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Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

III. Die Zeit der Ottonen. (continued 3)

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Die eifrig kaiserliche Gesinnung der lombardischen Bischöfe, welche durch die kirchenfeindlichen Angriffe Arduins von Ivrea zu größter Lebhaftigkeit angefacht wurde, spricht sich in zwei rhythmischen Gedichten aus, welche aus der Umgebung des Bischofs Leo von Vercelli (999-1026) stammen, eines auf Otto III und den durch ihn erhobenen Pabst Gregor V, das andere eine Klage um Otto's III frühen Tod[4], nebst der Verherrlichung seines Nachfolgers Heinrichs II, von dem die Niederwerfung Arduins erhofft wird[5].

Während es also in Italien durchaus nicht an Männern fehlte, welche leidlich zu schreiben verstanden, verfaßte um das Jahr 968 ein Mönch des Klosters St. Andrea am Berg Soracte[6], Benedict, eine Chronik, welche an Rohheit der Gedanken wie der Sprache unübertroffen ist[7]. Wäre die Ausführung nicht gar zu ungeschickt, so könnte man in dem Versuche, eine Weltgeschichte seit Christi Geburt zusammenzustellen, einen Fortschritt erkennen, aber es ist nur eine Compilation der dürftigsten Art. Wie wenig geschichtlichen Sinn der Verfasser besaß, zeigt sich auch darin, daß er zuerst die Sage von Karls Zug nach dem Morgenlande aufnahm; mitten zwischen Stellen aus Einhards Werken schiebt er sie ein, ohne einen Widerspruch darin zu gewahren. Im Mittelpunkt aller Dinge und Begebenheiten steht ihm einzig sein Kloster; zu allen weiß er es in Beziehung zu bringen. Gegen die fremden Herrscher, welche nach Italien kommen, ist er sehr aufgebracht, worin Maurenbrecher seinen Patriotismus erkennt, während J. Jung (Forsch. XIV, 426) vielmehr seinen klerikalen Standpunkt darin findet: er begeistert sich für den Pabstkönig, und ist deshalb auch gegen Alberich sehr eingenommen. Ueber seine eigene Zeit, über Alberich und die Stadtgeschichte von Rom gewährt übrigens Benedict bei dem Mangel an anderen Quellen wichtige Aufschlüsse, welche man aus seiner verworrenen und aller Grammatik hohnsprechenden Schreibart mit Vorsicht und Mühe zu entnehmen hat.

Einen eigenthümlichen inneren Gegensatz zeigt uns die um dieselbe Zeit geschriebene Chronik eines Salernitaners bis zum Jahre 974[8]. Der Verfasser hat nämlich seinen grammatischen Cursus durchgemacht, er ist sehr stolz auf seine gelehrte Bildung und giebt zuweilen wunderlich spitzfindige sprachliche Untersuchungen zum besten. Auch kann er ziemlich fehlerfrei schreiben, wenn er sich Mühe giebt; dazwischen aber kommen wieder Stellen, wo er alle seine Gelehrsamkeit vergißt und mit allen Flexionsformen ein leichtsinniges Spiel treibt. Zum Geschichtschreiber war er wohl etwas besser befähigt als Benedict, aber auf einen hohen Standpunkt hat auch er keinen Anspruch. Er knüpft an Paulus Geschichte der Langobarden an und erzählt nun weiter von den langobardischen Fürstenthümern in Unteritalien, was ihm gerade einfällt, ohne viel Ordnung und ohne alle Kritik; Erchempert hat er, wie Dümmler bemerkt, stark benutzt und was er aus eigener Kunde hinzufügt, hat keinen grossen Werth. Trauen darf man ihm nicht viel, aber seine lebendig vorgetragenen, oft ganz novellenartigen Erzählungen geben doch einen erwünschten Einblick in das Leben und Treiben jener Länder, und für die Geschichte Unteritaliens sind wir oft allein auf seine Nachrichten angewiesen.

