← Table of contents
3½ Monate Fabrik-Arbeiterin

Zwölftes Kapitel. Vergnügungen.

Reading edition

Ob ich Recht daran thue, dies Kapitel »Vergnügungen« zu nennen? Nein, ich finde, daß es passender und zutreffender wäre, wenn ich sagen würde: Betäubungen, um das elende Leben der Woche zu vergessen, Betäubungen, die stark narkotisch auf Sittlichkeit und Tugend, auf Menschenwürde und Menschenehre wirken!

Ich kann ruhig behaupten, daß ich alle Chemnitzer Lokale, in denen Arbeiterinnen verkehren, besucht habe. Von eigentlichen Arbeiter-Lokalen kann jedoch keine Rede sein; man findet männliches und weibliches Fabrikpersonal in jedem Lokal, auf jedem Tanzboden, sie gehen unter in der Menge der Besucher, sie sind an nichts kenntlich.

Im allgemeinen herrscht unter den Arbeiterinnen bei weitem nicht jene Liebe zum Tanz, wie unter den Mädchen des Mittelstandes; es gab sehr viele gerade unter den Maschinenarbeiterinnen, die vom Tanz nicht viel wissen wollten, die da sagen, daß der Tanz ihnen nur auf unnütze Weise ihre Kräfte raube, ungesund sei und sie in den ersten Wochentagen bei weitem nicht die gleiche Arbeit verrichten könnten, als wenn sie Sonntags vorher nicht getanzt hatten.

Ich freute mich aufrichtig darüber und suchte ihre teilweise Abneigung gegen den Tanz nach besten Kräften zu schüren.

Ich habe alle Tanzböden von Chemnitz und Umgegend besucht, meinem Prinzip getreu aber nie getanzt; ich fand die Fabrikarbeiterinnen viel zugänglicher den Lehren gegen das Tanzen, die ich ihnen aufbaute, als alle besseren Mädchen.

Hingegen haben die Arbeiterinnen durchwegs eine große Vorliebe für Theater, Cirkus und Tingeltangel; ihr liebster Vergnügungsort ist der Schützenplatz, wo sie eine reiche Auswahl der verschiedensten Genüsse finden, Carussel, Affentheater, Würfel-, Schlangen- und Zaubererbuden, Tingeltangel und Messeresser.

Das beste Lokal, das ich kannte, war das »Colosseum« in Kappel; es war ein fein eingerichtetes Konzerthaus mit vorzüglicher Militärkapelle, und am Nachmittag nur von ganz gutem Publikum besucht. Nach Beendigung des Konzerts war Ball, bei welchem das Publikum sich bedenklich zu mischen anfing. Man sah ehrbare Beamtenfamilien mit erwachsenen Töchtern, die die Mutter lebhaft zum »Männerfang auf Lebenszeit« anhielt, allein gekommene Ladenmädchen, andere mit ihrem »Liebsten«, Lieutenants in Civil, Commis-voyageur, aber auch Dirnen in feinen Balltoiletten; ich halte das Lokal überhaupt für kein solches, in welchem Arbeiterinnen verkehren; die Mädchen, die dort allein verkehren, treiben einen ganz anderen »Beruf.«

Im grellsten Gegensatz zu diesem Etablissement steht die »Kaiserkrone«, ein Lokal, in welchem das schlimmste Gesindel verkehrt. Der Tanzsaal befindet sich im ersten Stockwerk eines düstern Gebäudes; in dem elenden Stück Hof, den man zu passieren hat, um zur Treppe zu gelangen, steht ein altes verschnapstes Weib und bietet aus einem ekelhaft aussehenden Kinderwagen, der ihr als Buffet dient, ihre zweifelhaften Speisen an. Die Treppe selber ist schmal, schmutzig und winklig, mit ausgetretenen Stufen; die Eingangsthür zum Saal niedrig und klein. Es ist kein Wunder, daß bei Keilereien, die hier des öfteren vorkommen, stets einige der Streitenden halb todt geschlagen werden, daß ein großer Teil mit Wunden »versehen« heimkehrt. Auf der engen Treppe, in dem winkligen, dunklen Gange ist ein Flüchten unmöglich, wer hier die Wut Mehrerer auf sich lenkt, ist so gut wie verloren.

