald an, den er 815 für sich und seine Gemahlin Imma vom Kaiser zum Geschenk erbat. Mehr und mehr zog er sich hierin zurück, und nachdem er sich im Jahre 827 den nach den Begriffen der Zeit unschätzbaren Besitz der Gebeine der heiligen Märtyrer Marcellinus und Petrus verschafft hatte, gedachte er hier ein Kloster zu gründen; doch veranlaßte eine Vision ihn, die Reliquien nach Mühlheim am Main zu führen, wo er ihnen eine stattliche Kirche erbaute, und die Abtei stiftete, welche den Namen des Ortes allmählich in Seligenstadt verwandelte.
Noch konnte Einhard sich nicht ganz den Staatsgeschäften entziehen, deren unruhiges und kriegerisches Getreibe allen denen, welche sich zu litterarischer Beschäftigung hingezogen fühlten, unerträglich war[13]. Im Jahr 817 gab ihn Ludwig dem jungen Kaiser Lothar als Rathgeber, und 830 finden wir ihn eifrig bemüht, den Ausbruch der Empörung zu verhindern, die Aussöhnung zwischen Vater und Sohn zu bewirken; Walahfrid rühmt ganz vorzüglich die Klugheit, mit welcher Einhard weder vorzeitig den alten Kaiser verlassen, noch auch sich ohne Nutzen ins Verderben gestürzt habe. Als aber die inneren Zustände des Reichs immer unheilbarer wurden, auch niemand mehr auf seinen weisen Rath achtete, da zog er sich ganz in seine Waldeinsamkeit zurück. Noch war ein harter Schlag des Schicksals ihm vorbehalten, der Tod seiner innig geliebten Gemahlin Imma, die nach Jaffé's scharfsinniger Vermuthung eine Schwester des Bischofs Bernhar von Worms war[14]. Sie starb im Jahre 836; der alte Kaiser hat ihn damals in seiner Zurückgezogenheit aufgesucht, um ihm seine Theilnahme zu bezeugen, und Lupus, der sich gerade seiner Studien wegen in Fulda aufhielt, wo er eben mit lebhafter Bewunderung die Vita Caroli gelesen hatte, schrieb ihm in herzlichem Mitgefühl einen Trostbrief[15]. Nicht lange darnach, am 14. März 840, starb er selbst[16]; eine schöne Grabschrift von Hrabans Hand zierte seine Ruhestätte[17]. In der Abtswürde folgte ihm sein Schüler Ratleik, einst sein Schreiber, jetzt Ludwigs des Deutschen Kanzler[18].
Eine reiche Quelle für die Geschichte des letzten Jahrzehnts von Ludwigs des Frommen Regierung, leider nicht für die frühere Zeit, bieten uns die Briefe Einhards und anderer an ihn, oder die auf irgend eine Weise in seinen Besitz gekommen waren[19], welche in seinem Genter Kloster als Muster gesammelt wurden; die Eigennamen wurden als überflüssig meistens beseitigt. Die Handschrift kam mit den vor den Normannen flüchtenden Mönchen nach Laon, wo sie in stark beschädigtem Zustande geblieben ist, bis Pertz sie 1827 dort entdeckte, worauf sie wenig später nach Paris gebracht wurde. Nachdem zuerst Teulet die Handschrift wieder benutzt hatte, liegt nun von Jaffé eine zu bequemem Gebrauche kritisch bearbeitete Ausgabe vor[20].
Einhards berühmtestes und vollendetstes Werk ist:
Das Leben Karls.
Ausgabe von Pertz MG. SS. II, 426-463. Besonderer Abdruck, 3. Ausgabe 1863, mit einem Anhang von Gedichten. Ueber später gefundene Handschriften NA. VI, 195. Cod. Monac. 17134 aus Scheftlarn mit Interpolationen aus den Annalen über Tassilo, s. Graf Hundt in d. S. 154 angef. Abh. S. 191. Cod. Paris 4937 ist mit dem Fonds Barrois wieder erworben. Eine Hds. im Catalog von 1412 des Kl. Amelungsborn, Dürre im Progr. d. Gymn. zu Holzminden 1876 S. 22. Ideler: Leben und Wandel Karls des Großen von Einhard (Text mit Commentar und Beilagen), 2 Bde. 1839. Ausg. von Jaffé, Bibl. IV, 487-581, und bes. Abdruck, 1867; 1876 cur. W. Wattenbach. Ed. Waitz. 1880; A. Holder 1881. Uebers. v. O. Abel, Geschichtschr. 16 (IX, 1) 1850, 1880. Verbesserungen von Fröhner, Krit. Analecten, Philologus, Suppl. Bd. V, S. 93. Fr. Schmidt De Einhardo Suet. imitatore, Progr. 1880. Manitius, Anklänge an Vergil, NA. IX, 617, an Sulpicius Severus, Vellejus u. Curtius ib. XII, 205. 206; an Justin XIII, 213. E. Bernheim, Waitz-Aufsätze S. 73-96, über das Verhältniß zu Sueton und zu den Ann. Einhardi, die er benutzt habe, vgl. NA. XII, 427.
„Einhard“, sagt Ranke zur Kritik fränkisch-deutscher Reichsannalisten S. 416[22], „hatte das unschätzbare Glück, in seinem großen Zeitgenossen den würdigsten Gegenstand historischer Arbeit zu finden; indem er ihm, und zwar aus persönlicher Dankbarkeit für die geistige Pflege, die er in seiner Jugend von ihm genossen, ein Denkmal stiftete, machte er sich selbst für alle Jahrhunderte unvergeßlich.“
„Vielleicht in keinem neueren Werke tritt nun aber die Nachahmung der Antike stärker hervor, als in Einhards Lebensbeschreibung Karls des Großen. Sie ist nicht allein in einzelnen Ausdrücken und der Phraseologie, sondern in der Anordnung des Stoffes, der Reihenfolge der Capitel, eine Nachahmung Suetons. Wie auffallend, daß ein Schriftsteller, der eine der größten und seltensten Gestalten aller Jahrhunderte darzustellen hat, sich dennoch nach Worten umsieht, wie sie schon einmal von einem oder dem anderen Imperator gebraucht worden sind. Einhard gefällt sich darin, die individuellsten Eigenheiten der Persönlichkeit seines Helden mit den Redensarten zu schildern, die Sueton von Augustus, oder Vespasian, oder Titus, oder auch hie und da von Tiberius gebrauchte. Er hat gleichsam die Maße und Verhältnisse nach dem Muster der Antike eingerichtet, wie in seinen Bauwerken: aber damit noch nicht zufrieden, wendet er wie in diesen, auch sogar antike Werkstücke an. Wenn wir auch überzeugt sind, daß hiebei die Wahrheit nicht verletzt wurde, so konnte doch die ganze Originalität der Erscheinung auf diese Art nicht wiedergegeben werden. Ueberhaupt suchen wir in der Geschichte nicht allein Schönheit und Form, sondern die exacte Wahrheit, deren Ausdruck die freieste Bewegung fordert und dadurch eher erschwert wird, daß man sich ein bestimmtes Muster vor Augen stellt.“