Ungleich besser als diese Schriften ist die Chronik Venedig's von dem Diaconus Johannes, dem Caplan und vielleicht Verwandten des Dogen Peters II Urseolus (991-1009), der wiederholt als Gesandter an Otto III und Heinrich II geschickt wurde[9]. Seine Sprache ist die eines Geschäftsmannes, ungeschmückt, auch nicht frei von Verstößen gegen die Regeln der Grammatik, aber leicht verständlich und dem Gegenstande angemessen; seine venetianischen Provinzialismen sind in einer solchen Schrift für seine Landsleute ganz an ihrem Platze und unendlich viel angenehmer, als die ungeschickten Phrasen der halbgelehrten Mönche. Im Anfang auf Paulus Diaconus und Legenden gestützt und begreiflicher Weise mangelhaft, führt er seine Geschichte fort bis 1008; sie gewinnt an Reichthum des Inhalts mit dem Fortschritt der Erzählung und wird besonders wichtig, wo er von den Berührungen mit den Kaisern berichtet, bei denen er selbst selbst betheiligt war. Die treffliche Regierung des Dogen Peters II bildet den Hauptgegenstand seiner Darstellung. Ueberhaupt erkennt man hier gleich, daß der Verfasser das Leben nicht nur aus der Ferne sah, sondern selbst mitten darin stand.

In dem älteren Theile dieser Chronik herrscht eine große Verwirrung. Ueber diese Vorgeschichte von Venedig vor der Wahl des ersten Dogen und die Chronologie der nächsten zwei Jahrhunderte hat Andreas Dandolo in seinen Annalen bessere Nachrichten; es scheint ihm ein altes Dogenverzeichniß vorgelegen zu haben, mit den kurzen Charakteristiken der ersten Dogen, welche bei Johannes fehlen.

Sehr alte Elemente sind ferner in den ersten Büchern des sog. Chronicon Altinate[10], die mit ihrer höchst barbarischen Sprache nach Simonsfeld schon im Anfang des 10. Jahrhunderts zusammengestellt, später mit Zusätzen vermengt und bis ins 13. Jahrhundert fortgeführt sind; die ursprüngliche Form bleibt häufig zweifelhaft. Das zweite Buch desselben nach der Dresdener Handschrift ist nach Simonsfeld im ersten Theil des Chronicon Gradense im Cod. Urbinas überarbeitet[11]. Derselbe hat werthvolle Venetianische Annalen des 11. und 12. Jahrhunderts zuerst veröffentlicht[12] und das Verhältniß aller dieser und anderer Quellen zu den Annalen des Andreas Dandolo, des Dogen von 1343-1354, (bis 1280) so wie die sehr verwickelten Fragen über die handschriftliche Ueberlieferung der Werke desselben genau untersucht.

Wenig erfreulich ist die historische Thätigkeit im Kloster Nonantula; dem Inhalt nach in frühe Zeit hinaufreichend, hat sie uns doch wesentlich nur spätere Aufzeichnungen verwirrter und fabelreicher Tradition hinterlassen. Ein Leben des ersten Abtes Anselm[13] († 803) mit der Gründungsgeschichte aus der Zeit des Königs Aistulf, aber erst im Anfang des elften Jahrhunderts mit viel chronologischer Verwirrung und wenig Inhalt geschrieben, und Translationsgeschichten des h. Silvester; dann will ihr Glück, daß der Pabst Adrian III 885 in der Nähe des Klosters stirbt und bei ihnen begraben wird. Bald wird er als Heiliger verehrt und thut Wunder; eine Ueberlieferung davon erhält sich mündlich oder schriftlich, aber weiter weiß man nichts von ihm, und da man doch eine Legende von ihm haben will, wird im ausgehenden elften Jahrhundert der Zeitgenosse Karls des Großen Adrian I mit ihm zu einer Person verarbeitet. Da hatte man Stoff genug, und nahm zu Einhard u. a. noch den liber diurnus, von dem vielleicht bei jener Gelegenheit ein Exemplar im Kloster geblieben war, und so kam das Monstrum zu Stande, welches noch nie gedruckt, aber in durch Mabillon bekannt gewordenen Auszügen zu gläubig angenommen ist und Schaden angerichtet hat[14]. Dann um 911 die Translatio SS. Senesii et Theopompi aus Treviso, welche unter der Königin Adalheid gegen die Pest nach Pavia gebracht wurden, aber erst unter Abt Rudolf (1002-1035) geschrieben; eine Abtreihe bis 933 und eine zweite mit einigen geschichtlichen Nachrichten bis auf denselben Rudolf[15], unter dem durch Erzbischof Aribert die Mönchsregel wieder hergestellt wurde. Damit beginnt denn auch erst die Zeit, aus welcher schriftliche Aufzeichnungen uns erhalten sind.

