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Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

I. Die Vorzeit. (continued 2)

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Höchst charakteristisch für diese erste Zeit der Vermischung des Alten und Neuen ist die Persönlichkeit des Venantius Fortunatus[7]. Noch in den alten Rhetorenschulen gebildet, ist er einer der letzten Repräsentanten jener verkünstelten Schulgelehrsamkeit. Er stammte aus Italien und kam um das Jahr 565 nach Gallien, an König Sigiberts Hof, wo man viel Gefallen an dieser Poesie fand. Ueberall bei den fränkischen wie bei den römischen vornehmen Herren und Bischöfen war er ein gern gesehener Gast und auf ein Lobgedicht von ihm legte man den größten Werth. Aber mehr als alles dieses fesselte ihn die Freundschaft der heiligen Radegunde, die ihn zuletzt bewog, in den geistlichen Stand einzutreten und sich ganz nach Poitiers zurückzuziehen. Hierhin hatte Radegunde, aller Herrlichkeit der Welt entsagend, sich begeben, um ihr Leben in dem von ihr gestifteten Kloster bei den Werken der Frömmigkeit und Demuth zu beschließen, sie, einst die Gemahlin Chlothars, den sie aber nach der Ermordung ihres Bruders, des letzten Sprossen der thüringischen Königsfamilie, verlassen hatte. Nur ein Vetter von ihr war noch übrig, der in Constantinopel lebte, und an diesen schrieb nun Fortunat in ihrem Namen eine wahrhaft schöne poetische Epistel, in welcher er den Untergang des thüringischen Reiches in ergreifender Weise schildert. Ebenso schön ist ein zweites langes Gedicht über das traurige Geschick der Galswintha, Tochter des Westgothenkönigs Athanagild, der Schwester der Königin Brunhilde, die mit König Chilperich vermählt, aber bald nach der Hochzeit auf Anstiften der Fredegunde ermordet wurde[8].

Wo Fortunat in solcher Weise einen bedeutenden Gegenstand aus dem wirklichen Leben zu behandeln unternimmt, zeigt er wahres Gefühl und ungewöhnliches Talent. Aber bei weitem die Mehrzahl seiner Gedichte bewegt sich ganz in der spielenden Weise seiner Zeit; er bedichtet jede gute Mahlzeit, die Radegunde ihm zukommen läßt, und widmet jedem kleinen Vorfall ein Epigramm. Vollends unerträglich ist seine Prosa, schwülstig, geziert, kaum verständlich; nur in den von ihm verfaßten Heiligenleben redet er einfach und natürlich. Das findet sich überhaupt fast durchgehends, nur wenige derselben sind in dem gesuchten Stil der Schule geschrieben, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie zur Erbauung, zum Vorlesen bestimmt waren, und deshalb allgemein verständlich sein mußten.

In den Heiligenleben, die Fortunat verfaßte, herrscht übrigens der moralisch-theologische Zweck und Standpunkt zu sehr vor, als daß sie einen bedeutenden historischen Werth haben könnten; am anziehendsten und am lehrreichsten ist das Leben der Radegunde († 13. Aug. 587), worin das Klosterleben der damaligen Zeit anschaulich geschildert wird, doch waren auch hier so bedeutende und für das Kloster wichtige geschichtliche Vorgänge ganz übergangen, daß schon von der damaligen Aebtissin Dedimia der Nonne Baudonivia die Abfassung einer zweiten Biographie aufgetragen wurde, was sie gewissenhaft, wenn auch in ungeschickter Weise, bald nach 600 ausgeführt hat[9].

Wie nun die Legenden sich schon durch ihre einfache Sprache als dem Leben näherstehend bewähren, so zeigt es sich überhaupt bald, daß die kirchliche Litteratur die einzige wahrhaft lebensfähige war. In die Kirche flüchteten sich alle, welche noch Sinn und Neigung für litterarische Bildung hatten, die in dem wilden Getümmel des weltlichen Lebens keine Stätte mehr fand. Das sahen wir an Ennodius, der auch im südlichen Gallien geboren und in den dortigen Rhetorenschulen gebildet war, an Cassiodor, Jordanis, Apollinaris Sidonius, und auch Fortunat wurde in seinem hohen Alter noch Bischof von Poitiers, wo er zu Anfang des siebenten Jahrhunderts gestorben ist.

Jene innerlich leblose gekünstelte Litteratur der Grammatiker starb mit ihren letzten, von den Franken noch vorgefundenen Repräsentanten ab, und nur die Kirche bewahrte von nun an die Keime des geistigen Lebens, welche sie naturgemäß für ihren Dienst verwandte. Freilich konnte auch sie dem Druck dieser Zeiten nicht unversehrt widerstehen; die früher in Gallien sehr bedeutende speculativ-theologische Thätigkeit hörte gänzlich auf, da man zu gewaltsam vom Drange des praktischen Lebens ergriffen wurde; aber in diesem bewahrte die Kirche eine bedeutende Stellung. Politisch war die Macht der Bischöfe im fränkischen Reiche bald größer, als sie je gewesen war, und wenn sie auch von der immer mehr überhand nehmenden Verwilderung stark ergriffen wurden, so ging der tiefere sittliche Gehalt in der Kirche doch niemals völlig verloren, und mitten in dem allgemeinen Verderben erschienen immer aufs neue einzelne Männer, welche durch Reinheit der Gesinnung und durch rückhaltlose Hingabe ihrer eigenen Person für die Gebote des Evangeliums die Verehrung ihrer Zeitgenossen und die Bewunderung der Nachwelt erzwangen. Zu keiner Zeit nach den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche finden wir eine größere Zahl von Heiligen als gerade damals, Männer und Frauen, großentheils von hervorragender äußerer Stellung, die durch Entsagungen aller Art, durch aufopfernde Wohlthätigkeit, durch unerschrockenes Auftreten gegen die Verbrechen der Großen und Mächtigen, sich die dankbare Verehrung des Volkes erwarben. Das äußere Leben nahm gebieterisch alle ihre Kräfte in Anspruch; für wissenschaftliche Bestrebungen war kein Raum in dieser Zeit, und die geringe litterarische Thätigkeit, welche noch Statt findet, beschränkt sich auf Predigten, moralische Schriften und Legenden, die ebenfalls als Vorbilder zum Zweck der unmittelbaren Einwirkung auf die Zeitgenossen verfaßt wurden.

Auf diesem Felde schloß sich an Sulpicius Severus eine reiche Litteratur an, und auch der Mann, mit dem wir uns zunächst zu beschäftigen haben, der bedeutendste Schriftsteller der merowingischen Zeit, Gregor von Tours, wandte der Legende seine Thätigkeit hauptsächlich zu.

§ 8. Gregor von Tours. [←]

Opera ed. Ruinart, Paris 1699, fol. Migne LXXI. SS. Meroving. I. 1885 (Hist. Fr. ed. W. Arndt, de miraculis S. Andreae ed. M. Bonnet, die übr. Schriften v. Br. Krusch). Rec. v. Bonnet, Revue crit. 1885 N. 9 (vgl. NA. X, 603), 1886 N. 8 (vgl. NA. XI, 632). Differenzen zw. Krusch u. Bonnet NA. XII, 309-314. XVI, 432. XVII, 199-203. Krusch: Chlod. Sieg über die Alamannen, gegen Vogel, NA. XII, 289-302; zu Greg. de cursu stell. NA. XII, 303-314.

In Not. et Doc. publ. p. la Soc. de l'hist. de France (1884) giebt H. Omont S. 1-18 Nachricht von einem durch L. Delisle in Kopenhagen entdeckten Fragment e. Hs. d. Hist. in Uncialen u. einer zweiten saec. IX. Auch sind die Leid. u. Vat. Fragmente (A2 bei Arndt) abgedruckt. — L. I-VI e cod. Corb. mit den Zusätzen d. 2. Ausg. v. H. Omont 1886. Album pal. pl. 12 codd. Belvac. Corb. pl. 13 Camerac. mit von Bethmann übersehenen Correcturen.

Uebersetzung der Gesch. mit vortrefflicher Einleitung von W. Giesebrecht. Berlin 1851, 2. Aufl. 1878 (Geschichtschr. 8. 9. VI, 4. 5). Kries, De Greg. Tur. vita et scriptis, Vratisl. 1838. Löbell, Gregor von Tours und seine Zeit, Leipzig 1839, 1869. Haeusser S. 8-17. R. Koepke in der Allg. Monatsschrift, 1852 Sept. S. 775-800. Kl. Schr. S. 289 ff. Waitz in den Gött. Gel. Anz. 1839, S. 781-793, in Schmidts Zeitschrift für Geschichte II, 44. Dazu jetzt die vortreffl. Monographie von G. Monod: Études critiques sur les sources de l'hist. Mérovingienne (Bibl. de l'Écol. des hautes études, 8 Fasc. 1872) p. 21-146 (vgl. seine oben S. 39 angeführte Recension), rec. v. Dümmler, Lit. Centr. 1872, 819; v. Waitz, GGA. 1872, 903-909; v. W. Arndt, Hist. Zeitschr. 23, 415-422. Ebert S. 566-579. Alfred Jacobs, Géographie de Grégoire de Tours et de Frédégaire, Paris 1861, u. bei der Ausg. von Guizots Uebersetzung. Longnon, Géographie de la Gaule à l'époque de Gr. de T. 1878. Le Mire, Études archéolog. sur Gr. de T. Lons-le Saulnier 1879. Bonnet, Le Latin de G. de T. Paris 1890.

Gregor von Tours stammte aus einer sehr vornehmen römischen Familie, der fast alle Bischöfe von Tours und viele Heilige angehörten. Um das Jahr 540 in Clermont-Ferrand (Arverni) geboren, erhielt er nach seinem Vater und seinem Großvater die Namen Georgius Florentius; Gregor hat er sich erst später genannt, nach seinem mütterlichen Ahnherrn, dem heiligen Gregorius, Bischof von Langres. Seinen Vater scheint er früh verloren zu haben; erzogen wurde er an seinem Geburtsort von seinem Oheim, dem heiligen Bischof Gallus, und nach dessen Tode von dem Priester Avitus, der im Jahre 571 ebenfalls Bischof von Clermont wurde. Er selbst nennt nur diesen, der ihn nicht in weltlicher, sondern in kirchlicher Wissenschaft unterwiesen habe. Doch hat er natürlich in der Schule einige Kenntniß des Vergil und Sallust bekommen, weiß auch von Marcianus Capella, aber seine Citate beschränken sich auf das erste Buch der Aeneide und den Prolog des Catilina, wie G. Kurth nachgewiesen hat, welcher daraus den Schluß zieht, daß eine Chrestomathie dieser Art damals im Schulgebrauch gewesen sei[1].

Im Jahr 573 erhielt Gregor von König Sigebert das Bisthum Tours, und Fortunat versäumte nicht, sein Gedicht dazu zu machen; Gregor, der ihm nahe befreundet war, hat ihn später sogar mit einem Landgütchen beschenkt.

