← Table of contents
3½ Monate Fabrik-Arbeiterin

Sechstes Kapitel. Die Ehe.

Reading edition

Wenn man die Ehe im allgemeinen als ein Lotteriespiel betrachtet, so muß man sie in den Kreisen der Fabrikbevölkerung ein Hazardspiel nennen.

Die Männer, die des Alleinseins müde, ihren Schatz heiraten, wagen viel; entweder, sie finden das, was sie erhofften, oder sie kommen ins Elend, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt. Die Ehen sind größtenteils Gegensätze; entweder wird die Frau geachtet und gut behandelt, oder sie wird als Lasttier, als Arbeitssklavin, als Mittel zur Befriedigung geschlechtlicher Genüsse angesehen.

In kinderlosen und mit einem oder zwei Kindern gesegneten Ehen, herrschen gewöhnlich schlichte, aber geregelte Verhältnisse, eheliche Einigkeit. Wo viel Kinder sind, herrscht meist Unfriede, Elend, Schmutz und Not, Untreue von Seiten des Mannes ist hier viel häufiger.

Man kann dreist behaupten, daß mehr als drei Kinder in einer Familie, Schuld zum Ruin derselben sind. Leider aber, und ich werde es immer wieder tief beklagen, herrscht keinerlei Verständnis für eine geregelte, beschränkte Kindererzeugung; hier würde der Segen ein unberechenbarer sein, wenn man die Leute darauf hinführen könnte, daß nicht die Quantität, sondern die Qualität der Nachkommen für die Menschheit von Bedeutung ist, daß ein oder zwei Kinder in geistiger und körperlicher Beziehung gesund, mehr Wert haben, denn zehn elende Geschöpfe und Krüppel.

Die schwangeren Frauen arbeiten vielfach bis zum letzten Tage vor ihrer Niederkunft in der Fabrik, in entsetzlicher Luft und bei schwerer Arbeit; eine normal gesunde Frau setzt hier täglich – in Anbetracht der elenden Nahrung – einen Teil ihrer Lebenskraft zu; wo soll da eine Frau Kraft und Lebensstoff für ein zweites Wesen sammeln, das womöglich das sechste oder achte der Reihenfolge ist?

Beim ersten Kinde und auch beim zweiten, wenn die vernünftige Zeit von 3-4 Jahren dazwischen liegt, pflegen sich die Arbeiterfrauen, d. h. sie besuchen nicht die Fabrik, gehen an die Luft und bringen infolge dessen ein kräftigeres und intelligenteres Kind zur Welt; sie können ihnen die Brust reichen, sie können es pflegen und hüten und ihm wirklich Mutter sein. Beim dritten, günstigen Falls beim vierten Kinde aber tritt die Not leise in die Familien, die Arbeit des Mannes ernährt nicht mehr alle, die Frau muß mitverdienen, und erst recht, wenn ein weiteres Menschenkind zu erwarten ist. Die allgemeine Nahrung wird, je reichlicher sie sein muß, je schlechter, an Säugen des Weltbürgers kann die Frau nicht denken, sie muß, kaum genesen, von neuem in die Fabrik eilen, um zu erwerben; der Säugling liegt indessen zu Hause im Schmutz, den Lutschpfropfen im Munde, während die anderen noch nicht schulpflichtigen Kinder auf der Straße ihre »Erziehung« finden. Zwei auch drei Kinder können jene unteren Klassen pflegen und erziehen, was darüber ist, liefert in den weitaus meisten Fällen Proletariat und Dummköpfe.

Die Ärzte aber trifft hier der Vorwurf, daß sie es sind, die der vernünftigen Beschränkung der Kindererzeugung im Wege stehen. Oder halten sie es vielleicht für sittlicher, bei Geburt eines Kindes die Hoffnung auszusprechen, daß es nicht lange lebe, daß es durch erbärmliche Pflege thatsächlich bald stirbt und die Familie schädigt, als daß wenige, aber kräftige Kinder erzeugt werden, die mit Freuden begrüßt und gut gezogen werden?

Hier richte ich eine Anfrage an die Gegner unserer Bestrebungen, die da behaupten, die Frau sei zur Gattin und Mutter bestimmt und gehöre ins Haus, sie könne nur so ihre natürliche Pflichten erfüllen. Warum sorgen diese Schreier nicht dafür, daß die Arbeitergattinnen ihre »natürlichen« Pflichten auf natürliche Weise erfüllen können und in ihren vier Wänden bleiben, statt die unnatürliche, schwere Maschinenarbeit zu verrichten?

Oder haben die Frauen nur dann natürliche Pflichten als Gattin und Mutter, wenn sie befähigt sind, den Männern Konkurrenz zu machen?

Diese Frauen blieben so gern im Hause um ihre »natürlichen« Pflichten zu erfüllen, warum verhilft ihnen der Trotz jener weisen, menschenfreundlichen Gegner nicht dazu?

Und der Staat, der die Gesetze schafft, die Schmach und Unterdrückung für die Frau bedeuten, die sie zum Kindergebärapparat macht, warum hilft dieser Staat der Frau nicht bei Ausübung ihrer »natürlichen« Pflichten?

Oder teilt der Staat die Ansicht Balzacs, die zu den Gesetzen, die die Frau unterjochen, passen dürfte: »Ne vous inquiétez en rien des murmures de la femme, de ses cris, de ses douleurs; la nature l'a faite à notre usage et pour tout porter: enfants, chagrins, coups et peines de l'homme.«

Ich spreche hier mit Bebel, dem ich voll und ganz zustimme, wenn er sagt: »Der Maßstab für die Kultur eines Volkes ist die Stellung, welche die Frau daselbst einnimmt.« Wie muß aber dann der deutsche Kulturzustand sein? –

Ich habe übrigens bei vielen Mädchen in der Fabrik den Ausspruch gehört, daß sie nicht heiraten mögen, aus Angst, viel Kinder zu bekommen.