§ 14. Italien. Biographieen. [←]

Gegen das Ende des zehnten Jahrhunderts verschwindet in Italien jene Barbarei, welche hier weit greller als in den anderen Theilen des karolingischen Reiches hervorgetreten war. Die bessere Ordnung der politischen und kirchlichen Verhältnisse macht sich auch hier fühlbar. Auf Veranlassung des Kaisers Otto II schrieb ein Bischof Gumpold von Mantua, von dem sonst wenig bekannt ist, ein Leben des böhmischen Herzogs und Märtyrers Wenceslaus († 935). Er stand indessen der Zeit wie den Ereignissen zu fern, um viel davon zu wissen, und suchte die Dürftigkeit des Inhalts durch schwülstige Phrasen zu verdecken. Hochtrabende sallustische Ausdrücke paaren sich bei ihm in widerlicher Mischung mit der kirchlichen Phraseologie. Im Prolog werden auf solche Weise die Bestrebungen der Menschen geschildert und dabei die freien Künste mit Umschreibungen bezeichnet, welche Büdinger ohne Grund auf Gerberts Disputation mit Otrich bezogen hat[1]. Es ist deshalb auch nicht nöthig, die Entstehung der Schrift nach Errichtung des Prager Bisthums anzunehmen, von welcher Gumpold noch nichts weiß und von der man doch kaum annehmen kann, daß er sie, wenn er später schrieb, nicht sollte erfahren oder berücksichtigt haben[2].

Ein zweites Leben desselben Märtyrers schrieb später im elften Jahrhundert, doch unabhängig von Gumpold, Laurentius, ein Mönch von Monte Cassino; dieser beruft sich auf die Erzählungen eines Landsmannes des Märtyrers und mag durch diesen Kunde erhalten haben von einer schon früher in Böhmen und vielleicht in slavischer Sprache verfaßten Legende, auf die wir später noch einmal zurückkommen werden[3].

Eine bedeutende Einwirkung übte auf Italien die damals auch hier eindringende streng mönchische Askese, welche theils von Cluny aus über die Alpen sich verbreitete, theils unabhängig davon und in anderer Gestalt in Italien selbst aufkam. Zu den Hauptträgern dieser Richtung gehört der griechische Calabrese Nilus, der durch seine aufs äußerste getriebene Verachtung alles Irdischen einen so großen Eindruck auf Otto III machte. Sein Leben ist von einem Landsmanne in griechischer Sprache geschrieben und enthält einige werthvolle Nachrichten, vorzüglich aber viele anziehende Einzelheiten zur Culturgeschichte Italiens[4].

Von demselben Geiste erfüllt, aber ungleich wichtiger für die deutsche Geschichte, ist das Leben des heiligen Adalbert, des Bischofs von Prag und Apostels der Preußen († 997), auf den Wunsch seines schwärmerischen Freundes, des Kaisers Otto's III, verfaßt von Johannes Canaparius, dem Abte des Alexiusklosters in Rom, in welchem Adalbert sich eine Zeit lang aufgehalten hatte[5]. Der Verfasser hat Adalbert selbst nahe gestanden, benutzte auch einen Aufsatz des Domprobsts Willico von Prag, und schreibt daher aus voller Kenntniß des Gegenstandes und mit großer Wärme, in reiner, wenn auch von biblischen Phrasen erfüllter Sprache; über die politischen Verhältnisse, welche der Wirksamkeit Adalberts in Böhmen im Wege standen, darf man freilich bei ihm keine Aufklärung suchen. Die wenig spätere Ueberarbeitung dieses Lebens von Bruno von Querfurt erwähnten wir schon oben (S. 354). Bruno gehörte zu dem Kreise jener Asketen, welche in dem Kloster Classe bei Ravenna lebten, aus deren Mitte der Camaldulenser Orden seinen Ursprung nahm. Das Leben des Abtes Romuald hat um die Mitte des elften Jahrhunderts der Hauptvertreter dieser Richtung, Petrus Damiani, geschrieben; aus den salbungsvollen Sentenzen lassen sich einige geschichtliche Nachrichten auslesen, welche in den Mon. Germ. SS. IV, 846-854 mitgetheilt sind.

Notes in this chapter

Note 1 · Hs. in Halle, NA. VIII, 383.Note 2 · Es genügt jetzt, die kritische Ausgabe Dümmlers anzuführen, Anselm der Peripatetiker S. 72-82. Brief des Bischofs Leo von Vercelli an HeinriNote 3 · S. Andrea in flumine, in der Ebene, nach Tomasetti, Arch. Rom. VII, 382.Note 4 · Chron. Benedicti de S. Andrea, entdeckt von Pertz und zuerst gedruckt MG. SS. III, 695-722 mit Weglassung des Anfanges; vgl. Archiv V, 146, Note 5 · Chron. Salernitanum ed. Pertz, MG. SS. III, 467-571 (S. 548 de martyrio S. Procopii ex cod. Bamb. Wiederholt SS. Langob. p. 457. Die RegenteNote 6 · Johannis diaconi Chron. Venetum et Gradense ed. Pertz, MG. SS. VII, 4-38. Vgl. Giesebr. I, 790; Kohlschütter, Venedig unter Peter II (Goett.Note 7 · Ausg. vom Abb. Antonio Rossi im Archivio stor. Ital. VIII, u. nach der besseren Dresd. Hds. im Appendice, Tomo V, 1847; jetzt als Chron. VenNote 8 · Ueber die verschiedenen Bestandtheile, aus welchen dieses und auch schon das Chron. Altinate in dem betr. Abschnitt zusammengesetzt ist, hanNote 9 · NA. I, 397-410; vgl. Dand. S. 90-96. Sie sind wiederholt im Arch. Ven. XII mit Abh. von R. Fulin; MG. SS. XIV, 70.Note 10 · Vita Anselmi, SS. Langob. p. 566-570. Mit allen übrigen Stücken gedruckt bei Bortolotti, Vita di S. Anselme abb. di Nonantula, con appendiciNote 11 · S. Th. v. Sickel, Die Vita Hadriani Nonantulana und die Diurnus-Hs. V. im NA. XVIII, 107-133.Note 12 · SS. Langob. p. 571-573 als Nomina abhatum Nonantul., sonst Chronicon Nonantulanum genannt. Bischof Joh. von Arezzo schenkte an Non. um 876 eNote 13 · Diese, wie mir scheint, allein richtige Deutung jener Stelle verdanke ich freundlicher Mittheilung von Jaffé.Note 14 · Gumpoldi Vita Vencezlavi ducis, von Pertz entdeckt und herausgegeben MG. SS. IV, 211-223: wiederholt Migne CXXXV; Fontes Rer. Boh. (Pragae 1Note 15 · Auszugsweise mitgetheilt von Pertz, Archiv V, 137-143; vollständig von Dudik, Iter Romanum I, 304-318, Fontes Boh. 167-182. Die Legende CresNote 16 · Acta SS. Sept. VII, 336. Auszüge MG. SS. IV, 615-618. Giesebrecht I, 788.Note 17 · Johannis Canaparii Vita S. Adalberti ed. Pertz. MG. SS. IV, 581 bis 595. Ausg. von Al. Batowski bei Bielowski S. 157-183 mit Varianten einer
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