Der Bischof von Tours, der Nachfolger des heiligen Martin, war eine der ansehnlichsten Personen im fränkischen Reiche, ein Kirchenfürst von bedeutender Macht, und mehr noch wegen der ungemeinen Verehrung des heiligen Martin ein Mann, auf den die Blicke vieler Menschen gerichtet waren und dessen Stimme bei allen Staatshändeln von Gewicht war. Bei den inneren Kriegen unter den Merowingern konnte es daher nicht fehlen, daß Gregor sehr bald in schwierige Verwickelungen hineingezogen wurde, und gleich anfangs sah er sich in sehr gefährdeter Lage, als Chilperich die Stadt Tours seiner Herrschaft unterwarf. Er benahm sich aber stets mit Klugheit und Festigkeit, und wußte sich selbst gegen erbitterte und mächtige Feinde zu behaupten. Nach Chilperichs Tode (584) stieg sein Ansehen, und von nun an war er einer der einflußreichsten Männer im Reiche. Allgemein geachtet starb er am 17. Nov. 594, und hinterließ ein dankbares Andenken in seinem Sprengel, für den er in jeder Beziehung mit unermüdlichem Eifer thätig gewesen war; man verehrte ihn sogar als einen Heiligen. Seine im zehnten Jahrhundert in Tours verfaßte Biographie hebt nur diese Seite hervor, und gewährt fast keine neue Belehrung über ihn[2].

Vieles hatte Gregor erlebt und gesehen, von seiner Kindheit an, wo die Auvergne der Schauplatz des Kampfes zwischen Chlothar und Childebert war, bis zu dem blutigen Streite der Königinnen Brunhilde und Fredegunde; seitdem er zu den Bischöfen des Reichs gehörte, konnte kein bedeutendes Ereigniß eintreten, ohne ihn unmittelbar zu berühren; von allem erfuhr er, und an vielen wichtigen Staatsgeschäften nahm er persönlich Theil; einen großen Theil des Reiches kannte er aus persönlicher Anschauung. Da erwachte in ihm der Wunsch, die Kunde dieser Dinge auch der Nachwelt zu überliefern, und während er das Leben der Heiligen beschrieb und reiche Sammlungen von Wundergeschichten verzeichnete, arbeitete er zugleich unablässig an dem Geschichtswerke, welchem wir fast allein unsere Kenntniß von dem Reiche der Merowinger verdanken. Noch trägt es die Spuren seiner allmählichen Entstehung, man erkennt spätere Nachträge, und es fehlt ihm die letzte Vollendung. Um so größer ist deshalb die Glaubwürdigkeit der letzten Bücher, in welche er den Ereignissen gleichzeitig die Zeitgeschichte eintrug.

Häufig nennt man dieses Werk die Kirchengeschichte der Franken, und in manchen Handschriften trägt es nach dem Vorbild des Beda diesen Titel (Historia ecclesiastica Francorum). Allein so sehr auch dem Charakter der Zeit entsprechend das kirchliche Element vorwiegt, der Inhalt zeigt doch, daß jene Ueberschrift den Grundgedanken des Werkes nicht ausdrückt und also nicht von Gregor herrühren kann. Richtiger nennt man es: Zehn Bücher fränkischer Geschichten.

Gregor hatte bereits Vorgänger gehabt; er selbst, und nur er allein, hat uns (II, 8. 9) Namen und Bruchstücke von zwei verlorenen Historikern aufbewahrt, von Renatus Profuturus Frigeridus[3], dessen zwölftes Buch der Geschichten er anführt, und Sulpicius Alexander. Aber diese scheinen beide noch den Zeiten der letzten Kaiser angehört zu haben, und niemand versuchte mehr das Andenken dieser trüben Zeiten aufzuzeichnen. Mit der Klage darüber beginnt Gregor sein Werk. Jetzt, da die Pflege der schönen Wissenschaften in den Städten Galliens vernachlässigt, ja sogar gänzlich in Verfall gerathen sei[4], so lauten die inhaltsschweren Worte, jetzt finde sich kein Gelehrter, dem die Kunst der Rede zu Gebote stände[5], der in Prosa oder Versen die Begebenheiten der Gegenwart der Nachwelt aufbewahre. Laut klage das Volk: Wehe über unsere Tage, daß die Pflege der Wissenschaften bei uns untergegangen ist und niemand sich findet, der, was zu unsern Zeiten geschehen, berichten könnte! Deshalb also, weil kein anderer auftrete, habe er es auf sich genommen, das Gedächtniß dieser Tage den Nachkommen zu überliefern.

Die Geschichte seiner Zeit also ist sein Gegenstand; aber um dafür eine chronologische Grundlage zu gewinnen, schickt er im ersten Buche eine Uebersicht der Weltgeschichte, hauptsächlich der biblischen, seit der Schöpfung voran[6]; die Erzählung von der Stiftung der gallischen Kirchen, zuletzt von seinem Schutzheiligen Sanct Martin, giebt dann den Uebergang zur fränkischen Geschichte. Allein er führt doch auch noch einen anderen Grund an für die Berechnungen, mit denen er sein Werk beschließt, nämlich damit diejenigen, welche wegen des herannahenden Endes der Welt in Sorgen sind, genau wissen möchten, wie viele Jahre seit der Erschaffung der Welt verflossen wären. Denn diese Vorstellung beherrschte auch ihn, so wie alle, die auf das untergehende römische Reich, das letzte Weltreich, ihre Blicke gerichtet hatten. Und in der That bot diese Zeit kaum etwas anderes dar, als Zeichen des Verfalles und des Unterganges; Keime neuen Lebens mußten dem Frankenreiche in Gallien erst von außen wieder zugetragen werden, für die Neugestaltung des Staates von Austrasien, für die Kirche von den britischen Inseln.

Vor allem findet nun Gregor es durchaus nothwendig, sein Glaubensbekenntniß an die Spitze des Buches zu stellen, damit kein Leser an seiner Rechtgläubigkeit zweifeln könne; denn ein Hauptgegenstand seines Werkes würden die Kämpfe der Kirche mit den Ketzern sein. Höchst charakteristisch ist dies für eine Zeit, die seit Jahrhunderten von dem Gegensatze der Katholiken und Arianer erfüllt war, wo der Name des Orthodoxen der höchste Ehrentitel der Fürsten war, und die Franken ihren größten Stolz darin fanden, von jeder Ketzerei frei zu sein. Das gesteht ihnen auch der Mönch Jonas im Leben des Columban zu; den katholischen Glauben finde man bei ihnen, nur leider von den Werken auch gar keine Spur.

Es ist aber dieser Standpunkt für die Beurtheilung von Gregors Werk sehr wichtig; seine ganze Auffassung Chlodovechs beruht darauf. Nicht nach schriftlichen Aufzeichnungen schildert ihn Gregor; für die ersten Zeiten hat er wohl die schon erwähnten Autoren und den Orosius benutzt, auch einzelne annalistische Notizen und Heiligenleben, vorzüglich das Leben des Remigius, nebst Briefen und Aktenstücken[7]; aber seine Hauptquelle für die Urgeschichte der Franken, und bald seine einzige, ist doch die lebendige Ueberlieferung, und die Darstellung Chlodovechs sowie seiner nächsten Nachfolger ist darum schon durchaus sagenhaft; in diesem Abschnitt hat man sich sehr zu hüten, Gregors Autorität nicht zu überschätzen[8].

Chlodovech ist ihm der Streiter der Kirche, ihr Vorkämpfer gegen die Arianer; als solchen faßt er ihn vorzugsweise auf, und deshalb kann er auch (II, 40) von ihm sagen: „Gott aber warf Tag für Tag seine Feinde vor ihm zu Boden und vermehrte sein Reich, darum, daß er rechten Herzens vor ihm wandelte, und that was seinen Augen wohlgefällig war“.

Unmittelbar vorher hat Gregor erzählt, wie sich Chlodovech durch Mord und Verrath des ripuarischen Reiches bemächtigte, und man hat ihm daher jenen Ausspruch sehr zum Vorwurf gemacht. Diese Worte fassen aber den Inhalt nicht des einen Capitels allein, sondern auch der vorhergehenden zusammen, in welchen die Bekämpfung der arianischen Westgothen erzählt ist, der Kreuzzug, welchen die Kirche als Chlodovechs größtes Verdienst betrachtete. Ein feines Gefühl für Recht und Unrecht darf man freilich bei den Schriftstellern dieser Zeit nicht suchen; wie bei den Italienern des fünfzehnten Jahrhunderts war durch die täglich sich wiederholenden Greuelthaten das Gefühl dafür abgestumpft worden. Mord und Hinterlist waren so gewöhnliche Werkzeuge geworden, daß wer sie nicht selber anwandte, ihnen zum Opfer fiel; es kam daher für die Beurtheilung nur noch darauf an, ob sich ein lobenswerther Zweck damit verband, oder ob sie bloß der Selbstsucht und anderen schlechten Leidenschaften dienten. So erzählt denn auch Gregor zahlreiche Geschichten derart mit einer Kälte, die uns unheimlich berührt, ohne irgend etwas von dem Abscheu zu äußern, welcher den heutigen Leser dabei ergreift. Eben dadurch aber gewinnt er um so mehr an Glaubwürdigkeit; ganz in seiner Zeit stehend, gewährt er uns das treueste Bild derselben, und indem er nur einfach berichtet, was geschehen war, verdient er ohne Zweifel vollen Glauben, so weit seine eigene Kenntniß der Begebenheiten reicht, und so weit nicht etwa leidenschaftliche Erregung, so weit nicht seine eifrig kirchliche Denkungsart, sein Haß gegen die Ketzer, sein Urtheil trüben, oder seine übergroße Leichtgläubigkeit ihn irre führt. Sehr mit Unrecht hat man ihm absichtliche Entstellung Schuld geben wollen; von Flüchtigkeit und Ungenauigkeit dagegen ist er im ersten Theile seines Werkes nicht frei, und daran wird es auch wohl in den späteren Abschnitten, wo es unsere einzige Quelle ist, nicht fehlen.

Die Darstellung Gregors ist einfach und kunstlos; er selbst bittet um Entschuldigung deshalb: „Ich bitte die Leser vorher um Verzeihung,“ sagt er, „wenn ich im großen oder geringen gegen die Grammatik fehlen sollte, denn ich bin nicht recht bewandert in dieser Wissenschaft.“ Die Schulgelehrsamkeit der Zeit mangelte ihm, und das ist ein Glück für uns, ebenso wie bei Eugippius. Gregor selbst sagt darüber nicht ohne Ironie, daß er sich zu dieser Arbeit entschlossen habe, weil kein Gelehrter sie auf sich nehme, und weil er häufig verwundert habe vernehmen müssen, daß einen Schriftsteller von gelehrter Bildung nur wenige verständen, des schlichten Mannes Rede aber viele[9]. Einige Stellen seines Werkes, wo er sich in dieser Schreibart versucht hat, zeigen uns die Gefahr, vor welcher sein Mangel an Schulbildung uns bewahrt hat. In der Regel aber ist seine Schreibart diejenige, welche sich damals für die Legende ausgebildet hatte, und nach und nach allgemein herrschend wurde; schlicht und einfach, weil sie allgemein verständlich sein mußte, und erfüllt von biblischen Ausdrücken und Anspielungen, dem Standpunkt der Verfasser und dem Zweck ihrer Werke angemessen, da sie ja sämmtlich Geistliche sind und auch in der Darstellung der Geschichte die kirchliche Bedeutung derselben fast überall vorherrscht; dabei dem verfallenen Zustand der damaligen Umgangsprache entsprechend, erfüllt von den ärgsten grammatischen Verstößen; das Gefühl für die Bedeutung der Flexionsendungen hatte sich fast ganz verloren[10].

Die kunstlose, einfache Sprache Gregors, seine behagliche, memoirenartige Erzählung, welche Geschichten aller Art, die größten Staatsbegebenheiten und unbedeutende Vorfälle des gewöhnlichen Lebens bunt durch einander mischt, das ist es eben, was seinem Werke einen so großen Reiz verleiht, und es zu einem so treuen Spiegel seiner Zeit macht, daß ihm in dieser Hinsicht kein zweites zu vergleichen ist.

