Fünfzehntes Kapitel. Verschiedenes.
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Ich will unter dem Titel »Verschiedenes« einige Beobachtungen, die ich machte, wiedergeben, warne jedoch davor, diese Betrachtungen als Durchschnittserscheinungen anzusehen; ich fand die nachfolgend beschriebenen Fälle sehr häufig vor, schreibe sie aber nur dem Zufall zu.
Die einzige unter den angeführten Beobachtungen, die ich nicht dem Zufall zuschreibe, sondern die ich als Folge der Überanstrengung in der Arbeit betrachte, ist die enorm häufig auftretende Kurzsichtigkeit der Mädchen. Speziell unter den Handarbeiterinnen tragen in jedem Saal eine große Zahl der Arbeiterinnen Brillen, und zwar, wie ich mich überzeugt habe, sehr scharfe Brillen. Ich glaube, daß der Grund zu diesem Übel in den Wintertagen gelegt wird, wo die Mädchen bei ungenügender Beleuchtung die feinen Nadeln einzufädeln haben und wo die Augen, durch die unruhig blendende Farbe der Strümpfe, fortwährend zu Thränen gereizt werden.
Beinahe ebenso häufig als die Kurzsichtigen sind die Lahmen und Hinkenden vertreten. Gleich am ersten Tage fiel mir dies auf; so manche der hübschen Mädchen haben eine gebrochene Hüfte, die wenigsten tragen an einem angeborenen Leiden. Ich führe dies darauf zurück, daß die meisten Mütter jener Mädchen arme Fabrikarbeiterinnen waren, ihre Kinder nicht beaufsichtigen konnten und diese sich auf der Straße durch Unglücksfälle die Verkrüppelung zuzogen; die Mädchen, die ich darnach frug, bestätigten mir meine Vermutungen.
Das Schrecklichste jedoch von allen derartigen Gebrechen und Verletzungen trifft die verheirateten Frauen, und zwar diejenigen, die an den Formen arbeiten. Wie ich in einem Kapitel schon erwähnte, werden die Strümpfe über Holzformen gezogen, gegen die die Arbeiterin sich mit aller Kraft stemmen muß. Die Folge hiervon sind regelmäßig wiedereintretende Fehlgeburten. Ja, es teilten mir sogar einige im Vertrauen mit, daß sie, sobald sie in schwangeren Zustand kommen, mit Vorliebe jene Arbeit acceptieren, »um alles los zu werden«.
Neuerdings sollen die Fabrikanten aber nur die kräftigsten Mädchen hierzu verwenden, jede Frau, die nicht vollkommen normal aussieht, wird zurückgewiesen; ich glaube aber nicht, daß das Hülfe schaffen wird. Ich befürchte eher, daß viele der Frauen ihren Zustand durch allerlei Künste so lange als möglich zu verbergen trachten werden und das Unglück auf diese Weise noch verschlimmern. –
Leider sind die Mädchen größtenteils nicht naschhaft; ich sage »leider«, weil die Naschhaftigkeit ein weit größeres Laster vertreiben würde, das des Essens von Kaffeebohnen.
Es giebt Mädchen unter den Arbeiterinnen, vor denen man erschrickt, die den Stempel des Todes im Antlitz tragen, mit weißer Gesichtsfarbe und tiefliegenden Augen, wie wandelnde Leichen, die sich ruinieren und elend machen um elender Kaffeebohnen willen. Solche Koffeïnsüchtigen verbrauchen ihren halben Lohn für dieses Gift, sie haben größtenteils einen ruinierten Magen und bedürfen kaum der festen Nahrung. Eine meiner Nachbarinnen kaufte sich jeden Morgen eine Düte frischgebrannter Kaffeebohnen, am Nachmittage hatte sie alle verzehrt und sehnte sich nach »neuen«. Ich glaube kaum, daß man diese Unglücklichen retten kann, denn sie sind jeder Selbstbeherrschung und Energie bar, sie sind weit schwerer zu kurieren, denn Cocaïnsüchtige. –
Im allgemeinen sind die Mädchen äußerst peinlich in ihren Sachen, sie gehen nie mit zerrissenen Kleidungsstücken einher. So manche hatte einen ganz verflickten Rock oder eine mit zweierlei Stoff ausgebesserte Taille an, nur um nicht mit zerrissenen Sachen zur Fabrik zu kommen. Man sollte glauben, daß diese Liebe zur Ordnung auch die Liebe zur Reinlichkeit zeitigt; allein damit ist's, was den eignen Körper anbetrifft, nicht von weit her. Sie kennen die Wohlthat des Bades nicht, höchstens aus den heißen Sommertagen; im Winter scheint ihnen das Baden ein Ding des Luxus zu sein, ja, sogar eine Dummheit! So sagte mir einmal die eine: »Ich bade vom September bis zum nächsten Juni nicht mehr!«
Baden ist halbes Leben für jeden gesunden und normal arbeitenden Menschen. Wie viel nötiger aber wird es für diejenigen, die in einer Atmosphäre des Staubes und Schmutzes leben, in schlechtriechenden Betten und dumpfen Kammern schlafen! So manche Krankheit der Arbeiterinnen entsteht ja durch Unreinlichkeit!
In erster Linie würden städtische Armenbäder hier am Platze sein, die Fabrikbesitzer müßten die Mädchen zweimal wöchentlich zum Bade schicken, was die Mädchen vielleicht im Anfang mit Widerstreben, sehr bald aber mit Freuden thun würden. –
Zum Schlusse will ich noch mein in einem vorhergehenden Kapitel gegebenes Versprechen erfüllen, und jenem »liebenswürdigen« Buchhalter ein Gedenkblatt sichern. Wie ich schon mitteilte, habe ich ihm seine »Freundlichkeit« reichlich vergolten.
Der Besitzer der Fabrik hatte ihm, nachdem ich die Fabrik verlassen, mitgeteilt, daß eine Dame als Arbeiterin daselbst gearbeitet hätte. Als ich vom Besitzer Abschied nehmen wollte, empfing mich jener Buchhalter, der Prokura für die Firma besaß, und bei den Besuchen zugegen war. Er nahm meine Karte, las den Namen, sah mich an, lächelte, stammelte, stotterte, wurde blutrot und bald bleich – und verschwand plötzlich, ohne nochmals zum Vorschein zu kommen! Ihn hatte eine Strafe getroffen, wie er sie wohl nicht erwartet hatte! Ich hoffe, daß diese eine Lehre meinen Nachfolgerinnen, d. h. den »echten« Arbeiterinnen, die er mit seiner Huld wird beglücken wollen, zum Segen gereichen wird, denn ich bin der Überzeugung, daß er auf einige Zeit genug haben wird, denn: »gebrannte Kinder scheuen das Feuer!«