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3½ Monate Fabrik-Arbeiterin

Drittes Kapitel. Arbeit, Beruf, Vergangenheit.

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Die Arbeiterinnen in allen Fabriken, in denen ich war, hatten entweder vom 14. Jahre an in der Fabrik gearbeitet, das waren die tüchtigen, ordentlichen Mädchen, oder es waren entlassene Dienstmädchen; eine andere Vergangenheit hatten die wenigsten.

Diejenigen, die früher gedient hatten, waren meist durch unsittlichen Lebenswandel, Faulheit oder andere schlechte Eigenschaften zur Fabrikarbeit gelangt, die ihnen, wenn auch ein elenderes, so doch ein freieres Leben gestaltete; sie lieferten das Heer der verkommenen, rohen Arbeiterinnen. Diejenigen, die, ich möchte sagen aus traditionellen Arbeiterfamilien stammten, arbeiteten sich oftmals auf, so daß sie eine Art Carriere machten; sie fingen in der niedrigsten Stellung an und endeten schließlich als Directrice mit Monatsbesoldung von 100 bis 120 Mark. Dann spielen sie die Damen, behandeln ihre früheren Kolleginnen herablassend und hochmütig, und scheinen durch nichts an ihre frühere »Niedrigkeit« erinnert werden zu können. Im allgemeinen herrscht zwischen den beiden Parteien offene Feindschaft; die echte Arbeiterin sieht das frühere Dienstmädchen größtenteils als eine verkommene Existenz an, über die sie sich erhaben fühlt. Das Dienstmädchen wieder hat beständig die »feinen« Leute im Mund, bei denen sie gedient und durch welche sie alles besser wissen will, was »feine« Leute thun. Aus diesem Grunde kam es öfters zu Streitigkeiten, ja, selbst zu Thätlichkeiten.

Die Maschinenarbeiterinnen sehen mit gewisser Geringschätzung auf die Strumpf- und Handarbeiterinnen herab; sie sehen in ihnen mehr Näherinnen und Stopferinnen, denn richtige Arbeiterinnen. Diese wieder reden verächtlich von der Maschinenarbeiterin, die die schwere und schmutzige Arbeit verrichten muß; selbst wenn sie Stellung in einer Weberei fänden, sie würden sie nicht annehmen.

Thatsache aber ist es, daß die Strumpf- und Handschuharbeiterinnen bei weitem nicht so viel und so schwer zu schaffen haben, als die andern, daß sie bequemer und fauler sind und lieber wochenlang stellenlos bleiben, denn eine andere Arbeit annehmen.

In den Strumpf- und Handschuhfabriken arbeiteten wir in schönen, luftigen und hellen Sälen; jede hatte ihren Tisch und ihren Platz, die Arbeit war leicht, teilweise sogar unterhaltend. Wir unterhielten und neckten uns, die Zeit verging schnell und, den Verhältnissen angemessen, angenehm. Ganz anders aber ist es in den Webereien. Hier arbeiten die Mädchen elf Stunden täglich in einer Staubatmosphäre, die mir am dritten Tage meines dortigen Aufenthaltes einen tüchtigen Lungenkatarrh verschaffte; kleine Flocken von der aufgedrehten Wolle füllen die Luft, setzen sich auf Kleider und Haare, fliegen in Nase und Mund; die Maschinen müssen alle 2 Stunden abgekehrt werden; der Staub wird von den Mädchen eingeatmet, da sie die Fenster nicht öffnen dürfen. Dazu kommt der fürchterliche, nervenzerrüttende Lärm der rasselnden Maschinen, daß der Sprecher sein eigenes Wort nicht hört. Wer nicht in den höchsten Tönen schreit, kann sich nicht mit seiner Nachbarin verständigen. Die Mädchen haben aber auch durchweg schreiende, nervösmachende Stimmen; selbst wenn im Saale alles still wird, nach Feierabend, auf den Straßen, zu Hause, nie sprechen sie ruhig zusammen wie andere Leute, ihre Unterhaltung ist ein ewiges Geschrei, das bei Uneingeweihten den Eindruck hervorruft, als stritten sie miteinander.

Es ist wirklich ein Wunder, daß so manche der Mädchen noch so blühend und frisch aussehen, daß sie noch Lust haben, während der Arbeit laut zu singen, und zwar innige Volkslieder.

Mit unglaublicher Keckheit greifen die Mädchen mitten ins Getriebe der Maschinen, holen das blitzschnell hervorschießende Schiffchen heraus und legen ebenso schnell das volle Schiff hinein; Unglücksfälle kamen, so lange ich dort war, nicht vor und sollen auch seit Menschengedenken nicht vorgekommen sein.

Viele jener Mädchen arbeiten mit Lust an der Sache, besonders solche, die kleinere Teppiche oder einzelne abgepaßte Vorhänge weben und den Fortgang des vollendeten Musters verfolgen können. Ihre Maschine lieben sie, wie man einen treuen Hund liebt; sie putzen sie glänzend rein, binden an die Seitenbarren bunte Bänder, Heiligenbildchen und allerlei Flitterkram, den sie während des Sommers auf dem Schützenplatz vom Schatze bekommen haben.

Die Mädchen arbeiten schwer, sehr schwer, so manche erzählte mir, wie sie in den ersten vier Wochen ihrer Arbeitszeit zusammengebrochen ist vor Anstrengung, wie die meisten monatelang an Lungen- und Halskrankheiten leiden, bis sie den Staub gewöhnt sind. Dazu kommt die schlechte, erbärmliche Nahrung, die kurzen Ruhestunden in Räumen, die den Namen »Wohnung« nicht verdienen – und trotz allem bleiben die Mädchen fröhlich, gesund, munter, lebenslustig!

Ich habe das immer mit Bewunderung gesehen; ich hätte das nicht auf die Dauer ausgehalten. Ich konnte meistenteils von Morgens bis Abends nichts zu mir nehmen, denn Kaffee; erst am Abend eilte ich, zu Tode erschöpft, ins Hotel, um mit Mühe und Not etwas kräftige Nahrung zu genießen. Ich fand das Leben jener Mädchen so entsetzlich traurig, so monoton, Jahr aus, Jahr ein dasselbe Einerlei, dieselbe Arbeit bei schlechtem Lohn, das gleiche schlechte Essen – und doch die zähe Zuversicht zum Leben, die Freudigkeit auf die Zukunft!

Es durfte keine daran denken, bei heftigem Kopf- oder Zahnweh die Arbeit einzustellen und sich auszuruhen, auch nicht eine viertel Stunde Verspätung wurde geduldet, wollte sich die Betreffende nicht einen sehr empfindlichen Strafabzug am Wochenlohn gefallen lassen.

Hier sollten sie einmal eingreifen ins volle Menschenleben, jene Gegner, die da behaupten, die »schwachen« Frauen könnten nichts leisten und würden niemals andauernd und hingebend einen Beruf erfüllen! Hier werden ihre Behauptungen glänzend zu Schanden! Oder gelten diese überhaupt nur für die Berufe, wo die Konkurrenz der Frau dem Manne gefährlich werden kann? –

Man unterschätze aber auch nicht die Arbeit der Teppichweberinnen, sie ist nichts weniger, denn eintönig und schablonenhaft. Bei den komplizierten türkischen Mustern muß die Weberin die Sekunde erfassen, wo die Spulen in verschiedenen Farben gewechselt werden, sie muß denken und kombinieren, berechnen und aufpassen und alle ihre Gedanken konzentrieren. Diese Arbeit erfordert weit mehr Gedankenarbeit und Pflichtbewußtsein, denn die Häkelarbeiten und Stickereien, die Hunderte von Mädchen der besseren Kreise Jahr aus, Jahr ein anfertigen in Erwartung des erlösenden Ritters. –

In den meisten Fabriken fängt die Arbeit um ½7 Uhr an, von 8-8½ Uhr ist Frühstücks-, von 12-1 Uhr Mittagspause; um 4 Uhr wird 20-30 Minuten Vesperpause gehalten, um dann bis zum Feierabend um 7 Uhr zu arbeiten. Sonnabends ½6 Uhr wird die Arbeit eingestellt, um den Arbeiterinnen bis 6 Uhr Zeit zu lassen ihre Maschinen gründlich zu reinigen und zu ölen; am Montage wird eine halbe Stunde später angetreten, wohl weil die Mädchen durchwegs Katzenjammer vom Sonntag her haben.

Wie ich schon erwähnte, sind Unglücksfälle eine Seltenheit, Unfälle bei der Arbeit dagegen sehr häufig. So passierte es meiner Nachbarin, daß ihr infolge zu schwachen Andrückens der Spule in das Schiff, dieses im vollsten Betriebe heraussprang und sämtliche Fäden, die Grundlage zum Teppich, zerriß; sie war zu Schadenersatz verpflichtet, d. h. sie mußte sämtliche Fäden wieder anknüpfen, eine Arbeit, die sie drei volle Tage in Anspruch nahm und wofür sie keinen Lohn erhielt. Ihre Verzweiflung war eine grenzenlose, alle Mädchen, die im gleichen Saale beschäftigt waren, sprangen herbei und halfen der fassungslos Schluchzenden. Ein ander Mal zerbrach die eine die Feder ihres Betriebes; durch die freundliche Hilfe des Aufsehers aber wurde der Schaden repariert, ehe der Direktor ihn bemerkt hatte. Auch die Handschuh- und Strumpfarbeiterinnen müssen manchmal Schadenersatz zahlen, doch ist dies hier ein selten vorkommender Fall, da ruinierte Sachen sich leicht unter der guten Ware verbergen lassen.

Was jedoch an Fabrikeigenthum ruiniert wird, ist unglaublich; die Spulerinnen ruinieren täglich eine Menge Wollsträhnen; sobald ein Strang sich ein klein wenig verwickelt hat, werfen sie ihn in den Lumpen- und Abfallsack, der an jeder Maschine hängt, und greifen zu einem neuen Strang. Auch die Tricotarbeiterinnen verschneiden eine Masse schönen Stoffes, der dann einfach beseitigt wird. So kam es kürzlich in einer Chemnitzer Weberei vor, daß die Aborte der Fabrik durch hineingeworfene Spulen verstopft waren, und die Landwirte den Inhalt als Dung zurückwiesen, weil er zu viel Tricotstoff enthielt. Eine einzige dortige Fabrik verkaufte im vorigen Jahre allein für 15.000 Mark Lumpen, die, wenn die Stoffe nicht leichtsinnig verschnitten würden, kaum auf die halbe Höhe des Preises kämen. Leider muß ich gestehen, daß sehr viele der Mädchen mit einer schlecht unterdrückten Schadenfreude das Fabrikeigenthum ruinieren, und daß das nicht die Anfängerinnen, sondern mehr die besseren Arbeiterinnen, teilweise die Directricen sind. Als ich anfangs jeden Stoff- und Wollfetzen ausnutzen wollte, wurde ich mit Schimpf und Spott als »fabrikfreundlich« verlacht und von der jeweiligen Directrice sogar grob angefahren; wie zuckte es mir oft in den Fingern, wenn ich ein Stück Tricotstoff nutzlos zerschneiden mußte, aus dem man einem dreijährigen Kinde ein Unterkleid hätte anfertigen können!

Und hier komme ich auf das, was ich schon häufig in Aufsätzen und Artikeln betonte: wenn Mädchen mit guter Bildung, aus guter Familie und mit disciplinarischem Ordnungssinn eine passende Ausbildung fänden, die sie befähigt, die Stellung einer Fabrikdirectrice oder Inspektorin anzunehmen, es würde nicht allein einer Menge stickender und häkelnder Mädchen, elend verkümmernder Gesellschafterinnen und Erzieherinnen geholfen, sondern die Fabrikanten selber hätten in jenen Damen wirkliche Stützen. Dann würde vielleicht der schmachvolle Zustand aufhören, daß Männer Frauen beaufsichtigen, leiten, auszahlen – und unterdrücken. Das ist es eben, was meine Genossinnen im Kampfe um Gleichberechtigung von Mann und Frau vergessen: daß die Frau der oberen Stände nicht frei werden kann, so lange die Frau der unteren Kreise durch Männer geleitet, befehligt und »beaufsichtigt« wird! –

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