Von allen meinen Mitarbeiterinnen, mit denen ich über die »Kaiserkrone« sprach, verkehrte auch nicht eine dort; sie äußerten sich durchwegs mit Ekel und Abscheu über dies Lokal, die meisten erklärten, »da gehen anständige Mädels nicht hin«.

Ich habe die »Kaiserkrone« drei Mal besucht in Gesellschaft meines als Arbeiter verkleideten Mannes. Meist befanden sich dort cirka 40-50 Mädchen, verkommene Dienstmädchen, der gemeinste Auswurf der Fabrikarbeiterinnen und zum größten Teil Soldatendirnen. Das männliche Element bestand durchwegs aus Soldaten eines Infanterie-Regiments, die wenigen Civilisten, die anwesend waren, schienen mir die Zuhälter der Dirnen zu sein.

Ich habe in meinem ganzen Leben keine so bestialisch rohen, gemeinen, jeder Menschlichkeit baren Mädchen gesehen, wie hier, Gesichter, die das Laster verzerrt hatte, schmutzige Frauenzimmer, deren oft elende Kleidung roch, mit ungekämmtem Haar und einem Benehmen, das der Wahnsinn ihnen diktieren muß. In der unglaublichsten, nicht wiederzugebenden Weise rempeln sie die Soldaten an, die sich ihrer kaum erwehren können, vollführen sie vor aller Augen die unsittlichsten Dinge.

Es lag über dem ganzen Saal eine Atmosphäre des Schmutzes, des grenzenlosen Lasters, der Bestialität, die den sittlichen Menschen zur Verzweiflung bringt. Die Frauenzimmer, die dort verkehren, sind überhaupt keine Menschen mehr, es sind Reptilien, Pestbeulen des öffentlichen Lebens. Ich sah so manchen blühenden und hübschen jungen Soldaten, den die schmutzigsten und teilweise verlumptesten Frauenzimmer, die alle zwischen 30-40 Jahre sein mochten, in ihre Mitte nahmen und so lange bearbeiteten, bis er mit ihnen verschwand.

Es ist eine Nachlässigkeit des Staates, der Militärbehörden, daß sie derartige Lokale nicht verbieten, und dem moralischen Morde Hunderter ruhig zusehen.

Was nützt es, die Soldaten am Morgen auf Kommando in die Kirche zu führen, wie eine Herde Schafe zur Tränke, um sie am Nachmittage dem erbärmlichsten Laster ruhig zu überlassen? Was nützt es, daß der Soldat zur Reinlichkeit und zur Ordnung mit militärischer »Disciplin« angehalten wird, wenn er am Nachmittage ungewarnt und unbehindert Elend, Gift und Pestilenz holen darf?

Warum sieht die allwissende Polizei den Bettler, der halb verhungert ein Almosen erbittet, aber nicht jene Lasterhöhlen, wo das Volk sich den Untergang holt, wo die Söhne des »sittlichen« Deutschlands die Seuche herholen, die sich weiter und weiter ins Volk frißt? Man fängt die arme Streichholzverkäuferin auf der Straße gar bald ab, aber man läßt jene giftigen Spinnen der menschlichen Gesellschaft ruhig weiter vegetieren in ihrem Netz, trotzdem ein jeder ihrer Stiche zur Blutvergiftung führt.

Man philosophiert, wie gesagt, über alle diese Dinge, aber man handelt nicht; man begnügt sich mit dem heuchlerischen Grundsatz: »Was mich nichts angeht, rühr' ich nicht an«, man forscht den Ursachen nicht nach, die die Vertreterinnen der »Ideale« zu den niedrigsten Geschöpfen gemacht haben! Die Prostitution ist ja immer noch das einzige Ableitungsrohr, um der Arbeitsnot und dem Mangel an weiblichen Berufsarten abzuhelfen und einzulenken in andere Wege.