Vorzüglich zeigt uns Gregors Werk auch, wie besonders Loebell schlagend nachgewiesen hat, die völlige Verschmelzung der fränkischen und der romanischen Bevölkerung; von einem feindlichen Gegensatze beider Elemente ist nichts darin wahrzunehmen, und die römische Abkunft des Verfassers hat durchaus keinen Einfluß auf seine Darstellung ausgeübt.

Was er hörte, was er sah, das erzählte er, ohne weiteren Zweck, als das Andenken der Dinge zu erhalten; er dachte keineswegs gering von dieser Aufgabe und dem Werthe derselben, denn ausdrücklich beschwört er am Ende des letzten Buches seine Nachfolger auf dem Stuhle des heiligen Martin, sie unverkürzt und unversehrt der Nachwelt aufzubewahren, und nichts daran zu ändern. Und wenn auch nicht durch ihr Verdienst, so ist uns doch wirklich Gregors Werk in seiner ursprünglichen Gestalt überliefert worden, und seit Jahrhunderten hat man diese ungeschminkte Darstellung einer fernen Zeit hoch geschätzt und in Ehren gehalten. Wir können ihm keine hohe Stelle unter den Geschichtschreibern einräumen, denn ihm fehlen die wesentlichsten Eigenschaften, welche dazu gehören, die Beherrschung des Stoffes, das tiefere Eindringen in den Zusammenhang der Dinge; aber um so mehr ist es auch dankbar anzuerkennen, daß er nicht versucht hat, was ihm nicht gelingen konnte, sondern sich in Bescheidenheit begnügte, eine reiche Fülle des mannigfaltigen Stoffes in seinen Werken zusammenzufassen. Von vorzüglichstem Werthe ist darunter für uns seine Geschichte der Franken, doch enthalten auch seine Wundergeschichten und Heiligenleben viele für die Charakteristik der Zeit wichtige Züge.

In seinen letzten Jahren, als die blutigen Stürme, die das Frankenreich zerrissen hatten, eine Weile ruhten, als Childebert und König Gunthram den Frieden aufrecht hielten, hat Gregor seine Erzählung fortgeführt bis zum Jahre 591; am Ende fügte er noch eine kurze Geschichte der Bischöfe von Tours[11], und zuletzt einen Abriß seines eigenen Lebens hinzu: ein Schlußwort, welches Monod als Epilog zu allen seinen Werken, nicht zur Geschichte allein betrachtet. Dann begann er, wie es scheint, sein Werk noch einmal zu überarbeiten; die sechs ersten Bücher enthalten Einschiebungen, welche um diese Zeit geschrieben sind, und diese sechs Bücher sind denn auch, so scheint es, zuerst allein bekannt geworden; nur sie finden sich in der ältesten Handschrift, und sie allein wurden später in einen Auszug gebracht.

Bei weitem nicht mehr in dem Grade wie Isidor, hatte Gregor in sich aufgenommen, was von der alten Bildung noch übrig war; doch war sie auch auf ihn nicht ohne Einfluß geblieben; hoch überragt er die nun folgende Zeit der tiefsten Barbarei, wo kaum noch einzelne Funken litterarischen Lebens zu finden sind, wo die aus der alten Welt herübergenommene Bildung fast vollständig abstarb, während zugleich politisch die ärgste Verwilderung und Auflösung eintrat: im siebenten Jahrhundert, sagt O. Abel, nach Brunhilde und Fredegunde verliert im merowingischen Königshause auch das Laster seine Größe, in wachsender Jämmerlichkeit schleppt sich das entartete Geschlecht noch anderthalb Jahrhunderte durch die Geschichte.

Erwähnt habe ich vorher (S. 97), daß Gregor auch annalistische Notizen benutzt habe, welche im Anfang seiner Geschichte sehr deutlich zu erkennen sind. Mit diesen hat man sich neuerdings sehr eingehend beschäftigt[12]. Schon oben S. 57 ist der Annalen von Arles gedacht worden, welche mit Consularfasten verbunden sind. Holder-Egger hat ihre Benutzung nachgewiesen in einer Weltchronik, welche fälschlich den Namen des Severus Sulpicius trägt[13], und bis 511 reicht, nach seiner Ansicht aber wahrscheinlich erst 733 in Südgallien verfaßt ist; nicht unwichtig für die westgothische Geschichte von 450 bis 500. Er findet außerdem ihre Spuren bei Isidor, Marius, Jordanis, und in Verbindung mit den Ravennater Fasten bei Gregor[14] und in der Fortsetzung des Prosper bis 641. Gregor hat außerdem noch Annalen benutzt, welche wahrscheinlich aus Angers stammen, und burgundische, welche auch Marius hatte, und deren Verwerthung bei beiden ihre Uebereinstimmung erklärt, wie W. Arndt nachgewiesen, und Monod, welcher früher Benutzung des Marius bei Gregor angenommen hatte, ihm zugegeben hat.

Der Bischof Marius von Avenches, ein Zeitgenosse Gregors, ist zu erwähnen, als Verfasser einer Fortsetzung des Prosper, oder vielmehr des Chronicon imperiale (oben S. 82) bis 581. Marius scheint ein vortrefflicher Mann und exemplarischer Bischof gewesen zu sein, dazu ein geschickter Goldschmidt, welcher kunstreiche Geräthe für seine Kirche selbst verfertigte. Im Jahre 530 oder 531 aus edlem Geschlecht im Sprengel von Autun geboren, wurde er 574 Bischof der alten Römerstadt Avenches, welche sich von der Zerstörung durch die Alamannen niemals recht erholt hatte, und deshalb verlegte er den Sitz des Bischofs nach Lausanne, wo er am 31. December 594 gestorben ist[15].

In seiner Schulbildung stand er nicht höher als Gregor. Es verdient Anerkennung, daß er in dieser Zeit den Versuch machte, die Weltchronik fortzusetzen, aber dürftig genug ist der Versuch ausgefallen. Er besaß ein Exemplar der Ravennater Fasten, mit annalistischen Notizen aus Arles vermehrt, und benutzt, ihnen folgend, die Consulreihe, zu welcher er die Indictionen hinzufügt, später die Jahre p. c. Basilii und die Regierungsjahre Justins II und Tiberius II, als einzige brauchbare Chronologie; inmitten der vorübergehenden und durch innere Kriege erschütterten neuen Reiche ist ihm die „res publica“ das einzig bleibende, und ganz außerhalb ihres Bereiches, scheint er doch die Kaiser als die wahren Herren der Christenheit zu betrachten. Uebrigens berichtet er doch vorzüglich die ihn näher berührenden Vorgänge des burgundischen und des fränkischen Reiches, und was er mittheilt, hat für uns großen Werth. Bis 467 lassen sich bei ihm (nach W. Arndt) die Annalen von Arles, bis 526 die Ravennater verfolgen. Vom Jahre 500 an schöpft er aus burgundisch-fränkischen Annalen, vielleicht bis 570 oder 571. Endlich nimmt Arndt noch „byzantinische, wohl in Mailand verfaßte Annalen“ an, welche bis 568 nachweisbar wären, und auch von Marcellin benutzt.

Verbunden mit diesen Annalen ist ein Anhang von 581 bis 624, welcher mit Unrecht von Brosien verdächtigt[16], von G. Monod in Schutz genommen ist[17], in Uebereinstimmung mit G. Kaufmann[18] und H. Hertzberg[19]. Nach letzterem ist der erste Theil desselben aus Isidor entnommen; der zweite ist original, erzählt in fließender Darstellung, und geht bald völlig in die fränkische Geschichte über. Dieser Anhang wäre benutzt in der Fortsetzung des Isidor bis 636 im Cod. Urbinas, und diese wieder in der Fortsetzung des Prosper bis 641. Vollständig aufgenommen ist er in der Fortsetzung des Isidor von 1017 (MG. SS. XIII, 261).

Im burgundischen Reiche ist ebenfalls schon in der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts die Vita sanctorum abbatum Agaunensium (von St. Maurice im Wallis) geschrieben, welche W. Arndt nach einer Abschrift des Jesuiten P. Fr. Chifflet herausgegeben hat[20]. Ist hier nun auch der Text vielleicht etwas geglättet, so zeigt doch der ganze Periodenbau noch eine anspruchsvolle Schulbildung, und sowohl die halb in Prosa aufgelöste Grabschrift des Tranquillus c. 10, wie die Distichen auf Ambrosius c. 12 zeigen metrisches Verständniß[21], während die Verse auf Probus S. 3 geradezu jeder Metrik hohnsprechen. Demselben Jahrhundert gehört das Leben eines Einsiedlers an, des Hostianus, welcher ein Verwandter des Königs Sigismund war; geschichtliche Thatsachen sind aber nicht daraus zu entnehmen[22].

Nach Gregor versiecht im Frankenreich die geschichtliche Aufzeichnung der Begebenheit fast völlig, und nur in Burgund entstehen noch Schriften, welche uns über die folgenden Zeiten dürftige Kunde gewähren[23].

§ 9. Fredegar. [←]

Ausgabe v. Br. Krusch, MG. SS. Rer. Merov. II. 1888, vgl. Br. Krusch, Die Chronicae des sog. Fredegar, NA. VII, 247-351. 421-516. Auszug des fünften Buches in Giesebrechts Uebersetzung des Gregor. II, 265-281. Die Chronik-Fredegars (Buch 6) und der Frankenkönige übersetzt von Otto Abel, Berl. 1849. 1876. 1888 mit d. Forts. (Geschichtschr. 11. VII, 2). Ebert S. 606. Palacky, Ueber den Chronisten Fredegar und seine Nachrichten von Samo. Jahrb. des Böhm. Museums I, 387-413. Herm. Brosien, Kritische Untersuchung der Quellen zur Gesch. Dagoberts I, Gött. 1868. Alfr. Jacobs, Géographie de Frédégaire, de ses Continuateurs et des Gesta Francorum, Paris 1859. G. Monod, Revue Crit. 1873 N. 42. Ders. Du lieu d'origine de la chronique dite de Frédégaire, im 3. Bd. d. Jahrb. f. Schweiz. Gesch. 1878. Ders. Sur un texte de la compilation dite de Fr. relatif à l'établissement des Burgundions dans l'empire Romain, in: Mélanges publiés par l'École des hautes études, 1878 (NA. IV, 418), Abdr. des cod. 10910, von Monod besorgt, Bibl. de l'École des hautes études. fasc. 63. Paris 1885. Facs. v. Harl. 5251 im Catal. of anc. Mss. pl. 52; des cod. Clarom. im Album pal. pl. 13, wo H. Omont 678 berechnet.

Das einzige Geschichtswerk, welches uns aus dem siebenten Jahrhundert aufbewahrt ist, trägt den Namen des Scholasticus Fredegar; aber dieser Name findet sich nur bei J. Scaliger im Jahre 1598 und in den Antiquités Gauloises et Françoises von Claude Fauchet 1599, in den uns erhaltenen Handschriften dagegen nirgends[1]. Doch ist es zweckmäßig ihn beizubehalten, wie ja auch allgemein üblich ist. Allein durch die scharfsinnigsten Untersuchungen hat Bruno Krusch, gestützt auf die früher noch nicht bekannt gewordenen Kapitel des Liber generationum, der ganzen Untersuchung über den räthselhaften Schulmeister eine neue Wendung gegeben, und unter seinem kritischen Messer hat das scheinbar einheitliche Werk sich in ganz verschiedene Bestandtheile aufgelöst.