Die Sozialdemokratinnen sind unter den Arbeiterinnen die Einzigen, die vernünftigere Kinderproduktion kennen; in deren Haushaltungen herrscht auch durchwegs bessere Wohlhabenheit, Ordnung, Reinlichkeit und vor allem innigere eheliche Gemeinschaft. Am Abend stehen die Frauen mit den Männern vor den Hausthüren und unterhalten sich über politische und andere Tagesereignisse, während die nichtsozialdemokratischen Männer vielfach die Kneipen aufsuchen und die Frauen zu Hause bleiben müssen. Auch sind die Kinder der Sozialdemokraten besser erzogen, folgsamer und gesitteter. In diesen Schichten, d. h. in den guten Ehen, ist eheliche Untreue ein unbekanntes Ding, die höheren Kreise könnten sich daran ein Beispiel nehmen.

Die Kinder lieben fast alle mehr den Vater, denn die Mutter; jene sind auch liebevoller mit ihnen als die Mutter, die sie den ganzen Tag um sich hat und oft die Geduld verliert. Der Abend vereinigt gewöhnlich Vater und Kinder; das Wirtshauslaufen des Bürgerstandes z. B. wird vom Arbeiter nicht stark nachgeahmt. Es fiel mir auch auf, daß in den Chemnitzer Arbeitervierteln wenig Kneipen bestehen, und daß die wenigen am Abend schlecht besucht sind, meist von Aufsehern, Inspektoren oder ledigen Arbeitern.

Kinderlose Frauen arbeiten fast ausnahmslos in einer Fabrik; die Wohnung wird jedoch immer in der Nähe der Fabrik des Mannes, nicht der Frau gewählt.

Auch darin findet man wieder einen merkwürdigen Beweis für die »körperliche Unfähigkeit« des schwachen Geschlechtes, das in Strapazen das aushalten kann, was, wie es scheint, für den Mann zu viel wäre.

Vielfach heiraten die Leute ohne die geringsten Mittel, sie kaufen Wäsche und Möbel auf Abzahlung; stellen sich keine Kinder ein oder nur ein bis zwei, so ist die Existenz der Leute gesichert; sie zahlen die Schulden ab, fangen dann mit dem Sparen an und können einem gesicherten Alter entgegensehen. Wo natürlich jedes Jahr ein Kind in den Kauf genommen wird, vergrößern sich die Schulden, die halb bezahlten Sachen werden womöglich heimlich verkauft und der Untergang der Familie ist fertig. Ich kannte Familien, die jede in ihrer Art diese These zur Wahrheit machten. Die Mädchen sind im allgemeinen bei weitem nicht so versessen aufs Heiraten als die Töchter des Mittelstandes; sie wissen, daß es ihnen in der Ehe größtenteils schlechter, selten aber besser geht. Sie sind mit ihrem Schatz zufrieden, ihre Arbeit ist leichter, als sie als Frau werden arbeiten müssen, wo ihnen der aufmerksame, geduldige Schatz in Gestalt eines herrschsüchtigen Mannes entgegentritt.

Die Witwen dagegen brennen aufs Heiraten, sie lassen kein Mittel unversucht, je mehr Kinder sie haben; ich kannte eine, die sich das Notwendigste am Munde absparte, um allwöchentlich ein Heiratsgesuch in die Zeitung setzen zu können. Überhaupt sind die Witwen für das »Heiraten durch die Presse« sehr eingenommen.

Es kamen auch Fälle vor, wo die Frau zwei uneheliche Kinder verschiedener Väter mit in die Ehe brachte; in dieser blieb sie kinderlos. Mann und Frau pflegten die absonderlichen »Geschwister« rührend, es hätte keiner geahnt, daß der Mann von keinem der Vater war.

Entgegengesetzte Fälle sind natürlich häufiger, hauptsächlich da, wo eheliche Kinder vorhanden. –

Im ganzen genommen aber halte ich die Ehe in diesen Kreisen für sittlicher, denn diejenige der höchsten Gesellschaftskreise, wo die Frau Geldsack, Repräsentantin und Gebärerin eines Stammhalters sein muß, weiter aber auch nichts. –

Was die Stellung der Frau als Herrin im Haushalt anbelangt, so kann sie meist nach Gutdünken einkaufen, schalten und walten. Sie ist vom Manne weniger unterjocht, als die Frau des Kleinbürgers, die sich oft keinen Weg erlaubt, ohne den Mann um Rat zu fragen. Aber auch hier herrscht, wie überall in Europa den Frauen gegenüber, das Motto: Vae victis!

Merkwürdig ist noch das Vorkommnis, daß in den meisten Familien, wo mehr als sechs Kinder sind, eine Stiefmutter zu finden ist; man könnte hier beinahe die These aufstellen, daß die Frauen dieser Kreise durchschnittlich sechs Kinder auf die Welt bringen können, ehe ihre Kräfte erschöpft und sie dem Tode verfallen sind, ein Triumph für den Philosophen Eduard von Hartmann, der da behauptet, die ganze Frauenfrage sei gelöst, wenn die Frauen mehr Kinder zur Welt brächten, weil sie dann schneller sterben, und einer andern zur Ehe Platz machen würden. Er hat Recht; würden die Frauen im allgemeinen so viel Kinder zur Welt bringen, als sie, unbekümmert um die Qualität derselben, gebären könnten, so würden sie schneller sterben. – Gott sei Dank, daß es aber noch Frauen giebt, und glücklicher Weise viele, die nicht Sklavinnen, sondern Herrinnen ihres Körpers sind!

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings