Achtes Kapitel. Seßhaftigkeit und Versicherung.
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Ich hatte mich bemüht, so schlecht deutsch zu sprechen als möglich; trotzdem aber hatten sie aus meinem Deutsch den Berliner »Ton« herausgehört, den ich mir angewöhnt habe.
Sobald die Arbeiterinnen vernahmen, daß ich direkt von Berlin nach Chemnitz gekommen sei, bildete ich den Mittelpunkt ihres Interesses.
Berlin! Für sie ein Eldorado, das Ziel ihrer Wünsche, und dennoch eine Stadt ohne Zucht und Sitte, von der sie glauben, man würde am hellen Tage auf offener Straße ermordet, ohne daß ein Hahn darnach kräht. Die Mädchen hatten mit großem Interesse die Chronik der in diesem Frühjahr gerade in Berlin sehr zahlreichen Morde gelesen und – schnell fertig war die Jugend mit dem Wort!
Ich wurde von allen Seiten mit Fragen bestürmt, wie es in Berlin aussehe, was man treibe, was der Kaiser mache und ob ich ihn schon gesehen. Dabei sprechen sie ausnahmslos mit nicht näher zu beschreibendem Tone absichtlich stets vom »deutschen Kaiser«, während sie ostentativ »unser König« von Sachsens Herrscher sagen. Es ließe sich hier gar vieles sagen, aber ich will mir lieber die Finger nicht verbrennen. –
Unter den soliden tüchtigen Arbeiterinnen gilt der Grundsatz: Bleibe im Land und nähre dich redlich. Unter dem »im Land bleiben« verstehen sie aber immer Sachsen, meist sogar nur Chemnitz. Der größte Teil von ihnen ist nie über Chemnitz hinausgekommen; diejenigen die in Dresden gewesen waren, erzählten mit bewundernswerter Unverschämtheit von den Beschwerden und Gefahren dieser »großen Reise«, während die minder Glücklichen, die noch keine Reise gethan, andächtig zuhörten, und sich Dinge aufbinden ließen, die ein zehnjähriges Berliner Kind nicht glauben würde. Die gewesenen Dienstmädchen hingegen hatten nur ein Ziel vor Augen: möglichst bald in Berlin eine Stellung zu erhalten. Ich mußte ihnen Berliner Stellenvermittlerinnen nennen, an die sie noch am selben Tage schrieben. In Chemnitz erhalten die Dienstmädchen sehr wenig Lohn, d. h. mit Berliner Löhnen verglichen. Gute und tüchtige Mädchen für alles bekommen 7-8 Mark pro Monat, während in Berlin 17-18jährige Mädchen schon 15 Mark pro Monat erhalten. Dieser geringe Lohn und der Umstand, daß die Mädchen häufig in den Familien wenig und schlecht zu essen bekommen, ist mit ein wesentliches Motiv, warum die Mädchen alle in die Fabrik gehen.
Ich wurde auch eingehend nach hübschen Herren gefragt, ob es weniger Mädchen als Herren in Berlin gäbe, und ob die Chancen, recht bald einen Schatz zu bekommen, gut seien. Ich habe sehr viele dieser Abenteuerlustigen im Verdacht, daß sie nicht der gute Lohn und eine gute Stellung, sondern ganz andere Dinge nach Berlin lockten.
Und das bestätigt von neuem meine Aussage im vorhergehenden Kapitel. Jene Mädchen sind jeder häuslichen Arbeit fremd, sie sprechen ein schlechtes, sächsisches Deutsch, so daß keine Berliner Familie sie als Kindermädchen engagieren würde und für andere Stellen taugen sie absolut nichts. Ihre hochgeschraubten Erwartungen veranlassen sie jedoch, keine Stelle als gewöhnliches Aushülfsmädchen zu nehmen, sie werden stellenlos in Erwartung der »prächtigen« Stelle, das ungewohnte, glänzende Berliner Leben lockt und winkt, Bekanntschaften sind schnell gemacht und nach wenigen Wochen schon zieht der größte Teil dieser Mädchen als Prostituierte durch Berlins Straßen.
Man wundert sich über die fürchterliche Menge öffentlicher Dirnen, die in Berlin leben; man wundert sich, daß die Zahl von 40.000 überschritten ist, aber man forscht nicht nach den Ursachen, man philosophiert, aber man handelt nicht.