Ich sprach kürzlich mit einem sehr vornehmen konservativen Herrn, der selber Vater von zwei Töchtern ist. »Das thut ja nichts,« meinte er menschenfreundlich, »daß die Löhne für weibliche Arbeiter so gering sind; die Frau findet immer Mittel und Wege, um sich durch einen Schatz das notwendigste geben zu lassen, dumm genug, wenn sie einen wählt, der nichts hat! Der Mann aber kann das nicht, darum muß er mehr verdienen als die Frau!«

Und ein anderer Menschenfreund, ein Apotheker, der nebenbei Millionär ist und seine 6 älteren Töchter mit 18 Jahren durchschnittlich verheiratet hatte, sagte mir: »Ich kann gar nicht begreifen, warum man eine Frauenfrage für nötig hält und behauptet, den Frauen stünden nicht genug Berufe offen. Ich habe sieben Töchter und habe mir nie Sorge gemacht, um für sie Berufsarten herauszufinden; ich habe sechs Mädchen verheiratet und hoffe, daß auch die jüngste einen Mann finden wird, ohne einen Beruf ergreifen zu müssen.«

Man weiß nicht, soll man darüber lachen oder empört sein, ich glaube, die Millionen haben den Mann so dumm gemacht!

Aber so ist es, die Frauenfrage ist eine Ausgeburt verrückter Köpfe und die Prostitution ein weiblicher Beruf! Man lernt immer wieder Neues! –

Ich besuchte auch öfters die »Linde«, ein großes Tanz-Etablissement anständigster Art; hier verkehrten ausschließlich Fabrikmädchen und Fabrikarbeiter, einige Unteroffiziere und geringe Kaufleute.

Der Ton war anständig, die Mädchen saßen ruhig an den Tischen und unterhielten sich, ab und zu einen Tanz machend, wozu sie ihr Kavalier unter einer Verbeugung abholte und ebenso höflich zurückführte. Die Mädchen tanzen hübsch, selbst graziös, es kam nie zu wilden Hopsereien, wie es in Bauernschenken vorkommt; es wurde sehr wenig getrunken, ich fand hier, wie auch im »Bellevue«, daß die Arbeiterinnen häufiger sogar Kaffee als Bier tranken. In beiden Lokalitäten war, wie gesagt, das Arbeiterelement stark vertreten, Militär dagegen kaum anzutreffen.

An einem der Sonntage hatte ich in der »Linde« ein neben mir sitzendes Mädchen beobachtet, das »herrenlos« hingekommen war und fremd zu sein schien. Sie sah furchtbar dumm aus, wagte kaum, um sich zu sehen und schien noch keinen Schatz besessen zu haben. Es dauerte nicht sehr lange, bis ein »Herr« sich zu ihr setzte, ihr ein Glas Bier kommen ließ und sie in den Bann seiner Beredsamkeit zog. Ich verlor sie aus den Augen und hatte nur noch bemerken können, daß sie dem Verführer schon viel freundlicher antwortete und auf dem besten Wege war, mit ihm »gut Freund« zu sein.

Am Sonntage darauf besuchte ich das »Elysium«, ich traf dort jenes Mädchen, das wieder allein an einem Tisch saß. Heute blickte sie schon viel kühner um sich, sie lachte jeden an, der sie ansah; sie trug eine Korallenkette, rosa Schleifen an der Brust und im heute gelockten Haar, das vor 8 Tagen einfach gescheitelt war. Sie hatte jedenfalls an dem einen Nachmittage viel »gelernt«, sie war auf dem besten Wege, abwärts zu kommen. An jenem Nachmittage tanzte, scherzte und sprach sie mit mehreren, ließ sich auch von verschiedenen Seiten Bier bezahlen.

Ich hatte die Geschichte schon beinahe vergessen, als ich 3 Wochen später das »Colosseum« besuchte und zu meinem größten Erstaunen jenes Mädchen am Arme eines Herrn (zweifellos ein Referendar oder Lieutenant in Civil, da er Schmisse hatte) sah, fein gekleidet, mit Talmischmuck überladen, das Haar kurz geschnitten, das Gesicht bemalt. Sapienti sat! Sie war »klug« gewesen und hatte in Folge dessen schnell Carrière gemacht, eine »dümmere« wäre nicht so schnell »gestiegen«. –