Zunächst treten uns Annalen entgegen, die in Burgund, im „pagus Ultrajoranus“, vielleicht in Avenches, von wo Marius nach Lausanne fortgezogen war, bis in den Anfang des 7. Jahrh. fortgeführt wurden, und deutlich zu erkennen sind in der Compilation eines Aventicensers, welcher im J. 613 dieselben bis auf seine Zeit fortsetzte[2], und um den Zusammenhang der Weltgeschichte zu gewinnen, den im J. 235 von Hippolyt verfaßten Liber generationis[3] und einen Auszug aus Hieronymus und Idacius voranstellte[4]. Seine Arbeit reicht bis zum 39. Cap. des sog. Fredegar, und dieser Anfang gewinnt also durch diese Entdeckung bedeutend an Gewicht. Der eigentliche Fredegar aber, von welchem man bisher allgemein annahm, daß er vor dem J. 660 nicht geschrieben haben könne, nahm, wie Krusch jetzt das ganz überzeugend nachgewiesen hat, im J. 642, bis wohin er seine Arbeit geführt hat, das ältere Werk vor; auch er war in derselben Gegend heimisch. Er versah die beiden ersten Bücher mit Anhängen, und fügte einen Auszug aus den, ihm allein bekannt gewordenen, sechs ersten Büchern des Gregor von Tours hinzu[5], nicht ohne Einmischung von allerlei Fabeln, namentlich im dritten Buche nach dem wirklichen Idatius jene über die Vorzeit der Franken, von welchen Gregor noch frei ist, die uns aber von nun an aller Orten begegnen, und bald weiter ausgesponnen wurden: Erzeugnisse einer kindischen Gelehrsamkeit und kecker Erfindung, echter Sage völlig fremd, die aber nach und nach bei Halbgelehrten und Ungelehrten Eingang fanden[6].

Für die Fortführung der Geschichte benutzte Fredegar eine Relation über das inhaltreiche Jahr 613, wie man wegen des genauen Berichtes Cap. 40-44 annehmen muß, und erzählte treu, wenn auch mit geringem Geschick, was er erlebt hatte.

Dasselbe nun, was Fredegar, für seine Zeit und Bildung gut genug, geleistet hatte, versuchte um 658 ein dritter Bearbeiter, ein Austrasier, den Krusch vermuthungsweise nach Metz setzt; er ergänzte das Werk durch einen Auszug der Vita Columbani, und fügte verschiedene Supplemente über austrasische, westgothische, oströmische Geschichte, auch über Samo hinzu; von ihm muß auch der Absatz vom Schluss des Cap. 84-88 mit entschieden austrasischem Charakter herrühren. Seine Zuthaten sind es, welche früher zu der Annahme führten, das ganze Werk könne nicht vor 660 geschrieben sein. Eine weitere Fortsetzung aber hat er nicht zu Stande gebracht.

Wie nun später diese Sammlung fortgesetzt, vermehrt und umgestaltet ist, werden wir noch zu betrachten haben. Unbehülflich und dürftig war diese Schriftstellerei, aber es kommt auch Fredegar gar nicht in den Sinn, große Ansprüche zu machen; er empfindet lebhaft den traurigen Zustand der Zeit, und sieht nach der damals herrschenden Vorstellung das Ende der Welt als nahe bevorstehend an. „Wir stehen jetzt im Greisenalter der Welt, sagt er; darum hat die Schärfe des Geistes nachgelassen, und niemand vermag es in dieser Zeit den früheren Schriftstellern gleichzukommen.“ Sich selbst legte er nur einen bäurischen und ganz beschränkten Sinn bei[7], und diese rührende Bescheidenheit sollte wohl den Spott über den ehrlichen Mann entwaffnen, welcher mit aller Anstrengung geleistet hat, was er vermochte, und der sich dadurch um die Nachwelt ein unsterbliches Verdienst erworben hat.

Merkwürdig wäre es allerdings, wenn Fredegar wirklich einer Schule vorgestanden hätte; denn seine und seiner Genossen Kenntniß des Lateinischen war unglaublich gering, seine Sprache ist über die Maßen barbarisch, aber freilich nicht verschieden von derjenigen, welche wir auch in den Urkunden der Zeit, und in Italien bis ins elfte Jahrhundert finden. Entschieden falsch ist es, wenn man diese Sprache als die des romanischen Volkes bezeichnet, sie kann nie gesprochen worden sein. Alle Flexionsendungen sind nämlich darin vorhanden, sie werden aber nur noch aus Convenienz gebraucht, da das Gefühl für ihre Bedeutung sich fast ganz verloren hat[8]. Das Volk wirft in solchem Falle die Endungen ab, und bildet sich neue; nur wer gelehrt scheinen will, braucht sie noch, ohne aber ihre Bedeutung recht zu kennen. Treffend vergleicht einmal Kausler diese Schreibart mit schriftlichen Aufsätzen, die einer aus der niederen Klasse in der Sprache der Gebildeten, welcher er nicht recht mächtig ist, niedergeschrieben hat. Wir finden sie deshalb nur da, wo die Volksprache der lateinischen noch nahe genug stand, daß man lateinisch schreiben konnte, ohne es schulgemäß erlernt zu haben, besonders in Italien, wo sich ein solches Kauderwelsch bei den Notaren am längsten erhielt. Dort zeigt es sich auch deutlich, daß die Schreiber weit davon entfernt waren, in der Volksprache schreiben zu wollen, denn mitten in solchen Urkunden kommen Zeugenaussagen in ausgebildetem Italienisch vor.

Fredegar stand übrigens mit seinem Latein durchaus nicht allein unter der fränkischen Geistlichkeit des siebenten Jahrhunderts; das zeigt uns das Leben des um 665 verstorbenen Wandregisil, des Stifters von Fontenelle, welches W. Arndt genau nach der schönen Uncialhandschrift hat abdrucken lassen, die der Abfassung sehr nahe stehen muß und gewiß mit aller Sorgfalt geschrieben ist[9]. Hat doch jetzt G. Waitz nachgewiesen, daß auch noch Paulus Diaconus nicht viel anders schrieb, und Jordanis und Gregor von Tours scheinen ebenfalls schon auf diesen Weg geführt zu haben.

Wiederum verging nach Fredegar mehr als ein halbes Jahrhundert, in dem, außer einigen Heiligenleben, unter denen jedoch mehrere nicht gering anzuschlagen sind, das ganze Frankenreich keine Spur von Geschichtschreibung darbietet. Erst in den letzten Zeiten der Merovinger, als in Austrasien schon die ganze litterarische Thätigkeit dem aufstrebenden Geschlecht der Hausmeier sich zugewandt hatte, wurde in Neustrien ein Werk verfaßt, welches sich Gregor und Fredegar anschließt, und in seiner Armseligkeit dem Zustande des absterbenden Reiches vollkommen entspricht. Es ist daher auch kaum möglich anzunehmen, daß bei den darin Cap. 44 angeführten scriptores, wie Krusch S. 217 annimmt, an wirkliche Geschichtschreiber zu denken ist; mit Recht hebt Kurth hervor, daß mit dem ganz unbedeutenden Chlodwig II sich nicht mehrere Geschichtschreiber beschäftigt haben werden, dagegen in Saint-Denis, wo er ihrem Heiligen einen Arm genommen hatte, verschiedentlich über ihn geschrieben sein mag.

§ 10. Die Thaten der Frankenkönige. [←]

Gesta Francorum, Bouquet II, 580. Migne XCVI, 1421 aus Duchesne. Neue Ausg. unter dem Titel Liber historiae Francorum von Br. Krusch, SS. Merov. II, 215-328. Vgl. Cauer, De Karolo Martello, Berol. 1841, p. 11-28. Brosien p. 41-44. Breysig, Karl Martell S. 112. G. Monod, Les Origines de l'historiographie à Paris (Mémoires de la Société de l'histoire de Paris et de l'Ile de France, Tome III, p. 219-240). G. Kurth, Etude crit. sur le Gesta Rerum Francorum, Bull. de l'Acad. r. de Belg. 3 sér. t. XVIII (1889) p. 261-291. Auszugsweise Uebersetzung des ersten Theils von W. Giesebrecht, hinter Gregor von Tours II, 282-302. Vollständig von 639 an, von Abel, hinter Fredegar, s. oben → S. 104.

Die Anfänge, die Herkunft und die Thaten des Frankenvolkes und seiner Könige will ich erzählen — so beginnt nicht ohne Kühnheit der Verfasser sein Werk, aber genannt hat er sich nicht, und obgleich er für seine Zeit außerordentliches leistete und im ganzen Mittelalter sein Buch viel gelesen wurde, so hat doch niemand seinen Namen uns überliefert. Ohne Zweifel war er ein Neustrier. E. Cauer glaubte, wegen der besonderen Verehrung, mit welcher er des heiligen Bischofs Audoenus gedenkt, daß er der Kirche zu Rouen angehört habe[1], und dieser Ansicht hat auch Krusch sich angeschlossen, und einige Stellen für seinen Aufenthalt in dieser Gegend geltend gemacht. Die von G. Monod aufgestellte Vermuthung, daß der Verfasser ein aus Spanien geflüchteter westgothischer Mönch in Paris gewesen sei, kann wohl als ausreichend widerlegt betrachtet werden, aber seine Beziehungen zu Paris sind auch von Kurth wieder schärfer betont; er hält ihn für einen Mönch von Saint-Denis. Seine Heimath vermuthet er in der Gegend von Laon und Soissons, von wo er allerlei zu berichten und Oertlichkeiten zu nennen weiß.

Neustrien ist das Land, von dem der Verfasser des liber historiae berichtet; Austrasien erwähnt er nur gelegentlich, er liebt es nicht, und von dem Neuen, was sich dort bildet, ist er unberührt; während man in Austrasien wenig mehr von den Merovingern weiß, sie in den Annalen kaum noch nennt, stehen sie bei ihm überall im Vordergrunde. Er gehört ganz der alten Zeit an, und bezeichnet durch seine den Fredegar weit übertreffende Dürftigkeit und Armuth den fortgehenden Verfall, wenn auch sein Latein weniger barbarisch ist. Dafür aber fehlt ihm auch die gelehrte Belesenheit Fredegars. Er hat für die alte Zeit, außer dem Prologus legis Salicae[2], nur eine Quelle, die ersten sechs Bücher Gregors, und hierauf gestützt unternahm er es im sechsten Jahre Theuderichs IV d. i. im Jahre 727[3], die Geschichte seines Volkes zu schreiben. Mit mageren Auszügen aus Gregor verbindet er wie Fredegar die halb volksthümlichen, halb gelehrten Sagen über die Anfänge der Franken; dann fährt er selbständig fort, nicht Jahr für Jahr berichtend, sondern in kurzen Umrissen, wie sie sich allenfalls durch mündliche Ueberlieferung erhalten konnten. Fredegars Chronik war ihm nicht bekannt, und soweit diese reicht, ist sein Werk kaum zu benutzen; dann aber ist es für lange Zeit die einzige zusammenhängende Erzählung, welche wir besitzen, und wie er seiner eigenen Zeit näher kommt, wird seine Darstellung, wenn sie gleich immer dürftig bleibt, doch zuverlässig. Die besseren Heiligenleben, aus denen einzelne Abschnitte sich ergänzen lassen, bestätigen seine Angaben.

Wenige Jahre nachher, noch bei Lebzeiten Theuderichs IV, der 737 gestorben ist, hat ein Austrasier eine neue Bearbeitung dieses Buches (B) unternommen, welches er für ein Werk Gregors von Tours hielt und dem er daher den Titel gab „Liber sancti Gregorii Toronis episcopi gesta regum Francorum“. Daher der gewöhnliche Titel, an welchem man als an einem gewohnten und allgemein verständlichen wohl auch ferner festhalten wird. Der Verfasser ergänzte einiges aus Gregors Geschichte, auch aus Isidor; schon 736 wurde dazu eine Fortsetzung geschrieben, welche wir nur in überarbeiteter Gestalt als erste Fortsetzung des Fredegar kennen.

Damit ist nun die Zahl der merovingischen Historiker erschöpft, denn die Thaten Dagoberts[4] sind eine unzuverlässige Compilation aus dem neunten Jahrhundert, von einem Mönch zu Saint-Denis verfaßt, um das Kloster und seinen Stifter zu verherrlichen, mit Benutzung sowohl mündlicher Tradition als auch der vorhandenen Urkunden, unter welchen schon falsche sich befanden. Hat man früher sie in das Ende des neunten Jahrhunderts gesetzt[5], so weist dagegen Krusch (S. 396) nach, dass sie 835 schon vorhanden war. Entschiedener hat Julien Havet ihre Glaubwürdigkeit in Schutz genommen, natürlich abgesehen von den nur wiedererzählten Fabeln, vorzüglich in Bezug auf die Thatsache, daß wirklich Dagobert I, wenn auch bei Lebzeiten seines Vaters, das Kloster gestiftet hat, während Mabillon eine viel frühere Stiftung annahm[6].

Der so viel benutzte und oft angeführte Aimoin aber ist gar erst aus dem Anfange des elften Jahrhunderts und ohne allen Werth. Es war die Roheit der Form, welche zur neuen Bearbeitung trieb, wie Aimoin ausdrücklich sagt, und aus demselben Grunde zog man später diese Bearbeitungen vor. Für geschichtliche Untersuchungen aber darf man sich auf Aimoin so wenig wie auf den noch späteren Rorico berufen[7].

Actenstücke, Gesetzbücher und Formeln[8] liegen unserer Aufgabe fern, aber gedenken müssen wir doch der Briefe, welche theils einzeln und ihrer besonderen Wichtigkeit wegen, theils, und vorzüglich, in Sammlungen, die als Muster gebraucht wurden, sich erhalten haben. Für diesen Zeitraum schließen sie sich an die berühmten Namen der Bischöfe Avitus von Vienne, Remigius von Reims, Desiderius von Cahors[9]. Von besonderer Wichtigkeit ist die Sammlung der Epistolae Austrasicae, welche, mit einigen Schreiben des Remigius beginnend, in großer Zahl amtliche Correspondenzen der Könige Sigebert und Childebert II (bis 585) enthält, und zwar nach Concepten, so daß die Entstehung nothwendig in der königlichen Kanzlei zu suchen ist. Hier hatte der von Fortunat besungene Gogo gewirkt, gefeiert als ein neuer Cicero wegen seiner Beredsamkeit, Vorsteher der Hofschule und aus weiter Ferne aufgesuchter Lehrer; zweimal wird er als Concipient genannt. In der kritisch gereinigten Ausgabe von Gundlach, der ersten seit Freher, werden diese Briefe erst recht benutzbar sein[10].

Sehr eigenthümlicher Art ist die Correspondenz zwischen einem Bischof Frodebert, vermuthlich von Tours, und Importunus von Paris (um 666), welcher jenem u. a. vorwirft, daß er des Hausmeiers Grimoald Frau entführt habe. In höchst barbarischem Latein verfaßt, aber durchgehends gereimt, können diese Schmähschriften unmöglich als wirkliche Briefe betrachtet werden, sind aber um so merkwürdiger als ein boshaftes Pasquill des 7. Jahrhunderts[11].

Von jenen halb verklungenen, halb durch Zuthaten der Schulgelehrsamkeit entstellten Stammsagen der Franken finden sich Spuren auch in dem schon früher (S. 90) erwähnten Prolog des Salischen Gesetzes, und an diesen erinnert ein seltsames Werk des siebenten Jahrhunderts, die poetische Weltbeschreibung eines ungenannten Verfassers, der in ganz ähnlicher Sprache und Weise einige Capitel des Isidor in Verse brachte, und nur über die Franken einige selbständige Zusätze anbrachte, in denen sich das stolze Selbstgefühl jenes Prologs wieder erkennen läßt[12]. Es sind dreizeilige Strophen mit sehr ungenauen Endreimen, rhythmische Langzeilen von 15 Silben mit einer Caesur nach der achten Silbe, eine in jener Zeit häufige Form. Für den Verfasser dieses Kunstwerkes hält Dümmler denselben Theodofridus, welcher ein anderes, nicht minder rohes Gedicht über die 6 Weltalter verfaßt hat; beide sind von demselben Winitharius abgeschrieben; auch einen dritten, chronologischen Rhythmus vom J. 718 fügt er hinzu. In Theodofrid aber erkennt er den ersten, bald nach 657 aus Luxeuil gekommenen Abt von Corbie, welcher um 681 Bischof wurde, wahrscheinlich von Amiens[13].

Höchst eigenthümlich ist eine andere Dichtung, die vielleicht ebenfalls noch dem siebenten Jahrhundert angehört, nämlich ein Lied, welches sich auf Chlothars II Sieg über die Sachsen i. J. 622 (?) bezog, wovon uns aber leider nur ein kleines Bruchstück erhalten ist. Es bestand ebenfalls aus je drei gereimten Zeilen, die aber iambischen Rhythmus haben und je vier Hebungen enthalten. Der eigentliche Held des Liedes ist der heilige Faro, Bischof von Meaux, welcher die Gesandten der Sachsen gegen die beabsichtigte Ermordung von Seiten des Königs beschützt hatte, und ihm zu Ehren wurde nach dem Zeugniß des Biographen des h. Faro, Bischof Hildegars, der zu Karls des Kahlen Zeit schrieb, dieses Lied allgemein von Männern und Frauen zum Tanze gesungen[14].

Ein anderes, noch weit merkwürdigeres Lied glaubte Lenormant entdeckt zu haben[15], ein historisches Volkslied des sechsten Jahrhunderts zur Feier von Childeberts I Feldzug gegen Saragossa i. J. 542. Dieses sollte nämlich paraphrasiert sein in dem Leben des h. Droctoveus, ersten Abtes von St. Germain-des-Prés, einer Stiftung jenes Childebert, und sich daraus zum Theil wieder herstellen lassen. In der That erinnern Ausdrücke darin, wie torrens pulchritudinis[16], an jene alte fränkische Poesie, und es ist nicht unmöglich, daß wirklich die Spur eines alten Liedes darin zu erkennen ist; im übrigen aber ist die Erzählung von der angeblichen Erwerbung der Stola des h. Vincenz auf jenem Feldzuge ganz den „Thaten der Franken“ entnommen, und deshalb die Herstellung jenes Liedes aus den Worten der Lebensbeschreibung ein verfehltes Unternehmen.

§ 11. Fränkische Heiligenleben. [←]

Außer den bis jetzt erwähnten Geschichtswerken ist uns aus der Zeit der Merowinger noch eine bedeutende Menge von geschichtlichem Material erhalten in den Legenden der Heiligen, deren Zahl in diesen Zeiten außerordentlich groß ist. Die meisten von ihnen sind kirchliche Würdenträger und dadurch auch in die weltlichen Händel verflochten; ihre Lebensbeschreibungen würden unschätzbar sein, wenn sie nicht erstlich zu ausschließlich bloße Lobreden wären, und namentlich die weltlichen Beziehungen der Heiligen nur ganz oberflächlich berührten, zweitens auch zum größten Theile in späterer Zeit verfaßt wären[1]. Auch wo eine wirklich gleichzeitige Aufzeichnung vorhanden war, besitzen wir doch häufig nur eine spätere Ueberarbeitung; noch weit häufiger aber hat man das Leben des Heiligen erst später nach unsicherer Ueberlieferung beschrieben und wenige bekannte Züge zu einer ausführlichen Geschichte ausgemalt. Natürlich wurden dann die Vorstellungen der späteren Zeit auf diese schon weit entlegene Vergangenheit übertragen, und die unkritische Benutzung solcher Quellen trägt einen großen Theil der Schuld an den falschen Ansichten, welche bis auf die jüngste Zeit über die Zeit der Merowinger herrschend waren.

Der 5. Ausgabe dieses Buches war ein alphabetisches Verzeichniß aller dieser Legenden mit möglichst vollständigem Nachweis der Litteratur, von Br. Krusch, beigegeben; schon ein Blick darauf genügt, um zu zeigen, wie fern die große Mehrzahl unserm Zwecke liegt, während allerdings für vollständige Durchforschung der Merowingerzeit alle wenigstens geprüft werden müssen. Auch für die MG. kann nur eine Auswahl in Betracht kommen, und jede Berührung zeigt, wie viel hier noch für die Kritik zu thun ist. Br. Krusch hat die von Venantius Fortunatus herrührenden Legenden herausgegeben und die ihm fälschlich zugeschriebenen damit verbunden; SS. Meroving. II blieb noch Raum für die Heiligen, welche der königlichen Familie angehören. Derselbe ist gegenwärtig mit systematischer Durchforschung des übrigen Vorraths beschäftigt, und bevor die Ergebnisse dieser außerordentlich großen und mühsamen Arbeit bekannt werden, ist es besser, sich auf die Hervorhebung einiger der wichtigsten Heiligenleben zu beschränken.

Eine der geschichtlich wichtigsten, die Vita Vedasti († 540) ist schon oben S. 97 erwähnt; das Leben von Chlodwigs Gemahlin Chrothildis[2] († 548) ist aus den Gestis Francorum geschöpft, kaum vor dem zehnten Jahrhundert geschrieben und geschichtlich unbrauchbar. Von Chlodovald (Saint Cloud, † c. 550), einem Sohne Chlodomirs, den seine Großmutter vor dem Schicksal seiner gemordeten Brüder bewahrte und der dann ein frommer Priester wurde, giebt es eine ganz aus Gregor geschöpfte Lebensbeschreibung; eine zweite, im zehnten Jahrhundert in St. Cloud verfaßte[3] ist werthlos. Nicht so inhaltlos, wenn auch hauptsächlich Wundergeschichten berichtend, ist das von Fortunat beschriebene Leben des Bischofs Germanus von Paris[4] († 576). Des Lebens der h. Radegunde († 587) wurde schon oben S. 92 gedacht. Von der Passio des Bischofs Desiderius von Vienne († 608) ist erst kürzlich die älteste Fassung aus dem siebenten Jahrhundert bekannt geworden[5]. Durch ziemlich gleichzeitige Entstehung und noch unverfälschte Ueberlieferung ausgezeichnet ist die erst kürzlich wieder aufgefundene älteste Lebensbeschreibung des Bischofs Gaugerich von Cambrai († zw. 623 u. 629), welche manche culturgeschichtlich wichtige Züge und auch geschichtlich brauchbare Nachrichten bietet[6]. Arnulf und Gertrud werden weiter unten noch zu erwähnen sein. Zu den geschichtlich wichtigsten gehört wegen der Gleichzeitigkeit und der hervorragenden Bedeutung des Mannes das Leben des Bischofs Desiderius von Cahors († 654)[7].

Von ausgezeichnetem Werth sind die Lebensbeschreibungen von drei Männern, welche in der zweiten Hälfte des siebenten Jahrhunderts auch politisch bedeutend hervortreten, Eligius (St. Eloy, † zw. 659 und 665), zuletzt Bischof von Noyon, besonders hervorragend als kunstreicher Goldschmidt, und deshalb auch Schutzpatron dieser Künstler[8], Audoenus (St. Ouen, † 683), Bischof von Rouen, sein Freund und Biograph[9], Leodegar (St. Léger, † 678), Bischof von Autun[10], nur ist der kritische Zustand dieser Werke bis jetzt noch ein wenig befriedigender. Zu diesen nicht gering zu schätzenden Leistungen des siebenten Jahrhunderts gehört auch noch das Leben der Balthildis, der Gemahlin Chlodwigs II[11] († c. 680), der Stifterin von Corbie an der Somme und von Chelles, wo wahrscheinlich diese Schrift zur Feier ihres Andenkens verfaßt ist. Wie elend dagegen das in viel späterer Zeit im Kloster Sathonay geschriebene Leben Dagoberts III[12] († 716), den aber der Verfasser für den Zweiten hält, ausgefallen ist, das möge man in dem Vorwort von Krusch nachlesen. Es hat nur dadurch eine relative Bedeutung, dass es von Theofrid von Echternach und von Alberich als Quelle benutzt worden ist. In Betreff des Lebens der h. Odilia († c. 720) ist nur zu warnen vor den als Fragmente eines angeblich ältesten Lebens veröffentlichten Fragmenten, welche eine Fälschung Vigniers sind, während die echte Vita doch auch nicht älter als das zehnte Jahrhundert ist und geringen Werth hat[13]. Von den Lütticher Heiligen Hubert und Lambert wird weiter unten die Rede sein.

Zunächst aber wollen wir uns hier noch einer Betrachtung derjenigen Legenden zuwenden, welche eine nähere Beziehung auf Deutschland haben und die erneute Pflanzung des Christenthums auf deutschem Boden berühren.

Die Franken haben sich damit nicht viel befaßt; es kümmerte sie wenig, daß so viele ihrer Landsleute noch Heiden waren; im alten Frankenlande an der Schelde fand noch im siebenten Jahrhundert Amandus viel Heidenthum auszurotten[14]. War doch bei den christlichen Franken selbst nicht viel mehr als die äußere Form der Rechtgläubigkeit übrig geblieben; fromme Männer fanden zu Hause Spielraum genug für ihre Thätigkeit. Die Mission finden wir daher in diesen Jahrhunderten fast ausschließlich in den Händen Schottischer, d. h. nach dem Sprachgebrauch des früheren Mittelalters Irländischer Mönche, welche damals alle Länder durchzogen. In dieser Insel, welche allein ihre keltische Bevölkerung ungemischt bewahrt hatte, die allen fremden Welthändeln ferne lag, war das Christenthum mit dem hingebendsten Eifer aufgenommen worden, und hier war bald nicht nur die strengste, mönchische Frömmigkeit, sondern auch eine ernstliche wissenschaftliche Thätigkeit zu Hause; während im ganzen Abendland die gelehrte Bildung unterzugehen und zu verschwinden drohte, fand sie hier sorgsame Pflege[15] freilich nur im Dienste der Kirche. Man schrieb die heiligen Schriften ab, man lernte, um sie zu verstehen, lateinisch und griechisch, man beobachtete die Sterne, um die kirchlichen Feste berechnen zu können, man übte die Musik für den Gottesdienst, baute Kirchen und Glockenthürme, man schmückte die Bücher der Kirchen mit kunstreicher Malerei und ihre Altäre mit köstlichen Gefäßen. Doch auch die profanen Schriftsteller erschienen hier nicht, wie in Italien, gefährlich; freilich sind die Columban zugeschriebenen Gedichte, worin die alten Dichter viel benutzt und angeführt werden, von zweifelhafter Echtheit. Vorzugsweise aber äußerte sich die Frömmigkeit dieser Mönche in weiten Pilgerfahrten, in dem Verlassen der Heimath, um in entlegener Fremde als Einsiedler zu leben oder Klöster zu gründen, um unter Christen und Heiden das Evangelium zu predigen[16]. Das Frankenreich war erfüllt von ihnen: was gäben wir darum, wenn sie aufgeschrieben hätten, was sie sahen; wenn sie uns über ihre Thätigkeit und ihre Schicksale zuverlässige Berichte hinterlassen hätten! Allein das lag ihnen ferne; sie, die Meister im Schreiben, hatten für geschichtliche Aufzeichnungen keinen Sinn, und nur wo sie so bedeutend wirkten, daß dauernde Gründungen ihr Gedächtniß bewahrten, hat ihr Andenken sich erhalten. Aber in völlig nebelhaften Umrissen würde ihr Bild uns verschwimmen, wenn nicht glücklicher Weise einer von ihnen, und wohl von allen der hervorragendste, in Italien einen Biographen gefunden hätte. Das ist S. Columban, der Stifter von Bobio[17].

Nach der Gewohnheit dieser Schottenmönche zog Columban, gebürtig aus Leinster, gegen das Ende des sechsten Jahrhunderts[18] mit zwölf Gefährten aus von dem Kloster Benchuir oder Bangor; staunend und tief ergriffen lauschte das Volk im Frankenreiche ihrer feurigen Beredsamkeit, die entartete Geistlichkeit aber scheute die strengen Bußprediger und fürchtete ihren Einfluß auf die Menge. Die Könige dagegen nahmen sie willig auf, ihr Eifern gegen die ganz verfallene Kirchenzucht war ihnen willkommen und auf Childeberts Wunsch ließ Columban sich mit seinen Begleitern in den Vogesen nieder; zahlreiche Schüler strömten ihnen zu, und bald erhoben sich Klöster in der Wildniß, vor allem Luxeuil. Es waren dies nicht großartige Gebäude, wie in der späteren Zeit, sondern wie einst S. Severins Ansiedelungen Haufen unscheinbarer Hütten, in deren Mitte eine kleine Kirche sich erhob; neben ihr der runde Thurm, der die Glocken trug, und im unteren Geschoß, von der Erde nur auf Leitern zugänglich, eine Zuflucht in Zeiten der Gefahr darbot.

Aber Columbans Feuereifer schonte auch der Könige nicht; keine menschliche Rücksicht konnte ihn bestimmen, zu dem sittenlosen Treiben des burgundischen Hofes zu schweigen, und furchtlos trat er den Ausschweifungen Theuderichs entgegen. Den Bischöfen war er längst zuwider; schon die bloße Anwesenheit dieser Mönche im Lande veranlaßte zu Vergleichungen ihres ascetisch strengen Lebens mit dem lockeren Wandel der merowingischen Prälaten. Die Abweichung der irischen Kirchengewohnheiten von den gallischen und die Unabhängigkeit der Klöster von bischöflicher Aufsicht, welche nach irischer Weise in Anspruch genommen wurde, boten eine Waffe dar; man erklärte sie für ketzerisch, und so vertrieb denn endlich um 610 Brunhilde, deren Zorn er verachtet hatte, den Columban sammt seinen Genossen. Ueber Nantes sollten sie nach Irland geschafft werden, aber ein Sturm warf sie wieder an die Küste; Chlotar II und Theudebert nahmen sie ehrfurchtsvoll auf; hier wählte er zu seinem Aufenthalt Bregenz in Alamannien, wo ungeachtet der Frankenherrschaft und der Bestimmungen des Volksrechts doch das Heidenthum noch stark war. Drei Jahre lang blieb Columban zur Bekämpfung desselben in Bregenz. Dann aber verließ er das Frankenreich gänzlich und wanderte in das Langobardenreich, wo Theudelinde, die Freundin Gregors des Großen, ihn mit Freuden aufnahm. Hier stiftete er nun das Kloster Bobio zur Vertilgung der Reste arianischer Ketzerei, und noch jetzt zeigen die zerstreuten Handschriften dieses Klosters die alten irischen Schriftzüge und Erinnerungen an die Heimath wie die Versiculi familiae Benchuir[19]. Mit vollem Eifer überließen sie sich hier ihrer Lieblingsneigung zum Schreiben, die unverständlich gewordenen Ueberbleibsel der gothischen Litteratur und Fragmente von alten Prachthandschriften der Klassiker benutzten sie, um auf das reingewaschene Pergament die Werke der rechtgläubigen Kirchenväter zu schreiben[20]. Sie retteten jene Pergamentblätter dadurch vom Untergang, und es war auch nicht etwa ein fanatischer Haß gegen die heidnischen Schriftsteller, welcher sie zur Vertilgung derselben antrieb. An Handschriften derselben war damals noch kein Mangel, und sie selber benutzten dergleichen zur Erlernung der Sprache; finden wir doch unter den Schulbüchern zu Bobio auch den Ovid.

Am 21. November, wahrscheinlich im J. 615, ist Columban gestorben. Drei Jahre nach seinem Tode kam Jonas aus Susa in das Kloster Bobio. Dieser beschrieb zuerst, noch auf Veranlassung des Abtes Bertulf, das Leben des Columban, welchem er das Leben seiner Schüler Eustasius und Attala, die ebenfalls als Missionare von Luxeuil ausgingen, folgen ließ; dann des Bertulf, Abtes von Bobio, und der Burgundofara, welche Columban zur Nonne geweiht hatte. Jonas verräth seine italische Herkunft und den Unterricht der Grammatiker durch seine unerträglich schwülstige Schreibart, aber er hat uns außerordentlich schätzbare Nachrichten aufbewahrt. Auf den Wunsch der Königin Balthilde ist er, der inzwischen irgendwo Abt geworden war, auch nach Chalon-sur-Saone gekommen, und hat im Nov. 659 im Reomaenser Kloster auf Verlangen des Abts das Leben des 540 gestorbenen Gründers des Klosters Johannes beschrieben[21].

Einer von jenen ursprünglichen zwölf Gefährten, die mit Columban von Bangor auszogen, war Gallus, in älterer Form Callo, Gallunus, der in Alamannien zurückblieb, als sein Meister über die Alpen zog, und zuerst die Bekämpfung des Heidenthums am Bodensee fortsetzte, später aber als Einsiedler in das wildeste Gebirge sich zurückzog, wo er um die Mitte des siebenten Jahrhunderts gestorben ist. Als dann nach seinem Tode das Grab des Heiligen immer häufiger von irischen Pilgern aufgesucht wurde und immer mehrere von ihnen, sowie auch von den Alamannen, sich hier niederließen, erwuchs aus dem unscheinbarsten Anfang das Kloster St. Gallen, und so wie die kleine Zelle des Gottesmannes der Kern und Anfang dieser reichen Stiftung ist, so schloß sich in gleicher Weise an die Lebensbeschreibung des Stifters[22] die später so bedeutende Litteratur von St. Gallen. In ihrer ursprünglichen Form ist uns diese aber nicht erhalten; sie war nach einer alten Aufzeichnung a Scotis semilatinis corruptius scripta, und enthielt nach Walahfrids Zeugniß häufig die Form Altimannia, welche in der uns erhaltenen ältesten nicht vorkommt[23]. Der Verfasser dieser Biographie war ein Alamanne, welcher die alte barbarisch geschriebene überarbeitet hat; sein Name ist uns aber erst jetzt bekannt geworden[24], indem Fr. Bücheler in dem unglaublich barbarischen metrischen Prolog das Acrostichon erkannte: Cozberto patri Wettinus verba salutis. Wetti also ist es, der 824 nach seiner bekannten Vision gestorben ist, und dem Abt Gozbert (816-837) sein Werk widmete. Es ist daher noch bedeutend jünger als man früher annahm, wenn man auch schon erkannt hatte, daß es erst nach 771 geschrieben war. Mancher merkwürdige, namentlich culturgeschichtlich bedeutende Zug ist darin aufbewahrt, aber erst fast zwei Jahrhunderte nach dem Tode ihres Helden geschrieben, darf diese Biographie, wenn auch eine alte Grundlage vorhanden war, doch nur mit Vorsicht benutzt werden. Vorzüglich auf die Wunder, überhaupt aber auf Verherrlichung des Stifters ist das Bestreben des Verfassers gerichtet; im Anfang benutzt er das Leben Columbans, später nur die Tradition nicht ohne erhebliche chronologische Verstöße. Seine Sprache zeigt gegen die frühere Zeit einen erheblichen Fortschritt, doch ist sie für karolingische Zeit recht roh und fehlerhaft; hin und wieder fällt rhythmischer Klang mit Reimen auf.

Von Columbans Stiftung Luxeuil ging auch das Kloster Granval im Baseler Sprengel aus, und das Leben des ersten Abtes Germanus[25], der um die Mitte des siebenten Jahrhunderts erschlagen ist, wurde bald nachher von Bobolen beschrieben.

Noch andere Klöster Alamanniens und des Elsasses führten ihren Ursprung auf irische Mönche zurück und haben es auch nicht an Lebensbeschreibungen ihrer Stifter fehlen lassen, die aber erst später entstanden und völlig unbrauchbar sind. Merkwürdig ist, daß man in späterer Zeit in diesen Gegenden so gewohnt war, die Begründer der Klöster aus der merowingischen Zeit als Schotten zu betrachten, daß man sie in den Legenden unbedenklich dafür ausgab, wenn auch gar kein Grund dazu vorhanden war; auch Franken, wie Arbogast[26], Trudpert und Landelin[27], erscheinen da als Schotten, und sogar S. Rupert, der Apostel der Baiern, wird ihnen zugezählt.

Freilich sind in Baiern ebenfalls Schotten thätig gewesen, obwohl hier die namhaftesten Missionare Franken waren. Die Kirchengründungen aber entstanden nach irischer Weise in der Form von Klöstern, deren Aebte auch zugleich das bischöfliche Amt verwalteten. So war es in Salzburg, Regensburg und Freising, und die Rivalität zwischen den Bischöfen und den Klöstern von St. Emmeram und St. Peter zieht sich fort bis in die neueste Zeit.

Es ist kaum glaublich, daß nicht im Laufe des siebenten Jahrhunderts einzelne Missionare, Franken und Iren, in Baiern sollten thätig gewesen sein; das Christenthum war äußerlich durch die Frankenkönige eingeführt, aber wenig ins Volk eingedrungen und nach der Lockerung des staatlichen Bandes völlig verfallen, die Herzogsfamilie selbst, heißt es, ungetauft[28]. Da berief der Herzog Theodo i. J. 696 den Bischof Rupert von Worms zu sich, um das kirchliche Wesen einzurichten[29]. Er wurde der Begründer des nun fest und bleibend gepflanzten Christenthums in Baiern, der Stifter von St. Peter in Salzburg, von wo sein Nachfolger Virgil (743 als Abt, als Bischof 767 bis 784), ein Irländer, das Evangelium auch zu den karantanischen Slaven trug[30].

Auch ein fränkischer Bischof, Emmeram von Poitiers, verließ, vermuthlich im Anfang des achten Jahrhunderts, seine Heimath, um auf diesem Felde zu wirken, und sein Grab wurde der Grundstein der Regensburger Kirche; Corbinian, ebenfalls ein Franke, legte den Grund zu der Freisinger Kirche.

Unsere Nachrichten über diese Begebenheiten sind aber leider sehr unzulänglich; für den zuverlässigsten galt der kurze Bericht über S. Rupert, welcher den Eingang der Schrift über die Bekehrung der Baiern bildet, ihm schienen alte Aufzeichnungen zu Grunde zu liegen[31]. Und diese, nämlich die ursprüngliche Form der Vita, glaubte Franz Martin Mayer in einer Grazer Hs. gefunden zu haben, worin freilich von Sprache und Stil des 8. Jahrh. nichts zu spüren ist[32]. Hiergegen aber hat sich J. Friedrich erhoben[33], und aus alten Salzburger liturgischen Büchern nachgewiesen, daß man noch lange im 9. Jahrh. kein Leben Ruperts besaß und daß man den 24. Sept. als seinen Todestag feierte[34]. Nur durch ein Mißverständniß hielt man später den Sonntag, an welchem er gestorben, für den Auferstehungstag. Die Grazer Vita erklärt Friedrich für die aus der Conversio entnommenen Lectionen, beiden aber spricht er allen historischen Werth ab, worin er denn doch wohl etwas zu weit gehen möchte. Denn so frei man auch in der Ausschmückung, ja Erfindung von Legenden verfuhr, man machte doch nicht leicht seinen Heiligen zum Bischof von Worms und setzte seine Ankunft in ein bestimmtes Jahr eines ganz verschollenen Königs, wenn dafür nicht Notizen vorlagen.

Die Legenden von Emmeram[35] und Corbinian[36] sind zuerst vom Bischof Aribo von Freising[37] (764-783), letztere auf Ansuchen des Bischofs Virgil von Salzburg, nach der mündlichen Ueberlieferung verfaßt und von sehr geringem Werthe. Ein anstößiger Umstand darin ist die Reise der beiden Missionare nach Rom; denn erst die Angelsachsen hielten es für nothwendig, sich von dort die Vollmacht zur Missionsthätigkeit zu holen, während vorher den Franken wie den Iren ein solcher Gedanke ganz fern lag, ja selbst Bonifaz noch zu seiner ersten Mission unter den Friesen eine solche Vollmacht nicht eingeholt hat. Später aber galt diese Erlaubniß für so unerläßlich, daß die Legendenschreiber sie auch für die ältere Zeit ganz unbedenklich als selbstverständlich annahmen. Sie erzählen daher eine solche Reise als Thatsache, und nennen den Pabst, der nach ihrer Berechnung der Zeitverhältnisse damals regiert hatte. Die neueren Gelehrten haben dann wieder umgekehrt nach dem Namen des Pabstes die Zeit des Heiligen bestimmt und dadurch die Verwirrung vollständig gemacht; ein Fehler, von dem auch Rettberg nicht frei ist. Daß die Sache sich aber wirklich so verhielt, zeigt sich deutlich an den Legenden, die in ihrer älteren noch erhaltenen Form nichts von einer solchen Reise nach Rom wissen, während sie in den späteren Bearbeitungen eingeschoben ist. Das ist der Fall bei dem heiligen Patricius, bei S. Rupert; auch Gregor von Tours läßt sein späterer Biograph nach Rom reisen.

Denselben Umstand finden wir auch im Leben des heiligen Kilian[38], des ersten bekannten Missionars unter den Ostfranken. Auch er war gegen das Ende des siebenten Jahrhunderts mit mehreren Begleitern aus Irland gekommen, und seine Wirksamkeit ist bezeugt durch die hohe Verehrung seines Namens; wie an S. Gallus Grabe, so scheinen sich auch in Würzburg seine Landsleute zahlreich eingefunden zu haben, und noch jetzt finden wir ihre Spuren in den irischen Schriftzügen der dortigen Handschriften. Die Lebensbeschreibung aber ist erst im zehnten Jahrhundert verfaßt und fast ganz werthlos.

Diese irischen und fränkischen Missionare bereiteten den Boden vor für die Angelsachsen, mit deren Auftreten ihr Stern erlischt. Ihre Pflanzungen waren zu vereinzelt, um sich erhalten zu können, es fehlte ihnen die feste Organisation, durch welche jene so stark waren, und die vereinzelten Mönche konnten sich von Entartung und Verwilderung nicht freihalten. Ihre Eigenthümlichkeiten in Lehre und Gebräuchen brachten sie bald in Streit mit den Angelsachsen, und es ist ferner nicht mehr die Rede von ihnen. Nur als Pilger erscheinen sie noch, geschätzt wegen ihrer strengen Entsagung, wegen ihrer Fertigkeit im Schreiben, und häufig auch noch wegen ihrer Gelehrsamkeit; aber als Missionare finden wir sie nur zur Zeit der Merowinger genannt.

Geschichtliche Nachrichten aus dieser Zeit haben sie selbst uns durchaus nicht überliefert; man sollte meinen, daß ihnen der Sinn für historische Aufzeichnung der Begebenheiten gänzlich fehlte. In der Heimath aber verfaßten sie doch Jahrbücher, deren Anfänge sehr alten Zeiten zugeschrieben werden, und sie mögen wohl nicht ganz ohne Einfluss auf die Entstehung der jetzt im Frankenreiche aufkommenden Klosterannalen gewesen sein, da wir an der Spitze derselben hin und wieder irische Namen finden, doch ist eine irgend erhebliche Betheiligung von Schottenmönchen an den weiteren Aufzeichnungen nicht nachweisbar. Andere Annalen gehen auf Lindisfarne zurück, eine britische Stiftung in England; aber diese sind nicht unmittelbar, sondern über Canterbury ins Frankenreich gekommen, wie denn überhaupt diese Annalen von den Angelsachsen, nicht von den Irländern ihren Anfang nehmen.

Die Schotten stehen in der genauesten Beziehung zu der alten fränkischen Kirche, und gehören mit dieser wesentlich der merowingischen Periode an; sie haben manche Keime gelegt und anregend gewirkt, aber eine neue frische Entwickelung war im merowingischen Reiche und auf dem alten Boden nicht mehr möglich; schon in den letzten Zeiten der Merowinger knüpft sich alles wirklich lebensfähige an das neue Geschlecht der Arnulfinger, und wir beginnen deshalb mit seinem Auftreten einen neuen Zeitraum.

Notes in this chapter

Note 1 · Baehr S. 145-161. Teuffel § 483. Ebert I, 518 ff. Manitius S. 438-470. Vgl. über ihn besonders die Werke von Guizot und Ampère. Opera poeticNote 2 · Beide Gedichte schreibt Ch. Nisard der Radegunde, Ven. nur Retouche zu, hat aber nur Widerspruch gefunden, s. NA. XIV 437. W. Lippert, Zts. Note 3 · De vita S. Radegundis libri II, ed. Krusch, SS. Meroving. II, 358-395. Vgl. Dümmler: Radegunde von Thüringen (Im neuen Reich 1871, S. 641 biNote 4 · Godefroy Kurth: Saint Grégoire de Tours et les études classiques au VI. siècle. Revue des questions historiques, Oct. 1878.Note 5 · Die darin von ihm erzählte Reise nach Rom ist erfunden, s. Monod p. 37. Als Verfasser ist von Ruinart ohne Grund der Abt Odo von Cluny genanNote 6 · J. Grimm, Ueber Jornandes S. 17, erklärt den letzten Namen für gothisch. Beide Namen kommen bei Ammian XXXI, 7 vor. Schirren, De Jord. p. 7,Note 7 · Decedente atque immo potius pereunte ab urbibus Gallicanis liberalium cultura litterarum.Note 8 · Peritus dialectica in arte grammaticus.Note 9 · Libuit etiam animo, ut pro supputatione annorum ab ipso mundi principio libri primi poneretur initium.Note 10 · s. Monod S. 81 ff. und über die Vita Aniani G. Kaufmann, Forsch. VIII, 130 ff. Dazu jetzt die Vorrede von Arndt. G. Kurth, Revue des QuestioNote 11 · Neuerdings sind seine Nachrichten in diesem Sinne geprüft von Junghans, Die Geschichte der fränkischen Könige Childerich und Chlodovech kritNote 12 · „Quia philosophantem rhetorem intelligunt pauci. loquentem rusticum multi.“ Auch bei den Griechen war eine rhetorische Kunstsprache üblich; Note 13 · Ueber seine Bildung und Sprache vgl. Monod S. 110 ff. u. Bonnet. Die neue Ausgabe von W. Arndt läßt mit größerer Sicherheit seine Sprache erNote 14 · Die Grabschrift eines sonst unbekannten „Ebracharius heros“, der zur Zeit des etwas späteren Bischofs Chrodobertus 4 Klöster stiftete, bei DNote 15 · W. Arndt HZ. XXVIII. O. Holder-Egger in der S. 57 angeführten Schrift. Rec. von J. J. M. im Lit. Centralbl. 1875 Sp. 1380, von W. Arndt, JenNote 16 · Florez, Esp. sagr. IV, 430-456; vom J. 379 an wieder abgedruckt bei Holder-Egger.Note 17 · Vgl. Holder-Egger im NA. I, 276-278.Note 18 · W. Arndt, Bischof Marius von Aventicum. Sein Leben und seine Chronik. Nebst einem Anhang über die Consulreihe der Chronik. Leipz. HabilitatiNote 19 · Krit. Untersuchung der Quellen zur Geschichte Dagoberts I (Gött. 1868) S. 5.Note 20 · Revue Critique 1873 N. 42.Note 21 · Forsch. XIII, 418-424.Note 22 · Forsch. XV, 317-324. Vgl. das Facs. bei Arndt, Schriftt. 16.Note 23 · Kleine Denkmäler aus der Merovingerzeit, Hann. 1874. Acta SS. Nov. I mit neuen Hülfsmitteln verbesserte Ausgabe von De Smedt, auch mit der vNote 24 · Das c. 13 über Probus besteht aus rhythmischen Versen.Note 25 · Analecta Bolland. II, 355-358; vgl. NA. IX, 444.Note 26 · Völlig unbekannt sind die „regnorum libri diversarum gentium, quos pretiosissimo dictamine et in luculento sermone insignis historiographus Note 27 · Vgl. über den Namen G. Monod, Études crit. p. 256.Note 28 · Dieser ist nach Krusch der im Prolog als quidam sapiens bezeichnete.Note 29 · Darüber s. Krusch, NA. VII, 456; vgl. oben S. 54.Note 30 · G. Kurth, welcher in der Revue des Questions hist. 1890, S. 60 ff. die Geschichte Chlodwigs nach Fredegar behandelt, weist den Theil der ChrNote 31 · Die auch abgesondert vorkommende sog. Historia epitomata in 93 Kapiteln. Gegen L. v. Ranke's Ansicht (Weltgesch. IV, 2, 328-368), daß sie niNote 32 · Vgl. hierüber Zarncke, Ueber die Trojanersage der Franken, in den Berichten der k. Sächs. Ges. d. Wiss. 1866 S. 257-285, nebst dessen AnzeigNote 33 · Rusticitas et extremitas sensus mei.Note 34 · Krusch hat die Eigenthümlichkeiten dieser Sprache sorgfältig zusammengestellt, S. 486-494. Ganz ungrammatisch sind auch die ReliquienzeugnisNote 35 · Kleine Denkmäler aus der Merovingerzeit, Hann. 1874.Note 36 · l. c. p. 14.Note 37 · Was Kurth, der vielmehr den Prolog für jünger hält, m. E. ohne Grund bekämpft. Ausserdem hat Monod in c. 38 u. 40 eine Verwandtschaft mit deNote 38 · Nicht 725, wie man früher annahm, s. Br. Krusch, NA. X, 94, wo die Chronologie der letzten Merovinger berichtigt ist.Note 39 · Gesta Dagoberti, Ausg. Bouquet II, 580. Migne XCVI, 1395 aus Duchesne. Krusch, SS. Merov. II, 396-425, vgl. Forsch. XXVI, 161-191.Note 40 · So Monod, Rev. crit. 1873, II, S. 258, welcher die Vermuthung ausspricht, daß die Flucht der Mönche vor den Normannen nach Reims, die wahrscNote 41 · Questions Mérov. V. Les origines de Saint-Denis (Bibl. de l'École des chartes LI (1890) p. 5-62.) Derselben Zeit schreibt Havet S. 38 die PaNote 42 · Aimoin, von dem noch unter III § 10 die Rede sein wird, war Mönch von Fleury und widmete sein Werk dem Abt Abbo († 1004). Er wollte die GescNote 43 · Ueber diese genügt es, auf die Abh. v. Zeumer. NA. VI, 9-115 u. die Ausg. MG. Legum Sectio V zu verweisen. Den Bischof Landerich, welcher MaNote 44 · Gesammelt bei Duchesne I, Bouq. IV. u. jetzt MG. Epp. Tom. III.Note 45 · Gundlach, NA. XIII, 365-387.Note 46 · S. Zeumer im NA. VI, 75 u. die Ausg. Formulae p. 220-226.Note 47 · Versus de rota mundi, ed. Pertz: Ueber eine fränkische Kosmographie des siebenten Jahrhunderts, Abh. der Berl. Ak. 1845, S. 253. Wright, AneNote 48 · Zeitschr. f. D. Alterth. XXII, 423. XXIII, 280. Manitius S. 476.Note 49 · Mab. Acta SS. O. S. B. II, 617. Hildegar war aus dem Kloster St. Denis. Brosien S. 53 schlägt die Glaubwürdigkeit dieser Vita sehr gering anNote 50 · Bibliothèque de l'École des chartes I, 1, 321.Note 51 · Vgl. V. Eligii auct. Audoeno I, 14: rex Dagobertus torrens pulcher et inclytus.Note 52 · Vgl. Brosien, Quellen Dagoberts S. 47 ff.Note 53 · SS. Meroving. II, 341-348.Note 54 · ib. 349-357.Note 55 · Auctt. antt. IV, 2, 11-27.Note 56 · Anal. Bolland. IX. fasc. 3.Note 57 · Analecta Bolland. VII, 387, vgl. Krusch, NA. XVI, 225-234.Note 58 · Labbe, Bibl. nova I, 699 u. App. vgl. Krusch, Forsch. XXII, 466.Note 59 · D'Achery Spicil. V, 156. Hall. Diss. v. O. Reich, 1872. Uebers. im Auszug Geschichtschr. XI (VII, 2) S. 160-173.Note 60 · Acta SS. Aug. IV, 805, vgl. NA. XII, 603. Verse zu einem Lobe von seinem Nachfolger Ansibert NA. XIV, 171.Note 61 · Ueber das Bruchstück einer gleichzeitigen Vita, die Fälschungen des Ursinus, die Compilation des Anonymus aus beiden, Krusch, NA. XVI, 563-5Note 62 · SS. Meroving. II, 475-508. Auszug Geschichtschr. XI (VII, 2) S. 157-159.Note 63 · ib. S. 509-524.Note 64 · Vgl. NA. XVII, 223.Note 65 · Ueber ihn und seine Biographen Baudemund und Milo s. Rettberg I, 554. Brosien S. 49.Note 66 · Eine seltsam sagenhafte Aufzeichnung in einem Leidener Cod. s. XII läßt die röm. Lehrer vor den Hunnen und andern Barbaren nach Irland flüchNote 67 · Vgl. F. Keller, Bilder und Schriftzüge in den irischen Manuscripten der schweizerischen Bibliotheken (Mittheilungen der Antiquarischen GeselNote 68 · Vgl. Rettberg II, 35. G. Hertel, Ueber des h. Columba (so schrieb er selbst seinen Namen) Leben u. Schriften, bes. über seine Klosterregel. Note 69 · Im J. 590 nach G. Hertel, Anm. z. Gesch. Columba's, Zeitschr. f. Kirchengesch. III, 145-150. — Ueber C. Briefe s. Krusch, NA. X, 84-88; GundNote 70 · In dem Antiphonarium monasterii Benchorensis, ed. Muratori, Anecdota Bibl. Ambros. IV, 121-159 (Verbesserungen von A. Peyron, Ciceronis OratNote 71 · Möglich, daß Columban selbst noch die arianischen Schriften sammelte, um sie zu widerlegen, wie Krafft, De fontibus Ulfilae Arianismi p. 18-Note 72 · Vita S. Johannis Reomensis. Nach Fr. Stöber, Wiener SB. CIX, 319-398 ist es die unvollständig erhaltene des cod. Fossatensis, die anderen VeNote 73 · MG. SS. II, 1-21 von Ild. v. Arx nach der von ihm wieder aufgefundenen Handschrift zuerst herausgegeben. Daraus Acta SS. Oct. VII, 860. Vgl.Note 74 · S. Weidmann, Gesch. d. Stiftsbibl. S. 485. Gust. Scherer, Verzeichniß der Handschriften S. 172-175.Note 75 · Schon Jodocus Metzler vermuthete ihn, doch ohne einen Beweis dafür zu geben; vgl. auch Mab. Anal. IV, 640.Note 76 · Mabillon, Acta SS. II, 511 aus Acta SS. Feb. III, 263.Note 77 · Mit Arbogast, Theodat und Hildulf soll Florentius zu Dagoberts Zeit aus Irland gekommen und Bischof von Straßburg geworden sein, das KlosterNote 78 · Ich rechnete hierhin früher auch Fridolin, glaube aber jetzt, daß dies ein fränkisch umgemodelter Schottenname ist, da es von Columban VerseNote 79 · Vgl. S. Riezler: Ueber die Entstehungszeit der Lex Bajuwariorum, Forsch. XVI, 409-446.Note 80 · Vgl. die Abhandlung von Blumberger: Ueber die Frage vom Zeitalter des heiligen Rupert, im Archiv der W. Ak. X, 329-368. Gegen die immer wiedNote 81 · Die Nachricht aus irl. Annalen von einem Fergil oder Feirgil, genannt der Geometer, der Abt von Aghaboe gewesen war, und im 30. Jahre seinerNote 82 · MG. SS. XI, 4. 5. Doch konnte ich dem von Büdinger Oest. Gesch. I, 101 geltend gemachten Grunde für die Abfassung des ersten Theils unter ViNote 83 · Die Vita S. Hrodberti in älterer Gestalt. Arch. d. W. Ak. LXIII, 595 bis 608. Hauck II, 380 für Veranlassung dieser Vita durch Virgil. ←Note 84 · Münch. SB. 1883. S. 509-547.Note 85 · So auch in dem aus Regensburg stammenden Veroneser Sacramentar (Saltisburgo). Delisle, Sacram. p. 194.Note 86 · Acta SS. Sept. VI, 474. Vgl. Rettberg II, 189. Hauck I, 342. Nach Hugo Graf Walderdorff, Regensburg (3. Aufl.) S. 137, ist die ursprünglicheNote 87 · Meichelbeck Hist. Fris. I, 2 p. 3. Acta SS. Sept. III, 281. Vgl. Rettberg II, 213, Hauck I, 345, und über beide M. Büdinger, Zur Kritik altbNote 88 · Er nennt sich auch Cyrinus nach der Deutung des Namen Cyrus als haeres bei Hieronymus de nominibus Hebraeorum.Note 89 · Canis III, 1, 180. Mab. II, 991. Acta SS. Jul. II, 612. Vgl. Stälin I, 167. Rettberg II, 303. Das älteste Zeugniß für Kilians Martyrium ist
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