Man denkt nicht daran, daß ein großer Teil jener Fabrikmädchen, die in Berlin Stellung suchen durch Mangel an hauswirtschaftlichen Kenntnissen der Prostitution in die Arme getrieben werden müssen. Man sehe einmal die Statistik an, die uns zeigt, daß der größte Teil der öffentlichen Mädchen aus bisherigen Näherinnen, Dienstmädchen und Fabrikmädchen besteht.
Im Anfange finden diese stellenlosen Mädchen in Berlin einen »Schatz«, irgend einen Herrn Lieutenant oder Referendar, der mit ihnen zu Kroll geht, sie frei hält – und verführt. Das Sittlichkeitsgefühl im Mädchen, das durch das Fabrikleben wohl an Sitten, nicht aber an Sittlichkeit gewöhnt ist, empört sich nicht allzusehr gegen diese Art des männlichen Schutzes; zudem ist es geblendet durch die Wunderdinge irgend eines Tingeltangels, den es gesehen, und das der schlaue Verführer je nach dem Grad der Naivität seiner Begünstigten, recht raffiniert wählt, so geblendet, daß ihm ein Leben, das täglich solche Freuden gewährt, als das Herrlichste dünkt. Der erste »Schatz« geht ein-, zwei-, auch dreimal mit ihr aus; sie findet einen andern, ihm folgt der dritte, und schließlich ist sie so abgestumpft gegen jedes Schamgefühl, daß sie sich nicht mehr suchen läßt, sie sucht.
Das sind die Resultate des heuchlerischen Satzes des männlichen Schutzes, den sie einem anständig bleibenden Mädchen nicht angedeihen lassen wollen. –
Die Fabrikarbeiterinnen sind merkwürdige Egoistinnen; sie gewähren ihrem Körper nicht das geringste an Schonung oder Kräftigung, aber sie schmücken ihn, wie einen Götzen. Dieser originelle Geiz für das Wohlbefinden der eignen Persönlichkeit äußert sich auch der Alters- und Invaliditätsversicherung gegenüber. Sie sind so naiv, zu glauben, der Fabrikbesitzer sei verpflichtet, für sie zu zahlen, da sie ja bei ihm ihre Gesundheit ruinieren; dem reichen Fabrikanten käme es nicht darauf an, meinen sie, ihnen aber thun die wenigen Pfennige jede Woche sehr weh. Sie denken nicht daran, diese wenigen Pfennige an irgend einem dummen Schmuckgegenstand oder an einem schädlichen Vergnügen abzusparen.
Nur ganz wenige waren mit der Versicherungs-Einrichtung einverstanden, sie sprachen sogar davon, wie von einer Erbschaft. Begeisterung aber fand ich bei keiner einzigen; diese Mädchen leben, wie ich schon gesagt, so sehr für den Augenblick, daß sie keine Zeit finden, an die Zukunft zu denken. In einer der Fabriken, in der ich weilte, war der Besitzer ein herzensguter, menschenfreundlicher Mann, der sich persönlich nach dem Ergehen der einzelnen Mädchen erkundigte. Mit leuchtenden Augen erzählten alle von seiner Güte, und wie sie bei ganz geringem Lohn lieber hier blieben, denn bei hohem Lohn bei anderen zu arbeiten.
Ich hörte auch später thatsächlich diese Fabrik von den andern Fabrikmädchen als eine Art Elysium nennen, mit dem Stoßseufzer: »Hätten wir's nur auch so!«
Dieser Fabrikherr borgte seinen Arbeiterinnen öfters das Geld zur Versicherung, d. h. er ließ es ihnen am Lohn abziehen oder vorausgeben, sodaß das Auszahlen der wenigen Pfennige den Mädchen weniger schwer fiel. Leider aber sind die Arbeiterinnen sich nicht bewußt, wie segensreich die Einrichtung dieser Versicherungen für sie ist; sie sehen sie als eine Art moderner staatlicher Unterdrückung an, weil sie im Glauben leben, der Staat verbrauche das Geld in der Erwartung, daß die Mädchen das Alter nicht erreichen, wo sie es ausgezahlt bekommen sollten.