Mehrere aus der Fabrik hatten mir geraten, da ich keinen Schatz besaß, das »Elysium« aufzusuchen, es sei dies ein Lokal, in welchem man leicht und schnell Bekanntschaften machen könne. So biß ich denn in diesen sauren Apfel und begab mich ins »Elysium«; mein Mann saß an einem Nebentisch hinter einem Pfeiler. Ich hatte mich kaum niedergelassen, als ich von einem Herrn angesprochen wurde, der mich frug, ob ich auf meinen Schatz warte; ich verneinte. »Dann können wir gleich beisammen bleiben,« fuhr er fort, »ich habe Geld, ich kann was draufgehen lassen.« Er hatte eine goldene Uhr mit schwerer goldener Kette, feingepflegte weiße Hände und trug einen goldenen Zwicker. Ich hielt ihn für einen höheren Beamten, vielleicht einen Assessor, trotzdem er mir versicherte, er sei Aufseher in einer Fabrik. Wir gehörten jedenfalls beide in die gleichen Gesellschaftskreise, glücklicher Weise ahnte mein Kavalier nicht, daß ich ihn erkannte.

Auch die übrigen Herren, die mich in den Pausen behelligten, schienen keineswegs Arbeiter zu sein, sondern sogenannte »feine« Leute. Ich merkte daher bald, daß die »leicht zu machenden Bekanntschaften« sich nicht auf die Arbeiterkreise bezogen, sondern von anderer Seite zu ganz anderem Zweck gesucht wurden. – Ueberhaupt ist die »Sitte des Attakierens« unter den Arbeitern bei weitem nicht bekannt und beliebt, wie unter den Studenten und sonstigen jungen Herren. Man macht seine Bekanntschaft in der Fabrik, bei Freundinnen oder bei anderen festlichen Anlässen in einem Lokal; gewöhnlich werden die Schätzelosen von Bekannten mit Kavalieren versorgt, eine weniger gesuchte Art der Bekanntschaft.

Auf dem Schützenfest, das glücklicher Weise in die Zeit meines Chemnitzer Aufenthaltes fiel, fand ich die Arbeiterinnen aller Fabriken, in denen ich gewesen, vertreten. Sie zeigten ein besonderes Interesse für eine Tingeltangelbude, in welcher vier gemein und verkommen aussehende Frauenzimmer in kurzen Tricotkleidern die abscheulichsten Zoten sangen.

Trotz der Vorliebe für derartige Vergnügungen besprachen sie in vernünftigster Weise das Leben jener Tingeltangelsängerinnen und erklärten einmütig, mit keiner einzigen tauschen zu wollen.

Sie verspielen sehr viel Geld an den Würfelbuden; es geht ihnen wie den Hazardspielern; wenn sie für den Einsatz von 10 Pfennig einen Gegenstand zu 50 Pfennig gewonnen haben, so würfeln sie fiebernd weiter, immer in der Hoffnung, noch weiteres zu gewinnen; zuletzt haben sie ihren Gewinn doppelt so hoch bezahlt, als sie in einem Laden für den gleichen Gegenstand gegeben hätten.

Die meisten der Mädchen spielen in Lotterien, und wenn der Einsatz auch nicht hoch ist, so ist der Verlust von 2 oder 3 Mark allmonatlich für sie doch kein geringer Schaden. Sie hoffen alle auf das große Los oder wenigstens auf einen Gewinn, der es ihnen ermöglicht, von ihrem Gelde zu leben. Ich kannte alte Frauen, die angestellt waren zur Reinigung der Fabrikräume, frühere Arbeiterinnen, die seit 30 Jahren in der Lotterie spielten, die sich alles am Munde absparten und die Hoffnung auf den großen Gewinn doch nicht fahren ließen.

Wenn ich die Vergnügungen der Arbeiterinnen im Geiste resumiere und in Vergleich ziehe mit der Arbeitszeit der ganzen Woche, so muß ich betonen: daß die Vergnügungssucht der Mädchen aus dem Volk bei weitem nicht so entwickelt, blasiert und doch anspruchsvoll ist, wie bei den Mädchen der besseren Kreise, und daß diese sich absolut nicht »mit Ekel von der häßlichen Genußsucht der Mädchen aus dem Volk« abzuwenden brauchen.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings